Alle Beiträge von Modeste

Journal :: 09.05

Wenn Sie der Taxifahrer sind, der heute gegen sieben eine Frau in Jeans mit geschlagenen sechs Einkaufstüten und erheblichen Problemen, diese in Ihrem Wagen zu verstauen, nach Hause gefahren hat, dann haben Sie von mir einen komplett falschen Eindruck. Gut, die violette Kette musste ich nicht kaufen, aber sie sah halt fabelhaft aus, und ich habe sie auch vorhin schon getragen. Die größte Tüte war nicht mal meine, die gehörte nämlich dem J., der noch zu Saturn musste wegen CD-Rohlingen, und seinen neuen hellgrauen Anzug nicht mitnehmen wollte. In der schwarzen No-Name-Tüte war ein weißer Plastikpudel, aber meine Freundin C. hatte halt Geburtstag letzte Woche, und nur mit dem wirklich hübschen, aber komplett und sagenhaft überflüssigen Geschenk aus dem Lafayette wollte ich morgen abend nicht bei der C. vor der Tür stehen.

Die sieben Zentimeter hohen Kroko-Schuhe musste ich einfach mitnehmen, weil sie fabelhaft aussehen und nicht einmal drücken. Das fliederfarbene Kleid ziehe ich bestimmt den ganzen Sommer an, das ist so wahnsinnig bequem und sieht dazu noch gut aus. Den engen, grau-schwarz paspelierten Rock habe ich erworben, weil ich praktisch nichts mehr im Schrank habe, das zum einen zu mir, und zum anderen zu meinem Job passt. Die beiden Oberteile habe ich zur Kasse geschleppt, weil ich ja nicht nur mit Rock und BH ins Büro kann, und etwas anderes besitze ich gerade nicht, das zum Rock passt. Den hellen Rock habe ich gekauft, weil er da war.

Flache Schuhe brauche ich viel mehr, als ich habe. Na schön, ich trage sie selten, aber was würden Sie machen, wenn Sie 1,68 groß (oder klein) wären, und alle Welt auf Sie herab schauen könnte, als wären Sie ungefähr so hochgewachsen wie ein Dackel? Überall kann man halt trotzdem nicht hochhackig hin, und dann ist man froh, wenn man die Schuhe besitzt, die ich jetzt auch noch habe.

Mit übermäßiger Sorge um sein Äußeres hat das rein gar nichts zu tun. Vielmehr spricht hier nur die angemessene Rücksichtnahme auf das ästhetische Empfinden anderer Leute, und ich hab es doch heute morgen schon nicht zum Sport geschafft, und heute abend mit M., M. und dem J. ziemlich viel Sekt getrunken und den ganzen Abend geraucht.

Aber das verstehen Sie nicht, mit Ihrem Vollbart, Ihrem Kopfschütteln und Ihrem halblauten, aber verachtungsvollen „Frauen“, als Sie anfuhren, heute abend in Mitte.

Journal :: 08.05

Am Ende des Abends ist es noch nicht einmal elf, aber ich bin komplett außer Gefecht. An sich hätte ich auch einfach an Ort und Stelle einschlafen können, vielleicht im menschenleeren Raucherraum, umgeben von überlebensgroßen Frauen mit schönen Brüsten, oder einfach auf der gut gepolsterten Bank, noch einen Champagner, vielleicht etwas später noch einen Martini oder einen starken, schwarzen Kaffee, aber statt dessen fahre ich heim. Ich bin gnadenlos satt.

Die Frauen am Tisch vor uns haben ihre Crème Brûlée zum Teil nur halb aufgegessen. Mein Teller ist leer. Das Steak vom Wagyu-Rind ist vermutlich fetter als Mascarpone und doppelt so lecker, aber dafür, so sage ich mir, habe ich weder Sauce noch Kartoffeln bestellt, und ohne Kohlenhydrate – hey, was soll schon passieren. Heute ist Atkins-Tag. Oder so ähnlich. Und der Salat mit Papaya und Avocado und Shrimps dazu ist vielleicht fett, aber sicherlich ungeheuer gesund. Avocados, habe ich irgendwo gelesen, haben eine ungeheuerlich heilkräftige Wirkung.

Rotwein ist sowieso total gut fürs Herz. Eine halbe Flasche Rotwein ist daher noch viel besser, glückliche Menschen werden sowieso älter als Trauerklöße, und deswegen habe ich allen Grund, zufrieden zu sein mit mir und dem Leben und dem reizenden J. als Begleiter, als ich nach Hause fahre, den Weinbergsweg hoch, und nur, weil ich nicht singen kann, bleibe ich stumm und jodele nicht aus vollem Halse:

Es geht mir gut.

Journal :: 07.05.

Manche behaupten, die Phase heimlicher Verliebtheit endet mit 15. Bei Spätentwicklern ende sie mit vielleicht 25. Die K. aber mit ihren 35, obwohl augenscheinlich ganz normal entwickelt und ganz und gar nicht übermäßig jugendlich mit ersten Fältchen um den Augen und zehn Kilo zuviel, hat es augenscheinlich erwischt.

„Das ist, als habe man mit 30 Masern.“, gluckst die Dritte am Tisch und gießt mehr Sojasauce über ihr Essen, als diesem zuträglich sein kann. Die K. jedoch nickt nur traurig und stochert mit ihren Stäbchen in einem Huhn Gong Bao. – „Ruf ihn an.“, versuche ich, etwas Konstruktives zu sagen, aber die K. schüttelt so entschieden den Kopf, dass sich jedes weitere gute Zureden verbietet. Dann also nicht.

Keinesfalls könne sie ihn anrufen, unterstreicht die K. ihre Ablehnung, denn schließlich träfe man sich ständig irgendwo, und dann sei sie für den Rest ihres Berufslebens – in dem gelegentliche Zusammentreffen unausweichlich sind – diejenige, die bei der Konkurrenz angerufen habe, um sich zu verabreden. Überhaupt könne man einen Mann nicht einfach anrufen, der keinerlei Anzeichen für Interesse gezeigt habe, und nach einem Treffen fragen, denn das sei erbärmlich. Man sei nicht einmal auf Du. „Wie soll man in einer mündlichen Verhandlung auch Interesse zeigen?“, frage ich quer über den Tisch. Die K. hat die Stäbchen weggelegt.

Ob ich etwas von ihrem Huhn essen könnte, frage ich mich und wische den Gedanken sofort wieder weg. Mein Tofu mit Gemüse ist seit ungefähr einer Viertelstunde Vergangenheit. Mein Gott, denke ich. Als sei man nicht dick genug. Statt dessen ordere ich mehr Tee.

„Der fühlt sich doch bestimmt geschmeichelt.“, rät die F. zu. „Und wenn schon!“, beendet die K. jede Diskussion. Dann werde er erst recht herumerzählen, sie habe ihn angerufen, einfach so, aus heiterem Himmel, und wie stünde sie dann da. „Als jemand, der sich etwas traut?“, fragt die F. vermutlich rein rhetorisch. Auch sie ist seit inzwischen zehn Minuten mit dem Essen fertig. Um ihre knusprige Ente habe ich sie beneidet.

„Noch was bei den Damen?“, fragt der Kellner und schichtet Platten und Teller zu einem bewundernswert hohen Stapel. „Einen Pflaumenwein?“, fragt er auf dem Rückweg in die Küche, und die F. lacht. Die K. bekomme nichts, sagt sie, als der Kellner verschwunden ist. Die sei ja erst 15.

Die K. lacht kein bißchen.

Journal :: 06.05.

Die B. ist von der Beerdigung zurück. Ein bißchen müde wirkt sie wegen des frühen Aufstehens, des Flugs hin und des Flugs zurück, und die Beerdigung war wohl auch kein Spaß. Ihren Onkel haben sie zu Grabe getragen, alle vier Exfrauen waren da und haben teilweise mächtig geweint. Vor allem die zweite sei fast hinterhergestorben vor Entwässerung, erzählt die B. und fährt mit der Gabel in ihre Pasta, weil zu allem Überfluss auch das Essen etwas karg ausgefallen ist.

Die fünf Kinder hätten teilweise einen etwas unbeteiligten Eindruck gemacht. Gerade der älteste Sohn, zehn Jahre älter als die B., sei umhergestanden, als ginge ihn das Ganze nichts an, seine Tochter fest an der Hand, die später Einiges werde erzählen können von dem Großvater, der ein Fresser und Säufer vor dem Herrn gewesen sei, zwei gebratene Hühner auf einmal habe verschlingen können, und Bier dazu zu bestellen pflegte, als wolle er ein Hopfenbad nehmen.

Mit den Frauen sei der Onkel gleichfalls umgegangen wie mit Bier und Geflügel. Nie habe es ihm gereicht, sogar seinen Nichten habe er schöne Augen gemacht, zumindest in dem Maße, wie ein 120 Kilo schwerer Mann eben schöne Augen machen kann. Zum Ausgleich sei der Onkel mächtig katholisch gewesen, viel gespendet habe er auch, und von seinen drei Wagen hat er einen dem kirchlichen Altenheim gestiftet, damit die alten Leute auch einmal Mercedes fahren. Er selbst hat es nicht mehr ins Altenheim geschafft, nicht einmal bis zur Rente.

Um ein Haar habe es noch so eine Art fünfte Witwe gegeben, erzählt die B. Ihr Onkel habe nämlich Beziehungen nach China aufgebaut, wo massenweise junge Frauen einen dicken Deutschen heiraten wollen. Zur Zusammenführung des Onkels mit der neuen Frau sei es aber nicht mehr gekommen. Die Familie hat’s gefreut.

„Keine schlechte Bilanz.“, sage ich und frage mich, was wohl andere über mich erzählen würden, würde auch mich der Blasenkrebs holen. Dass ich eine nette Person war, würde wohl der eine oder andere erzählen, und mancher würde sich still dabei denken, dass das nicht stimmt. Dass ich viel zu viel arbeite, weil ich nichts, was ich liebe, halb machen kann, und dann sind es eben täglich – heute auch – elf, zwölf Stunden. Dass ich eitel bin, launisch, immer hungrig und ein wenig unstet, würde man sich erzählen, und bei meiner Beerdigung hoffentlich so gut essen, dass niemand von der Leichengesellschaft abends bei einem Italiener in Berlin hintereinander Antipasti und Pasta mit Feigen und dann noch eine Panna Cotta hinterher bestellen müsste vor lauter Hunger.

Journal :: 05.05.

Der Kollege kann sich nicht entscheiden. Eine externe Festplatte soll es sein, aber auf mehreren Metern reiht sich Festplatte an Festplatte, und so kehren wir um. Rechts von uns liegen Stapel von Spielen, bei denen man jemand anders sein kann, ein Rockstar beispielsweise oder ein Landwirt, die Betreiberin eines Ponyhofs oder ein Monster oder Held.

Auf der anderen Seite liegen DVDs. Wer sieht das alles, frage ich mich und betrachte die lachenden oder wütenden Gesichter auf den Covern und schaue den Schauspielern in den aufgerissenen Mund. Wer spielt Stunden um Stunden, jemand anders zu sein? Und liegen die Spieler und Zuschauer abends im Bett, wenn es ruhig wird, und fragen sich, wo ihr Leben geblieben ist, die Tage, Wochen und Jahre, die uns zugemessen sind, und frösteln ob des vielen ungelebten Lebens?

Ruhig aber, gemessenen Schrittes, als ob sie wüssten, was sie tun, schreiten die Kunden über den grauen Fußboden, der Rolltreppe zu.

(Sieben weitere Stunden nach der Rückkehr ins Büro werde ich noch arbeiten, telefonieren, mailen, lesen und schreiben. Ein Abendtermin. 22.50 Uhr daheim. Zwei Scheiben Schwarzbrot vor dem offenen Kühlschrank.)

Journal :: 04.05.

Am Abend werfe ich die letzten Erdbeeren weg. Süß und vergoren steigt es aus der halbvollen Schüssel auf und trägt mich zurück, zwanzig Jahre und einige hundert Kilometer an den Rand des Erdbeerfeldes, wo die M. damals in einer Bretterbude saß. Wir waren eng befreundet.

Die Eltern der M. hatten Erdbeerfelder, und jeden Morgen kamen Türkinnen mit bunten Kopftüchern, ernsthafte, oft ältere Frauen, die die Erdbeeren pflückten. Die M. musste dann wiegen, die Frauen bezahlen, und dann saß sie die halben Sommerferien in der Bretterbude und verkaufte. Die ganze Welt roch nach Erdbeeren, und die M. trug eine braune Schürze mit dunkelbraunen Flecken vom Erdbeersaft.

Jeden Nachmittag fuhr ich an der Erdbeerbretterbude vorbei, meistens vor oder nach dem Reiten. Eine halbe oder ganze Stunde saß ich bei der M., aber was wir uns erzählten, was wir hofften oder erwarteten damals, ist so weit weg wie die M., von der ich nichts mehr gehört habe, seit ich wegzog, erst noch schrieb, und dann wurden die Briefe weniger, seltener und blieben aus. Ich weiß nicht, wie es ihr geht. Vielleicht hat sie die Erdbeerfelder übernommen. Vielleicht aber sitzt auch sie Tag für Tag in einem Büro, trägt einen Hosenanzug statt der braunen Schürze und kommt am Abend spät nach Hause.

So spät wie ich aber kommen wenige heim. 22.45 Uhr war es heute. Die Mittagspause abgezogen habe ich ziemlich genau zwölf Stunden gearbeitet.

Journal :: 03.05.

Ich möchte ein Handgelenkstäschchen haben. Ich will ein Handgelenkstäschchen in einem sehr, sehr pastelligen Pistazienton, ähnlich einem Macaron von Ladurée. Das Täschchen soll länglich sein, etwa doppelt so lang wie hoch, am besten aus Straußenleder, und zwischen dem Täschchen und der Schlaufe, an der das Täschchen an meinem Handgelenk hängt, soll sich ein goldfarbener Messingring befinden. Den Reißverschluss wünsche ich mir gleichfalls in Gold.

Mit dem Täschchen ums Handgelenk würde ich im Prenzlauer Berg spazieren gehen. Ich würde dazu meine neuen Jeans tragen, heute erstanden im Lafayette, das fabelhaft menschenleer war, weil außer mir nur ganz wenige Leute wahnsinnig genug sind, am Sonntag ins Lafayette zu gehen. Diese neuen Hosen werde ich überhaupt sehr, sehr viel tragen, Handgelenkstäschchen hin oder her, weil es sich zweifellos um die Hosen des Glücks handelt, die mir in nur ungefähr zehn Minuten einfach so entgegenflogen. Ich habe nur zwei Paar anprobiert – 29/32, normaler Schnitt, normale Farbe – und beide passten. Ich habe dann die bequemere Hose gekauft, obwohl Bequemlichkeit eigentlich kein Argument sein darf, wenn es um Kleidung geht, denn fängt man mit bequemer Kleidung erst einmal an, steht man eines Morgens auf und schlurft in Trainingshosen einkaufen.

Zu den Jeans und dem Handgelenkstäschchen würde ich eine weiße Bluse tragen. Mein neuer Shawl dagegen passt wahrscheinlich nicht zu dem zarten Pistazienpastell, denn er ist violett, sehr violett, und gleicht dem Shawl meiner Freundin I., den ich mir kürzlich geliehen habe, der mir fabelhaft stand, und den ich so ungern wieder zurückgegeben habe, dass ich mir heute gleich einen sehr ähnlichen, wenn nicht sogar identischen Shawl im Erdgeschoss des Lafayette kaufen musste, das leider zwar viele Taschen führt, auch einige Handgelenkstäschchen feilbietet, aber keins davon pistaziengrün, straußengenoppt, göttlich anzuschauen und (ach!) perfekt.

(Ansonsten viel geschlafen. Abends Maispoularde mit Reis und Salat. Evelyn Waugh zum Frühstück.)

Journal :: 02.05.

10.15 Uhr. Pilates

Ich glaube nicht an innere Werte, aber an innenliegende Muskulatur. Zumindest bei anderen. Weil aber auch ich dieses Jahr – endlich, nur einmal, nur einen Sommer – einen Bikini tragen will, stehe ich um 9.00 Uhr auf, dusche, packe meine frisch erworbenen Sportsachen in eine große Tasche und fahre los. Um 10.15 geht es los.

Außer mir ist noch ein weiterer Kursteilnehmer erschienen, der Pilates wohl schon etwas länger macht. Er schnauft furchterregend. Muss man das so machen, frage ich mich? Mache ich etwas falsch? Indes korrigiert der Trainer die ganze Zeit meine Körperhaltung, schiebt Knie, Arme, Schultern und Hüften hin und her, weil ich nicht so schnell nachkomme mit den Anweisungen, aber zu meiner Atmung sagt er nichts.

Der Anstrengungsgrad ist etwas enttäuschend. Ich hatte mir ein wenig mehr Fettverbrennung vorgestellt, aber komme nicht ein einziges Mal außer Atem. Da muss wohl doch gelaufen werden oder Rad gefahren, denke ich mir, und ziehe ein weiteres Mal die Knie nach oben, die Schultern nach unten, die Hände nach vorn, und dann ist es vorbei. Nächsten Samstag wieder.

11.30 Uhr. Kollwitzmarkt

„Zwei Pfund Spargel und zwei Pfund von den Frühkartoffeln bitte!“ brülle ich an einem Kleinkind vorbei über einen Brokkoliberg. 10 Euro soll das Ganze kosten. Tomaten habe ich noch, Hüftsteaks werden gekauft, Maishähnchen, Salat, Gurken, ein Großeinkauf bei Butter Lindner und dann nach Hause. Nichts wie weg hier. Zunehmend füllt sich der Markt, wenn das überhaupt noch möglich sein sollte, mit schlendernden Menschen, die umhergehen, winzige Mengen kaltgepresster Öle erwerben, sich nicht entscheiden können zwischen dem Pata Negra und dem Serrano-Schinken, und ihre Kinder fest an der Hand durch das Gedränge bugsieren.

Neben mir in der Butter-Lindner-Schlange diskutieren zwei Frauen, ob S*x mit dem Prozessvertreter einer Partei ein Befangenheitsgrund für eine Richterin sei. Ein großer, hübscher Vierzigjähriger zwinkert mir zu, und ich überlege, ob ich den Mann von irgendwoher kenne. Ich erkenne Anzugträger in Jeans oft nicht wieder. Verlegen lächele ich zurück.

Bei Lautz angekommen starre ich ganz fest auf die andere Seite. Ich kann unmöglich Kuchen essen, denn dann werde ich demnächst platzen, präge ich mir ein. Auch den Lakritzverkäufer lasse ich links liegen, kette schnell mein Fahrrad los und fahre weiter. Drei Flaschen Wein lasse ich mir einpacken, zwei habe ich noch, Bier kommt. Das müsste reichen.

„Da bist du ja.“, sagt der J. und trägt fröhlich und frisch geduscht den träge blinzelnden Kater durch die Wohnung.

19.00 Uhr: Spargel

Mit dem Sparschäler in der Hand auf dem Sofa. Spargel schälen, ein bißchen plaudern. Sich fragen, ob man eigentlich fünf oder zehn Leute zum Wein eingeladen hat, und sich dann sagen, das sei doch auch egal. Es werde schon reichen.

Dem J. gegenüber sitzen, Spargel essen, sich über die schlechten Hüftsteaks ärgern, die irgendwie zäh sind, ganz und gar unzerkaubar, und am Ende noch zwei, drei Kartoffeln aus dem Topf essen, mit Hollandaise und grobem Salz dazu.

1.42 Uhr: Zu Bett

Gäste zum Digestif. Einfach im Sessel sitzen, erst Bionade, dann Sekt und schließlich Rotwein trinken, ab und zu etwas sagen, und sich wohl fühlen, weil man umgeben ist von angenehmen Menschen. Am Ende mit dem J. im Wohmzimmer, ihn fragen, ob man noch irgendwohin will, ausgehen, tanzen vielleicht, wie ursprünglich erwogen, und als er abwinkt, zu Bett gehen, weil es allein keine Freude macht, nun ein Taxi zu rufen, vor Türen zu stehen, den Anschluss zu finden an eine fremde Stimmung, ein anderes Tempo, und stattdessen im Bett liegen, den Rechner auf den Knien, und mit den Katzen zu sprechen, als verstünden sie, worum es geht.

Journal :: 01.05.

Weil mir gestern abend um halb neun der Fahrradsattel abkippt, schreibe ich um zwanzig vor neun eine Mail an alle. Weil mir zehn vor neun ein Kollege einen Inbusschlüssel bringt, kann ich um fünf nach neun tatsächlich aufbrechen, aber da bin ich schon fünf Minuten zu spät. Weil ich nicht weiß, wer schon eingetroffen ist im Mao Thai, fahre ich direkt los, um die Reservierung nicht zu verlieren, und mache keinen Zwischenstopp mehr in der LPG. Heute morgen ist also nichts zu essen im Haus. Nicht einmal Brot und Milch. Gefrühstückt wird deswegen auswärts. Auf der Holzterrasse des Café Fleury sitzen der J. und ich unter Straßenbäumen, alle Welt und wir tragen riesige Sonnenbrillen, es gibt Joghurt und Obst und Baguette und Café au lait für den J. und schwarzen Kaffee für mich.

Weil die Nachbarn alle total laut sprechen, und ab und zu rattert die Tram vorbei, muss ich selber noch viel lauter sprechen, damit die C. am Telephon mich versteht. Nervös und etwas unglücklich schaut der J. betreten umher. Er hasse es, zischt er mir in eine Gesprächspause, wenn Leute öffentlich laut telephonieren. Indes sei das nicht zu ändern, zische ich zurück. Die C., höre ich, fährt noch heute nach Dessau und kommt erst Sonntag zurück.

Der J. und ich spazieren ein bißchen herum, sehen den Ausflugsschiffen zu, und kaufen an der Museumsinsel ein paar alte Inselbändchen. Mitte ist schwarz vor Menschen, vorm Pergamon-Museum stehen die Busse aus der Provinz in einer langen Reihe, und aufgeregte Menschen in der seltsamen Kluft, die manche Menschen tragen, wenn sie woanders sind, schießen viele, viele Photos. Auf der Spreepromenade am Bode-Museum, wo sich bis letzten Sommer die Strandbar Mitte befand, stehen nun Tische und Stühle. Sand scheint es nicht mehr zu geben.

Weil es vier Stunden später immer noch nichts zu essen gibt, taue ich auf, was in der Tiefkühltruhe ist. Es soll also Fischcurry geben, Heilbutt, Spinat, Möhren und Reis. Leider gibt es weder Kokosmilch noch Joghurt, ich vermische Madras-Curry, Tomatenmark, Apfelmus und Gemüsebrühe für eine Sauce, die scheußlich schmeckt. Der Heilbutt wirkt schleimig. Nach dem Essen sehe ich den J. auf dem Sofa im Arbeitszimmer liegen und auf den Speisekarten von Restaurants Menüs zusammenstellen, die er bestellen würde, wäre er da. Der J., vernehme ich, möchte gern ins Vau. „Dreierlei vom Lamm“, höre ich noch, als ich den Raum verlasse.

Im Lassunsfreundebleiben gegen zehn trinke ich eine Weinschorle. „Willst du noch irgendwohin?“, frage ich den J., der verneint. Statt auszugehen sehen wir daher eine DVD, Margaret Rutherford spielt Miss Marple, und ich fühle mich gut, aber sehr, sehr alt. Der Kühlschrank ist immer noch leer.

Man wird frühstücken gehen müssen, morgen früh.

Journal :: Mai

Es scheint – aber da mag ich mich täuschen – einen gewissen Rückgang von Tagebüchern und Briefwechseln in Buchform zu geben. Während kaum eine Korrespondenz von Thomas Mann zu existieren scheint, der sich das Verlagswesen nicht angenommen hat, und die Flohmärkte voll sind mit Briefen von Menschen, die zugegeben mittelmäßig gebildete Menschen wie ich lediglich als Fußnote der Politik- oder Literaturgeschichte kennen, ist derlei von Zeitgenossen weniger bekannt: Rainald Goetz fällt mir ein, natürlich Helmut Krausser; ansonsten aber scheint das Alltagsleben zeitgenössischer Autoren wenig publiziert zu werden. Es mag da die generelle Beschleunigung des Alltags eine Rolle spielen, die solchen Publikationen möglicherweise den Käuferkreis nimmt.

Was der Kunst recht zu sein scheint, ist den Nicht-Künstlern offenbar billig. Es gibt kaum echte Tagebücher von Allerweltspersonen auf den Litfasssäulen der elektronischen Welt. Mir zumindest ist kaum ein solches Projekt bekannt, und gelegentlich bedaure ich das Fehlen dieser Fenster in das Leben anderer Leute. Um so lieber liest man ein Experiment wie den geblogten April des geschätzten Herrn Mek, und denkt sich, dass dies eine interessante Sache sei. Wenn nicht für andere (mein Leben ist von durchaus überschaubarem Interesse), so doch für mich.

Nun denn: Journal :: Mai.