Ein jeder Mensch ist ein Abgrund

Ferdinand von Schirach, Schuld, 2010

Es ist eine verbreitete Vorstellung, der Mensch werde gelenkt wie eine Marionette. Irgendwo, unsichtbar, hinter den Kulissen, sitze der Puppenspieler und lasse den einen stolpern, den anderen lachen, zwei jagen einander von rechts nach links, und wenn es dem Puppenspieler gefällt, lässt er einen die Hand heben, und ein anderer bleibt still auf der Bühne liegen. Einen Moment bleibt das Publikum dann betroffen sitzen und schweigt. Im nächsten kommt schon die Polizei, es wird geschäftig, Staatsanwälte klagen an, Strafverteidiger treten auf, und schließlich fällt der Richter ein Urteil. Das Puppenspiel über ein Verbrechen mag vorbei sein, in diesem Moment. Über den Puppenspieler aber haben wir nichts erfahren. Das Verbrechen, den Mord, das Böse, wenn man so will, können wir sehen. Was es ist, sehen wir nicht.

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Ein anderer Schlag des Herzens

Irina Liebmann, Wäre es schön? Es wäre schön, 2008

Was in der Geschichte des Kommunismus schief gelaufen ist, ist nicht nur unter Historikern vermutlich ein Gegenstand wüster Diskussionen und klaffender Meinungsverschiedenheiten, doch wie auch immer es dazu kommen, dass aus einer berauschenden Vision von Freiheit, Gerechtigkeit und Völkerliebe am Ende nichts wurde als die engherzige, bisweilen lächerliche und in jeder Hinsicht unangemessene Herrschaft einer verlogenen Bürokratie: Fest stehen dürfte, dass die Realität aus FDJ und Plattenbauten die faszinierende, romantische Seite des kommunistischen Projekts so gründlich aus dem Bewusstsein Europas gebrannt hat, dass selbst die Renegatenromane des 20. Jahrhunderts – die Koestler, Sperber et. al. – uns nichts mehr anzugehen scheinen. Der große Traum ist vorbei.

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Schwarze Magie

Wenn Sie, sehr geehrte Damen und Herren, guten Zugang zu den Mächten der Unterwelt haben, melden Sie sich bitte bei mir. Ich habe eine kleine und sicherlich zu erfüllende Bitte. Allerdings kann es etwas dauern, bis ich auf Ihre E-Mail antworte, denn zwar habe ich meine neue Wohnstatt bezogen, die Möbel eingeräumt, Bilder aufgehängt und aller Welt mitgeteilt, dass ich umgezogen bin, aber insbesondere Vodafone scheint das nicht zu interessieren.

Statt des zunächst zunächst angekündigten 13.08. soll das Internet nun erst am 06.09. wieder laufen. Ursache sei – so hat man mir gestern am weit entfernten Ende einer langen Irrfahrt durch die telekommunikativen Labyrinthe des Unternehmens mitgeteilt – eine notwendige Adresskorrektur, weil der Mann, dem ich telefonisch die neue Adresse durchgesagt habe, etwas falsch verstanden hatte.

Fürs Erste bin ich also nur übers iPhone online. Leider ist der Empfang ziemlich schlecht. Einen Stick oder so habe ich nicht. Auf meine Telefaxschreiben, ich bräuchte das Internet auf jeden Fall sofort und nicht erst am 06.09. reagiert niemand. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen.

Ich brauche Magie.

Heimwerkerin

Wissen Sie, ich koche wirklich passabel. Ich kann auch Vorhänge nähen und Marmelade kochen. Ich kann mindestens zwanzig Kuchen ohne Rezept und Waage mit einer Tasse, einem Löffel und einem Schneebesen zubereiten. Ich weiß, wo man einen Kardinal hinsetzt, wenn ein Minister kommt, kann Servietten zu Blumen, Frackhemden oder Segelschiffen falten und fehlerfrei einen Hasen abziehen, spicken und braten. Einen Hammer allerdings hatte ich noch nie in der Hand, und vor Bohrmaschinen habe ich Angst.

So ungefähr 30 Jahre meines Lebens war das kein Problem. Munter kaufte ich drauflos, Bilder, Spiegel, Lampen und Möbel wurden erworben, und wenn ich mit der Beute daheim eintraf, lagerte ich alles auf der Mitte der Dielen und griff (nein, nicht zum Werkzeugkasten) zum Telephon, denn stets gab es mindestens einen Freund, der von diesen Dingen etwas verstand. Immer gab es zumindest einen guten Bekannten, der einen wohlausgestatteten Werkzeugkoffer, erstaunliche Fähigkeiten und hinreichende Bereitschaft besaß, und unter den glücklich befestigten Lampen, in gestrichenen Wohnungen und auf zusammengeschraubten Möbeln servierte ich zum Dank für diese Mirakel der Heimwerkerskunst irgendetwas zu essen.

Die Jahre aber kamen und gingen. Die Freunde und Bekannte mutierten von Studenten mit einem Haufen Zeit erst zu Doktoranden, Referendaren und Assessoren ohne Job und dann zu Anwälten, Redakteuren, Richtern und Beratern, deren Terminkalender ungefähr so voll ist wie die U 2 morgens um acht. Ungefähr zeitgleich – man muss sich das als einen sehr allmählichen Prozess vorstellen – setzte sich der J. in meiner Wohnung fest, erst ein bißchen und bevorzugt zu den Mahlzeiten, dann auch mal für länger, ein Wochenende oder so, und schließlich zog er ein.

An sich – und so war der Plan – hätte nun der J. meine Spiegel anbringen, meine Duschen reparieren und meine Wände streichen sollen, weil man, so will es die Konvention, nur dann Dritte um handwerkliche Gefallen bitten kann, wenn man keinen Gefährten hat. Einen vollen Werkzeugkoffer mitsamt Akkuschrauber und Winkelschleifgerät hätte daher, so hatte ich es mir vorgestellt, der Herr meines Herzens in meine Wohnung schleppen müssen, der J. indes schleppte nur sich selbst, seine hundert Hemden und ein paar Möbel zu mir und ließ sich aufatmend nieder, denn in vom J. gestrichenen vier Wänden kann nur ein Blinder wohnen, und wo der J. haust, tropfen die Wasserhähne. Der J. nuschelt derweil irgendetwas von Installateuren.

Jahr um Jahr lebten der J. und ich sodann in derselben Wohnung. Rund um uns herum renovierte man die ganze Stadt östlich des Alex von grau, billig und ostig zu chic, neu und ganz schön teuer, und nur bei uns daheim nagte der Zahn der Zeit an den gebrechlichen Einrichtungen der zeitlichen Welt, die nach und nach mürbe wurden, um dem Ansturm der Vergänglichkeit schließlich nachzugeben wie mürbe Zähne von Greisen: Silikonfugen wurden dunkel. Vom einen Wasserhahn fiel auf einmal etwas ab und der Wasserstrahl spritzte fortan in jede erdenkliche Richtung. Am anderen Waschbecken funktionierte auf einmal der Stöpsel nicht mehr, und als der Duschkopf nicht mehr so wollte wie ich, fuhr ich irgendwann selbst zu OBI und kaufte einen neuen. Auch zerfetzte irgendwann die Katze Teile unserer Tapete. Die Farbe an den Wänden ließ nach. Über dem Badezimmerspiegel hatte ich nie eine Lampe und entferne meine Kontaktlinsen bis heute in einem intuitiven Näherungsverfahren, das auch ganz ohne Licht funktioniert.

Ab und zu sprach ich den J. an, der auf professionelle Handwerkern verwies oder einfach nur folgenlos nickte. Irgendwann stellte ich das Ansprechen ein und arrangierte mich mit dem Gegebenen, denn geworfen ist der Mensch in die vorhandene Welt und die Auflehnung ebenso nutzlos wie töricht. Stets nutzte ich daher das Waschbecken, bei dem das funktionierte, was ich gerade zu benötigen meinte, sah nicht hin, wie die Silikonfugen aussahen, und immer weiter wäre der Verfall sacht und leise um mich herumgeschlichen, bis ich umzuziehen beschloss und erwarb vor zehn Tagen eine Wohnung unweit von hier gemeinsam mit meinem geschätzten Gefährten.

Ein Nachmieter für meine alte Wohnung fand sich schnell. Auch ein Übergabetermin war zügig vereinbart, doch zur Übergabe gehört, wie die Welt weiß, die Wiederherstellung eines vertragsgemäßen Zustandes, und dieser lässt sich für ein vernünftiges Verhältnis von Aufwand und Zeit nur in begrenztem Maße an Handwerker delegieren.

Der J. sah irgendwie schon eher nicht nach Aktivität aus. Also wurde ich selbst aktiv. Einen Werkzeugkoffer habe ich letztlich erworben. Im Internet habe ich Anleitungen für die Reparatur etwa von kaputten Waschbeckenarmaturen gesucht. Ersatzteile habe ich gekauft bei dem Heimwerkerladen in der Schönhauser Allee, der irgendwie alles hat, obwohl der ganze Laden nicht größer ist als meine Küche. Den ganzen Samstag kauerte ich auf den Fliesen im Bad und probierte hintereinander alle Schraubenzieher und Zangen aus. Samstag abend funktionierten beide Waschbecken reibungslos.

Dass die von meinem Vater gebohrten Dübellöcher mit einer Substanz namens Moltofill gefüllt werden können, habe ich gleichfalls dem Internet entnommen. Auch habe ich gelesen, dass die Tapete ohne Weiteres mit Flüssigrauhfaser geflickt werden kann. Voraussichtlich werde ich selbst demnächst ganze Lampen unter die Decken der neuen Wohnung hängen, und sobald der J. sich anschicken sollte, Vorhänge zu nähen und Marmelade zu kochen, greife ich möglicherweise selbst zu einer veritablen Bohrmaschine des Fabrikats Bosch und versehe eine echte Wand mit nützlichen Löchern.

Melonen

Aber wer die Melone in Stücken serviert, hat das Beste verpasst. Wer mit einem spitzen Messer zaghaft die Schale abhebt, wer kleine Trapeze schneidet, alle gleich lang. Wer einen Zahnstocher in die Würfel sticht, um bequemer zu essen. Wer die Melone kernlos kauft und geachtelt in Folie und sie auf Tellern serviert mit Servietten.

Im Ganzen, mein Freund, hat man Melonen zu kaufen. Kühl hat die Melone zu sein, größer als dein Kopf und meiner dazu, und schwer von Wasser und Frische. Grün und glänzend hat die Melone zu locken mit gelblichen Streifen. Nur mit dem größten Messer, dem glatten, dem schärfsten, darf man Melonen zerteilen. Duften muss die Melone nach Sommer und südlichen Gärten, rot muss sie sein, und Wasser muss laufen über die Haut.

Das größte Stück, das ist klar, kommt immer zuerst. In die Mitte der Melone muss man beißen, nirgendwo sonst, und das ganze Gesicht muss triefen von Nässe und Kühle. Tropfen müssen am Kinn hängen, die Wangen voll Fleisch, tiefer musst du dich essen durch die süßliche Frucht, bis das Fleisch hart wird und weiß. Von innen nach außen isst man die Melone, nur mit den Händen bricht man (wenn es denn sein muss) Melonen, und was übrig bleibt, wirft man ins Dickicht der Büsche als Dünger für neue Melonen über das Jahr.

Alte Männer, alte Frauen

„Was?“, frage ich nach und fische ein Stück Zitronengras aus meiner Suppe. Die G. hat also einen neuen Freund. Ihr neuer Freund ist 61.

Natürlich, das gibt auch die A. zu, sehe er nicht direkt aus wie ein alter Mann. Man sei ja inzwischen auch nicht mehr direkt alt aus mit Anfang 61, das nicht, aber ein Unterschied sei es doch, etwas irritierend geradezu, der neue Freund sei auch ganz grauhaarig und schlabberig, und außerdem lebe er in Steglitz, wo bekanntlich überhaupt nur Menschen wohnten, die entweder ziemlich alt sind oder von ortsansässigen alten Menschen abstammen und den Absprung nicht geschafft haben.

„Oha.“, sage ich und widme mich weiter meiner Suppe. Es ist heiß, sehr heiß eigentlich, und die vier Männer im Anzug am Nachbartisch schwitzen, was das Zeug hält. Der gesellschaftliche Konversionsprozess in Zusammenhang mit dem Klimawandel sollte sich auch der Herenbekleidung annehmen, schießt es mir durch den Kopf.

Natürlich habe ein älterer Verbandsgeschäftsführer auch andere Gepflogenheiten als etwa ein jüngerer Schlagzeuger und Fahrradkurier, um den direkten Vergleich des Exfreundes der G. mit dem aktuellen Freund zu ziehen, fährt die A. fort. So habe etwa der aktuelle Freund eine schreckliche Vorliebe für Musik, die er, aber sonst keiner, zeitlos findet. Er sei nur schwer zu neuen Restaurants zu überreden, er werde um Mitternacht müde, obwohl alte Menschen doch angeblich weniger schlafen als junge, und er besitze wahnsinnig umfangreiche Sportausrüstungsgegenstände, die er nur in sehr untergeordnetem Maße benutzt. Er habe auch nur fade Freunde.

„Nicht so dein Fall, der Herr.“, stelle ich fest. Die A. wiegt den Kopf ein wenig hin und her. Dann nickt sie. Man war wohl miteinander essen vor einigen Wochen und der alte Herr hat drei Stunden am Stück seine Ansichten über Gott und die Welt zum Besten gegeben, die sich nicht gerade durch Originalität auszeichnen sollen.

„Was aber das Schlimmste ist!“, trompetet die A. nun so laut, dass die Männer im Anzug am Nachbartisch aufschauen. Das Schlimmste habe sie noch gar nicht erwähnt. Das Schlimmste an der ganzen Sache sei, dass der alte Herr überzeugt sei, mit der Wahl der G. – einer Journalistin von 37 Jahren – eine komplett altersadäquate Wahl getroffen zu haben, quasi eine gleichaltrige, reife Frau an seiner Seite zu sehen, denn eine Frau von über 35 sei (wie der alte Herr nicht verschwiegen habe) ja keinesfalls mehr als jung zu bezeichnen, vielmehr eine Frau in mittleren Jahren, so dass eine Art Parität herrsche in der Binnenarchitektur dieses Paares, auch wenn, wie der alte Herr lobend erwähnt, die G. deutlich jünger aussehe als ihre Jahre.

„Lass dem alten Herrn doch seine Illusionen.“, beschwichtige ich und winke nach der Rechnung. Die Ansicht über die Ungleichzeitigkeit weiblichen und männlichen Alterns sei ja auch mitnichten eine Mindermeinung, wühle ich in meiner Handtasche nach meinem Portemonnaie.

Was aber die A. hierzu faucht, ist für den öffentlichen Abdruck keinesfalls geeignet.

Anubis

Die Katze ist tot und liegt in der Küche. Schluchzend laufe ich ein paarmal quer durch die Wohnung, gebe bei Google „Katze reanimieren“ ein, und stochere im Hals der Katze erfolglos nach vielleicht Verschlucktem. Dann rufe ich beim Tierarzt an.

Der Tierarzt kommt zwanzig Minuten später. Er scheint schon geschlafen zu haben in einem ausgeblichenen Logoshirt, statt Kontaktlinsen trägt er Brille, aber auch wenn er noch schneller gekommen wäre, wäre die Katze wohl auch nicht wieder aufgestanden. „Soll ich sie mitnehmen?“, fragt der Tierarzt nach diesem Befund. Ich nicke. In einem braunen Karton verschwindet meine schwarze, zutrauliche, fröhliche Katze. Maunzend und knurrend läuft der Kater durch die Wohnung und schnuppert ihr nach.

Die Katze werde verbrannt, sagt mir der Tierarzt schon halb aus der Tür. Man werde sich bei mir melden. „Ist gut.“, stimme ich allem zu, weil das in einer großen Stadt wohl so ist, wenn man keinen Garten hat, in dem man seine Haustiere einfach vergräbt und dann einen großen Rhododendron pflanzt.

Ein paar Tage passiert erst einmal gar nichts. Dann klingelt das Telephon. Ich verstehe erst gar nicht, wer mich anrufen will, ich glaube an eine Telephonwerbeaktion, nein, wissen Sie, ich bin gerade im Büro …., aber dann fällt der Groschen doch. Es ist die Tierbestattung. Die Tierbestattung Anubis aus Pankow. Ich atme tief durch.

Wo sie die Asche hinbringen sollen, will die Tierbestattung wissen, und ich fange an zu stottern. Vor meiner Tür drücken sich Kollegen herum, die irgendwas besprechen wollen, E-Mails rattern in meinen Outlook-Account, mein Bürotelephon klingelt, und ich sage schnell irgendetwas Dämliches wie „weiß nicht, was meinen sie, für mich ist das jetzt auch eher so zweitrangig … ich hab‘ nicht so eine Gedächtniskultur.“ – Die Tierbestattung schweigt einen Moment beleidigt. Ich komme mir geizig vor, geizig und pietätlos, und das ist vermutlich auch Sinn und Zweck des Schweigens des Bestatters.

Ich könne eine Urne nehmen, sagt mir die Tierbestattung unbeeindruckt von meiner Abwehr. Ich lehne ab. Ich könnte die Katze auch auf einem Tierfriedhof bestatten lassen, beharrt man weiter. Ich lehne auch ab. Man werde die Asche zum Tierarzt bringen, schließt schließlich das Gespräch, bevor ich sagen kann, sie mögen die Asche einfach behalten.

Am vergangenen Samstag gehe ich dann zum Tierarzt. Schon in der Tür kommt mir die Tierarzthelferin entgegen und drückt mir die Hand. Dabei zieht sie die ganz dünn gezupften Augenbrauen tief nach unten. Der Verlust. Trauer. Darüber Hinwegkommen. Und der Kater? – Ich vermeide jeden Blickwechsel mit dem J., um nicht laut zu lachen.

Schließlich übergibt mit die Tierarzthelferin einen braunen Briefumschlag und eine Urkunde. Auf der Urkunde steht mein Name, falsch geschrieben allerdings, der Name meiner Katze und die Bestätigung, dass die mir ausgehändigte Asche auch wirklich die Asche meiner Katze und nicht die irgendeines ganz beliebeiegen und fremden Tieres sei. Leicht belämmert (wohin nun mit dem Zeug?) gehen wir heim.

Am Sonntag ist der Schlachtensee dermaßen voll, dass sich das Asche Verstreuen mehr oder weniger von selbst verbietet. Unter der Woche bin ich zu beschäftigt, um mich mit der Katze zu beschäftigen. Heute habe ich auch keine Zeit gehabt, die Katze irgendwo zu entsorgen, aber morgen, morgen fahre ich irgendwohin. Fragt sich nur, wo.

Sommerabend

Träge schwankend vor Hitze schlingert die Stadt durch die Straßen. Ein wenig neben sich lächeln sich Fremde an auf dem brennenden Grase der Parks. Halb in den Schatten gelagert, liegst auch du auf deiner Decke, französischer Pop, ein Magazin über schöne Kleider, und in deiner Hand wird eine Flasche Biozisch immer wärmer.

„Hallo, der Herr!“, begrüßt du einen kleinen Bub, der dich besuchen kommt vom Handtuch nebenan. Der Bub heißt Ansgar, erfährst du, und er wohnt „da drüben“. Als er geht, lacht er dir fröhlich zu.

Auf dem Weg weiter nach Mitte lädt man dich ein. Ein Eis mit zwei Israelis mit starkem, russischen Akzent? Ein Stück Melone, das dir ein barfüßiger Franzose entgegenhält mit quellendem, krausem Brusthaar unter einem dünnen, blauen Hemd? Lachend beißt du ab, winkst und wünscht einen herrlichen Sommer, strahlend vor Sonne, überschießend vor Leichtsinn, galoppierend vor Glück wie die weißen Pferde, die du einmal gesehen hast als Kind, gestreckt vor Behagen im spritzenden Wasser der flachen Furt, gesäumt von schattigen Bäumen.

Paukenschlag statt Flöte

Wolf Jobst Siedler, Ein Leben wird besichtigt, 2000

Vielfach liest man, mit dem Bürgertum gehe es demnächst zu Ende. Die deutsche Sprache sterbe aus, sogar die Frau des Bundespräsidenten sei abstoßend tätowiert, niemand könne mehr vernünftig Latein, und unter Bildung missverstünden die Deutschen eine unverstandene Faktensammlung, die höchstens zu Quizsendungen im Privatfernsehen tauge. Gleichzeitig genießt das Bürgerliche ein Ansehen, das zumindest ein wenig naiv anmutet, als sei vor hundert Jahren jedes Gymnasium eine kleine Gelehrtenrepublik gewesen und nicht die protofaschistische, kinderquälende Anstalt, wie sie sich in den damals vermutlich nicht von ungefähr beliebten Schülerromanen der Kaiser- und Zwischenkriegszeit spiegelt. Auch hätten sich früher Familien zu sorgsam komponierten Mahlzeiten zusammengefunden, statt hektisch vor dem Fernseher erwärmte Tiefkühlgerichte zu verzehren, weder Damen noch Herren wären in missgestalteten, bunten Plastiksäcken auf die Straße gegangen, und Ehen hätten lebenslänglich gehalten. Früher sei mithin nicht alles, aber ziemlich viel besser gewesen, und selbst wenn es nicht besser gewesen sei, dann habe es zumindest besser ausgesehen.

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Meine Katze

Die Treppen hochgelaufen, einen Schlüssel nach dem anderen in die Hand genommen. Die Tür geöffnet. Vollgesogen mit Wärme, den Geschmack von Sekt und Sherry. Gelächter im Ohr.

Die Tür weit geöffnet. Die stickige Luft hängt schwer auf den Dielen. Nach der Katze Ausschau gehalten, unwillkürlich. Die Augen geschlossen, um die Katze nicht nicht zu sehen.

Doch keine schwarze Katze kommt um die Ecke. Keine schwarze Katze maunzt. Niemand wirft sich vor mir auf die Dielen. Niemand schreit nach meiner streichelnden Hand. Ein bißchen Futter verlangt nur der Kater. Niemand antwortet mehr, wenn ich rufe, und niemals mehr rufe ich die Katze beim Namen. Die Katze ist tot.