Das Drehen der Schraube

„Und nach drei Monaten kommen sie dann vorbei und wir legen das Implantat frei.“, sagt also der Zahnarzt irgendwann im Frühling. Dann verschiebe ich zweimal, weil ich einmal krank und einmal sehr beschäftigt bin. Schließlich stehe ich vorgestern Abend vor dem Tresen der Praxis.

„Sie bekommen gleich die Betäubung.“, tätschelt mir die Sprechstundenhilfe die Hand, weil ich hier als eine eigentlich unbehandelbare Zahnarztphobikerin gelte. Ich erstarre auf der Liege und kralle meine Nägel in meine linke Hand. Dann kommt die Spritze, zweimal. Es werde nicht schlimm, behauptet der Zahnarzt.

In Wirklichkeit wird es viel schlimmer. Der Zahnarzt kratzt, hackt, schabt in meinem Mund herum. Ich schlucke. „Die Zunge oben an den Gaumen!“, werde ich ermahnt, und bemühe mich, an etwa Schönes zu denken. Die See, denke ich. Mit dem F. Kuchen backen. Warme Haut. Federn. Pelz.

Dann aber holt mich ein grässliches Schaben in die Welt zurück. Ich schnaufe. Entsetzt reiße ich die Augen auf und kneife sie sofort wieder zu. Krachend knirscht mein linker Unterkiefer. „Alles in Ordnung.“, spricht man begütigend auf mich ein, und dann knirscht es weiter. Krack, macht mein Kiefer, und dann dreht sich ein Gegenstand – später erfahre ich, eine Art Schraube – in meinen Knochen.

Wieder und wieder dreht sich die Schraube. Jede Faser angespannt sitze ich da, stelle mir die lauteste Musik der Welt vor, um dieses Drehen und Krachen zu übertönen, das dauert, sich fortsetzt, gar nicht wieder aufhören will, und als ich wieder auf der Straße stehe, immer noch weiter schabt und kratzt. Seit fast zwei Tagen.

6 Gedanken zu „Das Drehen der Schraube

  1. Oh, wie grauenhaft! Dabei ist das ohne Phobie hochinteressant, angefangen von der Werkzeugen. (Ich bekomme noch vor Weihnachten den Zweitzahn drauf, am 4.12. wird der Abdruck genommen.)

  2. Argh, mein aufrichtiges Mitgefühl! Da ist mir dank einer Vollnarkose ja einiges entgangen, wie es scheint. Allerdings war mir beim Aufwachen und danach beim letzten Mal ziemlich elend. Denke aber, das wars trotzdem wert, mit der Kasse in Sachen Kostenübernahme rumzuzackern. Allein die Vorstellung, ich hätte das alles in vollem Bewusstsein mitbekommen, was da alles stundenlang in meinem Mund und Kiefer veranstaltet wurde, brrr. Aber der letzte Weisheitszahn, wenn der rausmuss, werde ich mich womöglich mit lokaler Betäubung bescheiden. Auf Hypnose habe ich übrigens genauso wenig Lust wie auf Zahnarzt. 😉

    Drücke Ihnen die Daumen, dass alles gut verheilt und die Schraube sitzt, wie sie soll.

  3. ich habe seit einem jahr einen zahnarzt mit lachgas, besser als alles andere! fühlt sich an wie sehr angeheitert, bloss hat man danach keinen kater… apropos: 5 minuten nach der behandlung ist alles wieder in alter frische 😉

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