Kitsune

Füchse, lese ich dem F. aus Wikipedia vor, sind in Japan ziemlich wichtig. Sie verbinden als so eine Art übernatürliche Postboten die menschliche Welt mit der Geisterwelt, und damit sie diesen Job machen können, können sie jede Gestalt annehmen, bevorzugt die schöner Frauen.

Der F. jubelt. Auch er würde gern alle möglichen Gestalten annehmen, das Konzept überzeugt ihn, auch wenn er als Kitsune an rötlichen Haaren und dem schwer zu versteckenden, weil nicht wegzauberbaren  Fuchsschwanz immer noch gut erkennbar wäre, aber irgendwas ist schließlich immer.

Auch ich fände eine Spontanverwandlung gerade ganz gut. Es ist nämlich fast 35 C warm, außerdem ist es hier am Fuße des Fushimi Inari Schreins, bekannt für die Tausende roter Tore, die einen Rundweg über einen kleinen Berg säumen, dermaßen voll, dass es nicht übel wäre, jetzt eine Verwandlung in jemanden vorzunehmen, der klein und temperaturunabhängig wäre. Zum Beispiel einen Frosch. Ich dagegen bin knallrot, schwitze, und beneide die überraschend zahlreichen Frauen in ihren eleganten Kimonos heftig, die irgendwie hitzeresistenter zu sein scheinen als ich.

Auch der J. flucht. Der J. photographiert gern, auch hier steht er in voller Ausrüstung zwischen Horden anderer Touristen und sucht den besten Blick auf Schrein und torgesäumten Weg. Ich schlängele mich mit dem F. an der Hand zwischen den anderen Reisenden hindurch, versuche, den J. nicht ganz zu verlieren, halte den F. mit kleinen Fuchsgeschichten bei Laune und winke ab und zu, damit der J. weiß, wo wir sind.

In hellen Heerscharen anderer Leute geht es aufwärts. Irgendwo hinter uns wartet der J. auf den richtigen Moment, um ein möglichst menschenleeres Bild anzufertigen. Neben mir plappert der F. ununterbrochen. Man muss immer ein bisschen aufpassen, damit man nicht den richtigen Moment verpasst, in dem er weder mit seinem Plüschdrachen noch mit sich selbst spricht, sondern Antworten erwartet, deswegen sage ich schon rein präventiv ab und zu etwas wie „wirklich?“ und ziehe ihn immer wieder auf dem Fokus anderer Kameras. „Da!, ruft er auf einmal. Ich schaue auf und sehe ein hübsches Mädchen mit halblangen Haaren und einem grünen, engen Kleid. Unverkennbar. Rote Haare, auch ein wenig fuchshaft spitzes Gesicht. Es ist die Kitsune.

Doch der F. ist schon weiter. Kein Fuchsschwanz, bedauert er. Und unter dem engen Kleid auch nicht zu verstecken. Enttäuscht schaut er weg. Das fremde Mädchen, entkleidet seiner dreiminütigen Fuchshaftigkeit, läuft unbeachtet weiter.

Jetzt hat den F. das Jagdfieber gepackt. Wo, wenn nicht hier, sollen sie sich aufhalten, die Kitsune, zieht er mich an der Hand den Berg hinauf. Doch jenes Mädchen dort mit der Ledertasche entbehrt der roten Haare, diese drei dort hinten können beim besten Willen keinen Fuchsschwanz verstecken, und schon fast etwas enttäuscht stehen wir irgendwann an einer Weggabelung und schöpfen uns kaltes Wasser über die Arme. Den J. haben wir schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.

Hier oben sind deutlich weniger Menschen als unten. Vielleicht ist es den meisten dann doch zu heiß und zu anstrengend, oder ein Photo unten reicht ihnen. Nur noch eine Handvoll Personen steigt weiter den Pfad hinauf.

„Da! Endlich.“, kreischt und springt an meiner Seite nun endlich der F., zeigt so unauffällig, wie er eben kann, auf einen Jungen und läuft ihm hinterher. Der Junge ist circa 14, seine Haare sind mit viel gutem Willen rötlich, und auf dem Rücken trägt er einen riesigen Rucksack. Dahinter tarnt sich der Fuchsschwanz, erfahre ich, und die übernatürlichen Botschaften befinden sich in der am Rucksack angebrachten Tasche. Als der Junge sich einmal umdreht, winkt der F. ihm zu. Kitsune winkt lächelnd zurück.

Glücklich springt der F. talwärts. Nicht jeden Tag grüßt die Geisterwelt einen dermaßen freundlich, nicht einmal, wenn man fünf ist. Kitsune trabt auf dem Bergpfad weiter, dem Geisterreich entgegen, der F. läuft glücklich einem kleinen Stofffuchs und einem großen Eis zu, und sogar der J. hat das menschenleere Bild, man weiß nicht wie, am Ende nach Hause getragen.

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6 Gedanken zu „Kitsune

  1. Wie süß, soviel Fantasie, 5 ist ein zauberhaftes Alter! Das menschenleere Bild ist fantastisch, Herr J.. Ich muss unbedingt auch noch mal nach Japan reisen, traditionelle japanische Ästhetik hat mir schon immer sehr gut gefallen.

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