Weit weg und immer weiter

„Du bist meine Lieblingsmama“, gähnt der kleine Kerl und nennt sich mein „allerliebstes Kuscheltierchen von der Welt“. Ich singe ihm sehr, sehr leise Abendlieder vor und puste das feine, braune Haare zur Seite, das mir die Nase kitzelt. Schlaf gut, sage ich und sperre mit den roten Samtvorhängen die Stadt aus, bis nur noch ein sanfter Kindermond seinen kleinen Himmel füllt. Schon hat er die Augen geschlossen und träumt wohl vom Fallenstellen, von Mammuten, von der ganzen Tafel Schokolade, die er sich kaufen will, wenn die Oma ihm Geld gibt.

Mama, ächzt er noch im Schlaf und ich streiche ihm sanft über Brust und Arme. Vier ist er jetzt. In zwei Jahren kommt er zur Schule. In sechs Jahren wird er schon Sextaner sein, dem es peinlich sein wird, wenn ich ihn abhole und umarme. In zehn Jahren muss er sich vielleicht sogar schon ein bisschen rasieren. Ob er dann schon eine Freundin haben wird? Und ob er direkt mit 18 auszieht oder aber noch ein paar Jahre zu Hause bleibt? Doch ob er mit 15 für ein Jahr nach Portland geht, oder mit 19 in Paris studieren möchte: Von diesem Abend an, ach: von dem Moment an, an dem sie ihn mir im Krankenhaus Friedrichshain auf den Bauch gelegt haben, wird er sich immer weiter und weiter entfernen, bis ich ihn kaum noch sehen kann, und ich kann mir nicht vorstellen, ihn nicht jeden Abend schmerzhaft zu vermissen, an dem wir weiter entfernt sein werden, als jetzt.

2 Gedanken zu „Weit weg und immer weiter

  1. Ich erlebe diesen Prozess als das große Abenteuer meines Lebens. Unterwegs muß man manchmal seine Erwartungen an die Realität anpassen und auch ’n paarmal die Notaufnahe besuchen. Das wird aber jedes mal etwas weniger schwer. Schwerer wird nur die ganze Zeit mitzuhalten. Auf die eine oder andere Art. Aber immer kuckt man mit diesen Erinnerungen in der S-Bahn auf die kleinen vierjährigen Racker, kriegt glänzende Augen und denkt heimlich „Hach ja.“.

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