Schnipsel

Andere Leute

Weil ich mich nicht dafür interessiere, wer einen Kilometer weiter südlich gerade wen in Stücke reißt, wähle ich mit Sorgfalt zwischen einem Perlhuhn mit Graupenrisotto und einer Seezunge in weißem Balsamicolack. Am Ende entscheide ich mich fürs Huhn.

Am Nachbartisch reden ein paar anzugjackerte Herren sehr aufgeregt aufeinander ein, und ab und zu schreibt der sichtlich Jüngste etwas auf einen Block. Lachend malen wir uns aus, was auf dem Block wohl stehen mag, probieren von unseren etwas übersichtlichen Portionen und erzählen uns von den besten Steaks der Stadt. Ich lasse mir vom Prinz von Homburg im DT berichten, der offenbar knöcheltief im Wasser stattfindet, und wir prosten uns auf den großartigen Umstand zu, dass alle diese Dinge, von denen die Zeitungen schreiben, uns nichts angehen, und uns niemand dazu bringen wird, aufgeregt in abgeschabte Blackberries zu schreien, nur weil gerade (einmal mehr) die deutsche Sozialdemokratie untergeht oder die neue Regierung vielleicht doch nicht alles will, was man sich andernorts ausgemalt hat.

Dann bestellen wir Sorbet.

Schmerzlos am Ende des Sommers

Sich eigentlich ganz gut fühlen. Die Vögel zählen, die auf dem Kollwitzplatz Brotkrumen picken, und den trüb-gelben Wein ganz langsam trinken. Es riecht schon nach Herbst. Irgendwann hat mich das alles mal an irgendetwas erinnert, aber der Himmel ist stumpf, blau und leer.

Den Kopf schütteln, wenn man gefragt wird, ob etwas nicht stimmt. Mir tut nichts weh, hake ich einen Körperteil nach dem anderen ab. Mein Bauch ist okay. Mein Rücken gerade. Mit meinem Kopf ist alles in Ordnung.

„Ich weiß nicht.“, zu sagen. Es verläuft heute wie gestern alles nach Plan. Alles bleicht aus, sage ich, aber das ist nur der Sommer, und was bleibt von dem sinkenden Jahr weiß wohl keiner, und erst recht nicht: Von mir.

Um acht

Noch vor Anbruch des Tages grundlos gutgelaunt auf dem Balkon zu stehen, den Nachbarn zuzusehen, wie sie ihre Kinder wickeln und der Katze seine Träume zu erzählen. Der große, schwarze Hund. Der Schlamm und die Ebene und die Lichter irgendwo sehr weit weg.

Die Müllmänner ziehen die Container durch den Hinterhof und winken mir zu. In der Küche röchelt Kaffee, weil ich als letzter Mensch auf Erden morgens gern Filterkaffee trinke. Eine Scheibe Weißbrot mit Butter und Gelee im gelben, weich strömendem Licht. Die verblühenden Blumen auf dem Tisch. Im Bad der Duft nach Lavendel, von irgendwo halb verweht Verkehrsmeldungen und für eine letzte Minute auf dem Balkon dem September zusehen: An die Wand gelehnt, träge noch vor Wärme, eine Tüte mit Äpfeln und Feigen im Arm und lächelnd wie die bemoosten, zerfallenen Götter in fernen, schattigen Gärten.

Am Strand

Strand ist ja nichts für mich. Man kann sich das im schlechtesten Fall nicht übel genug vorstellen: Man liegt also auf einer Liege, lauter dicke, rote Menschen trampeln an einem vorbei, trinken knallbunte Getränke, und ab und zu kommt eine fiepsige Animateurin, die künstliche Fröhlichkeit verspritzt. Abends gibt es Aufläufe, billiges, paniertes Fleisch, Schaumspeisen und Leute, die sich in kurzen Hosen schlecht benehmen. Da kann man natürlich überhaupt nicht hin.

Im besten Fall ist ein Strand nur langweilig. Die ersten drei Tage ist das sehr okay, man ist müde, döst, starrt das Meer an und liest Bücher nicht in Häppchen aus dreißig Minuten, sondern ein paar Stunden am Stück. Das Hotel ist so ruhig wie eine Palliativstation mit gut sedierten Patienten. Das Essen wird sorgfältig zubereitet und serviert: Ich bin kein großer Freund von Buffets. Kinder gibt es maximal vier oder fünf, die irgendwo verträumt herumsitzen und mit kleinen Schäufelchen Burgen bauen und schweigen. Alle andere Leute sind gepflegt und ziehen sich ordentlich an, wenn sie etwas essen. Niemand betrinkt sich.

Nach zwei Tagen beginnt man, viel Sport zu treiben. Nach drei Tagen wird man etwas unruhig. Na, denkt man, jetzt müsste mal – es passiert aber nichts. Dann fährt man irgendwohin und besichtigt weiße Schlösser und verfallende Kirchen, antike Stadtkerne oder fremdländische Basare. Abends plant man bei einem Glas Wein den Ausflug des kommenden Tages, während irgendjemand Harfe oder Klavier spielt, und wenn man erleichtert, der Langeweile zu entkommen, wieder nach Hause fährt, hat man alles vergessen, was man über die Schlösser, Kirchen und Innenstädte erfahren hat, und fühlt sich wahnsinnig energetisch aufgeladen und erfrischt.

Mit einer gewissen Besorgnis allerdings betrachte ich den Umstand, dass nichts, was es auf Bali gibt, so subjektiv nach Besichtigung schreit. Es mag eine Schande sein, das zuzugeben, aber tatsächlich interessiert mich die Kultur der Leute vor Ort eigentlich nicht so besonders, und in meinen Augen sehen die meisten dieser Tempelanlagen schon ziemlich ähnlich aus. Immerhin esse ich gern. Ich hoffe, die Balinesen können gut kochen. Vor lauter Sorge habe ich sehr, sehr viele Bücher bestellt, möglicherweise zu viele Bücher, um sie aufpreislos durch die halbe Welt zu schleppen, und vielleicht nehme ich nun doch den Rechner mit, um im Hotel ein paar Geschichten aufzuschreiben. Strand ist ja eigentlich nichts für mich.

Nach dem Abend

Den ganzen Tag für den Vorabend bezahlen und sich fühlen, als sei man getränkt mit abgestandenem Sekt, und ungefähr so verhält es sich auch wirklich. Viel zu wenig geschlafen zu haben und morgens kaum die Kontaktlinsen in die Augen zu bekommen und aussehen, als sei man eigentlich tot und laufe nur zufällig noch ein bißchen herum.

Den ganzen Tag telefonieren, damit man nicht auf seinem Stuhl zusammensinkt und einfach einschläft, und sich abends wundern, dass der Autopilot doch so gut funktioniert, dass man Sachen erledigen kann, ohne eigentlich dabei zu sein, und doch – trotz der Müdigkeit, trotz des vielen Gähnens und des sicher tagelang anhaltenden Ekels vor jeder Art von Alkohol – wissen, dass es sich lohnt, die Sommernächte lange aufzubleiben und an den wackeligen Tischen auf den Bürgersteigen der Stadt zu lachen, zu trinken, den schaukelnden Laternen zuzusehen und sich vollzusaugen mit der Wärme der Straßen und dem ganz besonderen Geruch des Sommers in der Stadt: Irgendetwas von Bäumen und Benzin und einem Hauch der schmerzlichen Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich wohl bisweilen war, vor Jahren: Jenseits des Stroms.

Aus der kalten Elbe

Nachts aber wache ich auf, wie immer um kurz nach drei. Wie immer stehe ich auf, gehe ans Fenster, aber heute nacht gibt es kein Hinterhaus, und kein Fernsehturm blinkt. Auf der anderen Seite der Elbe sind Häuser nur zu ahnen: Schwarz vor schwarz. Gezackt die Wipfel der Bäume. Der Stein.

Unter dem Fenster leuchtet eine Laterne schwächlich der Schwärze entgegen. Hell glänzt die Elbe in weitem Bogen an Rathen vorbei, und über dem Wasser steht Nebel, so dicht, als würde jeden Moment der Dunst sich verdichten, bildete weißliches, nächtliches Fleisch und stiege das sanfte Ufer hinauf.

Komm her, rufe ich den Erlkönig her, auf dass das Wasser sich teilt. Einen Apfel verspreche ich dem nächtlichen Herrn über die Elbe. Eine Scheibe trockenes Brot. Ein Glas Meißener Wein aus der Minibar, eine leere Hälfte vom Bett und ein bißchen Wärme in dieser kalten Nacht, in der ich fröstelnd das Fenster schließe, als der Flußgott nicht kommt, und noch einmal aufstehe, um nach Strümpfen zu suchen, und hole mir einen Wolldecke mehr in mein eiskaltes Bett.

Begegnung auf der Straße

Ich erkenne ihn von weitem. Besser sieht er heute aus als mit 18, als er allzu dünn war und ein bißchen hektisch. Schlank ist er noch immer. Auch sein Haar ist noch voll. Er trägt noch immer dieselbe Frisur wie 1995: Das blonde Deckhaar lang über dem kurz geschorenen Nacken.

„Du hast dich kaum verändert.“, sage ich, als er vor mir steht. Er wehrt mit der Hand ab, klopft sich auf den Bauch, lobt meine Kleidung (aber nicht mich) und fährt sich mit der selben Bewegung wie vor fast 15 Jahren durchs Haar.

Er ist nur für ein paar Tage in Berlin, beruflich. Gerade kommt er von einem Meeting, jetzt will er zur C⎮O Galerie im Postfuhramt. „Wie geht es dir? Was machst du?“, frage ich, und er erzählt von der Consultancy. Fünf Jahre sei er jetzt da. Länger als üblich. „Nicht so besonders originell.“, entschuldigt er sich und lacht. Er hat recht: Meine halbe Abschlussklasse war oder ist Berater.

„Erzähl mal was von dir.“, fordert er mich auf, und ich überlege. Viel gibt es da nicht zu berichten. Mein Job. Meine Wohnung im Prenzlauer Berg, Freunde, die auch viel arbeiten, und wenn wir es schaffen, sitzen wir irgendwo herum und essen und trinken Wein. Ab und zu gehe ich gern irgendwohin. Ansonsten keine Hobbies, keine Kinder. Zwei Katzen. Ein Freund. Er lacht. Wir mochten uns ganz gern, damals, erinnere ich mich und überlege, mit wem er befreundet war. Im Latein-Leistungskurs saß er schräg hinter mir. Ich glaube, wir haben uns auf dem 18. Geburtstag meines Freundes T. geküsst, damals, als man sich noch küsste, wenn man auf Parties ging.

„Bist du glücklich geworden?“, fragt er auf einmal und unterbricht meine Überlegung. Ich bin überrascht. Als ein wenig peinlich empfinde ich diese Frage. Als ein bißchen zu pathetisch, ein wenig zu persönlich dazu. Woher soll ich das wissen, schießt es mir durch den Kopf. Keine Ahnung, hätte ich fast gesagt. Ich habe lange nicht gefragt. „Gut geht es mir.“, sage ich daher und lächele so breit, wie ich es aus dem Stand hinbekomme. Das stimmt, wie ich weiß.

Aber es ist nicht dasselbe.

Alles anders

Wäre ich (und auch das wäre denkbar) etwa jemand, der etwas anderes könnte, als das, was ich kann, dann wäre ich jetzt nicht daheim. Ich würde nicht am Schreibtisch sitzen, gerade um kurz vor zwölf von der Arbeit heimgekehrt, sondern säße vielleicht irgendwo am Wasser auf einem Stein. Die Beine würde ich in einen See tauchen. Ich hätte einen Badeanzug an, in dem ich großartig aussehen würde, denn fabelhaft schlank wäre ich natürlich auch.

Ich hätte eine Gitarre bei mir, denn ich wäre gern ein wenig musikalisch. Ich würde singen, denn auch das könnte ich gern. Rund um den See stünden schwarz die Bäume, niemand wäre am See außer mir, und wenn ich singe, wenn ich die richtigen Worte finde, die richtigen Töne in der richtigen Reihenfolge, löste sich aus den Wassern, aus dem Wald und der Nacht die Seele des Sommers, drängte sich mir eng an die Seiten und sänge mit mir bis morgen früh und weiter, und der große Pan selbst bliese die Flöte, bekränzt mit Löwenzahn, Mohn und Rosen, ja: Rosen.

Die Sonne ohne mich

Vor dem Aufbruch nach Hause schnell die Strumpfhose ausziehen, um die warme Luft weich an den Beinen zu spüren. An der Metzer Straße nicht, wie sonst, nach links einbiegen, sondern weiter fahren, die Danziger überqueren, noch eine Querstraße, eine zweite, und dann erst fast an der S-Bahn umkehren, quer über den Helmholtzplatz. Langsam wird es dunkel.

An der Kreuzung anhalten, ein Stück schieben, erst wegen der Fußgänger, und dann, um noch ein bißchen unterwegs zu sein und einfach draußen. An der Ampel der starke Geruch der laufenden Motoren. Ein paar Mädchen, die hoch und gepresst lachen, eine Frau auf dem Rad, ein blondes Kind im Korb. Die Sonne gelb und satt und schwer über dem Mauerpark, und sich für ein paar hundert Meter im Abendlicht unsterblich fühlen, weil es nur eine Lüge sein kann, nur unwahr sein darf, dass es das alles gibt, die Welt in Licht und Farbe, die Geräusche, Benzin und den wirbelnden Staub, dass das alles einfach weiter existiert, wenn wir selbst verschwinden und sterben und einfach nicht mehr da sein werden, und der Sommer wird doch nicht weniger schön.

An Deiner Gärten Tore

Am Morgen um halb acht eine Stunde vorm Wecker zu erwachen, die Katze zu füttern und auf dem Balkon zu sitzen, weil da die Sonne scheint. Ein braun-blaues Streifenshirt zu tragen, mit dem ich nie, nie vor die Tür gehen würde, weil ich in dem Ding aussehe wie eine Anstaltsinsassin, und untenrum eine alte Männerunterhose, weil das so verdammt bequem ist und es ja eh keiner sieht. Meine neue Sonnenbrille zu tragen, einen Strohhut von H&M, und Kaffee zu trinken aus einer völlig unmöglichen Tasse, die ich mal von meinem damaligen Chef geschenkt bekommen habe, als ich Referendarin war. Sieben Jahre ist das her. 2002.

Die Katze auf den Schoß nehmen und streicheln, die behaglich ihre Krallen ausstreckt und wieder einzieht und dabei rote Striemen auf meinen Oberschenkeln hinterlässt. Ich bin so weiß wie der Mond, fällt mir auf. Zwischen den Häusern explodieren gerade die Kastanien, als gelte es, an einem einzigen Tag zwischen morgens um sechs und abends um sieben alle Blätter auf einmal zu bekommen.

Auf einmal keine Lust mehr zu haben auf Ransmayrs Letzte Welt, obwohl das ein wirklich sehr, sehr großartiges Buch ist, aber nichts für diese betrunkenen, übermütigen Tage zwischen Winter und Wärme, in denen der Himmel voll der wehenden Girlanden zu hängen scheint in Grün, in Flieder und Gold, und der Sommer selbst im Hinterhof seine Geige stimmt. Hier ist nicht Tomi, lege ich das Buch beiseite, blinzele in die Sonne, und flüstere der Katze in die Ohren, dass dieser Sommer unser Sommer sein wird, und jeder Rittersporn, aller Raps und jeder Kirschbaum der Welt, jedes Weidekätzchen an fernen Bächen und jeder Korb voll Maigrün und Moos und roten Beeren für mich. Für mich.