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Aufruf

Donnerstag abend, so gegen 20.00 Uhr, haben Sie hoffentlich gegessen. Bitte essen Sie etwas Gutes, frisches Brot vielleicht, fetten, reifen Käse, und trinken Sie auf jeden Fall ein Glas Wein. Dann stehen Sie auf.

Vielleicht sind Sie noch etwas unschlüssig, was Sie mit dem angebrochenen Abend machen. Immerhin ist zu Hause warm, und draußen ist es dunkel und kalt. Ziehen Sie sich trotzdem etwas über. Rufen Sie ein Taxi, oder vielleicht fahren Sie Bahn, und machen Sie sich auf den Weg zum Ori. Unterwegs überlegen Sie möglicherweise, ob es eine gute Idee war, nicht einfach zu Hause zu bleiben, aber da sind Sie schon fast da.

Geben Sie dem Taxifahrer ein ordentliches Trinkgeld. Lächeln Sie, weil man vom Lächeln bessere Laune bekommt, straffen Sie sich, wie man es immer macht, bevor man Leute trifft. Öffnen Sie die Tür, suchen Sie sich einen Platz, und hören Sie zu.

Ich bin mir sicher, es wird nett.

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Konjunkturfeste

Eine repräsentative Umfrage bei einer Privatveranstaltung hat übrigens ergeben, dass 30 – 35 Jahre alte Juristen aus Westdeutschland mit Erstwohnsitz in Berlin, Prenzlauer Berg, Konjunkturprogramme durch bürgerbezogene Direktzahlungen engagiert befürworten. Gleichzeitig wird die Sorge, dass Schecks nicht den inländischen Unternehmen zugute kommen, sondern den Herstellern bevorzugt fernöstlicher Unterhaltungselektronik zufließen, weithin geteilt. Auch die Befragten würden eigener Aussage zufolge, stünde ihnen das Geld ohne Auflagen zur Verfügung, nur sehr teilweise deutsche Produkte erwerben. Stattdessen wurde von den sechs Teilnehmern der Umfrage in den Abendstunden des gestrigen Tages unter anderem angegeben, sie würden mit staatlichen 500 Euro einen halben Anzug von Prada, ein Abendtäschchen von Gucci oder schlicht mehrere Flaschen Dom Pérignon erwerben.

Dies indes kann nicht Sinn und Zweck eines staatlichen Ausgabeprogramms sein. Die Verfasserin dieser Zeilen empfiehlt daher, die Schecks vom Fiskus mit einer Auflage zu versehen: Dieses Geld ist ausschließlich zu verfeiern.

Die Vorteile einer solchen Auflage wären mannigfaltig. So bliebe – dies zunächst – so gut wie alles Geld im Lande, denn nicht die Produzenten ausländischer Erzeugnisse würden gestützt, nein, der Blutwurstritter in Neukölln oder das Lafayette am Gendarmenmarkt würde mit der Lieferung wohlschmeckender Buffets beauftragt. Räume in deutschen Gaststätten würden gemietet. Heimische DJs würden angeheuert, Blumenhändler mit der Ausschmückung von Festsälen beauftragt, die Pâtisserie Albrecht mit der Lieferung von Mitternachtstorten betraut, und dort, wo die Opulenz der geplanten Feste den Rahmen der staatlichen Zahlung überstiege, täten sich Freunde und Verwandte zusammen.

Unerwartet üppig wäre etwa auch der Absatz der Winzer an Nahe, Mosel und Rhein. Die teuersten Gewächse würden kistenweise geordert, die man sonst aus Kostengründen nur glasweise bestellt. Der deutsche Sekt, sei’s Riesling, sei’s Burgunder, würde in dickem Strahl die Gläser füllen, Kerzenziehereien kämen mit der Ausführung der Orderlisten kaum nach, und die Heißmangeln der Republik würden im Schichtbetrieb Tischdecken und Servietten plätten.

Alle Deutschen wären natürlich immerzu eingeladen, wochen-, ja monatelang. Die Stimmung der Bundesbürger wäre deswegen geradezu berstend grandios. Liebespaare würden sich finden, Freundschaften vertieft oder geschlossen, alte Feindschaften würden im Rheinwein ertränkt, und weil Wirtschaft, habe ich gehört, grundlegend auf Psychologie basiert, würde auch diese von der allgemeinen Befindlichkeitsoptimierung profitieren, denn vor lauter Fröhlichkeit würden die Deutschen ihre sprichwörtlich hohe Sparquote ein wenig absenken und mehr Geld ausgeben für schnelle Kraftfahrzeuge, ansehnliche Kleider oder hübsche Gegenstände für ein schöneres Heim.

Im Ausland würde bedingt durch diese Maßnahmen das deutsche Ansehen drastisch steigen, wie ja auch etwa die Fußballweltmeisterschaft dem Image der ansonsten als etwas verkniffen geltenden Deutschen förderlich gewesen sein soll. Aus aller Welt würden lebenslustige Menschen jeden Alters nach Deutschland kommen, sich unter die feiernden Menschen mischen, Geld ausgeben für Hotelzimmer, Taxis und Friseure und heimgekehrt ihre Regierungen nötigen, Gleiches zu tun.

Die europäische Konjunktur wäre gerettet.

Lesen im Ori

Die Vorweihnachtszeit ist immer schlimm. Der verdammte Basar. Die Geschenke. Bekommt mein Vater auch dieses Jahr zu Weihnachten Bücher? Was kauft man seiner kleinen Schwester, die mit schrecklicher Hartnäckigkeit andere Sachen schön findet als man selbst? Was soll gegessen werden? Wo kaufen wir dieses Jahr einen Baum und wie hält man die I.2 davon ab, einen künstlichen Weihnachtsbaum aus Plastik zu kaufen, wenn man den ersten Weihnachtstag bei dieser charmanten Dame und ihrem freundlichen Freund gemeinsam mit mehreren anderen reizenden Leuten verbringen will? Die wievielte Weihnachtsfeier darf man absagen, wenn man zu viel zu vielen eingeladen ist? Wie schmückt man seine Wohnung, wenn man fürchten muss, dass die eigene Katze Adventskränze frisst?

Bei anderen Leuten sieht es auch nicht anders aus. Jeden Abend finden ungezählte Betriebsfeste statt. Menschen, die sich das ganze Jahr nicht sehen, rufen an und verabreden sich zu gemeinsamen Weihnachtsmarktbesuchen. Konzerte finden statt, Familien reisen nach Berlin, um sich mit allen anderen Bundesbürgern auf einmal ins KaDeWe zu zwängen, und all das wäre halb zu schlimm, wäre es nicht immerzu stockfinster. Müde und erkältet ist jeder sowieso.

Nach Erholung lechzt da der Berliner, nach Beschaulichkeit, idyllischen Abenden im Kerzenschein, eine kleine Bar vielleicht, etwas abseits am besten. Geschichten möchte man sich vorlesen lassen, Bier dazu trinken, nette Menschen treffen, und einen ganzen Abend lang – etwa am kommenden Donnerstag – schier gar nichts tun.

Die Gelegenheit ist günstig:

11.12.2008
20.30 Uhr
Ori Bar
Friedelstraße 8, Berlin-Neukölln

Es lesen Herr Guido Alfs und Frau Elisabeth Hager, und tja, ich.

Unter Deiner Hand zur Ruh

Viel zu voll ist der ICE, und sogar hinter der Glastür zwischen den einzelnen Wagen stehen ein paar Mädchen mit Reisetaschen und halten sich gegenseitig einen billigen, schwarzen MP3-Player ans Ohr. Öffnet sich die Tür, hört man sie lachen.

Die Reisenden haben alle Frische aus der Luft gesogen, die nun wieder und wieder umgewälzt und angewärmt und erneut durch die Lüftung geblasen wird. So oft ein- und ausgeatmet ist jeder einzelne Liter, dass die Luft sich schlaff anfühlt, ermattet und ausgeleert und viel zu warm. Müde bin ich, müde ist auch der ältere, magere Mann mir gegenüber, der einen Ratgeber über Aquarien in der Hand hält, aber schläft, statt zu lesen. Müde ist auch die blonde, vielleicht vierzigjährige Frau auf der anderen Seite des Ganges, die eine Gala durchblättert, sehr langsam, und zwischen den Seiten mit den großen Bildern lachender Stars lange, lange aus dem Fenster starrt, wo nichts zu sehen ist außer Schwärze und fernen, verlorenen Lichtern.

So müde bin ich, dass ich nicht lesen mag, keine Musik, und auf einmal ekelt es mich vor der klebrigen, warmen, abgenutzten Luft, vor dem Mann mit den Aquarien, der Frau mit der Gala, vor den lachenden Mädchen, dem Zugfahren, dem Unterwegssein, dem immer noch nicht Ankommen, dass ich für eine Sekunde anhalten mag, jetzt gleich, auf der Stelle im Nichts zwischen Dunkelheit, Bäumen und Schweigen. Aus dem Zug will ich laufen, weit, weit weg von den Schienen und zwischen Blättern und Moos die Stellen finden, wo die Erde warm und atmend dem Sommer entgegenträumt, und unter ihren Lidern schlafen.

La Traviata

Komische Oper, 23.11.2008

Es ist anzunehmen, dass es in Kreisen, denen die Herstellung von Kultur obliegt, einen Komment gibt, nach welchem es besser ist, Erwartungen zu enttäuschen als zu bedienen. Zielvorgabe der Bühnenkunst etwa soll es danach sein, dass der Besucher einer Vorstellung das Gegenteil von dem sieht, was er in der Vorstellung des Kulturschaffenden zu sehen angenommen hat. Wartet der zu irritierende Besucher mutmaßlich auf ein Boudoir, so ist die Bühne am besten so gut wie leer, und nur ein paar große Bühnenelemente aus Metall werden hin und hergeschoben. Rechnet der Besucher mit einer opulenten Ausstattung, so sollten alle Protagonisten am besten scheußliche Kleidung tragen, die gerade bei Personen, welche laut der inszenierten Handlung der Oberschicht angehören, so billig wie möglich aussehen sollte.

Wenn bedingt durch Musik, die die ganze Zeit spielt, mit einem ebenfalls vorgegebenen Gesang schon wenig Möglichkeiten für ernsthafte Veränderungen der Bühnenhandlung bestehen, so soll diesem Übereinkommen zufolge zumindest eine Person auf der Bühne stehen, die mit der Handlung nichts zu tun hat, sondern die ganze Zeit schweigt. Hans Neuenfels nennt diese Person „den Zuhälter“.

Nun ist es keineswegs so, dass der frischerfundene Zuhälter der Violetta die Dinge täte, die normalerweise die Beschäftigung eines solchen Herrn bilden. Vielmehr handelt es sich um eine Art Doppelgänger der Violetta, eine Animus-Figur, welcher das Herz herausgeschnitten wird, verliert Violetta die Liebe des scheinbar verlassenen Alfred, und der sich zwei lange Nadeln in die Plastikhoden sticht, geht es ans Sterben. Überhaupt ist die Symbolik der Inszenierung von einer Simplizität, wie man sie etwa aus Schulaufführungen kennt. Die angedeutete Kreuzigung der Violetta, der Bocksfuß des Vaters: Dass man das Publikum der vollbesetzten Oper nicht die ganze Zeit laut stöhnen hörte, lag vermutlich allein an der Musik, die laut, aber nicht ebenso gut dargeboten wurde. Das Orchester hat schon bessere Abende gesehen, aber nun gut: Einer neuen musikalischen Leitung sei die Übergangszeit nach Petrenko zugestanden.

Dass Sinéad Mulhern als Violetta kaum zu verstehen ist, gehört schon fast zu den Vorzügen des Abends, denn die deutsche Fassung des Texts – Standard der Komischen Oper – bietet vielfältige Ansatzpunkte für das Phänomen, welches man als Fremdschämen kennt. Dass ihr Alfred über keinerlei erotische Anziehung verfügt, fällt da schon schwerer ins Gewicht, denn so grandios, dass er auch hätte 230 Kilo wiegen dürfen, so grandios war er nun wiederum nicht. Aris Argiris als Alfreds Vater war dagegen schon von anderem Kaliber, auch der Chor war wie immer nicht schlecht, und wäre etwas von dem entschlossenen Willen, die Erwartungshaltung eines Abonnementspublikums zu enttäuschen, in eine Regie geflossen, die nicht darin bestanden hätte, die Sänger ab und zu nach vorn treten und singen zu lassen, dann wäre der Abend möglicherweise alles andere als perfekt, aber nicht halb so langweilig verlaufen.

So aber schloss der alte Herr rechts neben mir immer wieder kurz die Augen. Hinter mir wurde gekichert, meine Freundin, die J., zog ein- oder zweimal scharf die Luft ein, wie sie es immer tut, wenn Faux Pas größerem Ausmaßes auftreten, und von dem Stück, von dieser mit herrlichem Gesang verschleierten unfassbaren Wahrheit, dass die Liebe uns nicht retten wird, blieb nichts als ein langer, langer Sonntagabend, und ein mäßiger Applaus.

Modeste kommt zu spät

(Bitte sprechen sie nach dem Signalton.)

„Ich bin’s. Modeste. Bist du da? Okay, natürlich bist du da, ich wäre ja auch da. Ist die J. schon angekommen? Ich komme etwas später. Also noch später. Ich bin grad’ in der U 2. Ich hoffe, du verstehst mich, ist hier gerade etwas laut. Eine Schulklasse oder so. Die ganze Stadt ist voller Schulklassen.“

(Freundin nimmt ab)

„Ah, super. Da bist du ja. Ich bin gleich da. Ich bin schon fast am Senefelder Platz. Tut mir leid, war nicht so geplant, aber ich war den ganzen Tag auf Achse. Drei Stunden allein bei P&C. Nein, nein: Immerhin auch was gekauft. Die erste Verkäuferin war eine Hexe, ich also abgehauen, aber die zweite war okay. Ein Kostüm, schöner Stoff, tailliert, eng, aber mit so einer Art Glockenrock. Sieht ganz gut aus. Zwei Oberteile, eins hell, eins dunkel, beide mit langem Arm. Sag’ mal, findest du auch mal Oberteile, die nicht entweder nach Klosterschule oder nach Freudenhaus aussehen? Auch nicht? Na, dann liegt’s jedenfalls nicht an mir.

Eine Jeans habe ich auch noch gekauft. Nein, ganz Standard, G-Star, Normalmodell für dicke Damen. War so ungefähr die zehnte, die ich anhatte. Der Wuscheljunge in der Jeansabteilung ist fast irre geworden an mir. Ich hab’ so getan, als würde ich das Augenrollen nicht sehen. Nützt ja nichts, ich muss ja irgendwas anhaben.

Ja, im KaDeWe war ich auch noch. Einmal halt einfach so, und außerdem wegen des Geburtstags der J. Nein, ein Parfum. Hast du auch …? – Ach gut. Ich dachte schon. Nein, Crabtree & Evelyn. Sarawak. – Wieso? Ich find’ das gut. Na, ist ja auch nicht für dich.

Bisschen herumgeschnuppert halt. La Prairie, falls ich mal reich werde. Und Lalique. Kennst Du Perle de Lalique? Riecht super, aber ein bisschen sehr. Also sehr. Ich will ja nicht, dass neben mir Leute umkippen wegen einer morgendlichen Überdosis Duft. Vielleicht später, na ja. Vielleicht auch nicht.

Nein, ich ess’ nichts. Quatsch Diät, ich bin noch verabredet. Mit den Jungs. Steak essen, halb zehn. – Macht doch nichts, wird dann halt etwas später. Die können ja schon mal anfangen mit der Vorspeise. Kann ich mir eh nicht mehr leisten. Ich platze nämlich demnächst.

So, ich bin jetzt da. Also an der Eberswalder. Wenn ich ein Kurzstreckentaxi kriege, wäre das toll. Ich bin gerade schuhtechnisch etwas indisponiert. Die Schuhe sind super, aber nichts für Füße. Wirst schon sehen. Fast wie deine Schwarzen, aber nicht ganz.

So, bin jetzt bei dir vor der Tür. Siehst du mich? Soll ich klingeln, oder geht der Summer auch so? – Ah, gut. Tür ist offen.

Schön dich zu sehen.“

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Auch Sie, verehrter Leser, verehrte Leserin, mögen nicht jedes Buch. Das Läppische, das Langweilige, das Abstoßende gar, lauern Ihrer auf bedruckten Seiten. Preise speziell für solche miesen Schinken gibt es bislang kaum, aber einer ganz besonderen Spezies schlechter Bücher hat sich nun das lobenswerte Magazin EXOT angenommen und bittet, vermittelt durch den freundlichen und begabten Herausgeber und Redakteur Herrn Anselm Neft mit folgenden Zeilen um Beachtung:

Die Zeitschrift EXOT lobt bis zum 15. Dezember einen besonderen Literaturpreis aus: Den Quirinus-Kuhlmannpreis für versehentlich komische Literatur. Die Redaktion hat aus den von der Leserschaft vorgeschlagenen unabsichtlich lustigen Werken sieben Kandidaten nominiert, darunter Bestseller-Autoren wie Yasmina Khadra und Thomas Brussig. Nun kann online abgestimmt werden, wer von den sieben Nominierten die Siegeskrone der versehentlichen Komik tragen soll.

Die feierliche Preisverleihung findet am 19. Dezember im Kult41 in Bonn statt. Der Denunziant oder die Denunziantin erhält 50 Euro, der Preisträger, wenn er denn erscheint, einen wunderschönen Kuhlmannpokal.

Sie können sich an der Abstimmung beteiligen, wenn Sie die Seite www.exot-magazin.de besuchen, dort die Rubrik „Kuhlmannpreis“ aufrufen, sich die sieben Kurzfilme anschauen und das präsentierte Werk in Hinblick auf seine unfreiwillige Komik bewerten.

Auf der Homepage der Zeitschrift EXOT finden Sie auch mehr Informationen über Quirinus Kuhlmann, den ehrwürdigen Patron des Preises.

Ausschreibung

Gelegentlich kommt man nach Hause, und mag seine Wohnung nicht mehr. Diese abgewetzten Chesterfields. Die blöden, schäbigen Billy-Regale, die aussehen, als fiele jeden Moment die Rückwand ab. Dieser etwas ungeschlachte, sehr dunkelbraune Geschirrschrank aus Epochen, in denen man notfalls in seinen Möbeln wohnen wollte – und überhaupt: Wieso hat eigentlich jeder Geschirr, das zusammenpasst, und nur bei mir bricht der Porzellan-Patchwork-Notstand aus, wenn mehr als fünf Leute auf einmal erscheinen?

Nach ein paar Tagen beruhigt man sich dann wieder. Man ist ja eh kaum da. Wozu Wohnungen, wenn man nicht wohnt, wozu neue Stühle, wenn man nur auswärts sitzt, und wozu mehr Geschirr, wenn man das letzte Mal vor ungefähr zwei Monaten dazu gekommen ist, zuhause zu kochen, und da waren mit der J. und der C. auch nur so viele Personen da, wie es sich noch ausgeht mit meinen Rosenthal-Resten.

Beruhigt man sich aber öfter auch nach ein paar mehr Tagen nicht, dann muss etwas passieren. Weil man in Ostberlin zwar leben, aber nicht einkaufen kann, schleppt man sich bis Charlottenburg, kauft in einem Einrichtungsanfall alle möglichen Sachen, und dann geht es wieder für ein paar Monate.

Online ist das ähnlich. Dass es hier komisch aussieht, denke ich alle paar Tage. Dass es nicht so drauf ankommt, bei der geringen Frequenz, in der ich das Blog aktuell nutze, denke ich dann zwar meistens auch. Nach nunmehr Wochen oder Monaten des Unbehagens sogar muss nun aber doch etwas passieren.

Allerdings weiß ich noch nicht so genau was, und wie das geht, ist mir vollkommen unklar. Was es kostet, wenn das jemand macht – so eine Art Innenarchitekt für virtuelle Räume – weiß ich natürlich auch nicht.

Über Angebote würde ich mich deshalb freuen.

Memento

Kürzlich war ich am Mittelmeer. Von morgens bis abends lag ich am Strand. Hinter mir befand sich das Ende Oktober schon fast leere Hotel und steinige, von Dornenbüschen spärlich bewachsene Hügel, auf denen alle paar Meter Bauruinen standen, von denen ab und zu etwas abfiel. Vor mir gähnte blau und grün das Meer, und wer angesichts dieser unfassbaren Leere nicht alle ein, zwei Stunden an den Tod denken muss, hat ein wirklich sonniges Gemüt.

Gelegentlich floh ich den Tod. Mit einem gemieteten Wagen fuhr ich von Elounda nach Agios Nikolaos, kaufte mir mehrere Zeitungen, las sie von vorn bis hinten durch, und saß dabei in einem Eiscafé, wo es ein wohlschmeckendes griechisches Eis mit dem italienischen Namen Dodoni gab.

Ansonsten ist in Agios Nikolaos nichts los. Es gibt ein Museum, das besuchten mein Begleiter und ich aus lauter Langeweile. Das Museum befindet sich in einem ungefähr vierzig Jahre alten Flachbau und zeigt eher unspektakuläre Kübel aus Ton, ein paar Tonpüppchen, Tonkühe, verzierte Särge aus Ton und einen Kopf. Besser gesagt: Einen Schädel. Einen Schädel mit einem Kranz aus goldenem Lorbeer, und es war schlechthin unmöglich, an etwas anderes zu denken als an Tod und Sterben und, ja, Verwesung, denn irgendwie musste aus einem Kopf mit Kranz ein Schädel mit Kranz geworden sein, der uns nun leicht bräunlich verfärbt in einer quadratischen Vitrine mit dem langzähnigen Grinsen der Toten begrüßte.

Der Tod wurde mir unangenehm. Kreta, so schien es mir, war voll von Gegenständen, die in irgendeiner Art und Weise das Ende menschlichen Lebens thematisierten. In den Zeitungen stand die ganze Zeit, der Kapitalismus sei am Ende, und sonderbarerweise fühlte ich mich von dieser Nachricht betroffen. Der Kapitalismus also auch. Herrje, dachte ich. Ist denn nichts mehr sicher vor dem Zahn der Zeit.

Zwei Wochen später fuhr ich wieder nach Hause. Berlin sah aus wie das Ende der Welt. Die Zeitungen schrieben über Leute, die mit 34 Jahren einfach so an Herzstillstand sterben, und beim Mittagessen sprachen die Kollegen über die Vorteile der Feuerbestattung in Hinblick auf künftige Ausgrabungen oder ihre Mitwirkung bei einer Choraufführung des Requiem von Mozart.

Langsam wurde ich nervös. In einem literarischen Werk – man denke an den Tod in Venedig – hat die Häufung von Todesmotiven bekanntlich nichts Gutes zu bedeuten. Nun stehen Literatur und echtes Leben zwar nur in einem eher entfernten Zusammenhang, aber man weiß ja nie. Ich habe vorsichtshalber mein Testament gemacht und bitte statt um Blumen um eine Spende an eine wohltätige Organisation. Diese werde ich demnächst benennen. Soviel Zeit wird ja wohl noch sein.

Von Kindern und Mördern

Saša Stanišić, Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006)

Kinder, das ist bekannt, haben äußerst unangenehme Seiten. Sie stinken. Sie sind laut. Sie sagen die Wahrheit, wenn man sie nicht im Geringsten brauchen kann, sie lügen schrecklich schlecht und sind, unter anderem aus diesem Grund, sehr, sehr miese Erzähler. Ihre Geschichten haben weder Anfang noch Ende, es fehlt ihnen zumeist vollkommen an innerer Folgerichtigkeit, und die kindliche Froschperspektive – bedingt durch den fehlenden Erfahrungshorizont – führt zu vielfachen Redundanzen und ärgerlichen Längen bei der Wiedergabe von Selbstverständlichkeiten. Die Wahl eines kindlichen Erzählers für ein literarisches Werk zieht damit zwangsläufige Probleme nach sich: Eine nur halbwegs realistische Wiedergabe des kindlichen Erzählens wäre vor Langeweile nicht auszuhalten. Eine nur vorsichtig infantiler Diktion angenäherte Sprache wirkt dagegen wegen der Überlagerung erwachsener und kindlicher Sprach- und Erlebnisebenen nicht selten altklug und ein wenig künstlich dazu.

Natürlich – andernfalls gäbe es solche Bücher ja nicht – hat die Wahl eines kindlichen Erzählers auch Vorteile. Die Fiktion, der Erzähler erlebe alles zum ersten Mal, erlaubt es, das Selbstverständliche mit dem Gestus des Staunens zu erzählen, der dem Leser im besten Fall das Mitstaunen erlaubt und zudem viele Bilder ermöglicht, die einem Erwachsenen schlechthin nicht abgenommen werden, ungefähr so, wie es die Öffentlichkeit einem Dreißigjährigen eher als einem Dreijährigen verübelt, sich bei Kaisers auf den Boden zu werfen, wenn er kein Eis bekommt. Zudem erwartet der erwachsene Leser von einem erzählenden Kind naturgemäß nicht, alles Erlebte und Gesehene auch zu verstehen, zu erklären gar, oder möglicherweise in unschöne Geschehnisse hilfreich einzugreifen. Dies wiederum prädestiniert die kindliche Perspektive für das Erzählen über den Krieg aus der Position einer natürlichen Unschuld, die Gewalt erleidet, sie beschreibt, aber weder ihre Entstehung erklären muss, noch Position bezieht. Gerade eher komplexe Auseinandersetzungen wie der Krieg im früheren Jugoslawien eignen sich damit als Gegenstand des Erzählens aus kindlicher Perspektive. An ein Kind – wie Saša Stanišić alter ego Aleksandar – trägt man die Fragen nicht heran, die ansonsten der Leser dem Buch stellen würde. Wie konnte das passieren, etwa. Oder: Was ist genau geschehen? Und nicht zuletzt: Wer hat schuld?

Tatsächlich beantwortet das Buch keine dieser Fragen, ohne dass man die Antwort vermisst oder auch nur erwartet. Die Geschichte dieses mir bis heute unverständlichen Krieges wird vielmehr erzählt als eine Vertreibung aus dem Paradies, das etwas zu genrehaft, ein bisschen zu sehr märchen-, klischeebalkanhaft erzählt wird, und hier stößt man sich hart an der etwas zu putzigen Sicht des ungefähr zwölf- oder dreizehnjährigen Helden. Anfang der Neunziger Jahre, am buchstäblichen Vorabend des Schlachtens hebt die Erzählung an, und klingt doch streckenweise sehr nach den Erinnerungen sehr, sehr alter Leute, ein bißchen zu niedlich und zu pläsierlich, ein Jugoslawien wie aus der handgewebten Dekoration der Balkanrestaurants Dubrovnik, wie sie vor Jahren in deutschen Kleinstädten bunt geschmückt Ćevapčići verkauften, und auch vom Tonfall ähnelt manche Passage fast den immer etwas zu simplen Anekdoten Roda Rodas von vor dem ersten Weltkrieg. Indes: Schlecht sind die Geschichten nicht. Man hat sich schon einmal besser amüsiert, zweifellos – aber amüsiert habe ich mich schon und streckenweise sogar prächtig.

Gut gemacht – und hier bewährt sich der Blick eines kindlichen Helden – ist der Einbruch des Krieges. Wie mitten in ein folkloristisches, balkanbuntes Fest der Krieg tritt, betrunken, bewaffnet und platzend vor Unreife, und die scheinbar noch geglätteten Wogen dann doch innerhalb weniger Seiten des Buches die Idylle auffressen, verleiht dem Bösen, dem Grauen einen Körper, der es erst fassbar macht, wie der Krieg das Paradies erst überschattet und dann zerstört. Die Szenen aus der besetzten Stadt sind grell, gut gemacht, und es liegt nicht am Erzähler, dass man meint, so etwas bereits gelesen zu haben. Das 20. Jahrhundert hat an seinen Kindern keinen Kelch vorübergehen lassen.

Nach der Flucht aus Bosnien indes wird das Buch etwas – nun: lang. Dass der zunächst im Ruhrgebiet langsam heranwachsende Protagonist die Vergangenheit idealisiert, glaubt man angesichts der durchaus trist illustrierten Flüchtlingsgegenwart unbesehen. Lesen möchte man die Früchte dieser Idealisierung durch den nun schon älteren Aleksandar allerdings nicht, oder zumindest nicht in dieser Breite. Auch öffnet sich in diesen Passagen, in denen der Held in Deutschland zur Schule geht, eine gewisse Schere zwischen dem Kinderblick und dem wachsenden Alter. Die Jahre werden so schnell erzählt, dass man nicht ganz mitkommt mit dem wachsenden Erzähler, und die schon in den anfänglichen Anekdoten ein wenig nervenzerrende Naseweisheit des Kindes verträgt die Sprünge durch manche Rückblenden nicht immer. Auch die Erzählung mittels Briefen an eine sehr, sehr schattenhafte Freundin, bosnischer Flüchtling im früheren Wohnhaus in Višegrad, zieht eine Distanz des Lesers zum Geschehen nach sich, die möglicherweise absichtsvoll angelegt, gleichwohl dem Vergnügen nicht förderlich ist.

Rund immerhin endet das Buch nach rund 300 Seiten. Vielleicht etwas zu rund, wenn das Grab des Großvaters, des ziemlich demonstrativ personifizierten Jugoslawien, des Geschichtenerzählers und Parteifunktionärs, besucht wird, der auf den ersten Seiten stirbt, aber wenige Seiten später legt man das Buch (nur ein paar Stunden nach Beginn der Lektüre, der Roman liest sich leicht) mit einem gewissen Bedauern zur Seite, flankiert vom Erstaunen, dass der erhebliche Charme dieses Romans seine Mängel am Ende doch und nicht ganz wenig überwiegt.

Aber von Kindern will ich die nächste Zeit weder hören noch lesen.