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Journal :: 27.06.

Dies, meine Damen und Herren, sind die Tage des Herings, dem einst die Hanse ihren Reichtum verdankte, und zwar zu recht. Der betrüblichen Überfischung der Weltmeere ist es anzulasten, dass auch dieser Fisch stetig und unaufhaltsam teurer werden wird, und dermaleinst nur noch in winzigen Portionen auf riesigen, spiegelnd weißen Tellern zu erlesenen Anlässen gereicht werden wird. Bares Erstaunen werde ich ernten als alte Dame, wenn ich vom Überfluss an Hering in längst vergangene Tagen raunen werde, als es möglich war, drei Tage lang kaum etwas anderes zu verzehren.

Dass Stockholm unter runden 29° C schwitzt, wird dagegen in ferner Zukunft keinen müden Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Ich als ein Kind der Gegenwart allerdings schleppe mich in Chucks, Jeans und einem zwar leichten, doch nicht so leichten Shirt über die Uferpromenade, die hier Strandväg heißt oder so ähnlich. Links von mir prangt eine Häuserzeile, die wohl dem Wunsch der letzten Jahrhundertwende entsprungen ist, auch so eine Art Ringstraße sein eigen zu nennen, silbrig glitzert rechts das Ostseeewasser, und abgesehen von der Wärme fühle ich mich vollkommen wohl. Die anderen (außer dem J., der aus grundsätzlichen ästhetischen Bedenken nie offene Schuhe trägt) haben Sandalen an den Füßen, aber das kommt für mich nicht in Betracht. Tatsächlich besitze ich nur drei Paar flache Schuhe und die habe ich mit. Keines davon ist offen. Alle meine Sandalen haben Absätze, auf denen ich nicht laufen kann.

Beim Heringsverzehr kommt mir die für lange Stadtspaziergänge bei 30° C im Grunde unpassende Bekleidung allerdings wieder entgegen, denn auf den ersten Blick (auf den zweiten ist alles halb so wild) erscheint Eriks Bakfickan in Östermalm trotz der nackten Marmortische und der Lage im Souterrain ein wenig zu formell für Sandalen und kurze Hosen. Die Kellnerin indes ficht dies nicht an, allerdings, so sagt man uns, schließt in zwanzig Minuten die Küche. Man müsse also schnell bestellen. Überhaupt findet das gesamte Leben der Stockholmer früher statt als für Berliner Verhältnisse üblich.

Dass es hier Hering sein soll, ist klar. Ich bestelle also Bakfickan´s Herring and Baltic Herring als kleine Portion, vorweg einen Krabbensalat auf Toast. Dazu ein Bier, das gut sein mag, aber das trotzdem am Ende der J. trinkt, weil ich nicht einmal dann Bier trinken kann, wenn quasi nichts anderes zum Essen passt.

Der Hering ist aber auch mit Wasser grandios. Die nordischen Küchen haben vermutlich nur wenige Verdienste um die internationale Kochkunst, zumindest sind mir keine bekannt, aber der eingelegte Hering gehört sicherlich dazu. In verschiedenen Marinaden, dunkles Brot dazu, kräftig, aber nicht salzig, von feiner Textur, aber gleichwohl fest, wird der Hering in drei kleinen Töpfen serviert (die große Portion umfasst deren fünf). Zu dem Hering gibt es – das scheint generell üblich zu sein – Käse. Hier ist es eine Art Nocke aus Parmesancreme.

Unglaublich fett ist das Gericht, zumal auch der Krabbensalat auf Toast in schierer Mayonnaise serviert wird. Nicht schlecht ist dieser Krabbensalat, auch in der Vorspeisenportion reichlich, aber dies bekommt man in vergleichbarer Qualität eigentlich überall und kann auch selbst derlei zubereiten. Einen solchen Hering dagegen gibt es in Berlin nicht, und die Produkte, welche man in Gläsern kaufen kann, sind zugegeben nett, nicht übel, aber richtig gut sind sie nicht, nicht so göttlich, dass man beschließt, sich tagelang hiervon zu ernähren, und schließlich abreisen wird am Montag mit einem leisen Bedauern, dass es nun fürs Erste ein Ende hat mit der Heringsesserei.

Die Crème brûlée bei Eriks Bakfickan dagegen war nicht übel, aber keineswegs über Durchschnitt.

Journal :: 26.06.

Noch schnell drei Mails und loslaufen zur S 9. Bei der I. im Garten sitzen, weil sie näher am Flughafen Schönefeld wohnt als ich, der S. föhnt den Grill, und der M. hat Lammfleisch gekauft. Fröstelnd unter dem Wacholder sitzen, zwei Glas Sekt und den J. anrufen, ob er jetzt noch kommt oder nicht. Er wasche Wäsche, lässt der J. verlautbaren. Vielleicht erscheine er noch. Vielleicht auch nicht.

Die Gespräche drehen sich um die Jobs, in denen wir fünf am Tisch unsere Kreise drehen. Vorgesetzte und Politiker. Dienstreisen und Konferenzen, die sehr, sehr virtuelle Welt, in der wir leben und auf die wir angewiesen sind, weil wir etwas anderes nicht gelernt haben und vielleicht auch gar nichts anderes könnten oder wollten. So ganz hat noch keiner sein Büro abgeschlossen, irgendwo im Hintergrund knarren noch schlecht geölt die Räder unseres Alltags, und erst als ich im Bett liege (allein, denn der J. ist nicht erschienen), irgendwann ziemlich spät, atmet die Arbeitswoche aus, die hinter mir liegt. Ruhig ist es hier, bemerke ich auf einmal, blättere noch zehn, fünfzehn Minuten in der ZEIT, stopfe alles, was die zehn Kilo Handgepäck übersteigt in einen Beutel, der hierbleiben soll, und schlafe ein. Jenseits der Schwelle des Schlafs vergräbt ein großes Unternehmen ein Atomkraftwerk in einem schwarzen Moor unweit des Hauses meiner Eltern, und auf dem Schlamm inmitten von Schilf und Weiden flackern Lichter und Schatten durch meine Nacht.

Am Morgen putze ich mir Zahnpasta auf dem Zeigefinger die Zähne. Ich reise nie ohne drei Paar Schuhe, aber meine Zahnbürste vergesse ich stetig, fällt mir auf, als ich das Haus verlasse, im Taxi sitze und nach Schönefeld fahre, wo der J. schon wartet, ein Baguette in der Hand, und mich diskret auf den Verkäufer des Marché aufmerksam macht, der kurz zuvor die Ausführung verschiedener Bestellungen aufs Ärgerlichste verzögert hat, um ungefähr zehn Baguettes langsam und akkurat mit jeweils einem kleinen grünen Fähnchen zu verzieren.

Pausbackig und reinen Sinnes steht der vielleicht zwanzigjährige Bub hinter dem Tresen und schaut einher wie ein lockiger Hirte auf einer durchaus zweitklassigen Verkündigung eines zu recht vergessenen Nazareners.

Journal :: 25.05.

Auf dem Rückweg bekomme ich sehr, sehr schlechte Laune. Das mag mit dem frühen Aufstehen zu tun haben. Schließlich gehe ich selten um 6.00 Uhr morgens aus dem Haus. Auch der lange Termin mag etwas ermüdend gewesen sein. Dass das sogenannte Bord-Restaurant (der Speisewagen) voll ist mit Leuten, die stundenlang Zeitung lesen, spielt vermutlich auch mit, und dass es den Käseteller nicht mehr gibt, macht das Maß voll. Das einzige an normales Essen erinnernde Gericht ist also aus und ich esse eine annähernd geschmacklose Tomatensoße auf bleichen Spaghetti.

Pünktlich zur Verfinsterung meines Wohlbefindens fängt es in Hannover an zu regnen. Als gebe es sonst keine freien Plätze setzt sich ein fetter Kerl neben mich und schnauft in seinem Fett und seinen Cargohosen. Rund um mich herum lesen Anzugträger in der FAZ und drücken hektisch auf ihren Blackberries herum, als hänge von ihrer stetigen Erreichbarkeit irgendetwas Wichtiges ab, und vor dem Fenster erstreckt sich die norddeutsche Tiefebene als die wahrhaft langweiligste Landschaft der Welt. Ein paar der Anzugmänner führen gottserbärmlich öde Telefonate, und die Arbeit, die ich mir mitgenommen habe, leidet nicht ganz unerheblich unter meiner Müdigkeit. Statt zu arbeiten blättere ich deswegen ein bißchen in der Zeitung und vergesse alles Gelesene sofort. Wie Leute sich mit Politik beschäftigen können, deren Beruf das nicht ist, ist mir ein Rätsel.

Leider steht auch im Feuilleton nichts, was zu behalten sich lohnt. Mein IPod-Akku ist leer, und als dann auch noch am Hauptbahnhof eine bleiche, spitzgesichtige Frau mit grünen Leggings mir beim Bäcker auf die Füße tritt, da, ja, da wird mir klar, dass Tage, die vor acht beginnen, nichts Gutes zu bieten haben. Dass der Taxifahrer auf dem Weg nach Hause dann doch tatsächlich sein Armaturenbrett mit einem Bild des iranischen Präsidenten geschmückt hat, macht den miesen Kohl des Tages dann auch nicht mehr fett.

Ich gehe jetzt schlafen. Und stehe keinesfalls vor halb neun auf.

Journal :: 24.06.

Thalheimer mag ich manchmal. Thalheimers Orestie etwa würde ich sogar ein zweites Mal sehen, „Was Ihr wollt“ in einer Arena aus Schlamm war nicht übel, aber als ich kurz vor zehn das Deutsche Theater nach Thalheimers Wildente verlasse, weiß ich gerade gar nicht so, ob es mir gefallen hat.

In der Wildente geht es um zwei Freunde, oder vielleicht besser: frühere Freunde, von denen der eine der Sohn des Mannes ist, für den der Vater des anderen im Gefängnis war. Das ist bekannt. Nicht bekannt – zumindest dem Betroffenen unbekannt – ist aber, dass der Vater des Freundes auch der Vater des Mädchens ist, das er für seine Tochter hält, und also der frühere Liebhaber seiner Frau. Im Rokoko etwa oder in einem Konversationsstück der Zwanziger wäre dies eine Exposition für eine Komödie mit viel hin und her und Gesang, aber weil die Wildente dem 19. Jahrhundert angehört, als man Probleme ernst zu nehmen pflegte, geht am Ende alles höchst dramatisch in Scherben: Der Freund verrät dem scheinbaren Vater die Wahrheit über seine vermeintliche Familie, die darüber zerbricht, und um das Maß voll zu machen erschießt sich am Ende die Tochter nur halb aus Versehen und liegt tot und blutend auf dem Dachboden herum.

Da es Thalheimers Vorzügen gehört, den Zeithaushalt der stets eiligen Berliner nicht zu überfordern, dauert das Ganze nur so ungefähr zwei Stunden. Damit aber auch in knapp zwei Stunden alles passiert und auch der letzte Zuschauer des Stücks Zusammenhänge und Botschaft mitbekommt, wird jeder Ausdruck, jede Geste, jeder Satz ein bißchen zu sehr aufgedreht, leicht übersteuert, und das nervt. Familienglück muss aussehen wie eine Werbung für Margarine, Unglück krümmt den Unglücklichen wie eine rheumatische Erkrankung, und die Tochter drückt sogar für eine Vierzehnjährige ein wenig sehr intensiv Empfindungen aus, die man vielleicht gerade deswegen kaum teilt. Trotz der Kürze der Inszenierung komme ich am Ende ein wenig ermattet aus dem Zuschauerraum.

Schön immerhin ist das Bühnenbild, eine runde, schwarze, abschüssige Ebene, sehr schlicht. Man sieht das öfter, nicht zu Unrecht, weil es Möglichkeiten bietet, die Räume oft nur mit Hilfsmitteln oder Tricks eröffnen, doch bei allem Können, bei allen überzeugenden Leistungen der Schauspieler (Sven Lehmann sei besonders hervorgehoben), fällt mir auf dem Vorplatz des Theaters bei einer späten Limonade auf, dass die Inszenierung gut war, alles rundherum technisch gelungen, aber gleichwohl zwei Stunden lang nichts auf der Bühne mein Herz berührt hat, und ich weiß nicht, liegt es Thalheimer oder gar an Ibsen.

Journal :: 23.06.

„Mach die Augen zu!“, ruft die C. aus der Küche. Mir gegenüber sitzt der M. 2 hinter einer Rauchglasvase voll Pfingstrosen und blinzelt mit geschlossenen Lidern zwischen den weißen Blüten über den Tisch. Satt und schon ein wenig angetrunken von Grauburgunder und Riesling, Champagner und Crémant sitze ich neben dem J., und das Licht der Kerzen spiegelt sich in den Gläsern und auf dem weißen Porzellan.

Meine Lippen schmecken nach Forelle und buttrigen Kartoffeln in schwarz und violett. Ein bißchen müde bin ich, so übernächtigt wie eigentlich immer, und schaue meiner Freundin zu, wie sie mit einer Torte voller Kerzen ins Esszimmer kommt, hebe mein Glas auf den 35. Geburtstag des M.2 und schmecke der feinen Süße des Crémant, der Sommersäure von Johannisbeeren und der runden, dichten Bitterkeit vom Espresso nach und fühle mich gut, glücklich und aufgehoben zwischen Freunden, zu Hause in einer Stadt, die zu verlassen mich schmerzen würde, und gehe am Ende durch die dunklen Straßen heim, die noch lange nicht leer sind, beglänzt von Nacht, Leichtigkeit und Glück.

Journal :: 22.06.

Heute nacht war die Welt vorbei. Wasser floss aus tiefen Furchen der Erde, und es regnete, als habe es schon immer geregnet und höre auch nie wieder auf. Üppig und grün, ins Riesenhafte vergrößert, wucherten Bäume, Sträucher und Gras. Feucht glänzten die Kelche der Blumen und reckten ihren roten Schlund den Wolken entgegen.

Umschlungen von Ästen und Wurzelwerk lagen Trümmer und Scherben. Mühsam stieg ich über zerfallene Mauern, zog mich an leeren Fensterrahmen hoch und lehnte für Minuten an einer Karosserie. Ein Sessel stand auf freiem Feld, zur Hälfte eingesunken, und auf der Lehnte lag ein großes, schweres Tier und sah mich an.

Überhaupt waren die Tiere zahlreich. Sie kauerten in Nischen. Sie zogen triefend nass über die geborstenen Wege, lagerten unter großen Bäumen, und es war nicht auszumachen, ob große, seltsam verformte Katzen über die Äcker streiften, oder vielleicht Bisamratten, aufgeblasene Frettchen oder gar ins Monströse vergrößerte haselnussbraune Mäuse.

Menschen aber gab es dort nicht. Einmal meinte ich in einem Baum Füße zu sehen, eine schnelle Bewegung, als flüchte dort jemand vor mir, aber als ich näher kam, hingen nur Lianen, Luftwurzeln vielleicht, von der grauen Rinde gen Boden. Erleichtert war ich ob der Leere um mich herum, denn gut ging es mir, ganz allein, heute nacht im Traum. Nass und glücklich wanderte ich durch die Reste der Welt, ließ meine Kleider liegen zwischen den Steinen, rastete auf einer grünen Bank, aus der Moose sprossen und lagerte schließlich schmerzlos im warmen, gärenden Schlamm meines Friedens nach dem Ende der Welt.

Journal :: 21.06.

Die Musik ist schlecht. Kalt ist es auch. Hinter der Kollwitzstraße ballen sich dunkle Wolken zusammen, und zumindest bis zum Erscheinen des R. und der C. können der J. und ich hier auf keinen Fall weg.

Ich bin ein bißchen zu satt von der Pizza aus dem Due Forni, ein wenig müde von der langen Woche und dem gestrigen Tag. Wo ich gern wäre, kann ich gar nicht sagen, aber hier ist es nicht perfekt. Ein See wäre nicht schlecht, spiegelndes Wasser. Vielleicht das Meer.

An ein Meer aber ist gerade nicht zu denken. Höchstens an die Sintflut, denn auf einmal brechen die Wolken auf, vor der Bühne vorm Sowohl als Auch lichten sich die Reihen, der Asphalt wird schwarz und rechts und links öffnen sich Schirme.

Ein paar Minuten stehen wir zu viert unter der Markise des Anna Blume, diskutieren hin und her, was jetzt zu unternehmen wäre, und sitzen schließlich im Vina Blanca, trinken denselben Wein wie immer, wenn wir hier sitzen, und Stunden um Stunden ertränkt der Regen das Fest auf den Straßen. Schade ist das, denke ich mir, tröste mich mit einem katalanischen Dessert mit Frischkäse und Honig und vielen Nüssen und wische den Wunsch nach Meer vom Tisch, nach Reinheit und Frische und Salz, denn was nützen die Wünsche, die keiner erfüllt.

Journal :: 20.06.

Am Morgen zwischen sieben und acht, wenn die Sonne durch den grünen Vorhang scheint, sich schlafend zu stellen. Die Augen fest geschlossen zu halten, zu tun, als höre man das Scharren der Katze an der Tür noch nicht, den langen Atemzügen des J. zuhören und spüren, wie die Zeit- und Ortlosigkeit des Schlafs den scharfen Konturen des Tages weicht.

Sich so langsam herumdrehen, als sei man noch gar nicht wach. Sich wünschen, der Morgen, ach: der ganze Samstag, gehöre mir. Sich vorzustellen, in drei Stunden zu duschen, bis dahin Kaffee zu trinken, eingebettet in Kissen und umhüllt noch von der Wärme der Nacht. Ein wenig Musik, die angefangene Biographie Friedrich II. von Kantorowicz. Vielleicht die raschelnde Zeitung, aber dann doch nicht frei zu sein, nicht zu tun, was einem gefällt, die Zügel des Lebens nicht locker durch die Finger gleiten zu lassen, sondern zwei Stunden hin, zwei zurück durch Norddeutschland zu fahren, die Leere hinter Berlin durchquerend, an einem Esstisch zu sitzen, die Spannung aufrechtzuerhalten, an den richtigen Stellen der Gespräche zu lachen, etwas zu fragen, Ansichten und Erfahrungen zu bestätigen, selber Geschichten zu erzählen, um das Gespräch im Gang zu halten, und sich zuzuschauen bei der Arbeit. Alle paar Minuten die eigene Haltung kontrollieren.

Gegen neun Uhr abends im ICE einfach nur noch zu schweigen. Um zehn die C. zu treffen, endlich die Contenance auf der Stuhllehne abzulegen, die Mühe herunterzuschrauben, die Distanz zwischen Empfindung und Ausdruck stufenweise zu verringern und Wein zu trinken, Pasta zu essen mit Muscheln und Tintenfisch, Interesse zu haben, statt nur Interesse zu zeigen, und schließlich am Schreibtisch zu sitzen, fast ganz bei sich selbst.

Journal :: 19.06.

Wie eine grüne, harte Frucht hängt der Juni unreif in den Bäumen, und statt im Liegestuhl, statt am Strand der Spree oder auf einer Terrasse hoch über Berlin sitze ich im Keller des Mao Thai und esse gebratenes Huhn. Weil es kalt ist, weil ich mich heute geärgert habe und weil ich morgen mit dem J. dessen Eltern in einem einschläfernd langweiligen Kaff in der norddeutschen Tiefebene besuchen muss, motze ich ein bißchen vor mich hin. Schweigend hört der J. mir zu und kaut an einer Ente.

Ich leide derweil an dummen Mitmenschen. An dem Sommer, der im April viel versprach, ohne es im Juni einzulösen. An der unschlagbaren Eintönigkeit meines Lebens, in dem überhaupt nie etwas Amüsantes passiert. An den Eltern des J., die vermutlich seit Tagen Speisen schwer wie halbe Schweine und doppelt so fett vorbereiten für den morgigen Tag. An meinem Neid auf das Essen des J., das viel besser aussieht als meins, das ich gewählt habe, weil es mir irgendwie leichter erschien als eine fettige Ente, und generell an der Welt, am Prenzlauer Berg, an mir selbst nicht zuletzt, und außerdem müsste ich morgen einkaufen und komme nicht dazu. Zum Friseur müsste ich auch.

Aus Rücksichtnahme auf Dritte unterbreche ich meine miese Laune für eine Stunde zu Besuch beim R. und der I. Schließlich können die beiden nichts dafür, dass die Welt gerade nicht nett ist zu mir. Auch der J. hat bei Licht besehen vielleicht nur soviel Verantwortung für die Malaise, wie man Leuten für den Umstand eben zuweisen kann, dass sie Eltern haben, und diese Eltern besucht werden wollen. Nur mit mir, mit mir grolle ich noch ein bißchen und strecke mir im Badezimmer die Zunge weit heraus, rolle mit den Augen und schneide Fratzen und stelle mir vor, dass auch einmal öffentlich zu tun, wenn mir danach ist, möglicherweise gleich morgen.