„Wusstest Du, dass La Prairie zu Beiersdorf gehört? Nein? Ist also quasi eine Art Nivea. Nur teurer. Und besser natürlich. Also schon ganz was anderes, gar nicht miteinander zu vergleichen. Wie’n Smart neben einer S-Klasse.
—
Wirklich? Findest du? Finde ich nicht. Schau dir doch mal so Stars an, im Fernsehen. Hier, Nahaufnahme, die rennen seit fünfzig Jahre durchs Bild, und du siehst nichts. Tophaut. Lifting, klar, aber du siehst das schon. Mit Nivea ist da nichts zu wollen. Oder umgekehrt auch, sehr schockierend. Ganz schlimm. Da haben sie doch letztens so eine Frau interviewt, ich weiß nicht mehr genau, wann das war. Jaja, im Fernsehen. Eine Afghanin. Also so eine Frau, die in Afghanistan wohnt.
Nein, keine Ahnung, was die Frau gesagt hat, ich hatte den Ton aus und habe mit der H. telefoniert, der geht’s doch so schlecht, aber da sehe ich doch nebenbei – total hart, Süße, so erschütternd: Da steht da unten im Bild der Name von der Frau, irgendwas Islamisches. Und daneben 37. 37 war die erst. Zwei Jahre älter als Kate Moss und sieht aus wie fünfzig. Runzeln hatte die Frau. Falten und Flecken. Und ganz, ganz schlimme Zähne.
—
Na, aber klar ist das auch das Leben. Arbeit, Sonne, vielleicht raucht die Frau ja auch. Sieht man ja nicht. Im Fernsehen hatte sie jedenfalls keine Zigarette im Mund. Aber ich sag‘ dir, die Hautpflege ist das auch. Das bekommst du mir jetzt nicht ausgeredet. Hautpflege ist das A und O. Und La Prairie zieht da eben ganz anders als Nivea. Wobei – die Frau sah aus, als hätte sie nicht mal Nivea gehabt. Das ist doch Kriegsgebiet. Afghanistan. Liest man doch immer. Ich denk‘, Modeste, da gibt es wirklich gar nichts. Nicht einmal – also nicht einmal das Billigste vom Billigsten. Und Hautcreme: Da denkt das Rote Kreuz doch nicht mal dran. Essen, klar. Oder Medikamente. Aber Kosmetik – ich bin mir sicher, die Frau hatte nichts für die Haut. Gar nichts. Nicht mal ’ne simple Tagescreme. Kein Wunder, das die so aussah.
Aber das ist so typisch, Modeste: Männer fangen Kriege an. Und Frauen bekommen Falten.“
(Schwesterchen legt auf.)
„Mir ist langweilig.“, flüstert die B. und schaut verstohlen auf die Uhr. Ich langweile mich auch. Auf der Leinwand wechseln sich verschiedene, ziemlich zusammenhanglose Szenen ab, in denen ein Paar sich streitet, ein Priester hält eine Predigt und ein kleiner Junge läuft mit einem Deutschen auf Heimattrip an einer Hochzeitsgesellschaft vorbei. Das Ganze in den merkwürdigen Rottönen, die manche Filme der Siebziger und der frühenAchtziger angenommen haben. Insbesondere die Gesichter der Leute sind fast durchweg violett. Die englischen Untertitel überzeugen mich auch nicht.
„Willst du den zu Ende sehen?“, fragt die B. weitere zehn Minuten später. „Muss ich nicht haben.“, beschließe ich und taste zwischen meinen Füßen nach meinen Sachen. Vor mir schaut sich eine Frau um, als unterbreche man gerade eine heilige Handlung durch einen schmutzigen Witz.
Als eine Gruppe vier oder fünf Reihen vor uns aufsteht, gehen wir auch. Es ist leer geworden im Foyer des Cinemaxx, und sehr langsam und fast wortlos laufen wir den Potsdamer Platz hinunter zur U-Bahn, denn viel haben wir beide nicht zu erzählen, was wiederzugeben lohnt.
Kutya éji dala
Ungarn 1983
Nochmals Dienstag, 18.30 im Zeughauskino
Ein einziges Mal in 135 Minuten schaue ich auf die Uhr. Ein Patient der Chorale-Klinik in Okayama sitzt mit anderen Patienten zusammen, man liest seine Gedichte, immer noch eins, eins schlechter als das andere, soweit man das nach der Übersetzung beurteilen kann. Hier hätte man kürzen können, vielleicht auf 90 Minuten, vielleicht auf 100, aber möglicherweise wäre dies der sehr, sehr verlangsamten Welt nicht gerecht geworden, die der Filmemacher Kazuhiro Soda hier dokumentiert: Eine offene Klinik für psychisch Kranke in einer japanischen Stadt.
Kommentare, Erklärungen oder auch nur Soda selber sucht man dabei auf der Leinwand vergeblich. Nach dem Film spricht er kurz über Motivation und Hintergründe und wirkt dabei sehr jung und auf eine freundliche Weise radikal. Im Fim aber lässt Soda einfach nur die Kranken sprechen, Schizophrene, Depressive zum Teil, daneben das Personal der Klinik, den Arzt, und aus vielen, vielen Einzelszenen, langen Monologen über teilweise beklemmende und tragische Lebensgeschichten setzt sich ein Panorama zusammen, das der japanischen Gesellschaft ein zwiespältiges Zeugnis ausstellt: Die Humanität des Projekts, speziell des alten, verständnisvollen gütigen Arztes, auf der einen und die pathogenen Züge einer hochgezüchteten, viel zu schnellen Leistungsgesellschaft auf der anderen Seite, die der unseren wohl nicht so arg unähnlich ist, denke ich bei mir, als wir spät, sehr spät vom Alexanderplatz nach Hause laufen, denn auch vor uns versteckt das Gesundheitssystem Krankheit, psychische mehr noch als körperliche, und schließt die Kranken fern der Städte weg.
Seishin
Japan, 2008
Noch eine weitere Vorstellung, Montag, 16.00 Uhr.
Es muss Leute geben, die kaufen Kartoffeln in Scheiben. Im Glas. Es gibt Menschen, die tauchen mit tiefgefrorenen Tortellini in Sahnesauce, Kohlrouladen in Dosen, abgepackten, fertig gefüllten Pfannkuchen und tiefgekühlten Salamibaguettes an der Supermarktkasse auf, bezahlen für das Zeug mehr als ich oder jeder andere normale Mensch für ökologisch erzeugte Kartoffeln, Tomaten, Käse, Eier und Salat, und ich möchte wetten, dass diese Leute dieselben sind, die, nach ihren Ernährungsgewohnheiten gefragt, in Umfragen stets behaupten, gesundes Essen sei ihnen zu teuer.
Dass aber der Inhalt eines solchen Einkaufswagens nicht nur viel zu fett, viel zu reich an Nahrungszusatzstoffen, viel zu süß und viel zu viel ist für einen normal bewegungsarmen Mitteleuropäer ist. Dass vielmehr auch die Ausgangsprodukte dieser (zudem nicht besonders anziehenden) Speisen auf eine Art und Weise produziert werden, die qualvoll für die Tiere, demütigend für die Arbeiter in Fabriken und Schlachthöfen und ruinös für die Umwelt und die Bauern ist, ist den meisten Menschen zwar halbwegs bekannt. Gleichwohl verliert der genaue Blick auf die industrielle Nahrungsmittelindustrie nichts an Ekel und Schrecken: Die Hühner, die fußballrund und viel zu schnell gewachsen wegen ihrer besonders fleischigen Brustfilets nach vorn kippen, wenn sie versuchen, aufzustehen. Die Schweine, die zu je 2.000 pro Stunde in einem riesigen Schlachthof getötet werden. Die Arbeiter, die sich illegal in den USA aufhalten und aus Angst vor Abschiebung keine Arbeitnehmerrechte geltend machen. Die Kinder, die an den Folgen einer rein ertragsorientierten Wirtschaftsweise krank werden und sterben, weil Bakterien ins Burgerfleisch geraten. Kühe, die genetisch veränderten Mais fressen statt Gras (laut einem Artikel in der ZEIT von dieser Woche vertragen diese Kühe gar kein Gras mehr). Die hochverschuldeten Bauern, die von Saatgutherstellern abhängig sind wie Leibeigene vom Lehnsherrn und bei aller Plackerei im Jahr gerade einmal $ 20.000 verdienen. Am Ende der Kette dicke Kinder und kranke Erwachsene.
Gute und starke Bilder findet der Filmmacher Robert Kenner für den Skandal, den das Essen aus dem Supermarkt vielfach darstellt. Die Erklärungen und Hintergrundinformationen der Sachbuchautoren Michael Pollan und Eric Schlosser flankieren die Berichte der Bauern, des Gewerkschafters und der Lebensmittelaktivistin, und die Geschichten, die der Film dabei am Rande miterzählt über die verratenen Träume der illegalen Einwanderer und das Ende des ländlichen Amerika wären – man ahnt es – allein wert, einen Abend oder viele zuzuhören, um zu verstehen, wie diese Welt so geworden ist, wie wir sie kennen.
Dass aber die Welt der Nahrungsmittelproduktion anders aussehen könnte, sehen wir auch, illustriert anhand von Biobauern und Handelsketten auf der Suche nach anderem Essen. Dass dies teuer wäre, für viele nicht zu bezahlen, ist allerdings eine weitere Behauptung, die der Film erhebt, indem er eine Familie beim Kauf von Fast Food für $ 10,– zeigt, die steif und fest behauptet, für besseres Essen reiche das Geld nicht, und hier folge ich dem ansonsten großartigen Film nicht. Denn ich kann wie jeder andere, der kochen kann, für $ 10,– vier Leute problemlos satt bekommen, ohne auf einziges verarbeitetes Lebensmittel zurückzugreifen, Kochbücher könnte man füllen mit Rezepten, die dies ermöglichen, und so schwächt der Film die vielleicht entscheidende Wahrheit trotz dringenden Qualitätskaufappells im Nachspann leider ab: Wir selbst – niemand sonst – haben es in der Hand, wie mit Boden, Wasser, Tieren und Luft umgegangen wird. Wir müssen nicht essen, was in der Tiefkühltruhe liegt, und dann werden die Produzenten aufhören, derlei Dinge herzustellen. Wir können selber kochen, wir können besser einkaufen. Zudem: Wir brauchen meistens kein Auto und niemals einen Flachbildfernseher, aber schlechtes Essen bringt uns auf die Dauer um. Es ist unsere Schuld, wenn Nahrung so hergestellt wird, wie der Film es zeigt, und niemand wird Menschen von der Gier freisprechen, Schnitzel für € 2,99 zu verlangen, die nur unter den gezeigten Bedingungen produziert werden können.
Und nicht zuletzt (das thematisiert Food Inc. leider nicht): Wir sollten nur Aktien von Firmen kaufen, von denen wir wissen, dass ihr Gewinn uns oder anderen nicht schadet. Denn alle Unternehmen, die hier als gierige, rücksichtslose Profitmaschinen auftauchen, gehören am Ende Aktionären. Man sollte ein bisschen drauf schauen, was die Unternehmen, denen man sein Geld gibt, aus dem Auftrag machen, noch mehr Geld zu verdienen.
Food Inc.
USA 2008
Noch einmal am Montag, um 18.00 Uhr
Ein Abend am Strand. Eine Nacht. Ein paar Wolkenfetzen hinterherzuschauen bis es dunkelt. Zu schweigen, der Meereskühle nachzuspüren und sehr fern, sehr weit draußen, den Booten zuzusehen, die leuchtend vor dem schwarzen Himmel den Horizont bereisen, dem Westen zu, den Säulen der Welt entgegen, und (sagt man) bei den Hesperiden Äpfel laden, so rot und duftend, prall und schwer, als sei alles wahr, was man erzählt von diesen Früchten.
Gewiss, Sie können noch. Sie können noch Motorrad fahren. Sie können aus Ihrem Porsche steigen, nicht viel langsamer als vor zwanzig Jahren. Sie können – davon sind Sie überzeugt – beruflich ziemlich viel sogar besser als ein Dreißigjähriger, und dass, was Sie nicht können, erwartet auch keiner von jemandem in Ihrer beruflichen Position.
Die Frauen gefallen Ihnen nach wie vor. Sie sind gut im Spiel, glauben Sie, schließlich verdienen Sie heute besser als jemals in Ihrem Leben, und die Hemmungen von vor dreißig Jahren haben Sie irgendwann am Wegesrand liegen gelassen. Fragen kostet nichts, und Sie wissen, wie man fragt, um im Notfall ohne Gesichtsverlust den Rückzug anzutreten. Die Politik aller Lebensbereiche dagegen langweilt Sie ein bisschen. Sie wissen, wie der Betrieb funktioniert, in dem Sie stecken. Sie wissen, wie jeder sich speziell für das Zentrum der Welt hält, und Sie wissen auch, wie man andere glauben macht, das Zentrum der Welt zu sein. Sie haben bluffen gelernt in den vielen Jahren.
Auf dem Wellenkamm Ihrer Jahre glauben Sie sich damit nach wie vor. Dass Alter Ansichtssache sei, behaupten Sie gegenüber sich und allen anderen, und meistens traut sich niemand, Ihnen zu widersprechen. Indes sei Ihnen versichert: Sie liegen falsch.
Natürlich: Ein alter Mann darf vieles. Ein alter Mann darf Zigarren rauchen und viel, viel Geld ausgeben für gutes Essen. Ein Mann von dreißig, gar ein Junge von zwanzig Jahren wirkt stets ein wenig naseweis und blasiert, kennt er sich mit Wein aus, und diniert er im Vau mit seiner Freundin, so sieht das oft nicht gut aus, ein wenig sehr nach goldener Jugend und Nutzlosigkeit. Ein junger Mann sollte deswegen sorgfältig wählen, wo er isst, stets etwas günstiger, als er es sich eigentlich leisten kann, aber ein alter Mann soll zu leben verstehen, denn es gibt kein gutes Bild, wenn ein alter Mann zu lässig lebt. Ein junger Mann mit einer Bierdose sieht oft nicht einmal schlecht aus, und ein Essen aus dem Pizzakarton gehört zu den verzeihlichen Fehlern der Jugend. Ein alter Mann mit einer Tiefkühllasagne dagegen ist schlechthin erbärmlich.
Das könne sich aber nicht jeder leisten, sagen Sie? Nun, ein alter Mann – und das ist keine populäre Ansicht – hat Geld zu haben, wenn er leben will. Ein junger Mann kann an fremden Buffets schnorren, auf Empfängen herumlungern, auf denen er nichts zu suchen hat, und sich immerzu einladen lassen. Ein alter Mann hat Erfolg gehabt zu haben, und wenn er kein Geld hat, ist das ein erheblicher Schönheitsfehler. Armut hört irgendwann ab 35 auf, pittoresk auszusehen, und es bedarf einiger Anstrengung, um als alter Mann ohne Geld ein gutes Bild abzugeben. Es ist möglich, gewiss, aber einfach ist es nicht, sondern viel, viel schwieriger zu tragen als die kokette Geldverlegenheit eines Zwanzigjährigen.
Keinesfalls aber sollte Sie dies empören. Empörung ist ganz generell eine gefährliche Sache für einen alten Mann, denn Zorn über die bestehenden Verhältnisse, umstürzlerische Reden oder gar Taten sehen leicht ein bisschen lächerlich aus, wenn man Teil dieser herrschenden Verhältnisse ist, und das auch schon ziemlich lange. Ist man es aber nicht, tut man besser daran zu schweigen, denn unfreiwillige Erfolglosigkeit ist im Alter, wenn sich hieran nichts mehr ändern lassen wird, schon fast eine tragische Sache. Haben Sie dagegen den Erfolg nie gesucht, nun gut, dann können Sie aus sicherer Distanz über die Betriebsamkeit Jüngerer spötteln, aber seien Sie vorsichtig: Man wird bemerken, wie es mit der Freiwilligkeit Ihres Lebenslaufs steht.
Überhaupt sollten Sie den scharfen Blick Ihrer Umgebung nicht unterschätzen. Wo sich ein junger Mann auf eine freundlich-augenzwinkernde Nachsicht verlassen darf, was auch immer er treibt, wird man Ihnen auch dann auf Ihr Sollkonto buchen, wenn Sie glauben, dass es keiner merkt. Man sagt Ihnen nicht viel über Ihre Wirkung, etwa auf Ihrem Motorrad oder in Ihrem Wagen, aber seien Sie versichert: Man sieht. Man sieht eine ganze Menge, und dass niemand etwas zu Ihnen sagt, liegt ein bisschen an Respekt vor Ihrer Lebensleistung und in erheblichem Maße daran, dass jeder annimmt, Sie anzusprechen habe ohnehin keinen Zweck. Und: Ja, das gilt auch für die Frauen. Denn machen Sie sich nichts vor: Keineswegs ist Alter kein Hindernis. Natürlich gibt es vereinzelte Frauen, die Alter anzieht, aber das sind seltene Fälle. Die meisten Frauen der Altersstufen, denen Sie sich noch gewachsen fühlen, finden Annährungen dreißig Jahre älterer Männer bisweilen befremdlich, manchmal geradezu abstoßend, und dass Sie nicht mehr angewiderte Blicke ernten, wenn Sie fragen, wie es denn aussehe, liegt im Wesentlichen an der Harmoniebedürftigkeit der meisten Frauen und nicht daran, dass Sie gut gefallen.
Das sei ungerecht, sagen Sie, aber bedenken Sie doch: Frauen geht es schon seit zwanzig Jahren so, und ungefähr das, was Sie als Dreißigjähriger über die Kontaktversuche einer zwanzig Jahre älteren Dame gedacht hätten, wird Ihnen nun entgegengebracht, es sei denn, Sie sind sehr reich oder berühmt, und auch dann sollten Sie sich nicht vormachen, attraktiver zu sein als Sie sind. Überlegen Sie also gut, was Sie sich und Ihrem Gegenüber zumuten.
Was Ihnen dann noch bleibt, wollen Sie wissen? Sie werden es nicht gern hören, aber: Gutes Essen und herbstliche Gespräche vielleicht. Spaziergänge im raschelnden Laub. Die Literatur, Musik (aber hüten Sie sich vor elektrischen Gitarren), und wenn Sie die Frauen nicht lassen können, bewundern Sie auf Abstand. Seien Sie demütig: Wenn Sie wider Erwarten gefallen, seien Sie dankbar. Genießen Sie die letzten vollen, goldenen Tage Ihres Lebens und nehmen Sie Ihren Abschied ohne Bitterkeit. Er lässt sich so oder so nicht vermeiden.
In einer der neun Geschichten dieses schmalen Bandes fällt eine Frau aus ihrem Leben einfach heraus. Auf einer Journalistenreise in eine namentlich nicht genannte Diktatur wird sie wegen eines Planungsfehlers in einem leeren Hotel untergebracht, am nächsten Morgen vergessen, ihr Visum läuft ab, und am Ende verliert sie sich irgendwo im namenlosen Nichts. In einer anderen Geschichte findet ein berühmter Schauspieler nicht in seine Existenz zurück, nachdem ein Doppelgänger seinen Platz eingenommen hat, jemand schickt sich todkrank zum Sterben und wird durch die Gnade seines Schöpfers erlöst, der nicht ein Gott ist, sondern ein Schriftsteller, und so verschwimmen quer durch diese lose verbundenen Episoden nicht nur die Identitäten, diese Kokons vermeintlicher Selbstverständlichkeiten, sondern die Grenze zwischen Existenz und Erfindung selber verliert Bedeutung und Gewicht, wird ebenso biegsam wie bodenlos und lenkt den Blick direkt auf das Prekäre, stets Gefährdete dessen, was uns ausmacht, wenn wir mehr sein wollen als Blut, Fleisch und Knochen.
Ein einziger Anruf, ein unbedachter Ausfallschritt, der Flügelschlag eines weit entfernten Wesens kann uns zerstören, behauptet Kehlmann und illustriert dies mit Beispielmenschen, die umhergehen, telefonieren, sich verlieben, Familie haben, arbeiten, schreiben oder geschrieben werden. Neugierig oft, stets amüsiert folgt man ihren Schritten, sieht ihnen zu, wie sie strampeln, laufen, sprechen, lügen, scheitern und leiden, und klappt nach zwei Stunden „Ruhm“ wieder zu. Als recht angenehm empfiehlt man das Buch seinem geschätzten Gefährten, und doch, meint man, stimme etwas nicht mit diesem Buch, ganz genau könne man nicht sagen, was. Ein Unbehagen mehr als ein Ärgernis. Dann ist es spät und man geht schlafen.
Das ist kein großes Buch, denkt man und legt seine Linsen in die weißen Schalen im Bad. Sicher hat man schlechtere, viel schlechtere Abende mit Büchern verlebt, überlegt man bei sich und putzt seine Zähne. Zwar sind die meisten – nicht alle – Beispiele klug gewählt, und bis auf eine (allerdings dafür sehr) missglückte Liebesszene und wenige etwas arg abgenützte Effekte und Einfälle geht sich alles rund und glatt aus und schnurrt reibungs- wie tadellos durch die knapp 200 Seiten. Doch am Ende, wieso auch immer, hinterlässt dieses Buch – das kein Roman ist, es sei denn in einem sehr erweiterten Sinne – eine seltsame Taubheit, nicht unähnlich der Empfindung nach Zahnarztbesuchen, eine Teilnahmslosigkeit, die erstaunt angesichts dieser Geschichten vom Grauen des Verlorengehens, und Stunden später erst, halbwach am Morgen zwischen vier und fünf, fällt es mir auf, dass nur echte Menschen Mitleid erregen und Erbarmen, Zorn über die Härten des Lebens und Freude über seine vollen Trauben. Dass Kehlmann fast perfekte Automaten geschaffen hat, täuschend echte Attrappen des Lebens auf den ersten Blick, und doch die Marionettenschnüre sichtbar gelassen hat, warum auch immer, und die Eierschalen der Imagination am Boden nicht gekehrt. Dass eine Geschichte, die von A nach B wandert – und zwischendurch passiert eine Menge – bisweilen nicht darauf angewiesen ist, wirkliche, warme und atmende Menschen durch die Wüste zu den Oasen oder ins Nichts zu schicken, überlege ich mir, aber ein Buch, das von der Zerbrechlichkeit des Lebens erzählt, Leben doch erst erschaffen muss, dessen Gefährdung und Untergang uns schmerzt wie der Tod der Rahel am Weg, das Leiden und Sterben der Anna Karenina, oder die Zerstörung Lolitas durch Humbert Humberts Liebe.
Heut’ nacht, meine Liebe, hast du Hochzeit gefeiert und ich war da. Ein violettes Kleid hatte ich an, Volants an Saum und Ärmeln, und die Haare hochgesteckt mit einer Agraffe. Violett war auch dein Schleier, dein Kleid war blau, marineblau, und du sahst alt aus, alt und müde, und wenn die Sonne schien, schien sie manchmal durch dich durch.
Alt und müde war auch dein Priester, so alt, dass seine Haut schon ganz leer war, wie ein Handschuh ohne Hand, und seine Stimme war so hoch und fein, dass ich ab und zu nicht verstand, was er sagte. Alt und grau, hellgrau wie Staub, waren auch deine Gäste und zerflossen im Licht.
Angst habe ich bekommen, um dich und um mich. Dass sie mich nicht mehr rauslassen würden, hab ich gefürchtet, dass die Tür geschlossen bliebe nach der Trauung, und wir alle ersticken würden in der Kapelle, die aus Stein war und ganz ohne Schmuck und Tücher. Dass nicht einmal Kerzen brannten, hat mich erschreckt, dass der Priester sich abstützte mit der Hand auf dem Altar, einem einzigen, bruch- und schmucklosen Fels, und deine Gäste – wurde es still – röchelten, laut und rasselnd die Luft einzogen, keuchten, lauter als du, lauter als die Segensworte des Priesters, und dass dein Bräutigam schrie, auf einmal, lachte, kreischte vor Lachen, die Arme hochriss und tanzte und sprang, die Beine wirbeln ließ bis zur Hüfte und drüber, dass dein Bräutigam Krallen hatte, vier an jeder Hand, und auf seinen Schultern, vom Schlüsselbein aufwärts, den Kopf eines Habichts mit rotem, klaffendem Schnabel, so scharf wie zwei Messer und voller Blut.
Nein, ich habe nichts gegen München. Ich hege wirklich keine Vorbehalte gegen die Hauptstadt aller Bayern, und würde sogar den Umzug an die Isar erwägen, würde nächste Woche Berlin von einem Meteorit pulverisiert. Heute allerdings …
Aber beginnen wir von vorn.
Gegen 14.00 Uhr breche ich in der Münchner Innenstadt auf. Ein nur kleines Köfferchen und eine noch kleinere Handtasche ermöglichen den weiteren Transport per U-Bahn, die zu nutzen, wie Münchener mir versichern, unbedenklich sei. Der Flughafen sei – so einheimische Experten – auch nicht zu verfehlen. Den Weg schreibt man mir auf.
Nicht aufgeschrieben hat man mir allerdings den richtigen Tarif. Vor dem Automaten stehe ich also recht ratlos. Eine Zone, denke ich mir, ist sicherlich zu wenig, schließlich liegt der Münchener Flughafen bekannt weit weg, und aus den Transrapid-Plänen ist – wie die Welt weiß – nichts geworden. Zwei Zonen erscheinen mir auch ziemlich riskant, man will ja sicher gehen, denke ich mir, und so schiebe ich zehn Euro in den für Banknoten vorgesehenen Spalt und drücke auf die Taste „München XXL“. Dann steige ich auf die Rolltreppe und fahre los.
Neben mir zieht ein junges Mädchen die ganze Zeit an einem Kaugummi. Auf der anderen Seite des Ganges unterhalten sich zwei junge Männer im Anzug über eine dritten, der ein ziemliches Rindvieh sein muss, oder zumindest im Kollegenkreis als solches gilt. Wie andere Leute wohl über mich sprechen, überlege ich, und male mir aus, was man wohl über mich sagen könnte, wenn man mich nicht mag.
„Ihr Fahrschein bitte.“, unterbricht ein älterer, grauhaariger Mann meine Gedanken. Knollig sieht er aus, überzogen mit roten Äderchen, und auf der Stelle regt sich in mir eine kräftige Antipathie. Wortlos strecke ich ihm mein München XXL-Ticket entgegen. Zehn oder zwölf Sekunden starrt der Schaffner unverwandt auf den kleinen Fetzen Papier. Dann schaut er auf. „Sie haben kein gültiges Ticket.“, behauptet er, so laut, dass die Anzugmänner aufsehen und ihre Suada über das abwesende Rindvieh stockt.
Das Ticket, erfahre ich, reiche nicht aus. München XXL umfasse keineswegs auch den Flughafen. Vielmehr sei München XXL kurz vor dem Flughafen zu Ende. Und nein, nachlösen ginge nicht. Und einfach bezahlen könne er mir nicht raten, denn mit einem gelösten, wenn auch unzureichenden Ticket habe man Einspruch einzulegen, Nachweise zu führen, und dann könne man, wenn die Einspruchsstelle gnädig sei, mit einer geringeren Strafe rechnen.
„Das ist mir egal. Ich habe keine Lust auf Scherereien.“, verkneife ich mir nur knapp und zücke mein Portemonnaie. Nein, verweigert der Kontrolleur die Zahlung. Karten nehme er nicht. Meine Adresse möchte er haben, meine Visitenkarte reicht ihm nicht einmal, wenn ich ihm den Personalausweis danebenhalte, und so stehe ich auf dem windigen S-Bahngleis am Flughafen, während mein Boarding schließt, und lasse mir aufschreiben, wohin ich mich zu wenden habe, um sodann am anderen Ende des Flughafens mein Ticket nach Berlin umbuchen zu lassen, ziemlich viel Geld zu bezahlen für den nächsten Flug nach Hause und eine Stunde auf den ziemlich unbequemen Stühlen im Terminal herumzusitzen, Kaffee zu trinken, ein bisschen vor mich hin zu schäumen und darüber nachzudenken, ob die Verkehrsbetriebe der Stadt München ein Ticket, dass den Großraum München offenbar in wesentlichen Aspekten nicht abdeckt, eigentlich absichtlich München XXL genannt haben, um Reisende zu verwirren.
Beispielsweise könnte man übermorgen um acht den falschen Zug besteigen. Statt neben dem Brezelbäcker zur Treppe abzubiegen, würde man zehn Meter weiter laufen und erst beim Blumenstand die Rolltreppe nehmen. Statt des ICE stiege man in einen EC und führe los.
Sehr lange könnte man so tun, als hätte man die Verwechslung nicht bemerkt. Vielleicht beharrt man sogar gegenüber dem Schaffner auf einer Reservierung, die man nicht hat, und ließe sich nur widerstrebend überzeugen, im falschen Zug zu sitzen. „Sie können erst in *** aussteigen.“, würde einen der Schaffner belehren. Man müsste unglücklich aussehen und fragen, ob sich das nicht ändern lässt, und über der Antwort verzweifelt den Kopf schütteln, bis der Schaffner geht. Dass man im falschen Zug säße, teilt man dann mit und schaltet das Telephon aus.
Am nächsten Bahnhof verließe man den Zug. Es sollte ein kleiner Bahnhof sein, ein Fachwerkhaus, zugig und verloren, und mit einem einzigen Schalter, hinter dem zwar Licht brennt, aber niemand sitzt. Der Zeitungsstand hätte geschlossen, die Scheiben wären staubig und blind, und in den Schmutz der Glastür hätte jemand mit dem Finger seinen Namen geschrieben.
Ein paar Minuten müsste man schon auf der Bank auf dem Bahnsteig sitzen bleiben und warten, ob nicht ein Zug kommt, der einen zurückbringt. Wenn es kalt würde (und es wird kalt sein), dann darf man gehen. Auf der Rückseite des Bahnhofs stünde man noch einen Moment, sähe sich unschlüssig um, schlüge dann langsam die Straße ein, die vom Bahnhof ortsauswärts führt, und verlöre sich auf der Bundesstraße, noch hinter der Tankstelle, dort, wo die Raiffeisensilos stehen im Nichts wie Spuren in fließendem Wasser.
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