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Montagmittag

Meine Verabredung verpasst eine Bahn und lässt auf sich warten. Zehn Minuten werde es noch dauern, erfahre ich per SMS. Unter Bäumen, an der Hauswand geschützt vor kühler Luft, blättere ich ein wenig in der Zeitung, amüsiere mich über den anlaufenden Wahlkampf, überdenke meine Speisewahl dreimal hin und her, bis ich wieder beim Hühnchen bin, und trinke Tee.

Rund um mich herum wird das Wochenende ausführlich besprochen. Eine große, blonde Frau, vielleicht 25 und so dünn, wie ich so gern wäre, redet schräg vor mir einer kleinen, rundlichen Hübschen mit Grübchen und schwarzen Augen einen Mann aus. Der sei doch unf***bar, erfahre ich, und habe zudem weder Geld noch Geschmack. Die Kleine schaut ein wenig betrübt in ihr Essen. Vermutlich stapeln sich bei ihr zuhause nicht gerade die attraktiven Angebote, so dass es doppelt schade ist, wenn das, was kommt, sich in befreundeten Augen wenig ansehnlich ausnimmt.

Neben mir dagegen geht es erst um ein Konzert und dann um Peer Steinbrück. Die beiden Männer, die sich über eine Band unterhalten, die ich nicht kenne, scheinen einen Sonnebrillencontest auszufechten, bei dem es darum geht, dass der mit der größten sonnbrillenverdeckten Fläche bezogen auf das Gesamtgesicht gewinnt. Elementar, höre ich, sei die Band und das Konzert, das jene am Samstag gegeben habe. Die Parteifreunde des amtierenden Finanzministers dagegen seien – ich horche auf – Hosenscheißer, wie der Mann mit der Gewinnerbrille dem anderen mitteilt. Als das Gespräch sich dem Fußball zuwendet, verliere ich das Interesse.

Vom Tisch mir gegenüber höre ich nur Fetzen. Hier sitzen drei Frauen, erzählen sich etwas halb hinter vorgehaltener Hand und lachen ab und zu plötzlich ziemlich laut, um dann alle auf einmal wieder zu verstummen. Cremig, verstehe ich erst und dann einige Sekunden später Stachelbart. Einen konkreten Anlass zur Heiterkeit scheint es aber gar nicht zu brauchen, denn als der Kellner kommt und den drei Frauen Essen bringt, brüllen alle drei (fast identisch gekleidet mit Tuniken, bunten Leggings, Riesentüchern und Sonnenbrillen) synchron los, während der Kellner die einzelnen beladenen Teller auf den Tisch stellt.

Inzwischen bin ich ein wenig ungeduldig, schreibe E-Mails und telefoniere ein bißchen mit der B., die heute Geburtstag hat. Sie sitze bei ihren Eltern im Garten, erfahre ich. Sie esse Kuchen. Kuchen würde ich auch ganz gern essen, zumindest würde ich irgendetwas gern essen, denn gefrühstückt habe ich nicht und das Abendessen ist sechzehn Stunden her. Damit es ein wenig schneller geht, bestelle ich schon einmal für mich und außerdem das, was meine Verabredung eigentlich immer isst, schaue noch ein bißchen ungeduldiger auf mein Telephon, weil ich sonst keine Uhr dabeihabe, und klopfe schon fast vor Unruhe auf den Tisch, als fast gleichzeitig das Essen und meine Verabredung erscheinen.

„Hey!“, sage ich und greife nach meinen Stäbchen. „Wie war dein Wochenende?“

Auf einem Boot nach Westen

Heute nacht am Lido ein Boot bestiegen, und der Himmel war so gläsern und rein wie heute morgen früh um fünf auf dem Weg nach Haus. Die Glocken läuteten mir zur Abfahrt von einem der Campanile, und mit einem Ruck bäumte das Boot sich auf und schoss an Chioggia vorbei, der Adria entgegen. Vielleicht fuhr ich heute nacht auf das offene Meer.

Feingliedrig war der Fährmann, hübsch und schön, und stand mit freiem Oberkörper am Steuer, umweht von spritzendem Wasser und Salz. Hinter dem Fährmann saß ich mit untergeschlagenen Beinen, und mit mir noch andere, drei oder vier, die raunten sich leise etwas zu, was ich nicht verstand. Die anderen Reisenden, fiel mir auf, wirkten bedrückt.

Unsinnig fröhlich war dafür ich, zog mich übermütig an den Planken des Bootes hoch und hielt meine Hand in die Gischt. Aus Trotz jubelte ich die anderen an, die dicht gedrängt nebeneinander mehr lagen als saßen. Sie wirkten löcherig, durchscheinend irgendwie und ein wenig faulstichig und braun. Verärgert wand ich mich ab.

Neben dem Fährmann stand ich dann einige Zeit, sah der Sonne entgegen und blinzelte in das strahlende, weiße Licht. Das Salz bildete Krusten auf meinen Füßen, die Sonne wurde heißer, kam näher, und leckte mit hitzigen Zungen mir über die Haut. Ganz nahe waren wir schon am Ziel, immer aufgeregter wurde ich und winkte dem Ufer zu, an dem ein paar Männer in hellen, sommerlichen Anzüge standen und auf die Uhr sahen, als sei das Boot schon zu spät.

Man reichte mir ein Glas, als ich ankam, aus dem ich durstig trank. Man warf mir eine Art Tunika über, denn ich war (das war mir entgangen) nackt. Schließlich geleitete man mich den Strand hinauf bis zu Bäumen, in deren Schatten ich bleiben würde, vorerst, umweht von Kühle, umgeben von rankendem Grün, Moos und rauschenden Blättern am Ende der See.

Begegnung auf der Straße

Ich erkenne ihn von weitem. Besser sieht er heute aus als mit 18, als er allzu dünn war und ein bißchen hektisch. Schlank ist er noch immer. Auch sein Haar ist noch voll. Er trägt noch immer dieselbe Frisur wie 1995: Das blonde Deckhaar lang über dem kurz geschorenen Nacken.

„Du hast dich kaum verändert.“, sage ich, als er vor mir steht. Er wehrt mit der Hand ab, klopft sich auf den Bauch, lobt meine Kleidung (aber nicht mich) und fährt sich mit der selben Bewegung wie vor fast 15 Jahren durchs Haar.

Er ist nur für ein paar Tage in Berlin, beruflich. Gerade kommt er von einem Meeting, jetzt will er zur C⎮O Galerie im Postfuhramt. „Wie geht es dir? Was machst du?“, frage ich, und er erzählt von der Consultancy. Fünf Jahre sei er jetzt da. Länger als üblich. „Nicht so besonders originell.“, entschuldigt er sich und lacht. Er hat recht: Meine halbe Abschlussklasse war oder ist Berater.

„Erzähl mal was von dir.“, fordert er mich auf, und ich überlege. Viel gibt es da nicht zu berichten. Mein Job. Meine Wohnung im Prenzlauer Berg, Freunde, die auch viel arbeiten, und wenn wir es schaffen, sitzen wir irgendwo herum und essen und trinken Wein. Ab und zu gehe ich gern irgendwohin. Ansonsten keine Hobbies, keine Kinder. Zwei Katzen. Ein Freund. Er lacht. Wir mochten uns ganz gern, damals, erinnere ich mich und überlege, mit wem er befreundet war. Im Latein-Leistungskurs saß er schräg hinter mir. Ich glaube, wir haben uns auf dem 18. Geburtstag meines Freundes T. geküsst, damals, als man sich noch küsste, wenn man auf Parties ging.

„Bist du glücklich geworden?“, fragt er auf einmal und unterbricht meine Überlegung. Ich bin überrascht. Als ein wenig peinlich empfinde ich diese Frage. Als ein bißchen zu pathetisch, ein wenig zu persönlich dazu. Woher soll ich das wissen, schießt es mir durch den Kopf. Keine Ahnung, hätte ich fast gesagt. Ich habe lange nicht gefragt. „Gut geht es mir.“, sage ich daher und lächele so breit, wie ich es aus dem Stand hinbekomme. Das stimmt, wie ich weiß.

Aber es ist nicht dasselbe.

Alles anders

Wäre ich (und auch das wäre denkbar) etwa jemand, der etwas anderes könnte, als das, was ich kann, dann wäre ich jetzt nicht daheim. Ich würde nicht am Schreibtisch sitzen, gerade um kurz vor zwölf von der Arbeit heimgekehrt, sondern säße vielleicht irgendwo am Wasser auf einem Stein. Die Beine würde ich in einen See tauchen. Ich hätte einen Badeanzug an, in dem ich großartig aussehen würde, denn fabelhaft schlank wäre ich natürlich auch.

Ich hätte eine Gitarre bei mir, denn ich wäre gern ein wenig musikalisch. Ich würde singen, denn auch das könnte ich gern. Rund um den See stünden schwarz die Bäume, niemand wäre am See außer mir, und wenn ich singe, wenn ich die richtigen Worte finde, die richtigen Töne in der richtigen Reihenfolge, löste sich aus den Wassern, aus dem Wald und der Nacht die Seele des Sommers, drängte sich mir eng an die Seiten und sänge mit mir bis morgen früh und weiter, und der große Pan selbst bliese die Flöte, bekränzt mit Löwenzahn, Mohn und Rosen, ja: Rosen.

Die Last der Geschichte

Dass die Deutschen mit ihrer Vergangenheit im Reinen sind, glaube ich erst, wenn sich Szenen wie gestern nicht wiederholen: Der J. und ich stehen also im KaDeWe. Eigentlich sind wir hier auf der Suche nach einer göttlichen Tasche namens BL0494, aber die ist nicht mehr zu haben. Leicht belämmert (ach, hätte ich doch in Stockholm zugeschlagen) schleppen wir uns durch das überfüllte Haus auf der Suche nach anderen Waren, die den weiten Weg durch die völlig verstopfte Stadt nicht als vergeudet erscheinen lassen, und stehen wenige Minuten später im ersten Stock. Hier gibt es Herrenoberbekleidung.

Der J. ist in dieser Hinsicht nicht gerade das gleichgültigste Wesen der Welt. Wer elf Anzüge nicht nur besitzt, sondern gleichsam liebt, und die Vorzüge wie Nachteile aller gängigen Herrenausstatter sogar nachts aus dem Schlaf gerissen repetieren könnte, ist im KaDeWe Schlussverkauf je nach Perspektive entweder genau richtig oder hoffnungslos verloren. Wir stehen also sehr, sehr lange dort, wo es Kleidungsstücke von HUGO gibt, und der J. zieht langsam und mit maximaler Aufmerksamkeit einen Anzug nach dem anderen an und dreht sich in kleinen, eleganten Schwüngen vor dem Spiegel. Leider ist keiner der Anzüge perfekt.

An einer weiteren Stange hängen Mäntel und der J. zieht alle an. Ein beigefarbener Sommermantel ist nicht mehr in Größe 50 zu haben. Ein dunkler Mantel sieht zwar gut aus, passt aber nicht über eine Anzugjacke und scheidet deswegen aus. Ein weiterer, ebenfalls dunkler Mantel aber sitzt. Er sitzt sogar gut. Für einen Moment sehr zufrieden mit sich und der Welt steht der J. vor dem Spiegel und zupft den Mantel zurecht.

Dann aber holt die deutsche Vergangenheit den J. ein. In seinen Mundwinkeln beginnt es zu arbeiten, um seine Augen tritt ein besorgter, leicht gespannter Zug. Der geschätzte Gefährte dreht sich um. Ob ich nicht auch finde, dass der Mantel – wie solle er es sagen: Der Mantel erinnere ihn an eine Uniform. An eine schwarze Uniform, an eine Uniform aus alten Filmen. Die Schulterklappen des Mantels etwa. Das abgesetzte Stück Stoff, das von den Schultern vorn und hinten bis auf Brusthöhe fällt und mit einem Knopf fixiert werden kann wie ein Cape. Der ganze Schnitt des Mantels sei so absolut Leni Riefenstahl. „Vielleicht ist das wieder modern.“, gebe ich zu bedenken und wende mich ab. Ich will noch in die Abteilung mit den Sachen für mich. Der J. soll den Mantel kaufen oder weghängen.

Für einen Moment schwankt der J., den Mantel unschlüssig in der Hand. Dann zieht der J. den Mantel wieder aus. Unmöglich könne er einen Mantel tragen, in dem er nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen Leute an einen preußisch schnarrenden SS-Offizier erinnere. Ein einziger Witz gleichgültiger Passanten, und er müsse den Mantel auf der Stelle ausziehen und verbrennen oder zöge ihn zumindest nie wieder an. Zwar sehe der Mantel großartig an ihm aus, wie für ihn geschaffen sozusagen (der J. seufzt), aber die Assoziation, welche dem Mantel anhaftet, sei zu viel für ihn als Mantelträger, und so bleibt der Mantel im KaDeWe.

Auf dem Weg in die Damenabteilung kommen wir bei Karl Lagerfeld vorbei. Auch hier hängt ein ganz ähnlicher Mantel. Die deutschen Designer, stellt der J. fest, würden von der deutschen Vergangenheit auf unselige Weise ästhetisch heimgesucht. Aber er werde sich dem verweigern. Die Deutschen, zumindest der J., stelle ich fest, sind mit schwarzen Unifornmänteln für dieses und das nächste Jahrhundert erst einmal durch.

Ohne Mantel, mit nichts als einer französischen Bluse in einem grau abgetönten Lavendel, verlassen wir den Kurfürstendamm.

Journal :: (Ende)

„Weißt du,“, sage ich zum J., „ich führe doch eigentlich eins der langweiligsten Leben der westlichen Welt. Morgens stehe ich auf, dann fahre ich arbeiten. Ich gehe jeden Mittag essen, meistens einmal die Woche Thai, einmal italienisch, einmal chinesisch, und ab und zu fliege ich durch die Gegend und verhandele mit Leuten irgendetwas, was von außen betrachtet vermutlich auch nicht so besonders spannend ist. Abends gehe ich irgendwohin.“

Sehr angenehm ist das so an und für sich. Ich habe keine essentiellen Sorgen, eine nette Familie, einen lustigen Freund, einen guten Job und mag die Stadt, in der ich lebe. Besonders aufregend aber ist das alles nicht, und die Dokumentation dieser doch etwas gleichförmigen Existenz beginnt mich gerade ebenfalls ein wenig zu langweilen, und bevor auch alle anderen Leute gähnen, wenn sie mein Blog ansteuern, ist für den Juli erst einmal Schluss mit dem Journal.

Es hat Spaß gemacht.

Journal :: 02.07.

Zuerst fallen nur ein paar Tropfen schwer auf den grauen, warmen Asphalt. Die ersten Gäste des Pappa e Ciccia stehen auf, ihre Gläser in der Hand, und suchen sich Plätze unter der Markise. Wir bleiben noch sitzen.

Gegessen haben wir schon, eine Pasta mit Pfifferlingen ich, und der Mek eine Pasta mit Fleisch. Nun sitzen wir da auf der Schwedter Straße und trinken einen dunklen und weichen roten Wein. Schwarz verfärbt vom Regen aber wölbt sich der Himmel über der Stadt, bis die Wolken sich ganz und gar entladen, aus den wenigen Tropfen viele werden, und erst manche, dann alle Gäste und dann auch wir unter die Markise flüchten. In blanken Schnüren fließt das Wasser auf die Erde.

So plötzlich, wie der Regen begonnen hat, ist er vorbei. Wieder sitzen wir auf der Straße, warm ist die Luft, doch schwül nicht mehr länger. Auf den Tischen leuchten Kerzen in weißlichen Tüten. Man lacht. Am Nachbartisch sprechen fünf Mädchen über die Fashion Week, wir trinken auf die Liebe, und alles erscheint so leuchtend, so rund und golden und perfekt, dass es fast schmerzt, den Abend nicht in Bernstein nach Hause zu nehmen für später, für die kalten Tage, wenn keine laue Luft die Beine streichelt, niemand lächelt, wenn es Abend wird, und kein Wind dir durch die Haare fährt, wenn du heimgekehrt auf dem Balkon stehen wirst, die letzte Zigarette des Tages in der linken Hand.

Journal :: 30.06.

Wie einfach es einmal war, sich zu verlieben. Sich auf einer Party zu küssen, am nächsten Tag miteinander Eis essen zu gehen, sich etwas zu erzählen über sich und alles, was man über die Welt weiß und denkt, und sich wieder zu trennen, wenn es sich nicht ausgehen wollte miteinander. Eine Woche traurig zu sein und dann wieder zu lachen.

Schwierig ist es geworden, sich kennenzulernen in den letzten Jahren. Soviel Vergangenheit klebt an der Haut von Leuten, die dreißig sind oder älter, und man kann sich kaum vorstellen, wie mühsam das Geschäft der Liebe sein muss, wäre man noch einmal zwanzig Jahre älter. Bis zu den Haarwurzeln steckt man in seinem Leben, seinen Ängsten, seiner Rolle, die man nicht mehr ablegen kann, man verlöre sich denn. Viel zu viel erwartet man nach wie vor von der Liebe, und die Statik einer Beziehung auszutarieren erscheint bisweilen so schwer wie die eines Hauses. Dies aber zu verfilmen scheint schwer. Dies so zu verfilmen, dass es gut aussieht, von einer leichten, nur ganz wenig schmerzlichen Melancholie fast unmöglich, und so verlasse ich die Kulturbrauerei nach Alle Anderen mit viel Hochachtung vor Maren Ade, die die Hymnen des Feuilletons, scheint mir, verdient hat.

Vordergründig handelt Alle Anderen von fast nichts. Chris (Lars Eidinger aus der Schaubühne) und Gitti (die großartige Birgit Minichmayr) machen Urlaub auf Sardinien im Haus seiner Eltern. Er ist Architekt, erfolglos und weich. Ein Mann, wie man viele kennt, die das Erwachsenwerden so lange herausgeschoben haben, bis sie über ihrer Unentschiedenheit zwischen vielen Möglichkeiten alle verpassen. Gitti dagegen, PR-Frau bei einem Musiklabel, erscheint tough. Burschikos, ein wenig zu laut, leicht ordinär, betont unkonventionell und dann doch in einem Maße auf die Liebe und Chris bezogen, das erschreckt: Bereit, sich an Erwartungen anzupassen, und dann doch nicht in der Lage, den Rollenwechsel durchzuhalten. Vibrierend vor Vitalität, die keinem anderen Zweck dient als der Liebe. Am Ende wird sie kaum einen Satz ausgesprochen haben, der nichts mit der Beziehung zwischen Chris und Gitti zu tun hat.

Es ist der erste gemeinsame Urlaub. Fast wolkenlos, verspielt und kindlich vor Sommer liegen beide im Ferienhaus. Dort, wo es brechen soll zwischen ihr und ihm, verlaufen feine, kaum sichtbare Markierungen, und erst als ein zweites Paar auftaucht, bröckelt es sichtbar, um dann mit einem hörbaren Krachen zu bersten. Ob und wie es sich wieder zusammenfügt, bleibt offen.

Das zweite Paar zu verabscheuen, liegt nahe. Er ist ein großspuriger, lauter und ungleich erfolgreicherer Kollege von Chris, in dessen Gegenwart Chris wie ein Bub erscheint, kaum männlich zu nennen. Sie ist gepflegt, feminin und konventionell, und himmelt ihren Mann auf eine durchaus etwas quälende Weise an. Man kennt derlei Paare, die man gleichzeitig verachtet und denen man sich unterlegen fühlt für Dinge, denen man doch nicht so gleichgültig gegenübersteht, wie man es gern täte.

Chris reagiert ähnlich ambivalent. Erst versucht er, die Begegnung zu vermeiden, dann lässt er sich in eine Art Kumpanei verwickeln und verrät darüber seine Freundin wie seine Mutter, die das Haus auf eine gleichermaßen komische wie mitleiderregende Weise mit Porzellankatzen und Glasvögeln eigerichtet hat. Ein wenig verachtet man diese Rückgratlosigkeit, bemitleidet Gitti für eine Weile, um dann doch ein wenig genervt zu reagieren ob ihrer theatralischen Seiten, ihrer Hyperaktivität und dieses stetigen Viel-Zuviel.

Ein wenig traurig trotz der vielen Sonne und der bisweilen komischen Sequenzen lässt der Film mich am Ende zurück: Wie schwierig doch die Liebe geworden ist. Und bisweilen: Wie unmöglich, sich so zu lieben, wie man es gern möchte, aber vielleicht (wer weiß das) gar nicht kann.

Alle Anderen
Deutschland 2009

Journal :: 29.06.

Gäbe es ein Museum menschlichen Scheiterns, die Vasa hätte einen Ehrenplatz in der Dauerausstellung. Auf der Jungfernfahrt im 17. Jahrhundert noch im Hafen gesunken und irgendwann in den Sechziger Jahren wieder ausgegraben (nein: vom Meeresgrund gehoben) steht das riesige, reich verzierte Schiff in einem Gebäude, das selbst ein bißchen aussieht wie ein Segelschiff auf Djurgarden an der Ostsee.

Eigentlich aber ist das Wetter immer noch zu schön für geschlossene Räume. Eigentlich sollte man seinen Tag auch nicht in Geschäften verbringen, doch dann laufe ich durch Östermalm, verliebe mich in eine isabellafarbene Handtasche, die ich am Ende doch nicht kaufe, kaufe dafür ein Paar Legionärssandalen, trinke Kaffee vor der Markthalle, die dann doch zur Enttäuschung wird, als wir am Ende dort sitzen, denn allzu steril, zu sauber und zu geschleckt geht es hier zu, nichts mehr von blutenden Ochsen, Gerüchen und Fischweibern. Eine riesige Delikatessenhandlung mit Bistrobetrieb gibt es hier, so sauber wie ganz Stockholm, und nicht halb so lebendig, so schmutzig und vital wie Berlin, Berlin, Berlin.

Am Abend dann wieder nach Hause.

Journal :: 28.06.

Zur Feier des Tages esse ich schon zum Frühstück Fisch. Alles, was sonst noch auf dem Buffet steht, esse ich auch. Mittags schiebe ich einen gebratenen Hering hinterher und abends gibt es große Köttbullar und noch mehr Fisch. Wegen der verzehrten Fischschwärme fühle ich mich den ganzen Tag ein wenig schwer, in meinem Magen kämpfen Heringe vergebens gegen Enzyme und reichlich Magensäure, aber gut, bestens eigentlich geht es mir trotzdem. Auf einer Fahrt durch die Schären Stockholms braten ich und der jüngst verzehrte Fisch bis auf die Knochen in der Sonne. Am Abend werde ich vorm Spiegel stehen und dort, wo der Saum meines Kleides endet, werden rote und weiße Haut aneinander stoßen.

Sehr, sehr schön sieht Stockholm vom Wasser aus aus. Ein wenig wehrt sich das zur Kritik vielleicht allzu bereite Empfinden gegen die Idylle aus roten Häuschen aus Holz mit weißen Fenstern. Gischt spritzend fahren die Schweden auf Motorbooten an dem Ausflugsschiff vorbei, Sonne und Wind streicheln die kräuselnde Ostsee, silbern blinkt es auf dem Wasser und alle Menschen sehen so zufrieden aus, als sei die ganze Welt aus Erdbeeren und Dickmilch gemacht und so perfekt, dass man es nicht aushielte, würde das Glück länger dauern als diesen Sonntag und den Montag noch dazu.