Aber die ganze Zeit bist du nur in Berlin, ausgeschlagen mit Asphalt und Benzin, um dich herum klingeln Telephone, und nachts rattert irgendwo etwas immer weiter. Vielleicht bist das du.
Doch eine Stunde entfernt nur rauschen die Bäume. Schilf drängt sich zwischen Felder, Wiesen und See. Tief hängen die Äste der Weiden ins Wasser. Im Abendlicht spielen Mücken am Ufer. Kein Mensch ist zu sehen.
So viel höher scheint dir der Himmel und blauer als blau. Dass es wirklich Störche gibt, dass Rehe die Wälder duchstreifen, dass in alten Parks die Bäume Schatten werfen, erscheint dir unfassbar, und wenn die Vögel zur Nacht ihre Nester anfliegen, ist dir, als kämest auch du einmal nach Haus.
Die Schweiz, hört man immer wieder, sei lange nicht so langweilig, wie man landläufig glaubt. Wieso dem so sein sollte, habe ich allerdings vergessen, und wenn die Schweiz in den hundert Jahren von 1912 bis 2012, die dieser Roman des zu Recht ziemlich unbekannten Kaspar Schnetzler, eines 1942 geborenen Züricher Rentners, umfasst, auch nur annähernd zutreffend abgebildet sein sollte, hat auch in dieser Frage der Volksmund recht: Dieses Buch ist langweilig. Es ist aber nicht nur fade. Es ist auch unfassbar schlecht.
Gegenstand der selbst in der Taschenbuchausgabe 552 Seiten fetten Chronik der Züricher Familien Gerber und Frauenlob sind vier Generationen, die nicht unähnlich der Vorgehensweise in didaktisch sehr bemühten Kinderbüchern alles erleben, was der Autor für charakteristisch für die jeweiige Epoche in der Schweiz hält: Die Begeisterung für den deutschen Kaiser. Der Schweizer Nationalstolz und die besondere Beziehung zu den Schweizer Selbstverteidigungsorganen. Die Spanische Grippe. Ein gewisses Sektierertum in Freikirchen (hier der Christian Science), der soziale, wenn auch überschaubare Aufstieg aus dem Kleinbürgertum und die Auswanderung einzelner Familienteile in die USA und Deutschland. Irgendwann wird auch ein Familienmitglied in politische Unruhen verwickelt, verfällt den Drogen, man wird wunderlich, gebiert und stirbt, und ja: Das ist exakt so frei von jeglicher Überraschung, wie es sich anhört.
Am Donnerstag vor zwei Wochen ist die Katze schwach. Den ganzen Tag liegt sie in der Dusche, hebt kaum den Kopf und sagt weder miez noch mau. Die Katze ist krank. Am Freitag wird es nicht besser, am Wochenende schleppt sich die Katze mühsam durch die Wohnung, und am Montag wuchte ich acht Kilo Katze zum Tierarzt. „Armes Kätzchen!“, sagen die Passanten und nicken mitfühlend mit dem Kopf. „Kann ich die streicheln oder ist die ansteckend?“, fragt ein kleines Mädchen und steckt einen Finger durch die Gittertür des Katzenkorbs.
Der Tierarzt findet nichts. Die Woche über aber wird die Katze immer schwächer, und am Freitag geht de geschätzte Gefährte wieder zum Tierarzt. Die Katze macht inzwischen eine völlig apathischen Eindruck. Sie frisst nichts mehr, sie trinkt nicht mehr, sie haart, als wolle die Katze auf der Stelle Skinhead werden, und verkriecht sich unterm Sofa. Die Vertretungstierärztin stellt fest: Die Katze ist richtig krank. Die Katze hat es an den Nieren.
In den nächsten Tagen wird die Katze durchgespült. Die Katze bekommt Infusionen, Mittel und Mittelchen, ernsthafte Medikamente und homoöpathische Spritzen, und Dienstag wird wieder ordentlich gefressen. Die Katze haut rein, als gebe es kein Morgen.
Heute morgen ist die Katze wieder ganz die alte. Morgens maunzt sie um 5.27 vor dem Bett. Beim Tierarzt macht sie Geräusche wie diese afrikanischen Fußballbegeisterungströten, und als ich abends heimkomme, flitzt die Katze zwischen meinen Beinen hindurch ins Treppenhaus und wird erst dort wieder eingefangen.
Dauerhaft fürs Erste müsse die Katze behandelt werden, sagt der Tierarzt. Freitag werde ich eingewiesen in die Kunst des Spritzen-Gebens bei Katzen, und zufrieden, scheint mir, sitzt die Katze auf einem karierten, dicken Kissen neben meinem Bett und schaut wohlgefällig in die Gegend, als halte sie den Aufwand für die Haltung einer Katze für ganz genau richtig und wohlgetan, wenn nicht sogar für völlig selbstverständlich.
Auf der anderen Seite der Wand sitzen Kannibalen. Heimlich haben sie sich ins Hotel geschlichen, gebückt durchs Treppenhaus, an die Wand gedrückt im zugigen Flur, schnell durch die Tür und lange, lange im Schatten einer Nische gelauert. Kaum geatmet. In der Dämmerung haben sie die angelehnte Tür des Zimmers 304 mit weich bestrumpftem Fuße aufgestoßen. Auf dem Boden robbend, aufgelehnt auf die Unterarme sind sie in den Raum gekrochen, haben unter dem Bett gewartet, stundenlang, bis das Licht ausging und es ruhig wurde im Raum. Atemzüge bloß, ein leises Röcheln, ein Seufzen im Traum.
Eine Hand, dann eine zweite auf der grauen Auslegeware. Ein magerer, haarlos entfleischter Kopf. Eine schnelle, kaum menschliche, wieselflinke Bewegung, ein Sprung, ein Schrei, spritzendes Blut und große, blanke, spitze Zähne und ein schwarzes Loch in der Mitte. Dann wieder Ruhe.
Im offenen Brustkorb sitzen die Kannibalen und teilen sich die erkaltende Leber. Mit einem Ohr an der Wand lauert der Erste auf Nachbarn, ein zweiter winkt ab: Noch ist es zu früh. Entspannt, grinsend, mit baumelnden Beinen am Schreibtisch sitzt der Dritte und zappt durch die wechselnden Sender. Dann schläft er ein.
„Später …“, rülpst der Erste zum Zweiten. Und: Give me five. Von innen verriegelt der Zweite die Tür, deutet auf die Wand mit seinen blutigen Fingern und öffnet ein paarmal freudig das Maul. Alle drei nicken.
Ich aber stehe zum zweiten Mal auf, drehe den Schlüssel fester ins Schloss und stelle den Koffer vors Fenster.
Schlecht wäre eine unzutreffende Zustandsbeschreibung, aber gut wäre gelogen. Geht so trifft es halbwegs, auch wenn ich gar nichts sagen könnte, weshalb, immerhin habe ich frei, diese Woche, also was nun …. aber sehen Sie selbst:
Zunächst erzählt mir der Tierarzt für 79 Euro, dass meine Katze zu fett sei und Bluthochdruck habe. Um das herauszufinden, wickelt er dem armen Tier eine Manschette um den Schwanz, die Manschette bläst sich auf, und auf dem Laptop erscheint die Kreislauftätigkeit meiner schwarzen, nur ganz leicht übergewichtigen Katze, die sichtbar unglücklich auf dem Behandlungstisch sitzt. Ich kann das gut verstehen. Ich höre auch nicht gern, dass ich zu dick geworden bin. Tatsächlich habe ich im Zuge meiner Zigarettenminimierung zu Anfang des Jahres drei Kilo zugenommen, die nun nicht wieder verschwinden wollen, auch wenn ich abends meistens Salat esse oder eine Suppe, die mir kalorienarm erscheint. Ich fühle mich wie eine Qualle.
Unwesentlich später ruft meine Tante an. Meine Tante meldet sich eigentlich immer nur, wenn irgendetwas nicht so gut gelaufen ist, diesmal geht es um einen Reisemangel, ein Flug ist verschoben worden, und meine Auskunft, dagegen könne man aus meiner Sicht nicht viel tun, wird dreimal hintereinander als höchst unzureichend bezeichnet. Das könne doch nicht sein. Ich rede ihr aus, die Lufthansa zu verklagen, dann lege ich auf. Minuten später klingelt ein Mann, der mich für eine Religionsgemeinschaft zu gewinnen sucht. Ich gehöre keiner solchen Vereinigung an, ich interessiere mich nicht so für transzendente Angelegenheiten, aber der Mann beharrt darauf, es sei wichtig. Ich öffne die Tür trotzdem nicht. Ich fühle mich müde.
Um das Quallenproblem zu bewältigen, mache ich mir einen Salat. Leider gerät etwas viel Essig in die Schüssel, der Salat schmeckt eigentlich nur sauer, aber etwas anderes ist nicht da. Die Tiefkühltruhe muss ich abtauen, fällt mir auf, aber dazu habe ich keine Lust.
Später fahre ich erst zu Dussmann und dann nach Kreuzberg. Bei Dussmann schlängele ich mich vorbei an Massen von Büchern, deren Autoren sich in fettgedruckter Empörung üben. Auf nahezu jedem Titel werden „wir“ ausgenommen, für dumm verkauft, müssen für irgendwelche anderen Leute zahlen, die als dumm, verkommen, gierig oder in sonstiger Weise unangenehm geschildert werden. Es scheint einen riesigen Markt für selbstgerechte Frustration zu geben, und ich schaue mich interessiert und etwas angewidert um, wer nach diesen Machwerken greift. Aus irgendwelchen Gründen, vermutlich haltlosen Vorurteilen, nehme ich stets an, die Käufer seien männlich und wählen FDP. Ich selbst kaufe einen Nabokov und Kurzgeschichten von Henry Miller.
Irgendwann sitze ich in Kreuzberg und helfe einer Bekannten beim Verfassen von Schriftstücken zur Geltendmachung von Ansprüchen gegen ihren ehemaligen Freund. Im Hintergrund brüllt sonor und nicht unähnlich diesen afrikanischen Tröten ihr Säugling, nach einer Weile bekomme ich Kopfschmerzen, also so einen leichten Druck auf den Schläfen, und irgendwann haue ich sehr erleichtert ab und fahre zum Paul-Lincke-Ufer.
Am Landwehrkanal sitzen schon liebe Freunde und trinken Bier. Nett ist es, schön so zu sitzen am Wasser, noch schöner, dass hier nirgendwo Fußball läuft, zumindest nicht so, dass ich es sehe, und so unterhalte ich mich einige Stunden angenehm und entspannt, lache, esse einen riesigen Thunfischsalat, der vermutlch allein schon qua Größe so kalorienreich ist wie ein Whopper, bis ich irgendwann anfange zu frieren. Das letzte Mal habe ich so im Winter gefroren. Ich habe drastisch zu wenig an. Stunden später werde ich daheim zwanzig Minuten sehr heiß duschen, solange, so bis meine Fingerkuppen tiefe Rillen aufweisen, und erst aufhören, als das Telefon klingelt, dass ich selbstverständlich nicht mehr rechtzeitig finde, bevor der Anrufer aufgibt, aber dafür in eine Lache Erbrochenes trete, das meine Katze vermutlich aus Vergeltungserwägungen direkt vor mein Bett plaziert hat.
Meine Orchidee hat sie auch vom Fensterbrett geholt und sitzt zufrieden schnurrend inmitten von Wurzeln und Erde.
Auch der Herr L. sei tot, der die Sportanlagen gewartet habe, erzählt mir der C., der letztes Jahr einen Vortrag an unserer alten Schule gehalten hat. Totgefahren habe er sich, hat der C. gehört, vor einigen Jahren. Ob ich gewusst hätte, fragt mich der C., dass der Herr L. in seiner Jugend Leistungssportler gewesen sei, und ich nicke. Irgendein Sportlehrer, vielleicht der Dr. H., der Sport und Latein gab und ein bißchen aussah wie Hans Albers, hatte mit diesem Verweis dem Herrn L. mehr Autorität zu verschaffen versucht, damit der Herr L. nicht mehr gehänselt werde. Geholfen hat es nichts.
Wer den Herrn L. an die Schule gebracht hatte, weiß ich nicht, und auch der C. kann nichts dazu sagen. Der Schulleiter, Herr Dr. D., hatte einige Versorgungsfälle an die Schule gebracht, die Sekretärin etwa, eine grämliche, bittere Geigerin nach einem schweren Unfall. Den Bibliothekar, dem irgendetwas Unschönes zugestoßen war und der deswegen nicht mehr als Lehrer arbeiten durfte, aber es trotzdem tat, ab und zu und nur zu Vertretungszwecken. Auch den Herrn L. wird der Dr. D. auf diesem Wege in die Schule gebracht haben, wo er in einer kleinen Wohnung über der alten Sporthalle hauste, die er mit mehreren Schlössern und Stangen verriegelte. Man erzählte sich, die Wohnung sei volle Pokale. Gesehen hat sie niemand von uns von innen.
Herr L. sprach auch ziemlich ungern mit uns. Er rauchte viel, er hatte einen kleinen Hund, und er schien entweder sehr schlecht zu verdienen oder Kleidung war ihm ganz und gar unwichtig. Jedenfalls trug er fast immer dasselbe: Eine graue Hose. Ein kurzärmliges, kariertes Hemd. Im Sportbereich einen blauglänzenden, billigen Jogginganzug. Neben ihm lief den ganzen Tag sein Hund durch die Schule und kläffte.
Mag sein, dass es am Kläffen lag. Vielleicht war es aber auch nur jugendliche Lust an der Destruktion, aber schon vor unseren Jahrgängen war es beliebt in gewissen Kreisen, den Hund abzufangen, einzusperren irgendwo in einem abgelegenen Raum der teilweise recht verwinkelten Schule, abzuschließen und den Herrn L. dabei zu beobachten, wie er den Hund suchte. Natürlich kläffte der Hund die ganze Zeit weiter, früher oder später fand der Herr L. den Hund dann auch jedesmal, wenn nicht eine mitleidige Seele den Hund vorher befreite.
Eine besondere Freude war es manchen, den Hund einzufangen, wenn der Herr L. getrunken hatte. Der Herr L. trank zuviel, das wusste jeder, und auch, dass der Direktor ab und zu den Herrn L. zu sich ins Büro holte und ihm einschärfte, er müsse weniger trinken, denn in einer Schule ist Alkohol zu recht nicht gern gesehen. Der Herr L. trank trotzdem so viel, dass er nicht mehr nach seinem Hund suchen konnte, und diejenigen, denen das Verstecken des Hundes eine Freude war, standen jubelnd nebeneinander auf der Empore im ersten Stock und sahen dem Herrn L. zu, wie er durch die Schule schlingerte und schwankte, immer dem Kläffen nach. Mehrfach gab es in diesen Jahren Verweise, Tadel und Rügen wegen dieser Attacken auf den Hund. Einer der betroffenen Väter empörte sich über diese Verwarnungen und verlangte, der Herr L. müsse weg, aber bevor es hier zu Kämpfen kam, blieb der Sohn des empörten Vaters zum zweitenmal sitzen und musste auf ein Internat. Der Herr L. blieb.
Irgendwann aber ging der alte Direktor in Pension. Der neue Direktor hielt nicht viel vom Herrn L. Es gab eine Abmahnung, dann eine zweite, jedesmal wegen Alkohol, und schließlich verbot der neue Direktor dem Herrn L. die Haltung eines Hundes auf dem Schulgelände. Der Herr L. – so das Kalkül – würde kündigen und das Gelände verlassen. Der Herr L. aber blieb und brachte den Hund auf einen Bauernhof in der Umgebung zu Verwandten. Den Hund zu verstecken, hatte also ein Ende, aber die Hänseleien hörten nicht auf, sondern wurden eher intensiver.
Inzwischen gab es ab und zu auch direkte Attacken auf den Herrn L. Eines Tages wurde er sogar selbst, wenn auch nur kurz, eingesperrt, wie zuvor der Hund, und anonyme Täter brachen in seine Wohnung ein und hinterließen dort mehrere Kilo Konfetti. Es gab wohl auch einen Kündigungsversuch des neuen Rektorats, der allerdings am Schulverein scheiterte, dem der Herr L. leidtat, und so wurde das Dasein des Herrn L. wohl unangenehmer von Jahr zu Jahr, aber nicht ganz unmöglich.
Irgendwann aber näherte sich die Altergrenze der Pensionierung. Schon Mitte der Neunziger hätte ich den Herrn L. auf sechzig – steinalt jedenfalls – taxiert, tatsächlich erreichte er wohl erst vor einigen Jahren die Altersgrenze, und eines Tages wurde er verabschiedet. Ich nehme an, dass anders als bei ausscheidenden Lehrern weder der Chor sang noch Reden geschwungen wurden, aber ein kleines Geschenk wird er wohl erhalten haben, und dann war es vorbei. Er musste ausziehen. Er wollte zwar nicht weg, doch die Schulleitung bestand auf dem Auszug. Der Schulverein schaltete sich ein weiteres Mal ein, es gab Angebote, durch Dritte ein geringes Salär für die Nutzung der Wohnung zu bezahlen, und irgendwann gab es sogar Gespräche mit mehreren Gegnern wie Befürwortern des Verbleibs des Herrn L. auf dem Gelände.
Wie die Gespräche ausgegangen wären, kann man nicht sagen. Vielleicht säße der Herr L. bis heute in seiner Wohnung über den Sportanlagen, denn die Beharrungskräfte sind bekantlich (und gerade in derlei Institutionen) größer als die Kraft des Neuen, aber eines Tages stieg der Herr L. in sein Auto und fuhr los. Vermutlich war der Herr L. in den letzten Jahren kein besserer Autofahrer geworden, möglicherweise war er auch ein wenig angetrunken; vielleicht war es schlicht Pech: Der Herr L. kollidierte frontal mit einem LKW und starb auf der Stelle.
Wer die Beerdigung bezahlte, weiß ich nicht. Ich nehme an, die Schule schickte einen Kranz. Bestimmt kam der Direktor nicht selber, aber irgendjemand (vielleicht die mürrische Sekretärin) wird gegangen sein, und die Sportanlagen wartet eine ortsansässige Firma.
Schön ist der Lido hier nicht. Tote Äste und Tüten hat das Meer auf den Sand geworfen, Muscheln zerbrochen und zermahlen, und unter bunten, ausgeblichenen Schirmen sitzen rotbraune, faltige Menschen am Strand und schauen auf das Wasser. Zwischen Bikinioberteilen und -hosen quillt wulstiges Fleisch. Dicke Männer füllen Rätselhefte aus. Ein paar junge, an sich ganz gut aussehende Menschen gibt es auch mit zum Teil grotesken Tätowierungen. Naturbelassene Menschen unter vierzig scheinen mancherorts selten geworden zu sein.
Wir aber haben keine Schirme dabei. Wir haben zu sechst auch nur zwei Handtücher, eine Badehose und zwei Bikinis, einen Rest lauwarmes Wasser und ein paar Kekse. Müde bin ich wegen der Mücke heute nacht im Hotelzimmer, so dass der Sand unter meinen Füßen ein wenig schwankt, wenn ich die Augen schließe, und erst in den Wellen werde ich ein wenig wach. „Du hast noch die Sonnenbrille auf.“, ruft mir der M. zu, und ich taste mit der linken Hand nach dem Bügel. Tatsächlich.
Das Wasser aber ist klar. Gerade noch kühl genug für diesen heißen Tag, bewegt, aber nicht stürmisch, glitzernd in der italienischen Sonne, grün und blau, gekrönt von Kämmen aus Gischt, vollkommen unter dem straff gespannten Himmel aus Sorglosigkeit und Licht: Nel blu dipinto di blu.
Dass ich ein ganz anderes Leben führen könnte, denke ich vor dem Spiegel und sehe mich an. In einer kleinen Stadt zum Beispiel seit zehn Jahren einen Job haben, morgens alle grüßen, die ich treffe, und am Sonntag mit zwei Kindern und dem Hund an der Leine um einen See spazieren. In einer großen Stadt leben, vielleicht auch das, richtig Karriere machen, so mit Dienstwagen und Fahrer und einem großen Haus. Oder Bilder malen, in Kreuzberg in einem Hinterhaus vielleicht, und mir ausmalen, wie es wäre, wenn einer kommt und etwas kauft.
Ganz anders könnte ich leben und vielleicht sein, denke ich mir und wasche die Hände. Etwas schaffen könnte ich wohl, was den Tag überleben würde und vielleicht auch mich. Ein Kind könnte ich haben, oder einen anderen Mann, viele Männer oder vielleicht auch Frauen. Verliebt könnte ich viel öfter sein und dafür selten aufgehoben, geborgen und warm. In einem anderen Land könnte ich sein und in einer anderen Sprache träumen.
Vorstellen kann ich mir all das, denke ich mir, und ziehe ein Papierhandtuch nach dem anderen aus der Box aus Blech an der Wand. Ausmalen lässt sich das alles, schön wäre auch das andere Leben vielleicht, aber wünschen, wünschen würde ich mir nichts, als das, was ich habe, auch wenn es nicht viel sein mag, nicht großartig auch, kein Rausch, kein Flug, kein Feuerwerk und kein Regenbogen, und nicht Wunsch und Traum, sondern vielleicht nur die Frucht von Gelegenheit, von Phantasielosigkeit und den Dingen, die eben einfach so sind.
Angeblich schläft die Menschheit ja immer weniger, und erst recht gilt dies für den Teil der Menschheit, der mich umgibt. Die kokette Klage, man wache ja jeden Morgen um kurz nach sieben von selbst auf und könne gar nicht länger schlafen, hört man allerorten. Meetings werden auf acht Uhr früh angesetzt, bevor es richtig rund geht im Büro, und wer erst so gegen zehn im Büro erscheint, findet gern lange Telephonzettel vor mit lauter Namen von Leuten, die alle schon angerufen haben. Zu diesem Zeitpunkt haben vor Vitalität und Frohsinn berstende Bekannte einem schon auf dem Weg zur Arbeit auf dem Rad an der Ampel Schönhauser Allee/Torstraße erzählt , sie seien bereits eine Stunde gelaufen, bevor sie mit den Kindern gefrühstückt, diese zur Kita gebracht und anschließend Zeitung gelesen hätten. Ob auch ich in der Süddeutschen … Habe ich natürlich nicht. Ich schlafe zwei Stunden länger als die sehr vitalen Leute, die mir morgens gern begegnen.
Dass ich morgens um neun noch gar nicht ganz lebe, behalte ich deswegen gern für mich. Vermutlich sieht man es mir sowieso an. In der Frühe habe ich außerdem manchmal Wortfindungsstörungen. Wenn ich wesentlich früher aufstehe als gewöhnlich, ändert sich das auch den ganzen Tag nicht mehr. Dass ich schon deswegen nie in den öffentlichen Dienst eingetreten wäre, weil man da so früh anfangen muss, sollte man besser verschweigen, denn Langschläfertum ist gesellschaftlich inzwischen ein bißchen verpönt, wie bereits ex negativo die Eigenwerbung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt illustriert: Das bemitleidenswerte ostdeutsche Bundesland wirbt in Ermangelung anderer Vorzüge mit dem Frühaufstehertum seiner Landeskinder, was angesichts der wirtschaftlichen Lage der Region allerdings nicht nur bei mir die Frage aufwerfen dürfte, wozu.
Dass meine hellwachen Bekannten nicht einfach ein bißchen angeben, weiß ich noch aus früheren Tagen. Vielleicht wäre ich auch dann keine bessere Schülerin gewesen, wenn die Schule erst um zehn angefangen hätte, aber etwas besser immerhin wäre die Chance auf schulischen Erfolg vermutlich doch gewesen, und dass ich heute besser Englisch könnte, hätte der Uni-Kurs Rechtsenglisch für Anfänger nicht morgens um 8.15 begonnen, halte ich bis heute für ausgemacht. Schleppte ich mich dann aber doch einmal in Schule oder Uni, überaus früh, um nicht zu sagen, mitten in der Nacht, waren nicht nur ein paar Versprengte mit Schlafstörungen da, nein, Klassenzimmer oder Hörsaal hätte gar nicht voller sein können, putzmunter saßen Mitschüler und Kommilitonen um mich herum und klapperten lebhaft, fröhlich und laut mit ihrem Schreibgerät vor sich hin.
Auch nach Abschluss der Ausbildung ist frühes Aufstehen in offensichtlicher Weise mit Vorteilen verbunden: Erscheine ich gegen zehn, haben andere Leute schon Berge versetzt und Meere überwunden. Gähne ich vor mich hin, setzen fröhliche Frühaufsteher zum Tigersprung an, und dann, wenn die anderen schon die Früchte ihres frühen Fleißes verzehren, kehre ich die trockenen Krümel des Tages zusammen für ein spätes, mageres Mahl. Zurückgeblieben fühle ich mich, schlafend am Rande der Autobahn in eine dynamische Zukunft, von der Evolution überholt, ein übriggebliebenes Vormodell und werde voraussichtlich demnächst aussterben.
Für den Grill Royal sprechen insbesondere seine Gegner. Mit einer Versammlung all derjenigen, die das Essen als mittelmäßig, die Gäste als unelegant, das Interieur als abgeschabt und die Tische als zu eng gestellt tadeln, möchte man einen Abend aus verschiedenen Gründen durchaus weniger gern verleben als mit den Menschen, die ganz gern an der Weidendammbrücke essen, obwohl – aber kommt es darauf an? – der größere Teil der Kritik als eigentlich schon eher ziemlich berechtigt gelten muss. Der Service etwa ist immer charmant, aber nur, wenn man Glück hat, professionell. Teuer, zumindest für die insgesamt noch immer bescheidenen Berliner Verhältnisse, ist der Grill auch, und ein nicht ganz unerheblicher Teil der servierten Speisen ist mit der Bestellung ab und zu nicht oder nur teilweise identisch. Auch die Steaks, dies sei hinzugefügt, sind im Filetstück besser.
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