Als ich mein Fahrrad losmache, schaue ich mich um. Die anderen Gäste der Veranstaltung sind – es ist irgendwann so gegen 23.00 Uhr – auf dem Weg zur Bahn. Einige sind mit dem Auto da, man schüttelt ein paar Hände, lacht. Dann verlieren sich die bekannten Gesichter irgendwo auf den Straßen von Mitte. Ich fahre heim.
Was die anderen Teilnehmer dieser oder anderer Termine, Leute, die mich oberflächlich kennen und grüßen, von mir halten, habe ich mich schon manchmal gefragt. Ob man mich eigentlich mag. Ob man mich professionell schätzt oder auch nur ernst nimmt. Ob man mich charmant findet. Ob Leute darüber sprechen, wie ich aussehe. Was ich sage oder nicht.
Mir war es halt nie egal, was Menschen von mir denken. Ich bin kein sonderlich unabhängiger Kopf. Ich wollte immer gefallen. Mir hat es nie gereicht, wenn mich nur diejenigen mögen, die ich kenne und mag. Natürlich, es ist dumm, sich so angreifbar zu machen für Personen, mit denen man nichts zu tun hat, und das manchmal mit gutem Grund. Ich habe zu alledem vielleicht noch eher weniger Talent als andere, gemocht zu werden. Ich bin nicht so Konsens wie mancher andere, und selbst die, die mich schätzen, finden mich vermutlich eher patent als reizend. Meistens ist mir das nicht bewusst, aber gestern abend, auf dem Weg heim von Mitte nach Hause, anlasslos einfach so aus dem Nichts, tut es mir ein wenig leid um das, was mir fehlt.
Io sono l’amore ist ein schöner Film. Das entfärbte Mailand. Die makellose Eleganz der Tilda Swinton als Industriellengattin inmitten ihrer drei gut aussehenden Kinder. Die Kühle der Stadt, der Ehe, der Bourgeoisie als Lebensform in einem Haus, dessen Stil nicht mehr ganz zeitgemäß ist, dreißig, vierzig Jahre alt bestimmt, und so kalt wie eine Festung. Es ist ein schönes Leben, ein gepflegtes Existieren, aber kein angenehmes, und die Liebe zu einem jungen Mann, die in das Leben der Hausherrin bricht als ein Glück und eine Katastrophe zur gleichen Zeit, ist ganz Kontrapunkt, das völlig andere, Natur und Leben, und so intensiv, wie wir alle leben, wenn wir lieben.
Man sollte immer lieben, denke ich auf dem Heimweg nach den Antipasti im Gorgonzola Club auf dem Weg heim in den Prenzlauer Berg. Man sollte nie ungeliebt schlafen gehen, putze ich mir die Zähne und schlafe zu spät, wie jede Nacht, und träume von dem, der mich liebt.
Damals, mein Kind, als die Kalorien noch gar nicht erfunden waren, tat man an Krautfleckerl nicht nur mageren Schinken ganz ohne Fett wie ich gestern. Meine Großmutter – Du hast sie nicht mehr kennengelernt – kaufte beim Metzger statt dessen durchwachsenen Speck und der Metzger schnitt ein sieben oder acht Zentimeter breites Stück von einer ganzen Speckseite. Das würde gewürfelt.
Meine Großmutter hatte Messer, so große Messer kann man heute kaum mehr kaufen. Überhaupt war alles in ihrer Küche etwas größer. Ihr größter Topf ging mir bis zum Bauch. Die Familien waren größer als heute, es aß aber auch jeder für sich viel mehr. Der Speck war deswegen gerade richtig portioniert für vier: Mein Cousin, meine Schwester, meine Großmutter selbst und ich.
Während meine Großmutter den Speck mit dem großen Messer in Würfel schnitt, schnitt ich mit einem kleinen Messer Zwiebeln. Für Krautfleckerl muss man die Zwiebeln nicht so fein schneiden. Am besten ist es, die Zwiebelstückchen sind so groß wie das gehobelte Kraut. Man braucht mindestens zwei große gelbe Zwiebeln und einen kleinen Kohlkopf dazu.
Für Krautfleckerl nahm meine Großmutter eine ganz große, weiße Pfanne mit einem hohen Rand. Keiner weiß, wo diese Pfanne geblieben ist. Vielleicht ist sie weggeworfen worden. Mir tut das leid. Ich habe keine solche Pfanne, ich nehme eine runde Pfanne von Le Creuset, aber da passt nur ein Essen für zwei hinein wie am Sonntag. Meine Großmutter kochte nie für weniger als eine Großfamilie und eventuell überraschenden Besuch und hatte aus Prinzip nur riesige Töpfe und gigantische Auflaufformen und hätte über weniger als drei Kilo Gulasch wahrscheinlich nur gelacht.
In der riesigen Pfanne ließ meine Großmutter den Speck aus. Das sah gut aus. Das Fett floss auf dem Herd aus allen Seiten aus dem Speck. Wenn es anfing zu brutzeln, schüttete die Großmutter Zucker dazu. Den Zucker verwahrte sie in der linken Schütte im weißen Schrank. Dann wurde gerührt. Meine Großmutter trug eine Schürze, wenn sie rührte. Wenn es spritzen konnte, trug sie ein Kopftuch, und auch ich hatte eine kleine Schürze um, rot mit weißen Tupfen.
Wenn der Zucker braun war, kamen die Zwiebeln dazu. Später das Kraut und der Kümmel. Kümmel hatte meine Großmutter in einem ziemlich fleckigen Ubena-Döschen, das ab und zu nachgefüllt wurde. Die Fleckerl waren schon fertig, die kamen erst ziemlich zum Schluss und warteten in einer weiß emaillierten Schale mit blauem Rand auf ihre Verwendung. Bis dahin musste es die ganze Zeit ziemlich laut brutzeln und duften. Ohne duftende Dampfwolken ist so ein Essen nicht richtig, und deswegen stand das Fenster die ganze Zeit weit offen. Aus dem Küchenfenster konnte man in den Garten schauen, über die Teppichstange in den Hof und dann über die Beete. Der schöne Garten mit den Blumen war zur anderen Seite hinaus.
Wenn die Fleckerl auch schon bräunten, deckte ich den Tisch. Meine Großmutter hatte für Alltags ein geblümtes Service, mehr so Sechziger, und ein einfaches, elfenbeinfarbenes mit Goldrand. Jeder bekam eine Serviette in einem Strohring. Außer Sonntags gab es kein Silber, sondern nur WMF. Auf dem Tisch standen immer ein paar Blumen, die pflückte meine Großmutter im Garten und nahm jeden Morgen die verblühten Blumen aus dem Strauß und steckte neue dazwischen.
Wenn ich mit dem Eindecken fertig war, schlug ich den Gong. Nur auf den Gongschlag kamen alle zum Essen, denn nur der Gong war wirklich überall zu hören. Wer den Gong nicht hörte, war taub oder tot. Meine Großmutter schmeckte derweil die Krautfleckerl mit Essig ab und verrührte saure Sahne mit Schnittlauch. Meistens dekorierte sie noch den Nachtisch (Flammeri, Gelee, vielleicht auch Grieß) mit ein paar frischen Früchten. Manchmal schlug sie noch ein bißchen Sahne dazu, denn die Kalorien, mein Kind, waren ja noch gar nicht erfunden.
Gegen 23.00 Uhr schwöre ich mir, nie wieder etwas anderes als höchstens eine völlig entfettete klare Suppe zu essen. Dazu ein lauwarmes Glas Wasser. Fachinger wäre gut. Sehe ich mich um, so sieht es bei den anderen nicht wesentlich anders aus. Der M. hängt mehr auf dem Sofa als er sitzt. Seine schwangere Freundin hat schon während des Essens kurz erwähnt, dass so langsam der Abschnitt der Schwangerschaft erreicht sei, in dem man ohnehin nicht mehr viel essen könne, weil das Kind den Magen so zusammendrücke. Der J. ächzt an meiner Seite ab und zu etwas, was wie „Mascarpone …“ klingt, und die Gastgeberin I. und ihr Mann bieten ab und zu Getränke an, aber selbst die übertreffen gerade mein Fassungsvermögen in nicht unwesentlichem Maße. Ich habe zu viel gegessen.
Weil man bei der I. immer gut und nie wenig zu essen bekommt, habe ich mittags nur einen Salat mit Weintrauben und Pinienkernen und ein paar gebackene Kürbisspalten gegessen. Nicht einmal Kuchen habe ich nachmittags gehabt, schon in der S 9 Richtung Schönefeld habe ich richtiggehend Hungergefühle gehegt, und bei der I. eingetroffen sofort in alle Töpfe geschaut. Das Essen sah fertig zubereitet aus. Ich war richtig erleichtert.
Auf dem Tisch stand ein geschnitzter Kürbis. In dem Topf war eine Kürbissuppe. Die Kürbissuppe enthielt Kastanien und war sehr gut. Nach der Kürbissuppe war ich quasi satt. Das Kalbsschnitzel und den Kartoffelsalat mit grünem Salat danach habe ich trotzdem gegessen und den Kaiserschmarrn habe ich auch nicht abgelehnt. Der Kaiserschmarrn – das habe ich noch nie gesehen – wurde mit Mascarpone zubereitet und war herrlich saftig und luftig und viel, viel besser als mein Kaiserschmarrn, der aus Mehl, Eiern, Vanille und Zucker und so einem MIlch/Sahnegemisch besteht.
Nach dem Essen hätte ich gern einen Magenbitter getrunken, wenn ich solche Getränke vertrüge. Auch eine Vollnarkose wäre nicht schlecht, aber statt dessen trinke ich ganz, ganz langsam eine Bionade nach der anderen und führe mit den gleichfalls mächtig übersättigten Gastgebern plus M. und M. kalorienbetäubte, etwa träge Gespräche mit langen Pausen, die Gisbert zu Knyphausen mit äußerst verlangsamten Gesängen füllt. Noch im Taxi nach Haus ist mir ein bißchen übel. Ich glaube, ich habe irgendetwas eher Sonderbares geträumt.
Freitag ist der Tag der Rituale. Ich kenne ein Paar, das geht jeden Freitag ins Kino. Ein anderes Paar holt sich auf dem Weg vom Büro heim einen Film, bei der Weinhandlung nebenan eine richtig gute Flasche Wein und setzt sich damit aufs Sofa. Eine Freundin von mir kauft jeden Freitag in der Mittagspause etwas Gutes zum Essen und einen Haufen Illustrierte ein, legt sich abends daheim sofort in die Badewanne, isst anschließend im Bett alles auf und blättert in den Journalen. Der J. und ich gehen jeden Freitag essen.
So richtig mit Reservierung und vorher nachschauen schaffen wir allerdings nie. Im engeren Sinne geplant sind die Abende auch nicht. Meistens telefonieren wir so gegen 17.00 Uhr. Ich teile dem J. dann mit, der Kühlschrank sei leer. Der J. antwortet, er habe jetzt auch keine Luft, einkaufen zu gehen, und gemeinsam beschließen wir, irgendwo etwas zu essen. Für eine sorgfältig erwogene Auswahl ist es dann zum einen zu spät, zum anderen wollen wir auch nirgendwo hin, wo man noch extra hinfahren muss, und deswegen waren wir jahrelang jeden Freitag (oder zumindest so jeden zweiten) im Pappa e Ciccia. Das ist ein Italiener im Prenzlauer Berg.
Das Pappa e Ciccia ist jetzt kein so besonderer Italiener. Es schmeckt ganz gut da, der Service ist auch nett und herzlich, alles schön, lässig, aber nicht unelegant, doch der größte, der entscheidende Vorteil des Pappa e Ciccia bestand eigentlich in dem Umstand, dass er nahezu nebenan gelegen war. Jetzt allerdings sind wir umgezogen und dass Pappa e Ciccia ist ziemlich weit weg. Bestimmt 15 Minuten Radweg.
Unstet sind seither unsere Freitage. Im Brot und Rosen an der Ecke waren wir mehrfach, auch ein Italiener, aber da fehlt es an der fröhlichen Quirligkeit des Pappa e Ciccia, die Gäste wirken alle ein bißchen gedämpft, etwas Herbstliches wallt durch die Räume – wir sind da nicht so heimisch geworden. Für das Chez Maurice um die Ecke gilt etwas Ähnliches. Man isst ziemlich gut da, das ist es gar nicht. Es ältelt halt so ein bißchen. Es isst da oft nicht die nette, etwas aufgekratzte Nachbarschaft, sondern so ein wenig getragene Menschen, keine so reizvolle Umgebung, und so essen der J. und ich uns nun am Freitagabend etwas unbehaust durch den Prenzlauer Berg. Diesen Freitag waren wir einmal wieder im großartigen Filetstück (oh, das göttliche Pommersch Rind!), auch wenn da jedesmal am Nachbartisch irgendwelche Hornochsen lautstark ihre Bedeutung in Kunst und Medien in die Welt posaunen. Den nächsten Freitag geht es vielleicht wieder ins Sasaya, wo man so großartig Sushi isst wie fast nirgendwo sonst, aber einen festen Hafen, einen Ankerplatz am Ende der Woche, einen Laden, den man nicht aushandeln oder wählen muss, kurz: Ein Pappa e Ciccia diesseits der Greifswalder Straße ist nicht in Sicht.
Auf dem Weg heim dann ein perfekter Moment. Das weiche, gelbe Licht der alten Laternen. Die fast schon entlaubten Platanen. Das Rascheln von Laub. Ein einsamer Mann mit Hund, den Hände auf dem Rücken gefaltet, schaut auf und lächelt mir zu, als würden wir uns kennen, und umfangen von der sanften Schwärze der Nacht, auf der Brücke zwischen Westen und Osten für einen Herzschlag wunschlos und hingegeben an das fallende Jahr und die leisen Bässe vom Fluss bis weit in die einsamen Straßen.
Tatsächlich Bowling. Ich bin dem Bowling ungefähr so zugetan wie dem Ku-Klux-Klan. Ich kann rein gar nichts, was mit Bällen zu tun hat, und ungefähr so ist dann auch das Ergebnis. Am besten funktioniert es noch, die Kugel sehr sacht mittig auf die Bahn aufzusetzen und zuzuschauen, wie sie dann ganz, ganz langsam Richtung Kegel rollt.
Ganz nett ist es trotzdem. Ich rede hier ein bißchen und da ein wenig. Ich trinke einen Liter Grapefruitschorle und frage mich, wieso sich dieses fabelhafte Getränk eigentlich nicht durchgesetzt hat. Irgendwann, nicht allzu spät, fahre ich heim.
Zu Hause Nudeln. Zwei Folgen West Wing und ein kurzer, unruhiger Schlaf.
Neukölln also. Nicht der Wedding, der seit Jahren immer wieder hochgeschrieben wird, obwohl da keiner hinzieht. Das Problem an Neukölln: Es ist so weit weg wie nur irgend möglich. Zumindest, wenn man im Prenzlberg wohnt, fährt man am Alex vorbei, die Holzmarktstraße entlang und dann immer geradeaus. Moritzplatz. Prinzenstraße. Am Landwehrkanal links, an der Ankerklause vorbei und irgendwann ist man dann da.
Weil ich nie pünktlich bin, hat Frau Engl mich diesmal nicht in ein Lokal bestellt, sondern zu sich nach Hause. Erst als ich da bin, geht es los. Mariamulata heißt der Laden. Gemütlich ist es hier, wo erkennbar vor einiger Zeit noch ein Imbiss war, stehen jetzt Tische, warme Beleuchtung, eine Theke, es gibt spanischen und portugiesischen Wein und Tapas. Eine Tagessuppe gibt es auch, die lohnt sich aber nicht. Die Tapas sind ziemlich gut.
Wir bestellen, was das Zeug hält. Erst als ich gar nichts mehr essen kann, hören wir mit dem Bestellen auf. Vom netten Kellner bekommen wir noch einen Grappa aufs Haus. Schöne Augen hat er. Maximal 30 dürfte er sein, wie jeder in Neukölln, und kann so gut wie kein deutsch.
Bei Frau Engl bekomme ich noch einen Tee. Spät ist es geworden, als ich wieder heimfahre, durch den kalten, klaren Herbst. Auf dem Weg nach Hause wird es dunkel und still, und dort, wo fast schon am Park die Fenster schwarz sind und die Straßen leer, schließe ich mein Rad an. Ich bin zu Hause.
Gegen drei Uhr nachts wache ich schlagartig auf. Auf meinem Brustkorb sitzt mein Kater und grinst wie die Cheshire Cat persönlich, nur dass in diesem Fall nicht nur das Grinsen anwesend ist, sondern auch die Katze selbst, und die Katze ist schwer. Ich kaufe doch wieder Diätfutter, ächze ich und schubse den Kater vom Bett.
Zwei Stunden später bin ich wieder wach. Mag sein, es ist der Vollmond. Vielleicht ist es aber auch einfach nur ein wüster Traum, in dem ein loser Bekannter vorkommt, der sich vor mir auszieht, erst den Mantel, dann den Anzug (ich habe ihn kaum jemals im Anzug gesehen), schließlich die Wäsche (American Apparel, rot) und am Ende die Haut. Rot, blutig und abgezogen strahlt er mich an, nicht ganz so grinsend wie der Kater, aber sichtlich vergnügt. Als er nach mir langt, weiche ich zurück. Er setzt nach. Heftiges Herzklopfen. Ich flüchte angstvoll und angewidert aus dem Traum in die Dunkelheit meines Schlafzimmers. Leicht benommen in meinem Bett sitzend erinnere ich mich an die ziemlich gute Musik im Traum, etwas basslastig, aber wirklich gut, und auf dem neuen Katzenbett sitzt der Kater, hellwach auch er. Er grinst nach wie vor, als sei er mir einen entscheidenden Schritt voraus.
Als ich wieder erwache ist es halb neun. Der Kater steht an der Bettkante, die Vorderpfoten auf dem Rahmen. Er blinzelt. Auch er scheint müde zu sein. Gegrinst, so viel steht fest, wird hier nur nachts.
Unfassbar. Man hätte nach zwanzig Minuten gehen sollen, als immer noch ein Trichter über der Bühne des Deutschen Theaters hing, durch den die Schauspieler sprachen. Nun steht – es ist ein Gastspiel – das Ensemble des Thalia-Theaters nebeneinander auf der Bühne und sagt die Rollen auf wie die Sänger in einer konzertant aufgeführten Oper.
Neben mir windet sich der J. Nun gut, Lessings Nathan war vielleicht noch nie der deutschen Literatur spannendstes Stück. Dass die Inszenierung von Stemann aber dermaßen quälend ausfallen würde, war nun auch wieder nicht klar. Es ist unfassbar und bodenlos grässlich.
Die Bühne ist so gut wie leer. Irgendwo auf der schwarzen Fläche stehen zwei Schreibtische, die Mikrofone, an denen die Schauspieler in Hose und Hemd stehen und sprechen, und als irgendwann sehr klassisch verkleidete Personen erscheinen, ist klar, dass ein Regisseur keinesfalls nun anfangen lassen kann, zu spielen, sondern irgendetwas anderes passieren muss. In diesem Fall bieten die Kostümierten einen Kommentar von Elfriede Jelinek dar. Ich wäre wirklich gern woanders. Der M., zwei Plätze neben mir, verlangt gut hörbar sein Geld zurück. Die M. neben ihm wirkt auch nicht so besonders erfreut.
Dass wir besser im Alt Wien geblieben wären und den aus reinen Zeitgründen nach dem Schnitzel nicht mehr bestellten Kaiserschmarrn nicht gegessen haben, bedauere wohl nicht nur ich gerade ganz erheblich. Ich hätte auch den ganzen Tag mit der J. weiterfrühstücken können, das wäre auch nicht übel, aber statt dessen quetsche ich mich ins Theater, das schon für meine 1,68 eigentlich nicht genug Platz bietet. Es ist gleichermaßen langweilig und peinlich. Da Regisseure aus irgendwelchen mir unbekannten Gründen ihr Publikum regelmäßig für bescheuert halten, hat auch Stemann diese Inszenierung ganz offensichtlich mit dem Holzhammer entworfen. Ideenlosigkeit und die fixe Idee, ein Theaterstück müsse möglichst originell auf die Bühne gebracht werden, gehen eine unverdauliche Melange ein, und das Beste, was sich über diese Inszenzierung sagen lässt, ist, dass sie um zehn endet.
Leicht benommen sitzen wir in den Schwarzwaldstuben und warten zwei geschlagene Getränke lang auf den Kaiserschmarrn der M. Dann laufen wir heim. Die Nacht ist wärmer als gedacht und der Mond leuchtet voll durch das gelbe, spärliche Laub.
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