Das Phantom

Die Vorfahren der Katzen, Sie wissen das, lebten in dunklen Höhlen ganz tief im Wald. Den ganzen Tag schliefen sie da, schnarchten, wälzten sich träge hin und her, und manchmal zitterten ihre Schnurrhaare, wenn sie besonders schön träumten. Riesengroß waren diese Katzen, Freundinnen des Mondes und der dunklen Wälder, und als sie eines Tages beschlossen, sich den Menschen untertan zu machen, setzten sie ihr Leben in seinen Höhlen, seinen Hütten, seinen Schlössern und Einfamilienhäusern einfach fort. Wenn es denn nicht anders geht: Auch auf Etage. Wie unsere Katze.

Jeden Tag schläft unsere Katze Lilly auf einem Kleiderstapel im Schlafzimmer. Wenn kein Stapel da sein sollte, weil gerade jemand aufgeräumt hat, dann schläft sie auf dem Bett. Das darf sie nicht, aber was schert es – sagt sich die Katze – die Eiche, wenn sich die Sau und so weiter, und so räkelt sich die Katze selbst dann noch genüsslich auf der Decke, wenn ich ins Schlafzimmer komme und schimpfe. In solchen Momenten sind Katzen nämlich taub. Des Nachts aber sitzt Lilly mit tellergroßen Augen vor der Balkontür und spricht mit dem Mond und den Sternen. Manchmal, wenn ich noch wach bin, höre ich sie um Mitternacht auf dem Wohnzimmerparkett tanzen.

Ganz und gar nicht mag Lilly Kinder. Mit dem F. hat sie sich abgefunden. Er ist nicht besonders laut und nicht besonders grob, er kann streicheln und leise Katzenworte sagen, und außerdem kann er mit einer schönen, seidenen Schnur durch die Wohnung laufen und jauchzen, wenn die Katze ihm folgt. Erscheinen aber andere Kinder in der Wohnung, erst recht so sechs oder sieben, wie heute, und trampeln diese Kinder, rufen, singen, spielen auf der Triola und der Gitarre, lassen kleine Autos über den Boden fahren, der in der Mitte ein wenig durchhängt, weil das Haus alt ist und der Boden auch: Dann verschwindet die Katze auf Nimmerwiedersehen. Ich glaube, sie ist dann unterm Schrank. Ganz genau weiß man das aber nicht.

Weil der F. eine treue Seele ist, mag er seit er einjährig in die Kita gekommen ist, dieselben Kinder. Er mag seinen blonden Freund E., der schön malt und sich leicht fürchtet. Seinen Freund L., der von seiner Mutter schwarze Indianeraugen mitbekommen hat und vom Vater blonde Haare. Den N., der dem F. ab und zu zu wild ist, aber meistens genau richtig, weil auch der freundliche F. gern einmal etwas wilder wäre, und die anderen Kinder, die der  F. alle ab und zu mit Filzstiften malt, wie sie langbeinig und körperlos miteinander spielen. Keins dieser Kinder aber hat jemals die Katze gesehen. Dabei sind die Kinder nicht etwa selten da. Manche Kinder erscheinen hier ausgesprochen regelmäßig, alle fragen jedesmal nach der Katze, aber keiner weiß auch nur, wie sie aussieht. Lilly ist ein Phantom.

„Willst du dich nicht einmal zeigen?“, frage ich also heute Abend Lilly, als alle gegangen sind und ich am Küchentisch sitze, den Rechner vor mir und die Katze in meinem Rücken. „Purr!“, antwortet die Katze, und das heißt in der Katzensprache so viel wie „nein“. Ob wir nicht endlich aufhören könnten, ständig all diese Kinder einzuladen, fragt Lilly im Gegenzuge, und als nun wiederum ich verneine, schreitet Lilly majestätisch, den Kopf sehr gerade einmal um den Esstisch. „Aber alle wollen dich sehen.“, gebe ich zu bedenken. Die Katze aber schaut nur spöttisch und reibt mit dem Kopf am Türrahmen. „Dann geben sie sicher Ruhe und hören auf, dich zu suchen.“, locke ich Lilly zu einem einmaligen Auftritt.

Das, antwortet Lilly, sei sehr interessant. Aber ein Bild müsse reichen. Und Erkennbarkeit – Lilly maunzt laut und ein wenig abfällig – lehne sie grundsätzlich ab.

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2 Gedanken zu „Das Phantom

  1. Ich lese hier nun schon sein Jahren still mit, bin fasziniert vom Schreibstil, der Erzählkunst und den schönen Geschichten.
    Aber wie Sie die Freunde des F.s beschreiben und warum er sie mag – einfach herrlich!
    Danke.

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