Ein weiteres Jahr den Winter zu verpassen: Das Knacken der Bäume, wenn das Holz vor Kälte splittert, Eiszapfen an der Regenrinne und die ganz und gar unglaubliche, leuchtende Dunkelheit einer Schneelandschaft auf dem Weg nach Haus. Die Stille zwischen Wald und Feldern, Krähenschwärme am Morgen um sechs zwischen der Landstraße und den ersten Häusern der Stadt. Der bleigraue Himmel, zart wie Haut, mit einem Rand von Silber und Taube.
Heimgekehrt am Abend auf dem Ofen mit dem Sprung in der dritten Kachel von rechts, vierte Reihe von oben, Äpfel braten, weil es so gut riecht. Ein Punsch aus Rotwein und Zimt, Orangen und Mandeln, zu Bett in langen Nachthemden aus Flanell, karierte Plumeaus und die Nacht vor den Fenstern, schwärzer und blitzender als alle Lichter Berlins.
Wir alle, oh verehrte Leserinnen und Leser, kennen das Internet als einen Ort der Aufklärung, denn im Schatten der elektronischen Säulen unserer digitalen Welt bleibt den Wandelnden keine Wahrheit lange verborgen, und so will auch ich als eine bescheidene Dienerin im Garten dieses Herrn mitwirken an dem stetigen virtuellen Diskurs, welcher sich mit der Deutung dieser Wahrheit beschäftigt, derweil es in den Augen aller Verständigen auf der Hand liegt, dass gestern abend um acht keineswegs ein Meteorit in der Nähe von Bad Doberan eingeschlagen sein kann, sondern vielmehr außerirdische Mächte am Werk gewesen sein müssen.
Nun gibt es wenig Ursache, an die Ammenmärchen zu glauben, die über extraterrestrisches Leben seit Jahrzehnten verbreitet werden. Was, fragt sich der kritische Geist, sollen Außerirdische mit irgendwelchen halbverrückten Leuten anfangen, die sich von jenen entführt und dann wieder – abzüglich irgendwelcher Organe – ausgesetzt fühlen? Würde nicht ein vernünftiger Außerirdischer sein Opfer einfach zur Gänze mitnehmen, falls es später noch etwas zu erforschen gibt? Wieso zudem sich der Gefahr indiskreter Plaudereien der Entkommenen aussetzen, wenn man die einmal Eingefangenen ebenso gut einfach wegschmeißen kann? Es verschwinden schließlich ständig Leute, da macht einer mehr oder weniger auch nichts mehr aus. Eine Forschungsvisite außerirdischer Mächte gestern abend in Mecklenburg ist aus diesen Gründen mit großer Sicherheit auszuschließen.
Dies aber wirft die Frage auf, was die Außerirdischen dann gestern abend in diesem gottverlassenen Winkel der Republik wollten. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen versichern: In der ganzen Ecke ist nichts außer einem allerdings sehr angenehmen Hotel, und dort kann man als Außerirdischer schlecht auftauchen ohne Aufsehen zu erregen. Sie sehen also, meine Damen und Herren: So kommen wir nicht weiter. Anknüpfungspunkt unserer weiteren Überlegungen kann daher nicht die Motivationslage der uns diesbezüglich ja eher fremden Außerirdischen sein. Fragen müssen wir uns, welche mit einiger Wahrscheinlichkeit mit außerirdischen Existenzen vertrauten Person oder Personenmehrheit ein Interesse haben könnte, in diesen Tagen seine Geschäftspartner auf der Erde zu sehen. Wer, so fragen wir uns also, hat große Erfahrungen in der Raumfahrt und derzeit möglicherweise Zeitdruck bei der Erledigung anstehender Geschäfte? Wer muss möglicherweise noch etwas wegräumen, irgendwohin verbringen, wo niemand anders es findet und es so rückstandslos von der Erdoberfläche verschwunden ist, wie etwas überhaupt verschwinden kann? – Wir alle, geschätzte Leserinnen und Leser, denken angesichts dieser Fragen an niemand anderen als den amerikanischen Präsidenten George W. Bush, der es zur Zeit eilig haben dürfte, zu beseitigen, was auf keinem Fall seinem Nachfolger in die Hände fallen soll.
Nun wird selbst der scheidende Präsident kaum im Weltraum anrufen, nur um ein paar Akten wegzuschaffen. Vielmehr ist anzunehmen, dass nur für wirklich sehr relevante Dinge oder Personen der wahrscheinlich erhebliche Aufwand ihrer Verbringung in den Weltraum sich lohnt. Was aber kann der amerikanische Präsident derzeit seinem Nachfolger unter den Händen weg in den Weltraum schaffen wollen? Doch nur etwas, von deren Gefährlichkeit der Präsident überzeugt ist, und das Obama gleichwohl freisetzen will. Gegenstände kommen hierbei kaum in Betracht, denn diese könnte man ja einfach vernichten. Es muss also um Personen gehen – und niemand anders als die Gefangenen von Guantanamo fällt uns ein, wenn es um Personen geht, über deren weiteres Schicksal Bush und Obama bekanntlich erheblich unterschiedlicher Ansicht sind. Die Insassen aus Guantanamo sind, kombinieren wir, also seit gestern abend weg.
Aber wieso ausgerechnet, fragt sich die kritische Öffentlichkeit, Bad Doberan? Dieses Nest, das die Welt nur als den Bahnhof kennt, von dem aus man das Kempinski in Heiligendamm erreicht? Wo nichts ist außer der Ostsee und viel Landschaft? – Nun, mag man sich denken: Schließlich schuldet die Kanzlerin unseren transantlantischen Partnern bestimmt noch einen Gefallen. Ist das vielleicht vom Nato-Vertrag mitumfasst? Und die Gegend da oben bei Heiligendamm kennt George W. Bush von dem G 8-Gipfel von vor ein paar Jahren bestimmt als menschenleer und ganz schön abgelegen.
Da liegt man nun also im Bett. Nicht mehr ganz so marode, dass gar nichts geht, aber noch längst nicht vital genug, um irgendwohin zu gehen und etwas zu essen. Bei nüchterner Betrachtung reicht es gerade von hier bis ins Bad, und gestern ist man beim Einkaufen von Milch und Taschentüchern im Supermarkt umgekippt. Überhaupt fühlt man sich beispielsweise einer Kalbshaxe auch ganz generell noch gar nicht gewachsen. Burgunderfleisch aus Faux Filet vom Rind, Hirschmedaillons mit Kroketten, Semmelknödel mit Pilzen in Rahm und Markklößchen seien besseren Tagen vorbehalten, aber eine Suppe beispielsweise, eine leichte, gebundene Hühnersuppe mit Mandeln und Zitronenzesten und einem Eigelb in der Tasse: Das wäre schon schön. Oder einfach ein bisschen geröstetes Brot, Frischkäse und ein paar Tomaten. Natürlich ist nichts davon da.
Noch besser wäre natürlich etwas Süßes. Scones beispielsweise, wie sie die I. backt, mit Double Cream und selbstgekochten Marmeladen. Oder ein Stück Käsekuchen vom Café Sowohlalsauch, mit Sahne natürlich und frischem Obst. Oder die Milchreistorte, die irrsinnig sättigend ist und schmeckt wie ein sehr gelungener siebter Geburtstag.
Ginge es, malt man sich aus, aufrecht und auf zwei Beinen bis zum Kollwitzkiez, so wäre natürlich auch eine Tarte Opéra im Rahmen des Möglichen, mit saftig durchtränktem Biskuit und dunkler Schokolade bei Albrecht in der Rykestraße. Oder – wenn man schon mal da wäre – noch eine Tarte Tatin dazu? Die Tarte Tatin mit den karamellisierten Äpfeln, an der ich mich immer wieder versucht habe, und die bei mir nicht halb so gut schmeckt? Oder nur ein einziges Törtchen bei Albrecht, vielleicht ein Millefeuille, und dann weiter in die Werkstatt der Süße und ein Safran Biskuit mit Café Noir Mousse und Cassis? Der Kokos Erdbeer Dome mit Iviore? Ein oder zwei Macarons, die in großen Gläsern auf der Theke stehen? Zumindest ein bisschen heiße Schokolade?
Aber dann doch nur ein bisschen kalter Grieß aus Magermilch und ein ganz und gar unkaramellisierter Apfel. Mit Tee.
„Nicht so toll.“, krächze ich in den Hörer. Auch mein kleiner Cousin ist krank, höre ich, also zumindest so ein bisschen, also genug, um nicht zur Schule zu gehen, die ihn – an dieser Stelle wird tief geseufzt – ohnehin schrecklich nervt. Der Schulstoff interessiere ihn nicht.
Was er denn machen wolle, frage ich, um herauszubekommen, ob das demnächst zu absolvierende Abitur notentechnisch überhaupt relevant und damit schulisches Engagement auch in fürchterlichen Fächern erforderlich sein würde. Das wisse er nicht genau, antwortet er und legt eine lange Pause ein, die das ganze Ausmaß seiner Ratlosigkeit illustriert. Etwas Kreatives könne er sich vorstellen, kommt es dann, und ich seufze ein bisschen. Etwas Kreatives macht die halbe Stadt, und zumeist sind die Ergebnisse wirklich erschreckend.
Mit dem Malen, sagt der Kleine, sei es ja nicht mehr so. Schreiben indes, Schreiben sei etwas ganz anderes. Er werde, kündigt er an, einen Roman verfassen. „Wer nicht!“, gebe ich zurück. Das Romane schreiben sei ungefähr so verbreitet wie Pickel, mehr noch, ich kenne keinen erwachsenen Menschen, der nicht mindestens von einem Roman schwadroniert und nach dem dritten Wein detailliert Aufbau und Handlung erläutert. Ungefähr jeder zweite hat auch tatsächlich irgendwas verfasst, und selbst wenn diese Texte lesbar sind, haftet ihnen doch ein Air des Vergeblichen an, denn (was auch mein kleiner Cousin sich hinter die Ohren schreiben möge): Es ist aus mit der Literatur. Und alles, was noch kommt, Imitation und Nachspiel.
Der Kleine schluckt hörbar. Unerbittlich fahre ich fort. Es habe, sage ich ihm, im 19. Jahrhundert die Kunst der Wiedergabe menschlicher Empfindungen einen seitdem nicht mehr überbotenen Höhepunkt erreicht. Maupassant, Tolstoi, vielleicht Flaubert: Genauer kann kaum wiedergegeben werden, wie Menschen fühlen und was sie dazu treibt, Dinge zu tun. Diese Fertigkeit wird seither angewandt, aber solange Menschen sich nicht ändern, sondern nur ihre Umgebung, wechseln zwar die Interieurs, die Anlässe ändern sich, auf die Menschen reagieren, aber solange die Evolution sich nicht erheblich beschleunigt, wird alles Wiederholung bleiben. Nichts Neues unter der Sonne.
Zudem hat, füge ich hinzu, das 20. Jahrhundert die Grenzen der Sagbarkeit aufs Äußerste erweitert. Die Mittel, die eigentliche Beschaffenheit der Welt, ihre schattenhafte, spinnwebfeine, ganz und gar nichtstoffliche Seite auszudrücken, hat die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts gesucht, und sie hat sie gefunden. Ich mag Joyce nicht, ich habe kein besonders Faible für Virginia Woolfs avantgardistischeren Romane, aber ich weiß, dass sie funktionieren. Proust. Thomas Mann, die Rückkehr des Epischen. Die Macht von Sprache als Bann und Beschwörung. Die Ausweitung der Sphäre des Sagbaren über die Grenzen der Konvention bei Miller und über die Grenzen der Realität in eine phosphoreszierende Zwischenwelt, wie bei Garcia Márquez.
Ebenso, wie manche Sporttheoretiker annehmen, dass irgendwo eine objektive Grenze des menschlichen Vermögens, schnell zu laufen, liegt, sei möglicherweise eine Grenze erreicht, jenseits derer Sprache nichts mehr vermag. Innerhalb dieser Schranken ist unter Umständen fast alles erzählt. Nun mag auch die Wiederholung ihren eigenen Reiz haben. Wer mag, liebt vielleicht die Adaption des Bekannten in ein anderes Lokalkolorit, andere Kostüme, sucht die Kombinationen, versucht, den ermüdeten, gelangweilten Leser noch einmal mit noch anderen, vielleicht wirksameren Effekten einzufangen.
Aber lohnt sich das?, frage ich den Kleinen streng und ganz und gar rhetorisch. Muss man das machen? Ist diese mühselige Form der vergeblichen Anstrengung ein guter Ort, oder sollte man nicht etwas Angenehmes tun? Etwas, was nicht belastet wie das Schreiben. Etwas Leichtes, Amüsantes, ganz und gar Unernstes wie den Handel oder das Rechtswesen, wo man wenig Schaden anrichten kann und keine Erwartungen bestehen, außer Geld zu verdienen, von dem jeder weiß, dass es nicht wirklich existiert? – Erwartungsvoll schweige ich und suche mit der linken Hand auf dem Nachttisch nach einem weiteren Taschentuch.
„Das sei doch gar nicht wahr!“, braust mein Cousin auf. Von abstoßendem Zynismus geprägt sei meine Weltsicht, und nur meine Grippe hindere ihn, noch deutlicher zu werden. Zudem sei meine Annahme falsch, die Gegenwart weise literarisch keine vergleichbaren Quantensprünge auf wie die zwei vergangenen Saecula. Dies werde er mir auch beweisen. Eine Liste werde er vorlegen mit zehn bedeutenden Romanen seit 2000, die über den vorhandenen Bestand hinausgingen. Dann legt er auf.
Immer wieder gern klicke ich durch die Referrals dieses Blogs und stelle mir vor, wer und was sich dahinter wohl verbirgt. Was für ein Mensch beispielsweise sucht ausgerechnet im Internet eine Antwort auf die Frage „Januar 2009 kalt„? Oder geht es hier schlicht um die Bestätigung der eigenen, noch unsicheren Wahrnehmung? Viele Menschen trauen ihren Sinnen ja nicht.
Wer aber sucht im Internet nach „Dr. Adam Soboczynski Termine„? Hat der Herr Dr. Adam Soboczynski – dem die Welt ein außerordentlich amüsantes Buch verdankt – etwa einen hartnäckigen Verehrer, der dem Autor auflauern möchten und im Netz immer mal wieder die Antwort auf die Frage sucht, wo er sich befindet? Schließlich, wie ich meinen Referrern entnehme, erreicht mich diese Google-Anfrage schon zum zweitenmal. Oder sind das zwei verschiedene Leute, und der Herr Dr. Soboczynski hat ein Problem mit gleich mehreren Internetmänaden? Oder verliert seine Sekretärin beständig seinen Kalender und sucht verzweifelt im Web, wo ihr Chef hinfahren soll? Dies immerhin würde auch die Titelnennung erklären, denn auch mich bezeichnet auf Erden nur mein Sekretariat mit akademischem Titel.
Dass „Osama Bin Laden Bart“ da schon von ganz anderem Interesse ist, liegt natürlich auf der Hand, denn was ist ein deutscher Autor gegen den bekannten muslimischen Abrisspezialisten, den Teile der Welt nicht nur für seine vergangenen surrealen Auftritte in internationalen Medien, sondern auch für sein gutes Aussehen schätzen. In diesen Kreisen, so vermute ich, kursiert sicherlich die stehende Wendung „Beim Barte Osama Bin Ladens“, und die Anfrage per Google stammt von einem unbedarften Gast eines solchen Haushalts, der heimgekehrt endlich wissen möchte, was es mit diesem Bart auf sich hat.
„Wie sieht Augustinus die Welt?„, frage ich mich natürlich auch des Öfteren, erhalte aber ebenso wenig wie der Fragende heute morgen um zehn eine befriedigende Antwort. Ich tippe auf den Schulunterricht. – „Sehr alte dicke Frauen“ gibt es hier nur an ganz schlechten Tagen. Überhaupt versanden die meisten Suchanfragen hier wohl durchaus frustrierend, irgendwelche Leute wühlen sich zähneknirschend durch große Mengen für ihre Zwecke unbrauchbaren Text, und nur diejenigen, die nach „Modeste“ suchen, sind hier, nehme ich an, richtig und am Ziel. Willkommen. Fencheltee steht in der Küche. Stecken Sie sich nicht an.
Morgens um acht kann ich leider nicht sprechen und huste wie – nun, eben wie jemand der seit fast zwanzig Jahren raucht mit einer kräftigen Infektion. Im Bad stelle ich mich auf die Waage und habe wieder 500 gr. zugenommen, trotz Sport und Ernährungsumstellung. Ungefähr im Mai, nehme ich an, werde ich platzen. Traurig verlasse ich erst das Bad und dann meine Wohnung.
Als ich vom Bäcker komme, macht der Zeitungsmann gerade Pause. Etwas anderes zum Lesen habe ich nicht dabei. Dafür röchelt mein Gegenüber in der U 6 auf äußerst eindrucksvolle Weise. Zum Glück stirbt er nicht während der Bahnfahrt.
Weil die Kollegin, die mich morgens um viertel nach neun an einer U-Bahnhaltestelle ziemlich weit weg abholen soll, zu spät kommt, bekomme ich beim Warten eiskalte Füße und werde den ganzen Tag nicht mehr warm. Mittags vergesse ich kurzzeitig meine guten Vorsätze und esse einige Calamares. Sie schmecken scheußlich. Heute abend also nur Obst.
Zu allem Überfluss wird mir gegen acht Uhr abends wahnsinnig übel. In regelmäßigen Abständen von vier bis fünf Minuten zieht sich mein Magen zusammen. Huste ich in der Zwischenzeit, kontraktiert mein Magen aus Solidarität mit meinen Bronchien zusätzlich jedesmal mit. Immerhin hat sich weitere Nahrungsaufnahme damit erledigt.
Jammern – etwa telefonisch – geht gerade nicht, denn stimmlos bin ich schon seit heute morgen. Der J. ist beruflich bedingt nicht da und kommt erst Freitag wieder. Im Interesse schneller Linderung meines Allgemeinzustandes einen Arzt aufzusuchen, beispielsweise morgen früh, ist angesichts der vorhersehbaren Diagnose, ich sei erkältet, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit obsolet. Bleibt nur, zu Hause zu bleiben, Musik zu hören, Mails zu schreiben, und darauf zu warten, dass die Magenkrämpfe nachlassen.
Gegen zehn fällt mir der Duschkopf auf den rechten Fuß. Gegen halb elf gehe ich schlafen. Die ganze Welt, fällt mir auf, riecht nach Eukalyptus.
Einfach liegenbleiben und die Augen geschlossen halten, als sei die Nacht nicht vorbei. Auf dem Rücken liegen, die Beine anziehen und mit den Händen über die Beckenknochen fahren und sich vorstellen, noch einmal 50 Kilo zu wiegen, und wie toll das wäre und wozu und was der J. wohl dazu sagen würde. Immer wieder ein bißchen schlafen.
Für Sekunden träumen (Haut, Himmel und Meer), erwachen und wieder versinken. Die gleißende Helle des Schlafs. Sich halbblind in die Küche tasten. Eiskaltes Wasser und Tee, die Rückkehr ins Bett, und Lotte Lehmann singen lassen von dem Herrlichsten von Allen. 1928 in Berlin.
So kalt, so zehenzerstörend eisig, so kalt, dass auch nach einer Viertelstunde in einem warmen Raum die Hände noch en bißchen schmerzen, war es zuletzt in dem Winter, als ich nach Berlin kam. In Friedrichshain wohnte ich damals, Hinterhaus und praktisch unbeheizbar. Es war den ganzen Tag dunkel in meiner Wohnung und Berlin generell, und jedes zweite Haus sah aus, als sei der zweite Weltkrieg gestern zuende gegangen.
Jeden Morgen verließ ich als wahrscheinlich einzige Hausbewohnerin die Wohnung, und jeden Morgen prosteten mir drei, vier heruntergekommene Männer um die vierzig mit roten Gesichtern und dicken, billigen Steppjacken zu. Doppelkorn und Bier. „Hey, Mädchen!“, brüllten sie und boten unermüdlich, jeden Morgen wieder, Getränke an, während ich versuchte, auf dem Weg zur U-Bahn nicht auszurutschen. Gestreut wird in Berlin aus Prinzip nur ganz selten.
Nach einer Weile hasste ich die Männer. Ich hasste ihre alkoholischen Atemwolken, ihre bunten Jacken, ihre roten Gesichter mit den aufgesprungenen Adern. Ihre Hunde hasste ich sowieso. Abends amüsierte ich Menschen, die ich kenne, mit langen Ausführungen über allzu exzessiv vergebene Sozialleistungen, die es Leuten erlauben, den ganzen Tag am Kiosk zu trinken und Passanten Bier und Korn anzubieten. Am Morgen fühlte ich mich manchmal wie Margaret Thatcher. Bevor es schlimmer wurde, zog ich weg.
Hier, wo ich jetzt wohne, seit mehr als fünf Jahren, gibt es keine Leute mehr, die Bier und Korn trinken. Wer sich hier betrinkt, wählt mit Sorgfalt. Wer hier verzweifelt, bleibt zuhause, und sogar der Kiosk um die Ecke führt Biomarmelade und dunkle Schokoladen mit Salz. Schön ist es hier, und weg will ich so schnell nicht. Doch wenn es kalt wird, wenn der Schnee auf den Gehwegen gefriert und buckelig wird, wenn die Füße in den Stiefeln blau werden und dick, wenn die Hände schmerzen: Wenn es wirklich Winter ist in Berlin, dann frage ich mich, was aus den Männern am Kiosk wohl geworden sein mag. Ob sie noch leben. Und ob es ihnen gutgeht, mit Bier und Korn und in billigen Jacken. In Friedrichshain oder wo auch immer.
Der J. trödelt. Der J. sucht in der ganzen Wohnung nach seinen Schuhen, verwirft die schwarzen mit der Ledersohle aus Witterungsgründen, hält zwei andere Paare prüfend nebeneinander, und bindet mit aller Gemächlichkeit schließlich das ausgewählte Paar zu. Eingepackt in eine Barbourjacke mit Fell, eine rote Pashmina und warmen Stiefeln stehe ich an der Tür. Die Handschuhe habe ich schon wieder ausgezogen. Es ist 18.35.
Auf der Schwedter Straße ist kein Vorankommen. Unruhig rutsche ich auf dem buckelig-vereisten Bürgersteig hin und her. Zwanzig Meter hinter mir, seelenruhig mit den Händen in den Taschen, spaziert der J. zur U-Bahn. Wir hätten doch noch 35 Minuten, wehrt der geschätzte Gefährte jede Eile ab.
„Ja, eben!“, bemühe ich mich, nicht hier an Ort und Stelle auf der Ecke zur Schönhauser zu explodieren. Es gelingt eher mäßig. Um 19.15, halte ich ihm vor, seien wir vorm Haus der Berliner Festspiele verabredet, welches sich bekanntlich am anderen Ende der Welt befindet. Außerdem haben wir die Karten, auch für die J. und die C.
Um 18.41 verpassen wir die Bahn. 19.17 wären wir mit dieser Bahn – inklusive Umsteigen – am Bahnhof Spichernstraße gewesen, das geht nun nicht mehr, und deswegen steigen wir am Alex aus. Es ist 18.55. So schnell es geht, laufe ich über den Platz, an Kaufhof vorbei, im Slalom um Passanten herum, die in hellen Heerscharen einfach so auf dem Alexanderplatz herumstehen. Aufreizend gemütlich schlendert der J. hinterher. Vor der S-Bahn warten die Taxen.
Um 19.02 fährt das Taxi los. Es werde knapp, teilt der Fahrer mit, denn am Potsdamer Platz demonstrieren irgendwelche Leute gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen. „Das ist mir egal! Wir haben es eilig!“, rufe ich aus, und der Fahrer fährt ein wenig zusammen. „Zentrale – hat sich die Demo am Postdamer Platz aufgelöst?“, fragt er über Funk an. Gott sei Dank. Die Demo ist vorbei. Der J. sieht mich strafend an. Diese verfluchten Ausbrüche, kann ich es ganz deutlich auf seiner Stirn geschrieben sehen.
Als wir im Foyer stehen, ist keiner da. Es ist 19.18, weder die J. noch die C. warten, und dass die C. auch nicht in allernächster Zukunft eintreffen werde, teilt sie per SMS mit. Sie brauche noch zehn Minuten. Inzwischen ist wenigstens die J. erschienen. Außer uns ist ganz Westberlin da. Der Altersschnitt liegt deutlich über vierzig. Das Foyer ist voll und vor den Garderoben drängeln sich ältere Herren mit den Mänteln ihrer Frau.
Es läutet. Die C. ist noch nicht da. Um 19.29 gebe ich ihre Karte am Einlass ab. Um 19.30 geht der Gong zum zweiten Mal. Um 19.31 rauscht die C., ohne den Einlass auch nur eines Blickes zu würdigen, durch die Tür. Mit offenen Mündern stehen die Einlasswärter und sehen der C. nach. Kreidebleich – sie muss gerannt sein – lehnt die C. an der Holzvertäfelung und japst ihre Anginaviren in die warme Luft. Den Mantel behält sie an.
Hinter uns schließt sich die Tür und parallel zum Erscheinen der Schauspieler drücken wir uns unter halblauten Entschuldigungen durch die Reihe. Tut mir leid, flüstere ich ungefähr sechs- bis siebenmal. Dann geht es los. Ullrich Matthes spricht. Und ja – der Onkel Wanja ist tatsächlich so grandios, wie alle sagen.
Man solle ein Gedicht vorstellen, hatte Frau H. aufgegeben, und eine ganze Woche hatte ich an meinem Referat gefeilt, war in die Bibliothek gefahren, hatte Lexika gewälzt und eine kluge Germanistin, Freundin meiner Mutter, angerufen, die ich meistens vermied, weil sie sich immer betrank und dann alle Kinder küsste. Am Schreibtisch meines Vaters, den ich nachmittags nutzte, weil ich mir erwachsener vorkam als in meinem Kinderzimmer, hatte ich gesessen und mir ausgemalt, wie mir die ganze Klasse applaudieren würde und alle den Dichter genauso lieben würden wie ich. Ich war dreizehn.
In der Nacht vor meinem Referat hatte ich kaum geschlafen. Vier oder fünf erste Sätze hatte ich mir überlegt und aufgeschrieben. Um fünf Uhr morgens war ich aufgestanden, hatte meinen Vater geweckt und vor ihm, der blinzelnd auf dem Rücken lag, den ganzen Vortrag noch einmal gehalten. Dann fuhr ich zur Schule.
So früh morgens waren die Flure noch leer und still. Im Klassenraum war es staubig, an der Tafel sah man Kreideschlieren vom vorigen Tag, und aus irgendeinem Pult roch es durchdringend nach saurem, alten Brot, das dort vergessen worden war und in der Wärme gärte. Die nächsten zwei Stunden kam keiner.
Als Frau H. kam, verschluckte ich mich fast vor Eifer. Ewigkeiten brauchte Frau H. für ihre Begrüßung. Noch länger blätterte sie im Klassenbuch. Dann setzte sie sich in die erste Reihe. Es ging los. Ich sprach. Ich sprach und sprach. Ich hörte nicht auf zu reden, gestikulierte, wurde lauter und leiser, und sprach immer weiter. Ich hörte auch nicht auf vorzutragen, als die Ersten unruhig wurden und leise lachten. Als in den hinteren Reihen geschwätzt wurde, sah ich hilfesuchend zur Frau H., aber die sah an mir vorbei aus dem Fenster, wo die Kastanien in voller Blüte standen, weiß und rosa und unverletzlich, als würde nicht die ganze Pracht zwei Wochen später auf dem Hof zertreten.
Als jemand eine Papierkugel nach mir warf, wich ich aus. Frau H. sah weiter an mir vorbei. „Frau H., jemand hat …“, begann ich, auf einmal unsicher geworden. Frau H. drehte sich unwillig zu mir um. Ich fuhr fort. Von Frau H. sah ich wiederum nur den glatten, blonden Kopf. Frau H. sah auf den Hof.
Als die zweite Papierkugel flog, blickte Frau H. auf und fing an zu lächeln. Frau H. lächelte nicht nur, sie grinste, sie fing an laut zu lachen, und die ganze Klasse lachte mit. Sogar meine Freunde. Vor Scham und Verlegenheit lachte auch ich ein bisschen, und knüllte mein Referat in den Händen zusammen. Dann unterbrach mich Frau H. Sie hätte genug gehört, stand sie auf und setzte sich wieder an ihr Pult. Ich möge mich setzen. Ziemlich pubertär sei das alles, beschied mir Frau H. und reichlich überspannt. Das müsse ich mir abgewöhnen für die Zukunft. Langweilig sei mein Referat außerdem. Fast eingeschlafen sei sie, und allen anderen sei es genauso gegangen, und dann fragte Frau H. ausgerechnet meine Freunde, bis sogar die N. und die S. und der M. zugaben, mein Vortrag sei schlecht.
Wegelaufen bin ich, noch während der Stunde. Eine 3- habe ich bekommen, das war nicht so schlimm, aber Frau H. zog mich im ganzen nächsten Jahr gelegentlich auf mit dem misslungenen Vortrag. Was ich denn mal werde wolle, fragte sie irgendwann einfach so vor lauter Leuten aus dem Nichts. Als ich etwas vom Schreiben stotterte, lachte sie mich noch einmal aus. Mich sehe sie ja noch nicht einmal an der Uni, brüllte Frau H. vor Lachen. Dann ging sie in Mutterschutz und verschwand.
—
Ich weiß bis heute nicht, was Frau H. gegen mich hatte. Mein Vater hat sich bei Frau H. beschwert, aber es hat nichts genützt. Ich habe bei Frau H. keinen Schaden genommen, denn Kinder sind robust. Ich habe Frau H. gehasst, aber wen interessiert, ob man seine Deutschlehrerin mag oder nicht. Ich habe mir ausgemalt, manchmal in ganz besonders öden Schulstunden, wie Frau H. bei einem Unfall der Kopf abgerissen wird. Ich habe mir ausgemalt, wie ein Arzt ihr erzählt, sie habe Krebs. Ich bin noch vier, fünf Jahre später rot angelaufen vor Wut, wenn die Rede auf Frau H. kam, und als mein Vater mir erzählte, ein paar Wochen ist es her, Frau H. sei tot, nicht einmal fünfzig Jahre alt, sah ich mich stehen, dreizehnjährig vor der Tafel, und hatte nichts, nichts vergessen und vergeben, wie lächerlich auch immer das sei.
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