Karlsbader Notizen (1)

I.

Die Brücke zur Innenstadt, behauptet der Taxifahrer, sei gesperrt, und fährt sehr, sehr langsam in weitem Bogen um die Stadt. Der uralte Mercedes keucht und stöhnt wie ein Droschkengaul, und sogar der Plüschlöwe am Rückspiegel macht einen sonderbar angestrengten Eindruck, als sei das Baumeln eine schwierige und strapaziöse Angelegenheit.

Es sei langweilig hier für junge Leute, behauptet der Taxifahrer und zählt abfällig ein paar Adressen auf. Nichts für junge Frauen, beeilt er sich hinzufügen und zündet sich eine weitere Zigarette an ihrer heruntergebrannten Vorgängerin an. Nach Prag könne er mich fahren, bietet er an. Eine Stunde. € 100,–. Ich könne einkaufen, er würde warten und führe mich nach dem Einkaufen wieder nach Karlsbad zurück. – „Nein?“, fragt er nach, als habe er mein Kopfschütteln falsch verstanden, und sein Angebot sei nichts, was man ablehnen könne.

Nein, beharre ich, und enttäuscht verstummt der Taxifahrer. Erst auf der Auffahrt des Hotels richtet er wieder das Wort an mich. Wann ich zurückfahre, will er wissen. Er hole mich ab. Lächelnd schüttele ich den Kopf. Verstimmt bleibt der ältere, etwas formlose Mann hinter dem Lenkrad sitzen und überlässt es einem ältlichen Pagen, mein Gepäck aus dem Kofferraum zu holen.

II.

In der Hotellobby bin ich der einzige Gast. Überhaupt atmet das Hotel eine leichte nachsaisonhafte Melancholie, die ich mir mitten im Sommer nicht recht erklären kann. Es scheint kaum Gäste zu geben, stetig sitzen die selben beiden Araber mit imposanten Schnauzbärten in der Lobby, sehen konzentriert fern und rauchen schlanke, etwas affektiert wirkende, schneeweiße Zigaretten. Außer den beiden Lobbydauergästen sehe ich ein paar lautlose, japanische Familien, eine tief verschleierte Frau mit einem ebenfalls verschleierten Kind an der Hand, und ein paar sportliche Deutsche in farbenfroher North Face Wanderbekleidung stramm durch die Hotellobby marschieren.

An der Rezeption stehen zwei magere, hochgewachsene Mädchen, ein wenig zu blondiert für ihre rosigen Gesichter und lächeln eisern gegen die Leere in der Hotelhalle an. Mit einer etwas militärisch anmutenden Professionalität schlagen die beiden mir den Zimmerschlüssel, verschiedene Vouchers und Broschüren auf den Tresen, als gelte es, Fliegen zu erschlagen und schicken mich in mein Zimmer. „Sie werden sich wohlfühlen!“, schärft mir die Größere der beiden ein, und die andere nickt.

Der Urlaub bekommt mir nicht

10.30. Erwacht. Mit geschlossenen Augen liegen geblieben. Letzte Reste reger Traumtätigkeit suggerieren den Aufenthalt in einem Bahnabteil, das ich ohne Geld verlassen muss. Furchtbarer Hunger. Im Traum einen Markt aufgesucht, wo ein freundlicher Basarverkäufer mir kostenlos spitze, metallisch glänzende, stricknadeldünne Fische freigebig in eine Plastiktüte füllt. Hätte ich Geld dabei, könnte ich selber wählen und Fleisch kaufen statt der wenig verlockenden Fische, ärgert sich mein Traum-Ich und zieht mit der Fischtüte ab.

Sollte ich mehr Fisch essen, frage ich mich beim Erwachen. Heute Forellen, beschließe ich und taste nach meiner Brille.

11.15. Der Käse von Kaufhof taugt wieder nichts. Aus der Mitte des Käses bröckeln mir unregelmäßige Bruchstücke des Brie de Meaux entgegen. Künftig ins Lafayette. Nach kurzer Überlegung, den Käse im Backofen zu erwärmen, um dem Gekrümel ein Ende zu machen, missmutiger Verzehr.

11.45. Mir ist langweilig. Lese ungefähr zehn Seiten einer Biographie und weitere zehn Seiten eines Romans, dessen Titel mehr verspricht, als der Inhalt zu halten in der Lage ist. Zärtliche Betrachtung des ansehnlichen Stapels jüngst erworbener Bücher. Sodann spontane Irritation: Auf der Hälfte aller aktuell vertriebener Bücher, ob Klassiker oder modern, prangt eine Empfehlung der unsäglichen Frau Elke Heidenreich. Künftig nur noch Antiquariate.

13.00. Vielleicht doch kein Fisch? Lebhafte Schnitzelvisionen.

13.30.
Verschiedene Bekannte bei Google eingegeben. Alle sind promoviert, nur ich nicht.

14.15. Öffne mehrmals meine Dissertation und schließe das Dokument wieder. Du hast doch Urlaub, sage ich mir und setze mich demonstrativ aufs Sofa. Tu doch einfach mal nichts, denke ich und stelle mich vor den Spiegel. Nichtstun, sage ich laut. Regeneration. Bewusste Untätigkeit! Müßiggang! – Nichts hilft.

14.30. Neurasthenie. Reibe immerzu Daumen und Zeigefinger aneinander und klopfe ab und zu mit Zeige- und Mittelfinger der linken Hand gegen mein Kinn. Rückkehr ins Bad. Beim Versuch, Badewasser einzulassen, den Stöpsel abgebrochen, mit dem man den Austrittsort des Wassers einstellen kann. Nun fließt das Wasser nur noch aus dem Hahn. Auch egal, sage ich ein paarmal laut und zerbrösele das letzte Drittel eines festen, ölkreideartigen Badezusatzes, den der J. mir geschenkt hat. Es riecht nach Cassis.

14.15. Interessierte Betrachtung meiner Fingerkuppen. I am the walrus!, konstatiere ich und entsteige der Wanne. Wiederholte Inspektion, ob wirklich körperlich symmetrisch beschaffen. Negativer Befund.

14.30. Das ungute Gefühl, die Körperwahrnehmung rage jeweils etwa einen Zentimeter über den eigentlichen Körper hinaus.

15.00. Nach Jahren wieder längere T-Shirts. Ist das wirklich kleidsam? Sehe ich übermäßig kurzbeinig aus? Oder ist das in meinem Alter schon egal?

15.15.
Wozu das alles noch. Lebenskrise auf dem Fahrrad zwischen Kastanienallee und Hamburger Bahnhof.

16.15. Die modernen Kunstwerke gefallen mir nicht. Erneutes Bewusstsein bestürzender Konventionalität. Von mir aus hätten sie 1950 aufhören können mit Malen, formen sich wahrhaft banausische Gedanken und drücken von Innen gegen meine Zähne. Mühsam geschwiegen, um keinen merkwürdigen Eindruck zu hinterlassen bei A.`s Freundin, die mich nicht kennt.

17.15. Freude über die spontane Produktion einer Empfindung angesichts eines verstümmelten, ausgestopften Pferdes. Immerhin. Ekel funktioniert noch.

17.45. Präparatensammlung. Wird den anderen Leuten hier eigentlich nicht übel? – Die waren schon vorher tot!, beruhige ich mich angesichts der missgebildeten Föten mit übergroßen Köpfen oder ohne Gehirn mit ganz eingedrückter Hirnschale. Optisch äußerst eindringliche Vorstellung meiner selbst in einem riesengroßen Gurkenglas, nackt, vor dem Schulklassen stehen und lachend auf meine Hüften zeigen. Die fette Frau, kreischt es vielstimmig in meiner Vision. Magere Mädchen schlagen sich stolz auf ihre fleischlosen Bäuche.

18.30. Jetzt von einer Wespe gestochen werden und einfach sterben, denke ich und zähle die grell-gelben Streifen auf dem Leib des Insekts, das abwechselnd um das Glas Fassbrause meiner Nachbarin und um meinen Pfefferminztee herumfliegt, unschlüssig, wer allergischer ist.

19.30. Fisch. Ich hätte Schnitzel kaufen sollen.

20.00. Alles sinnlos. Kurze Versuchung, meine gesamte Dissertation einfach zu löschen. Leider liegt eine erste Fassung (eine vorläufige Fassung, sage ich mir) meinem Doktorvater bereits vor und hat ihm gefallen.

22.00. Grundlegende Umwälzungen. Gliederung umgestellt. Andere Ergebnisse. Diese Dissertation ist noch zu retten, sage ich mir mehrmals nachdrücklich vor. Heute, morgen, übermorgen, plane ich die erste Hälfte meines restlichen Urlaubs.

24.00. Mir geht es gut, bekräftige ich und ziehe ein paar Fratzen vor dem Spiegel.

Morgen vielleicht Schnitzel.

Das tägliche Leben

tua res non agitur

Von keiner europäischen Epoche, will mir scheinen, ist unsere Vorstellung so präzise wie von den knapp 150 Jahren zwischen dem Aufstieg Napoleons und dem Tod Adolf Hitlers. Dies mag zum einen an den technischen Möglichkeiten der Dokumentation liegen. Überdies fördert die zeitliche Nähe und die massenhafte Existenz von Zeitzeugnissen in Form von Tagebüchern, Briefen etc. aus so gut wie allen europäischen Regionen und Gesellschaftsschichten unsere Vorstellung, wie das Leben der Menschen tatsächlich verlaufen sein muss. Zu einem nicht geringen Teil aber beruht unsere Kenntnis dieser Jahrzehnte auf der Präzision ihrer Literatur.

In jenen Jahren, so wissen wir, gelangt der Roman zu einer seither kaum mehr übertroffenen Meisterschaft, die Gegebenheiten des äußeren Lebens mit einer Genauigkeit abzubilden, die es uns ermöglicht, den Speiseplan einer Lübecker Kaufmannsfamilie ebenso nachzuvollziehen wie die genauen Umstände des Aufstiegs eines französischen Journalisten, die Urlaubsgewohnheiten einer Wiener Arztfamilie oder die Art und Weise, wie ein russischer Aristokrat Weihnachten feiert. Wir wissen, welche Vorbereitungen ein Ball in der britischen Provinz erfordert. Wir kennen aber auch nicht minder die Ängste eines Pragers Angestellten, die Inkonsequenzen einer Gesellschaft, die eine russische Dame am Ende unter die Eisenbahn bringen, und hören den Lügen dieser Epoche ebenso zu wie ihren Witzen, ihren Wahrheiten, ihren Traurigkeiten und ihrem Tod. Wir sind, mit einem Wort, mit dem alltäglichen Leben des Bürgers des 19. Jahrhunderts und des frühen 20. in hohem Maße vertraut.

Mit dem Krieg, mit der Gruppe 47 vielleicht, vielleicht auch noch später, hört die deutschsprachige Literatur langsam erst, dann schneller auf, das alltägliche Leben zu beschreiben. Es scheint, als ob insbesondere das Leben des Durchschnittsbürgers stark an Interesse für diejenigen verloren hat, die es zwar meist – dem eigenen Herkommen nach – kennen müssten, es zu beschreiben aber wenig Liebe zeigen. Spielt ein Roman doch einmal in der Welt der dauergewellten Vorzimmerdamen, der rheinischen Notare oder der Sachbearbeiter in einer großen Behörde, so scheinen die Autoren ihrem Sujet nie ganz zu trauen.

Nun gibt es sicherlich keinen Grund, die Welt eines badischen Hosenfabrikanten langweiliger zu finden, als die Welt der vermutlich überaus banalen Madame Bovary. Gleichwohl flüchtet die Literatur entweder in die vermeintlich pittoreske Welt an den Rändern der Gesellschaft, die – so meine Vermutung – keinesfalls so beschaffen sein kann, wie sie in den Romanen insbesondere der letzten drei Jahrzehnte auftaucht. Das Leben auf der Straße mag des Erzählens wert sein – Gründe, es interessanter, reicher oder vielschichtiger zu finden als das Leben desjenigen, der sich Gedanken nicht über das „Ob“ eines Bettes zur Nacht, sondern über das „Wie“ seiner Schlafzimmereinrichtung macht, sind nur schwer ersichtlich.

Flüchtet die Literatur nicht aus dem Leben der Mittelschicht (die gerade amerikanische Autoren zeitgleich durchaus zu inspirieren scheint), so misslingt die Darstellung des alltäglichen Lebens oft aus einem etwas überraschenden Grunde: Die Verachtung des Bohémiens für den Bürger ist weder neu, noch war das 19. Jahrhundert frei von diesem Dünkel. Allerdings scheint es den Autoren jener Jahre besser gelungen zu sein, der Kraft ihrer Worte vertrauend, auf übertreibende, ihren Gegenstand verzeichnende Darstellungen zu verzichten. Dem gegenüber entspricht die Darstellung des Alltagslebens der letzten Jahrzehnte und der unmittelbaren Gegenwart keineswegs der Realität, noch sind die Protagonisten so flach, so dumm oder so brutal, wie dies die Gegenwartsliteratur nahelegt. Ob hier Unerfahrenheit oder schlichte Arroganz die Quelle der Fehldarstellung bilden, gehört zu denjenigen Dingen, über die nachzudenken wohl ebenso wenig brächte wie ein paar direkte Fragen.

Dieses etwas eigenartige Verhältnis zur bürgerlichen Realität führt zu sonderbaren Konsequenzen: Da der Held einer tragischen Liebesgeschichte offenbar nicht Mitarbeiter der Schadensabteilung einer Versicherung sein darf, und die erfolgreiche Umsetzung einer Firmenfusion keinen Gegenstand von Romanen bildet, spielt ein guter Teil der Gegenwartsliteratur in einer Welt, die es so nicht gibt. Die Einbettung in eine vollkommen künstliche oder schlicht nur angedeutete Umgebung enthebt den Autor der Notwendigkeit, eine realistische Darstellung der Welt zu liefern, wie sie aussieht, wie sie riecht und schmeckt, und wie diejenigen, die sich in ihr bewegen, denken, wie sie lieben, was sie ärgert, und wie sie sprechen. Das in der deutschen Kunstprosa der Gegenwart gesprochene Idiom ist vollkommen artifiziell.

Im Ergebnis findet eine Dokumentation des Alltagslebens, wie sie für das 19. Jahrhundert mit einer fast beängstigenden Lückenlosigkeit existiert, nicht mehr statt: Die ernste Literatur, die auf Kritiken und Preise schielt, will ihre Kunstfertigkeit nicht auf das Leben der Mehrheitsgesellschaft verschwenden. Die Unterhaltungsliteratur ist, soweit ich sie kenne, dazu nicht in der Lage. Die Tragik, die Ambivalenz und das ganz normale Leben des Bürgers dieser Tage findet damit keinen Niederschlag in der anspruchsvollen zeitgenössischen Literatur, die den Wunsch, ihre Zeit abzubilden, aufgegeben zu haben scheint zugunsten eines Anspruchs, der viel mit Artistik zu tun hat, und wenig, will mir scheinen, mit dem Wille, uns aufzubewahren mit unseren Abenteuern, unseren Träumen, unseren Fehlern und Verbrechen und dem, was unsere Tage tatsächlich füllt, und so wird unsere Welt mit uns sterben.

Das Mückenmahl

Ganz generell kann man ja froh sein, dass die Evolution einen nicht erwischt hat, als ihre Pranken noch mächtiger waren, als dies heute der Fall ist, und die natürliche Auslese mich nicht zu Zeiten aussortiert hat, als Kurzsichtigkeit, Schwerhörigkeit und die Unfähigkeit, sich im dreidimensionalen Raum zurechtzufinden, noch ausgereicht hätten, mich noch im Kindesalter von einem Bären fressen zu lassen, oder schlicht beim Beerensammeln verloren zu gehen und nie wieder nach Hause zu finden. Ein weiterer Umstand hätte mein Überleben in der Urgesellschaft vermutlich durchaus schwierig gestaltet: Wo ich bin, sind Mücken, wo Mücken sind, wird man gestochen, und wer gestochen wird, riskiert in den feuchten Mooren der Urzeit gefährliche Infektionen und einen baldigen Tod.

Dies immerhin dräut nicht hierzulande, wo weit gefährlicher als der Tod durch Malaria der Tod durch wildgewordene Autofahrer sein dürfte, und doch erweist sich täglich, dass auch heute die Anziehungskraft auf Stechmücken einen echten Nachteil im harten Überlebenskampf darstellt, welcher, wie man weiß, aktuell eher auf Straßen und in Büros stattzufinden pflegt als in den dichten Wäldern der Urzeit.

Komplett zerschlagen nämlich, müde wie eine junge Mutter, mit Ringen unter den Augen, die vom Umfang her fast Untertassen gleichen, und verbeult wie ein Opfer der pestis bubonis, sieht der geneigte Passant eine durchaus geräderte Dame auf dem Fahrrad den Alex überqueren, knapp nur sieht sie in letzter Minute die dahinsausenden Gefährte motorisierter Zeitgenossen, und dass nicht auf den knapp acht Kilometern zwischen ihrem mückenverpesteten Heim und ihrem nict minder insektenstarrenden Büro die Kraftfahrzeuge ihr den Garaus machen – das, verehrter Leser, ist weniger ihr als dem Glück und der Aufmerksamkeit Dritter zu verdanken. Tief in Gedanken, über den Lenker gebeugt, sieht man sie die Spree entlang radeln, fahrig wedelt sie aus purer Gewohnheit imaginäre Insekten vor ihrem Gesicht nach rechts und links, um sich, wartend an der Ampel, mehrfach herzhaft zu kratzen.

In ihren Ohren saust es von Müdigkeit, alle Mücken der Stadt summen ihr Schlaflieder vor, und dass sie, endlich im Büro angelangt, nicht sofort in Schlaf versinkt: Dies, oh hoffentlich mitleidiger Leser, dies ist ganz allein den Mücken anzulasten, die auch hier, den Fluß vor der Türe, seit Stunden schmatzend vor Begierde, der Ankommenden harren, an ihrem Blute zu saugen, riesengroße Beulen hinterlassend, und nach kurzem Verdauungsschlafe wiederkehrend, in Begleitung natürlich, schwankend vor Völlerei, und so angefüllt mit nahrhaftem Blute, dass sie dort, wo man die eine oder andere mit gezieltem Schlage zerdrückt, spektakuläre Blutflecken hinterlassen.

Belehrung eines jungen Mädchens

Wer wird denn gleich von Verstellung sprechen, meine Liebe. Verstellung ist ein hartes Wort. Sprechen wir lieber von einer Art Höflichkeit, einer Konzession an die Menschen um Sie herum, und nicht zu vergessen: Auch an Sie selbst.

Sie möchten aber genau so sein, wie Sie sind? Lachen, wenn Ihnen etwas lustig erscheint, auch wenn sonst keiner lacht? Fluchen, wenn Sie sich ärgern, morgens einfach anziehen, was Ihnen gefällt, auch wenn das sonst keiner trägt? Einfach weggehen, wenn Sie sich langweilen, laut dazwischenfahren, wenn Sie finden, das müsse jetzt so sein?

Na, herzlichen Glückwunsch. Sie werden einigen Ärger haben mit sich selbst und dem Rest der Welt, und – lassen Sie es sich gesagt sein von einer Dame in in Ihren Augen durchaus mittleren Jahren – niemand wird dabei zu Schaden kommen als Sie.

Nehmen Sie beispielsweise den Schulunterricht. Lassen Sie es sich keinesfalls anmerken, etwas besser zu wissen als andere Leute. Sie kommen sonst – eins, zack, drei – in einen unmöglichen Ruf. Insbesondere Begeisterung sollten Sie gefälligst für sich behalten, bis Sie sorgfältig geprüft haben werden, ob das Ziel Ihres Enthusiasmus Außenstehenden auch nur halbwegs vermittelbar ist. Ich beispielsweise genieße bei denjenigen Leuten, mit denen ich einst den Leistungskurs Geschichte besucht habe, vermutlich bis heute einen leicht skurrilen Ruf, der vorwiegend auf eine als reichlich übersteigert empfundene Liebe zur alten Geschichte zurückzuführen ist. Eine vergleichbare Vorliebe für irgendeinen schönen Fernsehseriendarsteller oder eine Band dagegen wird Ihrem Ruf als reizendem Mädchen weitaus weniger schaden.

Sie wollen gar kein reizendes Mädchen sein? Sie wollen so gemocht, ach: geliebt, werden, wie Sie sind? Meine Liebe, niemand wird wegen jener Eigenschaften geliebt, die ihn von anderen unterscheiden. Mit den geistigen Eigenschaften ist es wie mit der Körperlichkeit: Je durchschnittlicher eine Person ist, je gemäßigter ihre Vorlieben und Abneigungen, um so eher darf sie hoffen, auf Anklang zu finden. Dem Begriff der Eigenheiten ist nicht umsonst ein etwas missbilligender Beiklang zu eigen, und alles, was nur Sie, und keine anderen Leute, tun oder denken, wird von jenen Menschen, von denen Sie geschätzt, eingeladen und vielleicht geliebt werden wollen, betrachtet werden wie eine allzu lange Nase, zu dicke Fesseln oder ein zu spitzes Kinn. Lernen Sie beizeiten, Extravaganzen zu meiden.

Lernen Sie lächeln. Jedem intelligenten Wesen fallen Torheiten auf. Nicht besonders intelligent ist es dagegen, sich dies auch anmerken zu lassen. Dummheit und geistige Inkonsequenz, Brutalität und Empfindungslosigkeit, fehlender Schönheitssinn und Banalitäten jeder Art werden nicht den Dummen und Banalen, sondern Ihnen schaden, wenn Sie sich anmerken lassen, dass Sie gelangweilt sind, vielleicht sogar abgestoßen.

Werden Sie unempfindlich. Das Heulen mit den Wölfen ist zu Unrecht in die Kritik geraten. Lernen Sie, Erziehungsmaximen zu hinterfragen: Opportunismus ist eine Kunst, die jedem zum Vorteil gereichen wird, dem man die Meisterschaft nicht anmerkt. Insbesondere aber dies: Schweigen Sie.

Legen Sie sich ein paar Themen zurecht, mit denen Sie Ihre Konversation bestreiten. Versuchen Sie nicht zu glänzen. Ich persönlich spreche meist über Handtaschen, Fluglinien und Bars. Nicht, dass mich diese Themen mehr interessierten als Cicero, das europäische Barock oder die Ontologie – indes verbringe ich meine Abende nicht gern allein, und die Anzahl insbesondere männlicher Menschen, die dies schätzen, ist gering, und wird nicht steigen in den nächsten Jahren. Machen Sie sich nichts vor: Auch jene Herren, die ihrerseits das Barock oder die Lyrik lieben, schätzen ein verständiges Schweigen höher denn einen fachlichen Austausch.

Vermeiden Sie insbesondere emotionale Extravaganzen. Weltschmerz, Düsterkeit, am Ende noch Gedichte schreiben, behalten Sie besser für sich. Das Tonio-Kröger-Syndrom, eine gewisse Portion jugendlicher Verfinsterung, wird nur dort augenzwinkernd gebilligt, wo es bei Knaben auftritt. Als Mädchen, meine Liebe, machen Sie sich höchstens lächerlich, und auch die verdüsterten Jünglinge, werden ihr Herz an muntere, lustig flatternde Geschöpfe verlieren und nicht an Sie. Für weibliches Freaktum bietet die Gesellschaft kein Rollenmodell.

Apropos Gesellschaft: Fangen Sie gar nicht erst an, über Staat und Gesellschaft nachzudenken. Sie werden zwangsläufig auf dunkle Ecken stoßen, Sie werden sich aufregen, denn die Welt ist voller Ungerechtigkeit, und am Ende wird weder die Welt etwas davon haben noch Sie. Beobachten Sie sich sorgfältig – vermeiden Sie die Berührung mit Themen, die Sie mehr als andere empören, denn Empörung ist als Zustand sowohl nutzlos als auch völlig unpassend und geht anderen Leuten zu recht auf den Geist. Aber ich will Sie nicht entmutigen: Haben Sie eine Meinung – aber vermeiden Sie übermäßiges Engagement. Lassen Sie es sich gesagt sein: Die einflussreichsten Menschen, die ich kenne, haben höchstens Spurenelemente feststehender Positionen, und Leute mit ausgeprägten Ansichten lässt zu recht keiner an die Macht.

Und am Ende nur dies: Amüsieren Sie sich. Denn das Leben ist kurz, und wer wären wir, urteilen zu können über andere oder auch nur über uns. Seien Sie angenehm, denn die Welt ist voll der Unannehmlichkeiten, und wo kämen wir denn hin, wenn kluge Menschen ihren Kopf nur um Unruhestiften benützen. Lächeln Sie, bis keiner mehr weiß, dass Sie über – und nicht mit – der Welt über ihre sonderbaren Sitten und Gebräuche das Gesicht verziehen. Und seien Sie nachsichtig. Mit sich und mit allen anderen, und insbesondere mit den Dingen, die Sie nicht ändern werden, weil sie sind, wie sie sind, und vielleicht ist das gut.

Sommermorgen

Mit Wassertropfen funkelnd behangen neigen die Weiden sich dem Schilfe zu. Noch ist das Gras nass von der Nacht und vom Regen, noch sammelt sich das Wasser auf ein paar tiefer gelegenen Fliesen der Terrasse, die, wohl vor kurzem erst erneuert, schon wieder absackt, sinkt, der müden Erde hinterher.

Wie groß doch Bäume sind, denke ich, und lächele über diesen Gedanken. Wie schnell man den Geruch von Sommer und Erde vergisst. Den Duft von feuchtem Gras. Die Stille, als gebe es keine anderen Menschen. Die Leere des Himmels morgens um fünf, wenn man aufwacht, am Ende der Welt, um ein paar Schritte durch den Park zu gehen, vorbei am ausgeblühten Flieder, an ein paar moosumflorten Steinen, um ein paar Atemzüge lang der erste Mensch auf Erden zu sein, allein unter Gottes straff gespannten Himmel, und es wäre der kommende Tag ein Fest, ein Rausch aus Wein und gelben Rosen, Fanfaren, Fackeln, Birkenglanz, und nicht ein Tag wie jeder andere.

Von mir kriegst du nichts

Nicht, dass es nennenswert viel zu vererben geben würde bei uns zu Haus, doch aus einer schwer erklärlichen Mischung aus Streitlust und innerfamiliärer Verbitterung über die jeweils anderen Verwandten endet, seit ich denken kann (und wahrscheinlich schon erheblich länger), jeder innerfamiliärer Todesfall mit einer erbschaftsrechtlichen, in aller Regel gerichtlichen Auseinandersetzung. Welcher Stellenwert dem Erben und Vererben innerfamiliär zukommt, lässt möglicherweise eine Episode erkennen, an die ich – gleichwohl Hauptprotagonistin – mich nicht die Spur mehr erinnern kann, gleichwohl schwören alle Anwesenden Stein und Bein, dies habe exakt so und nicht anders stattgefunden.

Ungefähr achtjährig, sagt man, hätte ich auf dem Spielplatz eines Ausflugslokals mit meiner Schwester, zwei Vettern und einigen anderen, mir nicht verwandten, sondern vor Ort vorgefundenen Kindern gespielt. Im Zuge des Spiels seien Unstimmigkeiten aufgetreten, laut sei es geworden zwischen Rutsche und Sandkasten, und auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen hallte weithin hörbar bis zur unweit belegenen Terrasse des Lokals mein erbitterter Ausruf: „Von meinem Geld sollst du nichts haben!“, gefolgt von den unmissverständlichen Worten: „Dich streich‘ ich aus dem Testament!“ – Besonderes Erstaunen ob der an sich eher unkindlichen Reaktion erregten diese Worte bei den volljährigen Familienmitgliedern auf der Terrasse des Lokals, sagt man, indes nicht.

Keiner Bestattungsfeier, ich schwöre, hätte ich jemals beigewohnt, auf der die Frage nach Erbschaft und Vermächtnis nicht spätestens beim tröstenden Kuchen, wenn nicht sogar bereits am offenen Grab debattiert worden sei. Kein 80. Geburtstag, bei dem nicht zumindest in der Küche, fernab von Reden und Glückwünschen, diskutiert worden sei, was mit Haus und Geld, Schmuck und Silber zu geschehen sei, wenn es sich einmal ausgefeiert haben sollte, und kein Familienmitglied, das nicht alle paar Jahre, familiären Verwerfungen Rechnung tragend oder auch einfach so, sein Testament zu ändern pflegt. Im Nachhinein darf in mindestens der Hälfte aller Fälle durchaus bezweifelt werden, ob die so angeordnete Erbfolge tatsächlich dem Willen des Verstorbenen entsprach oder nicht etwa einer schlichten Laune folgend im festen Bewusstsein niedergeschrieben wurde, es dem Rest der Familie einmal kräftig zu zeigen und zu einem unbestimmt späteren Zeitpunkt von der demonstrativen Geste bei einem verschwiegenen Notar wieder clamheimlich abzurücken.

Nicht wenige Familienmitglieder beispielsweise hegen ernsthafte Zweifel daran, ob etwa Onkel P. den nicht unerheblichen Teil seines Besitzes, welcher sich in seinem Weinkeller manifestierte, wirklich einer wohltätigen Organisation vermachen wollte, die insbesondere in Afrika den Welthunger bekämpft, oder nur der Tante vor Augen führen wollte, was ihr blühen werde, werde der am Ende bettlägrige Onkel nicht wunschgemäß gepflegt. Im Zuge der Demonstration – die der Onkel vermutlich nach und nach zu intensiveren plante – war selbiger indes verstorben.

„Das kann er nicht ernst gemeint haben.“, waren sich daher die nach der Beerdigung in der Küche versammelten Tanten und Großtanten vollkommen einig, thematisierten die lange und schwere Erkrankung des Onkels, die unzureichende Pflege durch die dazugehörige Tante, deren hühnerhafte Aufregungszustände allen Anwesenden schon seit der frühmorgendlichen Grablegung ganz entsetzlich auf die Nerven fiel, und die immer häufiger werdenden geistigen Absenzen in den letzten Monaten seines Daseins. „Seiner eigenen Frau das Schwarze unter den Nägeln nicht zu gönnen!“, ereiferte sich meine Tante L., und rang buchstäblich die Hände. Seinen Weinkeller vorbei am eigenen Fleisch und Blut Leuten zu vermachen, die vermutlich nicht einmal Wein trinken, fand auch meine Großmutter nicht gut, und überhaupt war man sich einig, dass wohl kaum die dürstenden Kinder Afrikas, sondern bloß die ortsansässigen Mitarbeiter der karitativen Organisation von diesem geradezu unanständigen Exzess der Wohltätigkeit profitieren würden.

Von langgezogenen Schluchzern geschüttelt lag die frisch verwitwete Tante währenddessen im Bett. Ab und zu trat eine der Nichten und Schwiegernichten (die Ehe war kinderlos geblieben) behutsam in ihr Schlafzimmer, tätschelte ihr vorsichtig die Schulter und stellte einen mit Kuchen und Schnittchen gefüllten Teller auf den Nachtschrank. Zwar erfolgte keine sicht- oder hörbare Reaktion der Dankbarkeit aus dem Polstergebirge, unter dem sich der Tante Kopf verbarg, indes konnte einige zehn Minuten später der leere Teller wieder hinausgetragen werden. Ganz so untröstlich, zischte man sich in der Küche zu, war die Tante also offenbar doch nicht.

Hätten die anwesenden Tanten und Großtanten gewusst, dass nur unziemliche zehn Monate später ein anderer Herr ins Haus des Onkels einziehen würde, man würde sich gewünscht haben, Onkel P. hätte alle seine weltlichen Güter, statt nur den Weinkeller, den armen Kindern in Afrika vermacht, und auch die Tatsache, dass die gierigen Mitarbeiter der wohltätigen Organisation nicht nur die Flaschen selber, sondern auch die Kühlschränke und Weinregale als ihr Erbe deklarierte, hätte unter diesem Aspekt den Beifall der übrigen Verwandtschaft gefunden, die vor Entrüstung monatelang kein Wort mit der Abtrünnigen sprach. Als man sich allerdings wieder dazu bereit finden wollte, die unterbrochene Konversation fortzusetzen, war, wie es bisweilen zu gehen pflegt, die ehemalige Tante nicht mehr an der Fortsetzung der Verwandtschaft interessiert.

Mit der Erkenntnis, eine wahre Schlange am Busen der Familie genährt zu haben, zog die Sippe sich schwer gekränkt zurück.

Auch ganz gern zurückgezogen hätte man sich allgemein von der Tante T., so gern nämlich, dass jene Tante ohne das Attribut „die angeheiratete“, was eine leicht gequälte Distanz ausdrücken sollte, überhaupt nicht vorkam, denn jene Tante war nicht nur rechtsradikal und als junge Frau von Arno Breker in Metall gegossen worden, nein, die Tante, Mutter der 2. Frau meines Onkels A., war auf ihre alten Tage zur fanatischen Christin geworden und verängstigte mit eindringlichen Visionen vom Höllenfeuer besonders gern die minderjährigen Kinder ihrer angeheirateten Verwandtschaft. In ihren Erzählungen langten stets der Hölle blutige Klauen nach unfrommen Kindern. Das ewige Feuer der Verdammnis erfasste ihren Mitteilungen nach nicht nur Menschen, die die Ehe brachen oder Tiere quälten, nein, auch Kinder, die zwischen den Mahlzeiten Schokolade essen, mit ungewaschenen Händen zu Tisch erschienen oder vor den Klavierstunden nicht übten, fielen dem Teufel anheim, der sie an langen Spießen über dem offenen Feuer zu braten plante.

So kritisch die Tante T. gegenüber Kindern auftrat, so nachsichtig war sie gegenüber ihrem Hund. Diesem, einem fetten Vieh mit Hüftdyplasie und spärlichem Haarwuchs, war sie zärtlich zugetan, und als es ans Sterben ging, dauerte sie das weitere Schicksal des Hundes mehr als ihr Seelenheil oder gar das weltliche Wohlbefinden ihrer Tochter. Nicht nur Unterkunft und Ernährung des missgestalteten Tieres lagen ihr am Herzen, auch die Seele ihres Hundes wollte die angeheiratete Tante T. nicht sich selber überlassen, und so traf sie die Verfügung, dass ein ortsnaher Orden frommer Damen sich des Hundes insoweit annehmen sollte, dass gegen ein Vermächtnis in Geld täglich eine bestimmte Anzahl „Ave Maria“ zugunsten des Hundes zu beten sein sollten.

Dies indes lehnten die frommen Damen ab. Ob nun das Geld, wie es innerfamiliär hieß, schlicht zu knauserig bemessen war, oder ob tatsächlich Hinderungsgründe reigiöser Natur bestanden: Die Schwestern behaupteten, für einen seelenlosen Hund dürfe und könne man nicht beten.

Da die Tante T. diesem Verbot jahrelang zuwidergehandelt hatte, schmort sie nach einhelliger Überzeugung der ganzen Familie seit 1986 unrettbar in der Hölle.

Krönung und unbestrittener Höhepunkt der familiären Erbschaftsauseinandersetzungen stellt jedoch das Erbe meines Großvaters dar, der säuberlich handgeschrieben drei verschiedene undatierte Testamente hinterließ, natürlich sehr verschiedenen Inhalts, und die Familie in eine mehrjährige gerichtliche Auseinandersetzung stürzte, die derart viel Geld und Nerven verschlang, dass einige zartbesaitete Tanten und Onkel noch heute hilflos zu japsen beginnen, kommt die Rede einmal zufällig auf diesen Vorfall. Neben den hauptsächlichen, völlig unvereinbaren Anordnungen der Erbfolge setzte er an ungefähr die Hälfte seiner Enkel Vermächtnisse aus, und die überging die andere Hälfte mit der ganzen missbilligenden Kraft seines postmortalen Schweigens.

Nicht nur die Rechtsfolge, auch die Motivation seines Handelns blieb während der gesamten familienzerfetzenden Auseinandersetzung völlig unklar, und veranlasste das letztinstanzliche Gericht zur ratlosen Randbemerkung im Urteil, gerade bei einem rechtskundigen Erblasser sei dieses Verhalten letztlich rätselhaft und nicht bis ins Letzte aufzuklären. Einige – vorwiegend übergangene – Familienangehörige vermuten bis heute die reine Bosheit.

Inzwischen ist viel Wasser den Rhein und die Elbe, die Donau und die Spree hinabgeflossen. Lange ist niemand gestorben, und nur selten hört man von den Tanten und Onkeln, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen, die weit verstreut über die Lande ihrem Tagewerk nachgehen, sich verheiraten und scheiden, vermehren und Besitz anhäufen, emsig Testamente verfassend, ändernd und verwerfend, um, wie anzunehmen ist, jene liebgewonnene Gewohnheit der rauschenden Erbauseinandersetzung bei nächster sich bietender Gelegenheit mit unverändertem Feuer fortzusetzen.

Geschichten von der Tante G.

Ein bißchen verrückt war die Tante G., konnte weder lesen noch schreiben, und ging ihrer Schwester, der Mutter meiner Freundin K., auf dem Hof ein wenig zur Hand. Großes Glück hatte die G., schärfte man ihr immer wieder ein, nicht ins Heim gesperrt zu werden, wie es die Leute in der Stadt einfach taten, wenn eine verrückt war und beim Abwaschen ab und zu einschlief oder das Weiterspülen vergaß und in der Küche stehenblieb, das Geschirr in der Hand, und ihre Hände im Wasser betrachtete, als habe sie sie noch nie gesehen.

Schalt man die G., so weinte sie und bettelte, nicht ins Heim zu kommen. Weinte sie sehr, so nahm ihre Schwester sie ab und zu in den Arm, wiegte sie und klopfte ihr die Wange, bis die G. wieder lachte, weiterspülte, Kartoffeln schälte und sang.

Kochen durfte die G. nur dann, wenn die Hausfrau nicht da war oder aus anderen Gründen nicht kochen konnte oder wollte. Zweimal im Jahr ungefähr, erzählte die K., sei ihre Mutter nämlich krank, weine mehr als die G., stünde tagelang nicht auf, schrie und tobte, und prügelte mit beiden Fäusten auf den Vater ein, der sie habe anbinden müssen, bis es vorbei gewesen sei. Das seien, erklärte sie mir, die Hormone.

Die G. kochte ziemlich schlecht. Abspülen konnte sie gut, Gemüse putzen, besonders gern schabte sie gelbe Rüben, machte die Betten sehr akkurat Ecke auf Ecke, und lachte und sang den ganzen Tag, wenn sie nicht gerade weinte. Besonders gern mochte die G. Kinder, flocht der K. Zöpfe, steckte ihr Gutzeln zu, und erzählte dies und das, was indes, wie K.‘s Mutter versicherte, meistenteils komplett erfunden war, denn eine blühende Phantasie, so tadelte die Mutter, hätte die Tante G., und erzähle den ganzen Tag einen rechten Schmarrn, um sich wichtig zu machen. – Schimpfte die Mutter sie aus, so zuckte die G. jeweils ängstlich zusammen, aus Angst wahrscheinlich vor dem Heim in der Stadt.

Manchmal hatte die Tante G. Schübe, wie man sagt, und der Arzt musste kommen. Dann konnte sie keine Kartoffeln schälen, kein Gemüse putzen und nicht einmal die Betten machen. Nach einem solchen Schub, sagte die Mutter der K., werde es immer ein bißchen schlechter mit der G., und eines Tages werde die G. wohl sterben, denn die Verrückten werden weniger alt als wir. Die K. besuchte dann die Tante G., saß an ihrem Bett, strickte erst eine endlos lange Wollwurst mit der Strickliesel für „Textiles Werken“ und dann eine weitere für mich.

Vor ihrem Tod hatte die Tante G. wenig Angst, denn die guten Menschen, so wusste sie zu berichten, kommen in den Himmel, und dort ist es schön. Eines Tages aber war es dann nicht mit der Tante G. vorbei, sondern mit der Mutter der K., die viel zu viele Tabletten aß und starb. Wochenlang kam die K. nicht einmal zur Schule, und künftig trafen wir uns eher bei mir, wo es keine Schweine gab und keinen Küchengarten, sondern bloß Blumen.

Mit der Tante G. ging es auch bergab, die Schübe wurden mehr, und als sie nicht mehr arbeiten konnte, und keiner da war, sie zu versorgen, packte der Bauer, der Vater der K., ihren Koffer und brachte sie ins Heim. Den ganzen Weg, erzählte die K., habe die Tante G. geweint und geschrien, sterben habe sie gewollt, am Ende aber habe sie es schöner dort gehabt als anderswo. Erzählt aber habe sie nichts mehr, und bald auch nicht mehr sprechen gekonnt, was, wie die Ärzte sagten, ab und zu vorkam bei den Verrückten, und nichts zu sagen hatte, wie man der K. versicherte, wenn sie fragte.

Der EXOT liest

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Mit Geld ist es ja so eine Sache: Verdient man genug, hat man keine Zeit, um auch etwas davon zu haben, hat man Zeit, so fehlt meist Geld, mit der freien Zeit auch etwas anzufangen, und hat man Zeit und Geld einfach so, so wird man trübsinnig und verfällt dem Buddhismus.

Geld zu haben, scheint es also, ist keine so besonders glückverheißende Sache, und doch lebt es sich mit einem gutgefüllten Konto um Vieles besser, ob man nun ein Mensch ist oder ein Magazin, und so hoffen wir

am 10. Juni 2007
um 21.00 Uhr
Im LassunsFreundebleiben
in der Choriner Str. 12, Berlin

diesmal nicht nur auf Ihr zahlreiches Erscheinen, sondern auch erstmals auf € 5,– Eintritt, wofür es aber nicht nur einen hoffentlich angenehmen Abend, sondern auch eine Ausgabe des äußerst schätzenswerten Magazins EXOT gibt, welches diese Lesung veranstaltet.

Kommen Sie also zu Hauf, bringen Sie Ihre Freunde mit, preisen Sie die Herren Anselm Neft, Jochen Reinecke und Ivo Lotion privat und in der Öffentlichkeit ob ihres schier unermesslichen Talentes zur Verfertigung von Texten, und wenn Sie auch kommen, um mir zuzuhören, die ich gleichfalls lese, fühle ich mich natürlich äußerst geschmeichelt.

(Danke für die prompte Hilfe bei der Bilderkleinerung an den viel bewunderten Herrn Sven K.