Leipzig, Berlin

Zu den schlimmsten Ängsten, die ich mir so halte, gehört ja die Vorstellung, ganz allein auf einem riesigen Platz zu stehen, rechts und links das schiere Nichts, und lauter Häuser mit geschlossenen Fensterläden, hinter denen sich fremde Leute über mich lustig machen.

Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht verständlich, dass mehr als die Angst vor Lesungen die Angst vor Lesungen ohne Publikum mich umtreibt, herumzustehen, auf die Uhr zu starren, und keiner kommt. Gegen diese – bisher zum Glück noch nicht verwirklichte – Furcht tritt sogar die Angst, mich vor Leuten vollkommen zum Depp zu machen, in den Hintergrund, und so freue ich mich auch dann über Ihre Anwesenheit

Am 22.03.2007
Um 21.00 Uhr
Im Volkshaus Leipzig
Karl-Liebknecht-Str. 32
04107 Leipzig
Zur Webloglesung des Handelsblatts

Und

Am 23.03.2007
Um 19.00 Uhr
In der Weekend-Gallery
Schlossstraße 62
14059 Berlin
Zur Lesung der EXOT-Redaktion,

wo ich – jeweils umgeben von anderen, reizenden und sehr begabten Menschen Texte verlesen werde, die in diesem Weblog veröffentlicht worden sind.

Befragt

In omnibus requiem quaesivi
et nusquam inveni nisi in angulo cum libro.

Frau Fragmente antworte ich ja immer gern:

Gebunden oder Taschenbuch?

Das ist mir gleich. Ich schleppe in aller Regel riesige Handtaschen mit mir herum, unförmige Beutel, in denen man Kleintiere transportieren könnte, und die so schwer auf meiner Schulter lasten, dass ich mit 50 ganz schief sein werde, aber das ist mir egal. Auf das Gewicht eines Buches kommt es in diesen Taschen auch nicht mehr an. Im Regal finde ich gebundene Bücher schöner.

Amazon oder Buchhandel?

Ich liebe Antiquariate, aber aus Gründen, für die ich keinerlei Verständnis hege, haben abends immer schon alle Geschäfte zu, wenn ich aus dem Büro komme. Dann bleibt mir oft nichts als amazon, aber besonders gern kaufe ich da nicht.

Lesezeichen oder Eselsohr?

Eselsohren. Ich weiß, das macht man nicht, aber Lesezeichen fallen mir immer aus den Büchern.

Ordnen nach Autor, nach Titel oder ungeordnet?

Nach Genre, nach Autor, nach Erscheinungsdatum. Ich habe diesbezüglich einen Knall und kann sehr ungemütlich werden, wenn man meine Bücher verstellt.

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?

Behalten. Hier – und nur hier – bin ich raffgierig, und gebe selbst geliehene Bücher nur ungern wieder her.

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?

Behalten natürlich.

Mit Schutzumschlag lesen oder ohne?

Mit.

Kurzgeschichten oder Roman?

Mit Kurzgeschichten ist es doch immer dasselbe: Kaum hat man die dramatis personae kennengelernt, beginnt Anteil zu nehmen, interessiert sich für ihr weiteres Schicksal – dann ist die Geschichte aus, und man sitzt dumm herum mit nichts als seinem brennendem Interesse. Ich mag keine Kurzgeschichten, lese keine Kurzgeschichten, und finde sogar dünne Romane oft unbefriedigend. Mein Aufruf daher: Schriftsteller dieser Welt, schreibt dickere Bücher!

Sammlung (Kurzgeschichten von einem Autor) oder Anthologie (Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren)?

Nichts dergleichen.

Harry Potter oder Lemony Snicket?

Kenne weder noch.

Aufhören, wenn man müde ist oder wenn das Kapitel endet?

Eine missliche Sache, fast das Ärgerlichste am vorgegebenen Tagesablauf eines berufstätigen Menschen: Nicht weiterlesen können, wenn man doch weiterlesen will.

„Die Nacht war dunkel und stürmisch“ oder „Es war einmal“?

Weder noch, leider. Romane, in denen es dunkelt und stürmt, lassen nur das Schlechteste erwarten. Märchen mag ich auch nicht, glaube ich, möglicherweise mag ich aber auch nur keine Leute, die Märchen mögen. Diese Chai trinkenden, lebensbejahenden, optimistischen und oftmals blonden Geschöpfe, die in ihrer Jugend Wandergitarre gespielt haben und Tierschutz wichtig finden, sollte es meiner Meinung nach gar nicht geben.

Kaufen oder Leihen?

Natürlich kaufen. Ich gebe so ungern wieder her.

Neu oder gebraucht?

Gebraucht. Ich mag den Geruch und das weiche Papier alter Bücher.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?

Schwer zu sagen. Meistens nicht gezielt, sondern in irgendwelchen Kisten auf dem Flohmarkt oder im Antiquariat gefunden.

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?

Was für eine idiotische Frage.

Morgens, mittags oder nachts lesen?

Nachts.

Einzelband oder Serie?

Einzelband.

Lieblingsserie?

Keine.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat?

Walter Hasenclever, „Irrtum und Leidenschaft“. Kennt aus mir schleierhaften Gründen keine Sau. Aus lauter Verehrung wollte ich ja vor einiger Zeit hier einmal eine allgemeine Hasenclever-Renaissance einläuten, leider ist nichts draus geworden.

Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast?

Daniel Kehlmann, „Ich und Kaminski“. Kehlmann schreibt so gut, dass man sich selbst in ein Buch verliebt, in dem ausschließlich unsympathische Menschen vorkommen. Da sitzt man dann und beschließt, nie wieder eine Zeile zu schreiben, weil der so gut schreiben kann, und man selbst nicht.

Welches Buch lesen Sie gegenwärtig?

Reinhold Schneider, „Der Balkon“.

Absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten?

Eins? Das ist Böse. Vielleicht Christian Kracht, „Faserland“. Oder doch Oscar Wilde’s „Bildnis des Dorian Gray“? Oder Thomas Mann, denn ich immerzu lesen kann, von morgens bis abends und dann wieder von vorn? Augustinus, von dessen Bekenntnissen es nur vollkommen indiskutable Übersetzungen gibt, und den ich neu übersetzen werde, wenn ich einmal alt bin? Oder Hilde Spiel “Lisas Zimmer“, dessen Mängel einem förmlich ins Gesicht springen, aber das trotzdem etwas besitzt, das ich gerne hätte: Grazie und Anmut.

Weitergeworfen an den charming Herrn SvenK und Frau Arboretum.

Die Verwerflichkeit des Eingehens von Ehen

Ich habe es immer gewusst, und nun ist es amtlich: Hochzeiten, meine Damen und Herren, sind das Schlimmste, Hochzeiten sind unbedingt zu vermeidende Ereignisse, und nur sehr, sehr netten Leuten ist es zu verzeihen, wenn sie mitten im Mai, zur besten Reisezeit also, Hochzeit feiern.

Nehmen wir beispielsweise einmal die I. Eine zweifellos reizende Person, ein lustiger, blonder Kugelblitz, eine immer gern gesehene Erscheinung auch ihr fabelhaft freundlicher Bräutigam, indes – die Hochzeit steht in Kürze bevor, und macht bereits jetzt, zwei Monate vor dem großen Tag, nichts als Ärger.

Nichtsahnend sitze ich also letzte Woche an meinem Arbeitsplatz, jonglierend mit Hörer, Stift und Diktiergerät, rechts und links umgeben von riesigen Stapeln Papier, massiven Mittelgebirgen bestehend aus Akten, und nicht eingedenk des mir gleichwohl an sich bereits bekannten Hochzeitstermins der I., da klingelt das Telephon. „Modeste“; melde ich mich, denn es ist mein eigener Apparat, und habe die C. an der Strippe.

„Modeste, was machst du Pfingsten?“, werde ich kalt überrascht, und stammele irgendetwas, was Verfügbarkeit kommuniziert haben muss, denn die C. fährt fort. Nach Madrid könne man fahren, die Flüge seien günstig, ein Hotel auch nicht das Problem, und ich möge buchen. Die rechte Hand am Hörer, die linke auf der Tastatur, taste ich mich durch das Menü, gebe Datum und Uhrzeit ein, Namen und Kreditkartennummer, und beende das Gespräch, denn nervös wippen meine Akten auf papierenen Zehenspitzen hin und her, und erst Stunden später, knapp vor Mitternacht und vollkommen ausgesaugt von den Anforderungen des Tages, stehe ich im heimischen Korridor.

„Pfingsten fahre ich mit der C. nach Madrid.“, teile ich dem geschätzten Gefährten freudig, wenn auch erschöpft, mit und werfe meine Stiefel in die ungefähre Richtung der Schuhschränke.
„Pfingsten hast gesagt?“, gibt der J. zurück und legt sein Gesicht in Falten. Pfingsten werde nirgendwo hingefahren. „Wie jetzt?“, frage ich ein wenig unwillig, überlege, was dem geschätzten Gefährten in den Sinn gekommen sein mag und knülle meinen Mantel auf das Sofa.

„Hast du I.’s Hochzeit vergessen?“, lässt der J. die Bombe platzen. Ziemlich begossen und ein klein wenig fassungslos stehe ich im Wohnzimmer. Verdammt. „Ich will aber lieber nach Spanien!“, lasse ich mich in einen Sessel fallen und ziehe die Füße vor lauter Trotz ganz weit Richtung Kopf.

„Hilft nichts.“, weist der geschätzte Gefährte mein Ansinnen zurück und spricht mir streng zu. So etwas würde man mir nicht verzeihen, heißt es, und im Übrigen gehöre es sich einfach nicht, am Ehrentag lieber Freunde einfach abzuhauen. Das sehe ich dann auch ein, irgendwann, ein paar Stunden später.

Die J., so verabrede ich am darauf folgenden Sonntag, werde mich als Reisebegleitung vertreten. Die C. ist’s zufrieden, die Hochzeit wird mit meiner Beteiligung stattfinden, und nur ich, nur ich sitze daheim, male mir alle Schönheiten Madrids aus und zische leise vor mich hin:

Hochzeiten sind das Schlimmste.

Madame Modeste will eine Kur

Manchmal, meine sehr verehrten Damen und Herren, fühle ich mich alt. Wenn ich zwanzig Minuten zügig gehe, lockern sich schwarze Brocken in meiner Lunge und fallen mir aus dem Mund. Meine Magenschleimhaut zieht sich sofort zusammen, wenn ich Sekt trinke, reißt ein und gibt handtellergroße Stellen frei, die sodann von der Magensäure angegriffen und unter unangenehmen Körperempfindungen verdaut werden. Von Tag zu Tag werde ich zudem geräuschempfindlicher und male mir manchmal aus, wie ich Leute, die Lärm veranstalten, mit einer lautlosen, aber tödlichen Waffe zum Schweigen bringe.

Gegen diese Erscheinungen kann man natürlich überhaupt nichts machen. In meinem Alter, sage ich mir dann, ist das eben einfach so, und beobachte sorgfältig Leute, die noch älter sind als ich, ob ihnen ab und zu ein Arm abfällt oder ein paar Zähne im Brot steckenbleiben, wenn sie etwas essen.

Eine Kur müsste man machen, sage ich mir dann manchmal, lege mich ins Bett und male mir ganz genau aus, wie das wäre, in Bad Gastein etwa oder Altaussee oder so. Morgens würde ich um sieben aufstehen, würde joggen oder unter Anleitung Gymnastik machen. Rohkost gäbe es immerzu, so dass ich abnehmen würde, dass die Pfunde nur so krachen. Ab und zu – vielleicht wöchentlich – würde man mich in Schlamm legen oder kalt abspritzen für bessere Haut.

Den ganzen Tag müsste ich Wasser trinken. Angestellte des Kurbetriebs in weißen Kitteln würden sanft zu mir sprechen und mir warme Steine auf den mürben Bauch legen, damit sich mein Kräftezentrum regeneriert. Abends höre ich jeden Tag, denke ich, das Beste von Johann Strauss. Nach drei Wochen wäre ich quasi 22, schlank, straff und furchterregend energiegeladen. Dann fahre ich zurück nach Berlin.

Kuren aber gibt es, soweit ich weiß, nur für noch ältere Leute, krebskranke Rentner, Rekonvaleszenten, denen nicht kleinere Ärgernisse, sondern schwere Gebrechen zur Last fallen, und jemanden wie mich schickt auch ein skrupelloser Arzt nicht so einfach drei Wochen nach Bad Ems.

Zwar wird also, überlege ich, daher wohl nicht die Gemeinschaft aller in meiner Krankenkasse Versicherten meine Kur bezahlen. Aber kann man auch einfach so auf Kur und zahlt das selber? Gibt es die Selbsteinweisung in die Kurklinik? Macht das außer mir vielleicht schon irgendwer? Oder bleibt mir nichts übrig, als eins dieser neumodischen Wellness-Hotels in Anspruch zu nehmen? Sind die Wellness-Hotels gar die Kurkliniken von heute? Oder fahre ich besser ins osteuropäische Ausland und kure da?

Fragen, Fragen, und sogar Google bleibt stumm.

Du und ich im Garten Eden

Nach dem Mittag werde ich ein bißchen schlafen, und du schläfst neben mir. Ein alter Mann wirst du sein, mit hängenden Backen und schlaffer Haut. Vielleicht wirst du schnarchen. „Mein Guter, mein Bester“, werde ich dir am Bart zupfen, damit du aufwachst, und du wirst lächeln, als sei ich noch jung. Vielleicht siehst du mich dann manchmal so, wie ich einmal war, du alter Mann ohne Brille in der Nachmittagsdämmerung um vier.

Bevor es dunkel wird, willst du in den Garten. Du harkst die Blätter von den Beeten, und freust dich über die Knospen und Triebe der Büsche und Stauden. Die zeigst du mir und stützt deine Hände auf die Knie, wenn du dich wieder aufrichtest. Du bist zu schwer geworden für deine Muskeln und Gelenke.

Mit einem sehr, sehr alten Hund sitze ich im Wintergarten und schaue dir zu. Von hinten siehst du manchmal aus wie der junge Mann, den ich vor fünfzig Jahren im ersten Semester kennengelernt habe, und ich lächele bei der Erinnerung an den Abend, als dein Freund H. mich zu dir brachte, weil er meine Freundin kennenlernen wollte. Daran erinnere ich mich gut. Die Feuerzangenbowle. Deine Gitarre, das eiskalte Bad, und die braune Couch, mit der du bis Berlin umgezogen bist.

An das, was gestern, vorgestern oder letztes Jahr passiert ist, erinnere ich mich nicht mehr. Vielleicht hat mein Gehirn schon ein paar Löcher, ein bißchen Zeitmottenfraß, ein bißchen mürben, braunen Verfall. Vielleicht lohnt sich das Behalten aber auch nur nicht, weil gestern, vorgestern, letztes Jahr, wenig passiert ist, was ich aufheben will. Wenn du im Garten die Beete harkst, erzähle ich die alten Geschichten dem Hund. Was alles passiert ist, und der Hund gähnt.

Dass wir Königskinder waren, leuchtend in den Nächten der Stadt, flüstere ich dem Hund in die Ohren. Die Kälte und der gleißende Dreck und die großen Zeiten unter dem Rad. Unsere blutende Haut in Fetzen, aber wenn ich zu lange erzähle, steht der Hund auf und trinkt ein bißchen Wasser.

Wenn es dunkel wird, kommst du ins Haus. Die Schuhe stellst du neben die Terrassentür und wäschst dir lange die Hände, die sich langsam ausbeulen. Knoten an den Gelenken hast du, als würden deine Knochen langsam weich und schöben sich hin und her. Ab und zu, wenn wir beisammen sitzen, streichele ich dir über die Hände und ängstige mich vor dem ersten Morgen ohne dich.

Tee werde ich kochen und Kuchen schneiden, den ich selbst gebacken habe. Vielleicht schlage ich Sahne. Du deckst den Tisch und wirst den Kuchen loben. „Meine Liebe, meine Schöne.“, wirst du mich nennen, als sei das noch wahr, und vielleicht küssen wir uns sogar noch, wenn keiner hinsieht. Auch nicht der Hund.

Vielleicht gehen wir später spazieren, zwei sehr alte Leute, langsam, die Straße entlang, wo es gut beleuchtet ist und die Wege glatt. Vielleicht koche ich abends Früchtetee und schmiere Brote, weil du das selbst nicht mehr gut kannst. Du wirst Witze machen, als nähmest du das leicht.

Am Abend gehen wir zu Bett. Ich werde mich nicht mehr ausziehen vor dir, und nur noch selten in den Spiegel schauen, wenn ich mich umziehe, um die alte Frau nicht zu sehen mit dem fleckigen, bleichen Fleisch voller Dellen. Im Nachthemd lege ich mich zu dir ins Bett, denn du bist warm, und ich friere jede Stunde, jede Nacht und überhaupt immer.

Nachts höre ich dir zu. Die Dämonen sind tot, weiß ich, und kann doch nicht schlafen. Sanft streiche ich dir übers Haar, dass du nicht erwachst, und halte manchmal besorgt meine Hand vor dein Gesicht, und atme auf, wenn du noch atmest.

Die gläserne Stadt

Über Nacht aber ist die Luft dichter geworden als du. Massiv drückt dir der Sauerstoff von innen und außen gegen das Fleisch und schmerzt beim Atmen, als zögest du Steine scharfkantig durch deine Lungen. Schau mich nicht an, brüllst du aus Angst den fremden Leuten in der Tram nur in Gedanken entgegen. Würdest du laut, die Fremden würden dir noch tiefer ins Fleisch starren, noch schärfere Blicke werfen, und dir die Haut zerschneiden mit der Kraft ihrer Augen. Da sitzt du dann, und die M 1 fährt dich nach Mitte.

Die Stadt scheint dir seltsam entfärbt. Jemand hat etwas aus den Gesichtern der anderen Kunden bei Dussmann entnommen. Das, was du sehen kannst, scheint dir sonderbar leer. Wie immer reichen die Fremden Bücher über die Theken und nehmen Tüten zurück, als sei das normal, aber du weißt Bescheid. – „Da wünsche ich ihnen viel Spaß beim Lesen!“, lächelt der Kassierer und macht sich Notizen. Wenn du weg bist, weißt du genau, wird er melden, was du gekauft, und wann den Laden verlassen.

An der Mittelstraße stolpert eine fremde Frau mit zerschlissenen Tüten betrunken oder behindert den Linden entgegen. Das bist ja du, erschrickst du und wechselst die Seite. Mit kaum maskiertem, gierigem Blick sieht dir die Trunkene nach. Für heute bist du entkommen. „Was haben sie mit mir vor?“, könntest du fragen, aber die Frau ist schon weg. Ganz normal, ohne Fallen und Stolpern, weißt du, schreitet die Fremde fern deiner Blicke die Straße entlang.

Wenn keiner da ist, lachst du ein bißchen, und stößt mit dem Fuß eine leere Verpackung die Straße entlang. Ob man dich prüfen will, durchblätterst du deine Gedanken. Ob die Stadt echt ist, oder eine Attrappe, und die wirkliche Stadt lebt und lächelt fernab von dir, hinter Glas, hinter Stäben, hinter einer Wand vielleicht, getrennt und unerreichbar für dich, warum auch immer.

Feinstaub und Liebesleben

Bedauerlicherweise, meine Damen und Herren, hat das Leben für meinen geschätzten Gefährten, den reizenden J., vor kurzem jeden Sinn verloren. Ach, all das Denken und Trachten des J., all sein – zugegeben begrenzter – beruflicher Ehrgeiz richtete sich auf ein einziges Ziel, und hart ist, oh Publikum, denn J. nun traurig, halt- und ziellos durch Berlin taumeln und mit verzweifeltem Blick die Wagen am Straßenrand mustern zu sehen.

„Der nicht.“, hört man ihn murmeln. „Der auch nicht mehr.“, und so in einem fort beklagt mein geschätzter Gefährte das baldige Ausscheiden der schönen, der alten, der massenweise feinstaubemittierenden Kraftfahrzeuge aus dem Berliner Straßenverkehr, und wenn man sehr nah an den J. herangeht, hört man ihn manchmal auch in vollkommen verkehrsfernen Situationen etwas von dem nun verlorenen Traum seiner Jugend röcheln: Der 72er Porsche.

Silbern sollte er sein mit beigefarbenen Sitzen, notfalls auch dunkelgrün, und in langen, mühseligen Stunden in der Universitätsbibliothek, in den unendlichen Fluren der Behörde als ein Rechtsreferendar, stetig, wenn auch schweigend, trieb die Sehnsucht nach einem solchen, dem J. als Krone kraftfahrzeugtechnischen Stilempfindens erscheinenden Wagen den Gefährten meiner Tage um.

Nun aber ist alles aus.

Alle Stadien der Trauer durchlief der J., und als einer jener Männer, die ihren Knabenträumen wahrhaft treu geblieben sind, kann und will der J. die Feinstaubrichtlinie nicht akzeptieren, sich nicht anfreunden mit dem drohenden Fahrverbot innerhalb des Berliner Rings für diese Fahrzeuge, plant Petitionen, gerichtliche Klagen auf Gewähr von Ausnahmegenehmigungen, Massendemonstrationen auf dem Alexanderplatz, und als letzten, allerletzten Ausweg die Anmietung einer Garage außerhalb des Berliner S-Bahnrings, Kauf und Verbringung des ersehnten Zuffenhausener Fahrzeugs in diese Garage, nächtlich-lustvolle Fahrten durch Brandenburger Alleen, und so werde ich, meine Damen und Herren, manchen Sonntag mit Tee und Torte vergeblich auf den J. warten, der währenddessen weit entfernt in obskuren Vororten zärtlich die Kühlerhaube seines Porsche mit einem weichen Tuch poliert.

„Der Porsche oder ich!“, werde ich wettern, wenn der J. Stunden über Stunden später wieder bei mir erscheint. Wegen Vernachlässigung der eigenen Freundin zugunsten eines Haufens Blech, voneinander entzweit durch die Feinstaubrichtlinie, wird der geschätzte Gefährte die dann nicht mehr gemeinsame Wohnung dauerhaft verlassen müssen.

Und schuld ist niemand anders als die Europäische Kommission.

Charlottenburg soll schöner werden

Letzte Woche zum Beispiel: Berlinale, Zoo-Palast, vorher am Savignyplatz ein Glas Wein trinken, und auf einmal sieht man mehr alte Leute, als sonst das ganze Jahr, denn wie die Welt weiß, kommt im Prenzlberg jeder an seinem 45. Geburtstag in die Wurst, der es nicht rechtzeitig schafft, sich irgendwo westlich vom Zoo anzusiedeln.

Gründe, Charlottenburg vor Erreichen seines 45. Lebensjahres aufzusuchen, kenne ich dagegen keine. Das Essen ist teuer und schlecht, mein Eisbecher letzte Woche vor dem Film bestand zum Beispiel vorwiegend aus Dosenfrüchten und Sprühsahne, und für die paar Geschäfte in der Fasanenstraße, in denen es gutaussehende Sachen zu kaufen gibt, braucht man nicht durch die halbe Stadt zu reiten. Charlottenburg, mit einem Wort ist ein Ort, den aufzusuchen man vermeiden sollte. Charlottenburg ist eine No-Go-Area des guten Geschmacks.

No-Go-Areas aber gehören nach Ansicht politisch interessierter Menschen zu dejenigen Dingen, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Jeder sollte sich überall wohl fühlen, hört man so, und deswegen habe auch ich mich entschlossen, auf Einladung des großartigen und nicht genug anzupreisenden EXOT-Magazins

am 23.03.2007
um 19.00 Uhr
in der Weekend-Gallery
Schlossstraße 62
14059 (!!!) Berlin

meinen Beitrag zur Aufheiterung Charlottenburgs zu leisten. Ich lese dort mit den Herren Christian Bartel, Tilmann Birr, Olaf Guercke und Anselm Neft voraussichtlich vorwiegend komische Texte und freue mich, wenn Sie kommen.

(Wenn Sie nicht kommen, weil Sie in Leipzig weilen, freue mich einen Tag früher über Ihre Anwesenheit bei dieser Lesung.)

Schreckschraube

Haben Sie, meine sehr verehrten Damen, sich eigentlich schon einmal gefragt, warum die Presseorgane, die sich der Abbildung der weiblichen Anatomie verschrieben haben, eigentlich nie nackte Fünfzigjährige photographieren? Oder warum weder die Spieler der Fußballbundesliga noch die Vorstandsvorsitzenden international operierender Konzerne auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in zweiter Ehe welterfahrene Damen zu sich nehmen, die schon einiges erlebt und noch mehr gesehen haben? Und sind auch Sie zu dem Ergebnis gelangt, dass das weibliche Verfallsdatum offenbar eine feststehende, kosmetisch nur unwesentlich zu verändernde Größe darstellt, und der Zenit weiblicher Attraktivität deutlich vor Erreichen des 30. Lebensjahres anzusiedeln ist? Und fragen auch Sie sich manchmal, wann der Zeitpunkt gekommen ist, ab dem Ihr geschätzter Gefährte Sie möglicherweise angenehm, keinesfalls aber mehr so attraktiv wie die Damen in der Zeitung finden wird, und wahrscheinlich beginnt, Sie – wenigstens in Gedanken – mit „Mutti“ anzusprechen?

Hadern Sie mit dieser sicherlich eines Tages eintretenden Entwicklung? Zählen Sie die Tage Ihrer verbleibenden Weiblichkeit? Oder haben auch Sie eines Nachts innegehalten, Ihren schlafenden Gefährten sanft hinter den Ohren gekrault, und beschlossen, auch aus dieser Entwicklung nichts als Vorteile zu ziehen?

Ab Ihrem 40. Geburtstag etwa nie wieder eine Waage zu besteigen, weil es als alte Frau eigentlich egal ist, ob man dick oder dünn übersehen wird? Schon morgens Sahnetorte zu essen, und dann alle drei Stunden Lebensmittel nachzufüllen, bis es wirklich nicht mehr geht? Oder eines Tages einfach zu beschließen, insbesondere Männern nur noch die Wahrheit zu sagen. Männliche Freunde etwa, die sich ja gern einmal an der Schulter einer alten Freundin über ihre Misserfolge bei Frauen ausheulen, schonungslos aufzuklären, warum das so ist? Haarausfall, komische Gesichtsverformungen oder Übergewicht – sonst schamhaft und schonungsvoll verschwiegen – könnte man da einfach mal auf den Tisch bringen, oder in Einzelfällen erläutern, wieso es ohne erheblichen Einsatz finanzieller Mittel überhaupt nie hinhauen wird mit den Frauen. Im Anschluss können Sie sich an der Verzweiflung Ihrer – dann wohl ehemaligen – männlichen Freunde weiden, und bei denjenigen, denen Sie in Ihrem früheren Leben als Frau einmal etwas näher gekommen sind, nochmal nachstoßen und erklären, wieso sich die Annäherung an das jeweilige Exemplar aus Damensicht auch nicht lohnt. Seien Sie skrupellos: Die Herren werden sich schon trösten.

Haben Sie ein in dieser Beziehung amüsantes und eher abwechslungsreiches Leben hinter sich, könnten Sie beginnen, Ihre Memoiren zu verfassen, und allen Männern Ihres Lebens auf diesem Wege noch einmal so richtig einen mitzugeben: Selbst diejenigen, die mit Ihnen seit dreißig Jahen nicht mehr gesprochen haben, werden es lesen. Bezeichnen Sie die Herren ruhig mit ihren realen Namen – bis der Prozess wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten ein rechtskräftiges Urteil nach sich gezogen haben wird, sind Sie voraussichtlich tot. Besonders langweilige Episoden, über die zu schreiben nicht einmal dann mehr Spaß macht, wenn sich sonst nichts mehr tut, verbannen Sie in die Fußnoten.

Beginnen Sie ansonsten, schrill und hexenhaft zu lachen, wenn Ihnen etwas nicht gefällt. Die meisten Menschen finden das unangenehm. Stellen Sie junge, schöne, dumme und eitle Mädchen ein, deren Vorgängerinnen sie schon vor dreißig Jahren nicht ausstehen konnten, und schikanieren Sie sie so lange, bis die jungen Hüpfer Esstörungen bekommen oder sich aus dem Fenster stürzen. Gehen Sie auf die Beerdigung und essen während der Messe Chips.

Nutzen Sie Ihren sauer verdienten beruflichen Erfolg! Essen Sie vor ganztägigen Verhandlungen eine ganze rohe Knoblauchknolle und weiden Sie sich an Ihrer Unentbehrlichkeit für den Laden, den Sie aufgebaut haben. Leisten Sie sich einmal wöchentlich einen Temperamentsanfall, der sich gewaschen hat, und zwar so, dass keiner weiß wann. Genießen Sie, dass man Sie hinter Ihrem Rücken hausintern als die „Großmutter des Vesuv“ tituliert, und die Richter zittern, wenn Sie zu Gericht reiten, um wahlweise die Waffenindustrie, die Atomlobby oder die kommunistische Partei zu vertreten.

Gehen Sie abends zu Bett und sagen Sie sich, Ihr Leben sei schön.

Für später

Die M. sitzt vor der Heizung, die Beine angezogen, und die Hände vor den Schienbeinen verschränkt. Auf dem Bett rauchen die K., die S. und ich, und auf ihrem einzigen Sessel liegt die C.² mehr als sie sitzt. Es gibt Glühwein aus Tetra-Packs, nur DM 1,29 bei Plus, aber heiß und süß. Auf dem Boden flackern ein paar Teelichter, und die beiden Aschenbecher laufen stündlich über und werden in eine Glasschale geleert, damit es nicht anfängt zu brennen.

Es ist morgens, irgendwann zwischen vier und sechs, und wir kommen von einer Party. Die Party der Wirtschaftswissenschaftler vielleicht, vielleicht die feiernde Sportfakultät. Ganz sicher nicht die Juristen, denn dann säße ich nicht hier mit den „Mäusen“, wie meine Lehrstuhlkollegen aus dem Verfassungsrecht spötteln: Die Mäuse, die alle Deutsch und Englisch auf Lehramt studieren, Slawistik und Geschichte auf Magister oder so ähnlich.

An diesem Abend muss die K. getröstet werden, die mit den größten Hoffnungen zu der Party gefahren war, aber der P., um den es – glaube ich – ging, stellte sich als uninteressiert heraus, und muss der P. nun gründlich miesgemacht werden, damit es nicht so schlimm ist, ihn nicht bekommen zu haben. Immer neue Fehler des P. tischen die S. und die C.² der K. auf, von seinen Augenbrauen bis zu seinem Auto bleibt kein Lebensbereich verschont, und ab und zu piepst die K., alle hätten recht, und es sei sicher besser so. Dann folgt ein langes Schniefen.

Still und etwas abwesend sitzt die M. an der Heizung, tröstet nicht mit, trinkt keinen Glühwein und raucht nur ebenso hastig wie die anderen eine Schachtel Marlboro Lights nach der anderen leer. Irgendwann steht sie auf und geht. „Bis bald, Süße.“, wird sie in der Tür umarmt und verschwindet. Ein, zwei Minuten später hört man ihren Wagen anspringen, erst lauter werden, und sich dann langsam entfernen.

Besonders still sei die M. heute gewesen, bemerkt die C.² nun, als sie gegangen ist. Sicher sei so eine Party kein Spaß für die ruhige, schüchterne M., die ihre neunzig Kilo von Semester zu Semester verzweifelter durch die Parties schiebt, und inzwischen nicht einmal mehr zuhört, wenn die C.² oder die S. oder irgendwer über Töpfe und Deckel, und die unendliche Spannweite des männlichen Geschmacks sprechen. – Sie habe noch nie einen Freund gehabt, erzählt die M. einmal nach sehr, sehr viel Sekt und ich nicke, weil mir sonst nichts einfällt. Nicht so schlimm, möchte ich sagen, aber weil das gelogen wäre, bleibe ich lieber still.

Um geliebt zu werden, müsse man sich auch selber lieben, behauptet die S. und lobt die zarte Haut und die Oberweite der M.. Wenn die M. sich selber erst einmal mögen würde, stünden die Bewerber Schlange, nett, reizend und natürlich, wie die M. sei. Die Problem, doziert die auffällige, gertenschlanke S. vor sich hin, säße im Kopf der M., nicht auf ihren Hüften. Wo aber auch immer die Ursache für den amoureuxen Misserfolg der M. zu verorten ist: Im nächsten Semester ist sie noch schwerer, noch unglücklicher, und geht noch weniger gern zu den Parties der Fakultäten oder gar anderswohin. Allein in ihrem Appartement raucht die M. irrsinnig viele Zigaretten, tröstet sich mit Sekt oder Pralinen, und ab zu bekommt sie Besuch.

Es macht wenig Spaß, der M. beim Unglücklichsein zuzuschauen, und so bleiben die Gäste langsam aus. Irgendwann beginnt die M., immer später aufzustehen, seltener zur Uni zu gehen, und weint manchmal unvermittelt, wenn man sie anruft. Zur Hochzeit ihres Vaters mit einer Frau, die keine zehn Jahre älter ist als die M., sagt sie ab. Der M. müsse geholfen werden, sagen die C.², die S. und die anderen, aber am Ende sitzt die M. wieder allein in ihrer Wohnung, und was sie da tut, weiß keiner mehr so recht, weil keiner nachschaut.

Eines Tages kommt die M. gar nicht mehr in die Uni, und als S. und C.² klingeln, macht niemand auf. Im Krankenhaus sei die M., sagt ihr Vater, den die C.² anruft. Ein paar Tage später ruft wiederum er die C.² an und bittet darum, seiner Tochter eine Tasche zu packen. Seine Tochter ginge es schlecht. Den Schlüssel schickt er der C.² zu.

Am anderen Abend steht die C.² in der Wohnung der M. Im Dämmerlicht hinter geschlossenen Vorhängen liegt alles durcheinander. Das Parkett ist schmutzig. Asche und Stanniol, Papier, Glas und Plastikverpackungen liegen herum, und das Bett ist lange weder gemacht noch die Bettwäsche gewechselt worden. Im Badezimmer riecht es muffig und feucht.

Die Tasche der M. steht auf dem Schrank. Der Schrank selber ist riesengroß, ein fünftüriges, massives Monstrum, und als die C.² die Türen öffnet, hängen Dutzende von Kleidern und Hosen, Blusen und Oberteilen ordentlich nebeneinander, und aus allen Kleidungsstücken, aus jeder Bluse, an jeder Hose hängen die Etiketten der Geschäfte heraus. Ganz neu sind die Kleider der M. Nicht schlecht, denkt die C.², die selbst bei H&M auf die Preise schauen muss, und ihr Geld in einer Buchhandlung verdient, abends und an Samstagen. Nicht schlecht, denkt sie, als sie die Preise sieht. Die M. hat nicht gespart beim Kauf, aber getragen, getragen hat sie die mit Geschmack und Sorgfalt ausgesuchten Kleidungsstücke nie, und die C.² erschrickt: Jedem Etikett, dreißig oder vierzig baumelnde Papierschildchen, ist zu entnehmen, dass dieses Kleidungsstück für schlanke Frauen geschneidert worden ist, für sehr schlanke Frauen: Größe 36 hat die M. gekauft, Spitzenwäsche und Cocktailkleider, knappe Oberteile für abends und Kostüme für wer weiß schon welchen Anlass.

Für später, wird sie der C.² tags drauf im Krankenhaus erklären. Für später, wenn alles anders geworden sei, wenn ihr Leben ihr gefällt, wenn die Anlässe stattfinden, für die man Cocktailkleider und bunte Röcke braucht, habe sie eingekauft, und stumm steht die C.² neben dem Krankenhausbett und sucht nach den richtigen Worten.

Ob es aber dieses Später gegeben hat, ob die M. die vielen Röcke, T-Shirts und Hosen jemals getragen hat, das weiß ich nicht, denn in die Uni kam die M. nicht zurück. Ob sie woanders weiterstudiert hat, weiß ich auch nicht zu sagen, denn bei uns, bei der S., der C.², der K. oder mir hat sie sich nicht mehr gemeldet.