Die Motivation

Die eine, hört man, hat ihren Freund verabschiedet, weil er sie nicht heiraten wollte. Die andere, weil der ihre so unappetitlich aß. Eine andere hat die Trennung ausgesprochen, weil ihr Liebhaber so selten Zeit für sie hatte, seit er Vater eines Kindes geworden war, dessen Mutter beruflich viel eingespannt gewesen sein soll. Die Trennung meiner lieben Freundin, der X., von ihrem Liebhaber jedoch ist einzigartig bezüglich ihrer Motivationslage, und verdient eine ausführliche, öffentliche Würdigung ob ihrer Originalität. Sie spielte sich nämlich folgendermaßen ab:

Eines Tages, die X. und ihr Liebhaber lagen zu Bett, wurde es ihr langweilig. Langeweile, auch in Gegenwart geliebter Personen, kennt jeder. In Gegenwart von nicht direkt geliebten, wenngleich intim verbundenen Personen, scheint die Langeweile noch etwas häufiger aufzutreten, und so setzte sich die X. auf, verließ das Bett und setzte sich an ihren Rechner.

Neue E-Mails waren keine eingegangen. Auch mit anderen Neuigkeiten sah es schlecht aus, und so schwang sich die X. einfach so von Homepage zu Homepage, las hier ein wenig, und dort ein bißchen, und ihr Liebhaber lag herum und las.

„Was tust du?“, fragte er wohl, und die X. murmelte etwas von „Nachrichten“. „Lass mich mal schauen, was meine Frau macht.“, erscholl es plötzlich aus dem Bett. „Muss nicht sein.“, gähnte die X. „Ach komm, eine Minute.“, schwang sich der Liebhaber aus dem Bett und stand auf einmal neben ihr.

Die – der X. unbekannte – Frau des Liebhabers nämlich hatte kurze Zeit zuvor ein Preisausschreiben gewonnen. Der Preis bestand aus einer Kurzreise, einer Promotion-Tour des veranstaltenden Unternehmens , bei der die Gewinnerinnen – jeweils in Begleitung einer Freundin – auf eine Insel eingeladen wurden. Ihr Tun und Treiben dort wurde live, oder zumindest unwesentlich zeitversetzt, im Internet übertragen, und so konnte man die Frau des Liebhabers sehen, wie sie es sich begleitet von einer reichlich ordinären Freundin lautstark gutgehen ließ.

„Modeste, ich bin fast umgefallen.“, stöhnte die X. Die Frau des Liebhabers nämlich war von erschreckender Beschaffenheit. Groß und massiv wie ein deutsches Mittelgebirge ragte die Frau in den Bildschirm und jodelte ihre Lebensfreude in ungebremster Vulgarität durch das Netz. Ob die Person auf den bewegten Bildern nun die Frau des Liebhabers oder nicht doch sein Bruder sein sollte, war tatsächlich ausschließlich anhand der Ausführungen des Liebhabers auszumachen, der schließlich wissen musste, wen er einmal geheiratet hatte.

Sprachlos saß die X. vor ihrem Rechner. In ihrem Inneren zog sich alles zusammen. Mit Befremden erst, dann auch mit Ekel betrachtete sie den Mann in ihrem Schlafzimmer, der zufrieden ein Bild nach dem anderen per Mausklick vergrößerte. Schelchte Haut hatte die fremde Frau auch.

So also, dachte die X. und betrachtete ihren Liebhaber: So also sah die Frau aus, die dieser Mann geheiratet hatte. Kein Wunder, dass es ihn in andere Schlafzimmer zog. Wahrscheinlich, so erschien es ihr, war es überhaupt nur die Tatsache, dass andere Frauen sich zumindest kurzzeitig seiner erbarmten, die eine Ehe mit dieser ganz und gar unmöglichen Person stabilisierte. Sie, wurde ihr klar, war also dafür verantwortlich, dass dieser Mann mit dieser Frau verheiratet war.

Abscheu ergriff sie. „Kein Wunder, dass du herkommst, wenn das deine Frau ist.“, sagte sie, und der Liebhaber schaute sie erstaunt an. Er liebe doch nur sie, wandte er ein. „Das wundert mich nicht.“, schüttelte sich die X. mit einem Blick auf das unglaubliche Geschöpf auf den Bildern im Netz.

„Nun komm schon.“, zog sie der Liebhaber am Arm zu ihrer Bettstatt. „Lass mich los.“, entzog sie sich seinem Griff. Völlig unmöglich erschien es ihr auf einmal, diesen Mann zu berühren. Den Mann einer solchen Person – es würgte sie ein bißchen.

„Fahr nach Hause.“, dachte sie erst, und dann hörte sie sich laut sagen, dass er seine Sachen packen, sich anziehen und verschwinden solle. – „Was ist denn los mit dir?“, wunderte sich der Liebhaber erst, dann regte er sich ein bißchen auf, wurde traurig, winselte, und am Ende ging er doch.

Die X. werde, sagt sie, ihn nicht wieder anrufen.

Gib deine Hand

Wie leicht, denkt man manchmal bei Nacht: Wie leicht geht so ein Mensch kaputt. Wie leicht brechen Knochen. Wie schnell verliert ein Mensch das Gleichgewicht, fällt aus dem Fenster, schreit, schlägt auf, und dann kommen erst die Sanitäter, dann die Angehörigen mit tränenschweren Erinnerungen, und dann das Vergessen und das Nichts.

Wie einfach wäre es, einmal danebenzutreten zwischen Bahn und Bahnsteig. Sich mitnehmen zu lassen, nur ein paar Meter. Sich gegen die Wand drücken zu lassen, den Druck für einen Moment auszuhalten. Den Schmerz. Des Schmerzes Steigerung, und dann nachzugeben, zu sinken, zu bluten und zu sterben. So leicht wäre es, am Alexanderplatz, wo die Autos dreispurig fahren, die Augen zu schließen und in die Pedale zu treten. Zu zählen: Eins – Zwei – Drei, bis es laut wird (war ich das?), und dann Ruhe. Stille und Schweigen.

Aber schade, denke ich dann, wäre es doch. Schade um die Durchsichtigkeit des Himmels. Schade um den Klang einer Glocke, den Geruch von Wald. Wie die Wolken im Sommer aussehen, und wie eine Nacht riecht, so gegen sieben in der Früh, wenn man sich hellwach fühlt und alles übergroß erscheint, scharf konturiert wie sonst nie. Schade wäre es um den Geruch von Haut. Wie Blut schmeckt. Geliebt zu werden oder es wenigstens zu glauben, und an noch mehr Liebe zu denken, weil man will, dass es das gibt. Feige wäre es, die Kugel einfach vom Spieltisch zu nehmen, das Casino zu verlassen, und riskant wäre es wohl, darauf zu setzen, dass hinter den goldenen Pforten, hinter der Schwärze und hinter dem Nichts noch etwas wartet, dass all das wert wäre, wie wenig es auch sei.

Wo das Meer zu Ende ist

Ganz schwarz ist das Meer bei Nacht, so schwarz, wie ich mir den Tod vorstelle an schlechten Tagen, an denen ich an Licht, an Strahlen, an Güte und warme, streichelnde Hände nicht glaube. So schwarz ist das Meer, dass es meine Haut mit Schwärze färbt, und durchtränkt mit Dunkelheit entsteige ich den Wellen.

Den Wald am Ufer hat die Nacht verschluckt, und auch das Hotel, die weiße Stadt am Meer, steht nicht in meinen Träumen. Vergeblich rufe ich nach dem J., niemand antwortet meinen Schreien, und die Vögel kreischen, schwarz auch sie, höhnisch mit langen Schnäbeln.

Dies ist das Ende von allem, wispert das Meer mir zu, und aus dem Wasser steigen die Schatten und hocken wortlos am Strand.

Knie nieder, befiehlt der Priester mir an der offenen Grube. Wie warm sie noch ist, wispern die Schatten sich zu, und nackt recke ich den Hals der Schwärze entgegen, der plötzlichen Kälte, und dann dem barmherzigen Nichts.

Der Urgroßvater, der Rechtsanwalt, die Großmutter und wir

Meine Tante M. – eigentlich meine Großtante – log bekanntlich wie gedruckt, und wer ihr glaubte, sagte meine Großmutter, sei selber schuld. Tatsächlich sei so gut wie alles, was diese Tante zu erzählen pflegte, unwahr, und was nicht unwahr sei, sei wenigstens gehörig übertrieben, und so wäre die gemeinsame Mutter niemals mit aufgelöstem Haar, die Hände ringend und kleine, spitze Schreie ausstoßend auf die Straße gelaufen. Niemals hätte die sehr reservierte Mutter dies getan, erst recht nicht auf dem Weg zum Rechtsanwalt der Familie, einem Herrn Dr. G., der, und immerhin dies sei wahr, sich späterhin allerdings als ein rechter Lump entpuppt habe.

Der Charakter des Rechtsanwalts allerdings interessiert uns eher wenig. Ob es denn tatsächlich unzutreffend sei, bohrte mein Cousin L. nach, dass jener Herr von der Urgroßmutter beauftragt worden sei, gegen ihren eigenen Mann, den Urgroßvater nämlich, ein Entmündigungsverfahren einzuleiten? Ein Verfahren, an dessen Ende die vollständige und allumfassende Geschäftsunfähigkeit stehen sollte? Ein gerichtliches Verfahren, über das die ganze Stadt gesprochen habe, wie Tante M. uns verraten hatte, die – im Gegensatz zu meiner Großmutter – sehr gern und mit erschreckender Ausführlichkeit, auch vor einem recht minderjährigen Publikum diejenigen Geschichten zum Besten zu geben pflegte, über die der Rest der Familie niemals sprach.

„Da gibt es auch nichts zu erzählen!“, rief meine Großmutter mit für ihre Verhältnisse entschieden erhobene Stimme aus und brach eine Tafel Blockschokolade derart bracchial entzwei, dass mein Cousin mir bedeutungsvoll zuzwinkerte. „Es gab also kein Verfahren?“, setzte der L. nach und steckte sich schnell ein paar Krümel der Schokolade in den Mund.

„Die ist nicht zum Essen.“, zog meine Großmutter das Päckchen vom Tisch und rührte in dem Milch-und-Sahne-Gemisch auf dem Herd. „Kein Verfahren?“, blieb mein Cousin fest und sah meine Großmutter durchdringend an. Es habe kein Verfahren gegeben? Die Tante M. sei nicht aus dem Radfahrverein gestoßen worden? Der Onkel F. nicht heulend aus der Schule gekommen, weil keiner mehr mit ihm schnipsen gewollt habe als Mitglied einer Sippe, deren Angehörigen das Spiel nicht bekam?

„Kinder sollen nicht soviel fragen.“, behauptete meine Großmutter und ließ die Schokolade vorsichtig vom Löffel in die Milch gleiten. „Also doch.“, nickte mein Cousin und bohrte weiter nach: „Tante M. sagt, er hätte Haus und Hof verspielt, wenn man ihn gelassen hätte, und am Ende war schon kaum mehr was da?“ – „Über Kranke macht man keine Witze.“, tadelt meine Großmutter und rührte entschieden die sich langsam schokoladenbraun verfärbende Milch.

„Ich mach‘ doch gar keine Witze.“, wehrte sich der L. und klapperte ein bißchen mit der Tasse. „Lass das!“, rügte meine Großmutter und nahm ihm die Tasse aus der Hand. Schwere Zeiten seien das gewesen, merkt sie an, und wir könnten froh sein, dergleichen nie erlebt zu haben. Wie man angeschaut worden sei, auf der Bank, und sogar die Zugehfrau habe ihr Geld ab sofort immer vor Vollzug bar auf die Hand haben gewollt.

„Und was er nicht verspielt hat, hat der Anwalt zur Seite gebracht?“, heischte der L. nach weiterer Bestätigung. Ingrimmig nickte meine Großmutter und kniff die Lippen aufeinander. Ein Schurke sei das gewesen, ein arglistiger Betrüger, der die geschäftliche Unerfahrenheit der Urgroßmutter ausgenutzt habe, sich schamlos zu bereichern mit der Vollmacht, die man ihm gutgläubig erteilt.

„Fertig!“, goß meine Großmutter die heiße Schokolade so heftig in beide Tassen, als könne sie den betrügerischen Anwalt darin ertränken, und drückte jedem von uns den Kakao in die Hand. – „Geht spielen.“, schickte sie uns, in der Hand die vollen Tassen, aus der Küche und war für weitere Auskünfte über den präzisen Geschehensverlauf nicht mehr zu haben, und so ist dies so gut wie alles, was ich weiß.

Warten

Und zu alledem, gelegentlich gegen Morgen, das unsinnige Gefühl, alles Leben sei nichts als ein entsetzlicher Irrtum. Die Entwicklung des Organischen ein täppischer, misslungener Versuch. Eine Verunreinigung des Seins durch einen schmierigen, fleckigen Film, und Gott verdrossen fortgegangen, während die Reste seiner gedankenlosen Spielerei in ein paar gläsernen Kolben, einigen längst gesprungenen Petrischalen ihrem Ende entgegen faulen.

Leg dich zu mir, fiebert das Etwas dem Nichts entgegen, und jenes nickt, strahlend vor Reinheit, vor gleißendem Licht, vor streng gezirkelter Ordnung, und die Wasser warten, uns zu ersticken, uns wegzuschwemmen und aufzulösen, bis die Welt wieder rein sein wird, weiß, wüst und leer, und nichts zu hören sein wird bis auf ein tonloses Rauschen.

The Steinfrucht Experience

Wenn ich, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, von nun gar nichts mehr von mir hören lasse, komplett verstumme, dann mag es sein, dass nicht die Zwänge eines Berufslebens von runden siebzig Wochenstunden mich davon abhalten, Sie zu amüsieren, nein, des Todes kalte Hand mag mich von der Tastatur gerissen haben, denn in wenigen Minuten werde ich, Madame Modeste aus Berlin, mich voraussichtlich Hals über Kopf in ein gefahrvolles Experiment mit durchaus offenem Ausgang stürzen.

Aber der Reihe nach: Mein Immunsystem, wie man so sagt, ist nicht gerade bekannt für seine Treffsicherheit. Kurzsichtig wie seine Besitzerin stürzt es sich unkontrolliert und mit hoher Fehlerquote auf alles Mögliche, was in mein Körperinneres durch Berühren, Einatmen oder Verschlucken gerät, und von Nüssen bis Gräserpollen wird manche an sich harmlose Substanz gnadenlos und mit allen der körpereigenen Abwehr eigenen Mitteln bekämpft. Von Jahr zu Jahr umfangreicher wird die Liste der Dinge, die zu meiden sind, um nicht gräßlich anzuschwellen, markerschütternd zu niesen, der Atemluft sogar verlustig zu gehen, und knallrot mit gefährlich erhöhtem Herzschlag keuchend die nächste Apotheke aufzusuchen.

Bis gestern allerdings schienen Früchte noch zu denjenigen Dingen zu gehören, die mein Immunsystem als ungefährlich erkannte. Gestern morgen allerdings verstarb ich fast in einer längeren berufsbedingten Besprechung an einer Aprikose, einer duftenden, pfirsichhaft weichen, safrangelben Frucht. Noch im Prozess des Kauens begriffen, begann mein Gaumen zu prickeln. Wenige Sekunden später schwoll meine Oberlippe an. Meine Zunge wurde dick. „Einen Moment.“, flüsterte ich nervös und stürzte aus dem Konferenzraum.

„Ein Antihistaminikum in die Besprechung im 1. Stock.“, zischte ich, Panik in den Augen, dem nächstsitzenden Kollegen ins Büro. Wenige Minuten später, der Schweiß rann mir über die hochrote Stirn, wurde mir ein Tablette gereicht, das Immunsystem legte sich wieder schlafen, und die Besprechung konnte weitergehen.

Mit dem Aprikosenverzehr ist es also vorbei. Wie aber, frage ich mich, sieht es mit anderen Steinfrüchten aus? Mit den gelben Pflaumen zumal, die beim Gang über den schon fast völlig abgeräumten Kollwitzmarkt von dem J. mitgenommen wurden? Die auf der obersten Schale der Etagere in der Küche duften, saftig, überaus wohlschmeckend zumal, wie der J. versichert? Verführerisch wie der Apfel der Erkenntnis von Gut und Böse, süß wie die Sünde, und so verlockend wie nur diejenigen Dinge es zu sein pflegen, die man besser lässt.

Bestehen enge verwandtschaftliche Beziehungen zwischen gelben Pflaumen und Aprikosen? Welcher Arzt hat heute Bereitschaft? Lohnt es sich, einfach vor dem Verzehr eine C*tirizin zu schlucken? Oder probiert man nicht besser einfach aus, ob es nicht doch noch geht?

Und wenn es nicht mehr geht – tja. Dann lesen Sie wohl einfach woanders weiter.

Von außen

Was wohl die anderen Leute sehen?, frage ich mich und schaue die Frau auf dem Sitz gegenüber aus den Augenwinkeln an. Auf den anderen fünf Plätzen im Abteil sitzen meine Freunde, die C., der R. und seine Freundin I.. Der J. blättert in der Süddeutschen. Die C. zieht ab und an, wenn die Nachrichten sie befremden, die makellos gezupfte linke Augenbraue hoch.

Ob wir, überlege ich, so selbstverständlich und einfach nur da wirken, wie wir uns fühlen? In unseren grünen Jacken vom letzten Sommer. Den Jeans, die wieder enger geworden sind. Die Männer in ihren Hemden, wir in unseren Oberteilen, die am Bund gerafft sind und wieder länger als die ganzen letzten Jahre. Den müden, noch etwas verschlafenen Gesprächen. Die letzte Documenta. Die Jobs, die wir haben, in denen wir Geld hin- und herschieben, das uns nicht gehört, und das Spielgeld bleibt, schwarze Zahlen auf dem Rechner. Der von den vielen Jahren, der vielen Musik, von so vielen Büchern, unserer ganzen, von all den Nächten ermüdeten Erregbarkeit, und den kurzen Blicken auf den Rest der Welt, aus denen eine selten enttäuschte Erwartung spricht, das alles und noch viel mehr bereits gesehen, geschmeckt und besessen zu haben.

Ob wir sympathisch wirken, weiß ich nicht. Vielleicht ist die Drachenhaut in all den Jahren so fest geworden, dass man nicht mehr durchsieht, wenn man uns – oder Leute, die so sind wie wir – nicht seit vielen Jahren kennt, nicht mit uns groß geworden ist, und unsere stillen, verzagten Morgen nicht sehen kann, an denen die Kompliziertheit der Welt uns schier zu erdrücken scheint. Die Angst vor dem riesengroßen, entzündeten Himmel. Der plötzliche Drang, die Hand an eine rissige Hauswand zu pressen, um sich zu vergewissern, dass sie existiert, dass man sie anfassen kann. Dass die Welt noch genauso wirklich ist wie vor zehn Jahren, als man sie spüren könnte. Das Getriebene und das Treiben, an dem wir Anteil haben, wie man teilnimmt an etwas, das einem selbstverständlich ist, weil man aufgehört hat, die Welt noch in Zweifel zu ziehen. Weil man zu lächeln gelernt hat, wenn man die Dinge nicht ändern kann, und es irgendwann nicht mehr will.

Zufriedene Leute sieht man, gehen wir über die Straße. Ein bißchen satt, ein wenig zu glatt, wie das Abgehobelte eben glatter wird mit all den Jahren. Ob man uns mag, frage ich mich, und die Antwort, so weiß ich, ist allzu oft: Nein.

Und auch das wird egal, egaler, versinkt in der grauen Flut unserer Leben, über der die Möwen kreisen, wenn nicht der Sturm noch kommt, den ich nicht mehr erwarte.

Madeleine

Eine Madeleine in Lindenblütentee, nein: eine Plastiktüte, gepackt von der Küche des Hotels, gefüllt mit Früchten und dick belegten, weißen Semmeln. 2007 haben wir, der Zug fährt mich von Karlsbad nach Usti nad Labem, und fährt doch rückwärts, fällt von diesem Jahr in ein anderes, früheres, und 1989 sitze ich in einem anderen Zug, zwischen anderen Städten, und nicht allein sitze ich in dem Abteil auf rotem, etwas abgeriebenem Cord. Neben mir liegt nicht eine Plastiktüte, sondern ein grüner Rucksack, mit Edding haben längst versunkene Schulfreunde ihre ungelenken Namenszüge auf den Kunststoff geschrieben, aber der Geruch, dieser Geruch von warmen, atmenden Früchten und belegtem Brot steigt hier wie dort aus den offenen Taschen zu mir auf.

Kühl und blau zieht Böhmen an mir vorbei. Kleine Städte, gesäumt mit den Resten verfallender Fabriken, rostendes Metall. Melancholie einer verwesenden Moderne, und ein paar gellgeschminkte Frauen am Gleis mit billigen Kopien von Taschen, deren Original man hier nicht einmal kaufen kann, so weit weg ist der Wohlstand, der kommen sollte, und nicht gekommen ist. – „Ihr Fahrschein, bitte.“, streckt die blauuniformierte Schaffnerin mir ihre Hand entgegen.

Einen eigenen Fahrschein brauche ich nicht, 1989, denn nicht ich, sondern Frau S., die Chorleiterin, kramt in ihrer riesigen, schwarzen Handtasche nach dem Gruppenfahrschein für uns alle. Ich sitze ihr gegenüber. Frau S. mag mich nicht, und nicht ihretwegen habe ich mich als letzte in das Abteil gedrängt, aber der G., der lange, hochaufgeschossene G., der ebenso gut singen wie rudern kann, sitzt ihr gegenüber und spricht über Händel und Brahms. Halblaut beugt er sich weit nach vorn, spricht knapp und konzentriert mit einer Gemessenheit, die seinen siebzehn Jahren voraus zu sein scheint, und die ihn selten verlässt. Nicht an mich wendet er sich. Mich kennt er nur als die Freundin der N., die als verrückt gilt, als schön, obwohl keiner sagen kann, was eigentlich das Schöne an ihr ausmacht, und als so hemmungslos, das niemand zu wissen glaubt, was sie in fünf Minuten oder in fünf Jahren zu sagen oder zu tun beliebt. Sehr höflich und freundlich ist der G. zu mir. Immerhin bin ich die beste Freundin des Mädchens, das er vergeblich liebt, und dass die N. ihn auslacht, nimmt er weder ihr noch mir, der widerwillig Mitlachenden, übel.

Dass sich niemand in mich verlieben wird, wenn die N. daneben sitzt, ist so selbstverständlich, dass ich es nicht einmal bedaure. Keine Sekunde nehme ich an, der G. sei auch für mich zu haben, und so laufe ich ihm hoffnungslos hinterher, unauffällig, halte Abstand und schielen nur ein bißchen, nur so aus den Augenwinkeln, wenn er in einer Gruppe auf einer Party steht, am Rande des Chorraumes mit den anderen guten Sängern über Chorwerke spricht, und melde mich nicht einmal, als er einmal in der Pause ins Blaue fragt, ob jemand mitkäme zu Schönbergs Lulu in der dreißig Kilometer entfernten Stadt, denn nicht ich bin es, auf dessen Begleitung er hofft.

Zu schöngeistig sei ihr der G., lacht die N. und küsst statt seiner viele andere. Ein Tenor sei kein Mann, sagt sie so laut, dass er es hören muss, und aufschaut, errötend und betroffen. Tenor bleibt er trotzdem, einer der besten Sänger des Chores, dem ich keine Zierde bin, und auch die N. singt weiter ihren etwas gläsernen Sopran.

Auf dieser Zugfahrt aber ist sie nicht dabei. Ihr Vater hat sie zwei Wochen vor den Ferien vom Unterricht befreien lassen, um mit ihr und ihrer kleinen Schwester in Urlaub zu fahren. Etwas verloren fühle ich mich, ein wenig einsam ohne beste Freundin, und plaudere tapfer vor mich hin. Seitlich, fast schon außerhalb meines Gesichtsfeldes aber, geht der G. zum Waggon, unterhält sich mit Frau S., die er weit überragt, und streicht sich ab und zu die Haare aus der Stirn. In einigen Metern Abstand folge ich.

„Ist hier noch frei?“, höre ich mich auf den letzten Platz im Abteil deuten, und Frau S. nickt kühl und ein wenig abwesend. Ich bin keiner ihrer Lieblinge. Sie schätzt nur die Jungen, unter ihnen nur die hochaufgeschossenen, schlanken Oberstufenschüler, und von diesen wiederum nur diejenigen, die gut singen und mindestens zwei Instrumente beherrschen.

Die Fahrt dauert lange. 2007 ist es wieder, zu meiner Rechten fließt die Elbe, und bei Bad Schandau kommt ein schwitzender, riechender Beamter durchs Abteil und fragt nach meinem Ausweis. Lange schaut er erst mich und dann mein Photo an. „Ist gut.“, sagt er, und verschwindet. Ich bin müde.

Müde bin ich auch damals, im vollen, heißen Abteil, und kaue schläfrig einen Apfel. Die anderen Chorsänger schlafen bereits. Frau S. lächelt im Schlaf ein wenig, lehnt sich sogar leicht an den G., der aus dem Fenster schaut, als sei Frau S. nicht da, und auch sonst niemand anders. Schließlich schläft auch er.

Seine Beine sind zu lang für das enge Abteil, und im Schlaf streckt er die Füße weit von sich, bis herüber auf die andere Seite. Nur ein paar Zentimeter von meinen Schuhen entfernt, zucken die Beine des G. ab und zu im Traum, und langsam, sehr, sehr langsam, strecke auch ich meine Beine, nähere mich und schiebe meinen rechten Fuß eng an den Turnschuh des G. Die Augen habe ich geschlossen, denn unabsichtlich soll die Berührung wirken, erwacht einer der Schläfer. Ich zittere, mein Puls schlägt hart und metallisch in meinen Ohren eine hastige Polka, und zehn, zwanzig Minuten, vielleicht länger, sitze ich da, jede Faser angespannt bis aufs Äußerste, und spüre dem leichten Druck und der Wärme seines Fußes nach.

Es ist nichts geworden mit der N. und dem G., und mit mir und dem G. auch nicht. Die Frau S. ist heute Rentnerin, den Chor habe ich beizeiten verlassen, aber der dumpf-säuerliche Dunst von Obst und Broten riecht noch ebenso wie einst, denn nur einige Dinge ändern sich, und viele andere bleiben so, wie sie immer waren.

Wie der Salat gewachsen ist

Stellen Sie sich, meine Damen und Herren, einen Herrenclub vor. 1880. Auf schweren Ledersesseln sitzen ein paar dicke, schon etwas kahlköpfige Männer in den behäbigen Anzügen jener Jahre, über dem flackernden Kamin hängt ein Bild, das eine Schale mit Früchten zeigt, und in der warmen Luft hängt der würzige, volle Dunst von Zigarren.

Die Herren sind unglücklich. Der eine leidet an der Landwirtschaft. Dem zweiten wird körperlich übel, wenn er das Foyer seines Bankhauses betritt. Der dritte ist Notar und wäre gern ein Dichter. Darüber aber – wie Männer nun einmal so sind – sprechen die Herren natürlich nicht.

Der unglückliche Landwirt lamentiert statt dessen über seine Frau. Sorglos und in vollständiger, glücklicher Unkenntnis über die drückende Konkurrenz wandele seine Frau tagein, tagaus einher, kommandiere das Mädchen herum, koche ein bißchen dies und das, und ihre größte Sorge sei es, ob der Braten gelinge oder nicht. Ein sorgenfreies Leben führe seine Frau!, hört man den gebeutelten Landwirt ausrufen, und die anderen Herren seufzen.

Der Bankier hat es auch nicht leicht. Allein und ohne Verantwortung für seine Frau und fünf Kinder hätte er, behauptet er, schon längst hingeschmissen, das Geschäft anderen überlassen, und säße irgendwo am Land, am Genfer See vielleicht oder im Salzkammergut, würde Geschäfte Geschäfte sein lassen, und jeden Tag drei Stunden lang die Zeitung lesen. Statt dessen hetze er sich ab, scheffele Geld, das seine unbegabten Söhne mit minderwertigen Frauenzimmern verprassen würden, sei er erstmal tot, und statt seiner fahre seine Frau monatelang zur Kur und bekämpfe Krankheiten, die sie gar nicht habe.

Auch er, pflichtet der der Notar bei, leide unter seiner Frau. Gewiss, sie sei ein reizendes Geschöpf, klug und fleißig, und könne eigentlich ebenso gut Notar sein wie er. Nur langweile sie sich daheim zu Tode, lese, schreibe und male den ganzen Tag mit verdrossener Miene und wenig Talent, derweil er über einer nie endenden Kette sterbenslangweiligen Beurkundungen nicht dazu komme, den Dingen nachzugehen, die ihm wirklich am Herzen lägen. Am Abend aber säßen sie sich grollend gegenüber, seine Frau und er, jeder neide dem anderen das tätige Leben oder die Muße, und so habe auch er es schlecht getroffen mit seiner Wahl.

Gar keine Frau sollte man haben!, ächzt der Bankier halblaut und erinnert sich schöner, unbeschwerter Junggesellentage, aber die anderen schütteln die Köpfe. Man hänge doch sehr an den Damen, und überdies brauche man nun einmal ein warmes Haus, ein gutes Essen und saubere Wäsche, und Kinder brauche man auch.

Seine Frau könne eigentlich Notar werden, und er zu Hause bleiben, sinniert der Notar und zieht an seiner Zigarre. Intelligent genug sei sie, resolut für zwei, und er könne daheim den ganzen Tag Beschäftigungen nachgehen, die ihn mehr interessieren als die Vermögensdispositionen seiner Mandanten.

Das, fällt der Landwirt ein, sei eigentlich nicht das schlechteste. Auch seine Frau könne an und für sich die lästige Korrespondenz erledigen, sich Sorgen machen über den Preisverfall beim Weizen und schlecht schlafen, wenn ein Gewitter oder Schädlinge die Mühe eines Jahres zunichte machen.

Ein schöne Vorstellung, befindet der Bankier und seine Miene hellt sich auf. Würde auch seine Frau einem Berufe nachgehen, so laste die Versorgung nicht mehr auf ihm. Tun und lassen könne er, was ihm beliebe, ein paar Tage aufs Land fahren, wenn er wolle, und wenn seiner Frau das Geld nicht reiche, so müsse sie eben mehr arbeiten.

Aber werden die Frauen sich einfach so in die Büros schicken lassen?, fragt der Landwirt in die Runde. – Man muss es ihnen nur schmackhaft machen, befindet der Bankier. Zum Widerspruch müsse man sie reizen, indem man laut und öffentlich behaupte, sie seien zu dumm zum Geschäftemachen und erst recht zum Studieren. Man müsse die Vorteile der Selbständigkeit und Unabhängigkeit – hier hört man den Bankier lauthals seufzen – in grellen Farben ausmalen und erzählen, Frauen seien der Freiheit gar nicht gewachsen.

Keine schlechte Idee, nicken die Herren sich zu und ziehen an ihren Zigarren.

Karlsbader Notizen (2)

III.

Die Spuren der in den letzten Jahrzehnten angerichteten Verwüstungen sind auch im Hotel nicht zu übersehen. Zwar sind die Gesellschaftsräume – der herrliche Speisesaal mit seinen apart nachgedunkelten Gemälden, und die Halle in dem für Hotelbauten des 19. Jahrhunderts charakteristischen anglisierenden Stil – im Wesentlichen unversehrt und entsprechen, ausweislich einiger Photographien an den Wänden, ungefähr der Gestaltung zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Für die Zimmer gilt dies allerdings nicht im selben Maße.

Erkennbar stand zwar der Wunsch nach einer Annäherung an die versunkene Grandezza der Hotelpaläste der Belle Epoque Pate bei der Neugestaltung, die nach 1990 vollzogen wurde. Tatsächlich ist dort, wo der Boden der Konvention aus dunklem, polierten Holz, Chintz und den beruhigenden Farben englischer Wohnzimmer nicht verlassen wird, dieses Vorhaben als im Großen und Ganzen gelungen zu betrachten. Allerdings zeugen Nuancen von der ästhetischen Katastrophe des real existierenden Sozialismus. Ein vollkommen verdorbener Farbensinn etwa, der für den fleischfarbenen Grund einer an und für sich unbedenklich geblümten Tapete verantwortlich sein muss. Die Bodenbeläge der Flure, auf die die Imitation eines persischen Läufers aufgedruckt zu sein scheint, und die in einem abstrusen Gegensatz zu der Pracht der vielleicht etwas zu sorgfältig restaurierten Stuckatur steht, und – rührend possierlich – eine kleine Topfpflanze mit dicken, gummiartigen Blättern auf einem viktorianischen Blumenschemel zur Seite meines Bettes: All dies erinnert an eine Dame in Abendgarderobe, aufwendig frisiert mit sorgfältig gewähltem Schmuck, deren Füße in rosa Gesundheitslatschen aus Plastik stecken und die sich nicht im Geringsten für diese Entgleisung schämt.

IV.

Woher wissen eigentlich die anderen Leute, was ihnen zuträglich ist, frage ich mich und sehe mich um. Vor und innerhalb der Kolonnaden sitzen und stehen Menschen jeden Alters – sogar ein paar Kinder sind dabei – und trinken langsam und andächtig aus den geschwungenen Tüllen ihrer Karaffen. Warm ist das Wasser, salzig und ein wenig bitter, und entbehrt gänzlich jener Frische, die man normalerweise mit Quellen assoziiert. Für einen Moment frage ich mich, ob der gute Ruf des Karlsbader Wassers nicht möglicherweise gerade auf seinem wenig ansprechenden Geschmack beruht, was, wie man weiß, die Wirksamkeit von Medikamenten in der menschlichen Vorstellungskraft erhöht.

Wie viel Wasser trinkt man täglich richtigerweise, wenn man eigentlich, sinniere ich, gar nichts hat, abgesehen vielleicht von einer gewissen Nervosität. Gibt es irgendwo Anleitungen, wie eine ordentliche Wasserkur auszusehen hat? Sollte, müsste oder könnte man zumindest einen Badearzt konsultieren, oder ist hier jeder seiner eigenen Wasserkur Schmied?