Journal :: 16.11.2010

Der erste Schirm

Morgens gehe ich also aus dem Haus. Das Wetter ist ganz erbärmlich, das Wetter könnte kaum schlechter sein, und weil ich zur Zeit nicht Rad fahre, sondern Trambahn, brauche ich einen Schirm. Ich nehme also einen der Schirme, die ich ab und zu bei Rossmann kaufe, aus der Garderobenschranktür und laufe los. Ich muss zu einer Veranstaltung in der City West. Es ist draußen kalt und nass und fürchterlich. Es ist auch den ganzen Tag ziemlich dunkel.

Ich bin außerdem ziemlich spät dran. Ich bin meistens zu spät, ich bin nicht so gut im pünktlich irgendwo Ankommen, und deswegen habe ich es immer ein bißchen eilig. Ich laufe also auf meinen hellbrauen Pumps hinter der Straßenbahn her, ich recke mich ein bißchen, weil die Türen sich schon langsam schließen, und dann strecke ich den Schirm nach der Trambahntür aus. Es blinkt schon Aufbruch.

Die Tür soll wieder aufgehen wegen des Schirms, stelle ich mir vor. Türen von Bahnen schließen ja nicht, wenn irgendetwas dazwischen klemmt wie ein Kinderbein oder so, aber eine Tür kann ein Kinderbein von einem Schirm anscheinend gut unterscheiden, denn die Trambahntür schließt, mein Schirm ist eingeklemmt, und dann fährt die M 4 einfach los. Unbeschirmt warte ich auf die nächste Bahn. Ich werde nass.

Der zweite Schirm

Es ist 18.00 Uhr. Die Veranstaltung am Kudamm ist zu Ende, ich fahre zurück ins Büro, aber zwischen dem Tagungshotel und dem Bahnhof liegen bestimmt 300 Meter. Ich schaue mich um. Der Wagenservice hat Schirme, ich will mir einen Schirm leihen und bringe den Schirm ganz bestimmt in den nächsten Tagen zurück. Andernfalls schickt mir das Hotel sicherlich auch eine Rechnung. Ich trete also auf den Service zu. Ich frage nach dem Schirm, ich erläutere meine Rückführungsabsichten und strecke die Hand nach dem Schirm aus.

Der Wagenservice sieht mich einen Moment ratlos an. Dann erwacht in ihm das Misstrauen. Ich sehe vielleicht aus wie eine ganz seriöse Person im Kostüm und mit einem blauen Mantel. In Wirklichkeit aber, in Wirklichkeit bin ich ein loser Vogel, unzuverlässig und nie und nimmer bereit, einen Schirm zurück zu erstatten, und so krallt sich eine riesige Hand um die Schirme und eine Stimme bellt. Ich bekomme keinen Schirm. Unbeschirmt warte ich auf die nächste Bahn. Ich werde nass.

Der dritte Schirm

Am Alex steige ich aus. Lauter Leute laufen hin und her zwischen S-Bahn und U-Bahn und Tram und fahren nach Hause. Ich aber habe zu tun. Ich fahre noch einmal zu mir ins Büro.

Das Büro ist nicht direkt neben der S-Bahn. Ich laufe von der Bahn bis zur Tür ganz bestimmt zehn lange Minuten. Wenn es regnet, ist das eine Menge, und so laufe ich direkt aus der Bahn zu dm und kaufe hier einen Schirm. Es ist ein blauer Knirps. Weil ich schon einmal da bin, kaufe ich noch Shampoo und Handcreme und kleine Dinkelbrezeln in Tüten.

Auf dem Weg ins Büro laufe ich unter dem Schirm und werde nur von den Knien abwärts ganz nass. Im Büro liegt der Schirm aufgespannt im Treppenhaus und tropft ab. Zwei Stunden später, so ungefähr, fahre ich den Rechner runter, schließe die Tür ab und gehe zur Bahn.

Auf dem Weg zur Bahn überholt mich ein Fahrrad. „Pass doch auf!“, entfährt es mir, als der Radfahrer mich gefährlich nah streift. „Selber Schnauze!“, brüllt der Radfahrer, der offenbar etwas aggressiverer Natur zu sein scheint, dabei habe ich gar nichts dergleichen gesagt. Ich verstumme.

Normalerweise ist im Umgang mit Gestörten entschlossenes Schweigen immer eine gute Sache. In diesem Fall erbost aber mein Schweigen den Radfahrer noch viel mehr. Wütend hebt er die Hand und schüttelt die Faust gegen den Himmel, und dann streckt er die Hand aus, zieht einmal kräftig an meinem Schirm und schleudert ihn in hohem Bogen auf die Schönhauser Allee. Entgeistert starre ich dem Schirm nach. Zerschmettert liegt der Schirm unter den fahrenden Autos.

Unbeschirmt warte ich auf die nächste Bahn. Ich werde nass.

Journal :: 15.11.2010

Die B. ist jetzt blond. Ein bißchen fremd sitzt sie mir auf ein Glas Muskateller gegenüber, seltsam erwachsen mit dem halblangen, sorgfältig durchgestuften Schnitt und den glänzenden, manikürten Nägeln. Sogar ihr Lächeln wirkt erwachsener als noch vor einem halben Jahr, und ich frage mich, was in der Zwischenzeit geschehen sein muss, um so eine Rapidadoleszenz auszulösen. Äußere Anlässe, so teilt man mir mit, scheiden jedenfalls aus.

Auf dem Heimweg komme ich schrecklich unreif vor. Ich fühle mich meistens wie jemand, der seit 20 Jahren diffus pubertiert. Meine Stimmungsschwankungen würden jede Vierzehnjährige zieren, und wenn ich nicht jeden Morgen ins Büro gehen würde, würde ich immer noch leben wie eine Studentin im ersten Semester: Bis mittags schlafen. Nachmittags in der Uni Kaffee trinken, als würde die Nähe zu Bildungseinrichtungen den Ausbildungsprozess irgendwie von selbst befördern, abends mit Freunden Spaghetti kochen und irgendwann ziemlich spät ausgehen. Ich wäre auch ständig verliebt, wenn es den J. nicht gebe, der übermäßigem emotionalem Schlingern zum Glück entgegensteht. Zu meinem Glück verliebt sich auch keiner in mich und führt mich in Versuchung.

Ob auch ich noch einmal so erwachsen werde, frage ich mich und schließe mein Fahrrad an einen der Bügel vor dem Haus. Ob so ein Schalter in mir eigentlich existiert, der umgelegt werden kann, und dann wäre ich so fest verwurzelt in der gefügten und gedrechselten Welt erwachsener Leute mit Verantwortung, die das, wofür man sie bezahlt, auch wirklich sind und nicht nur darstellen, und ob es sich besser anfühlt, wenn man den Erwachsenen auf Augenhöhe begegnet und Dinge sagen kann, die mit Investitionsentscheidungen und Vorstandsvorlagen und Steuererleichterungen und derlei Dingen zu tun haben, und nicht in irgendeinem Gedankenwinkel laut zu prusten, weil das so komisch klingt.

Journal :: 14.11.2010

Als das Flugeug abhebt, schließe ich die Augen. Neben mir summt ein Junge von vielleicht 15 oder 16 Jahren Buchstücke einer Melodie ganz leise vor sich hin, und unter mir verschwindet Brüssel. Grau und trüb ist die Stadt, zu der ich gar kein so rechtes Verhältnis habe. Man isst gut in Belgien, das ja, man kann da wohnen, und wenn Freunde da wohnen, dann ist es mir lieber, als wenn man irgendwelche entlegene Orte im Nichts aufsuchen müsste, um sie zu sehen.

Zur EU dagegen habe ich ein rein pragmatisches Verhältnis. Die Schulbuchreden sind mir noch ein bißchen fremder als das, was sich andere Verwaltungseinheiten an Lorbeer flechten, und dem Wissen, dass hier eine Menge Musik spielt, und man mitspielen muss, wenn man nicht gänzlich aus dem Tak geraten will, ist nie eine emotionale Verbundenheit mit dem Projekt Europa gefolgt, wie sie am Ende doch an der Reichstagskuppel hängt oder am alten Plenarsaal am Rhein.

Ob es viele Leute gibt, für die das anders aussieht, frage ich mich und drehe den iPod etwas lauter. Good time to roll on, würde ich mitsingen, wenn auch ich 15 oder 16 wäre, und nicht 35 und auf dem Rückweg heim und so beladen mit Vergangenheit, dass es mir fehlt, wenn etwas keine hat, und sei es eine Behörde.

Journal :: 11.11.2010

Für einen Moment bin ich wirklich verstimmt. Dabei ist alles bestens, keine Frage. Das Essen schmeckt, es schmeckt sogar sehr gut, und nicht einmal die laute Gruppe neben uns stört mich über meinem Kalbsbraten Girardi. Nur der Knödel irritiert mich. Dabei ist der Knödel gut. Ein wenig zu gut, will mir scheinen, und ich frage mich ernsthaft, ob es mir lieber wäre, der Knödel wäre schlechter. Der Knödel – und das ist das Problem – der Knödel schmeckt besser als meine.

Ein wenig sonderbar finde ich mich über dem Knödel. Ich gehe auch sonst gern Dinge essen, die ich selbst nicht kochen kann. Ich kann beispielsweise weder so gut wie kochen wie das Paris Moskau, noch schmeckt mein Sushi so gut wie im Sasaya. Ich backe auch mehr so eine Art Hausfrauenpizza. Der Knödel jedoch, der Knödel gehört zu meinem Küchenrevier, und wenn ein Knödel woanders besser ist als daheim, dann habe ich versagt.

(Blöde Kuh, denke ich mir, trinke noch etwas Wein und ordere mehr. Noch einen Knödel, denn Delegieren ist alles.)

Journal :: 08.11.2010

Langsam füllt sich der Raum und inmitten der Endzeitarchitektur im Berghain beginnt Andreas Scholl zu singen. Makellos, rein, als gebe es einen Himmel voller Engel, quillt die Musik wie kristallklares Wasser in alle Ecken des Raumes. Mit geschlossenen Augen stehe ich und halte mich an meinem Glas fest, um nicht weggetragen zu werden vor Schönheit und Glück.

Als die Musik endet, gehe ich heim. Kalt ist die Stadt geworden. Den Winter kann man schon riechen. Die Fenster der Häuser werden dunkel, es wird unwirtlich in Berlin, trotz Musik und leiser Gespräche, und als ich zu Hause ankomme, stehe ich noch ein paar Minuten im Bad, hellwach und begeistert, und schaue mir fest in die Augen. Die Welt ist schön, sage ich mir, und ich bin es auch. Nur heute nacht.

Journal :: 07.11.2010

Im Deutschen Theater einen Sommernachtstraum auf die Bühne zu bringen, ist wahrscheinlich immer ein Wagnis. Nicht, dass irgendeiner der Gäste noch eine mehr als schattenhafte Vorstellung der Reinhardt-Sommernachtsträume hätte, aber vielleicht ist gerade der Nimbus so muskelstrotzend, dass ein echter Sommernachtstraum, leibhaftige Körper im Raum, gegen die Projektion des idealen Sommernachtstraums nur verlieren kann. Wenn der Sommernachtstraum – diesmal von Kriegenburg – auch eher so lala aussieht, ist die Fallhöhe vieleicht auch deshalb unfair hoch.

Die Schauspieler jedenfalls beweisen einmal mehr, dass das DT noch mehr als die anderen Berliner Häuser über eine qualitative Spreizung der beschäftigten Akteure verfügt, die eigentlich kaum zu erklären ist. Wieso stellt eine der ersten Bühnen der Republik ab und zu großartige, hinreissende Personen ein, und dann wieder Leute, die man sieht und auf der Stelle vergisst? Warum fällt niemand Kriegenburg in den Arm, wenn er den Puck, den großen Puck, den kleinen Bruder des großen Pan zu einer blässlichen Existenz im schwarzen Anzug herabwürdigt, an dem man fast vorbeisieht? Warum kreischen Hermia und Helena wie zwei Fischweiber? Was bedeutet es, dass die Handwerker alle verkleidete Frauen sind? Und wieso hat man bei der Renovierung des DT darauf verzichtet, die Beinfreiheit in den Rängen der Körpergröße neuzeitlicher Menschen anzupassen?

Das Bühnenbild immerhin ist gelungen. Ein großer Raum, drehbar, mit verstellbarer Hinterfront aus einem rötlich-braunen Furnier. Seitenwände aus Glas, zusammengesetzt aus vielen Quadraten, und den Wald eingesperrt in den Hohlraum zwischen den Scheiben. Durch die Äste fällt ein somnambules, wahrhaft sommernächtliches Licht, und manche Bilder, die Kriegenburg schafft, haben eine traumhafte, schwerelose Eleganz, die für sich steht und leuchtet. Insgesamt aber rundet sich der Bilderbogen nicht. Ein wenig unbefriedigt ob so wenig Magie zieht man davon, und auch das gute Essen im Toca Rouge lässt einen, nun, ein wenig hungrig nach dem schwarzen Zauber der Feen und dem, was wir brauchen, auch wenn wir es fürchten und es uns, wie wir wissen, zumeist nicht bekommt.

Journal :: 06.11.2010

Ausführliche Telefonate im Familienkreise haben ergeben, dass Körperpflege in meinem Leben nicht die Rolle zu spielen scheint, die ihr gebührt. Mit durchschnittlich vier kosmetischen Behandlungen pro Jahr kann ich die Rücklichter meiner weiblichen Verwandten im Rennen um eine gepflegte Erscheinung nur noch mit Mühe am Horizont ausmachen. Außer mir, so erfahre ich, geht jeder normale Mensch weiblichen Geschlechts jeden Monat zur Kosmetik und lässt Gesicht, Brust, Hände, Füße und Körperbehaarung professionell in Ordnung bringen. Ich bin verunsichert. Ich schaffe es vielleicht einmal im Quartal zu Kosmetikerin N., der leicht verfetteten Schönheitskönigin einer bulgarischen Kleinstadt. Die Erkenntnis ist bitter: Ich bin Modeste, das Mädchen aus dem Urwald.

Schlecht gelaunt und struppig liege ich auf dem Sofa und surfe ich ein bißchen im Netz. Die Schminktipps der Stars wenden sich an eine offensichtlich deutlich differierende Zielgruppe. Ich kann und will Megan Fox nicht zum Vorbild nehmen. Haben Sie Lindsay Lohan mal gesehen? Ich habe zwei Hautcremes aus der Apotheke, ein Make Up und zwei Lippenstifte von Rossmann. Ich kaufe da auch ab und zu die rosa Einmalrasierer, um nicht komplett zu verstrubbeln. Wo haben eigentlich andere Frauen das Wissen um das ganze Zeug her, das es in diesem Segment zu kaufen gibt? Woher weiß man überhaupt, welchem Hauttyp man angehört? Ich habe an sich keine Falten, aber ab und zu Pickel, wenn ich etwas sehr Fettes esse. Nennt man das Mischhaut oder ist das normal? Wieso gibt es eigentlich keine Creme für normale Haut? Habe ich schon reife Haut oder brauche ich eine Spezialcreme für große Poren? Ist meine pH-5,5-Body-Lotion Anti-Aging genug oder altere ich ohne besondere Pflege am Rest der Welt vorbei und sehe in wenigen Jahren so aus, als sei ich mindestens schlecht erhaltene 40, während alle anderen Frauen meines Jahrgangs sich nonchalant als 28 ausgeben können?

Möglicherweise, auch das muss man sicher erwägen liegt es gar nicht an fehlender Pflege. Vielleicht würde ich auch mit einer sehr guten und regelmäßigen Pflege noch immer eher als ein feiner Kerl und mehr so zufällig weiblich und nicht als eine Prinzessin vom Prenzlauer Berg eingeordnet werden. Vielleicht, so sinniere ich und koche mir einen Zintronengrasteee, vielleicht ist man erst Exponentin eines gewissen Typs, dann zieht dies einen gewissen Lebensstil nach sich, und dass ich am Samstag mittag wirklich meine Sachen packe, um mich in Mitte ein wenig verschönern zu lassen, ist ganz egal und völlig vergeblich.

(Zumal, wenn man nicht groß ausgeht, sondern Samstag abends einfach so zu viert mit dem R. und der I. im Cavallino Rosso etwas isst.)

Journal :: 05.11.2010

Erst letztens war in der ZEIT ein Titelthema über die Gefahren des Schlafmangels und dessen zunehmende Verbreitung. Ich habe den Artikel nicht gelesen, weil ich die ZEIT aus Versehen bei der I. liegen gelassen habe, aber ich nehme an, sie meinten mich: Ich gehe jeden Abend theoretisch so gegen 1.30 Uhr zu Bett. Praktisch schlafe ich aber nicht vor 2.00 Uhr ein. Morgens klingelt mein Wecker um 8.30 Uhr. In Wirklichkeit bin ich aber meistens um 7.00 Uhr wach, weil mein Kater gattungstechnisch zu den Feliden zählen mag, in Hinblick auf seinen Tagesablauf aber als eine Lerche angesehen werden muss, die ab 6.45 Uhr mit den Vorderpfoten auf der Bettkanten Radau schlägt und in schrillen Tönen nach Futter schreit. Aussperren kann man ihn kaum, außer, man kann schlafen, wenn vor der verschlossenen Tür im Flur die französische Revolution tobt und über Stunden freien Zugang zu den weichen Fauteuils der Paläste verlangt.

Mindestens einmal die Woche finde ich so spät nach Haus, dass der ganze nächste Tag leicht verrutscht. Ich gähne dann nicht von morgens bis abends, das nun nicht, aber das leichte Flirren in den Augenwinkeln, die etwas verzeichneten Farben, so eine gewisse Verlangsamung – man merkt das dann schon. Zwar war es Donnerstag nun nicht gar so spät, aber vor 2.30 Uhr war ich halt doch nicht im Bett, und der Freitag war, nun, doch eher etwas mühsam. Mit ein wenig Routine und viel Kaffee geht das alles, abends ist man dann ja auch wieder halbwegs fit genug für ein bißchen Sozialleben – schöner wäre es aber doch, man bräuchte schlicht weniger Schlaf. Wie man das anstellt, ist mir aber ein Rätsel.

Einfach mehr zu schlafen, ist jedenfalls keine Option. Ich arbeite so ungefähr von 9.30 Uhr bis 20.30 Uhr. Manchmal wird es noch später. Wenn ich dann noch irgendwo hingehen will, ist es zwangsläufig nach Mitternacht. Das Berliner Leben spielt sich tendenziell auch eher etwas später ab. Schnell nach Hause zu gehen und zu Bett, ist als Freizeitbeschäftigung zudem nicht so besonders atraktiv. Ich habe keine Ahnung, was andere Leute zu Hause unternehmen, das ihnen amüsanter erscheint als auszugehen; mich jedenfalls hat noch keine denkbare Alternative überzeugt.

In der Praxis finde ich mich mit der Müdigkeit einfach ab. Dass so wenig Schlaf nicht so richtig gesund sein kann, erscheint mir aber gerade an so etwas übermüdeten Tagen trotzdem einleuchtend. Das beunruhigt mich etwas. Napoleon etwa schlief angeblich nur vier Stunden pro Nacht, wurde – vielleicht deswegen – aber auch nur 52. Das kann man sich leisten, wenn man mit 35 Kaiser der Franzosen ist, ist man mit 35 aber nichts weiter als Anwalt in Berlin, gehört die lebensverkürzende Wirkung des Schafmangels vermutlich nicht mehr zu den Dingen, die man eben einfach so billigend in Kauf nimmt, und so richte ich an dieser Stelle einen dringenden Appell an die pharamazeutische Forschung: Unternehmen Sie irgendetwas. Machen Sie der Gottesgeißel Schlafbedarf endlich ein Ende. Und wenn Ihnen das nicht gelingt: Überzeugen Sie die Politik, per Gesetz den täglichen Beginn des öffentlichen Lebens auf 10.00 Uhr zu verlegen. Als Lobbyisten sind Sie doch angeblich ganz groß.

Journal :: 04.11.2010

Das Leben als Erwachsener ist kein Spaß. Man trägt Verantwortung. Man hat lauter Pflichten, an denen mehr hängt als nur eine 5 in Mathe, und wenn man irgendetwas falsch macht, sieht es einem garantiert keiner nach. Erwachsensein hat also fast nur Nachteile. Die einzigen beiden Vorteile am Leben der Erwachsenen sind das lange Aufbleiben und die freie Wahl von Speisen und Getränken. Wäre ich fünf, hätte ich gestern beispielsweise Müsli am Morgen, Spinat und Ei zum Mittag und abends Käsebrote mit Tomaten bekommen. Als eine reife Frau von 35 dagegen darf man Kuchen essen. Von morgens bis nachts und nichts als das.

Morgens stand der erste Kuchen einfach so in der Mitarbeiterküche herum. Ich glaube, es war etwas mit Kirschen. Irgendjemand hatte Geburtstag, und zum Geburtstag bringt man Kuchen mit. Es war so viel Kuchen da, ich hatte zwei Stück. Mittags, als es nicht so richtig etwas zu essen gab, habe ich noch ein Stück Marmorkuchen gegessen und ein paar Kekse.

Abends war ich in Neukölln. Ich war in der Yuma Bar, es wurde gelesen, ich hatte Hunger, aber zu essen scheint es da nichts zu geben. Irgendwann war es so ungefähr elf. Noch eine Stunde zuvor hätte ich auch einen Salat bestellt oder eine Suppe. Wer aber richtig Hunger hat, muss etwas Fettiges essen, etwas Süßes am besten, und wenn es einige Straßen weiter ein Café gibt, und man dort Kuchen verkauft, dann ist eine hungrige Frau dort genau richtig. Weder Frau Engl noch der K. fielen mir in den Arm und sprachen mahnende Worte über Vitamine oder mein Gewicht. Der Kuchen im Café Rita sah großartig aus. Es gab vier verschiedene Kuchen aus der zu recht gepriesenen Kuchenmanufaktur Koriat. Wir waren zu dritt. Wir bestellten von allen Kuchen ein Stück. Die Stücke waren groß, delikat, fett und saftig. Ich fürchte, ich habe mit Abstand am meisten gegessen.

Irgendwann – es war spät – saßen der K. und ich im Taxi zurück in den Prenzlauer Berg. Ein wenig übel war mir schon. Für einen kurzen Moment irgendwo zwischen Landwehrkanal und Spree dachte ich über ein Käsebrot nach, vielleicht Tomaten, doch als das Taxi hielt, klopfte ich an die Scheibe an die Bäckerei. Die Bäckerin sah auf und öffnete das Fenster.

Das Brioche war sehr gut.

Journal :: 03.11.2010

Vor der Tür eine kurze Minute des Schrecks. Der Schlüssel passt nicht, die Tür geht nicht auf. Ratlos, ein wenig müde um kurz nach neun stehe ich vorm Eingang und überlege, was zu tun sein wird, wenn es dabei bleibt.

Noch vor einigen Jahren hätte ich Freunde angerufen und auf deren Couch übernachtet. Morgen hätte der J. mir den Schlüssel ins Büro geschickt, ganz unkompliziert wäre das gewesen, aber nun sitzen die Katzen hinter der verschlossenen Tür und haben Hunger. Ich kann nicht wegbleiben. Ich greife nochmals nach dem Knauf.

Auch beim zweiten Versuch hakt das Schloss. Einen Schlüsseldienst müsste ich wohl anrufen, der dann käme, mürrisch, wie es den Berliner Dienstleistern entspricht, und mit wegwerfender Geste die Tür öffnen würde und hielte die Hand auf. € 350 ohne Rechnung. € 420 mit.

Schließlich greift ein Nachbar nach der verschlossenen Tür. Die Haustür öffnet sich. Von innen drehe ich den Schlüssel noch einmal im Schloss, laufe die Treppen hoch und stehe im Flur, erleichtert und müde.