Thomas Karlauf, Stefan George

Bücher des Jahres (1)

Mit Stefan George geht es einem ja wie mit manchen entfernten Bekannten, die man ständig irgendwo zufällig trifft. Man geht also meinetwegen einkaufen, Kaisers am Teutoburger Platz, und an der Käsetheke steht der W. und kauft ein halbes Pfund Gorgonzola. „Hallo W.!“, grüßt man über seinen Wagen hinweg, denkt sich nichts dabei, aber zwei Tage später trifft man den W. wieder, diesmal bei einem Konzert.

Trifft man den W. in den nächsten Monaten auch noch im Alten Museum, in der U 2, und abends im 103 so rein zufällig und nebenbei, und versucht der W. auch nicht, einen in Gespräche zu verwickeln, weil er einen heimlich liebt, und die Treffen keineswegs zufällig zustande kommen: Dann schätzt der W. ganz offenbar und rein zufällig lauter Dinge, die man selber gleichfalls mag, und wohnt zudem auch noch um die Ecke.

Ähnlich Stefan George: Man liest, Jahre ist’s her, etwas über die Wirkungsgeschichte des Caius Iulius Casesar, und siehe da: Stefan George schaut, leicht versteckt, Friedrich Gundolf über die Schulter, an dem vorbei man diesbezüglich ja kaum kommt. Man blättert, irgendwann als Studentin, in einer Geschichte des deutschen Widerstandes und sieht auf einer Photographie den alten, etwas krötenhaften Dichter mit den sehr, sehr jungen Brüdern Stauffenberg, die wahnsinnig sportlich aussehen und unsympathisch rotwangig und robust. Friedrich II., quasi persönlich (und großartig) erfunden von Ernst Kantorowicz. Der geliebte Hofmannsthal. Max Weber: Wo man hinkommt, George ist schon da, und sieht etwas gelangweilt, titanisch mit wallendem, grauen Haar über einen hinweg. George hat viele Leben begleitet, streckenweise manchmal, manchmal prägend, deren Ertrag mir etwas bedeutet, wie man so sagt.

Einmal herüberzugehen, und dem Dichter die Hand zu schütteln – schön haben’s geschrieben, herr dichter, so in etwa – verbietet sich in diesem Fall von selbst. Ich habe mich nie länger oder intensiv mit George beschäftigt. Auch das Lächerliche, das speziell den Kosmikern auch in den Augen Gutwilliger anhaftet, diese immer etwas anrüchige geistige Nähe zu unguten Gefilden: Man hält sich fern von denen, die etwas zu lauthals den Dichter loben und schätzt die Gedichte eher aus sicherer Entfernung.

Wie es aber so geht mit dem entfernten Bekannten W. – ganz umsonst trifft man sich nicht. Wer schätzt, was man selber schätzt, wer in den selben Bars ein Stammgast ist, der ist gar so weit weg nicht, und so liest man die vielgelobte Biographie von Thomas Karlauf gern und mit durchaus gesteigertem Interesse, leise kopfschüttelnd von Zeit zu Zeit, grammweise befremdet, bisweilen abgestoßen von diesem aufs Äußerste stilisierten Leben und dem Sicht-Ernst-Nehmen in einem sehr, sehr unüblichen Maße, und doch mit einem spürbaren Neid auf den Besitz einer gefügten, steinernen Vorstellung von sich, von der Welt, und von der Weise, wie die Welt sich um einen zu drehen hat, wenn man ein großer Dichter ist, denn das – und dies tritt in dieser ansonsten sehr gut lesbaren, sehr angenehmen und nichts aussparenden Biographie ein wenig in den Hintergrund – das war er eben auch, um nicht zu sagen: Dies ist des Pudels Kern, und alles andere nur flüchtige, nur zeitliche Verkleidung.

Thomas Karlauf, Stefan George – Die Entdeckung des Charisma.
2007, € 29,95.

Drei Variationen über das kommende Jahr

I.

Am 28.03.2008 erwache ich morgens um kurz nach fünf und kann mich nicht bewegen. Zwei Stunden in Angst, bewegungs- und lautlos, bis der J. erwacht und feststellt, dass etwas nicht stimmt. Dann kommt der Krankenwagen.

In der Charité schieben sie mich in Röhren und klopfen an mir herum. Irgendwann, Mitte April, finden sie das Problem, das einen langen, komplizierten Namen trägt. Ende April werde ich operiert.

Am 09.06.2008 fahre ich zur Kur, um mich zu erholen. In Karlsbad hat es mir letztes Jahr gut gefallen, da fahre ich wieder hin. Kurzzeitig verliebe ich mich vor Ort in einen anderen Kurgast, Herrn Z. aus W., verliere jedoch im Zug nach Berlin seine Adresse, und kehre – durchaus erleichtert ob dieser einfachen Lösung der komplex anmutenden Situation – zum J. zurück. Anfang August sitze ich wieder am Schreibtisch.

Im September gehe ich ans Telefon, und Herr Z. aus W. ist dran. Ich bin gerade in einer Besprechung, und brülle daher nur ganz kurz in den Hörer, ich riefe zurück. Dann lege ich auf. Da Herr Z. im Sekretariat keine Nummer hinterlassen hat, wird nur leider nichts daraus, und so werde ich nie erfahren, dass Herr Z. am 05.11.2008 im Zuge einer erneuten Operation durch einen Kunstfehler des Chirurgen Dr. F. verblutet.

II.

Am 14.02.2008 tanzt Carl Friedrich Gauß dem J. im Traum eine Zahlenreihe vor, mit der mein geschätzter Gefährte am 16.02.2008 beim Lotto mehrere Millionen gewinnt. J. ist jetzt reich. Um den neugewonnen Reichtum zu feiern, fahren wir für ein Wochenende gemeinsam nach Karlsbad. Da hat es mir letztes Jahr gut gefallen.

Vor Ort verliebe ich mich unmittelbar nach unserer Ankunft noch im Foyer des Grandhotel Pupp kurzzeitig in den gleichfalls anwesenden Chirurgen Dr. F., von dem ich mich indes am nächsten Tage wegen seines Alkoholismus wiederum trenne. Dieser Umstand war mir im Zuge der ersten Bekanntschaft entgangen.

Herr Dr. F., der hinter diesem Schritt den Einfluss des J. vermutet, lauert daraufhin demselben im Kurpark von Karlsbad auf. Der durch das erzwungene Zusammentreffen verärgerte und erstaunte J. reizt die Trinkerseele des Dr. F. durch einige Verbalinjurien aufs Äußerste. Wütend und zornesrot geht Dr. F. daher schließlich auf den J. los. Es entspinnt sich ein Handgemenge zwischen beiden Herren, beobachtet von einigen zumeist älteren Menschen.

Wenig später kommt ein jüngerer Passant dem angegriffenen J. zur Hilfe. Dem ausgesprochen gutaussehenden Herr Z. aus W. schlägt seine Hilfsbereitschaft indes sehr zum Nachteil aus: Herr Dr. F. trifft ihn so unglücklich mit der Faust an der Schläfe, dass Herr W. noch vor Eintreffen des Krankenwagens erst bewusstlos wird und sodann stirbt.

II.

Unversehens verkaufen meine Nachbarn ihre Wohnung und ziehen zum 01.03.2008 aus. Statt ihrer zieht Herr Z. aus W. nebenan ein. Er ist ausgesprochen gutaussehend und charmant. Wie ich im Juni feststellen muss, beruhen seine häufigen Besuche aber nicht auf meiner Anziehungskraft, sondern auf der des geschätzten Gefährten.

Über den Hintergrund der Besuche seines Schachpartners aufgeklärt, führt der J. am 18.06.2008 ein langes, ernüchterndes Gespräch mit Herrn Z. Dieser ist am Boden zerstört. Aufgewühlt, kopflos vor Enttäuschung, verlässt Herr Z. das Haus und läuft geradewegs auf die Straße.

In diesem Moment kommt ein Kraftfahrzeug um die Ecke aus der Schwedter Straße, der Fahrer – ein Herr Dr. F. – übersieht den Z., der infolge des Zusammenpralls mehrere Meter durch die Luft fliegt, unglücklich auf den Boden aufkommt und sofort stirbt. Am 26.06.2008 wird Herr Z. in Bad Homburg neben seiner Großmutter beerdigt.

Herr Dr. F. ist schockiert und versucht seine Schuldgefühle durch den von ihm verursachten Unfall zunächst durch eine Therapie zu bewältigen, die jedoch erbärmlich scheitert. Während der zweiten Hälfte des Jahres 2008 verfällt er daher dem Alkohol. Im November 2008 vergeht kein Tag, an dem er nicht schon vormittags trinkt.

Auch der J. und ich haben unter unseren Verursachungsanteil nebst der Zeugenschaft an dem tödlichen Unfall des Herrn Z. nervlich etwas gelitten. Um uns zu erholen, beschließen wir, ein Wochenende wegzufahren und entscheiden uns für Karlsbad.

In Karlsbad hatte es mir letztes Jahr ja gut gefallen

Von den Wünschen

Frau vom guten rat!
Wenn ich voll vertrauen
Wenn ich ohne sünde
Deine macht verkünde:
Schenkst du mir worum ich lange bat?

Stefan George

Nichts. Nur dass die Taubheit endlich aufhört, dieses Gefühl, als fehle da was, und eines Tages erwachst du, und schreist vor Entsetzen, weil das Fehlende das Wichtigste ist, und du hast es vergessen. Vielleicht die Unendlichkeit noch einmal zu spüren. Dieses Schwindelgefühl nachts allein unterwegs, mit nackten Beinen unter einem dünnen, flatternden Baumwollrock. Die Linden entlang Richtung Norden, und dann hoch, weiter, wirbelnde Luft. Den Fernsehturm weit unter sich lassend, und sich grenzenlos fühlen, durchdrungen ganz vom duftenden Sommer. Frei darin, nach Hause zu fahren oder irgendwo anders hin, wo etwas wartet, das ich ab und zu, früher einmal, riechen, hören und schmecken konnte.

All das, was Nächte sein können. Die Verheißung, nicht zu wissen, wohin und wann die Nacht mich spült auf ihren quellenden, salzigen Wellen. Aufbrüche überhaupt. Zu glauben, alles würde anders an einem anderen Ort, und die Hoffnung eingelöst zu sehen.

Das Unbekannte, das Magische, das Blaue, das Blitzende am scharfen Eisen. Das, was es eigentlich nicht gibt, aber manchmal doch, für Sekunden oder Stunden: Außerhalb der Zeit. Den Duft von Flieder, das Schimmern von Gold. Süße des Lebens.

Sich selbst wieder ausfüllen, und die Attrappe nach Hause schicken, die sich in die eigene Haut zwängt und mich zurücklässt, irgendwo, ganz woanders. So nah an sich herankommen, dass man sich nicht von außen sehen muss. Dinge und Menschen und Umstände nicht einfach aushalten, weil man sich an alles gewöhnt, und anderes nicht zu haben ist für mich oder für alle anderen auch, und eines Nachts, eines Morgens, einfach fortzugehen, wenn das gelobte Land aus der Spree ersteigt, wenn ein jadegrünes Meer den Schutt wegspült, den ich angesammelt habe mit den Jahren, und ein neues Leben, eine neue, klarere Sonne über der Stadt hängt, allein für mich.

Wie man es richtig macht

Mit 13, 14, mit 15 oder so, wollte ich, wie man so sagt, etwas Künstlerisches machen. Was, war unklar. Malen hätte ich mir vorstellen können. Tatsächlich hatte ich sogar eine Mappe zusammengestellt, nach dem Abi, also knapp vor 20. Die Mappe gibt es noch, und sie legt bestürzend Zeugnis ab von einer himmelschreienden Verbindung fehlender technischer Fertigkeiten mit der völligen Abwesenheit von irgendetwas, das sich auszudrücken gelohnt hätte.

Schreiben konnte ich mir auch vorstellen. Ich hatte sogar ein paar Geschichten geschrieben, und knüpfte ein paar unbestimmte Hoffnungen an den Umstand, dass sie meinen Freunden gefielen. Die Texte waren schlecht. Irgendwann, da war ich 18 oder so, schickte ich eine, die mir besonders gut gefiel, sogar an einen Verlag, und bekam ein zweiseitiges, sehr freundliches Schreiben zurück, dem ziemlich viele Fehler zu entnehmen waren, die der Text noch hatte, und da gab ich es auf. Gefehlt hat es mir nicht.

Vermutlich war es gar nicht die Kunst. Viel wahrscheinlicher war es eine etwas vage Vorstellung von einem künstlerischen Leben.

Gern wäre ich gelegentlich in Zeiten großer Erschöpfung auch etwa Botschaftergattin gewesen, oder Gattin generell. Ich habe ein gewisses Talent für das Ausrichten von Buffets und Empfängen. Ich richte gern Bälle aus. Ich weiß ungefähr, wen man wo hinsetzt und was es zu welchem Anlass zu essen geben soll. Mangels Bedürfnis nach Sinnstiftung hätte mir eine gewisse Betriebsamkeit gereicht, und außerdem schätze ich große, schöne Residenzen, wenn ich sie nicht einrichten und sauberhalten muss.

Für das Leben einer Repräsentationsgattin indes fehlt mir der entsprechende Mann. Um das Problem präzise zu benennen: Mir fehlt völlig die Fähigkeit, einen Mann danach auszuwählen, was er tut, was er darstellt und was er verdient, und zudem gehört zu meinen charakterlichen Fehlern eine oftmals mit den Forderungen der Vernunft kollidierende Kopflosigkeit und etwas, was freundliche Leute wohl Leichtfertigkeit nennen. Außerdem bin ich unbeständig. Zu alledem gehöre ich nicht zu den Damen, denen es gegeben ist, zu gefallen. Das Gefällige, Angenehme, ist mein Metier nicht, und so hält sich die Anzahl der Herren, die eine Neigung zu mir entwickeln, in äußerst engen Grenzen, und von diesen gehört wiederum kaum jemand in die angesprochene Kategorie.

An sich arbeite ich aber auch ganz gern. Ich arbeite auch verhältnismäßig ordentlich, wenn mich die Arbeit nicht langweilt. Das Leben der meisten arbeitenden Menschen allerdings, so mit Haus und Garten, Rasenmäher und Kraftfahrzeug, Konzertabonnement und Klavier spielenden Kindern, kann ich mir dermaßen nicht vorstellen, dass nicht etwa Abneigung die richtige Bezeichnung des Verhältnisses zu dieser Welt darstellt, sondern eher eine völlige, abgrundtiefe Fremdheit. Wie man so leben kann, ist mir ein Rätsel.

Wie man aber dann leben soll, wie man in den Grenzen seiner Fähigkeiten und Neigungen, sein Dasein einrichten soll, das weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie man es vermeidet, sich lächerlich zu machen mit seinem Leben aus lauter Versatzstücken, die nicht zusammenpassen. Ich kenne die Antwort auf die Frage nicht, wie man aus den vielen Modellen, die die Gegenwart bietet, für sich das richtige auswählt, ohne in eine wiederum geschmacklose Beliebigkeit zu verfallen. Die Lächerlichkeit, die der Extravaganz immer anhaftet, ist mir zudem sehr bewusst. Als Original zu enden, steht für mich außerhalb jeder Diskussion.

Wie man es also richtig macht, ich habe keine Ahnung.

Quantus tremor est futurus

Bekanntlich hat alles auf Erden mindestens zwei Seiten, und diese bestürzende Ambivalenz macht vor den überirdischen Dingen keineswegs Halt. Sogar die Auferstehung etwa, Verheißung des ewigen Lebens und göttlicher Gerechtigkeit, wird nicht nur im Falle der wirklich schlechten Menschen zu den eher unangenehmen Erlebnissen gezählt werden müssen. Auch an sich harmlose Leute, gutartig und verträglich im Großen und Ganzen, haben, wie ich zu bedenken geben muss, Grund, das Erwachen unter den Klängen der Posaunen Jerichos insbesondere in Hinblick auf ihre Familienangelegenheiten zumindest ein bißchen zu fürchten.

Zwar nicht der Zorn der Engel des Herrn, auch nicht die ewige Verdammnis winken jenen, die sich sonst nichts zuschulden kommen haben lassen. Der Umstand indes, dass nicht nur man selbst, sondern auch alle anderen an diesem Tag des Herrn die Augen aufschlagen, spricht stark für einen wahren dies irae, und an ein Entkommen ist, so wie die Dinge dann nun einmal liegen, voraussichtlich nicht zu denken.

Mag sein, dass tatsächlich das eine oder andere Gras über unangenehme Erinnerungen gewachsen sein wird. Eher unwahrscheinlich ist etwa, dass kurz nach dem Erwachen entfernte Bekannte auf einen zustürzen werden, um obskure Kleinbeträge einzutreiben, die zurückzuzahlen man nicht mehr Gelegenheit hatte vor seinem Ableben, zehn Euro für‘s Mittagessen oder fünf Euro für ein Glas Wein oder so, auch kleine Ärgerlichkeiten wie die stets im Treppenhaus abgestellten riesengroßen Kinderwagen, die allmorgendlich weggeschnappte Lieblingstasse in der Kollegenküche, werden vergessen sein, wie ich hoffe, zumal sich lächerlich machen dürfte, wer in der langen Schlange vor dem Thron Gottes nichts besseres zu tun haben wird, als wegen steinalter Kamellen lauthals herumzukeppeln.

Nur als naiv zu bezeichnen wäre aber der, der annehmen würde, dass auch beispielsweise meine Tante L., Urgroßtante vielmehr, nicht schrecklich sein wird in ihrem Zorn, zumal dieser Zorn frisch sein wird, frischer geht es gar nicht, wenn sie im Zuge ihrer Auferstehung feststellen wird, dass ihren letztwilligen Verfügungen zuwidergehandelt worden ist und sie nicht – wie auf dem Sterbebett angeordnet – mit einem gravierten Silberkreuze bestattet worden ist, sondern mit einem schlichten Exemplar aus Holz. Dass man den unglaublichen Verstoß scheinheilig mit der Sorge um die sterblichen Überreste der Tante gerechtfertigt hat, deren Ausgrabung durch Räuber verhindert werden sollte, wird der Tante L. natürlich auch an diesem Tage keiner sagen, denn – quid sum miser tum dicturus? – diese Information würde dem Faß den Boden ausschlagen, und ein Skandal, eine Rauferei vor dem Thron des ewigen Rochters wäre die ebenso unausweichliche wie unangenehme Folge.

Auch die Tante S., derartig weitläufig verwandt, dass die Bezeichnung als Tante eher einer Verlegenheitslösung entspricht, wird sich nicht einfach so beruhigen lassen. In ihrem Brautkleid bestattet zu werden, mag zwar auch in Ansehung aeternitatis für eine über Siebzigjährige mit Übergewicht als etwas abwegig gelten. Dies erst zu versprechen, und dann die Tote doch in ein unförmiges, lilafarbenes und ziemlich zeltartiges Gewand hüllen zu lassen, war trotzdem nicht nett, und ob die Tante wenigstens dem Onkel P. verzeiht, weil dieser in seiner Gutmütigkeit tatsächlich versucht hatte, den Bestatter zu überreden, das Kleid hinten aufzuschneiden und die tote Tante irgendwie darin zu verpacken, ist ungeklärt und eher fraglich.

Nicht nur jene Umstände, die den frisch Auferstandenen sofort und am eigenen Leibe auffallen werden, werden an diesem Tage für Ärger sorgen. Schon die ersten zaghaften Gespräche zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern, Tanten und einfach so Mitbestatteten werden bestürzende Umstände ans Licht bringen, Streitigkeiten wie Nachlässigkeiten, nicht befolgte Anordnungen und jahrelange Erbschaftsangelegenheiten, unverzügliche Wiederverheiratungen und derlei mehr, und am Ende wird so mancher das dringende Verlangen vor das Angesicht des Herrn bringen, die Ewigkeit sonstwo zu verbringen, nur bitte, bitte nicht da, wo die restliche Sippe angesiedelt wird, und der Herr wird nicken, der bekanntlich auch nicht nur Glück gehabt hat mit seinem Sohn.

Der letzte Tisch der Stadt

Heiligabend, hört man, isst die Nation einträchtig Kartoffelsalat und Würste. Der eine oder andere ist auf Fondue umgestiegen, bisweilen werden Räucherfischplatten bestellt, aber wenn man nicht daheim ist, weil das Weihnachtsritual der Familie des geschätzten Gefährten geeignet ist, auch robuste Gemüter dem Nervenzusammenbruch einige entscheidende Meter näher zu bringen, und die eigene Familie weihnachtstechnisch unergiebig (und zumeist nicht da) ist, dann, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, dann kann es passieren, dass man, so circa 17.30 Uhr, perhorresziert von der Vorstellung, sich vom Zimmerservice ein paar belegte Brote schmieren lassen zu müssen, auf seinem Hotelzimmer sitzt und verzweifelt versucht, den letzten freien Platz der ganzen Stadt zu reservieren.

Nicht, dass man anspruchsvoll wäre. Vielleicht war man’s noch zwei Stunden vorher, inzwischen indes wäre alles recht, fast alles vielleicht, alles jedenfalls, was festlicher anmutet als ein Clubsandwich aufs Zimmer.

Sie seien restlos ausreserviert, bescheiden hintereinander fast alle Restaurants der Stadt. Sie seien über die Feiertage geschlossen, bedauern andere. Man möge es bei einer anderen Nummer versuchen, da sei der Geschäftsführer mit dem Reservierungsbuch erreichbar, rät ein weiteres Lokal, aber unter der angebenen Nummer nimmt keiner ab.

Immer verlockender werden die Speisekarten im Netz. Immer tiefer sinkt die Stimmung, und in dem Spiegel über dem Schreibtisch des Zimmers sieht man eine mürrische, dickliche Frau telefonieren, die ich auch nicht bei mir verköstigen würde.

„Gar nichts?“, seufze ich in den Hörer, und der geschätzte Gefährte ächzt ein bißchen mit. „Nicht einen Tisch? Auch nicht später?“, bohre ich nach, aber alle, alle, alle Wiener Wirtshäuser sind gebucht bis auf den letzten Platz.

„Sind sie so nett…“, bitte ich die freundliche Concierge eins- ums andere Mal um verstärktes Engagement um einen Tisch und eine warme Mahlzeit. Vergebens ruft die blonde Dame mit den sehr, sehr schmalen Augenbrauen ein Restaurant nach dem anderen an, und abwechselnd dringen die Erfolglosigkeitsmeldungen der Rezeption und die Absagen der Wiener Gastronomen an mein Ohr. Im Hintergrund sitzt, schon reichlich resigniert, der geschätzte Gefährte und spielt mit seinem Handy.

Am Ende aber hat die Congierge Erfolg. Auf 22.00 Uhr, verkündet sie mit gut hörbarem Stolz, hätte Sie den letzten freien Tisch der ganzen Stadt für uns reserviert, und als der Taxifahrer uns vor der Tür der Kuchlmasterei absetzt, stört weder die abstruse Dekoration aus Kupferpfannen, Mühlrädern, künstlichen Blumen und goldbesprühten Schaufensterpuppen, noch gibt das – mäßig kreative, aber tadellose – Essen Anlass zu Ärger. Mit einem Gefühl unendlicher Erleichterung, Dankbarkeit gar, kaue ich kurz vor elf auf einer dicken Scheibe Gäsestopfleber herum, schütte eine Maronensuppe hinterher, verschlinge ein Kalbssteak, einen Obstsalat, ein par Kekse, und liege um eins mit dem angenehmen Gefühl des Davongekommenseins im Bett.

Lautlos, denn der Ton ist abgestellt, zelebriert Papst Benedikt XVI. die Weihnachtsmesse im Petersdom.

Das schöne Leben

Am Morgen einfach liegenbleiben, die Augen geschlossen halten und sich auf die hellen und dunklen Stellen auf der Innenseite der Lider konzentrieren. Die schwereren Schritte des geschätzten Gefährten, der auf Socken durch die Wohnung läuft. Leises Gläserklirren, fließendes Wasser, und das leichte Trippeln der Katzen.

Der heiße, dichte Kaffee. Auf der Seite liegend die Beine an den Oberleib ziehen, eingehüllt in die eigene Wärme und die Gedanken nach allen Seiten fließen lassen. Langsam vergessen, wie kalt und hart das Jahr gewesen war, und hoffen, dass nur die guten Momente sich für später erhalten. Sich fragen, was man aufheben wird oder ob dieses Jahr ganz und gar verpackt werden muss und weggestellt werden soll auf einen der schattigen Dachböden deines Lebens.

Nun aber doch das weiche Fell der Katzen. Der Geschmack von Brot mit Pastete und Brie. Die Langsamkeit eines Tages, der nicht in Viertelstunden gemessen werden muss, und ein bißchen blättern in Büchern. Verabredungen treffen für drei, für vier, für irgendwann später, und sich stolz zulächeln im Spiegel, dass man dieses Jahr überstanden hat, verformt nicht mehr als nötig, und sich versprechen, dass die nächsten Tage, das nächste Jahr vielleicht, leicht wiegen sollen auf der Waage der Mühen.

Ein leichtes Leben für das nächste Jahr schwörst du dir, die Zahnbürste im Mund. Keine Entscheidungen zu treffen, die über den Tag hinaus Bedeutung haben. Die Kugeln rollen zu lassen, ohne Gewinn und Verlust, und alles, was das nächste Jahr dir bringen mag, sei heiter, belanglos und graziös. Etwas wie Rascheln, maigrünes Laub und folgenlose Küsse. Ein gelocktes Jahr wünschst du dir, Petit Fours und jubelnde Geigen. Den sommerlichen Park von Sanssouci, ein lächelnd gezähmter Pan mit Glockenspiel und Flöte. Ein Rokokojahr ohne Sturm auf die Bastille, und kein Bedauern, kein Vergebenmüssen, nur ein verspielt-geschwungener Schnörkel am Rande eines ernsten Buches, das ich gerade nicht lesen mag, nicht diesen Morgen und nicht das kommende Jahr.

An einen anderen Ort

Den Busbahnhof habe ich behalten, die Schmutzigkeit der Bänke, die paar Trinker vor dem Kiosk, in dem eine dicke Frau mit rotem Gesicht eine Bierdose nach der anderen über den Tresen reichte. Alle Gespräche aber habe ich vergessen, auch, ob ich überhaupt versucht hatte, ihn abzuhalten, ihn wieder mitzunehmen, und sogar, ob ich ihn gefragt habe, wieso er weg wollte, und nicht wieder nach Haus.

Ich selbst wollte nicht weg. Mir ging es ja gut da. Nur kalt war mir, glaube ich, obwohl es erst Oktober war. „Mach es gut.“, habe ich wahrscheinlich gesagt. Und wohl auch: Schreib mir. Aber ob er geantwortet hatte oder wenigstens genickt, und wohin er eigentlich wollte, das habe ich alles vergessen.

Weit sollte er auch nicht kommen. Am nächsten oder übernächsten Busbahnhof, den der Überlandbus anfahren sollte, hatten sie ihn schon, ganz ohne mein Zutun, und ich war – glaube ich – erleichtert, dass es so gekommen war und nicht anders. Eine Woche später ging er wieder zur Schule, und glaubte mir nur so halb, dass ich es nicht war, die ihn hatte auffliegen lassen.

Vielleicht glaubt er immer noch, dass ich es war, aber er hat mir verziehen. Jedes Jahr schreibt er kurz vor Weihnachten, wie es ihm geht. So wie ich, so wie alle, hat er die kleine Stadt verlassen. Als einer der wenigen ist er ganz weit weg gegangen, nicht nur bis München, Wien, Köln oder Berlin. Alle paar Jahre zieht er um, in ein anderes Land, und einen Beruf hat er, der ihm dies erlaubt, und es vielleicht sogar fordert.

Eine Frau hat er auch, lese ich, jüngst geheiratet, und bald wohl auch ein Kind. Ob er ein schönes Leben hat, weiß ich nicht, denn wenn er unglücklich sein sollte, so wird er mir dies nicht schreiben.

Ich selbst will nicht weg. Mir geht es gut hier. Nur kalt ist mir, heute und alle Tage, solange der Winter währt, und – anders wohl als er – weiß ich, dass ganz weit weg nichts besser wird, und alles, was andernorts auf mich wartet, nicht größer, schöner oder strahlender wäre als hier, denn dies ist wohl alles, was mir zugemessen ist, hier oder woanders.

Auf dem Grund

Wie schlimm es wirklich ist, merke ich erst am letzten Sonntag um acht. Bei REWE am Ostbahnhof fällt mir eine Tüte Milch aus der Hand, ein Tetra-Pak der Marke Füllhorn, und platzt. Sehr, sehr langsam, viel zu langsam eigentlich, läuft die Milch aus dem Loch in der Pappe, bis die Tüte fast leer in einer Milchlache liegt. Neben der Pfütze, irgendwo rechts von den Tiefkühltruhen stehe ich, schaue die Milch an und versuche mich zu erinnern, was man tut, wenn so etwas passiert.

„Kannst du nicht aufpassen?“, werde ich angerempelt, und ein blondes Mädchen mit dicken, blauen Kajalstrichen um die Augen blitzt mich böse an. „Sorry.“, sage ich und schaue weiter in die Milch, und das Mädchen faucht irgendetwas, das wie „hau doch ab“ klingt oder so ähnlich.

„Da.“, drückt mir die Kassiererin eine Rolle Haushaltstücher in die Hand, und zwischen den Stiefeln fremder Leute versuche ich, die Milch ganz und gar verschwinden zu lassen. „Da ist noch was.“, zeigt ein grinsender Mann auf den blanken, feuchten Boden, und freut sich mächtig.

„Jetzt nicht heulen.“, denke ich und presse meine Lippen fest aufeinander. Nicht weinen. Nicht laut schreien, dass dies die schlimmsten Wochen sind, die du jemals erlebt hast, dass dies die Hölle ist, Sonntag abend bei REWE, nach 34 aufeinanderfolgenden Arbeitstagen mit viel zu wenig Schlaf.

„Und die Milch.“, sage ich der Kassiererin und lege meinen Einkauf aufs Band, und versuche an all die Dinge zu denken, von denen ich weiß, dass es sie gibt, die Sonne zum Beispiel. Ein warmes Bett. Wasser, weiche, streichelnde Hände, und dass auch dies, auch diese Wochen, ein Ende haben werden, und alles wird gut.

Oder vielleicht wenigstens besser.

Die Taschenkäufer-Psychologie

Wie sind, denke ich so bei mir, eigentlich Leute beschaffen, die Handtaschen mit riesengroßen Herstellerbezeichnungen auf beiden Seiten kaufen? Handelt es sich um, kurz gesagt, Menschen wie dich und mich, mit dem einzigen Unterschied eines kleinen, nach Art und Umfang überschaubaren ästhetischen Defekts? Können diese Menschen liebenswert, bescheiden und freundlich sein, gelassen gegenüber den Erscheinungen der sichtbaren Welt, und finden nur – ebenso wie manche ansonsten einwandfreie Leute hässliche Bilder präferieren – große goldene Schriftzüge schön? Sind die Käufer, besser vielleicht: die Käuferinnen, dieser Handtaschen ansonsten ganz normale Leute, und nur eine gewisse Unsicherheit, die man nicht weiter verwerflich finden mag, zwingt sie, die Unsicherheit ihres Urteils bezüglich des Aussehens von Handtaschen durch die Ausstellung des Kaufpreises in Form von Markennamen zu kompensieren? Oder mag doch eine Prise, wenn nicht sogar ein ganzer Löffel Vulgarität eine Rolle spielen bei jenen Frauen, die zwischen den Hundertschaften von Handtaschen im Erdgeschoss der Galeries Lafayette zielsicher diejenigen auswählen, die Herkunft und Preis in grellen Lettern herausschreien?

Welchen Eindruck, überlege ich und lasse den Blick über die anderen Damen auf Taschenjagd schweifen, wollen jene Damen bei ihrer Umwelt erwecken? Spekulieren diese Frauen auf den Neid ihrer schlechtbezahlten Friseurin, wie es möglicherweise der blonden, etwas fülligen Frau mit den allzu roten Lippen zwischen den Prada-Taschen zuzutrauen wäre, oder spielt mir angesichts dieser etwas zu farbenfrohen Dame ein wiederum wohlfeiles Vorurteil ein Schnippchen? Sollte ich vielleicht einer unzutreffenden Vorstellung über andere Leute aufsitzen, und zu Unrecht das blonde, etwas streng wirkende Mädchen mit der Longchamp-Tasche in der Hand gedanklich der Hochnäsigkeit zeihen, die ich mir möglicherweise vielmehr selbst vorwerfen müsste, die ich jene Person, ohne ein einziges Wort mit ihr gewechselt zu haben, in festgeschraubte Kategorien eingeordnet habe.

Und was, fällt mir ein, denken diese Leute eigentlich über mich, die ich – unfähig zur Entscheidungsfindung – mit zwei Handtaschen in beige und braun durch die Taschenabteilung laufe, ein wenig unfrisiert wie stets, einen dunklen Rock um die etwas zu speckigen Hüften, derbe Stiefel an den Füßen, eingehüllt in eine braune, leicht unförmige Barbourjacke und mit der missmutigen Miene derjenigen Leute, denen immer etwas zu bewusst ist, dass sie in dem Reich der dezent geschminkten, tadellos gekleideten Damen nie mehr als den Status des geduldeten Zaungastes erwerben werden, völlig egal, welche Handtasche an ihrem Unterarm hängt?