Katzenjammer

Ach, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, nichts ist es heute mit ein wenig Geplauder über Bücher, über gutes Essen und Neuigkeiten, wie sie Menschen zustoßen, die man kennt und teilweise schätzt. Nur allzu gern schriebe ich Ihnen etwas auf über die sehr, sehr großartige Caesar-Biographie von Christian Meier, die mir ein freundlicher Leser vor einigen Wochen hat schicken lassen. Ebenso gern zählte ich Ihnen auf, was ich gestern abend in Gesellschaft des des J, des R. und der I. im Paris Moskau alles gegessen habe. Auch die tatsächlich etwas merkwürdige Trennung der H. und des S., von der mir die Schwester des S. kürzlich berichtet hat …. aber ich muss passen. Den ganzen Tag, von morgens bis abends und nicht zuletzt nachts jault, maunzt, kreischt und jammert meine Katze Lilly. Dabei ist sie nicht krank. Es geht nicht um Schmerzen. Lilly fehlt nichts außer einem Kater.

Einen Kater allerdings habe ich nicht zu bieten. Der dicke Willy, meine hübsche, nur ganz leicht übergewichtige Tigerkatze, ist ein Kastrat. Fremde Kater mögen mir – die ich zwei, aber nicht zehn Kätzchen beherbergen mag – vom Halse bleiben, und so jammert Lilly immer weiter.

Zwar gibt es immerhin schon einen Tierarzttermin, um dem guten Tier die störenden Organe entfernen zu lassen. Auch soll Lilly ab nächsten Mittwoch Tabletten erhalten, die den jammervollen Zustand medikamentös beenden. Doch stets, wenn ich daran denke, Ihnen etwas über die gallischen Kriege, über das großartige Wagyu-Tartar oder das Zweierlei vom Pferd gestern abend oder diese Geistesgestörte, die einfach so auf dem Handy des S. … ja, dann jammert sie wieder. Meinen Nachbarn gegenüber hätte ich ein schlechtes Gewissen, wären deren Kinder nicht mindestens ebenso laut. Aus dem Haus würde ich gehen, aber ich bin ein wenig erkältet, fröstele den ganzen Tag mit Halsweh und ein wenig Gliederschmerzen so vor mich hin, liege folglich bis jetzt noch im Bett, und höre meiner Katze zu, wie sie laut, durchdringend, klagend nach Katern ruft, die es hier (gottlob!) nicht gibt.

The Joy Of Living

Ich weiß nicht, wo sie sind. Ich hatte vier, zwei für Longdrinks aus gefrostetem Glas, eins davon mit Flamingos, zwei Sektschalen mit farbigem Fuß, und dazu Quirle aus Kunststoff, an deren oberem Ende je ein Wölkchen prangte. Untersetzer, ebenfalls in fröhlich-bunten Farben, gehörten auch dazu.

Ich glaube, es waren Geschenke. Freundinnen hatten mir die Gläser geschenkt. Ich habe eine vage Vorstellung von Cellophan und bunten, gekräuselten Bändern. Gefreut habe ich mich, da bin ich mir ziemlich sicher. Ich weiß nur nicht mehr, wieso. Ich habe doch damals weder Longdrinks noch Sekt getrunken. Ich wurde 13 damals, glaube ich. Ich mochte Pferde und war Landesmeisterin im Doppelzweier. Ich hatte zwei hohe Ivar-Regale voll mit Büchern und zwei niedrige Ivar-Iegale, in denen auch Bücher waren und Brettspiele. Sagaland und Yenga und den ganzen Rest.

Auf den niedrigen Ivar-Regalen hatte ich bunte, sehr dünne lila Papierservietten ausgebreitet, die auch irgendwie mit den Leonardo-Gläsern zusammenhingen. Darauf standen die vier Gläser und mein erstes Teeservice, eine schwarze Kanne mit Lackmalerei und einem geflochtenen Griff und vier kleine Schalen ohne Henkel, in die rein gar nichts passte. Meine Großmutter hatte mir eine Zuckerdose gegeben, buntgeblümtes Nymphenburger Porzellan mit einer Knospe als Griff, die stand dazwischen. Das ganze Ensemble war von unglaublich schreiender Scheußlichkeit.

Meine Freundinnen hatten noch viel mehr Gläser und teilweise sogar Tabletts. Meine Freundin L. hatte eine Vitrine, die war voll. Wir haben alle ganz, ganz viel von diesem Zeug bekommen, wir haben uns gegenseitig diese Gläser geschenkt und sie nie benutzt. Wir haben nichts davon in unsere ersten Wohnungen mitgenommen. Mir scheint, die Gläser waren schon lange vorher – so mit 15, 16 – nicht mehr da. Irgendjemand muss die Gläser beiseite geschafft haben, denn in den Schränken meiner Eltern waren sie jedenfalls nicht. Vielleicht habe ich sie irgendwann in die Küche gebracht, und vielleicht hat meine Mutter die Gläser irgendwann heimlich (aber gern) im Garten zertrümmert.

Die Anderen

Im Zug heim von der Ostsee nach Berlin den anderen Frauen in die Gesichter zu schauen. Sich die knallroten, schlecht geschnittenen Haare wezugdenken, die in Brandenburg aus irgendwelchen Gründen sehr, sehr beliebt sind. Die Anoraks, formlos und bunt. Zu überlegen, wie alt die Frauen wohl sein mögen, von wo sie kommen, und wo es hingehen soll. Ob es ihnen gut geht. Ob sie alles haben, was eine Frau braucht.

Die meisten Frauen aber sehen schlecht aus. Ein bißchen bis ziemlich zu dick. Bleich, rotgeädert, aufgesprungen und teigig. Viele der Frauen wirken ein wenig stumpf und tragen ihre Körper durch die Welt, als sei er ihnen gleichgültig. Weich, gecremt und rasiert, massiert und gestreichelt wirken die Wenigsten, und die Mundwinkel zeigen so direkt zum Boden, als führten alle Wege der Welt vor die Hunde.

Ob es den anderen Frauen manchmal leidtut um ihr einziges Leben und deren Verlauf, frage ich mich und schaue zwischen den dösenden Körpern hindurch durch das Fenster ins Schwarze. Ob sie an irgendetwas hängen, ein Kind vielleicht, eine Katze, ein Mann? Wovon sie geträumt haben, als sie noch am Leben waren, warum nichts draus geworden ist, und weshalb sie ihr Leben nicht liegenlassen, um irgendwo anders jemand anders zu sein.

Froh und munter (II)

Eine Hütte in den Bergen gehört ja auch den Dingen, die aus der Ferne immer besser aussehen, als wenn man denn da ist. Aus der Nähe betrachtet, ist es am 23. Dezember des vorvergangenen Jahres – so ist es mir über Freunde von Freunden zugetragen worden – nämlich schon eher kalt. Die Matratzen sind dünn und hängen in der Mitte durch, das Bettzeug ist klamm, von den (mir unbekannten) fünf Paaren, die zusammen Weihnachten feiern wollen, hängen zwei irgendwo zwischen ihren Büros in Berlin und dem Flughafen München, wo sie das dritte Paar – der T. und die J. – erwartet. Zwei Paare sind schon und schmücken den mitgebrachten Baum.

Als schließlich alle eingetroffen sind, soll es gemütlich werden. Man entzündet Kerzen. Im Kamin brennen Holzscheite, es riecht nach Harz. Zwei der Paare haben guten Wein mitgebracht, ein Paar – nennen wir sie den W. und die N. – bringt wie immer ganz, ganz schlechten Wein mit, irgendwas aus dem Supermarkt für unter € 5,–. Alle ihre Freunde, landet das Gesöff anlässlich von Geburtstagsfeiern oder so in ihren Haushalten, gießen die Mitbringsel dieses Paares maximal an Nudelsaucen. Der diesmal mitgebrachte Wein, ein australischer Cabernet Sauvignon von Plus, wird voraussichtlich bei der Abreise zurückgelassen werden. Statt des sauren Weines öffnet man also eine ordentliche Flasche. Es handelt sich – so hat man es mir berichtet – um einen der sehr, sehr guten Spätburgunder vom Heinemann in Scherzingen.

„Der ist aber gut.“, lobt die N. den Wein, den der T. mitgebracht hat, und seufzt. Was der Wein denn gekostet habe, fragt sie, reißt die Augen auf, als sie den Preis hört und verstummt. Das gebe ihr W. für Wein nicht aus, sagt sie irgendwann und schaut den W. ein klein wenig vorwurfsvoll an. Die anderen Paare wechslen leichte Seitenblicke. Nun ist klar, wer für den sauren Wein verantwortlich ist, den der W. und die N. immer mitbringen. Der W. fühlt sich in die Ecke gedrängt.

Der W., muss man wissen, ist ohnehin kein originäres, sondern nur ein abgeleitetes Mitglied des Freundeskreises. Zuerst und noch im Studium war man mit der N. befreundet, später ist der W. aufgetaucht, und auch wenn der W. schon fast zehn Jahre dabei ist, ist man mit ihr nach wie vor etwas befreundeter als mit ihm. Möglicherweise ist das der Grund, weshalb der W. jetzt unwirsch wird. Für dermaßen teuren Wein, verkündet der W., habe er kein Geld. Schließlich würde die N. mit ihrer Drittelstelle an der Uni kaum etwas verdienen. Für alles, was von Miete über Versicherungen bis Reisen anfalle, komme er – Wirtschaftsprüfer mit irgendeiner ziemlich exotischen Spezialisierung – ganz allein auf. Mit einer Investmentbankerin, einer Senior Consultant, einer Richterin oder Rechtsanwältin an seiner Seite – der W. schaut eine der anwesenden Damen nach der anderen kurz an – könnte er auch mehr auf die Pauke hauen.

Leicht verlegen schaut jeder in sein Glas. Die N. aber ist tief gekränkt. Geld scheint ohnehin zu den Dingen zu gehören, über die sich dieses Paar etwas häufiger als andere streitet, und so steht die N. nach einer kurzen Schweigeminute auf, verlässt den Raum, schluchzt ein bißchen, ist weg und hinterlässt betretenes Schweigen. Deutlich gedämpfter als zuvor trinkt man weiter. Als aber die N. auch eine Flasche Wein später nicht wieder aufgetaucht ist, steht der T. auf. Er werde die N. zurückholen, verkündet er, schon leicht schwankenden Schrittes, und verschwindet gleichfalls. Statt aber mit der N. zurückzukommen, bleiben beide weg und zwar sehr lange.

Man will ja nicht klammern. Die J. und der T. diskutieren ohnehin in letzter Zeit ziemlich viel über Freiräume, die er braucht und sie nicht gewährt, wie er behauptet. Die J. schaut also nur so etwas verstohlen auf die Uhr und sieht den Zeiger wandern, wandern und wandern. 30 Minuten vergehen. Dann 45. Eine Stunden später reicht es der J. Vielleicht sei etwas passiert, murmelt sie, steht auf und begibt sich gleichfalls in das Schlafzimmer der N. und des W.

Eine Minute später wird es laut. Die J. brüllt lauter, als man es dieser an sich sehr aufrechten, freundlichen, hellblonden Dame – Richterin in einer Brandenburger Strafkammer – zugetraut hätte. Unwillkürlich zieht alles den Kopf ein. Nur der W. springt hastig auf und läuft dem Geschrei hinterher. Die drei anderen Paare bleiben sitzen. Man ist ja besser nicht dabei, wenn andere Paare ihre Beziehungen in kleine, schmerzhafte Splitter zerlegen.

Von „in flagranti“, wird der T. später behaupten, könne an sich keine Rede sein. Die J. übertreibe maßlos, wie es ihrer exzessiven Eifersucht entspreche, und auch wenn er nicht jedes Fehlverhalten bestreiten könne, sei das, was geschehen sei, keinesfalls einen hysterischen Anfall wert. Erst recht sei es unangemessen, sich schnurstracks ins Auto zu setzen und bis Salzburg zu fahren, um dort bei einer Tante unterzukommen und am nächsten Tage dort auch das Weihnachtsfest zu begehen.

Ob dem W. eine so drastische Maßnahme unangemessen erscheint oder angesichts der ja bereits bezahlten Reise unwirtschaftlich – er jedenfalls bleibt. Allerdings schläft er auf dem Sofa und spricht mit dem T. kein Wort mehr. Mit der N. dagegen spricht er die ganze Zeit, mal lauter und mal leiser, mal über den T., mal über Geld, mal über die gegenseitigen enttäuschten Erwartungen. Nicht so besonders amüsant ist das für die anderen drei Paare, und so reist das eine Paar kurzerhand am nächsten Morgen ab.

Was das denn solle, gerät das abreisende Paar mit einem der anderen Paare in Streit. Bei Schwierigkeiten einfach zu verschwinden, statt das beste draus zu machen, das habe man gern, und so scheidet man auch hier nicht im allerbesten Frieden. Zudem kann man nur dann neben streitenden Freunden sitzen, wenn man sich gerade als Paar wirklich richtig, richtig, richtig gut versteht, andernfalls wird man sich irgendwann von den Schwaden der Zwietracht anstecken lassen und Partei ergreifen. „Die N. hat doch recht, dass …“. – „Ich finde es auch immer belastend, wenn du …“. Auf Raclette hat angesichts dieser Gesamtsituation irgendwie keiner so richtig Lust. In allen Ecken sitzen betrübte Damen neben ihren Freundinnen, es wird sich auf langen Spaziergängen mal so richtig Luft gemacht, und dass sich die N. und der W. inmitten dieses ganzen grünlichen Gezänks irgendwann in der Heiligen Nacht wieder vertragen, grenzt an ein Weihnachtswunder.

Der T. allerdings will sich nicht mehr vertragen. Mit der J. sei es ohnehin nichts Rechtes mehr, verkündet er jedem, der es hören will und jedem anderen auch. Nun ist es ja stets etwas peinlich, sehr intimen Angelegenheiten guter Freunde zu nahe zu kommen, erst recht, wenn man mit beiden Teilen einer Verbindung befreundet ist, und so dekretiert eins der anderen Paare am 25. Dezember irgendwann in den Morgenstunden, man wolle von diesen Dingen nichts mehr hören. Man sei mit der J. befreundet und wolle es auch bleiben, und sei – dies aber nur am Rande – überdies ohnehin von der Berechtigung ihres auf Verbindlichkeit angelegten Beziehungskonzepts gegenüber seinen Vorstellungen schon eher überzeugt. Der T. reagiert verschnupft.

In den nächsten Stunden wird man global. Als der T. abreist, ist die Versöhnung mit den anderen schon fast ausgeschlossen und wird entsprechend auch bis zum heutigen Tage nicht mehr stattfinden, die J. wird aus der gemeinamen Wohnung mit dem T. ausziehen, noch im Januar, und dass irgendeiner der Mitreisenden noch einmal eine solche Weihnacht plant, gilt zur Stunde als äußerst unwahrscheinlich, um nicht zu sagen: als ausgeschlossen.

Der W. und die N. aber, sagt man, wollen jetzt heiraten.

Blick zurück

Wie immer angelehnt ans Wortschnittchen:

Zugenommen oder abgenommen? Zu. Ich habe 2009 zehn Kilo abgenommen, 2010 wieder vier Kilo zu, und unterschreite 2011 dann hoffentlich wieder die magische 60-Kilo-Grenze. Bei realistischer Betrachtung ist es vermutlich egal, was eine Frau in meinem Alter wiegt, aber es wäre ganz schön, diesen Sommer nicht den ganzen Tag den Bauch einzuziehen.

Haare länger oder kürzer? Lang. Länger als in den letzten Jahren. Derzeit ein wenig zu lang, aber ich will lang tragen, solange es noch geht und ich mit langen Haaren nicht aussehe wie eine anthroposophische Yogalehrerin aus Kreuzberg, der auch mit siebzig die dünnen Zotteln noch bis auf die Hüften hängen. Ab und zu stehe ich morgens vor dem Spiegel und schaue mich kritisch an, ob es noch passt. Gebe Gott, dass dem noch einige Jahre so sei, denn meine Haare gehören zu den wenigen Körperteilen, die ich ziemlich uneingeschränkt mag, und wer etwas Nettes über meine Haare sagt, ist absolut mein Freund.

Mehr Kohle oder weniger? Mehr.

Mehr ausgegeben oder weniger? Mehr.

Der hirnrissigste Plan? Oh. Mir fällt nichts ein. Das ist kein gutes Zeichen: Ich werde so erwachsen, ich denke meistens erst an alles, was schief gehen kann, und dann lasse ich irgendwelche Wahnsinnspläne im Projektstadium verecken.

Die gefährlichste Unternehmung? Gefährlich? Nicht mit mir. Was da alles passieren kann!

Mehr Sport oder weniger? Nichts. Ich fahre ein bißchen Rad. Insgesamt habe ich weniger Kondition als ein Grabstein.

Die teuerste Anschaffung? Ich habe 2010 tatsächlich gemeinsam mit dem J. eine Wohnung gekauft. Wir haben ungefähr hundert Wohnungen angesehen, einen Kaufvertrag platzen lassen, mit Maklern, Banken und miteinander verhandelt, bis die Schwarte kracht, um dann schließlich im Sommer einzuziehen.

Prenzlauer Berg ist es geblieben. Vier Zimmer im Altbau. Nicht gerade eine Villa am Wannsee, aber genug Raum für uns und unsere mehr als sieben Sachen. Ich habe mich in die Wohnng verliebt, als ich das erste Mal im Flur stand: Schöne, 3,70 m hohe Decken, Stuck, Parkett, alte Flügeltüren, eine Loggia mit einem Baum davor, durch den im Sommer smaragdgrünes Licht fällt und in dem Vögel singen. Einen Erker gibt es und eine ganz, ganz große Küche. Keine hundert Meter bis zum Park. Irgendwann im Sommer saßen wir dann beim Notar, und ich kam mir beim Unterschreiben vor wie ein kleines Mädchen, das mit den Pumps und Taschen seiner Mama „erwachsen“ spielt.

Das leckerste Essen? Vieles gut, wenig Sensationen. Sehr gut und sehr verspielt gegessen im Rutz letzte Woche, vier Gänge von der Etouffe Ente als Auftakt einer der lustigsten Nächte des Jahres in der King Size Bar. Dann das Donald-Russell-Entrecôte im Filetstück. Das Bistecca Fiorentina vom Chiannina-Rind im Francuccis mit Trüffelpuree und Spinat. Wie immer sehr gern und sehr gut im Paris Moskau. Viele gute Abende im Pappa e Ciccia, in der Kimchi Princess in Kreuzberg, im Jolesch und im Sasaya, aber nichts ganz Neues, ganz Besonderes.

Vielleicht ist das ein Projekt für das nächste Jahr: Ich will schon seit zehn Jahren ins Margaux. Damals hatte mir eine sehr blonde, sehr hübsche Kollegin im Referendariat von den Restaurants erzählte, in die ihr Freund sie führte. Das Vau war dabei, das First Floor. Ich scheue ja aus schierem Geiz nach wie vor die Königsklasse der Berliner Restaurants, aber damals lagen diese Läden dermaßen absolut außerhalb meiner Reichweite, ich hätte mich nur einladen lassen können. Irgendwie kam das aber niemandem in den Sinn. Ich habe damals gar nicht so wenig darüber nachgedacht, wieso andere Frauen immer schöner ausgeführt wurden als ich; das Ergebnis dieser Überlegungen war alles in allem stets eher deprimierend, aber sei’s drum: Ich werde 2011 im Margaux einen Tisch auf „Modeste“ reservieren, lade mich selbst zum Essen ein, nehme mir zur Gesellschaft den J. mit und rede mir ein, so sei das eigentlich noch viel besser.

Das beeindruckendste Buch? Hm. Viel fällt mir da nicht ein. Ich mochte Mosebachs Was davor geschah. William Boyd, der war bisher an mir vorbeigegangen. Das neue Buch vom Stuckrad-Barre war nett, charmant auch das Weiße Buch von Rafael Horzon. Ansonsten viel 19. Jahrhundert, viel Alte Geschichte, zunehmend weniger Gegenwart.

Das enttäuschendste Buch? Ich habe diese Polemik von Herrn Sarrazin über den Untergang Deutschlands wegen der Dummheit türkischer Gemüsehändler nicht gelesen, enttäuscht hat mich damit naturgemäß nicht das Buch. Enttäuscht haben mich aber die Deutschen, zumindest derjenige Teil dieser doch an sich recht angenehmen Leute, die im Internet in Kommentarforen geifern. Ich hatte die Deutschen bis zum letzten Jahr für weltoffener gehalten, für humorvoller und für gelassener. Dieser Mischung aus schrillem Alarmismus und verdruckster Fremdenfeindlichkeit stehe ich sprach- und verständnislos gegenüber.

Der ergreifendste Film? Hm. Moon mochte ich gern, dieser Ein-Personen.Science-Fiction, obwohl das an sich nicht mein Genre ist. Up In The Air und Somewhere, diese beiden Zeitgemälde über die Einsamkeit und die Vergeblichkeit aller Erfolge.

Der ergreifendste Kinoabend aber hatte nichts mit dem Film zu tun, der gezeigt wurde. Es war noch kalt, Berlinale. Schlingensief saß vor der Leinwand, auf der sein Film über sein letztes Projekt, dieses afrikanische Operndorf, lief und sah aus, wie einer, der sich in Luft auflöst, und alle, die da saßen, dachten an den Skandal, den der Tod bedeutet, wenn er jemanden wegnimmt, der noch nicht fertig ist wie ein halb vollendetes, stehen gelassenes Haus.

Das beste Konzert? Andreas Scholl im Berghain.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Kollegen.

Die schönste Zeit verbracht mit… ? Dem geschätzten Gefährten.

Vorherrschendes Gefühl 2010? Passt schon.

2010 zum ersten Mal getan? Eine Immobilie gekauft. Einen Kreditvertrag abgeschlossen. Einen Notartermin vereinbart. Mit einem Umzugsunternehmen umgezogen.

2010 nach langer Zeit wieder getan? Demonstriert. Am 18. September gegen den Ausstieg aus dem Ausstieg.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Den Tod meiner Katze Tilly. Die homöopathische Behandlung im Vorfeld ihres Ablebens. Die Einzeleinäscherung mit Ascherückführung der toten Katze, die ich nicht bestellt habe und auch nicht bezahlen werde.

Der folgenreichste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? „Sie können sich die Wohnung am Samstag anschauen.“

Der folgenreichste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe? „Wir würden die Wohnung gern nehmen.“

2010 war mit 1 Wort…? Vollbefriedigend

Froh und munter (I)

Jedes Jahr ungefähr zu Allerseelen beginnt die Dame, die meine Schwiegermutter wäre, wären der J. und ich verheiratet, ausdrucksvoll zu schweigen: Sie fragt nicht, was mit Weihnachten ist, sie spricht nicht über Weihnachten, sie erwähnt anstehende Feiertage mit keiner Silbe, denn sie will den J. auf keinen Fall unter Druck setzen, Weihnachten nach Hause zu kommen. Der J. soll vollkommen freiwillig den ICE nach Hannover besteigen, um sich unter dem mütterlichen Tannenbaum verwöhnen zu lassen.

Der J. aber denkt gar nicht daran, eine Woche lang an den mütterlichen Butterfässern zu sitzen. Der J. fährt das ganze Jahr, Krawatte um den Hals und Pilotenkoffer in der Hand, durch die Lande, der J. möchte Weihnachten auf dem Sofa liegen, und zwar umgeben von engen, handverlesenen Freunden auf dem eigenen Sofa im Prenzlauer Berg und nicht in einem Dorf bei Hannover, wo alle zwanzig Minuten jemand fragt, ob es auch warm genug ist, ob der J. etwas trinken möchte, ob er vielleicht Hunger hat, und ob es nicht schön ist, so zusammen zu sitzen. Die Frage nach dem Hunger ist ganz besonders rhetorisch, denn alle zwei Stunden gibt es unheuerliche Mengen zu essen, die zu verschmähen als konkludente persönliche Beleidigung gilt. Die ängstliche Frage, ob das Zusammentreffen nicht ganz besonders schön sei, darf auf keinen Fall wahrheitsgemäß beantwortet werden.

Jedes Jahr ungefähr zu Christkönig hält es die Mutter des J. dann doch nicht mehr aus. Zart, so subtil wie möglich, lässt sie anklingen, sie wolle den J. Weihnachten sehen. Möglicherweise berichtet sie etwas zu nachdrücklich von der Nachbarin, die zehn Tage lang bei ihrer Tochter in München weilen werde, oder sie fragt nach, was meine Eltern Weihnachten machen. Meine Eltern – das weiß die Mutter des J. genau – fahren Weihnachten meistens weg, oft monatelang.

Irgendwann in der Adventszeit gibt die Mutter des J. sich dann einen Stoß. Wie es denn aussieht, fragt sie dann, und bevorzugt fragt sie mich. Die Anspannung bricht ihr aus jeder Pore, ich verfluche den Umstand, dass der J. keine Geschwister hat, die sich die Betreuung der Eltern zu Feiertagen teilen könnten und rede mich raus. Mir sei alles egal, sage ich, auch wenn das nicht stimmt. Der J. sei zuständig, gebe ich zu Protokoll, und lächele übeaus freundlich, weil es nicht schön sein kann, wenn sich die Verdachtsmomente häufen, der eigene Sohn umgebe sich Weihnachten lieber mit seiner Berliner Ersatzfamilie. Die Idee, dass der J. sich deutlich wohler fühlen würde, wenn seine Mutter Weihnachten mit mehr Gelassenheit und weniger Mahlzeiten angehen würde, leuchtet der guten Frau irgendwie nicht ein.

Schließlich bricht der J. ein und lädt seine Mutter zum Stephanstag ein. Seine Mutter ist ein bißchen geknickt, weil sie sich extensivere Zusammenkünfte vorgestellt hat, ich bin ein wenig ärgerlich, weil ich mir eigentlich überhaupt keine Zusammenkünfte vorgestellt habe, und um jede weitere Quelle der Anspanung auszuschließen, reserviere ich einen Tisch in einem Restaurant. Wenn dann das Essen nicht schmeckt, ist wenigstens keiner schuld.

Dass zwischen Realität und Ideal eine Lücke klafft, verdeutlicht die Mutter des J. in den nächsten Wochen telephonisch. So teilt sie mit, keinen Weinachtsbaum zu kaufen. Das lohne sich nicht, denn man sei ja ganz allein. „Aber ihr seid doch zu zweit!“, bricht es dann aus mir heraus. Schließlich haben auch wir als ein kinderloses Paar uns einen Weihnachtsbaum erworben. Das sei etwas anderes, schallt es aus dem Hörer. Na dann, denke ich mir und lege auf. Auch eine Gans solle es nicht geben, höre ich, sondern irgendetwas aus dem Römertopf. „Aber wir kommen ja am 2. Weihnachtsfeiertag zu euch und sehen dann den schönen Baum!“, zwitschert die Mutter des J. und läd das Zusammentreffen mit Erwartung auf.

Morgen früh werden die Eltern des J. nun erwartet. Wir haben einen Tisch bestellt. Die circa acht Stunden zwischen Ankunft und Essen hat man sich lang vorzustellen, sehr lang, eine bei genauer Betrachtung sozusagen der Ewigkeit nicht vollkommen unvergleichliche Spanne.

August

Sommer, denke ich und schiebe mich frierend durch die enge Straßenbahn zum Automaten. Heiß muss es sein. Auf dem schmelzenden Asphalt soll die Hitze liegen wie eine feuchte, warme Decke. Sandalen will ich tragen und ein kurzes, rotes Kleid. Der Fahrtwind auf dem Rad soll sich anfühlen wie ein Föhn. Unter den Oberbaumbrücke soll die Spree der Nacht entgegenfließen.

Die Autofahrer sollen hupen vor lauter Übermut. Die Busse fahren mit offenen Türen. Es soll nach Knoblauch und Kreuzkümmel riechen, nach Benzin und blühenden Bäumen. Wo ich vorbeifahre, will ich Gelächter hören, Paare sollen sich küssen, und im Flieder verborgen lehnt der Sommer an einer Wand und spielt auf dem Akkordeon Lieder über die Liebe.

Es soll Sommer sein, denke ich mir, und der Sommer soll niemals enden.

Fußkrank

Ich habe gehört, dass ein Franzose namens Wurst ein Buch darüber geschrieben hat, wie schlecht die deutschen Frauen flirten. Vermutlich ist da Einiges dran. Die deutschen Männer jedoch, oh Leserin, oh Leser, haben an diesem Umstand ein gerüttelt Maß Mitschuld, denn in Wahrheit verhält es sich doch so: Deutsche Männer haben beim Flirten Plattfüße.

Lächeln Sie als eine mittelalte, mittelgroße und mitteldicke Frau morgens in der M 4 nach Mitte einen beliebigen Mann freundlich an, weil er so schöne Haare hat zum Beispiel, dann schaut Sie dieser Mann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Misstrauen an. Nun gut, ein wandelnder Männertraum sieht anders aus, zugegeben – aber ist das ein Grund auszusehen, als habe man dem betreffenden Herrn im Anzug gerade kräftig und schmerzhaft in die Wange gekniffen? Vermutlich denkt der Betroffene des visuellen Überfalls gerade angestrengt nach, woher er einen kennt, kommt zu keinem Ergebns und vermutet eine Wahnsinnige? Was geht in den Herren vor, die irgendwo auf einer der etwas offizielleren Weihnachtsfeiern der Stadt neben einer Frau an einem Fingerfood-Buffet stehen und statt ein paar netter Worte über Shrimps und Roastbeefröllchen oder so einfach nur äußern, man möge ihm eine Serviette reichen und sich dann abwenden?

Auch nicht anders sieht es aus auf den Parties im eher privaten Rahmen. Wenn jemand sich mit Ihnen unterhält, dann macht er Ihnen garantiert keine Komplimente. Vermutlich fragt er, was man denn so mache, denn das machen sie immer, die Männer dieser Stadt, weil sie das zwar auch nicht mehr interessiert als ein Sack Reis in China, aber etwas anderes fällt ihnen ganz offensichtlich nicht ein. Geschmikt und geschmückt, parfumiert und enthaart, sorgfältig angezogen und einladend lächelnd stehen dann die weiblichen Gäste in fremden Küchen und fragen sich, wieso sie den ganzen Abend sehr ernsthafte Gespräche um internationale Politik oder den Kunstmarkt führen müssen. Komplimente müssen teuer sein. Anders ist das alles nicht zu erklären. Noch viel irritierender sollen die Reaktionen sein, wenn man selbst zur Offensive übergeht. Dass der Angefallene nicht einfach wegläuft, scheint noch die Optimalreaktion darzustellen.

Lächelt aber einer mal, macht möglicherweise hinreißende Komplimente und kann dann auch noch tanzen, ist man ganz verwirrt. In überproportional vielen Fällen ist dieser Herr dann aus fremden Landen, aber stammt derjenige schlicht aus Ulm oder Herford, dann reagiert man leicht irritiert, ein wenig verlegen (was ist das?), lächelt ein wenig unsicherer zurück, als eigentlich beabsichtigt und verdient, und wenn dann einer publiziert, die Berliner Frauen seien ein wenig, nun, spröde, dann hat er vermutlich recht.

Schuld, hier sei es einmal festgehalten, haben aber eigentlich die anderen.

Im Schnee

Zu Fuß mache ich mich auf den Heimweg. Schwarz ist der Himmel, als gebe es nie wieder Sterne, und es fällt Schnee, Schnee, Schnee, uns alle zu bedecken.

Mir aber geht es gut, umgeben von Flocken. Alle Fenster leuchten mir gelb und warm Willkommen. Meine Strumpfhosen sind dünn, ich friere nach wenigen Metern, doch der Schnee wirbelt die Kälte weg, und wenn einer anriefe, mit mir im Volkspark einen Schneemann zu bauen, ich liefe los und rollte Riesenkugeln aufeinander. Weil keiner anruft, laufe ich heim.

Drei Mädchen mit diesen Schlumpfmützen, die so lange Hinterköpfe machen, laufen lachend untergehakt an mir vorbei. Absätze haben die drei unter ihren Stiefeln, dass ich neidisch werde, weil sie so sicher laufen, als seien sie schon mit Absätzen geboren, und ich suche in meinem iPod nach einem Song, der mich nach Hause begleitet, und würde mitsingen, fiele mir etwas Gutes ein.

(Zu Hause aber ist alles dunkel und still.)