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Orthorexie

Aber ich bitte Sie. Wie denn? Ich bin 33, nicht gerade das, was man eine gute Futterverwerterin nennt, und meine Kämpfe um die ja nun objektiv nicht gerade ambitionierte Kleidergröße 38 sind durchaus, das muss man so sagen: qualvoll und erbärmlich. In der Welt der schönen Frauen existiere ich sozusagen nicht mal am Rande. Ein entspanntes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme besitze ich daher nicht mal im Ansatz und beneide jene, die von Natur aus und ohne irgendetwas dafür zu tun mit einer Abneigung gegen fette oder süße Speisen gesegnet sind. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich von Kuchen leben.

Dass Disziplin beim Essen schnell auch etwas wunderliche Blüten treiben kann, höre ich daher stets mit einer gewissen Mischung aus Mitleid und Neid. Jene fünfzig Kilo leichte Dame, welche als Kollegin meines lieben Freundes J.2 seit Beginn ihrer Berufstätigkeit immer leichter wird, mag objektiv möglicherweise an den Rand des Pathologischen gehören. Ihre Figur jedoch stellt ein schwer zu widerlegendes Argument für eine Störung dar, welche man unter dem Namen „Orthorexie“ kennt: Die krankhafte Angst, etwas Falsches zu essen.

Als Studentin war das offenbar kein Problem. In der Mensa aß besagte Dame Salat. Am Abend kochte sie sich leichte Curries oder Suppen aus Biogemüse. Auf Parties nippte sie an Weißweinschorlen, trank ausreichend Wasser dazu, und so fiel die wohl schon seit Jahren bestehende Störung schier gar nicht auf. Dann aber wurde die Dame berufstätig. Sehr berufstätig sozusagen, siebzig Stunden die Woche, die sie fast ausnahmslos außerhalb Berlins verbringt.

Mit Kochen war da natürlich Schluß. Mit gesundem Essen eigentlich auch, denn wie jeder, der einer Berufstätigkeit nachgeht, weiß, ernährt sich der Dauerinsasse stetiger Meetings vor allem von Schnittchen und Keksen, um abends mit den – in diesem Fall beratenen – Kunden langwierig und viel an öffentlichen Orten zu essen.

Bio war da nicht drin. Nach ein paar Wochen gab die Dame ihren Widerstand gegen die Erzeugnisse der konventionellen Landwirtschaft zumindest soweit auf, dass sie auch Käse und Vollkornsemmeln ohne das ersehnte Prädikat nachhaltiger Erzeugung zu sich nahm. Gab es nur Weißmehlprodukte, aß sie eben nichts. Oder nur vom Obstteller. Bei abendlichen Essen bestellte sie Salat mit Dressing extra. Am Frühstücksbuffet im Hotel löffelte sie Magermilchjoghurt. Gab es das nicht, blieb es bei ein paar Äpfeln. Ansonsten reist die Dame stets mit Reiscrackern, die sie sich Samstags kauft.

Natürlich nahm sie ab. Während alle anderen Berufsanfänger im ersten Jahr mächtig Gewicht machen, wurde sie als Einzige des Einstellungsjahrgangs 2008 immer dünner. Es hagelte Komplimente. Mehrere Kollegen und zwei Kunden verliebten sich in sie, weil bekanntlich fast nichts mehr von überwältigenden inneren Werten zeugt wie eine gute Figur. Als alle Kollegen aus ihrer zweite Generation Anzüge herauswuchsen, ärgerte sie sich über den Umstand, dass es bei Hosenanzügen keine Größe Null gibt.

Inzwischen macht sich ihr Teamleiter ernsthafte Sorgen. Zwar ist es ihr gelungen, durch die mitreisenden Vorräte einer gesundheitsgefährdenden Abnahme offenbar vorzubeugen. Indes sind Zwistigkeiten im Team zwischen den sich stetig verbreiternden Kolleginnen und der Orthorektikerin ausgebrochen, bei denen, wie man hört, die Sympathien der männlichen Kollegen eher auf Seiten der schlanken Person zu verorten sind, die – so sagt man – wenigstens auf sich achte.

März

Eines Morgens aber – Samstag vor einer Woche – wird die Luft etwas leichter. Die Moleküle scheinen weniger eng verbunden zu sein als noch vor ein paar Tagen. Die Winde tänzeln über dem Asphalt, statt starr, geballt wie eine Faust, einer am anderen zu haften, und als hätte der Wintergott seine hornige Hand etwas angehoben, gehen die Passanten aufrechter durch die Straßen.

Die Sonne leuchtet die Ecken aus, und was grau erschien, wird ziegelrot, grün und violett, ein Plakat strahlt grell auf Sichtbeton, und die Frauen schminken sich auf einmal, als gelte es, Blüten, Blätter und frisches Gras zu übertrumpfen. Auf der Friedrichstraße lächeln sich die Spaziergänger an. Die Taxifahrer erzählen übermütige, barocke Geschichten über ländliche Hochzeiten, schöne Töchter in roten, festlichen Kleidern und zeigen Photos ihrer Frauen und Kinder, und auf dem Heimweg, abends um acht auf dem Weg ins Fleury stellt der Frühling selbst sich mir in den Weg, ein Bub, blond, vielleicht fünfjährig, und kräht mir entgegen:

Bist du aber schön.

Du auch, denke ich mir. Berliner Frühling.

Für ein kluges Mädchen

Frauen verdienen 23% weniger als Männer.

Sie sind, meine Liebe, eine gute Schülerin, und Ihnen stehen – wie man so sagt – alle Wege offen. Ihr Direktor hat Sie bei der Studienstiftung vorgeschlagen. Ab Herbst studieren Sie Jura. Sie waren vorletztes Jahr Schülersprecherin, und außerdem engagieren Sie sich für den Artenschutz oder für Menschenrechte in China oder sammeln Geld für Kampagnen, damit die Afrikaner endlich aufhören, ihre Töchter zu beschneiden. Ich mag Sie gern.

In den nächsten Jahren werde ich Sie etwas aus den Augen verlieren, weil Sie zwei, dreimal die Uni wechseln, einen Haufen Praktika machen, bei der UNO zum Beispiel oder bei einem bekannten eher linksliberalen Anwalt, der gern beauftragt wird, wenn es um Regierungspfusch oder fiese Großkonzerne geht, derlei Dinge. Vielleicht haben Sie irgendwas mit Attac zu tun, und wenn Ihre Eltern Ihnen vorschlagen, bei mir ein Praktikum zu absolvieren, dann werden Sie ablehnen, weil Sie Wirtschaftskanzleien nicht mögen.

Möglicherweise werde ich Ihnen in vier Jahren auf der Straße begegnen und Sie sind gerade aus Yale zurück, gehen das erste Staatsexamen an, bestehen glänzend und werden dann promovieren. Ich bin mir sicher, Ihre Diss wird gut. Vielleicht bekommen Sie sogar einen Preis. Hübsch werden Sie sein, wenn ich Sie das nächste Mal sehe, nicht allzu sehr, sondern eher auf die lässige, etwas beiläufige Art und Weise, in der Mädchen Mitte 20 gut aussehen: Sie werden Ihr Geld fürs Ausgehen ausgeben und für Reisen nach Südamerika oder Asien, und dafür zupfen Sie Ihre Augenbrauen ab und zu selbst und gehen ziemlich selten zum Friseur. Ihre Tasche ist von H&M. Sie haben einen Freund, der auch irgendetwas studiert, angewandte Kulturwissenschaft vielleicht, Politologie und Geschichte, und den Sie bei irgendeinem Praktikum aufgegabelt haben oder in irgendeinem Aktionsforum für sonst was.

Im Referendariat werden Sie von Kanzleien eingeladen, die gute Absolventen in teure Restaurants führen. Sie werden ein- oder zweimal mitgehen. Es wäre gelogen zu behaupten, dass das Setting Sie nicht beeindruckt, aber die Leute gefallen Ihnen nicht, und was Sie von den Jobs der Rainmaker hören ist alles nicht so, dass Sie es einmal versuchen wollen mit den großen Rädern. Kluge, geldgeile Zyniker sehen Sie in den Leuten, die Ihnen etwas erzählen von den Chancen einer großen Kanzlei. Im Durchschnitt halten es die Leute zwei Jahre bei den Läden aus, erzählt Ihnen jemand, und Sie fröstelt. Das wollen Sie nicht.

Mit Ihrem Freund aus dem Studium sind Sie dann schon lange nicht mehr zusammen. Es wird gar nicht der Job gewesen sein, den Ihr Exfreund gern gehabt hätte und nicht gefunden hat, und auch nicht die miese Laune, die ein angewandter Kulturwissenschaftler nun einmal hat, wenn er den ganzen Tag telefonieren oder Kaffee kochen oder blöde Listen abtippen muss. Es hat nur am Ende – sagen Sie – dann irgendwann nicht mehr gestimmt.

Vielleicht arbeiten Sie in acht oder neun Jahren bei einer NGO. Sie erhalten nicht ganz soviel Geld wie die wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Uni mit ihren halben Stellen, arbeiten dafür aber mehr als Vollzeit, und wenn Ihr Chef vor die Presse tritt und irgendetwas erzählt, was Sie vorher sorgfältig ausgearbeitet haben, dann fühlen Sie sich nicht gut. Sie spüren so langsam, wie Ihre Freunde nach und nach beginnen, sich in Bars zu verabreden, die Ihnen zu teuer sind, und ab und zu ein Wochenende zusammen wegfahren – Shoppen in London, Wellness an der Ostsee oder so – und Sie nicht gefragt werden, weil jeder weiß, dass Sie sich das nicht leisten können.

Sie haben die eine oder andere Freundin, die auch wenig verdient. Bei der einen stimmen die Examina nicht. Die andere arbeitet auch halbtags für irgendeinen guten Zweck, aber ihr Freund ackert sich gerade in irgendeinem Unternehmen einen goldenen Wolf, und wird dann auch flugs geheiratet. Sie sind – knapp vor Ihrem 30. Geburtstag – allein und jammern nur noch halbironisch abends mit einigen Freundinnen beim Wein, dass es so viele großartige Frauen gebe, klug, selbständig und kritisch, und viel zu wenig tolle Männer. Dass auch die halbtollen Männer nicht gerade Schlange stehen, weil irgendwann um das 30. Lebensjahr herum das gute Aussehen ein aufwendigeres und kostspieligeres Projekt wird, als Sie sich leisten können und wollen, wird Ihnen manchmal klar, aber Sie wollen sich – wie Sie sagen – nicht verbiegen. Sie wollen geliebt werden, wie Sie sind. Vielleicht haben Sie Glück, und es haut noch hin – irgendwann zwischen 30 und 40 – mit einem anderen angewandten Kulturwissenschaftler oder Germanisten und vielleicht bekommen Sie ein Kind.

Falls ich Sie dann irgendwo treffe, geht es Ihnen hoffentlich gut. Sie werden 40 sein, und ich bin 53. Wir werden anstoßen, auf das gute Leben, und ich hoffe, der Preis, den Sie gezahlt haben werden für Ihre Konsequenz, ist Ihnen auch in der Rückschau nicht zu hoch. Aber wenn Sie sich fragen, warum mehr Frauen als Männer diesen Preis zu zahlen bereit sind, dann werde ich schweigen und mit den Achseln zucken, denn ich weiß es nicht.

Aber dass dieser Preis fällig wird, sollten Sie wissen. Jetzt und nicht erst 2028.

Me voici

Am Ende aber hebt sich die Kulisse, und hinter den Gefängnismauern wartet ein Bankett auf die gerettete Margarete. Dass alle Schuld in solcher Versöhnung mündet, wünscht du dir für fünf Minuten, und vergisst die Ewigkeit des ersten Aktes, die Müdigkeit, und dass du nach Applaus und kurzen zehn Minuten in der Kälte auf den Linden zurück musst in dein Büro, wo die Hölle tobt und alle Teufel tanzen.

Brand

Gemütlich muss die alte Bundesrepublik gewesen sein. Etwas muffig, sehr, sehr sicher und kein Ort der Abenteuer. Wie einen gut gemähten Vorgarten stelle ich mir die Bonner Republik vor, gepflegte Rabatten und ein bisschen zu sauber, immer ein bisschen zu warm, zu sonnig, zu sehr Sonntag Nachmittag um vier, als dass es etwas hätte werden können mit der Schnelligkeit, der Kälte und der rasiermesserscharfen Härte, der die gute Geschichten entspringen.

1989, als jeder davon sprach, ist die alte Republik nicht untergegangen. Die Neunziger, als Deutschland sich ein wenig fühlen wollte wie London oder New York, haben der alten Tante nur ein paar neue Kleider anziehen können, und so wie Heidi Klum nie die prekäre Eleganz, die schwankende, stets etwas schwindelige, sehnsüchtige Ambivalenz erreicht hat, die Kate Moss noch mit 35 aus jeder Pore atmet, schleppte sich die Republik, zäh fließend wie Leim durch die Jahrzehnte.

Dies aber mag das Ende sein: So, wie nach einem Brand ein alter Baum noch ein wenig stehen bleibt, die Äste Asche stäuben, bis ein Windstoß das Ausgebrannte fällt, fährt die Krise, die ich nie verstanden habe und nicht verstehen werde, weil ich nichts von Geld weiß, durch die Republik, und die Fetzen der alten Welt sinken mürbe, langsam, langsam zu Boden: Märklin. Rosenthal. Schiesser. Opel, und am Rande des Sturms – ach, vielleicht in dessen Mitte – sehen wir gierig, verliebt in Feuer und Wind, dem Ende der Welt zu, die wir kennen.

Was hat der Berti im Auto gesagt?

Irgendwann so eher in der zweiten Hälfte des Films sitzt also der Berti – Freund und Auftraggeber des Privatdetektivs Brenner (wieder gespielt von Josef Hader) – im Auto. In einem fremden Auto, und zwar hinten, auf der Rückbank. Ein paar Einheimische (der ganze Film spielt in einer ziemlich abgelegenen Gegend der Steiermark) haben ihn mitgenommen, und weil es zu einer Faschingsfeier geht, sind alle, bis auf den Berti natürlich, wüst verkleidet. Fürchterlich sehen die Einheimischen aus und viel spricht dafür, dass das auch unverkleidet so wäre. Alle miteinander wirken leicht deformiert, ein wenig brutal, billig, plump und grell, und so fahren sie also zum Löschenkohl, einem durch den gleichnamigen Wirt betriebenen Landgasthof, berühmt für seine Hendln, um da mal so richtig zu feiern. Immer mehr Leute setzen sich ins Auto, so viele, dass man kaum glauben kann, dass das geht, und dann sagt der Berti irgendetwas, von dem ich annehme, dass es sich auf die Situation in dem herzlich überfüllten Wagen bezieht.

In diesem Moment aber habe ich nicht aufgepasst. Vielleicht hat der J. zu meiner Linken etwas gesagt, vielleicht die C. auf dem Sessel rechts ihre wahrlich grässliche und zudem abstrus teure Burritotasche kommentiert, die sie sich vorm Kino in dem Tapas-Laden rechts unten in der Kulturbrauerei mitgenommen hat, und so ist mir entgangen, wieso die Steirer den Berti aus dem Wagen werfen. Ein blaues Auge hat er auch, als er sich auf der Straße wiederfindet und geht zum Löschenkohl über die verschneiten Straßen durch den Wald sodann zu Fuß.

Angekommen wird es dann wahrhaft finster. Oder vielmehr bunt. Sehr bunt und sehr laut dazu. Wer schon immer eine gesunde Abneigung gegen die robuste Seite des Landlebens hegte, wo die Alleinunterhalter die Hendlstation rocken, wird hier vollauf bestätigt. Wer auch immer den Film ausgestattet hat, hat das Landleben mit ebenso großer Präzision wie – wie ich vermuten darf – Abneigung studiert. Zumindest hinsichtlich der Schankräume darf man sagen: Das Portrait ist voll und ganz gelungen. Wer unter den Besuchern dieses Films zudem Fleischspeisen gegenüber ein gewisses Grundmisstrauen hegt, wird wohl gleichfalls zustimmend nicken, selbst wenn in der Knochenmahlmaschine des Gastwirts Löschenkohl gerade einmal nur Hühnerreste und keine menschlichen Überreste zerkleinert werden, um dann abtransportiert und anderen Hühnern zum Verzehr vorgeworfen zu werden.

Weil es sich bei dem – sehr, sehr lustigen und schön grotesken – Film um einen Krimi handelt, geht es bei dem ganzen Treiben zunächst einmal um die Frage, wo der Leasingnehmer eines Wagens abgeblieben sei, und ob der Privatdetektiv Brenner ihn für besagten Berti findet. Sodann geht es um eine eher zufällig aufgedeckte Erpressung, es geht um mehrere Tote, einen unfähigen Erben und seine derb-attraktive Frau (die großartige Brigit Minichmayr aus der Volksbühne). Am Ende aber geht es um die Liebe, um eine Frau, die der Gastwirt Löschenkohl liebt, um die Vergeblichkeit dieser Liebe wie jeder anderen auch, um die blutige Suche nach dem Ankommen in fremden Armen und den Opfern, die es kostet, geliebt zu werden oder zumindest: Sich geliebt zu glauben.

Dass am Ende alle leer ausgehen, bedarf da kaum noch einer Erwähnung, denn die Liebe wird niemanden retten. Nicht einmal im Film.

Der Knochenmann
Österreich, 2008

Das Leben mit Troll

Leider ist es offenbar einer mir bekannten, wenn nicht sogar befreundeten Dame auch diesmal nicht gelungen, den Mann fürs Leben zu finden. Dabei ließ sich alles gut an: Man lernte sich kennen. Man gefiel sich. Man zog – keine sechs Monate ist es her – sogar zusammen und kaufte gemeinsam einen Küchenschrank, eine Waschmaschine, mehrere Garnituren Bettwäsche und lebte alles in allem recht zufrieden selbzweit. Zwar war der Herr ein wenig stubenhockerisch veranlagt, die Dame glich dies indes auf eigene Faust aus, und am Sonntagmorgen lag man glücklich gemeinsam im Bett und las in der FAS.

Das alles ist nun vorbei.

Vor einigen Tagen erwachte also die Dame des Hauses mit einem Kratzen im Hals. Das Kratzen verstärkte sich, Husten trat hierzu, die Körpertemperatur stieg an, und auf eine Krankschreibung hin blieb die Dame – wir wollen sie R. nennen – zu Hause. Zwei Tage schlief die R. eigentlich den ganzen Tag. Am dritten Tage las sie ein bisschen in herumliegenden Illustrierten, am vierten fing sie an zu telefonieren, und abends surfte sie ein bisschen im Internet. Unter anderem suchte und fand sie eine Seite, auf der eine ortsansässige Hutmacherin eigene Kreationen feilbot, die ziemlich gut aussahen und gar nicht so teuer waren, wie man es von handgemachten Hüten generell glaubt.

Am fünften Tag fand die R. diese Seite aber nicht wieder. Sie versuchte es mit ein paar verschiedenen Suchbegriffen wie „Hut kreativ Berlin“ oder so, aber die Hüte waren weg und entzogen sich ihren suchenden Blicken. Die R. war enttäuscht und schlief noch ein bisschen. Am Nachmittag aber fielen der R. die Hüte wieder ein. Erneut öffnete sie den Rechner, erneut suchte sie nach den Hüten, und dann fiel ihr ein, dass die Wege des Herrn zwar unergründlich, die Wege der Sterblichen durch das weltweite Netz aber ziemlich gut dokumentiert sind. Sie öffnete also den Verlauf.

Die Hutseite fand sie schnell. Was sie aber außerdem fand, waren zahlreiche Besuche in irgendwelchen Foren, die etwas mit Spielen und Filmen zu tun haben, und manche Foren, deren Besuch gleichermaßen verzeichnet worden war, beschäftigten sich mit eigentlich nichts., zumindest mit nichts thematisch gebundenem. Ihr das Notebook außerdem und eigentlich hauptsächlich nutzender Freund verbrachte seine Freizeit offenbar ganz gern im angeregten elektronischen Gespräch.

„Das ist doch besser als auf irgendwelchen Seiten mit n*ackten Frauen.“, gebe ich zu bedenken. Die Welt habe schon von unangenehmeren Hobbies gehört. – Indes, wird mir entgegnet, sei das noch nicht alles. Denn natürlich habe die R. die Foren unverzüglich aufgesucht und zumindest teilweise gelesen.

Ziemlich schnell fand sie ihren Freund. Der Nickname war der seines alten Plüschhasen, die Daten der jeweils kommentierten Kinobesuche stimmten, und auch die Schilderungen aus dem gemeinsamen Leben spiegelten die Realität halbwegs zutreffend wieder. Der Zurückhaltung, die sie an ihrem Freund immer als eher schätzenswert erlebt hatte, schien dieser im Netz allerdings ganz und gar nicht in derselben Weise anzuhängen: Seine Beiträge als pointiert anzusehen, wurde mir berichtet, sei schon eher euphemistisch. Auch der Begriff der Polemik bringe es noch nicht ganz auf den Punkt. Ihr Freund, so die R., sei vielmehr ein Troll. Ein Forentroll in des Wortes wahrster Bedeutung.

Und mit einem Troll wolle sie nicht ihr Leben verbringen.

Vom Ende der Welt

Anlasslos eigentlich stelle ich mir vor, die Welt ginge unter. Von einem Tag auf den anderen verschwänden Buchstaben, verblassten in den Büchern und würden beim Sprechen auf einmal nicht mehr gefunden. Erst fielen nur wenig genutzte, selten vermisste Lettern ins Nichts. Das „X“ etwa. Oder das „Q“. Dann aber beschleunigte sich der Verfall, das „G“ schwände dahin, eines Tages das „T“, die Vokale gar, und angstvoll liefen die Menschen stumm durcheinander.

Eines Morgens wären alle Katzen nicht mehr da. Die Pferde zerflössen als blutiger Schaum in den Ställen. Die Kühe aber stünden noch Wochen auf den Weiden, schaukelten mit den Köpfen und vergäßen, dass das Gras zum Fressen da, und das Wasser trinkbar sei. Den Menschen selbst verliefen erst die Gedanken wie flüssige Farben im Ausguss. Schmerzlos, weit jenseits von Wort und Gedanken, säßen viele des Nachts in den Ecken und betrachteten glucksend die eigene Hand. Am Tag danach blieben manche liegen und verhungerte binnen Tagen im Bett. Andere vergäßen zu atmen. Manche Herzen schlügen abends um sechs nicht mehr weiter. Die Toten liefen dann noch ein paar Tage herum.

Die Töne blieben aus. In den Oktaven klafften Lücken: Schmerzhafte Momente der Stille. Die Farben der Welt würden verschwimmen, komprimierten zu immer weniger Variationen, und auch der Raum selbst würde mürbe, fadenscheinig und fiele zusammen. Löcher täten sich auf, die keiner mehr sieht, bis am Ende die Erde zittern würde, und die Brandung sich ein letztes Mal an den Steilküsten bricht. Hell würde es werden, sehr hell, wenn alle Zeit ein Ende hätte; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.

Überdruss

Wie man hört, reicht dieses Jahr rezessionsbedingt das Bruttoinlandsprodukt nicht mehr aus, den Frühling zu finanzieren. Das Bundeskabinett berät erfolglos über die Verstaatlichung der Jahreszeiten, von der man sich eine optimierte Bewirtschaftung derselben verspricht. Die Subventionierung im Rahmen des Konjunkturpakets wird – so die Wirtschaftsweisen – erst mit Verzögerung von einigen Monaten Wirkung zeigen, und entgegen der in der Bevölkerung weit verbreiteten Ansicht, auch hieran sei der Klimawandel auf verschlungenen Wegen, die irgendwas mit dem Golfstrom zu tun haben, schuld, geht nach Ansicht von Experten vollkommen fehl.

Man erwartet eine Erholung nicht vor Mitte Mai, möglicherweise erst im Frühjahr 2010.

Nach Hause

Sich auf der Treppe, auf dem roten Sisal zwischen der Haustür und dem vierten Stock ausmalen, wie das wäre, wenn man klingelt, und es würde aufgetan. Was ich sagen würde, stünde man mit offenen Armen in der Tür, strahlte man mich an, und die Kerzen würden brennen und warmes Brot mit Salz und Kümmel stünde auf dem Tisch.

Wie das wäre, wäre ein Bad eingelassen und Blumen stünden in der leeren Vase auf dem Bord. Der Duft nach deinem schwarzen, lockigen Haar, und der Geruch am Morgen, in der kleinen Kuhle zwischen Schulter und Hals. Liefe Musik. Spräche jemand mit mir über die wundgerissene Schönheit der Stadt, des wiedergeborenen Winters, vielleicht vom wehenden Schnee und striche mir sanft, mit warmen, offenen Händen über das Haar, über den Rücken, und zählte meine frierenden Finger bis zehn, bis ich fast sicher wäre, dass alles noch da und alles in Ordnung wäre, was es auch sei.