Madame antwortet

Frau Nuf hat gefragt. Ich antworte:

Was haben dich deine Kinder gelehrt?

Die meisten Mütter behaupten, seit der Geburt ihrer Kinder seien sie viel gelassener geworden und würden nicht mehr alles so ernst nehmen. Die müssen irgendwie anders gestrickt sein als ich. Ich kann mich bis heute innerhalb von fünf Minuten von so einer Art Buddhistin in einen betrunkenen Torero und dann in ein sehr schüchterne Dreizehnjährige verwandeln, die nicht weiß, wohin mit ihren Händen. Ich bin nämlich nicht der Jakobsweg, sondern mehr so die Achterbahn. Mit schlecht angezogenen Schrauben. Geburt und Aufzucht des F. haben daran auch rein gar nichts geändert.

Möglicherweise habe ich vom F. also gar nichts gelernt. Wickeln, kochen, Frösche imitieren und Puzzlen konnte ich nämlich auch schon vorher. Höchstens – aber vielleicht ist das doch nicht das Geringste – ist eine Erkenntnis hängengeblieben: Normal reicht. Ich wollte immer „A Life Less Ordinary“, und eine Durchschnittsperson zu sein oder zu werden, hat mich immer frustriert. An manchen Tagen wäre ich nach wie vor gern eine begabte Schriftstellerin, wunderschön oder zumindest Hauptperson eines sehr interessanten Dramas. Nur für den F. gilt das alles nicht. Der ist total normal und genau richtig. Er kann ratzekahl überhaupt nichts, was nicht die allermeisten gesunden Zweijährigen beherrschen. Er ist fröhlich, verfressen, verspielt, oft unfreiwillig und bisweilen absichtlich komisch. Er ist weder hochbegabt, noch hypersensibel. Er hat auch keinen sonstigen physischen oder psychischen Besonderheiten, die ihn aus der Masse seiner Altersgenossen herausheben, aber ich habe ihn noch nie auch nur einen Deut anders haben wollen, als er ist. Er ist normal toll. Diese beiden Adjektive zusammenzubringen ist mir vorm F. nie gelungen.

Was hilft dir in den anstrengenden Zeiten (Schlafmangel, Autonomiephase & Co.)?

Ich muss gestehen, so anstrengend finde ich das meistens gar nicht. Das mag jetzt am F. liegen, der ein freundlicher Kerl mit gutem Schlaf und gesundem Appetit ist. Etwas anstrengend ist zwar die Liebe des F. zu endlosen Wiederholungen. „Nochmal“ ist kein schönes Wort. Aber wenn es wirklich nervtötend wird, zwinge ich den F. zur Abwechslung: Auf keinen Fall nochmal Bobo Siebenschläfer, und außerdem macht die Mama jetzt ihre Musik an.

Was fehlt dir aus dem kinderlosen Vorleben? Ist es für immer verloren? Kommt es wieder und wenn ja, wie?

Früher – also vorm F. – bin ich morgens um 8.30 aufgestanden. In die Küche getappt. Kaffee aufgesetzt. Dann Kontaktlinsen, Zähneputzen, geduscht und angezogen, Kaffee getrunken und ab aufs Rad. Um 9.30 mit einem Becher Kaffee am Schreibtisch.

Heute klingelt der Wecker vor 7.00. Der F. ist meistens schon vorher da. Es ist nicht so, dass er morgens irgendwelche Aktivitäten verlangt. Im Gegenteil, er liegt in der Mitte zwischen dem J. und mir wie ein kleiner, nasser Sack und will den Bauch gestreichelt bekommen. Oder die Stirn. Dann, etwas wacher, will er vorgelesen bekommen, frühstücken, auf dem Topf  sitzen, sich sehr langsam anziehen und noch langsamer Zähne putzen. Währenddessen mache ich mich irgendwie fertig, putze Obst, bestücke eine Frühstücksdose, antworte dem F. schlaftrunken auf diverse Fragen und singe, wenn das von mir verlangt wird. Der F. singt sehr laut mit.

Wenn ich den F. gegen 9.15 in der Kita abgeliefert habe, fahre ich ins Büro. Um 9.30 bin ich am Schreibtisch. Ich fahre den Rechner hoch und male mir mit Grauen aus, wie das eigentlich aussehen soll, wenn er irgendwann mal schulpflichtig wird. Um 8.00 Uhr morgens. Um 8.00! 12 lange Jahre!

Was hast du mit den Kindern für dein Leben dazu bekommen?

Singen. Ganz laut. Ziegen streicheln. Auf dem Sofa sitzen und laut kläffen. In der Küche tanzen. Ständig Brot und Becherkuchen backen. Alle Kinderbücher wiederentdecken. Schaukeln. Sandburgen bauen und mit Muscheln verzieren. Ganz große Seifenblasen machen.

Jemanden an der Hand halten, der glaubt, ich könnte alle Monster verscheuchen, die es gibt.

Die Monster verscheuchen.

Über welche Tabus im Zusammenhang mit Kindern wird zu wenig geschrieben und was sind deine Erfahrungen dazu?

Wird über irgendetwas in Zusammenhang mit Kindern zu wenig geschrieben? Ich bin ja Prenzlmutter, das bedeutet, dass keine kindliche Regung unkommentiert bleibt. Alle Leute, die ich kenne, sondern ununterbrochen Kommunikation über Kinder ab. Ich finde das bisweilen auch ganz spannend, besser immerhin als Musik, die ich nicht kenne. Oder Fußball. Insbesondere die negativen Seiten der Elternschaft werden aus meiner Sicht derzeit eher etwas mehr betont, als es meiner Erfahrung entspricht.

Wenn es überhaupt irgendein Tabu in Zusammenhang mit Kindern gibt, dann höchstens ein Bekenntnis zur mütterlichen Bequemlichkeit. Dabei täte es den meisten Leuten, ihren Kindern und ihren Beziehungen ganz gut, wenn sie es sich ein bisschen bequem machen würden. Ich kenne diverse Leute, die sich fürs Stillen halb umgebracht haben. Oder die wegen der vermeintlich besseren Kita oder Schule halbe Tage durch Berlin fahren. Oder jahrelang Urlaube machen, zu denen sie eigentlich keine Lust haben, nur weil sie glauben, so ein öder Ostseeurlaub sei so toll für Kinder.

Ich dagegen bin absolut pro Bequemlichkeit. Ich glaube, dass der mit großen Anstrengungen vermeintlich verbundene Vorteil nur sehr selten die Nachteile aufwiegt. Aber erzählen Sie das mal in größerer Runde auf dem Spielplatz. Sie werden auf Dutzende Personen treffen, die jede Abwägung der kindlichen mit den mütterlichen Interessen als Frevel ansehen. Bisweilen frage ich mich, ob die wirklich glauben, dass diese Opferbereitschaft sich irgendwie in erhöhtem Lebensglück ihres Nachwuchses niederschlägt. Hinsichtlich ihres Lebensglücks allerdings – da reicht ein Blick – scheint das Konzept irgendwie nicht aufzugehen.

 

8 Gedanken zu „Madame antwortet

  1. Etwas Bequemlichkeit hätte uns dreien, und ganz besonders unserem Sohn, gut getan. Ich war so eine Gluckenmutter, bei der die Bedürfnissse des Knirpses immer an erster Stelle standen. Das war ein Fehler, denn herausgekommen ist dabei ein Sonnenmensch, um den immer alle Planeten kreisen sollen. Sehr charmant und witzig, aber nicht besonders sozial.

  2. Meinen ungeteilten Respekt für auch nur eine Wiederholung von Bobo Siebenschläfer. Ich liess jenes Werk irgendwann…nun ja…einfach verschwinden. Trefflicher Text!

    1. Bobo nervt. Auf Platz 1 der Nervskala steht aber auf jeden Fall Conny. Conny, die Schreckliche. Das Musterkind. Das Kind, dessen Mutter ich nie sein will, weil mich solche Leute schon vor 30 Jahren als Mitkinder genervt haben.

  3. Ach, ich liebe es hier zu lesen. Ganz ehrlich. Allein schon der erste Abschnitt über dein emotionales Spektrum ist so grandios.
    Ansonsten: Mehr Bequemlichkeit! Unbedingt! Ich glaube, darüber blogge ich auch mal. Ich bin über die Jahre wegen der steigenden Kinderanzahl bequemlicher geworden und jetzt da ich alleine mit den Kindern lebe, gehts ohne Bequemlichkeit gar nicht mehr.
    Zu meinem Erstaunen habe ich festgestellt: Das tut nicht nur mir gut, sondern v.a. auch den Kindern.

    1. Die Ablehnung von Bequemlichkeit stammt, glaube ich, aus dem Berufsleben, wo es ja verhältnismäßig oft tatsächlich eine Korrelation von Aufwand und Ertrag gibt. Dass das Familienleben ganz anderen, eigenen Gesetzen folgt, muss man ja erst mal schlucken. Mich erstaunt bei den ziemlich angestrengten Leuten um mich rum am meisten immer, dass die doch auch nicht so aufgewachsen sind. Man wurde ja eigentlich und im Großen und Ganzen ziemlich in Ruhe gelassen in den Siebzigern und Achtzigern.

  4. „Singen. Ganz laut. Ziegen streicheln. Auf dem Sofa sitzen und laut kläffen. In der Küche tanzen. (…) Jemanden an der Hand halten, der glaubt, ich könnte alle Monster verscheuchen, die es gibt. Die Monster verscheuchen.“

    (hat mich gerade ganz arg gerührt. Das mit dem Singen und dem Tanzen und das mit dem Monster.)

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