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Fräulein Pandora

Sofern Sie als Psychotherapeut in Ostwestfalen-Lippe praktizieren, wird möglicherweise in den nächsten Tagen ein sehr spezieller Fall Ihre Sprechstunde aufsuchen. Sie müssen dann sehr sensibel agieren, denn die betreffende, dem Vernehmen nach schöne Dame – jüngste Schwester eines Berliner Rechtsanwalts – ist, wie man hört, gerade reichlich nervös, und gehört zudem der Gruppe derjenigen Menschen an, die es aufgrund einer gut entwickelten Beobachtungsgabe mit hoher Wahrscheinlichkeit bemerken, für ein bisschen geistesgestört gehalten zu werden. Am Besten wird es daher sein, sie hören einfach nur zu, und nicken ab und zu, als sei das, was sie hören, vollkommen alltäglich und komme in Ihrer Praxis nur deswegen selten vor, weil die meisten Menschen – völlig zu recht, ganz klar – die geschilderten Vorgänge für nicht weiter besorgniserregend halten.

Keinesfalls sollten sie die junge Dame unterbrechen, wenn sie immer abwechselnd, atemlos und ziemlich durcheinander über die vier wichtigen Beziehungen ihres Lebens erzählt, auch wenn diese zunächst wenig interessant, sogar vielleicht etwas banal erscheinen. Der erste Freund etwa, ein blonder Schulkamerad des großen Bruders. Der zweite, ein Zivi im örtlichen Krankenhaus. Der dritte, ein ziemlich haarloser Kommilitone an der Universität Münster, und dann der letzte, der vor einigen Monaten verabschiedete, der zunächst sehr, dann ein wenig, und am Ende gar nicht mehr geliebte Herr A., welcher nicht nur p*rnographische Bilder auf der Festplatte seiner Freundin hinterließ, sondern sogar mit von ihrem großen Bruder geliehenen Geld eine andere Dame zwar erfolg-, nicht aber absichtslos bewirtet haben soll.

Nicht unverständlich ist es vor dem Hintergrund dieser Untaten, dass ihre Patientin nach dem Ende der Beziehung von Herrn A. nichts mehr wissen wollte und sich insbesondere für dessen weiteren Verbleib nicht interessierte. Gemeinsame Freunde waren so zahlreich nicht, die Semesterferien taten ein übriges, das ehemalige Paar zu separieren, und so erfuhr die Dame erst vor zwei Wochen, dass Herr A. seit Wochen in seiner ostdeutschen Heimat im Krankenhaus liege, ein Bein, zwei Rippen und einen Arm kompliziert gebrochen, und zudem mit einer unangenehmen Infektionskrankheit versehen, die man manchmal bekommt, wenn man im Krankenhaus ist, und das Krankenhaus ist nicht ganz sauber.

Bitte sprechen Sie den nahe liegenden Gedanken nicht aus, mit Herrn A. habe das Schicksal zur Abwechslung einmal offenbar den Richtigen getroffen. Zwar ist diese Überlegung vermutlich berechtigt. Gleichwohl hat das fremde Fräulein in Ihrem Behandlungsraum Grund zu der Annahme, etwas stimme ganz grundlegend nicht, denn bereits ihr vorletzter Freund – Sie erinnern sich an den ziemlich haarlosen Kommilitonen – sei nur wenige Wochen nach dem vom Kommilitonen eingeleiteten Ende der Beziehung im Spital gelandet, nachdem er beim Beachvolleyball aus Ungeschicklichkeit sich im Netz verfangen, gestürzt und dann mit gebrochenen Haxen abtransportiert worden sei.

Kurz wird Ihnen der Gedanke kommen, die junge Dame sei bei Ihnen als Arzt an der falschen Adresse. Indes werden auch Sie einräumen müssen, dass eine andere Profession hier möglicherweise, zumindest unter ziemlich urbanen Agnostikern, auch nicht originär zuständig ist, und so werden Sie bestimmt auch nach den beiden ersten Freunden fragen, und sich nicht wundern, dass der blonde Schulkamerad des großen Bruders nach dem Ende der Beziehung durchs Abitur gefallen, und der Zivi bei einem Tauchunfall ziemlich lädiert worden sei.

Machen Sie sich nichts daraus, wenn Ihnen auf diese Eröffnungen hin nichts Vernünftiges einfällt, denn das geht den meisten Leuten so, beispielsweise dem großen Bruder, dessen schallendes Gelächter von der Betroffenen als wenig feinfühlig getadelt worden ist. Seien Sie einfach nur nett, beruhigen Sie die junge Dame, geben Sie ihr Schokolade, aber bitte keine Medikamente, sprechen Sie von der blinden Hand des Zufalls, und (in Ihrem eigenen Interesse):

Halten Sie sich ansonsten besser fern.

Die Pelzbitte

Aber bitte, wenn du einmal etwas über hast, und etwas über hast auch für mich, dann kauf mir bloß keinen Porsche. Kauf mir bitte keine Ringe und Ketten. Keine Perlen will ich von dir haben, keine blitzenden Steine. Kein Silber, kein Gold.

Kauf mir einen Pelz.

Weiß soll mein Pelz von dir sein, so weiß wie Milch, wie Schnee, wie der Winter. So weich will ich meinen Pelz wie kein Fuchs der Welt sein kann, Nerze vielleicht, ach, noch viel weicher, mit Härchen so fein wie die Wimpern von Kindern. Das Fell von einem ganz, ganz kleinen und zierlichen Tier, und dann tausend davon, denn lang soll der Pelz sein, fast bis zu den Knöcheln. Schmal will ich den Pelz, hochgestellt will ich den Kragen. Glänzend und weiß will ich vor dem Spiegel stehen im Pelzgeschäft. Einer Schneekönigin will ich ähneln, schlank und blass, viel schlanker als ich bin und es jemals wäre.

Einpacken sollen sie mir den Pelz in eine weiße Schachtel. Einschlagen sollen sie den Pelz in raschelndes, weißes Papier. Goldfarben soll der Pelzgeschäftname auf der Tüte stehen, die ich nach Hause trage, oder vielleicht trägt ein Bote vom Pelzgeschäft mir den Pelz hinterher.

Ganz gleich will ich den Pelz anziehen bei mir zu Haus. Vor dem Spiegel will ich stehen, den halben Tag, ach: den ganzen, und drehe mich und schaue mich an und photographiere mich und den Pelz, im Gehen, im Stehen und Sitzen. Schön siehst du aus, sollst du sagen und mich alleinlassen.

Alles, was ich habe und mag, ziehe ich an unter dem Pelz. Die braunen, niedrigen Stiefel, die schwarzen, hohen. Die dreifarbigen, spitzen Schuhe und die runderen, braunen. Die schwarzen, spanischen Hosen, den glänzenden, hellen Rock vom Lieblingskostüm, mein rotes Kleid. Ein seidenes Nachthemd. An- und Ausziehen will ich den Pelz, meine Wange drücke ich gegen den Pelz, streiche mir mit dem Pelz über die Innenseiten der Arme und über den Bauch. Umkehren will ich den Pelz, das Futter nach außen, und den Pelz von oben bis unten auf der Haut spüren, so weich und glatt und leicht und seidig.

Auf dem Boden ausbreiten will ich den Pelz auf einem roten, persischen Teppich. Auf den Pelz legen will ich mich ganz und gar. Einwickeln werde ich mich in den Pelz, und die Ärmel verknoten hinter dem Rücken. In den Kragen drücke ich mein Gesicht, einatmen will ich den Duft des Pelzes, über und über umarmt will ich sein von dem Pelz und einschlafen will ich, umschlungen vom Pelz, und träumen von seinen seidigen Haaren.

Ich habe Uwe Tellkamps Eisvogel abgebrochen

… und werde den Turm gar nicht erst kaufen.

Hab’ ich mich gelangweilt. Gott, hab’ ich mich gelangweilt mit diesem Buch in Kreta am Strand. Und dann habe ich – das passiert eher selten – einfach aufgehört und das Buch weggelegt, obwohl ich nach der ersten Urlaubswoche nichts Ordentliches mehr zu lesen hatte, und das liegt, ich schwöre, den begeisterten auf dem Buchrücken abgedruckten Kritiken zum Trotz an wirklichen und ernsthaften Mängeln des Eisvogels, als etwa da wären:

Es mag sein, dass Tellkamp (wie der Klappentext es nahe legt) eine abstrakt interessante Geschichte erzählt. Tatsächlich fängt es gar nicht schlecht an: Einer wird getötet, der Tötende kommt ins Krankenhaus und erzählt – so der etwas konventionelle Einstieg – seinem Verteidiger, wie es zu Tötung und Spital gekommen ist. Da menschliche Grenzsituationen wie die der Tötung andere Leute meistens interessieren, hilft einem dieser Cliffhanger über die ersten zwanzig oder dreißig Seiten hinweg, dann aber sank mein Interesse, börsenkursgleich in diesen traurigen Tagen, deutlich ab, kroch gelegentlich noch um matte drei, vier Prozente in die Höhe, um dann endgültig auf der Nullinie zu verenden.

Die Ursache dieses Sinkflugs ist simpel: Alle dargestellten Figuren haben mich nicht für fünf Pfennig interessiert. Der Schwager beim Fernsehen (um bei den Nebenfiguren anzufangen) ist ein quotensüchtiger und vulgärer Depp. Der bankmanagende Vater ist eine Karikatur der bundesdeutschen Babyboomer, und die karrierebesessene Assistentin und Kurzzeitgeliebte des Krankenhauspatienten scheint direkt der „Jungen Karriere“ entsprungen zu sein, oder besser: der Vorstellung, die sehr, sehr weltfremde Leute von den Junge-Karriere-Lesern so haben. Soweit sich das beim kursorischen Durchblättern feststellen lässt, wird es beim künftigen Mordopfer, einer Art rechtsintellektuellem Sektengründer, und seiner Schwester keinesfalls besser. Das Verführerische, das beiden zugeschrieben wird, wird nur behauptet, aber nicht illustriert. Bei der Anhängerschaft des künftigen Toten wird es dann ganz grauenhaft.

Etwas leicht macht es sich Tellkamp mit diesem Personal, denke ich mir, denn so sicher es Menschen geben wird, die ungefähr so sind oder bei ein bisschen bösem Willen zumindest so wahrgenommen werden können, so wenig überzeugend sind diese Fratzen als Personal eines Romans: Für ein repräsentatives Portrait der bundesdeutschen Funktionseliten und ihrer dysfunktionalen Abkömmlinge sind die Nebenfiguren (wie das Setting, auch der Tonfall der handelnden Personen generell) zu schlecht getroffen, und als Protagonisten einer guten Geschichte wünscht man sich zum einen etwas weniger holzschnittartige Charaktere, und zum anderen habe ich den großartigen Plot nicht gefunden. Möglicherweise hätte er sich beim Weiterlesen noch aufgeblättert, aber wozu ein Autor den Leser sich eine halbe Stunde langweilen lässt – ich habe keine Ahnung.

Nun schadet Nebenfiguren – gerade wenn sie der Leser nur durch die sicherlich befangenen Augen der Hauptperson sieht – eine gewisse Chargenhaftigkeit oftmals nur wenig. Allerdings möchte ich mich zumindest für diejenige Figur interessieren, die im Vordergrund der Bühne herumstolziert, zumal, wenn wie hier, die Hauptperson ihre Geschichte erzählt. Nicht, dass ich mich in Herrn Wiggo Ritter geradezu verlieben möchte, um an seinem Tun und Treiben Anteil zu nehmen, aber langweilen soll jemand, dem man ein paar Stunden lang zuhören möchte, nun auch nicht. Daran allerdings hapert es ganz gewaltig. Herr Wiggo Ritter macht es einem nicht leicht, nein: er macht es mir annähernd unmöglich. Dies aber liegt an der Auswahl eines Typs Mensch als Helden, der sich – zumindest was mich betrifft – als Träger von Interesse, vielleicht gar Sympathie, schlecht eignet.

Es mag ja vielleicht verständlich sein, dass arbeitslose Philosophen wie der Herr Wiggo Ritter dazu neigen, logischer Intelligenz und einer gewissen Formalbildung einen möglicherweise etwas übertrieben hohen Wert zuzuschreiben, denn was dem einen sein Jaguar ist dem anderen sein Heidegger, jedoch ist die Pose, die subjektiv unterbewertete Intelligenz oft annimmt, nicht gerade angenehm, bestenfalls rührend lächerlich, und strengt mich meistens, so auch hier, nicht wenig an. Ich gehe Menschen, die sich ihrer Umgebung für überlegen und von dieser für ungerechterweise unterschätzt halten, gern aus dem Weg, denn es gibt wenig Gründe, Zeit mit verbitterten, selbstgerechten, arroganten Leuten zu verbringen, und es gibt wenig denkbare Motive, hiervon abzuweichen, wenn sie einem als Personal eines Romans begegnen. Ein denkbarer Grund immerhin wäre Humor, und sicherlich hätte ich weiter gelesen, gäbe es etwas zu Lachen. Daniel Kehlmanns ‚Kaminski und ich’ funktioniert ja etwa mit einem durchaus anders, aber nicht sympathischer gestrickten Helden, allerdings habe ich den Verdacht: Uwe Tellkamp findet sein Geschöpf gar nicht so arg daneben und beschreibt einen Mann, der dem Leser angenehm sein soll. Dies allerdings darf als gründlich misslungen gelten, und zudem leidet die Nachvollziehbarkeit der Handlung ernsthaft unter der nahezu läppischen Beschreibung der vom Mordopfer Mauritz vertretenen elitistischen, sehr der Gedankenwelt der konservativen Revolution verhafteten Ideen in einer fast unerträglich kitschigen Version.

Es war nicht auszuhalten. Ich wurde immer müder. Die Sonne schien, der geschätzte Gefährte schmatzte vergnügt über der Lektüre von Adam Soboczynskis amüsantem Buch über die Kunst der Verstellung, und erstaunt stellte ich fest, nicht mehr wissen zu wollen, wie es zu dem Tötungsakt der ersten Seite gekommen ist. Weder wollte ich wissen, warum Mauritz stirbt, noch wie es dem tötende Wiggo Ritter vor und nach diesem Vorfall erging, und da habe ich die Lektüre beendet.

Berliner, die das Buch haben wollen, können es haben. Und nein, sagen sie mir nicht, wie es ausgeht. Es ist mir egal.

Mon Minotaure

Ob wohl die Sieben und Sieben, die man dem Minotaurus schickte, wussten, was auf sie wartet? Ob auf dem Schiff etwa, bei Nacht unter Deck, einander zugeflüstert wurde, was vermutet wurde, vielleicht auch in Athen?

[Ein Monster. Pasiphaë selbst. Halb Mensch. Halb Tier.]

Dass am Ende der Reise die Opfer ehrenvoll empfangen wurden, denke ich mir und sehe eine Gesandtschaft der Minoer, wartend am Hafen. Den Minos selbst erkenne ich, Glanz und Gleichmaß der Göttersöhne, und sehe ihn aufatmen beim Anblick der Segel, denn bliebe das Schiff aus, so müssten die eigenen Söhne und Töchter der Stadt ins Labyrinth hinab, einen Hunger zu stillen, dem Sklaven etwa, wohlfeil in jenen Jahren, nicht zu genügen vermochten.

Letzte Bankette stelle ich mir vor. Schweren, schwarzroten Wein, Fleisch und die Gier derer, die wissen, dass diese Stunden reichen müssen für das Glück eines Lebens. Blasse Lippen und kalten Schweiß. Ein kurzes, hastiges, krampfverschlungenes Glück in der Nacht, vielleicht, einen bleichen, entzündeten Morgen. Tränen und Angst.

Weiße Gewänder und offenes Haar. Einen einsamen Abschied am Eingang zur Unterwelt denke ich mir, denn was wollte der Stiermann mit 14 Totern auf einmal. Die mitleidigen Blicke des obersten Priesters, und dann die geöffnete Tür. Rauhe, unverputzte Treppen. Gestank stelle ich mir vor, und das Schillern von faulendem Fleisch. Den Weg durch das Dunkel auf feuchten, glitschigen Böden.

Das Warten. Zu schreien. Holt mich hier raus. Das tagelange Umherwandern, Minuten von kurzem, angsterfüllten Schlaf. Die Furcht vor dem eigenen Herzschlag. Sind das nicht Schritte? Ein nächtliches, blutzersetzendes Schnauben. Der fremde, tierische Atem. Und dann, am Ende, der rote Leib. Glänzend gespannte Muskeln, schlanke, starke, sehnige Hände und der haarige Kopf mit den goldenen Hörnern, den schwarzen, offenen Nüstern, und den großen, feuchten und traurigen Augen der Kühe.

Liegen lesen

Leser, so las ich letztens beim jüngst verstorbenen Nicolaus Sombart, zerfallen ja in zwei Kategorien, von denen die erste aufrecht im Sitzen, die zweite aber im Liegen liest, und das letztgenannte, von orientalischer Schlaff- und Sinnlichkeit geprägte Lesen auf Bett oder Divan sei eine grundlegend andere Sache als das konzentrierte Studieren am Tisch oder, besser noch an einem Stehpult.

Tatsächlich, so stelle ich mir vor, unterscheidet sich nicht nur die emotionale und kognitive Grundhaltung des Lesens je nach Körperposition. Auch die gelesenen Bücher müssten sich unterscheiden, denn wer schon liest Mommsen im Bett? Oder Proust am Schreibtisch? Wer stellt sich an ein Pult zwecks Lektüre von Henry Miller?

Wechseln, nehme ich an, werden die meisten Leute daher je nach Buch den Ort ihrer Lektüre. Ich aber, meine Damen und Herren, ich bin den Stehpult- und Schreibtischbüchern von vornherein abhold. Faul bin ich und ein wenig vergnügungssüchtig dazu, und kaufe daher ausschließlich solche Werke, die in der Horizontalen lesbar sind, und habe gelernt, das für weiche, warme Lagerstätten Unpassende zu vermeiden, ungefähr so, wie man inzwischen weiß, welche Kekse man im Bett essen kann und welche nicht.

Schlüsselworte in Klappentexten wie etwa „radikal“ oder „mutig“, welche andeuten, dass das betroffene Werk Experimenten sprachlicher Natur gewidmet ist, vermeide ich. Durchweg kleingeschriebene Werke lasse ich wegen der Erschwerung des Lesevorgangs liegen, und überhaupt generell alle Bücher, die den Leser erkennbar anzustrengen bestimmt sind, schaffen es nicht bis an die Kasse. Gegenwartslyrik mag ich auch nicht.

Weil ich mich für Politik und Gesellschaft gleichermaßen gar nicht interessiere, kaufe ich keine Bücher, die entweder direkt diese Themen betreffen oder aber im Gewande des Romans gesellschaftliche Probleme thematisieren, im schlimmsten Falle getragen von der Hoffnung, der empörte Leser werde hierzu eine Position entwickeln und den Misstand abstellen. „Groß angelegte Panoramen der Gegenwart“ oder so ähnlich, erwerbe ich deswegen nie, und zudem – das nur nebenbei – mag ich keine Bücher über Freaks, außer sie sind exorbitant unterhaltsam. Eine weitere Abneigung gilt Büchern, in denen Hitler vorkommt.

Weil man im Bett schneller ermüdet als am Schreibtisch, scheiden auch die meisten Bücher aus, auf denen seitenweise nichts passiert. Langweilige Bücher lese ich auch dann nicht weiter, wenn man mir von berufener Seite ihre Kunstfertigkeit preist.

Am Ende bleibt nicht viel über bei einem Rundgang bei Dussmann, und wenn man tage- ja wochenlang liegt, ab Montag nämlich auf Kreta, dann steht man da, die mitzunehmenden, bereits vorhandenen Bücher sind nicht allzu zahlreich, und dankbar ist man für Benennungen, welche neu oder alt, Roman oder Sachbuch, sein mögen, aber nur eins sein müssen:

Im Liegen lesbar.

Wenn Sie so freundlich wären

Manchmal geht man morgens aus dem Haus, läuft so herum, und nachmittags um fünf erzählt einem jemand, dass man seit acht Uhr morgens eine Frühstücksfleck auf der Bluse hat. Warum die ungefähr zwanzig Leute, die man den Tag über so getroffen hat, einem nichts von der in der Tat riesengroßen Verunzierung erzählt haben, ist dann stets einigermaßen rätselhaft, aber zumindest ist in solchen Situation klar, wie man sich der Verfärbung wieder entledigt.

Nicht immer aber ist die Beseitigung so einfach wie der Gebrauch eines Dr. Becker-Fleckenstifts. Gerad beispielsweise rätsele ich vergeblich, wie man diese Google-Werbung hier im Blog wieder entfernt, die in manchen Browsern und offenbar auch nicht immer über dem jeweils neuesten Text aufzutauchen pflegt, wie man mir kürzlich offenbar nach Wochen mitteilte. Der Fleckenstift scheint hier wenig hilfreich, aber wie geht man nun vor?

Bei Google anrufen?
Sich bei Twoday beschweren?
Irgendwelche geheimnisvollen Zeichen eingeben, und alles wird gut?

Experten vor. Das muss doch irgendwie wieder weggehen.

Die B. zieht Konsequenzen

Tatsächlich ist die B., wie ich erfahre, fertig mit der Liebe und wird sich fortan auf ihr berufliches Fortkommen konzentrieren. Dies liege auch nicht nur an dem unrühmlichen Ende ihrer letzten Beziehung mit einem langzeitarbeitslosen Historiker. Vielmehr habe sie diese Geschichte zum Anlass genommen, einige grundsätzliche Überlegungen über das individuelle positive Potential von Beziehungen anzustellen und sei dabei zu negativem Ergebnis gelangt.

„Oha.“, sage ich etwas unschlüssig hinsichtlich einer angemessenen Reaktion und frage nach den Gründen. Das Projekt eines Lebens mit Mann sei leider aussichtslos, erläutert mir hierzu die B., denn es verhalte sich wie folgt:

Zum einen – und dies sei fast das Wichtigste – komme sie auch allein gut durchs Leben. Anders als etwa die A., die einen Hang zum Luxus, aber keine Neigung zur Berufstätigkeit habe, sei sie auf einen finanziellen Zufluss von dritter Seite nicht angewiesen. Auch psychisch brauche sei keinen Mann und beherrsche sowohl die Pflicht des Singlelebens, wie Einladungen unter lauter Paaren, wie auch die Kür wie etwa Weihnachten oder Silvester. Im Gegensatz etwa zu mir sei sie zudem in Alltagsdingen bekannt selbständig und könne nicht nur Auto fahren, sondern auch Wasserkästen schleppen und bekäme ihre Katze ohne fremde Hilfe zum Arzt.

Seit ein Mann in ihrem Leben daher aber keine Notwendigkeit, sondern nur eine wünschenswerte Ergänzung, so steigere das ihre Kompromissbereitschaft naturgemäß nicht. Wieso, so fragt die B. erkennbar rein rhetorisch, so solle sie einen Mann zu sich nehmen, der ihr nicht besonders gut gefällt? Wozu etwa dann ein Anhänger erbärmlicher Weltmusik, wie der beste Freund ihres Bruders, den dieser in letzter Zeit auffällig oft erwähnt? Wieso mit jemandem seine Zeit verbringen, der sich komisch anfühlt oder seltsam lacht? Weshalb Verabredungen mit jemandem eingehen, der – wie ihr letzter Freund – nie selber zahlt, weil sein Einkommen für jedes Restaurant, das der B. gefällt, nicht ausreicht, gleichzeitig aber nicht einmal Bewerbungen verschickt, um das zu ändern?

Komme aufgrund der dargelegten Umstände aber nur ein ausgemacht schöner, kluger und gebildeter Mann in Betracht, der zudem beruflich zumindest halbwegs erfolgreich sein sollte, sozial nicht völlig verkümmert sei, und (in Ergänzung einer bekannten Schwäche der B.) vernünftig kochen kann, so stünde man sozusagen Auge in Auge mit dem Problem. Denn warum – die B. wird unwillkürlich etwas lauter – solle jemand, der so sei, wie es ihr gefalle, ausgerechnet zu ihr eine Neigung entwickeln? Denkbar wenig habe sie denjenigen zu bieten, die es sich vermutlich aussuchen können, mit welcher aus einer Schar unzähliger Damen sie ihre Freizeit verbringen, und entsprechend sei auch keiner ihre ohnehin nicht so besonders zahlreichen Exfreunde diesem Ideal nahe gekommen.

Wolle die damit diejenigen nicht, die sie bekommen könne, und bekäme nicht diejenigen, die sie wolle, so ziehe sie sich zurück. Sie verlasse das Spielfeld und konzentriere sich fortan auf Dinge, die ihr liegen, wie etwa ihr Job, und wenn ihr langweilig sei, werde sie Sport treiben. Oder im Chor singen. Oder sie kaufe sich einen Hund.

Dass es ruhig sein soll

Mörderisch erkältet zu Hause geblieben. Immer wieder kurz und schlecht geschlafen, wüst geträumt vom Aufenthalt in großen, sehr, sehr laut rumpelnden, schwarzen Maschinen. Gelegentlich erwacht, die Katze gestreichelt, gelesen, ein bisschen nachgedacht, aber erkältungsbedingt nur ganz weiche, zerbeulte Gedanken fassen können und es schnell wieder gelassen.

Im Internet vergeblich nach Entspannung gesucht. Das Netz ist gerade kein guter Ort, wenn man sich weder für Wirtschaft noch für Politik interessiert, und es einem namentlich egal ist, wer die USA regiert oder das Bundesland Bayern, ob es einen deutschen Buchpreis gibt, wer ihn – oder von mir aus den Literaturnobelpreis – bekommt, und was an der Wall Street passiert. Mir doch gleich, was die Banken machen, gedacht und noch ein bisschen geschlafen.

Zwei, drei Stunden später wieder erwacht. Wieder online Nachrichten gelesen, die Katze auf dem Schoß, und mich gefragt, wo andere Leute eigentlich das Interesse hernehmen, zu erfahren, welche Filmschauspielerin schwanger ist, wer irgendwelche Fußballpokale bekommt, wie hoch die SPD die nächste Bundestagswahl verliert, und wer irgendwelche Banken leitet. – Diese Börsengeschichte kann einen Haufen Leute Haus und Job und Rente kosten, maunzt vorwurfsvoll die Katze. Wenn es sehr, sehr schlimm kommt, vielleicht auch dich.

Na und, zucke ich mit den Schultern. Ihr seid mir alle gleich egal, versichere ich gleichermaßen mir und dem Rest der Welt. Alles, was passiert, passiert auch ohne dass ich es erfahre. Alles, was ich tue, wird kein Jota am Lauf der Welt verändern, und das finde ich gut.

Missbilligend verschwindet die Katze in der Küche.

Es soll endlich Ruhe sein, rufe ich ihr hinterher, und das angenehmste wäre, das Internet stünde für einen Tag still. Oder für immer. Das Fernsehen ginge auf einmal, mitten im Satz aus. Die Zeitungen stellten den Druck ein. Fabriken machten morgens nicht mehr auf. Die Menschen schlenderten noch ein paar Tage, etwas unschlüssig, was jetzt wird, durch die Städte, zunehmend ungewaschen und beschäftigungslos und säßen dann einfach so Tag für Tag auf dem Rasen und würden lächelnd immer dünner.

Es soll still sein in den Straßen, fordere ich und verschütte ein bisschen Tee. Gras soll über uns und unsere Städte wachsen. Es soll keine amerikanischen Präsidentschaftskandidaten mehr geben. Niemand soll wissen, was ein Buchpreis ist. Oder ein Buch. Die Menschen sollen nach und nach sogar das Sprechen verlernen, wieder geduckt, klein und haarig werden, glücklich in den Bäumen hängen, und es wäre vorbei. Wirklich vorbei und zu Ende.

Vergessen

„Sprich nicht immer
Von dem laub
Windes raub
Vom zerschellen
Reifer quitten
Von den tritten
Der vernichter
Spät im jahr
Von dem zittern
Der libellen
In gewittern
Und der lichter
Deren flimmer
Wandelbar“

Stefan George

Zwischen Abend und Nacht heimzufahren, auf dem Fahrrad die Köpenicker hinab Richtung Mitte, schwer vor Müdigkeit und Kälte. Die eigenen bleichen, blaugeäderten Hände wie fremde anzusehen im weißen Licht der Laternen. Eine gefallene, leere Kastanie in der Hand zu wiegen, und sie wiegt so leicht wie das Jahr. An der Ampel die modrigen, gelben Blätter im Rinnstein zu riechen, das Abgas der startenden Wagen, und dem Herbst Hallo zu sagen, von dem ich mir nichts verspreche, was auch der Sommer nicht gehalten hat, und auf der Brücke hoch über der schwarzen, öligen Spree erstaunt feststellen, dass ich nicht mehr weiß, was ich erhofft habe, und erst recht nicht:

Ob es eingetroffen ist.

Lob der Trunksucht

Alkoholismus sei, hört man so, eine Art Volkskrankheit. Jeder dritte oder vierte Deutsche saufe zuviel und werde absehbar deswegen erst krank und dann sterben. Bedenkt man allerdings, dass der Abusus alkoholischer Getränke auch große Vorteile hat, so ist es eigentlich, und das hört man zu Unrecht eher selten, fast erstaunlich, dass nicht noch viel mehr Deutsche, vielleicht sogar alle, den ganzen Tag trinken. Denn seien wir einmal ehrlich: Anlass genug wäre vorhanden für jeden von uns für einen besänftigenden Dauerdusel, eine leichte Betäubung im Kontakt mit der Außenwelt und die leicht hysterische Heiterkeit, die beispielsweise in meinem Fall mit dem Genuss von Alkoholika verbunden ist.

Nehmen Sie – dies illustrierend – etwa einen ganz beliebigen Samstagmorgen. Von mir aus den vierten Oktober. Sie waren am Vorabend im Kino und haben sich diesen ziemlich guten Film über die RAF angeschaut, der viel besser ist, als die Zeitungen schreiben. Sie haben danach noch ziemlich lange gelesen und ruhige, ernsthafte Gespräche mit Ihrem Kater geführt. Vor kurzem sind Sie von selbst erwacht, es ist Samstag, so in etwa elf Uhr am Morgen, und Sie müssen nach Mitte, denn der Herbst hat Einzug gehalten und Sie brauchen Stiefel und Stiefeletten, um Ihre Umwelt zu erfreuen und nicht mehr zu frieren als nötig in dieser kalten Stadt.

Weil das Fahrrad Ihres Begleiters nicht funktionsfähig ist, fahren Sie Bahn. In der Straßenbahn sind außer Ihnen viele Berliner und außerdem stehen ungezählte andere Leute in der M 1 und starren aus den Fenstern.

Sie sind leider ein klein bisschen klaustrophobisch. Sie schließen daher ein wenig die Augen. Sie atmen langsam. Sie konzentrieren sich auf schöne, angenehme Sätze, vielleicht ein Gedicht von Mörike, das Ihnen in solchen Situationen immer einfällt, und schauen nicht die anderen Leute an. Auf keinen Fall die anderen Leute ansehen. Sehen Sie nicht die anderen Leute an (und so weiter). Schauen Sie am besten auf den Boden.

Wenn Sie am Hackeschen Markt aussteigen, funktioniert das natürlich nicht mehr. Wenn Sie hier auf den Boden starren oder in den Himmel, dann stoßen Sie mit anderen Menschen zusammen. Diese Menschen werden Sie – oh Ihr Berliner! – unter Umständen rüde beschimpfen. Sie werden den dumpfen, fettigen Körpergeruch dieser Menschen riechen und ihnen so nahe kommen, dass Sie ihre schadhaften Zähne sehen können. Niemand hat so hässliche Zähne wie die Berliner.

Sie halten daher sorgfältig Abstand. Sie weichen nach rechts und links aus. Sie verlieren dabei immer wieder Ihren Begleiter. Um Sie herum sind lauter Leute, die sich so groß und breit wie möglich machen und mit wuchtiger, Furcht erregender Fleischigkeit genau auf Sie zukommen. Ab und zu reißen einige der Leute, die Ihnen entgegenkommen, den Mund so weit auf, dass Sie etwas unterm Solarplexus das leichte Prickeln der Angst verspüren, man könne Sie beißen.

Sie schelten sich überempfindlich und ekelhaft wehleidig. Die Leute, so sagen Sie sich, können ja nichts dafür, zu zahlreich zu sein, als dass Sie sie angenehm finden. Sie lächeln (lächeln, Modeste, lächeln). Sie lächeln so verbindlich wie möglich, als die erste Schuhverkäuferin Ihnen sagt, dass die Stiefel nicht mehr in Ihrer Größe vorrätig sind. Sie lächeln, als Sie im nächsten Geschäft feststellen, dass ein Paar, das Sie ganz gut, aber nicht großartig finden, € 246,– kosten soll. Sie lächeln, als Sie es aufgeben, Schuhe zu kaufen, und Sie lächeln, als vor der Tür des Lafayette eine ganze Gruppe teigiger, ziegelroter Leute einfach stehen bleibt, und Sie für einen Moment mit der Hand den bloßen Unterarm einer fremden Frau berühren, der trotz der niedrigen Außentemperaturen etwas feucht ist, klebrig, und Sie zusammenfahren und sofort duschen möchten, aber das geht jetzt gerade nicht.

Einen Rundgang um den Kosmetik-Corner sparen Sie sich, um die demütigende Wirkung des Kontakts mit der Schönheit zu vermeiden. Vielleicht kaufen Sie besser einen Shawl, eine Art Stola in Schwarz und Silber, und widerstehen der Versuchung, sich auf der Stelle sozusagen ganzkopfverhüllend in Ihre Neuaquisition zu hüllen. Dann kämpfen Sie sich bis zur Rolltreppe, fahren hinab, lassen alle Hoffnung fahren, an diesem Tag noch irgendetwas Produktives zu tun, und trinken ganz schnell einen Chardonnay, essen sechs Austern und eine Hummersuppe, und dann kippen Sie einen Moët Rosé Imperial hinterher.

Ich versichere Ihnen, Sie fühlen sich besser.