Papagei

„Kommt ein Papagei …“, kommt der F. um die Ecke und grinst übers ganze, runde Gesicht. „Und dann?“. frage ich. „… zum Arzt!“, kreischt der F. auf, stampft vor Freude ein paarmal mit dem Fuß auf den Boden und biegt sich buchstäblich vor Lachen. Ich bin fasziniert: Dass jemand tatsächlich vor lauter Freude eine Art Verbeugung macht, mit den Armen rudert, fast hinfällt und sich dann geräuschvoll mit den flachen Händen auf die Schenkel schlägt: Das habe ich wirklich noch nie gesehen.

„Wie geht es weiter?“, frage ich den F., als er fertig gelacht hat. „Kommt ein Papagei …“, hebt er wieder an, und diesmal springt er so lange und so intensiv durch die Küche, dass er ausrutscht. Leicht belämmert sitzt er auf dem Parkett, steht langsam auf, klopft sich die Strumpfhose ab, und nach Witzen ist ihm die nächsten zehn Minuten nicht zumute.

Nach dem Mittagessen hilft er beim Backen und knetet hingebungsvoll in einer Schüssel Streusel. „Kommt ein Papagei zum Arzt.“, tippt er mich auf einmal wieder an den Arm. Mist, denke ich. Schon wieder ein T-Shirt schmutzig, denn an meinem schwarzen Ärmel hängen nun Butter und Mehl. „Sagt der Papagei …“, fährt der F. fort, und dann fängt er so laut an zu lachen, dass die Katze erwacht und sich um die Ecke ins Wohnzimmer schleicht. „… der Papagei!“, kreischt der F. derweilen, und dann steigt er auf einmal ganz schnell von seinem Hocker und läuft o-beinig ins Bad. An sich ist der F. nämlich schon so gut wie trocken. Aber wenn doch ein Papagei zum Arzt kommt, gibt es auch hier kein Halten mehr. Ich stelle die Küchenmaschine aus und laufe schnell hinterher. Verdammt: Das war die letzte Strumpfhose.

Abends im Bett lese ich vor. Der F. kuschelt sich ganz eng an mich und lässt sich von Gina Ruck-Pauquèts kleinem Zauberer erzählen, der seinen Zauberstock verliert. Der F. liebt den kleinen Zauberer und überhaupt das ganze Geschichtenbuch, und weil der kleine Zauberer am Ende der Geschichte mit seinem Zauberstab tanzt, muss auch der F., wenn schon nicht tanzen, so doch zumindest singen, und weil er vom Singen sehr lustig wird, unterbricht er mich und fängt wieder an. „Kommt ein Papagei …“. Dann lacht und strampelt er so wild, dass das Deckbett auf den Boden fällt, und ich kurzzeitig für den Deckenstuck fürchte.

Schließlich schläft der F. doch. Ein sanftes Lächeln umspielt seinen Mund. Ich ziehe die Decke über seine Brust. Hat er sich etwa bewegt? Im Schlaf greift sein Arm nach meiner Hand, und er flüstert ganz leise: „… zum Arzt.“

16 Gedanken zu „Papagei

  1. Noch ist es entzückend, aber vor dem Kinderwitz wird gewarnt. Das dauert womöglch nicht mehr lange. Vielleicht noch schnell einen Papagei anschaffen, als Zuhörer, um selber weiterhin in Ruhe backen zu können.

  2. Ein kindliches Phänomen? Weit gefehlt. Mein Liebster erzählt (fast) genau auf diese Art und Weise seine Witze, und wenn er nach gefühlt anderthalb Stunden endlich zur Pointe vorgedrungen ist, hat er sie vergessen. Die Geschichte von kleinen F. habe ich trotzdem mit Wonne gelesen.

  3. Mit meinem Jüngsten erlebt und der Witz lautete in Gänze:
    Laufen zwei Murmeln die Strasse lang, sagt die eine: „Pass auf, da kommt eine Trep, trep, trep..“
    Als er da endlich angelangt war, musste ich auch so lachen wie er. Da ich ihm den Witz aber am Vortag erzählt hatte, glaube ich, dass er sich so bei sich fragte, wieso ich denn über meinen eigenen Witz so lachen musste.

  4. Oh Gott ich lache Tränen!! Echt, sie laufen mir die Backen runter und ich imitiere wahrscheinlich gerade deinen Sohn, so sehr hast du mich amüsiert. Danke für diese tolle Erheiterung und ich wünsche dir, dass der Witz genauso gut weiter geht wie er angefangen hat 🙂 Hihihihihihihi!!

  5. Der Text ist sehr süss und treffend beschrieben! Mein Mann hat das Interesse verloren, bevor es mir gelungen ist, ihn ihm am Stück vorzulesen, aber meiner heruntergelaufenen Schminke entnimmt er, dass er etwas verpasst hat 😉

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