Anmerkungen zum Reisen und Essen (Barcelona Teil 3)

Deutsche Touristen zerfallen in zwei ungefähr gleich große Gruppen, von denen die eine im Ausland immerzu Deutsche treffen will, und die andere am liebsten nie. Erstere begeben sich zu diesem Zweck gern in strandnahe Ferienhotels, die mit ihrem deutschsprachigen Rezeptionspersonal in Katalogen werben, und beschweren sich, wenn vor Ort nicht alle deutsche Fernsehsender übertragen werden. Diese Gruppe zumeist angenehm schlichter Menschen schätzt am Ausland insbesondere das oftmals angenehme Wetter und beherrscht zudem keine Sprachen, insbesondere keine fremden. Bei der zweiten angesprochenen Gruppe dagegen liegt nicht falsch, wer diesen Menschen eine intensive Misanthropie unterstellt, die in den anderen Deutschen vor Ort täppische, lärmende und schlechtgekleidete Leute sieht, und in den Einheimischen verschlagene Wesen, die Reisenden nur minderwertigen Fraß in billiger, abgeschmackter Atmosphäre kredenzen, um selber sorgsam versteckt vor plattfüßigen Teutonen zu feiern und zu speisen.

Während also die Angehörigen der ersten Gruppe nach dem Urlaub gern erzählen, sie hätten sich im Ferienhotel Royal Sol mit Sabine und Rolf aus Essen angefreundet, hört man aus der zweiten Gruppe regelmäßig und triumphierend, überhaupt keine Touristen getroffen zu haben. Vielmehr habe man die Gaststätten der Ortsansässigen besucht, überaus landestypisch gegessen, die Bekanntschaft Einheimischer gesucht und gefunden, und habe also ein ungleich intensiveres Reiseerlebnis genossen als all diejenigen, die zufrieden seien mit den Empfehlungen der Reiseführer oder gar die ganze Zeit im Hotel blieben und vom Land rein gar nichts sähen.

Konfrontiert mit diesen, Ihnen, meine Damen und Herren, sicherlich sattsam bekannten Ausführungen sollten sie die Reisekonzepte beider Gruppen keinesfalls kritisieren. Denn Erstere würden Ihre Anmerkungen möglicherweise kränken, denn ein einfaches und unverdorbenes Gemüt könnte auch sorgsam gewählte Worte als Hochmut verstehen und Ihnen bildungsbürgerliche Vorbehalte unterstellen, die Sie selbstverständlich gar nicht hegen. Zweitere dagegen reagieren oftmals aggressiv auf auf der Hand liegende Fragen. So verärgert man jene, hakt man nach, wieso sich an dem doch offenbar sowohl angenehmen als auch zugänglichen Ort in fremden Landen keine anderen Reisenden aufhielten. Und wieso die Einheimischen um so viel zugänglich gewesen seien, als man selbst es gegenüber den Fremden ist, welche täglich die schöne Stadt Berlin besuchen, und die man niemals zu sich nach Hause einlädt, wie käme man auch dazu. Und wieso andernorts die Stätten, an denen sich Einheimische aufhalten, besonders landestypisch seien, wo doch jeder weiß, dass tatsächlich zumeist Schweden keine Köttbullar, Russen keinen Borschtsch, Deutsche kein Sauerkraut und Spanier keine Tapas essen, sondern jeweils Pizza, Spaghetti, Sushi und kalifornischen Wein in weltweit ziemlich ähnlichem Ambiente zu sich nehmen. Schließlich sind die einzigen, wirklich sehr deutsch anmutenden Orte Berlins jene, die kein Ortsansässiger, aber jede Urlauber auf der Suche nach dem wirklich Authentischen, Typischen aufsucht, und dort oft nicht einmal schlechtes Essen bekommt.

Erstere, die mit der deutschsprachigen Reiseleitung nämlich, empfehlen ihr Hotel übrigens sehr gern weiter. Zweitere dagegen zieren sich ein bisschen, denn nichts sei einem Ort weniger zuträglich als ein wachsender Zustrom an Touristen. Am Ende empfehlen sie dann doch, doch zu spät, stets zu spät, denn wenn man selbst an den gepriesenen Orten auftaucht, ist es zumeist aus mit dem Zauber des Landestypischen, und fröhlich prosten einem Sabine und Rolf aus Essen vom Nachbartisch aus zu. Mit etwas Glück isst man trotzdem gut.

Empfehlungen, so hört man dann nach seiner Rückreise, seien eben Gift, und am besten behielte man alles ganz für sich. Auf der Zunge liegt es einem dann, zu fragen, was das denn solle, denn das Essen werde ja nicht schlechter, wenn man darüber spreche, insbesondere, wenn auch Qualitätsverluste weitergetragen würden. Dies auszusprechen aber macht gar keine Sinn. Besser fahren sie damit, zu lächeln, zu schweigen, und ihrerseits mit gutem Beispiel voranzugehen, wenn Sie etwa aus Barcelona zurückkommen, auch wenn Sie mit so gut wie gar keinen Einheimischen gesprochen haben und die Lokale Ihres Vertrauens entweder in Reiseführern oder im Internet suchen und finden.

Also denn: Im Origens habe ich gut und unfassbar günstig den besten Spinat des Jahres mit Rosinen, Pinienkernen und Frischkäse, gefüllten Tintenfisch, Käse mit Quittengelee und Crema Catalana gegessen, auch wenn der Tisch vor den Toiletten etwas trostlos aussah. Bei Pinotxo in der Boqueria einen Kartoffelsalat mit Avocado, einen butterweichen, hinreißenden Kichererbsensalat mit Blutwurst und Zwiebeln, eine frische Seezunge, Hühnchen, Venusmuscheln, Langusten und kleine, süß getränkte Kuchen. Bei der Granja Viader eine dicke, dunkel Schokolade, eine mit Zitronenschale und Zimt gewürzte Milch und ein bisschen Torte aus einer Art Frischkäse. Bei Taller de Tapas nichts, was sich zu empfehlen lohnt, aber dafür bei Sagardi zu dritt fast dreißig Superschnittchen mit viel zu viel Sekt, umgeben von einem ganzen deutschen Fachanwaltskurs auf Reisen, und bei La Vinya Del Senyor gab es sehr, sehr guten Wein, nicht nur aus Spanien, und viel zu viel Cava.

Am Strand (Barcelona Teil 2)

Weil die Mittagszeit schon vorbei ist, gibt es nur ein paar Dosentapas auf Plastikstühlen. Die Restaurants mit den weißen Tischdecken haben schon zu, und dort, wo man auf dreisprachigen Karten Paella anbietet, will ich nicht essen.

Voll ist die Strandpromenade, die ungefähr ebenso ausschaut wie in Travemünde oder Westerland, und nicht einmal vor den Promenadencafés riecht es anders als einige tausend Kilometer weiter nördlich und zwanzig, ach, fünfundzwanzig Jahre zuvor. Waffeln und Kaffee sehe ich vor mir. Hauben geschlagener Sahne.

Hand in Hand laufen Paare vorbei, dicke und dünne Männer mit ganz jungen Mädchen mit rosa Lipgloss und viel zu dick ummalten Augen, und alte, ausgemergelte Frauen, denen die Sonne tiefe Furchen in die Haut gegraben hat. Ein paar Männer tragen stolz ihre goldenen Ketten, als gehöre dies zu einem Mann dazu wie der Bartwuchs. Zwei, drei Kinder werden auf den Schultern getragen und recken sich stolz empor, einen halben Meter über den Köpfen, und ein paar Schritte seitwärts am Strand spült sich ein feingliedriger, hübscher, bronzebrauner Junge unter einer Dusche mit geschlossenen Augen den Sand von der Haut.

Jetzt ein Eis, stelle ich mir vor und schiebe den Teller mit den Muscheln zur Seite. Jetzt am Strand sitzen, die Füße im Sand, dem Nachmittag zusehen und überlegen, wie die fremden Jungen wohl heißen. Nicht weitergehen, wünsche ich mir. Einfach hier bleiben, wo die Sonne scheint, vielleicht mit den Füßen ins Wasser, nur ganz kurz, und so tun, als sei der Sommer noch lang.

Im Schatten aber wird es kühl, die C. will weiter, und der Herbst weht auch hier in der Luft wie ein feiner, kühlender Schleier.

Komunikation und Verspätung (Barcelona Teil 1)

Ich habe drei Nachrichten auf dem Samsung und vierzehn auf dem Blackberry. Von den vierzehn sind allerdings neun an mehr als drei Leute gerichtet und daher erfahrungsgemäß nicht so besonders wichtig. Von den übrigen fünf beschäftigen sich zwei mit dem Mittagessen, eine Bekannte will Informationen von mir, die ich auch nicht habe, und nur zwei Nachrichten bedeuten Arbeit. „Bin Dienstag wieder da.“, schreibe ich zurück, damit sich die Leute nicht wundern, die mir Nachrichten schicken, und diejenigen, die mit mir ungefähr jetzt in Kreuzberg Mittag essen möchten, bekommen Mails, ich sei auf dem Weg nach Barcelona.

Tatsächlich und genau genommen bin ich allerdings erst irgendwo zwischen dem Alex und dem Flughafen Schönefeld, und dieser Umstand ist es, auf den die drei Samsung-Nachrichten abzielen.

„Wo bist du?“ lautet die erste noch recht harmlos.
„Das Boarding schließt in acht Minuten!“, klingt schon deutlich nervöser, und die Mitteilung, man habe mir auf die Mailbox gesprochen, kann nur eine sehr ungemütliche Nachricht ankündigen. Entsprechend rufe ich die Mailbox gar nicht an.

Stattdessen lasse ich es bei der J. klingeln. Diese steht seit fast einer halben Stunde an der Sicherheitskontrolle. Ich habe noch nie einen Flug verpasst, will ich die J. gerade beruhigen, da fällt mir ein, dass das nicht nur nicht stimmt, sondern die J. die genauen Umstände dieser Panne auch kennt. „Ich bin auf jeden Fall pünktlich!“, behaupte ich stattdessen etwas unbestimmter und versuche mich zu erinnern, wie lange man von Rummelsburg bis Schönefeld braucht. – Ich bin gegen einen Großflughafen am Ende der Welt, schießt es mir durch den Kopf.

Neben mir tippt ein dicker Mann schnaufend SMS in ein baguettebrötchengroßes Telephon. In der Aktentasche einer bleichen Frau in einem erdbeerrote Kostüm klingelt es alle paar Minuten, und als wir fast am Flughafen sind, nimmt sie das Telephon aus der Tasche und in die Hand und sieht es versonnen an. Einfach so, ohne abzuheben. Dann packt sie es wieder ein.

Nicht nur die Distanz zwischen Mitte und Schönfeld ist länger als ich es für richtig halte. Auch die Distanz zwischen der S-Bahnstation und den Gates ist lang, länger, am längsten, und ich laufe, laufe so schnell, wie es möglich ist, wenn man hochhackige, schmale Stiefel trägt, einen Koffer hinter sich her zieht, und ein Kleid anhat, das eigentlich eher zum Ganz-gut-Aussehen im Stehen gemacht ist.

In meiner Handtasche (verdammt, die passt nicht zu den Schuhen, fällt mir auf) klingelt es weiter. Erst ruft das Samsung nach mir, dann läutet der Blackberry, den alle Freunde nur benutzen, wenn das Samsung nicht geht, und kurze Zeit klingeln sogar beide. Die C. ist, scheint’s, eingetroffen, und ich werde nun zweifach vermisst.

Einmal fällt mir der Koffergriff aus der Hand, und ich muss halten. Ein zweites Mal bleibe ich stehen, weil ich nicht weiß, wo ich himuss. Ich sollte öfter zum Sport, sage ich mir, schon ganz außer Atem, und frage mich, ob es Sportarten gibt, bei denen man zu Trainingszwecken schwere Rollkoffer hinter sich herzieht.

Schließlich komme ich an. „Aha.“, werde ich empfangen, was in diesem Kontext ungefähr so etwas wie „na endlich“ heißen soll, und durch die Glastür geschoben. Fünf Minuten später schließt sich hinter mir der Bus. „Ich bin jetzt weg.“, tippe ich eine letzte Nachricht am Boden.

Um 13.53 Uhr schalte ich aus.

Barcelona

Von Spanien habe ich ja eher verschwommene Vorstellungen. Egon Erwin Kisch bei den internationalen Brigaden, sexy schwarze Stiere, Pedro Almodóvar, und im Hintergrund sitzt Hemingway herum und trinkt Whiskey aus kübelgroßen Gläsern. Tatsächlich, so entnehmen Sie diesen Zeilen, war ich als letzter Bewohner dieser Republik noch nicht auf der iberischen Halbinsel, denn meine Eltern seinerzeit zog es nie dahin, und mich seit Aufnahme selbständiger Reisen trotz mehrfacher Anläufe dann doch auch immer eher in irgendwelche anderen Ecken der Welt.

So aber kann das natürlich nicht bleiben. Nicht in Spanien gewesen sein zu sein ist ja ungefähr so, als hätte man den Reichstag nie gesehen, und wenn ich nächste Woche vom Auto überfahren auf der Köpenicker verende, dann stünde auch das auf der langen Liste mir leider entgangener, überaus buchenswerter Orte und Ereignisse.

Um diesem Zustand abzuhelfen, begebe ich mich morgen um 13.50 Uhr nach Barcelona. Mich begleiten die charmante C. und die nicht weniger amüsante J., und wenn jemand unter Ihnen, oh geschätzte Leserin, verehrter Leser, mir Restaurants oder Bars oder andere angenehme Orte benennen mag, die aufzusuchen ein langes Wochenende geeignet wären, so bitte ich um umgehende E-Mail oder einen kurzen Kommentar.

Meine spanische Dankbarkeit sei Ihnen gewiss.

Neues von der Unterseite

Von Freitag auf Samstag schlecht geschlafen. Ein hämmernder Kopfschmerz über dem rechten Ohr, ein Ziehen knapp über dem linken Schulterblatt und ein klammes, stumpfes Laken. Das Deckbett sonderbar schwer, als bestünde es aus irgendwas, was man sonst nicht für Betten nimmt. Unangenehm verschwommene Vision von rissigen, schwarzen Händen. Kurz aufgewacht von lautem Gelächter.

Samstag wieder daheim. Leichtes Schwanken nach der diesjährigen Woche der Schlaflosigkeit. Grundlos albern, fast Streit angefangen, und dafür im Traum zur Strafe mehrere Stunden auf einem Schemel gesessen, welcher genau in der Mitte eines großen, weißen Raumes offenbar angeschraubt worden war. Von uniformierten Streitkräften mehrfach mit einem Tau geschlagen worden und mit heftigen Schmerzen kurz unterm Nacken erwacht.

Sonntag in der Oper. Der leichte Unwille über die Verkörperung der Isolde durch eine Marilyn Manson ähnelnde Sopranistin weicht einige Stunden später mit zunehmender Schläfrigkeit einem Angstgefühl vor mageren, großen, düster blickenden Frauen, die – so erfahre ich auf bunten, wenig zusammenhängenden Wegen – etwas mit einem Verbrechen zu tun haben, dessen Verdeckung mir trotz hinhaltendem Widerstand auferlegt wird. Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen telefonisch einen Schwan bestellt, dessen Lieferung wegen beruflicher Pflichten ab neun Uhr nicht mehr stattfand.

Zu allem Überfluss Montagnacht zwischen drei und vier von anstehendem Staatsbesuch erfahren. Verärgerung über das unprofessionelle Zeitmanagement der Verantwortlichen. Dann doch mit den Vorbereitungen begonnen und vorschriftsgemäß mehrere Dosen Ravioli geöffnet, den Inhalt sorgfältig gewaschen und die glitschigen, kalten Kissen möglichst exakt auf einer weiß-blauen Porzellanplatte angeordnet. Der König war zufrieden.

Dienstag Angst vorm Tierarzt. Tatsächlich ist der Tierarzt ein freundlicher blonder Mensch, und umso mehr erschreckt mich sein brutales Vorgehen hinsichtlich meines Katers, welcher operativ entlang der Wirbelsäule in zwei Hälften geteilt jammervoll schreiend durch einen Garten schwankt, welchen ich nach dem Erwachen als meinem toten Onkel P. gehörend identifiziere.

Am Mittwoch zu viel getrunken. Ein Glas Wein unter den Linden, zwei Drinks in der fluido bar, und trotz Solei, Wurst und ziemlich vielen Nüssen keinerlei Verlangsamung des Alkoholisierungsprozesses. Hierdurch befeuert einer knallbunten Fantasia beigewohnt und dort den E. getroffen, welcher – wie ich erfahre – schon seit Jahren nicht mehr braunäugig ist, sondern grau-grün in die Welt schaut. Aus seinen Nasenlöchern rinnt Blut.

Am Donnerstagabend drauf der Weserstraße nicht richtigerweise nach links gefolgt, sondern rechts ziemlich lange weiter gefahren. Dann doch umgekehrt, glücklich angekommen, Wein und Raclette, und daheim angenehme Bilder bunter, elastischer Blasen mit samtiger Oberfläche, die rechts und links von mir aufsteigen.

Freitag fast pünktlich im KdR eingetroffen, dann doch kurz vorm Ziel abgebogen und im Asia Bistro New Asia eingekehrt. Später am Helmholtzplatz einen Welschriesling getrunken, im Visite ma tente einen Tee bestellt, und nach dem Zubettgehen zu alledem auch noch eine sonderbare Substanz gereicht bekommen, die gar nicht schlecht roch, aber fürchterlich schmeckte. Später in eine Art Dampfbad eingedrungen, wo mehrere nackte, feucht glänzende, sehr, sehr schöne Menschen freundlich miteinander waren. Mit den anderen Anwesenden gesungen, dann aber aufgeflogen und hart angefasst vor die Tür gesetzt worden. Heftige Empfindung von Kälte und Scham.

Samstag einfach geschlafen.

So wird in wenig Jahren

Wir werden ja alle nicht jünger. Wenn ich morgens aufstehe, fühlt mein Rückgrat sich an, als stäke es quer im Fleisch. Meine Mutter hat sich die Füße operieren lassen müssen, was höchstwahrscheinlich (sie streitet das ab) mit dem jahrzehntelangen Tragen hochhackiger Schuhe zu tun hat. Der J. hat inzwischen ganz schön viele graue Haare, meinem Cousin L. fallen diese sogar aus, und manchmal, wenn sie müde sind, sieht man meinen Freundinnen an, wie es mal enden wird in zehn oder zwanzig Jahren. Für mich gilt das wahrscheinlich auch.

Grau werden will ich so schnell aber nicht. Vielleicht helfe ich ein bisschen nach für ein paar Jahre Aufschub. Falten werde ich bekommen, erst unter den Augen, dann wahrscheinlich an den Seiten. Dagegen mache ich nichts. Ein wenig fürchte ich mich vor der Furche zwischen Nase und Mund, die einen so grämlich macht, und vor dem Schwinden der Spannkraft der Haut. Es wird dann so sein, als habe man aus einem Ballon etwas Luft abgelassen, ein wenig beulig, nicht mehr ganz glatt, fleckig, und am Morgen werde ich die Kontaktlinsen erst in letzter Minute einsetzen, weil ich mich dann wohl noch weniger mag als jetzt.

Zu bösen Falten zwischen den Augen neige ich, glaube ich, nicht. Vielleicht hängen meine Lider dann noch etwas tiefer, so dass meine Augen sich verkleinern mit den Jahren. Bestimmt werden meine Lippen dünn. Unmerklich erst, dann auf einmal recht rasant, werden meine Hände sich verändern, ein Blattwerk von feinen Linien erst, dann dunkle Flecken, und am Ende werden sogar die Nägel dünn, als lohne es sich nicht mehr, nachzuwachsen.

Schlanker als jetzt werde ich wohl nicht mehr werden. Vielleicht verlagert sich das Fett noch ein bisschen. Wie andere Frauen auch werde ich einen Fettgürtel bekommen, an den Armen und Oberschenkeln wird die Haut dafür zu weit, und irgendwann werde ich auf der Bettkante sitzen und mit dem Zeigefinger die blauen Adern nachfahren, die sich durcharbeiten durch die Haut, bis sie sich wie die Flüsse auf alten Karten auf meinen Beinen schlängeln, das Knie mit dem Knöchel verbindend wie die Donau Budapest mit Passau.

Vorm Spiegel werde ich dann stehen, selten, vielleicht einmal im Jahr. Anschauen werde ich mich, und mich fremd fühlen. Erinnern werde ich mich an alles, was ich mal war, was ich hatte und was hätte sein können. Und bedauern, bedauern werde ich, was mir entgangen sein wird, für alle Zeiten, wirklich oder vermeintlich, und wissen werde ich, dass nur das Gelebte zählt, nur das warme, wirkliche Wirken und Werden, und alle Gegengründe keinen Bestand haben werden vor der Endgültigkeit der verflossenen Zeit.

Im Laufe eines Jahres

Der letzte Geburtstag in Heiligendamm. Sich im Spa geschämt für den eigenen Körper, und nur in die Damensauna, wenn sonst keiner da. Trotzdem gut gegessen. Champagner und Fisch. Sich vorgenommen, im nächsten Jahr schlanker wiederzukehren.

Den Geburtstag gefeiert, ein paar Wochen später. Mit Freunden angestoßen auf ein großartiges Jahr. Am nächsten Morgen in der Küche gestanden, ein bisschen Salat vom Vortag, heißer Kaffee, dem leichten Schwindelgefühl der ersten Zigarette am Tag nachgespürt, und nachgedacht, was eigentlich fehlt, und nichts gefunden. Ein bisschen traurig gewesen.

Circa vier- bis fünfmal die Woche aus gewesen, fast das ganze Jahr, weil das der optimale Schnitt ist, um sich wohl zu fühlen und trotzdem genug zu schlafen. Mindestens fünfzig Besuche im LassunsFreundebleiben. Mindestens zwanzig im Visite ma tente. Mindestens 15 im 103. Überall hingegangen, wo was los ist, und zu diversen Anlässen, wo nichts los war, auch. Täglich mindestens eine Mahlzeit außer Haus. Meistens gut gegessen. Das schlechteste Essen des Jahres in einer nordrhein-westfälischen Kantine bekommen, ein paniertes stinkendes Schnitzel, und dann kommt gleich der schreckliche Speckknödel im Alten Zollhaus in Kreuzberg. Meistens nur einmal die Woche gekocht, leider, Samstags oder Sonntags, und fast immer die C. und die J. zu Besuch. Zu selten im Theater, kaum in der Oper. Gelangweilt in Galerien.

Am besten im Paris Moskau und im Hartmanns gegessen, und am zweitbesten im E.T.A. Hoffmann und im Grill Royal. Es wieder nicht ins Margaux geschafft, nicht im Ma Tim Raue gewesen und das Fischers Fritz erneut um ein Jahr verschoben. Drei bis fünf Mal eingeladen gewesen, ansonsten immer selbst gezahlt. Mehrfach von Freunden bekocht worden und sich warm und wohl gefühlt.

Viel zu viel gearbeitet. Gearbeitet im letzten Herbst, bis morgens um drei die Buchstaben auf dem Bildschirm ineinander verflossen, und es Mühe kostete, sie zusammenziehen und Worte zu bilden. Im Saldo hunderte von Stunden telefoniert. Weitergemacht, bis die Welt vor lauter Müdigkeit zu flackern begann, seltsam leicht und egal wurde, und sich ein bisschen erschreckt, weil sich das ziemlich gut anfühlt. Sehr wenig über mich nachgedacht und festgestellt, dass man nicht schlechter lebt dabei. Auf dem Höhepunkt der Arbeitsbelastung nicht einmal mehr Hunger gehabt. Jeden Abend ein Hamburger vom Burgermeister am Schlesischen Tor. Ich hätte alles gegessen, sogar Hundefutter oder so, und wäre nichts dagewesen: Ich hätte es auch nicht gemerkt. Oktober, November 2007. Seither wieder runter auf die üblichen 60 Stunden. Immer behauptet, nicht ehrgeizig zu sein, und nun doch festgestellt, dass das nicht stimmt.

Fast jeden Morgen den Kater gekrault, und am Abend meistens die Katze. Sich manchmal gewünscht, wie der Kater herumgetragen zu werden. Den Kopf an einer warmen Brust. Manchmal glücklich gewesen, oft zufrieden, und ab und zu den J. angeschaut und sich einfach gefreut.

Leider kaum neue Freunde kennen gelernt, und manche alte Freunde zu selten gesehen. Das ganze Jahr in niemanden verliebt gewesen, nicht einmal so ein bisschen „was wäre, wenn“. Gleichzeitig ein ganzes Jahr niemand aufgetaucht, der sich in mich verliebt hätte. Kein Versuch, mich zu küssen, weil es wohl so langsam zu Ende geht mit meinen guten Jahren. Ab und zu bedauert, nie schön gewesen zu sein und manchmal gehofft, dass es keiner merkt. Viel Zeug gekauft, vor allem Taschen, Schuhe und Kleider, und festgestellt, dass das nichts bringt bei mir. Die Einkäufe trotzdem fortgesetzt.

Zu viel beruflich und zu wenig zum Spaß gereist. Fertig promoviert. Meine Eltern zu selten gesehen, aber wenn, war es schön. Selten krank gewesen, und nie beim Arzt. Alle sechs Wochen mein Fahrrad reparieren lassen. Fast einen Couchtisch gekauft. Beschlossen, umzuziehen, das aber noch nicht in die Tat umgesetzt. Vorgestern Urlaub gebucht, morgen in aller Frühe zum Hauptbahnhof, und Mittwoch dann mit der J. und vielleicht mit der C. irgendwo sitzen, die Gläser heben auf ein neues Lebensjahr, vom Glück sprechen, dass man sich erhofft, und sich fragen, ob das das Glück vielleicht schon ist, und mehr nicht vorgesehen, für mich, hier und heute.

Sein und Bewusstsein

Man sagt, schon seit geraumer Zeit hätten die Herren Marx und Hegel ihre bekannten Streitigkeiten beigelegt, und zwar habe der Herr Professor Hegel auf voller Linie gesiegt. In Erfüllung einer alten Wette habe der Herr Marx auf einen der wackeligen Marmortische des Café Europa steigen und angelegentlich dieser Dialektik, von der man jetzt soviel hört, zugeben müssen, dass der Materialismus ein Quark, und das Bewusstsein der Leute die ganz und gar entscheidende Größe für eigentlich alles sei. Geklatscht und gejubelt hätten, sagt man so, die Gäste des Café Europa, die von den lästigen Streitereien weniger der beiden alten Herren als ihrer Claqueure schon reichlich angefressen gewesen seien, und insbesondere der Ober Alfred, ein schon recht runzliger Herr mit Fliege um den Hals und stets weißem Hemd über dem schwarzen Kragen sei so gerührt gewesen, dass ihm fast die Kaffeetassen heruntergepurzelt seien von seinem Tablett. Dies, so sagen sogar die ältesten anwesenden Gäste, passiere ansonsten eigentlich nie und deute so recht eigentlich das Epochale an der ganzen Sache an, wie ja das Kellnerwesen überhaupt das Verhältnis von Sein und Bewusstsein am besten auszudrücken in der Lage sei.

Hätten nämlich beispielsweise, so hört man diesbezüglich aus allbekannten Kreisen bisweilen nicht ganz ohne Schadenfreude, die Anhänger des Herrn Marx recht gehabt, so wären etwa, um ein ganz beliebiges und vollkommen beiläufiges Thema anzusprechen, die Berliner Kellner, geprägt von ihrem Kellnersein, auch etwa so wie der Ober Alfred. Ganz so wie dieser im Regelfall freundliche ältere Herr würden auch die Berliner Kellner hinter oder vor ihren Tresen stehen, die Blicke schweifen lassen über den Raum, und wenn einer etwas haben möchte, so kämen sie gelaufen.

So wie der Ober Alfred hätten dann zwar auch die Berliner Kellner ihre Vorlieben und Abneigungen. Auch würden sie – ganz wie der Herr Ober Alfred – längst nicht jeden mit Namen begrüßen und wären durchaus unterschiedlich freundlich. So wie aber etwa die Kellnerin aus dem Café *** am Helmholtzplatz, die annähernd bewegungslos, versonnen vor der Espressomaschine steht, Sonntag morgens um halb zwölf und den Mund zu einer demonstrativen Geste des Schmollens verzieht, ruft ein zunehmend hungriger Gast nach Bedienung, so sähe, bestimmte das Sein das Bewusstsein und nicht umgekehrt, niemand die Berliner Kellner mehr mit leeren Hände zwischen den Stühlen herumstehen, sorgfältig darauf bedacht, dem Blickkontakt mit potentiellen Kunden auszuweichen.

Dass – um im vorerwähnten Beispiel zu bleiben – das Roastbeef-Sandwich aus ist, hätte auch ein Ober Alfred vermelden müssen. Dass die Nüsse vom alternativ ausgewählten Gorgonzola-Sandwich nicht abgekratzt werden könnten, hätte ein zu wahrem Kellnertum reformierter Berliner Kellner vermutlich nicht mit derselben schnippischen Betonung mitgeteilt. Dass aber in irgendeiner anderen Galaxie die Bedienung mit einem zu Tode gekränkten Blick die Frage „Haben sie denn irgendwas anderes zu Essen?“, quittiert: Das ist unwahrscheinlich. Dass die nicht mehr vorhandenen Speisen auf der Kreidetafel neben dem Eingang einfach stehen bleiben – nun gut, die Kellnerin kann nicht gleichzeitig die Kaffeemaschine hypnotisieren und die Tafel ändern.

Hier aber, so sagen manche Damen und Herren, ist nicht schiere Unfähigkeit am Werk. Vielmehr belegt diese ganz und gar ungenügende Bedienung den Wahrheitsgehalt des Werks vom Herrn Professor Hegel: Die Kellnerin aus besagtem Café nämlich ist – wie dies den Berliner Kellner charakterisiert – eigentlich keine Kellnerin, sondern irgendetwas anderes, was gerade nicht klappt. Der Berliner Kellner identifiziert sich nun aber ganz und gar nicht mit seinem kellnernden Sein, sondern beansprucht die Identität mit einem nicht-kellnernden Bewusstsein. Sehr, sehr allergisch reagiert er darauf, hält auch nur die Außenwelt den Kellner an seiner Existenz statt an seiner Wunschvorstellung fest. Zwar mag es sein, dass aus dieser Wunschvorstellung eines Daseins als Maler, Architekt, Choreograph oder Model schon ziemlich lange und absehbar auch zukünftig nichts wird. Gleichwohl beansprucht der Berliner Kellner, als Maler in temporären Finanzproblemen behandelt zu werden, als the next big thing kurz vor dem Durchbruch, und ein leicht gereizter Ruf nach der Rechnung, vergeblich geäußert zum dritten Mal, wird schon deswegen nicht als Anlass vertragsgemäßer Dienstleistung angesehen, sondern als menschliche Rohheit, als Rücksichtslosigkeit gegenüber einem Mitmenschen, der doch Schonung, wenn nicht sogar Hochachtung verdient hätte für seine kreative Mission, oder zumindest zarteste Rücksichtnahme und Mitleid für einen Zeitgenossen, den widrige Umstände zu erniedrigender Erwerbstätigkeit zwingen.

Entsprechend ist dem Berliner Kellner egal, ob der Gast zufrieden oder überhaupt nur bedient wird. Die Reklamation dessen aber empört den Berliner Kellner. Behandelt der Gast den Berliner Kellner etwa wie einen richtigen, hundsordinären Kellner und nicht wie ein verkanntes Genie? Kann die dicke Frau vor der Tür nicht froh sein, überhaupt etwas zu trinken zu bekommen? Muss es auch noch der richtige Wein sein, und ist es nicht mächtig unentspannt, diesen auch noch innerhalb von dreißig Minuten einzufordern? – Empört steht der Berliner Kellner in solchen Situationen vor dem Gast und fordert mit wilden Blicken Respekt vor einer imaginären Lebensleistung ein. Hätte irgendjemand, so blitzen der Kellner Augen, Gerhard Richter um Kaffee geschickt? Fände es irgendjemand vorwerfbar, wenn Thomas Mann statt eines Streifens Nussbeugel ein Ochsenauge bringt?

Quod erat demonstrandum, behaupten die siegreichen Gäste des Café Europa und schütteln im Triumph des Idealismus hochragende Fahnen.

(Allerdings sei, flüstern manche Unbelehrbare an den schlechteren Tischen, das Bewusstsein der Berliner Kellner zwar mächtig genug, die Qualität ihrer Dienstleistung erheblich zu schmälern. Dass das schiere Bewusstsein einer künstlerischen Existenz die Berliner Kellner zur Verwirklichung der hierfür erforderlichen Leistungen befähige: So weit reiche es dann doch nicht mit der Macht der Ideen.)

Madame Modestes Bildungsreform (Ein Einwurf)

Recht gern lese ich, etwa in der Zeit oder so, ellenlange, sorgenschwere Artikel über das Schulsystem und freue mir ein Loch in den Bauch, dem Bildungswesen der Republik entkommen zu sein. Abgesehen von zwei Staatsexamina habe ich keine Schäden davongetragen, die nicht nach einigen Jahren wieder von selbst verschwunden wären. Denn tatsächlich verhält es sich doch so:

Schule ist schrecklich. Man wird mit lauter Leuten zusammengesperrt, von denen man mit rund zwei Dritteln freiwillig nie sprechen würde. Mit dem Rest wäre man auch so befreundet. In der Grundschule hat man vor den großen, dicken Kindern Angst, die schon einmal sitzengeblieben sind und den aufkeimenden Frust einer im Ansatz gescheiterten Bildungskarriere an denjenigen Sprösslingen auslassen, die Lesen und Schreiben können. Vor den fiesen Kindern versteckt man sich dann in der großen Pause auf der Mädchentoilette, zu dritt in der engen, stinkenden Kabine, während die künftigen Empfänger staatlicher Transferleistungen mit schmutzigen Fäusten gegen die Türen bollern. Im Gymnasium wird das dann deutlich besser, aber angenehm ist etwas anderes.

Die meisten Lehrer sind dumm. So gut wie niemand, der klug und schnell, elegant und witzig ist, findet Gefallen daran, vor einer Horde Minderjähriger zu stehen. Lehrer werden zumeist Menschen, die zu unsicher oder zu unfähig sind, sich in der Konfrontation auf Augenhöhe zu behaupten. Der Versuchung, nach Abschluss der Schule möglichst schnell wieder in selbige zurückzukehren, geben fast regelmäßig nur jene Leute nach, die – oft mit Recht – annehmen, in jedem anderen Lebensbereich vorhersehbar zu scheitern. Ich habe über 13 Jahre sehr, sehr wenige Lehrer getroffen, denen ich zugetraut hätte, auf einem anderen Spielfeld zu reussieren, und diese wenigen waren fast ausnahmslos Frauen der heute älteren Generation, die eine Generation später mit hoher Wahrscheinlichkeit einen anderen Beruf ausüben würden. Wer aus meinem Jahrgang Lehramt studiert hat, ist im Regelfall keine Persönlichkeit, die ein Kind inspirieren könnte.

So gut wie nichts, was man in der Schule erfährt, könnte man nicht auch woanders lernen. Lesen und Schreiben hat mir meine Mutter beigebracht. Fast alles, was ich über Literatur, Kunst, Musik oder Geschichte weiß, weiß ich aus Büchern. Den Rest habe ich zu Hause gelernt, am Esstisch im Gespräch oder an den Tischen anderer Familien, in Museen oder einfach so, im Vorübergehen. Über Naturwissenschaften weiß ich quasi nichts. Daran haben 13 Jahre nichts geändert.

Ansonsten: Mein gesamtes Sozialverhalten stammt von zu Hause. In der Schule hätte ich vielleicht lernen können, wie man auch mit Leuten umgeht, die man für beschränkt und grobschlächtig hält. Indes ist mir dies nie in einer Weise gelungen, die zu überzeugenden Ergebnissen geführt hätte. Wie man eine gute Freundin, eine angenehme Bekannte ist – das wird man in der Schule nicht lernen. Wer zur Freundschaft nicht begabt ist, wird diese Begabung nicht erwerben, nur weil er täglich Menschen trifft, mit denen er sich befreunden könnte.

Spricht damit nichts für, aber alles gegen die Schule, so stellt sich die Frage: Muss eigentlich dermaßen viel Geld ausgegeben werden für ein obsoletes System? Kann nicht jeder einfach so vor sich hin lernen? Reicht es nicht aus, jedes Jahr zentrale Prüfungen zu veranstalten, die jedes Kind absolvieren muss, und wer durchfällt, muss so lange schreiben, bis er besteht? Wieso erhält nicht jedes Elternpaar ein dickes Buch mit dem kompletten Curriculum und gute Tipps über Lehrmaterial, und kann dann sehen, wie es dies in sein Kind hineingebimst bekommt? Reicht es nicht aus, um auch komische Kinder komischer Leute nicht bildungstechnisch komplett verwahrlosen zu lassen, den Bezug etwa von staatlichen Sozialleistungen an das Bestehen der Prüfungen zu koppeln oder einen Idiotenaufschlag von 5% auf die Einkommensteuer zu erheben? Vielleicht werden dann sogar alle viel gebildeter als jetzt, derweil es ja nicht sehr gut zu funktionieren scheint mit dem flächendeckenden Erwerb von Wissen und Fähigkeiten?

Für die Leute aber, die gern zur Schule gehen, kann man ja pro Stadtteil einfach eine dieser Einrichtungen offen lassen. Für die Kinder, die allein nichts anzufangen wissen mit ihrer Zeit.

Ich. Dich niemals.

Sich verabschieden, auflegen, und dann vier, fünf, sechs Wochen lang an überhaupt nichts anderes denken. Morgens, noch während der Schlaf langsam schwindet, das Ende zu spüren wie ein heißes, stählernes Messer im Fleisch.

Nach vier Wochen erst die Sonne nicht mehr als schmerzhaft empfinden. Nach drei Monaten morgens erwachen und an irgendetwas denken wie versägte Klausuren oder den Zahnarzt. Nach vier Monaten wieder gefallen wollen, nach acht Monaten wieder gefallen. Nach einem Jahr wieder küssen.

Nach drei Jahren aufhören, jeden mit ihm zu vergleichen. Über ihn sprechen können, ohne dass der Magen sich zusammenzieht. Ab und zu ganz gern an ihn denken. Nach vier Jahren dann ihn einfach so am Flughafen sehen, am Gate von hinten mit einem schwarzen Aktenkoffer, und einfach weitergehen, sich nicht umdrehen, und nicht einmal im Traum – drei Wochen später – mehr sagen als „Hey. Du.

Ich. Dich niemals.“