Port. Misc.

Zugegeben, es hört sich etwas albern an, wenn man klagt, es habe die ganze Zeit geregnet, während man in Portugal war, so als glaube man, einen Anspruch auf einen regenfreien Aufenthalt zu haben, wenn man in Urlaub fährt, was man eher so einem Urlaubstypus zuschreibt, den man jetzt vielleicht so alles in allem nicht so besonders toll findet, weil er komisch aussieht und sich auch nicht so gut benimmt. Es war aber trotzdem nicht so schön mit dem Regen, denn zum einen sieht so eine Stadt im Regen natürlich nicht gut aus, und zum anderen geht man nirgendwo gern hin, wenn es so schrecklich nass ist. Man kann Taxi fahren, schön, aber wo soll man schon groß hin, wenn es so regnet.

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Vor lauter Tristesse habe ich von Lissabon bis Porto die große Augustus-Biographie von Jochen Bleicken in drei Tagen zu Ende gelesen. In den letzten Wochen davor bin ich etwas mühsam vom Tode Caesars bis zum Tode Ciceros gelangt, aber nun geht es schnell. Actium, Prinzipat, Livia, die beiden Iulien werden verbannt, und schon liegt Augustus auf dem Sterbebett, ein letztes Selbstlob, und dann ist das Buch zuende. Keinen Fetzen sympathischer als vor der Lektüre ist mir Augustus auf den paar hundert Seiten zuvor geworden. Ein kalter, machthungriger, bigotter Kerl, ein bißchen ordinär, aber schlau, und dass diese Einschätzung sich nicht nur mir aufdrängt, illustriert ganz besonders der Umstand, dass Bleicken selbst auf den letzten Seiten Augustus gegen den Vorwurf mangelnden Charismas verteidigt.

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Portugal hat – das habe ich im Reiseführer gelesen – sehr, sehr niedrige Löhne, aber gleichzeitig mit die höchsten Lohnstückkosten Europas. Tatsächlich teilt sich dies an allen Ecken und Enden mit. Von dem sehr, sehr langsamen Mitarbeiterstab des Corinthia Hotels in Lissabon bis zu der opernhaft wogenden Runde in so einem Fischrestaurant irgendwo mehr so Richtung Wasser bewegen sich die Potugiesen deutlich langsamer als alle anderen mediterranen Bevölkerungsgruppen, so als sei der Atlantik an sich irgendwie anstrengender als das Mittelmeer und brauche die Energie der Portugiesen gleichsam vollständig auf.

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Über Portugal zu berichten gibt es vermutlich berufenere Stimmen, also für das, was man so gemeinhin das Atmosphärische nennt, das rostrote Mosaik der Dächer der Alfama, so etwa, die leeren Fadolokale im Oktober und der gebratene Fisch. Was aber mitzuteilen bleibt, ist der Ruhm der portugiesischen Zuckerbäcker, deren Blätterteig, die sahnige Füllung der Pastéis de Nata in Belém, im Park mit einem Kaffee von Mc Donalds und einer FAS. Die Frischkäsetaschen in Coimbra (gerade ging es mit Marc Anton rapide abwärts), und die letzten halb zerdrückten, klebrigen Gebäckteilchen im Flug nach Berlin.

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Von Lissabon bis Berlin Alexander Osangs Königstorkinder gelesen, eine so halb auf den letzten Seiten zurückgenommene Affäre zwischen einem ganz, ganz gescheiterten Ostjournalistenstudienabbrecher und einer westdeutschen, auf ihre Art vermutlich ebenso gescheiterten Mutter, die in den neuen weißen, durchaus etwas abschreckenden Häusern bei uns um die Ecke am Friedrichshain wohnt. Die Story über das Phänomen, das Soziologen – warum auch immer schrecklich missbilligend – Gentrifizierung nennen, plätschert so dahin, es geht um West und Ost, als seien das noch interessante Kategorien für irgendwen, und ich habe ein wenig gelangweilt ein paarmal mächtig gegähnt und lange, lange mit dem Finger in der Seite aus dem Fenster geschaut auf die Wolken über Spanien, Frankreich und schließlich Berlin. Berlin.

Alfa Porto Coimbra

Im Zug zwischen Coimbra und Porto die Küste entlang. Vorbei am Meer. Der Atlantik ist grau und gefleckt. Der leere Strand, ein schmaler Streifen. Der Sand vom Salz verklebt, hart und einsam unter den schreienden Möven. Der Himmel so grau wie das Wasser. Die Fenster der Hotels klaffen schwarz und leer. Die Saison ist beendet. Der Zug fährt vorbei.

Kein Halt bietet sich an, für drei, vier Stunden am Wasser zu sitzen. Der Zug fährt durch. Keine Gelegenheit hier, den schwarzen Göttern der Tiefsee zu opfern, kein Tee im Café überm Meer. Die Kellner sind längst zurück in der Stadt. Die Liegen verpackt für den kommenden Sommer.

Bitte oszillieren sie, singt Tocotronic mir vor, und ich nicke gehorsam. Ein Flackern stelle ich mir vor, ein schnelles An- und Ausgehen, ein unzuverlässiges Leuchten, so unfassbar wie das Meer und so grenzenlos gar wie der Himmel.

Es regnet, regnet, regnet

Aus den Gullydeckeln strömt das Wasser in die Höhe wie eine Fontäne. Ich sehe nichts, der Taxifahrer kann an sich auch nichts sehen, und fährt doch mitten durch die Flut. Ich bin müde.

Der J. hat schlechte Laune, und vermutlich bin ich irgendwie schuld. Wir hätten in Berlin bleiben sollen, steht es unüberhörbar im Raum. Ich wollte doch weg. Wenn es hier nicht schön ist, liegt es deswegen ganz und gar an mir. Zwar war es trocken heute tagsüber, angenehm auch, zu Fuß unterwegs in Sintra, doch heute abend nehmen wir den falschen Ausgang der U-Bahn, landen irgendwo in einem Restaurant, das zwar ganz gut ist, aber außer uns sitzen dort nur aziemlich lte, eher so etwas unelegante Leute, auch nicht von hier, und nun regnet es wieder, regnet, als wolle es nie wieder aufhören, und ich zähle die Stunden bis zur Abfahrt.

Es wird noch viel regnen bis zum Montag, fürchte ich, und wünsche mir, ich wäre weit weg oder hier zumindest allein und nur für mich verantwortlich hier, und wenn es regnen würde, wäre das nur mein Problem und vielleicht nicht einmal gar so schlimm.

Flop

Der Wind peitscht den Regen fast wagerecht durch die Straßen. Es ist so ungefähr viertel nach drei, aber fast dunkel, und außer ein paar Touristen in bunten Outdoorjacken ist niemand auf der Straße. Ich habe noch nie den Wunsch gehabt, solche Kleidung zu besitzen, aber heute, heute hätte ich gern eine rote Northface-Jacke an, oder zumindest meine Barbourjacke, die gute Beaufort, aber die hängt trocken im Berliner Dielenschrank. Ich dagegen stolpere blind vor Regen und nass wie ein Fisch über die Praça do Comércio. Hinter mir stürmt der Atlantik. Neben mir flucht der J.

Auch die Portugiesen scheinen keine wetterfeste Kleidung zu besitzen, sondern drücken sich unter den klappernden Markisen an die Wände der Häuser. „Umbuchen!“, schimpft der J. und spricht über alles, was man daheim so machen könnte, wenn man heute abend vorzeitig heim fliegen würde. Zweimal Lissabon – Berlin. Ins Museum gehen, etwa, schlägt der J. vor. Ausgehen. Schlafen. Ich schüttele den Kopf. In Berlin bin ich gerade so schrecklich ungern. Unterwegs möchte ich sein, aber hier, und soweit hat der J. recht, ist es gerade wenig gemütlich und noch nicht einmal sehr interessant.

Im Hotel hat noch immer niemand das Zimmer aufgeräumt. Der J. ist abwechselnd vom Wetter frustriert oder schimpft über sein Gewicht. Alles, was ich gern besichtigen würde, setzt voraus, dass man das Haus verlässt, und zwischen uns und der regulären Abreise am Montag erstreckt sich noch ein langes, langes Wochenende, an dem ich nach Sintra fahren wollte, nach Tomar, irgendwohin, aber statt dessen sieht es nach schlechter Laune zu zweit aus, und zwar hier im Hotel.

Schon morgen vielleicht

Vielleicht morgen auf dem Bahnhof von Porto nur noch einmal kurz zurück. Wasser kaufen. Vielleicht sich hinter einem Verschlag verbergen, vielleicht dem Zug beim Wegfahren zusehen. Vielleicht nie wieder zurück.

Vielleicht am Abend am Duoro sitzen. Den Blick auf das Wasser. Nach zwei, drei Wochen, wenn das Geld nicht mehr langt, irgendwo kellnern. Stadtführungen für Deutsche und Briten. Vielleicht Prinzen erfinden und Drachen, lachen, wenn einer das merkt, und einen Namen sagen, der einer Toten gehört, wenn einer fragt, wie man heißt.

Nach drei Jahren nicht mehr wissen, wie der Name mal war. Sich einen Geburtstag ausdenken. Nach fünf Jahren legalisiert werden, vielleicht. Wenn einer nett ist, drei Tage bleiben und dann gehen. Für niemanden zuständig sein und verantwortlich nur für mich. Bei Nacht am schwarzen Wasser sitzen, sich erinnern an Berlin wie an einen Film oder ein Buch, Gesichter, grelle Fetzen, einzelne Sätze, und nur ganz selten eine Postkarte heim, damit meine Eltern nicht weinen.

Ach.

Aber seien wir ehrlich: Altern ist Mist. Meistens verdrängt man diese Erkenntnis ganz gut, hier im Bötzowviertel sind alle so ungefähr 35 oder sogar noch ein paar Jahre älter, da fällt das nicht so auf. In meinem Berufsleben ist man sowieso total erwachsen und sieht zudem auch noch so aus, aber dann setzt man sich am Donnerstag abend also aufs Rad, zittert handschuhlos bis nach Neukölln und stellt in der Yuma Bar in der Reuterstraße fest, dass Frédéric Valin wirklich gut schreibt, und dass der Rest der Welt in Neukölln sehr, sehr jung ist und zudem auch noch so aussieht, also gut, sehr gut manchmal sogar, mit diesen langen, glatten, sehr gesunden Haaren, die man ab einem bestimmten Alter halt nicht mehr so hat, und dieser schlanken Pausbackigkeit, die sich auch irgendwann verliert. Alt fühlt man sich, sehr alt, älter als zwei von diesen Leuten zusammen, und weil man außerdem hungrig ist, geht man irgendwo um die Ecke bei einem überraschend ordentlichen Italiener was essen mit dem jungen Herrn, der einen begleitet, den zu fragen man sich gerade gar nicht traut, wie alt er eigentlich denn so ist. Die Antwort könnte nur fürchterlich sein. Nach dem Essen geht man dann sogar noch einmal zurück in die Yuma Bar, unterhält sich sehr, sehr nett und trinkt irgendwas, dessen Namen man nicht behält (so ist das ab einem bestimmten Alter), und rund um einen herum sind immer noch alle 20.

Dürfen die hier schon sein, fragt man sich. Oder darf ich mich hier noch aufhalten, fragt man sich weiter. Ich feiere nie wieder meinen Geburtstag, schwöre ich mir auf dem Weg heim, und wenn doch, dann sage ich keinem, wie alt ich werde oder behaupte irgendetwas, was bei näherer Betrachtung nicht stimmt.

Das Buch von Frédéric Valin namens „Randgruppenmitglied“ ist aber altersunabhängig sehr zu empfehlen.

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Internet habe ich ja auch nur noch im Café. Ab dem 14.10. soll sich das ändern, das ist gut, aber tatsächlich kommt man sich ein bißchen blöd vor, so mit dem macbook im Spreegold, weil das so etwas Selbstgefälliges ausstrahlt, dabei treibt mich die schiere Verzweiflung, die Sucht sogar nach dem Verbundensein mit der Welt, denn Telephon habe ich natürlich auch nicht, und zudem ist der Mobilempfang in meiner Wohnung ganz, ganz schlecht und bricht ab und zu plötzlich ab.

Ich war noch nie viel zu Hause, weil ich nie weiß, was ich da soll, aber zur Zeit hilft wirklich nur Arbeit oder Verreisen. Morgen fahre ich weg.

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Das Schreiben im Café ist vor allem wegen der anderen Leute keine ernsthafte Alternative. Neben mir sitzen fünf Frauen, alle so circa 40 und blond bis auf eine, die anscheinend miteinander zur Schule gegangen sind. Jetzt wohnen sie offenbar alle in Berlin, haben sich zum Teil lange nicht gesehen und essen Salat. Alle. Salat.

Die fabelhaft schlanken Frauen um die vierzig erzählen einander den größten Schrott von allen. „Ich will auf keinen Fall eine Küche, die wie eine Küche aussieht.“, sagt gerade die eine der anderen. Vorher ging es um Teilzeitmodelle in großen Kanzleien und Redaktionen oder so. Alle hauen ganz unglaublich auf die Sahne, schwenken den portablen Teil ihrer Besitztümer, und wenn ich jemals, irgendwann, vierzig hin oder her, so werde wie die Frauen neben mir, dann gehe ich nach Hause und hänge mich auf.

Vom Paradies ein gold’ner Schein

In den Ferien, wenn sonst keiner frei hatte, kamen Schwesterchen und ich zur Oma. Wenn die Oma nicht da war, kamen wir zum Onkel. War aber auch dieser nicht verfügbar, weil die dazugehörige Tante zur Kur war oder verreist, oder weil man nicht zwei Schulferien hintereinander dem Onkel gleich zwei Mädchen zumuten konnte, musste wir zu den Tanten, die eigentlich Großtanten waren, also die beiden ältesten Schwestern des Großvaters, die eine Buchhandlung hatten, über der sie wohnten.

Besonders gut lief die Buchhandlung nicht. Man darf sich das nicht blitzend und gläsern vorstellen, da war nichts mit roten Sesseln und Regelmeter um -meter Lebenshilfe und Reisen auf drei Stockwerken bis nachts um zwölf. Die Buchhandlung meiner Tanten war ein einziger Raum, ein kleines Fenster zur Straße, eine Tür, vor der ein Glockenstrang hing, und dann rechts und links Regale und in der Mitte ein langgezogener Tisch. Ganz hinten stand noch ein kleiner Tisch quer, darauf war die Kasse. Es war so dunkel, dass den ganzen Tag das Licht brannte, und damit möglichst viele Bücher in das finstere Gelass der Tanten passten, hatten mein Vater und mein Onkel A. Regale bis zur Decke gezogen, vor denen eigentlich immer dieselben Kunden standen und sehr, sehr lange brauchten, um Bücher auszusuchen. Besonders viele Kunden gab es nicht.

Ob meine Tanten nicht an Dekoration glaubten, oder ob schlicht nichts mehr in ihre Bücherhöhle passte, ist nicht mehr aufklärbar. Das Schaufenster dekorierten sie jedenfalls ebenfalls ausschließlich mit Büchern, Neuerscheinungen meistens, und wenn es vom Verlag Photographien der Autoren gab, stellten sie die daneben, damit man sehen konnte, wie die Schriftsteller aussahen. Ich kann mich an keinen Ausgestellten konkret erinnern, aber in meiner Erinnerung rauchen sie alle Pfeife, und die wenigen Frauen sahen aus wie Loki Schmidt. Gelegentlich schnitten die Tanten besonders hymnische Kritiken aus der Zeitung aus und stellten diese neben das gepriesene Buch, falls ein Passant zwar in der Zeitung die lobenden Worte der Kritiker verpasst hatte, sich aber beim Spaziergang von den gedruckten Sirenengesängen von Reich-Ranicki, Joachim Kaiser oder Hilde Spiel verleiten lassen würde.

Besonders begeistert waren meine Tanten von dem wochenlangen Besuch von Schwesterchen und mir vermutlich eher nicht. Wer lange allein gelebt hat, umgeben nur von seiner ebenfalls etwas schrulligen Schwester, hat sehr jugendlichen Besuch oft nur für einige Stunden ganz gern. Der kindliche Appetit macht alte Damen Sorgen, und der Bewegungsdrang von Zehnjährigen ist für zwei alte Frauen, die niemals Fahrrad fuhren und nicht schwammen, einigermaßen schwer zu beherrschen. Anmerken ließen sie sich das aber nicht. Nur den Ermahnungen meiner Mutter war anzumerken, dass man über der Buchhandlung nicht genauso willkommen war wie woanders. Außerdem bekamen wir zu den Tanten richtige Geschenke mit, nicht nur ein paar Pralinen oder Taschentücher oder so, und irgendwann, der Besuch sollte besonders lange dauern, kaufte mein Vater einen Videorecorder. Das war teuer. Die Tanten hätten sich einen Videorecorder niemals gekauft. Ein vorhandener Videorecorder aber wurde genutzt. Man lieh Videos aus. Man nahm Filme auf, und als ich das nächste Mal erschien, nur für ein zwei Wochen, wie ich meine, lief der Recorder im Hochbetrieb.

Jeden Abend saßen die Tanten auf dem grünem Sofa in dem Wohnzimmer über dem Geschäft. Jeden Abend gab es einen Film, öfter auch einmal dieselben, wie ich wenig später bemerkte, denn das Repertoire war begrenzt. Heinz Rühmann war beliebt, den konnte man ständig sehen. Cary Grant war beliebt, galt aber in den Kreisen meiner Tanten als entschieden zu schön für einen Mann. Willy Fritsch mochten beide Tanten nicht ganz so gern wie Hans Albers. Ungeschlagen und in eigentlich jeder Lebenslage gern gesehen war Peter Alexander. Frauen dagegen mochten meine Tanten nicht so.

In der ersten Woche bei den Tanten saßen die Tanten und wir im Wesentlichen stumm auf dem Sofa und saßen schwarz-weißen Schauspielern beim Handkuss zu. Ab und zu gaben die Tanten spärliche Erklärungen der Handlung ab, erläuterten Schauplätze und ließen längst versunkene Namen fallen. Zu den abendlichen Filmen gab es meistens gebrannte Nüsse, Katzenzungen, Mozartkugeln und Saft. Die Tanten gönnten sich gelegentlich ein Glas Wein. In der zweiten Woche aber entspannten sich die Tanten. Abends gab es nun auch für mich ein sehr kleines Glas Wein mit viel Selters, und außerdem blieben die Tanten nicht länger stumm. Wenn gesungen wurde, sangen sie mit.

Irgendwo auf der Welt, sangen die Tanten, gebe es ein kleines bißchen Glück. Das aber, so entnahm ich dem Trio meiner Tanten mit Lilian Harvey, gebe es nur einmal. Das kommt nicht wieder, sangen die Tanten mit ihren nicht ganz sicheren Altdamenstimmen, und gingen gefährlich in die Höhe, wenn es zu schön war, um wahr zu sein.

Wenn ein junger Mann kommt, hätten meine Tanten vermutlich kaum gewusst, was damit anzufangen, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass sie mit ihm in den Himmel hinein hätten tanzen können. Ich bin ja heut‘ so glücklich, wurde ereignisunabhängig gesungen, auch wenn meine Tanten Renate Müller aus irgendwelchen obskuren Gründen besonders wenig mochten, doch schließlich hat Jede Frau irgendeine Sehnsucht.

Wenn aber der Film aus war, gingen die Tanten einsam zu Bett. Sehr leid taten mir die alten Damen damals, hellwach abends um zehn im Gästezimmer im Bett neben meiner schlafenden Schwester. Dass es doch unschön sei, von Kavalieren – Husarenuniform hin oder her – nur zu träumen. Besser müssten es Frauen haben mit einem echten, eigenen Mann zum Tanzen und Träumen, stellte ich mir vor, denn dass zum Träumen immer etwas übrig bleibt, hate mir keiner gesagt.

Lilly

Zwei Katzen sind – nun, wie Katzen halt so sind. Mal fegen beide durch den Raum. Mal sieht man drei Stunden nichts von den Tieren und fragt sich, ob man wohl welche besitzt. Dabei besitzt man Katzen bekanntlich nicht. „Katzenhalter“ zu sein ist stets eine Amtsanmaßung. Die Katze wohnt bei einem. Lange Zeit also wohnten bei mir deren zwei.

Eines Tages wurde die andere Katze krank. Dann wurde sie wieder gesund, ein letzter Tierarztbesuch wurde vereinbart, und dann fiel die Katze eines Abends einfach um. Ein paar Monat lang war der Kater allein.

Dass es mit einem einsamen Kater nicht geht, wurde ziemlich schnell klar. Der Kater wurde anhänglicher. Noch anhänglicher, kann man sagen. Tags blieb er ungern allein, abends umtanzte er die Heimkommenden und nachts war er aus dem Bett nur schwer zu verjagen. Der Kater brauchte Gesellschaft.

„Wir fahren ins Tierheim.“, kündigte der geschätzte Gefährte an und verzog missmutig das Gesicht. Der geschätzte Gefährte ist nicht so viel in Berlin, und wenn er da ist, fährt er ungern in obskure Außenbezirke. Außerdem haben Freunde von uns zwei Katzen aus dem Tierheim, und dass der Psychologe nicht mitgeliefert wurde, ist, nun, eigentlich eine veritable Schlechtleistung. Der äußerste Akt der Katzenaquise war also eine E-Mail. Und ein Facebook-Eintrag, wer eine über habe, möge sich melden.

Außer meinem Schulfreund S., der auf die einsamen Katzen von Bangkok verwies, meldete sich keiner. Die Zeiten, wo überall mal unvorhergesehen irgendwo in der Waschküche oder unter dem Dach Kätzchen zur Welt kommen und verschenkt werden müssen, scheinen vorbei zu sein oder finden woanders statt. Einsam starrte der Kater von der Fensterbank aus auf die Straße und kuschelte sich nachts an anklagend an die Füße des J.

Vor zwei Wochen oder so hatte ich frei. Zeitung lesend saß ich also hier herum, irgendwann kam die Reinmachefrau und wir hielten einen Schwatz. Wir sehen uns manchmal monatelang nicht, ratterten also Neuigkeiten herunter, und ich erwähnte die Katzenlosigkeit. Armer Kater. Einsamkeit. Neue Katze. Und ob sie …?

Sie nickte. Unsere Putzfrau hat doppelt so viel Energie wie fast jeder, den ich kenne. Sie hat ungefähr sieben Kinder, gründet gerade ein Ladengeschäft, organisiert alles und so ziemlich jeden, und Katzen hatte sie bisher auch. Seit neuestem aber hat sie auch eine Katzenhaarallergie, und deshalb bot sie mir ihre Katze an. Sie heiße Lilly und sei blau.

Blaue Katzen sind eigentlich ein bißchen zu edel für unseren eher unedlen Haushalt. Rassekatzen stelle ich mir kränklich vor und anspruchsvoll, kleine Diven mit pflegeintensivem Fell, und deshalb wiegte ich den Kopf hin und her, versprach, drüber nachzudenken und dann dachte ich nicht mehr an Lilly. Am Wochenende, als der Kater besonders erbärmlich herummaunzte, schrieb ich dann doch noch eine SMS an unsere Putzfrau, kündigte an, die Katze demnächst zu besuchen, und als nichts kam, streichelte ich den Kater und versprach ihm einen Tierheimbesuch im Oktober.

Am Dienstag kam der J. deutlich vor mir nach Hause. An der Tür streichelte er den Kater. Im Flur schleuderte er seine Tasche irgendwohin. Im Schlafzimmer warf er Schuhe, Krawatte und Anzug ab und legte sich im Wohnzimmer aufs Sofa. Auf seiner Brust thronte der Kater. Irgendwann bekam der J. Hunger und ging in die Küche.

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Der Zettel war von unserer Zugeherin, auf dem Zettel stand, sie habe Lilly mitgebracht, zur Probe sozusagen, und wenn wir Lilly nicht haben wollen, sollen wir anrufen. Sie komme sofort. Der J. begab sich unmittelbar auf die Suche.

Wenig später fand er das Tier im Gästezimmer unter dem Sofa. Zwischen der Rücklehne des Sofas und der Wand ist ein bißchen Platz, da geht gut eine Katze dazwischen, gerade eine kleine, blaue Katze, die sich stundenlang hinter dem Sofa aufhält, weil sie Angst hat vor der neuen Wohnung und den neuen Menschen und dem neuen Spielgefährten, der noch ein bißchen faucht.

Am nächsten Tag erst kam die Katze in die Küche. Noch einen Tag später saß sie auf meinem Schoß und ließ sich streicheln, erkundete die Wohnung, schnupperte am Kater und heute nacht, heute nacht saßen beide Katzen vor dem Bett, maunzten um Aufnahme und trotteten, von mir verjagt, gemeinsam in die Küche.

Lilly bleibt jetzt wohl hier.

Eigentlich schon eher nicht

Wenn ich einkaufen gehe, siezen mich die Leute beim Bäcker. Wenn ich sage, was ich beruflich mache, zuckt keiner mehr wie noch in den ersten Jahren, als ich ganz neu war, so circa dreißig damals, und mich ab und zu Leute mit einer Referendarin verwechselt haben oder gleich mit dem Sekretariat. Ich scheine so auszusehen, wie ich bin.

Wenn ich ausgehe, gehöre ich zu den älteren Frauen im Laden. Ich bin noch nicht zu alt, das nicht, in Berlin geht viel, was woanders nicht mehr so recht ausschaut, aber zu den Mädchen vor den Boxen, ganz vorn, da wo die Musik spielt, gehöre ich nicht mehr. Wegen mir sind die Jungs nicht da, die mit den Lederjacken und den Sonnenbrillen und dem Roman, den sie mal schreiben werden, wenn sie ein bißchen gelebt haben werden und da was ist, über das man schreiben kann. Mich sehen die nicht mehr. Ich bin nicht mehr da.

Fremd fühlt sich das an, aber ganz okay, irgendwie schon passend zu der Frau im Spiegel, die mehr Kostüme hat als Sachen für nachts, aber ab und zu, wenn keiner dabei ist, im Spiegel im Bad oder in der Schaufensterscheibe im Vorbeilaufen, halb aus den Augenwinkeln, ist ich noch jemand anders, jemand von früher vielleicht, den ich besser kenne und der mir lieber sein mag, aber darauf kommt es wohl sicherlich kaum mehr noch an.