Am Morgen um halb acht eine Stunde vorm Wecker zu erwachen, die Katze zu füttern und auf dem Balkon zu sitzen, weil da die Sonne scheint. Ein braun-blaues Streifenshirt zu tragen, mit dem ich nie, nie vor die Tür gehen würde, weil ich in dem Ding aussehe wie eine Anstaltsinsassin, und untenrum eine alte Männerunterhose, weil das so verdammt bequem ist und es ja eh keiner sieht. Meine neue Sonnenbrille zu tragen, einen Strohhut von H&M, und Kaffee zu trinken aus einer völlig unmöglichen Tasse, die ich mal von meinem damaligen Chef geschenkt bekommen habe, als ich Referendarin war. Sieben Jahre ist das her. 2002.
Die Katze auf den Schoß nehmen und streicheln, die behaglich ihre Krallen ausstreckt und wieder einzieht und dabei rote Striemen auf meinen Oberschenkeln hinterlässt. Ich bin so weiß wie der Mond, fällt mir auf. Zwischen den Häusern explodieren gerade die Kastanien, als gelte es, an einem einzigen Tag zwischen morgens um sechs und abends um sieben alle Blätter auf einmal zu bekommen.
Auf einmal keine Lust mehr zu haben auf Ransmayrs Letzte Welt, obwohl das ein wirklich sehr, sehr großartiges Buch ist, aber nichts für diese betrunkenen, übermütigen Tage zwischen Winter und Wärme, in denen der Himmel voll der wehenden Girlanden zu hängen scheint in Grün, in Flieder und Gold, und der Sommer selbst im Hinterhof seine Geige stimmt. Hier ist nicht Tomi, lege ich das Buch beiseite, blinzele in die Sonne, und flüstere der Katze in die Ohren, dass dieser Sommer unser Sommer sein wird, und jeder Rittersporn, aller Raps und jeder Kirschbaum der Welt, jedes Weidekätzchen an fernen Bächen und jeder Korb voll Maigrün und Moos und roten Beeren für mich. Für mich.
Berlin leuchtet. Schräg hinter meinem Begleiter spiegeln sich Sonne und Spree in den Fensterfronten des Jakob-Kaiser-Hauses, und jeder, dem ich schon einmal die Hand geschüttelt habe in den letzten Jahren, strahlt und winkt mir im Vorbeilaufen zu, als überbringe er mir und dem Rest der Welt eine ganz besonders freudige Botschaft. Mit vollem Mund, vor mir einen Teller Tagliatelle mit Lamm und Kirschtomaten, winke und lache ich zurück. Das Leben ist schön am Freitagmittag, und Berlin ist es besonders. Mein Gegenüber jedoch sieht das grundlegend anders.
„Das Wetter. Der Dreck Und diese Unfreundlichkeit“, mäkelt er mit einem ganz, ganz langen „U“ an der nun auch schon wieder seit mehr als zehn Jahren neuen Heimat herum und vergleicht wortreich Berlin und Bonn: Berlin verliert immer. – In Bonn, so höre ich, habe sich noch jeder gekannt. Berlin dagegen sei viel zu groß, und zudem seien die Berliner heillose Fälle: Die Kellner schweißstinkend und ruppig, die Verkäuferinnen barsch, fett und ungepflegt, und das Fräulein auf dem Amt langsamer als eine fußkranke Weinbergschnecke. Außerdem sei das Berliner Essen notorisch schlecht.
„Man muss ja nicht im Eisbein-Eck essen.“, verkneife ich mir meine Meinung über die insgesamt ganz gute Berliner Gastronomie, denn die Freunde des ehemaligen rheinländischen Regierungssitzes von den Vorteilen ihrer Umsiedlung an die Spree zu überzeugen, ist – wie vielfach erfahren – von vornherein sinnlos. Wozu also, denke ich mir, die Berliner Sommer loben, die die langen, grauen, widerlich kalten Winter doch mehr als wettmachen. Warum darauf hinweisen, dass Metropolen stets dazu neigen, lauter, chaotischer und dreckiger zu sein als ein niedliches Universitätsstädtchen in der Provinz, in dem sich ganz bestimmt gut leben lässt, wenn man sich auf Erden in erster Linie für den Bau eines Eigenheims und die Vorgartenpflege interessiert? Und dass es nutzlos ist, diesem Herrn vorzuhalten, dass die Berliner Unfreundlichkeit ein Mythos ist, ein nie real gesichteter Wolpertinger des Stadtlebens, liegt dermaßen auf der Hand: Ich schweige also und esse.
Tatsächlich verhält es sich nämlich so: Die Berliner sind charmant. Die Taxifahrer der Stadt machen ihren Kundinnen überraschend poetische Komplimente zu schönen Haaren, Augen und Zähnen, verschenken türkisches Konfekt oder Mozartkugeln, schalten Taxameter aus, wenn sie sich verfahren haben, und selbst wenn sie kein Wort deutsch sprechen, weil sie mit der Lizenz von sonst wem unterwegs sind, sind sie zum Ausgleich fast ausnahmslos sehr, sehr nett. Wenn sie komische Ansichten über Gott und die Welt haben, äußern sie sie wenigstens ziemlich putzig.
Die Berliner Verkäuferinnen sind so gut wie alle wahnsinnig freundlich. Ziemlich oft haben sie zwar keine Ahnung, weil gerade die hübschen Mädchen in vielen Boutiquen verkleidete Studentinnen sind, die weder das Sortiment kennen noch wissen, wo irgendwas ist, aber nett und gutartig und mit einem Sack guter Laune zwischen den Waren stehen. Manchmal hat man sogar Glück wie gestern auf der Sonnenbrillenjagd am Hackeschen Markt, wo die blonde, freundliche, sehr gepflegte und ausnahmsweise wirklich kompetente Verkäuferin mir eine Sonnenbrille hinhielt, auf die ich selber nie gekommen wäre: Die Brille sah großartig aus. „Die sind diese Woche alle runtergesetzt!“, pries die Verkäuferin die sehr, sehr überzeugende Preisgestaltung für das gute Stück, verkaufte dem J. noch eine braune Ray-Ban und applizierte meinem ziemlich kurzsichtigen geschätzten Gefährten als Draufgabe ein paar Dailies.
Sogar beim Bäcker, wo am Sonntagmorgen der ganze Prenzlauer Berg in der Backstube neben dem Café seine Semmeln kauft, bleiben die Verkäuferinnen nett. Selbst wenn man zum wiederholten Mal in Folge Bargeld vergisst und deswegen versucht, € 2,30 mit Karte zu zahlen, gibt es keine bösen Blicke, sondern nur den Vorschlag, den Kuchen des nächsten Kunden mit der Karte mitzubezahlen, und der gäbe einem dann das Geld. Der nächste Kunde, ein mittelalter Pseudobrite in Cord und Tweed wiederum offeriert, mir die Semmeln zu schenken, und nach einigem Hin und Her nehme ich an. Als Dankeschön gebe ich ihm den Lolli, den mir der Fischmann vom Kollwitzmarkt allwöchentlich in die Hand drückt.
Aus dem KaDeWe komme ich vor zwei Wochen mit genug Pröbchen für eine ausführliche, zur Stunde noch nicht abgeschlossene La Prairie vs. Elizabeth Arden-Testreihe. – im Schuhgeschäft Orlando nimmt die Schuhverkäuferin eine ganze Schaufensterpuppe auseinander, weil mir ein Rock mit Satinpasse in taupe noch besser gefällt als die dieses Jahr leider total unüberzeugenden Schuhe, und er anders von der Puppe irgendwie nicht abgeht. – Weinhandlungen verlässt man oft mehr als nur ein bisschen angetrunken, weil die Händler einem außer den Weinen, von denen man einen kaufen will, einen Cava einschenken, um auf das Wochenende anzustoßen, oder einen Eiswein, damit man sich mit ihnen an diesem großartigen und nach Ansicht von Weinhändlern vielfach unterschätzten Produkt freut.
Ganz generell: An Berliner Türen klopft man eigentlich nie vergebens. Ich weiß nicht, wie man beschaffen sein muss, um irgendwo nicht reinzukommen, gleichgültig, ob man da etwas zu suchen hat oder nicht. Die Berliner Clubs sind die demokratischsten der Welt, und völlig egal, in welchem Restaurant man anruft, nie sind die Mädchen am Telefon überheblich, und selbst ein so wahnsinniges Unterfangen, wie am Samstag um fünf zu versuchen, im Grill Royal um acht einen Tisch zu bekommen, funktioniert entweder, oder es tut der Frau am anderen Ende des Telefons wirklich leid. Nächstes Mal wieder, Frau Modeste.
Überhaupt sind die Berliner Kellner super. Die meisten haben keinen Schimmer, ob man von rechts oder links serviert, ab und zu schwappen Cocktails beim Versuch, das Glas abzustellen, überraschend einfach über, sie duzen die konsternierte, steinalte Oma des J., vergessen manche Bestellungen oder bringen einem irgendetwas, was man garantiert nicht haben wollte, verzählen sich bei der Anzahl bestellter Austern („verdammt – das sind ja echt nur elf!“), aber man käme sich kleinlich vor, nähme man übel. Tatsächlich ärgert man sich nur ganz, ganz selten. Ich habe keine Ahnung, wie es zu den Testberichten im Netz oder im Gault Millau kommt, in denen diesem oder jenem Laden die Arroganz seiner Kellner vorgeworfen wird: Ich habe in sieben Jahren nichts am 103 auszusetzen gehabt. Ich bin weder rund um den Gendarmenmarkt noch vor und hinter der Weidendammbrücke jemals anders als herzlich bedient worden, und die Reaktion auf jede Panne, vergessene Bestellungen oder ausgegangene Getränke war stets ehrliches Bedauern und meist ein Versuch der Kompensation: Der Whiskey in der Bebel-Bar, von dem nur noch so wenig da war, dass mein Begleiter einen zweiten, anderen dazu bekam. Der falsche Champagner meiner Freundin C., die als Ausgleich (das richtige Getränk war nicht mehr da) drei Schälchen mit Finger Food erhielt. Die vermeintliche Störung in der Victoria Bar durch eine Veranstaltung, die dem J. und mir ein paar Teller mit irgendwas Leckerem drauf bescherte, und ab und zu die schiere und anlasslose Nettigkeit, wie der völlig überdimensionierte Lammfleischberg des J. im Paris Moskau letzte Woche, als der geschätzte Gefährte beschloss, das – wirklich empfehlenswerte – Jubiläumsmenü um einen weiteren, mehrfach an uns vorbeigetragenen Gang zu erweitern.
„Ich mag die Stadt.“, sage ich daher und lege die Gabel auf den Teller. Sofort kommt der Kellner und räumt ab. „Ich lebe lieber in meiner Stadt als in ihrer.“, hätte ich sagen können, aber schweige und rauche, und sehe der Stadt zu, wie sie rechts und links der funkelnden Spree atmet und lächelt und glänzt.
Jeden Morgen, erzählt man mir, steht die D. um 7.30 auf. Dann putzt sie Zähne. Weil die D. abends duscht, reicht morgens eine Katzenwäsche. Um 8.00 Uhr steht die D. vor ihrem offenen Kleiderschrank und überlegt, was sie anzieht. Ihr Hund Yoram schaut ihr dabei zu. Jeden Montag muss die D. wegen einer Besprechung ein bisschen früher ins Büro als sonst. Dann verschiebt sich ihr Plan eine halbe Stunde nach vorn. Dass ärgert die D., nicht nur wegen der halben Stunde Schlaf, sondern auch wegen ihm.
Von Dienstag bis Freitag dagegen trifft sie ihn regelmäßig. Er ist so circa 40 und steigt jeden Morgen in dieselbe Bahn wie die D. Er ist schon etwas grau, glatt rasiert und sehr, sehr schlank. Er sieht konservativ aus, trägt dunkle, spiegelnde Schuhe, klassische Anzüge, die teuer aussehen, und im Winter einen dunkelgrauen Mantel. Manchmal trägt er eine Aktentasche. Meistens nicht.
Wenn die D. in die U-Bahn an der Rosa-Luxemburg-Straße steigt, steht er immer schon auf dem Bahnsteig. Die D. trinkt jeden Morgen einen Latte Macchiato, den sie sich auf dem Weg zur Bahn holt. Er trinkt nie irgendetwas, und beim Essen hat sie ihn auch noch nie gesehen.
Obwohl die D. ihn jeden Morgen sieht, grüßen sie sich nicht. Einmal hat die D., als sie an ihm vorbeiging, halblaut „Guten Morgen“ gesagt, aber er hat nur kurz aufgesehen und dann wieder weg. Deshalb nimmt die D. an, dass er nicht gegrüßt werden will. Er grüßt aber auch keine anderen Leute, und während die D. in der U 2 Richtung Mitte jeden Morgen ihre E-Mails checkt, sitzt er einfach nur da und liest die ersten Seiten der FAZ. Wenn sie aussteigt, Haltestelle Stadtmitte, bleibt er sitzen.
Dass sie ihn in verliebt wäre, wäre, sagt die D., zuviel gesagt. Er interessiert sie. Wenn sie allein zu Hause ist, stellt sie sich manchmal vor, er würde klingeln. Wenn sie an ihm vorbeigeht, verlangsamt sie ihren Schritt. Ab und zu sitzt sie in der Bahn neben ihm und kann ihn riechen. Er riecht nach einem Parfum, das „Limes“ heißt, und ich frage mich für einen Moment, woher sie das weiß. Vielleicht hat sie an vielen Fläschchen gerochen, um herauszufinden, wie dasjenige heißt, das im Bad des fremden Herrn zu Hause steht.
Oft hat sich die D. schon gefragt, wo er hinfährt. Bis zum Zoo würde niemand mit der U-Bahn fahren, denn dort bringt einen die S-Bahn schneller hin. Vielleicht fährt er nur bis zur Mohrenstraße, möglicherweise arbeitet er auch am Potsdamer Platz. Dort haben viele Männer ihr Büro, die Anzüge tragen und in der FAZ lesen.
Letzte Woche, erfahre ich, ist die D. deswegen einfach sitzen geblieben. Sie ist nicht an der Stadtmitte ausgestiegen, sie hat einfach weiter ihre E-Mails gelesen, und abgewartet, wo er hinfährt. Nachgegangen, sagt sie, wäre sie ihm aber nicht. Eine Station weiter wäre sie ausgestiegen, dann wäre sie umgekehrt, mit der nächsten Bahn zurückgefahren und hätte im Büro gesagt, sie habe eine Bahn verpasst. Er aber habe ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.
„Aussteigen nicht vergessen.“, habe er ihr gesagt, ohne aufzuschauen von seiner Zeitung. Rot sei sie geworden, aber das habe er vermutlich nicht gesehen, und dann sei sie direkt eine Station nach Stadtmitte ausgestiegen. „Danke“, habe sie ihm zugerufen, als sie ging, aber er habe nichts gesagt, nur genickt, und wo er aussteigt, weiß sie immer noch nicht.
Sich am Ende der Woche zwischen den Mühlsteinen herauswinden. Ins Tageslicht blinzeln, die Hände vor die Augen schlagen und die Lippen zusammenpressen: Nicht schreien. Statt dessen einfach weiterlaufen und so tun, als sei alles in Ordnung, als sei die Welt ganz, und die Taubheit normal. „Ich bin ganz schön alle.“, zu sagen, und alle lächeln und nicken, als sei das völlig in Ordnung, und haben dabei sogar auch noch recht.
Am Samstag zu früh aufwachen von den Hammerschlägen im Kopf. Herumlaufen. Tüten am Arm. Am Abend zu tun, als sei man jemand, an den man sich lose erinnert. Ein Restaurant auszusuchen (schade, das nächste Mal – für zwei um acht?), einen Tisch zu reservieren, sich die Lippen rot zu malen und sich anzuschauen für eine Minute im Spiegel im Bad. Links ist es schlechter als rechts, denke ich, aber das sieht man nicht, und dann geht es los. Mit dem Taxi die Invalidenstraße abwärts, vorbei an den Bars, am Hauptbahnhof, über die Spree, die – stelle ich mir vor – jeden Moment heiß werden, gar brennen könnte, und all die Asche rieselte weiß über die Stadt und deckte uns alle zu und es würde still, der Himmel lastete schwer auf der rissigen Erde und es wäre vorbei.
Zu mir aber käme er ganz bestimmt nicht als ein deutscher Philosoph und noch nicht einmal als Pudel. Ein ganz normaler Mann säße, komme ich heim, auf dem Sofa, rauchte starke, scharfe Zigaretten und deutete, stünde ich in der Tür, auf meinen Sessel, als sei er hier daheim und nicht ich. Da säßen wir dann, und ich sähe ihn an.
Ich wisse schon, was er von mir wolle, würde er sagen und füllte sein Glas mit meinem Wein, und obwohl er recht hätte, schüttelte ich den Kopf. Er würde lachen. Sehr aufgeregt wäre ich, weil man derlei Besuch nicht oft bekommt, und würde ihn genau betrachten, um später aller Welt erzählen zu können, wie er aussieht. Dunkel stelle ich ihn mir vor, zartgliedrig und hübsch, mit blauen Schatten unter den Augen und langen, wächsernen Fingern. Einen Anzug hätte er an, italienisches Fabrikat, einen Ring am rechten, kleinen Finger, und seine Schuhe glänzten so sehr, als sei er nicht zu Fuß gekommen, und das würde wohl auch so sein.
Dann aber sprächen wir von Geschäften. Dass man es ja eh nicht richtig machen könnte, würde er werben, und dass jeder schuldig würde, ausnahmslos und immer. – Vor dem Fenster aber leuchtete der Abend, als gebe es ihn nicht, und auf dem Tisch verströmte ein Strauß Tuberosen die ganze süße, betäubende Fäulnis des Sommers. Heiß wäre mir, und mein Blut schlüge mir hart an die Schläfen.
Dass nichts vollkommen sei, und die Vollkommenheit selbst unerträglich, würde er wispern. Dass jedes System fehlschlüge, weil der Fehler älter sei als alle Logik. Dass die Marktwirtschaft etwa, würde er sagen, an der Gier kranke, und der Sozialismus an der Trägheit. Dass die Schönheit zum Hochmut verführe, die Hässlichkeit zur Larmoyanz, dass man den einen Mann verlasse, weil er zu langweilig sei, und den anderen, weil man ihn nicht aushielte, und nur der sei zu beneiden, der die Fehler einbaue, annehme, der selbst zum Fehler würde und tanzte lachend, den Preis des Fehlers in den vollen Händen. Dass doch ohnehin, wie es sei, alle Mühe vergeblich sei, und die Mühe selbst daher zu verwerfen. Dass am Ende doch gleich sei, ob das Scheitern trotz der guten Vorsätze oder wegen der schlechten eingetreten sei, und nur derjenige wahrhaft klug zu nennen, der im richtigen Moment die Augen zu schließen imstande sei und dies auch tue.
Fast vernünftig erschiene mir seine Rede. Die Katzen aber maunzten ängstlich im Bad. Die Blumen welkten von seinem Anhauch, und vor dem Fenster triebe ein plötzlicher Windstoß alte Blätter durch die Straßen, und ich schlänge erschauernd die Arme um meinen Leib, als gelte es, mich zu schützen. Er aber würde lachen. Dass jede Ziererei vergeblich sei und ganz und gar ridikül, würde er brüllen, ausgelassen, mit aufgerissenem Mund und spitzen, schadhaften Zähnen. Dass ich, wir alle, das alles Leben vor und hinter der Tür, sein längst sei, dass nur der Preis, der Lohn noch Verhandlungssache, dass ich es mir überlegen könne oder auch nicht, und in einer Welt aus Falschheit das Richtige nichts weiter sein könne als dumm.
Wütend würde ich werden, und wiese ihm die Tür. Bebend vor Lachen bliebe er sitzen, streckte die Hand nach mir aus, sekunden- ach: minutenlang und vielleicht, möglicherweise, ich weiß es nicht genau, griffe ich zu und würde es bedauern im selben Moment.
Warum nicht gleich so, würde er sagen, und ich läge, klopfenden Herzens, an seiner Brust.
Es ist ja nicht so, dass hier grundlos gejammert würde. Tatsächlich verhält es sich nämlich so:
Unter der Woche läuft alles prima. Morgens stehe ich auf und esse gar nichts. Mittags gehe ich essen. Entweder gibt es Salat. Oder es gibt Sushi. Einmal die Woche esse ich chinesisch, meistens Hühnchen mit Gemüse. Ab und zu esse ich Nudeln, gelegentlich ein Steak, und abends gehe ich wieder irgendwo essen. Wenn es hinhaut, irgendetwas Leichtes. Am Wochenende aber schlägt der Gott der fetten Speisen so richtig auf die Pauke.
Am Freitagabend also treffe ich den J.2. Jenem reizenden, mir seit vielen Jahren vertrauten Herrn schlage ich vor, japanisch zu essen. Oder Thai. Die Mails gehen vier- fünfmal hin und her. Der J.2 ist aus irgendwelchen obskuren Gründen strikt gegen den Fischverzehr, so dass die japanische Küche faktisch ausscheidet. Thai findet er ohne Angabe von Gründen doof. Am Ende sitzen wir im Jolesch, er isst Schnitzel, ich esse Tafelspitz, und dass ich die Kartoffeln stehen gelassen habe, macht den Braten dann auch nicht mehr fett, bzw.: Es macht die Mahlzeit nicht mehr magerer. Weil wir schon mal da waren, habe ich vorher Tartar von der Jacobsmuschel bestellt, mit Brunnenkressemousse aus Sahne dazu. Danach gab es Sorbet. Mit Kokosmilcheis.
Am Samstag wache ich auf und der geschätzte Gefährte J. ist krank. Wie es so zu gehen pflegt, wenn man am Vorabend vier Bier auf seit dem Frühstück nüchternen Magen trinkt, fühlt der J. sich enorm unwohl und jammert leise vor sich hin. Ein Versuch, den maladen Magen nach einem Charles Bukowskis Werk entnommenen Vorschlag mit einem hartgekochten Ei zu heilen, schlägt überaus drastisch fehl. Ich koche also magenberuhigende Kartoffeln. Dazu gibt es Gemüse. Dann kaufe ich ein.
Nachmittags besuche ich eine charmante Dame, ihren hübschen Hund und ihre reizenden Söhne. Es gibt Sekt, es gibt Torte. Es gibt Petit Fours und Hefekranz. Es gibt Schlagsahne. Ich nehme von allem, weil man die Feste feiern soll, wie sie fallen, amüsiere mich bestens und dann fahre ich heim. Zwei Stunden später kommen ein paar Gäste, weil der J. Geburtstag hatte.
Weil gerade weder der J. noch ich Zeit und Lust zum Zubereiten von Speisen haben, klingelt es absprachegemäß um sieben. Ich bin noch unterwegs, der J. öffnet die Tür, der Caterer überreicht ein paar Platten, und der J. ruft mich an. Ich steige also mitten auf der Danziger Straße vom Rad, und der J. schäumt aus dem Hörer. Es sei zu wenig. Die Platten seien fast leer. Die Tapas reichen nicht mal, so sagt er, für uns beide, und so kaufe ich auf der Stelle noch ein bisschen ein. Es gibt also auch noch Antipasti. Und Brot. Und einen Käsekuchen habe ich auch gebacken. Außerdem gibt es Wein und Sekt und Bier und Bionade.
Wie sich einige Stunden später herausstellt, reichen die Platten doch. Die eingeladenen Freunde haben dem J. zudem beim Sowohlalsauch einen Schokoladentorte gekauft, weil jener Herr gelegentlich einmal den Wunsch geäußert hat, einmal eine ganze Torte für sich allein zu haben.
Der J. verteilt die urfetten Tortenstücke dann doch. Ich esse von allem. Ich esse Torte und Albondigas. Ich esse Seranoschinken und Manchego. Ich esse Montaditos, ich esse Nüsse, ich kaue ein bisschen Tortilla, weil sie da ist, und was sonst noch so herumsteht, esse ich auch. Weil ich beim Sekttrinken gerade so schön in Fahrt bin, trinke ich einfach weiter. Gegen morgens um zwei habe ich cica 7.500 Kalorien verzehrt und getrunken. Dann gehe ich schlafen.
Morgens um zwölf wache ich auf und esse weiter. Die Platten sind ja noch da. Etwas später ruft die C. erst an, kommt dann vorbei, verlangt Torte, und als ihr Sekt angeboten wird, strahlt sie. Es gibt also Sekt.
So gegen sieben muss die C. los. Ich bin pappsatt. Leider habe ich einen Rehrücken schon vorher aufgetaut und mariniert. Den kann ich nun nicht wieder einfrieren. Schade darum wäre es auch, deswegen werfe ich den Ofen an, schäle Kartoffeln, setze Rosenkohl auf und als der Rehrücken fertig ist, schmecke ich die Sauce ab. Wildsaucen schmecken ja nur mit Fond und Wein.
Um neun kann ich unmöglich noch irgendetwas essen. Zum Sport ist es zu spät. Ich fühle mich wie diese französischen Gänse mit der großartigen Leber, bin aber sogar zum Schnattern zu satt, sitze am Rechner und surfe ein bisschen herum.
Morgen Salat, nehme ich mir vor. Und nächstes Wochenende nichts als gedünstetes Gemüse.
„Dich habe ich mir anders vorgestellt.“, höre ich zweimal in wenigen Stunden unter der blauen Kuppel des Museums, und mich fröstelt ein wenig. Dass man so gar nicht man selbst sein kann, in all den Spiegelungen, denke ich bei mir. Nicht nur dort, wo man weiß, dass man in fremden, nur halbwegs anverwandelten Kleidern seine Rollen spielt, seine Stunden auf der Bühne. Dass man selbst dort, wo man nur sich selbst darstellt, bekleidet nur mit den armen Fetzen der eigenen Haut, dass man selbst dort so ganz unidentisch scheint mit sich selber, nirgends erkannt, und nie ganz deckungsgleich mit dem eigenen Bild.
Dass bist nicht du, sage ich zwei Stunden später zu der Frau im Spiegel, und jene lächelt und nickt mir zu.
Man kennt solche Männer: Mit zwanzig sind sie unwiderstehlich (oder fühlen sich zumindest so), und was auch immer sie tun, man nimmt es ihnen nicht übel. Mit dreißig dann haben sie alles gesehen und fast alles getan, und wenn man sie mit vierzig irgendwo trifft, umweht sie eine leise Müdigkeit, ein Hauch von Ennui, eine Langeweile, die der Ahnung entspringt, dass der Kelch des Lebens von ihnen so hastig herabgestürzt wurde, dass jeder neue Wein nur schmecken kann wie längst bekannte Getränke.
Meist ist gut auszukommen mit diesen Veteranen der Nacht. Anders als manch anderer wissen sie, nichts verpasst zu haben, und dass ihnen statt einer Karriere nur viele Erinnerungen bleiben, ist den meisten kein Quell der Verbitterung, sondern ein schieres Faktum. Ein Preis, den man bezahlt. Ein bisschen staunen solche Männer manchmal, wie vollständig das Leben anderer erscheint, aber selten spürt man – trifft man sie an irgendeiner Bar, auf einem Fest morgens um vier in der Küche – Neid. Es scheint sich ausgegangen zu sein, dieses Leben, auch wenn es leicht wiegen mag gegenüber denen, die in diesen Jahren schwer beladen mit Verantwortung und Erfolgen im Wirtschaftsteil der Zeitung stehen.
Lieben aber möchte man solche Männer nicht. Nicht die schiere Zahl der Vorgängerinnen (ach, Arithmetik), die Gewöhnung vielmehr ist es, was einen zurückschrecken lässt. Nichts, meint man zu wissen, wird man den Erinnerungen und Erfahrungen solcher Männer hinzufügen können, und so nennt folgerichtig Ernö Szeps Held Mihaly seine verheiratete Geliebte nicht einmal mehr bei ihrem Namen, sondern nur bei ihrem Parfum. Cinq-Fleur.
Ein wenig zu routiniert, ein bisschen zu gleichgültig läuft diese Liebschaft durch die Seiten. Man trifft sich, man telefoniert. Man schätzt sich. Man liebt sich ganz ausgesprochen nicht. Ein bisschen erschreckend fährt diese Affäre auf allzu glatten Schienen, und am Ende – das sieht man voraus – werden sich Mihaly und Cinq-Fleur nicht trennen, sondern einfach nicht mehr sehen. Auf dem nächsten Empfang, der nächsten Premiere, werden sie sich dann zunicken, freundlich, kein Grund zu Groll, und dann ist es vorbei.
Auch Iboly wird nicht geliebt. Dass Iboly, Schauspielschülerin mit Anfang zwanzig, sich in Mihaly verliebt, weil er Dichter war und Stücke schreibt, weil er charmant ist und ihr zuhört, mag man verstehen, und ein bisschen sorgt man sich um das junge Mädchen. Noch fünf Jahre vor Beginn dieses Romans wäre Mihaly vielleicht der Grund für Tränen und Szenen und ließe sich für ein, zwei Wochen oder gar Monate hinreissen. Nun aber ist Mihaly 46, und sein Wunsch nach Ruhe überwiegt seinen Wunsch, neben einer jungen Frau zu erwachen. Als Iboly sich ihm anbietet, weicht er aus.
So gut wie nichts passiert also in diesem Roman, der erstmals 1935 in Ungarn erschienen ist. Nichts weiter, als dass ein kluger und müder Mann in einem versunkenen und doch seltsam zeitlosen Budapest altert, sich dem Alter noch ein wenig widersetzt, sein früheres Selbst gelegentlich in der offenen Hand wiegt und einen leisen Abschied feiert von sich selbst, seiner Vergangenheit und einer Zukunft, von der er weiß, dass sie nicht mehr stattfinden wird, denn irgendwann liegt alles hinter uns, was wir hätten werden können, und wenig später auch: Was wir geworden sind.
Ach, aber bitte einen Sommer mit rotem, riesengroßen Mond, und die Spree muss zäh und ölig südwärts fließen, und die Luft so warm und schwer die Stadt anfüllen, dass man nicht mehr weiß, wo die Luft aufhört, und die eigene Haut beginnt. Die Füße in den Sand der Strandbars graben. Einen Eiswürfel im Mund umherwälzen, bis sich die Lippen feucht und kalt anfühlen, und küssen, küssen, küssen, als sei der Sommer der letzte, und ein allerletzter ungewiss.
Selbst mit den nachsichtigen Augen einer großen Schwester ist der jüngste Bruder der A. ein wenig sonderbar, wie man mir berichtet, und so nimmt es nicht wunder, dass jener, den wir hier einmal F. nennen wollen, auch mit 23 nur auf wenige und zudem eher etwas verkrüppelte Erlebnisse mit Frauen zurückblicken kann. Eine echte Beziehung – also ein Verhältnis, das beide Beteiligte übereinstimmend als solche bezeichnen – war bisher noch gar nicht dabei.
Die Ursache für dieses vom kleinen Bruder als zunehmend schmerzlich empfundene Defizit verortet dieser, wie es so zu gehen pflegt, nun offenbar nicht in seiner Sonderbarkeit, die sich etwa in einem merkwürdigen Erscheinungsbild und einem erstaunlichen Interesse für brutale Comics und kindlich anmutende Rollenspiele offenbaren soll. Vielmehr halte der kleine Bruder offenbar ein technisches Defizit für verantwortlich, wie der Kleine vor etwa zehn Tagen auf Gran Canaria, wo die A. mit Mutter und beiden Brüdern eine Woche in einem Ferienhaus verbrachte, quasi aus dem Nichts seiner erstaunten Schwester offenbarte.
Man habe, berichtet mir die A. also am Pool gelegen, ihre Mutter habe eingekauft, warm sei es gewesen und mit der Vogue auf den Knien habe sie in aller Ruhe ihre Fußnägel lackiert und diese im warmen, canarischen Frühlingswind zum Trocknen ein bisschen geschüttelt. Auf der Liege neben ihr lag ihr kleiner, käseweißer Bruder, las einen in mythischer Vergangenheit spielenden Roman mit einem wahrhaft abschreckenden Titel, den sie zum Glück vergessen habe, und betrachtete unverwandt, so, als habe er so etwas noch nie gesehen, die Füße seiner Schwester.
„Du kommst ganz gut an.“, habe er sodann nach einer längeren Phase der Stille geäußert. Zufrieden habe die A. genickt. In der Tat feiert jene bei den Berliner Männern erstaunliche Erfolge auf der ganzen Klaviatur von Wohlgefallen bis Begeisterung. – Er selbst indes, habe der kleine Bruder fortgefahren, könne dies leider nicht von sich behaupten. Die A. zuckte mit den Schultern. Das Problem, so bedeutete sie ihm, sei bekannt. Für einen Moment hätten beide geschwiegen. „Ich habe den Bogen halt nicht raus.“, habe der kleine Bruder geseufzt, und für einen Atemzug überlegte die A., ein paar Takte über alte T-Shirts, billige Friseure, schlechte Musik und komische Hobbies anzubringen. Bevor sie aber ansetzen konnte, sprach der F. weiter.
Manche Männer, teilte er düster mit, wüssten halt, wie man die Frauen anginge. Ein paar Worte genügten, und Telefonnummern würden übergeben, Termine vereinbart, und dann gehe mehr oder weniger alles von selbst. Solche Gelegenheiten seien es, die ihm fehlten, besser gesagt: Die Kunst, derlei Gelegenheiten, wo sie sich bieten, auch zu ergreifen, und um dieser unguten Situation ein- für allemal ein Ende zu setzen, wende er sich mit einer zugegeben offenherzigen, möglicherweise ein wenig überraschenden Bitte an sie: Die A. als Expertin in dieser Arena, so bat er, möge ihm einige Sprüche aufschreiben, ebenso originelle wie überzeugende Formeln der Kontaktaufnahme, die er sich merken und fortan zur Kontaktaufnahme verwenden werde. Er denke an so etwa zehn, um sich nicht die ganze Zeit zu wiederholen.
Die A. war sprachlos.
Sie habe nach Ablauf jener knappen Sekunde der Irritation wirklich nicht aus Boshaftigkeit gelacht, beteuert die A. Ihr Bruder aber sei nun sturzbeleidigt, gar nicht wieder zu beruhigen und ernstlich verstimmt über diese Verweigerung der aktiven Mithilfe an seinem Lebensglück.
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