Vor dem Aufbruch nach Hause schnell die Strumpfhose ausziehen, um die warme Luft weich an den Beinen zu spüren. An der Metzer Straße nicht, wie sonst, nach links einbiegen, sondern weiter fahren, die Danziger überqueren, noch eine Querstraße, eine zweite, und dann erst fast an der S-Bahn umkehren, quer über den Helmholtzplatz. Langsam wird es dunkel.
An der Kreuzung anhalten, ein Stück schieben, erst wegen der Fußgänger, und dann, um noch ein bißchen unterwegs zu sein und einfach draußen. An der Ampel der starke Geruch der laufenden Motoren. Ein paar Mädchen, die hoch und gepresst lachen, eine Frau auf dem Rad, ein blondes Kind im Korb. Die Sonne gelb und satt und schwer über dem Mauerpark, und sich für ein paar hundert Meter im Abendlicht unsterblich fühlen, weil es nur eine Lüge sein kann, nur unwahr sein darf, dass es das alles gibt, die Welt in Licht und Farbe, die Geräusche, Benzin und den wirbelnden Staub, dass das alles einfach weiter existiert, wenn wir selbst verschwinden und sterben und einfach nicht mehr da sein werden, und der Sommer wird doch nicht weniger schön.
Vor dem Rutz angekommen, haben die C. und der J. keine Lust mehr. Das Publikum des achten Geburtstags dieser in Ostberlin wohlbekannten Weinbar sei im Schnitt – geschätzt von der anderen Straßenseite – ungefähr hundert, wird sich beschwert, und so laufen wir weiter. Irgendwo ein paar Straßen entfernt schlägt es zwölf. Schade, bedaure ich, und denke ein bißchen wehmütig an den Wein, ein paar Häppchen und einen lässigen Tresenabend in Jeans und Shirt. Zum Umziehen nämlich war ich eine gute halbe Stunde zuvor zu faul, und laufe ungefähr in demselben Aufzug umher, in dem ich irgendwann morgens beim Bäcker war: Eine schwarze Jeans. Ein isabellafarbenes T-Shirt für € 4,90, weiße, billige Ballerinas und einen schwarzen Trenchcoat, dem ein Knopf fehlt. Schmuck trage ich keinen, geschminkt bin ich auch nicht, meine Haare stehen ab, und so kommt es mir ein bißchen ungelegen, als der J. und die C. so circa Höhe Reinhardstraße beschließen, es gehe nun ins Tausend. Ins Tausend also. Und das mir in diesem Aufzug.
Vor der Tür des Tausend stehen ein paar Frauen, die sämtlich besser angezogen sind als ich. Nicht, dass ich die Sachen geschenkt haben möchte, aber teuer waren sie ganz bestimmt, und dass die sichtbare Mühe beim Zurechtmachen nicht zum Erfolg führt, lässt mich das Schlimmste fürchten: Die Tür schickt die Frauen weg. Sie seien wohl ein bißchen zu alt und zu dick gewesen, spekuliert der J. etwas später. Männer lässt der Türsteher offenbar gerade gar nicht mehr rein.
Ein wenig Mühe kostet es also schon, auch den J. in die Bar zu bugsieren. Gut sieht er doch aus, mein geschätzter Gefährte, denke ich, und bin noch ein bißchen besorgter, und in der Tat erweise sich alle meine Sorgen als komplett berechtigt. Alle anwesenden Frauen sind auffälliger und ganz sicher kostenträchtiger gekleidet als ich, ganz überwiegend blond, im Schnitt etwa 22, und so fühle mich wie eine Hausfrau beim Staubsaugen bei einem Modelcontest, als ich schließlich neben der riesigen, spiegelnden Kugel an der Wand auf der Bank sitze und Sekt trinke. Es ist rappelvoll. Rechts, links, vor und neben mir schwenken sehr dünne, sehr junge Frauen ihre Handtaschen umher, fahren sich mit gespreizten Fingern durchs Haar und lächeln die durchschnittlich vierzigjährigen Männer auffordernd an. Die meisten Männer, fällt mir auf, sehen aus, als sei ihr modisches Ideal ein russischer Oligarch.
Die C. und ich begutachten Handtaschen und Schuhe und fragen uns, ob es eine gute Idee war, die Energie zwischen zwanzig und dreißig in zwei Staatsexamina zu stecken. Hätte man die damals ja noch im Übermaß vorhandene Zeit in Schönheit investieren sollen? Hätte ich es weiter gebracht, wäre ich damals zur Maniküre und nicht zur Vorlesung Staatsrecht II gelaufen? Was machen die Mädchen hier eigentlich beruflich? Und wie sieht es bei diesen zum allergrößten Teil vermutlich nicht reich geborenen Mädchen in zehn Jahren aus? Wird sich der Aufwand auszahlen, und eines Tages laufen jene Personen behängt mit Einkaufstaschen auf der Friedrichstraße an mir vorbei und schauen mich noch viel abschätziger an, als heute nacht an der Bar?
Einer weiteren Konfrontation mit den „was macht denn die da hier“-Blicken enthebt mich dankenswerter Weise der nachkommende M.2. Genauer gesagt geht die Beendigung der etwas unwürdigen Situation auf die Interaktion zwischen dem Herrn der Pforte und dem M.2 zurück, denn dieser ist auch auf Zureden der C. nicht bereit, noch einmal die Tür zu öffnen. Um den M.2 nicht allein einer einsamen weiteren Abendgestaltung zu überlassen, ziehen auch wir ab. Vor der Tür, sehe ich im Gehen, steht ein weißer Porsche 911, offenbar eine Sonderanfertigung, hinten mit Rennsitzen und Spoiler obendrauf, und am Bug irgendwie dicker, als ich dieses Gefährt in Erinnerung habe. Der Wagen sieht unglaublich aus, und ich hätte ihn jedem zweiten Gast dieses Ladens zugetraut.
Wir gehen also langsam, zu viert nebeneinander, die stille Friedrichstraße hinab. Um nach Hause zu fahren ist es entschieden zu früh. Aufs Reingold habe ich keine Lust, eine Rückkehr zum Rutz passt der C. und dem J. immer noch nicht, und so stehen wir zwanzig Minuten später vorm Shochu. Es ist gold und schwarz hier drin, und die Kissen haben kleine, aufsässige Mähnen. Wie wohl mein Kater mit einem solchen Miniaturirokesen aussehen würde, frage ich mich, und streiche über das harte, dicke Fell.
Die Bar hat eigentlich keine Lust mehr auf uns. Es gebe nur noch eine Runde, stellt sich uns eine Frau in den Weg, als wir kommen. Das sei okay so, bescheiden wir die Dame und setzen uns hin. Eine halbe Stunde später kommen die (in meinem Fall hervorragenden) Getränke. Eine weitere halbe Stunde später dreht irgendjemand das Licht in unserer Ecke dermaßen auf, dass wir gehen. Die Rechnung haben wir schon vorher unaufgefordert in einer Dose auf den Tisch gestellt bekommen.
Einen letzten Wein trinke ich noch, es ist spät, im Visite ma tente in der Schwedter Straße. Die Kellnerin lächelt uns müde und freundlich an, wie immer. Auf der Galerie, hinten in der Bar, feiern ein paar Franzosen irgendetwas, lachen, Gläser klirren, und für einen Moment stelle ich mir vor, es sei elf und nicht drei, und der Abend läge noch vor uns. Hier. Oder anderswo.
Manchmal bei Nacht gerät man in solche Welten. Es ist immer dunkel, fahl, die Sonne nicht sichtbar, und die Menschen scheinen – wie soll man es ausdrücken – durchtränkt von einer schwärzlichen Flüssigkeit. Die Welt überhaupt ist seltsam entfärbt. Der Traum hat Zeit und Raum die Richtung gestohlen; alles passiert gleichzeitig, und so verwundert es nicht, wenn in diesem düsteren, machtvollen Roman gleichzeitig der Römer Cotta nach Tomi reist, die eiserne Stadt am Schwarzen Meer, den verbannten Dichter Ovid zu suchen, und ein Filmvorführer dort eintrifft, in Mikrophone gesprochen wird, und ein Deutscher von den friesischen Inseln hängengeblieben ist hier am äußersten Rand des römischen Imperiums in einem großen Krieg.
Verformt, nein: sich verformend, scheinen die Bewohner Tomis. Was mit ihnen geschieht, geschieht vielleicht aufgrund oder aber vielleicht auch so wie es der verschollene Ovid aufgeschrieben hat, auf lauter kleine, wehende Fahnen, denn alles verwandelt sich hier, alles wird etwas anderes, Menschen versteinern, werden überlebensgroß und mythisch, das Stumme ist beredt, die Literatur webt die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit atmet die scharfe Luft jener Träume, in denen ein Mensch ein Wolf sein kann mit Haaren und Klauen, ein Dorfbewohner ein trauriger König, und jeder eines anderen Haut tragen kann, weil es in dieser Welt keine Unterschiede gibt, die nicht beizeiten verschwimmen.
En passant erzählt Christoph Ransmayr eine kleine Liebesgeschichte, sehr am Rande, zwischen Cotta und der stummen Echo. Eine Menge Geschichten werden so referiert, verwandelt nicht nur gegenüber den wehenden, verlassenen Skripten von Tomi, sondern auch (denn wir alle sind Teil der Handlung durch unser Wissen) gegenüber den Metamorphosen, dieser großartigen, unbescheidenen Dichtung, die wirklich und mehr als andere aere perennius aufgeschrieben und behalten worden ist bis in unsere spätesten Tage.
Ein postmoderner Roman sei Die letzte Welt, entnehme ich den Quellen im Netz. Was auch immer das bedeuten mag, diese Leerformel von der Postmoderne, die nicht mehr besagt, als das etwas vorbei ist, und etwas Neues noch nicht begonnen hat: Zu lesen lohnt es sich sehr, dieser Roman über die Wandlungsfähigkeit aller Verhältnisse, erst recht und in erster Linie sogar derjenigen, die wir für unabänderlich halten, weil der Verlust unserer selbst uns ängstigt und schreckt, mag auch die Erde beben.
Mit dem Sport ist es ja so eine Sache. Irgendwo habe ich gelesen, man müsse fast eine Stunde laufen, um ein Stück Schwarzwälder Kirsch zu verbrennen. Muskelaufbau mag stattfinden, aber wer sieht denn das unter dem Speck? Und während des Sports sieht – seien wir ehrlich – doch jeder ein bißchen komisch aus. Verpackt in bunte, enganliegende Plastikschläuche, schwitzend, mehr oder weniger rot. Überhaupt Schweiß, diese immer etwas entwürdigend wirkende Flüssigkeit.
Schwimmen dagegen ist schon eine andere Sache. Im Wasser fühlt man sich gleich ein bißchen leichter. Wenn man schwitzt, verteilt sich das irgendwie in dem ganzen Wasser. Schwimmen ist in Ordnung. Gut aussehen im Schwimmbad allerdings kann nur derjenige, der krault, denn elegant und pfeilschnell wirken die Krauler. Schnurgerade und schwerelos ziehen die Krauler an mir vorbei. Schwertern gleich ziehen die Krauler ihre muskulösen Arme durchs Wasser. Kraulen möchte ich können, denke ich dann und sehe den Kraulern nach. Sich drehen, wenden, als sei das Wasser nichts, so schnell schwimmen wie ein silbrig glänzender Fisch. Behäbig indes dem gegenüber wie ein sehr, sehr altes Walross ziehe ich langsam einer Wasserschnecke gleich meine Bahnen im Stadtbad Mitte. Eine Bahn Rücken, eine Brust.
Wo die anderen Leute das Kraulen erlernt haben, frage ich mich. Zeigt einem das einer, wenn man klein ist? Wieso hat mein des Kraulens durchaus mächtiger Vater mir diese Kunst vorenthalten? War Kraulen irgendwann einmal in der Schule dran, aber ich war krank? Wieso eigentlich können mehr Männer kraulen als Frauen? Ist das ein Fall für die doch sicherlich bestallten Frauenbeauftragten des Landes Berlin? Wo lernt man Kraulen, wenn man erwachsen ist, und ansonsten schwimmen kann? Kann man irgendwelche Leute fragen, oder wirkt das möglicherweise übertrieben kontaktfreudig? Merkwürdig? Gar irgendwie komisch?
***
Auch meine liebe Frau Engl hat ihre Last mit dem Sport. Zwar fährt diese Dame mit großen, gefährlich aussehenden Motorrädern durch Berlin. Das Reiten auf Pferden indes, höre ich, gehöre nicht zu den Künsten, welche sie beherrsche. Die Pferde, diese doch an sich sehr angenehmen Tiere, seien der Frau Engl viel zu groß.
Einen Reitkurs werde sie daher auch nicht besuchen. Schließlich werden bedrohlich gigantische Pferde nicht kleiner, besucht man Kurse, in denen man die Besteigung dieser Tiere erlernt. Auch Ponies scheinen den Bedürfnissen der Frau Engl hinsichtlich einer ausreichend niedrigen Höhe nicht zu genügen.
Ein Kaninchen entspreche Frau Engls Wünschen an die Größe von sie umgebenden Tieren eher, wie ich höre. Diese Tiere allerdings werfen andere Probleme auf, wenn man sie zur Fortbewegung nutzen will, so dass ich annehme, dass Frau Engl in nächster Zeit nicht reiten, und ich nicht kraulen werde.
Heute abend, meine Damen und Herren, habe ich eine wirklich amüsante Revue besucht. Grell geschminkte Menschen in Tutus tanzten über die Bühne und zogen sich immerzu um. Es wurden eine Menge unterschiedlicher Musikstücke gesungen, welche – wie ich dem Programmheft entnehme – u. a. von John Dowland, Gesualdo und Mozart stammen, aber auch ein Musical war dabei und ein bißchen Operette.
Wenn aus dem Land des Lächelns gesungen wurde, trug man dazu passend monströse Geisha-Kostüme, einmal erschien der (fabelhafte) Chor mit Anubis-Masken, die reichlich blasse Schauspielerin Stephanie Eidt wurde geheiratet, beschmiert und geschlagen, und gesprochen wurde eher etwas weniger: Barrie Kosky hat den Text ganz offensichtlich erheblich gekürzt, ohne dass dies direkt stören würde.
Wie es sich für eine Revue gehört, war die Beleuchtung mehr als ordentlich. Schwarze Luftballons flogen, Wunderkerzen wurden abgebrannt, der Abend hatte Tempo, und es wurde deutlich mehr gelacht, als es im Berghain, vor dessen strenger Tür es schon Tränen gegeben haben soll, ansonsten der Fall ist.
Wenn Sie Strindberg nicht mögen, sind Sie hier richtig.
In Schweden war ich ja sozusagen zweimal. Beim ersten Besuch war ich schätzungsweise sieben, es war Sommer, und alles, woran ich mich erinnere, ist ein Sturz vom Küchentisch, spektakulär und ziemlich blutig. Es muss trotzdem lustig gewesen sein, denn auf den wenigen Photos dieses Urlaubs strahle ich mit einem Mund voller Milchzahnlücken vor einer Kulisse aus Strandhafer und blaublitzendem Himmel in einem roten Badeanzug in die Kamera. In diesem Urlaub waren wir – aber das habe ich alles vergessen – auch in Stockholm. Für einen Tag.
Beim zweiten Schwedenbesuch war ich 17. Mein damaliger Freund wollte angeln, er wollte nach Schweden, er hatte alles organisiert, und weil ich den Plänen von Leuten, die alles organisieren, aus schierer Faulheit nur selten widerstehen kann, fuhr ich mit. Wir waren – das war mir im Vorfeld irgendwie entgangen – vom Meer bestürzend weit weg. Wir saßen zu zweit in einem kleinen Holzhaus, das wirklich aussah wie Bullerbü, nur ohne Nachbarn, und neben dem Haus war ein sehr, sehr großer See, aus dem mein Freund grüne, schleimige Fische zog, tötete und grillte. Sie waren alle exorbitant trocken und schmeckten nach Holzkohle und Ketchup.
Weil sich am See außer dem Haus und meinem angelnden Freund noch sehr viel Wald befand, war alles voller Mücken. Ich las mit Insektenstichen dicht gesprenkelt von morgens bis abends, unter anderem sehr viel Strindberg und Tucholskys Gripsholm, weil das so schwedisch war, aber in der Einöde mit meinem Freund und den Fischen erinnerte leider nichts an die sexy Sommerfrische des dicken Dichters aus Berlin. Es hat dann auch nicht mehr lange gedauert mit meinem Freund und mir.
Im Juni – also in so circa acht Wochen – versuche ich es noch einmal mit Schweden. Geangelt wird diesmal nicht. Zahnlücken habe ich derzeit keine. Einen Flug habe ich immerhin. Ein Hotelzimmer in Stockholm, fünf Freunde kommen mit, und niemand von uns weiß mehr von Schweden als das, was man so landläufig über Skandinavien denkt: Teurer Wein denkt man. Riesige, blonde Menschen. Weiße Nächte Ende Juni (oder war das Russland?). Ikea, H&M, Astrid Lindgren, skandinavisches Design, aber ob es da etwas zu sehen gibt, was man so macht, tagsüber und abends, wenn man drei Tage in Stockholm ist, was es zu essen gibt und wo man das essen sollte – das wissen wir alle nicht.
„Der Lack ist ab.“, kommentiert der M. unseren kollektiven Zustand und liegt damit absolut richtig. Das Berufseinstiegsfett, das jeder ansetzt, wenn er seinen ersten Job mit Besprechungskeksen und fettem Business Lunch antritt, wird rund um den Tisch mehr statt weniger. In den irgendwann mal dunkelblonden Haaren des M. sieht man inzwischen ziemlich viele graue Haare und ein bißchen Kopfhaut, und der S., schräg gegenüber an diesem Terassentisch am Ende der Welt entlang der Radstrecke 1 aus S. schlauem Buch über Fahrradfahren in Berlin, hat haupthaarbezogen inzwischen einen Zustand erreicht, den man als „meliert“ bezeichnen könnte.
Die I., sagt sie, bekäme langsam feine Fältchen auf der Oberlippe, und die M., wie ich höre, an den Augen. Wenn ich morgens aufwache, wirke ich seit ein, zwei Jahren schon ziemlich zerknittert, weil meine generelle Spannkraft halt nicht mehr dieselbe ist wie vor zehn Jahren, und dass der Kellner in diesem Ausflugslokal irgendwo in der Nähe des Tegeler Sees uns siezt, liegt vermutlich nicht nur daran, dass das „Sie“ hier allgemein gebräuchlicher ist als im heimischen Prenzlauer Berg: Ich bin auch in den Innenstadtbezirken inzwischen mehrfach zurückgesiezt worden, wenn ich – unbedacht, man ist ja noch nicht lange alt – Verkäuferinnen oder Kellnerinnen geduzt habe. Man fühlt sich dann immer ein bißchen peinlich und plump.
„Da kommt jetzt nicht mehr viel Neues bis zur Rente.“, behauptet die M. ein paar Stunden später in meiner Küche, in der ich Pasta für alle koche, und ich rühre wortlos in der Pfanne mit den Möhren und dem Sellerie, weil mir nichts einfällt, was ehrlich klingt, aber nicht ganz so deprimierend.
Es gehört zu den sonderbaren und eher etwas befremdlichen Seiten von Robert Wilsons Theaterkunst, alle Protagonisten in die Gestalten eines jener Kinderbücher zu verwandeln, die unter Rückgriff auf historische Kostüme deren Eigenheiten ins Groteske verzerren. Aus Pluderhosen werden also wahre Ballons, und Keulenärmel erschlagen fast denjenigen, der sie anhat.
Nun ist das Drollig-Puppenhafte ja nun nicht ganz ohne Gefahr für ein Stück, und dann, wenn es – wie aktuell am Berliner Ensemble – nicht um ein Märchenspiel geht, sondern um 24 der Sonette Shakespares, bleibt von der Verzweiflung, der Vergeblichkeit, der Gier und dem Wüten der Liebe nichts über ein lustiges, sehr, sehr harmloses Herumtrippeln in einer wahrhaft erschreckenden Fülle der Bühnenbilder. Man kichert also wie ein ziemlich beschwipster Kindergeburtstag. Gegenstände und Personen fliegen an Schnüren herum, ein fetter Amor tanzt und singt aufs Allerpossierlichste, man wechselt die Bühnenbilder öfter als Paris Hilton die Handtaschen, und die gelegentlich charmante, gelegentlich auch nur ein wenig banale Musik des ansonsten ja sehr schätzenswerten Rufus Wainwright macht die Sache dann auch nicht mehr besser.
Ich habe mich gelangweilt. Und zwar nicht zu knapp und das auch gleich über drei Stunden.
Sie war damals vielleicht 45. Sie hatte eine Praxis, sie hatte einen Sohn, und der Sohn hatte eine Freundin. Das war ich. Sie bewohnte mit ihrem Sohn ein kleines weißes Haus in der Innenstadt, das sehr alt und ganz schmal war, auf jeder Etage nur einen großen Raum oder zwei schmale. Insgesamt gab es sechs Zimmer, wenn ich mich richtig erinnere, die angefüllt waren mit Büchern und alten Karten, Silberleuchtern aus Riga und roten persischen Teppichen. Im Treppenhaus hing ein riesiges, etwas gespenstisches Bild von Gerhard Richter, und in ihrem Arbeitszimmer gab es drei Ikonen, die ihr Großvater aus Russland mitgebracht hatte, als er Petersburg 1917 verließ.
Sie war sehr groß, sehr schlank und sehr blond. Sie rauchte Zigarillos, sie konnte lachen wie ein Kutscher oder eine Elfenprinzessin, je nachdem, und wenn sie einen Raum betrat, waren alle anderen Frauen von einer Sekunde auf die andere durchsichtig und blass und eigentlich gar nicht mehr da. Besonders viele Freundinnen hatte sie deswegen nicht, aber Freunde dafür umso mehr. Wenn sie einen Freund über hatte, warf sie ihn raus.
Mich mochte sie. Manchmal zog sie mich an der Hand aus dem Zimmer ihres Sohnes, der auf dem Bett lag, schwieg, las und rauchte. Ich erinnere mich an Stapel von Büchern neben seinem Bett, Tschechow und Rilke. Mutter und Sohn sprachen nicht eben viel miteinander, genau genommen sprach mein Freund überhaupt und mit niemanden viel, aber mit seiner Mutter sprach er nicht nur einfach so sehr wenig, sondern schwieg aus Prinzip. Als er wegzog, fünf Jahre später, kam er jahrelang nicht zu Besuch und rief nicht mal zu Weihnachten an. Ihren Geburtstag, behauptete er, habe er vergessen.
Ich vergaß ihren Geburtstag nicht. Ich rief sogar noch an, als ich zwanzig war und mit ihrem Sohn seit vier Jahren nicht mehr zusammen. Sie lachte dann immer ein bisschen gerührt und sprach gelegentlich von den Nachmittagen, als sie mir Champagner mit ein bisschen purpurfarbenem Likör in kleine, geschliffene Gläser goss und mich in ihrem halbdunklen Schlafzimmer mit alten Kleidern aus vielen Jahrzehnten an- und auszog wie eine Puppe: Ein kleines Schwarzes, zu dem sie mir lange Perlenketten umlegte, die bis zum Nabel gingen. Ein langes, dunkelrotes Kleid aus Taft, zu dem sie mir die Haare hochsteckte und eine Stoffrose aus einer Hutschachtel zog, die sie mit Haarnadeln über meinem linken Ohr befestigte. Ein Smoking über einem weißen Bustier. Ein altrosa Kleid ohne Träger, zu dem ein breiter Paillettengürtel gehörte, den sie mit Sicherheitsnadeln befestigte, damit er nicht verrutschte.
Zu jedem Kleid erzählte sie mindestens eine Geschichte, in der meistens ein Mann vorkam, immer ein Abend oder eine Nacht, und alle Geschichten, die sie erzählte, hörten sich an, als sei die Liebe nicht etwas, das mit schweigenden, rauchenden Lesern zu tun hatte, die so bedächtig ihre Inselbändchen in der Hand wogen, als komme es darauf an, ihr Gewicht aufs Gramm festzustellen. In ihren Geschichten schien die Liebe mit dem Meer verwandt zu sein, mit Schärfe, mit Salz und der Kälte von Gischt. Männer kamen vor, die gefleckt schienen vor Wildheit und geduckt vor Hass und Begehren. Etwas Metallisches meinte ich damals zu spüren: Einen Geschmack von schwerem, tödlichen Eisen, von Rost und frischem, hellrotem Blut.
Sehr verwirrt kam ich ein oder zwei Stunden später die Treppen wieder hoch und legte mich zu meinem Freund. Meistens las er, gelegentlich schlief er auch, und nie fragte er mich, was seine Mutter mir erzählte oder was wir taten, wenn wir in ihrem Schlafzimmer verschwanden. Kurzsichtig und immer etwas müde streichelte er mir mit der linken Hand über den Rücken, sein Buch fixiert mit einem Kissen, und eine Zigarette zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger seiner Rechten. Warme Hände hatte er, das weiß ich noch, und die Hände vermisste ich am meisten, als ich nicht mehr kam, ein paar Monate später, weil das dort die Liebe nicht sein konnte: Ein bisschen Wärme und eine liebevolle Nachlässigkeit und nichts von Sinken, Gefahr und Verhängnis. Es warte, wenn ich nur suchte, noch etwas Anderes auf mich, nahm ich an und atmete der Liebe entgegen.
Mit den Jahren aber kam und ging die Erwartung wie Ebbe und Flut, doch das Meer blieb still. Ab und zu lehnte ein Schatten in der Tür, lächelte, zeigte mir seine Zähne, die schlanken, blutigen Hände, wartete vergebens und zog wieder ab. Wer kam und blieb, hatte warme Hände, war freundlich, und roch nach Holz, nach Zimt vielleicht, aber nie nach Meer, nach Blut oder Eisen.
Das sei gut so, sagte ich mir irgendwann, und das Eine das Andere mehr als wert. Nicht zu ändern sei das alles zudem, denn die Liebe ist ein Talent wie jedes andere auch, und wer für das Warme begabt ist, ginge im Scharfen, Kalten, wo die Messer sich drehen, wohl unter. Alles sei daher bestens, wie es nun ist, sage und glaube ich mir, und doch kann ich Jahr für Jahr, in den ersten, wärmeren Nächten spüren, wie etwas vorübergeht, zum Greifen nah, nur eine Armeslänge entfernt, und ein Duft in der Luft liegt, betäubend und süß und scharf, aber nicht für mich.
(Ich wüsste gern, wie es ihr geht. In ein paar Tagen hat sie Geburtstag.)
Manche Traumata sind ja eines Tages einfach da, und dann braucht man Jahre beim Therapeuten, um sich zu erinnern, wie alles so kommen konnte, wie es gekommen ist. In manchen anderen Fällen – etwa meinem ganz persönlichen Bikiniproblem – dagegen ist der Sachverhalt klar:
Man stelle sich also eine dreizehnjährige Modeste vor. Mittelgroß, mittelschlank, langhaarig, aufs Scheußlichste bebrillt, und das ganze Wochenende allein zu Haus. Es ist Juni. Vor dem Fenster des Kinderzimmers (orangefarbener Teppichboden, Kiefermöbel) schwanken die Äste eines Obstbaums hin und her. Im Garten, ein Stockwerk tiefer, läuft der Hund durch die Beete und schnappt vergeblich nach Insekten. In der Küche stehen Erdbeeren im Kühlschrank, in der Obstschale liegt ein bisschen Geld für etwas zu Essen, und neben meinem Bett liegt ein Haufen Zeitschriften, die meiner Mutter gehören. Brigitte war, glaube ich, dabei. Madame, Cosmopolitan und die Vogue.
Auf die Idee, man könne ähnlich aussehen wie die Frauen in der Zeitung, bin ich, glaube ich, gar nicht ernsthaft gekommen. Nicht einmal die ausgestellten Kleidungsstücke wollte ich haben, aber dass die Frauen in der Zeitung richtig aussehen, voll und ganz und unerreichbar regelgerecht, das war mir klar, und so stand ich auf, wühlte in dem Rucksack neben meinem Schreibtisch nach einem Lineal und dem Taschenrechner, und vermaß die abgebildeten Damen vertikal wie horizontal, setzte die Länge der Hochglanzfrauen in Relation zur eigenen Größe und setzte anhand der abgebildeten Schönheiten den Maßstab der eigenen Schönheit fest. Dann stand ich auf und ging zu meinen Eltern. Genauer gesagt: In ihr Schlafzimmer. Da stellte ich mir vor den Spiegel.
Was ich sah, gefiel mir nicht. Noch schlimmer: Es stimmte – nachgemessen mit einem Zentimetermaß – auch in keiner Weise mit dem Maßstab der Schönheit überein, den ich mir aufgeschrieben hatte. Zum einen beruhte das auf einem schon damals bedauerlichen Übergewicht, zumindest gemessen an der Sollvorstellung, welche für Frauen gilt, die in Zeitschriften abgebildet werden. Zum anderen aber waren auch die grundsätzlichen Proportionen meines Körpers verhältnismäßig weit weg von dem Zustand, wie er hätte sein sollen. Die Beine waren zu kurz, die Arme etwas zu lang, und mein Bauchnabel war zu hoch. Deutlich zu hoch: Anstatt mittig knapp oberhalb der Hüftknochen, saß und sitzt mein Nabel circa fünf bis sieben Zentimeter näher am Brustkorb. Ich war erschüttert.
Eine operative Verlegung des Bauchnabels kam schon aus Kostengründen keineswegs in Betracht. Einen Freund, vor dem es sich unbekleidet zu präsentieren gelten würde, würde ich mit diesen Proportionen, nahm ich an, ohnehin nicht einmal angezogen von mir überzeugen können. Die einzig bedenkliche Situation war damit der Strand, oder zumindest die Badestelle um die Ecke. Ziemlich belämmert und mit hängendem Kopf begab ich mich also wieder in mein Kinderzimmer und knüllte meinen ersten, vor wenigen Wochen erstandenen roten Bikini mit den weißen Punkten in der Sportbekleidungsschublade ganz nach hinten. Im folgenden Sommer trug ich also wieder Badeanzug.
Einen weiteren Bikini habe ich nie erworben.
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