Mama Modeste regt sich auf

Die Aktion #Muttertagswunsch regt mich auf. Ich meine ausdrücklich nicht Frau Finke vom Blog Mama arbeitet, die eindrucksvoll zeigt, wie eine tolle Frau mit ihren Lebensplänen hinfallen kann und sich tatkräftig und tapfer am eigenen Schopf aus der Misere zieht. Aber viele der Wünsche, die sich bei Twitter wieder finden, meinen die geschätzten Mitmütter hoffentlich nicht ernst.

Ihr meint doch nicht wirklich, dass jemand in 20 oder 25 Stunden Teilzeit genau so tolle Häuser bauen, Prozesse führen oder regieren kann, wie jemand, der das 40, 50 oder 60 Stunden tut? Die meisten Projekte brauchen nun einmal Zeit. Ihr denkt doch auch nicht im Ernst, dass eine Kollegen als genauso verlässlich geschätzt wird, bei der man nie so ganz genau weiß, ob sie  am Montagmorgen erscheint, oder sich wegen eines kranken Kindes abmeldet. Haltet ihr es denn wirklich für zumutbar, dass dieser Frau genauso wichtige, zeitkritische und verantwortungsvolle Projekte übertragen werden, wie jemandem, der nur ein Zehntel dieser Ausfalltage hat? Wer soll das kompensieren? Und Ihr meint, da soll man als vertretende Kollegin auch noch immer freundlich lächeln? Auch, wenn man selbst den Tisch voll hat und pünktlich los muss? Und glaubt ihr denn in vollem Ernst, dass es richtig ist, jemanden, der nicht oder kaum in die Rentenkasse eingezahlt hat, später genauso viel auszuzahlen, wie jemandem, der jahrzehntelang jeden Morgen zur Arbeit gegangen ist? Ich weiß, Ihr meint, das rechtfertigt sich durch die Erziehung späterer Beitragszahler. Aber wenn ihr euch durchsetzt, wird ja mindestens die Hälfte eurer Kinder sich ebenfalls zu Hause mit Kindererziehung beschäftigen. Gibt es für deren Aufzucht dann weniger Rentenpunkte? Warum soll dafür jemand aufkommen, wenn das volkswirtschaftlich deutlich günstiger in Betreuungseinrichtungen geleistet werden kann? Ihr meint, eine allzeit präsente Mutter kann aber nichts ersetzen? Ganz ehrlich: Wenn ich um fünf in der Kita erscheine, rennt mein Vierjähriger meistens selig hinter eingebildeten Mammuts und Säbelzahntigern her, bastelt merkwürdige Artefakte oder singt. Zum Glück ist er in unserer Prenzelberger Kita damit auch nicht allein. Wenn Ihr alle Eure Teilzeitwünsche umsetzt, wäre er das aber, so dass auch wir faktisch gezwungen wären, früher abzuholen, damit er nicht als letztes Kind einsam auf der Schaukel sitzt, und uns damit beruflich beschneiden.

Im Ernst, meine Damen, so stelle ich mir politische Forderungen nicht vor. Ich habe auch keine Lust, irgendwas für eure Fünfzigerjahreidylle zu bezahlen. Und ich sehe nicht ein, warum ihr jahrelang studiert, um dann doch Brot zu backen und Patchworktiere zu nähen.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, sieht das deswegen folgendermaßen aus: Ich wünsche mir Betreuungseinrichtungen mit einem hohen Standard, die eine echte Vollzeit bequem möglich machen. Ich wünsche mir, dass Betreuungskosten voll absetzbar sind.  Warum nicht über die Abschaffung der unökologischen Pendlerpauschale finanzieren? Ich wünsche mir weiter, dass Väter und Mütter gleiche Ausfallrisiken haben. Ich habe gehört, in Skandinavien muss die Elternzeit paritätisch geteilt werden. Das wünsche ich mir auch für Deutschland. Etwas ähnliches stelle ich mir für  Zeiten vor, in denen Kinder krank sind. Vielleicht kann man hier paritätisch teilen an denjenigen Tage, an denen Kinder wirklich so krank sind, dass sie einen Elternteil brauchen? Für die lästigen Tage, an denen das Kind quietschfidel, aber mit verklebten Augen oder einem kräftigen Schnupfen durch die Wohnung hüpft, wäre die bessere Absetzbarkeit einer Betreuung daheim oder für sozial schwache eine kommunale  häusliche Tagespflege toll.

Ich wünsche mir weiter, dass das Ehegattensplitting ersatzlos entfällt. Ebenso wünsche ich mir ein Ende der beitragsfreien Mitversicherung von Hausfrauen in der Renten-und Krankenversicherung. Das Hausfrauenmodell, dass viele Frauen nach Ende der Familie Phase ins berufliche Abseits führt, würde so von vornherein vermieden. Wer das dann trotzdem möchte, soll solche Lösungen privat ausgestalten können. Denkbar wäre etwa eine  Versicherung, die der Mann für seine Hausfrau abschließt. Vielleicht sogar ein richtiger und versicherungspflichtiger Beruf? Na klar, das kann nicht jeder. Aber, ganz ehrlich, das gilt für vieles andere im Leben auch. Wer also eine private Haushaltshilfe, Kinder und Heimdekorateurin sucht: Nur zu.

Vielleicht haben wir dann in 20 Jahren solche Muttertagswünsche gar nicht mehr nötig. Und 50% Frauen in Führungspositionen.

7 Gedanken zu „Mama Modeste regt sich auf

  1. Liebe Frau Modeste, Sie haben *ein* Kind. Mit *zwei* Kindern plus annähernd Vollzeitjob stoßen Sie kräftemäßig recht schnell an Grenzen, wie ich auch selbst schmerzlich erfahren musste. Jetzt addieren Sie noch ein hilfsbedürftiges Elternteil und nichts, aber auch nichts geht mehr. Und ja, wer Teilzeit arbeitet, kann ebenso gut Häuser bauen, Flyer entwerfen, Zähne bohren, nur vielleicht nicht ganz so viele. Aber mit Sicherheit besser, denn nach meiner Erfahrung geht ohnehin mit 50 Stunden in der Woche spätestens der Tunnelblick los, der vernetztes Denken effektiv verhindert. Also wollen wir als Gesellschaft lieber achso erfolgreiche, aber gehetzte und erschöpfte Scheuklappenträger, oder Menschen, die mit sich und ihren Aufgaben und Pflichten (und zwar nicht nur den beruflichen) im Reinen sind? Eigentlich keine Frage, oder?

    1. Wollen Sie Eltern in Vollzeit Scheuklappendenken unterstellen? Meine Erfahrung ist eine ganz andere. Ich habe oft das Gefühl, dass die tiefe Durchdringung einer Materie, die kreative Lösung eines Problems viel, viel Zeit und ein hohes Maß an Fokussierung erfordert.

      Ich denke aber auch, dass das mit Kindern geht, zumindest, wenn man nicht den Ehrgeiz hat, alles selbst zu machen und jeden Schlüppi zu bügeln. Sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang dieses Gespräch: http://chrismon.evangelisch.de/muetter

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