Blöde Bärte

Gut, schlimmer geht immer. Mein Sohn, der liebenswürdige F., könnte zum Beispiel Fußball spielen und ich würde jeden Samstagmorgen auf irgendeinem Sportplatz dieser ziemlich ausgedehnten Stadt der G-Jugend der Rotation Prenzlauer Berg dabei zuschauen, wie sie sich mit den Buben irgendeines anderen Clubs um den Ball balgt. Es wäre kalt und nass, aus großen Kannen würde saurer Kaffee ausgeschenkt, und außer mir wären alle anderen Eltern begeisterte Fußballfans und würden mit schrillen Schreien ihre Kinder anfeuern.

Doch auch das angenehmste, Fußball ganz und gar gleichgültig gegenüber stehende Kind hat seine dunklen Seiten. Ich etwa war heute das neunte Mal im Deutschen Historischen Museum, dem DHM. Sie haben richtig gelesen: Das neunte Mal. Und da sind die Besuche nicht mitgerechnet, die vorzeiten ohne den F. stattfanden.

Die Besuche verlaufen immer gleich. Der F. trabt im Laufschritt auf die Kasse zu, ich kaufe für 8 EUR eine Eintrittskarte und für weitere 3 händigt man dem F. einen Audioguide aus. Die ersten Male habe ich noch „deutsch, für Kinder“ gesagt, inzwischen sind wir Stammkunden und erhalten das Gerät mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man Horst in der Eckkneipe ein Pils samt Korn hinstellt. Sodann läuft der F. alle 25 Stationen der Kinderführung ab, beginnend mit der Ritterzeit und endend mit dem ersten Weltkrieg. Kurz nachdem Scheidemann die Republik ausruft, ist Schluss. Was aus dieser Republik geworden ist, kann man im Untergeschoss sehen, wenn man älter ist als fünf.

Natürlich kenne ich jedes einzelne Exponat. Den Augsburger Jahreszyklus, die Pesthaube, die Bilder vom Sonnenkönig, vom Soldatenkönig, das erste Auto, das Berliner Mietshaus, na, die ganze Sammlung eben, und wenn es dem F. – was manchmal vorkommt – gelingt, andere Kinder zum Mitkommen zu überreden, höre ich auch jedesmal dieselben begeisterten Tiraden. Das Lieblingsbild des F. zeigt übrigens den Morgen nach der Schlacht von Waterloo.

Irgendwann so zwischen dem vierten und dem fünften Besuch wurde mir fad und ich begann, dem F. andere Museen anzupreisen. Ich habe eine Jahreskarte für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die sollte sich schließlich lohnen, und so führte ich den F. zu den Römern und zu den Ägyptern, wir waren bei Sauriern und Heiligen, standen vor Nofretete und Caesar, aber nach jedem Besuch drängte der F. auf einen weiteren Rundgang durchs DHM.

Woanders ist es doch auch schön, behauptete ich, aber der F. ließ sich nicht erweichen. Nofretete hätte eine komische Krone. Die römischen Mosaiken in Zypern wären schöner und in seinem Römerbuch zudem besser zu sehen. Saurier wären nur was für Babies. Zuletzt, das war kurz nach Weihnachten, schleppte ich den F. ins Pergamonmuseum, und hinter dem Ischtartor, hinter dem Markttor von Milet und dem Codex Hammurabi entfuhr dem F. dann der finale Seufzer: Die Babylonier würden Löwen schlachten und wären daher fies. Die Assyrer hätten blöde Bärte.

Napoleon dagegen sei glattrasiert.

28 Gedanken zu „Blöde Bärte

  1. Wie wunderbar.
    Ich hatte ein Kind, das aus unklaren Gründen vom zarten Alter an zum prolligen Fußballfantum inklusive prolligem Musikgeschmack tendierte.
    Glauben Sie mir, Sie haben es wirklich gut.

    1. Das finde ich aber auch, nachdem wir damals 10 Jahre lang unseren Filius zu allen Fußballplätzen Hamburgs und Norddeutschlands fahren mussten und er schon Hamburgisch mit türkischem Akzent sprach.
      Der F. wird vielleicht mal irgendwann Historiker oder Museumsdirektor, es gibt doch Schlimmeres!

      1. Nachdem der F. lange „Ausgraber“ werden wollte, möchte er seit kurzem „Löwenschützer“ werden und zu internationalen Konferenzen fahren und Staaten bestrafen, in denen Löwen gejagt werden. Die sollen dann kein Geld mehr bekommen. Bemerkenswert, dass er offenbar keinen Gedanken daran verschwendet hat, sich höchstpersönlich in die Savanne zu begeben, aber der F. hat es nicht so gern heiß

    2. Ich wünschte, mein 5 1/2 jähriger Neffe würde auch ins DHM wollen, stattdessen ist er ganz vernarrt in Helene Fischer, was den Rest der Familie zu der Befürchtung verleitet, er möge vielleicht im Krankenhaus vertauscht worden sein.

  2. Die Dampfloks im Technikmuseum kenne ich praktisch mit Vornamen. Und die Boote. Und die Flugzeuge. Und das Spektrum.
    Dort sind allerdings auch oft andere Kinder. Das DHM haben wir nur einmal besucht. Da wäre ich auch gerne öfter mal hin…
    Ritter hatten gegen ne Dreizylinderdampflok allerdings keine Chance.
    Da fand ich es schon kurios dass sich das Kind Latein aussuchte und verkündete es will Anwalt werden. Nach dem ersten Praktikum war das dann vorbei. Jetzt wird es wohl im Herbst n Studienplatz an der TU.

    Es ist ein großes Abenteuer. Immer noch.
    Und Hip-Hop ist mir erspart geblieben. Bis jetzt.

    1. Hip Hop wäre auch mein Alptraum. Im schlimmsten Fall musiziert er selbst und macht sich auf YouTube unsterblich lächerlich

      1. Schlimmstenfalls finden das auch noch welche gut.
        Ich würde im Boden versinken.

        Die Antipathie muss man da früh einpflanzen. Weil der Hip-Hop-Mist so einfach geht glauben „engagierte“ Musikleherer sie haben ne tolle Idee wenn sie die Brut so ein Exsudat erstellen lassen.
        Diese Fünf unterschrieb ich gerne.

    2. Meine Tochter kennt mit ihren 2 Jahren und 3 Monaten folgende Berufswünsche:
      – Putzfrau („Aber ich WILL das putzen!!! Ich bin doch die PUTZFRAU!!!“)
      – Pferdepflegerin und Reiterin („Weisst du, ich bin die Reiterin, ich muss das Pferd schick machen!“)
      – irgendwas mit Babies mit Tendenz zur Mama (das hat sich noch nicht klar herauskristallisiert) („Ooooh, ist ja guuut, ich bin ja bei diiiiir!“)

      Es ist schlimmer als jeder Klischeefilm. Und wir haben weder Prinzessin Lillifee-Devotionalien noch übertriebenes Interesse an Mode, Pferden und Babies. Wir haben Traktoren. Wir haben Laufräder. Aber gegen einen ordentlichen Wischfetzen kommt das halt alles nicht an.

    1. Gegen das dumpfe Gegröle mit einer ordentlichen Portion Selbstmitleid, das viele pubertäre Jungs mögen, kann man nicht nichts haben.

      1. Ich rate zur Gelassenheit.

        Nach den Erzählungen meiner Eltern hat mein Großvater immer gegen die „verdammte N*-Musik“ gewettert, die sie in ihrer Jugend gehört haben. Ich wiederum durfte mir in meiner Jugend anhören, dass elektronische Musik gar keine richtige Musik sei, weil nicht handgemacht, sondern aus dem Computer.

        Hip Hop hat nicht ohne Grund eine Anziehung auf Jugendliche.

  3. Ich war und bin nach 50 Jahren immer noch begeistert vom Deutschen Museum, seit meine Eltern das erste Mal mit mir dort waren.
    Das schönste fand ich das Bergwerk und als viele Jahre später ein echtes Bergwerk besichtigte war ich fast etwas enttäuscht.

    Schön, daß dem F. glattrasiert gut gefällt. Es ist ja noch etwas Zeit, bis er selber soweit ist.

  4. Bin über Frl. Readon auf Sie gekommen und musste sehr über Ihren Beitrag lachen. Die Erinnerung an früher: wir haben gefühlt jahrelang Strassenlaternen in Kategorien eingeteilt. Dies erforderte einen Besuch sämtlicher Straßen von Bonn. Wir machten Polaroids, die kategorisiert in ein Album kamen.
    Er ist weder Elektriker geworden noch im Straßenbau tätig.

  5. Mit elf Jahren, auf Klassenreise, blieb ich als Einziger zurück in der Unterkunft und las einen Kriminalroman von Georges Simenon – bis die Lehrerin kam: alle wären jetzt auf dem Bolzplatz, ich solle mich nicht ausgrenzen! Auf dem anschließenden Elternabend hieß es dann folgerichtig, dass die Kinder auf der Klassenreise zu einer Gemeinschaft gewachsen seien, ich aber leider außen vor geblieben wäre… Noch heute schäme ich mich, meiner Mutter derartige Schmach bereitet zu haben! Aber vielleicht wird ihr Sohn noch rechtzeitig fünf, und bekommt dann im unteren Teil des Museums von einer freundlichen Führerin das zeitlose Idealbild eines Jungen diktiert: “zäh wie Leder, flink wie ein Windhund, hart wie Krupp-Stahl!” Und dann dürfen Sie möglicherweise doch noch mit den anderen Muttis auf dem Bolzplatz jubeln…

      1. Von der versammelten Mütterschaft am Rande des Sportplatzes ist meiner Erfahrung nach kaum eine freiwillig dort. Da kann man sich zumindest in Solidaritätsklagegesängen üben.

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