Guten Morgen mit F.

Morgens. Dann klingelt bei uns der Wecker um 7:30. Sodann holen wir den F. aus seinem Zimmer zu uns, und dann dösen wir alle drei noch zehn, zwanzig Minuten dumpf vor uns hin. Wir hassen alle frühes Aufstehen und schlafen, wenn man uns lässt, also meistens am Wochenende, mindestens bis neun. Entgegen der Experten, die angeblich alles über Kinder wissen, gilt das auch für den F., bei dem Schlaf sowieso hoch im Kurs steht.

Ein strenges Regelwerk verlangt, dass ich irgendwann meist so gegen kurz vor acht den in der Mitte liegenden F. bitte, den geschätzten Gefährten auf meinen Kaffee anzusprechen. Der F. erhebt sich dann so halbwegs, blinzelt vor sich hin, fixiert den J. und klopft ihn dann mit dem ausgestreckten Zeigefinger an die Schulter. „Kaffee!“, brüllt er dann. Die Gesetze wollen es, dass der J. sich dann schnaufend erhebt, Kaffee kocht und in der Tür hintergerufen bekommt: „Milch!“ Nie umgekehrt.

Gut, manchmal wäre es schon nett, der F. könnte auch mal allein singen, Klavier spielen oder in seinem Zimmer Bücher lesen. Immerhin reicht es inzwischen dazu, morgens neben mir und ohne meine direkte Mitwirkung Bücher durchzublättern, die meistens von Tieren handeln – entweder im Zoo oder auf dem Bauernhof – und dazu Tierstimmen zu imitieren. Ich sitze dann daneben, lese, also gerade Evelyn Waugh, danach den neuen Glavinic, während neben mir jemand inbrünstig „Muh!“, schreit. Und: „MäH! Mäh!“. Oder: „Torööööö!“. Ich habe mich aber daran gewöhnt. Mir macht das nichts. Bücher, die diese Kulisse nicht vertragen, lohnen sich eh nicht. Bisher ging auch alles, nur Lyrik stelle ich mir schwierig vor. Manchmal lese ich auch schon mal ein paar E-Mails, aber das soll man ja nicht, weil das ungesund sein soll. Menschen, die anfällig dafür sind, bekommen manchmal Burnout.

Während der F. und ich so langsam zu uns zu finden, duscht der J., zieht den F. an und macht Müsli. Ich hasse Müsli. Ich hasse Frühstück generell. Ich kann nicht vor elf essen, und dann sehe ich nicht ein, warum es nichts Besseres geben soll als Brot und Käse. Ich bin generell gegen kalte Mahlzeiten. Der F. schaufelt also als einziges Haushaltsmitglied Rosinenmüsli in seinen Mund, ich dusche und dann stehe ich ganz, ganz lange vor dem Schrank und überlege, was heute eigentlich passiert. Also Termine, gleich Kostüm, oder keine Termine, dann Rock und Oberteil. Ich trage keine Blusen, weil ich die nicht bügeln will, und war noch nie in Hose im Büro. Oder, warten Sie, doch. Einmal. 2007. Da hatte ich mir seine Kombi gekauft, blau von HUGO.

Während ich da so stehe, wandert der F. um mich herum. „Nackch! Nackch!“, ruft er und zeigt auf meinen Bauch. Dabei bin ich im eigentlichen Sinne gar nicht nackt. Ich habe Wäsche und Strumpfhosen an, aber so genau nimmt der F. es nicht, und ich habe mich dran gewöhnt. Irgendwann wird er damit aufhören, und wenn er das nächste Mal nach dem Aufstehen nackten Personen begegnet, wird er hoffentlich zu einem differenzierten Ausdruck seiner Wahrnehmung gefunden haben, ansonsten wird sein Sozialleben schwieriger, als man ihm das wünscht. Vorerst jedenfalls: „Nackch!“

Schließlich fahren wir los. Es nieselt, oder es könnte jeden Moment beginnen. Der Himmel sieht aus, als sei der liebe Gott eigentlich in Urlaub, und sein Vertreter ein misanthroper Stümper. Beim Bäcker gibt es vielleicht noch ein Rosinenbrötchen, auf dem Weg vielleicht noch zwei, drei Wortwechsel mit Bekannten, weil das hier eigentlich ein Dorf ist und sich alle zumindest vom Sehen kennen. Dann die Kita. Das Büro. Der Morgen ist beendet.

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