Alle Beiträge von Modeste

Journal :: 19.05.

Die rechte Fahrbahn ist gesperrt, und das Gate schließt in zehn Minuten. Nervös kralle ich meine Fingernägel in die Nackenstütze vor mir. Fahren sie schneller, denke ich erst, dann sage ich es auch, und weil ich wirklich sehr verzweifelt bin, gibt der Taxifahrer tatsächlich Gas. Erst über einen Supermarktplatz, dann über eine Tankstelle. Schließlich über ein Stück Baustelle, ein paar Meter Fahrradweg, und dann geht es wieder voran. Zwanzig Euro werfe ich nach vorn, hasche nach der Quittung und checke in letzter, wirklich allerletzter Minute ein. Es ist morgens, kurz vor zehn. Noch einmal gut gegangen.

Auf dem Rückweg abends um acht ist es dann gemütlich. Langsam schaukelt der Wagen von Tegel in den Prenzlberg, ab und zu fallen mir die Augen vor, und als ich vorm Pappa e Ciccia stehe, zähle ich in aller Ruhe Geld ab, wünsche noch einen schönen Abend und lasse mich auf die Holzbank des Restaurants fallen. Spaghetti Vongole, bestelle ich. Einen Wein. Zur Feier des Tages gibt es eine Crème Caramel.

Um halb elf sitze ich wieder am Schreibtisch.

Journal :: 18.05.

Neun Kilo habe ich seit Weihnachten abgenommen, behauptet die Waage. Leider sieht man nichts. Oder nur ganz wenig. Frisch geduscht stehe ich vor dem Spiegel, kneife mir in die Seiten, beuge mich vor und zurück und frage mich, was man eigentlich machen muss, um so auszusehen, wie man aussehen will, oder ob das gar nicht geht. Irgendwie habe ich am Bauch immer noch mehr Speck als Muskeln.

„Findet ihr, ich mache mir zu viel Gedanken um mein Aussehen?“, frage ich die Lieblingskollegen mittags beim Sushi. Aber nein, sagen beide brav im Chor. Es hört sich irgendwie verdächtig an. Ob eine weitere Gewichtsabnahme empfehlenswert sei, frage ich daher nicht. Als ich nach Hause komme, schaue ich bei Google nach, was man eigentlich idealerweise wiegt, wenn man so groß ist wie ich. Leider ist das Internet bei den wirklich ernsthaften Fragen des Lebens auch diesmal keine große Hilfe.

Nach sechs soll man nichts mehr essen, habe ich gehört. Andere Stimmen dagegen behaupten, die Uhrzeit sei egal. Weil ich eh nie vor neun zu Hause bin, beschließe ich, die zweite Ansicht sei zutreffend, richte Salat mit Huhn an, backe eine Brezel auf, und sollte zu Bett gehen, als ich doch noch – nur für eine halbe Stunde, sage ich mir – ins Lass uns Freunde bleiben gehe, mit dem J. und dem M.2 erst eine Weinschorle und dann einen Sekt trinke, über Politik und Cabrios lache und schließlich zu spät zu Hause bin, wie immer.

Es ist zwanzig nach eins. Der Tag wird lang.

Journal :: 17.05.

Zwischen des Fresken der Casa Bartholdy bleibe ich stehen. Schön ist es hier, denke ich, und bis der R. und die I. erscheinen, habe ich noch eine Menge Zeit. Genug für ein paar Stunden Augenlust und ein bißchen Spargelschälen und Erdbeerputzen dazu. Ruhig bin ich trotzdem nicht.

Irgendwo knapp unterhalb des Zwerchfells schlägt ein kleiner Hammer, schätzungsweise Metall, die ganze Zeit gegen die Rippen, etwas schneller als mein Herz und sehr irritierend. Wie immer, wenn ich angespannt bin, reibe ich Daumen und Zeigefinger der linken Hand gegeneinander, unwillkürlich, nichts dagegen zu unternehmen, und beschleunige und verlangsame meinen Schritt ohne rechten Anlass. Nach oben zu Liebermann, nach hinten zur Düsseldorfer Schule, zurück, und dann wieder nach unten. Sehr ruhig, gelöst und gelassen sitzt der J. im zweiten Stock auf einer steinernen Bank, wartet auf mich und lächelt mich an, als ich abwärts steige. Als wir die Alte Nationalgalerie verlassen, hört das Hämmern und Klopfen nicht auf.

Auch auf dem Heimweg höre ich die raschen, dröhnenden Schläge. Verschwinde, fahre ich den lumpigen Tambour an, der auf meinen Rippen reitet, aber der grinst nur und schüttelt den Kopf. Du bist mein, sagt er und fletscht die gelben, entblößten Zähne, dass es mich schaudert. Lass mich in Ruhe, bitte und bettele ich vergebens, noch Stunden später daheim, den Sparschäler in der Hand.

Irgendwann abends, zwischen Hauptgang und Dessert, geht der Hammerschlag schlafen, viel zu spät. Lachend und essend, trinkend und debattierend sitze ich am Tisch. Die britischen Abgeordneten. Das deutsche Umweltrecht. Italo Calvino und Christoph Ransmayr, meine Mutter und R.’s Tante, und die Fahrstuhlmusik, die der Vater vom J. macht, seit er Rentner ist und den ganzen Tag daheim.

So könnte es immer sein, halte ich mir vor, lausche in eine Gesprächspause dem eigenen Herzschlag nach, und höre mit leichtem Frösteln – weit entfernt, aber gut vernehmbar – den Tambour leise höhnisch lachen.

Journal :: 16.05.

Die Entscheidung fällt schwer. Rechts von mir steht auf dem Schreibtisch eine Blaubeertarte, die sehr gelungen wirkt, wie ein Kuchen aus Kochbüchern. Die Urheberin, wie ich ein wenig später vernehme, ist Köchin. Hinter der Blaubeertarte steht ein Rhabarberkuchen mit Baiser obendrauf, der auch großartig aussieht, zudem liebe ich Rhabarber, aber Rührkuchen (und so scheint mir der Teig) ist bekanntlich der ärgste Feind der Taille, gleich nach Buttersaucen und Mascarpone, und so lasse ich das am Besten sein. Ansonsten passe ich irgendwann (und der Tag kann nicht mehr weit sein) nicht mehr in die Sitze im Flugzeug.

Direkt vor mir befindet sich eine Tarte Tatin. Ich liebe diese Königin der Apfelkuchen, habe aber gehört, diese Speise sei fett, und überhaupt sei Obstkuchen nicht so harmlos, wie man gern annimmt, wenn man Kuchen essen will, aber sich vor den Folgen fürchtet.

Um den Kuchen zu vermeiden, rauche ich extra viel. Das ist zwar nicht gesund, aber macht wenigstens nicht dick. Auch Sekt geht bekanntlich immer, und so stehe ich auf meinen bequemsten hochhackigen Schuhen vor dem Buffet, bemühe mich, an den Kuchen vorbeizuschauen, und rauche, rauche, rauche. Zwischendurch trinke ich Sekt.

Eine Ecke des Rhabarberkuchens esse ich dann doch, weil der J. ein Stück auf dem Teller hat. Er schmeckt großartig. Weil ein anderer Gast sich von der Blaubeertarte nimmt, stecke ich mir ein Stück, das beim Schneiden abgefallen ist, in den Mund, und ein kleines Stück Tarte Tatin (etwa 1,5 Zentimeter auf der Tortenrandseite) esse ich ganz. Es schmeckt toll. Verstohlen betaste ich meinen Bauch. Ja, sage ich mir: Du hast hinsichtlich deines Gewichts einen echten Schaden.

Ich will nach Hause, fällt es mir etwas später ein. Ich bin müde, so müde, so unendlich schläfrig, dass rein gar nichts mehr hilft, und so krieche ich noch vor dem Haus in ein Taxi. Noch schmecke ich die karamellisierten Äpfel der Tarte, bilde ich mir ein, lecke mir sorgfältig die Mundwinkel aus und bedaure, der Gastgeberin kein Stück für den Heimweg abgeschwatzt zu haben, nur ein kleines, nur ein halbes von mir aus, aber dann bin ich schon zu Hause.

Kuchen ist keiner im Haus.

Journal :: 15.05.

Laut Dr. Freud, meine Damen und Herren, stellen Träume Botschaften unseres Unterbewusstseins dar, das uns etwas mitzuteilen habe, was wir tagsüber verdrängt haben und folglich nicht wissen. Wenn nun aber das Unterbewusstsein mancher Menschen schlechthin nichts mitzuteilen hat, weil untenrum ebenso wenig Mitteilenswertes passiert, wie im Dasein der Gesamtpersönlichkeit, dann, hochverehrtes Publikum, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass des Nachts das Unterbewusstsein beginnt, schieren Unsinn auszustrahlen, der sich zu echten Unterbewusstseinsbotschaftsträumen verhält wie die Darstellung der schönsten Bahnstrecken Deutschlands zu einer Wiedergabe des Faust.

Wenn eine Woche später immer noch nichts passiert, woran das Unterbewusstsein sich abarbeiten könnte, scheint der Programmdirektor dieses offenbar etwas materialarmen Senders zum Äußersten zu greifen, damit überhaupt noch etwas über den Bildschirm rauscht, und so träume ich vergangene Nacht zum dritten Mal in wenigen Wochen, man habe mein Badezimmer zugemauert.

Ärgerlich mehr als wirklich betroffen stehe ich angesichts dieses Befunds in Wäsche vor der Türöffnung, die ungefähr bis zur Brusthöhe mit Ziegelsteinen und grobem, fleckigen Mörtel angefüllt ist. Aus der Öffnung zwischen Rahmen und der Mauer zwischen mir und meinem Bad dringen warme, nach Blüten duftende Schwaden, Kerzenschein, etwas plätschert, vielleicht die Wanne, und wenn ich mich umdrehe, um ungewaschen das Haus zu verlassen, wache ich auf.

„Stellen sie endlich diese Wiederholungen ein!“, befehle ich der unterirdischen Sendeanstalt, welche indes – widerspenstig, wie es einem quasi unkündbaren Apparat zu eigen ist – fortfährt, in sinn- und bedeutungsfreier Weise des Nachts mein Bad zu verschließen. – „Sorg du doch für mehr Input.“, höre ich es aus meinem Inneren schallen, und mir scheint, es werde höhnisch gelacht.

(Tags war das Bad natürlich wieder offen. Ebenso das Büro, und das auch gleich für elf geschlagene Stunden.)

Journal :: 14.05.

Die Holzvertäfelung ist tatsächlich aus Kiefer. Auch die Möbel sehen aus, als hätten die Besitzer des Jessner-Eck sie in irgendeinem Möbelmarkt gekauft, und einen Moment bin ich ein bißchen enttäuscht. Eine Eckkneipe sieht in meiner Vorstellung anders aus, wie das Alt Berlin in der Münzstraße vielleicht.

Ein paar Minuten später aber steht die Wirtin vor dem Tisch, blond gefärbt, vielleicht fünfzig mit einer Tätowierung auf der Wade, schäkert mit meinem Begleiter, bringt mir einen warmen, süßen Piccolo, den man nur trinken kann, wenn man die Luft anhält, und im Hintergrund singen die ganze Zeit irgendwelche Sänger auf deutsch wirklich schlechte Lieder von Liebe, Sonnenuntergang und Delphinen. Vor dem Tresen hängen einige Wracks schwer abzuschätzenden Alters. Noch ein paar Minuten später kommt die Wirtin und ein Mann mit Schnäuzer und schlechten Zähnen und einem großen Kreuz mit Strasssteinen auf der Brust und wollen tanzen. Ich tanze also, bewundere den A. um seine rheinische Fähigkeit, mit nahezu jedermann Konversation zu betreiben, und dann trinke ich noch sehr schnell einen weiteren Sekt und einen Gin Tonic. Wodka trinke ich auch, das mache ich nur ganz selten. Ich vertrage eigentlich keinen Schnaps.

Kurz vor dem Aufbruch am Tresen trinke ich noch einen Likör, der Pfeffi heißt (oder so ähnlich), und schmeckt wie Mundwasser mit Alkohol drin. Den schmeckt man aber nicht, den Alkohol, und als wir gehen, sitzen immer noch ein paar der fertigsten Friedrichshainer der Welt vor dem Tresen, liegen sich in den Armen, und ihre gute Laune wirkt nicht einmal gekünstelt.

(Am Prenzlauer Berg dagegen ist es kalt, und zu essen gibt es nichts mehr außer Falafel.)

Journal :: 13.05.

John Gabriel Borkmann, Schaubühne

Etwas hakt. Nicht ganz klar ist, ob es an Bierbichler liegt, der zu erdhaft, zu bäuerlich, zu verwachsen mit den Elementen scheint, als dass man ihm den betrügerischen, inhaftierten und entlassenen Bankier John Gabriel Borkmann abnehmen würde. Die Illusionen über sich, über die eigene Bedeutung und die eigene Zukunft – das ja. Nicht aber das geisterhaft verstiegene, das ganz und gar unsinnliche Hingegebensein an die abstrakte Macht des Geldes, das in diesem Stück von Ibsen etwas Dämonisches ausstrahlt, ohne doch die Sinnlichkeit zu gewinnen, die Bierbichler verkörpert.

Vielleicht ist es auch der Sohn, den Sebastian Schwarz mit angemessener Erbärmlichkeit darstellt, denn wie soll auch jemand beschaffen sein, an dem jedes Familienmitgliedes Wünsche hängen wie schwere Steine. Den Freiheitsdrang jedoch, der ihn am Ende das Gespinst fremder Erwartungen zerreißen lässt, ist in der Darstellung der ersten 45 Minuten kaum angelegt. Ein wenig kretinhaft wirkt er, und nicht ganz überzeugend ist, dass Mutter und Tante ihre Erwartungen an jemanden heften, der so ist, wie er scheint. Die Macht der Illusionen, die Kraft unserer Wünsche, die Welt so anmuten zu lassen, wie wir sie gern hätten: Ein wenig Nahrung braucht sie halt doch, und so hätte ein wenig mehr Elastizität diesem Erhard Borkmann gut getan.

Immerhin: Es wird nicht langweilig. Der Abend rauscht mit Tempo und schnellen Wechseln durch nicht ganz zwei Stunden. Auf der karg ausgestatteten Bühne strahlen wenige Möbel der schon leicht museal wirkenden letzten Moderne eine Lebensfeindlichkeit aus, die diesem Stück des endgültigen Ruins nicht nur der Existenz, sondern auch aller Chancen, einen Rahmen bietet, auf dem ich fast mit ein wenig Rührung Kirsten Dene und Angela Winkler als feindlichen Schwestern zusehe, wie sie scheinbar um den Sohn und wirklich um das eigene scheiternde und vergehende Leben kämpfen, um am Ende beide zu verlieren.

„Nett war’s.“, sage ich schließlich, eine Stunde später in der Bahn, den Hörer am Ohr. Viel zu viel habe ich heute gesprochen, fällt mir auf. Ein Vortrag, vier Telefonate, ein bißchen Geplänkel. Ein Empfang. Ich bin so müde.

„Ich schreibe später auf wie’s war.“, sage ich und lege auf.

Journal :: 12.05

Mir ist kalt. Die beiden Herren an meinem Tisch zeigen keinerlei Anzeichen von Unbehagen an den rapide sinkenden Temperaturen, aber ich friere wie der sprichwörtliche Schneider.

Die anderen Tische auf dem breiten Bürgersteig vor der Bar haben sich geleert. Nur auf unserem Tisch brennt ein Windlicht. Auch gegenüber sind die Tische leer. Nur der Kellner kommt ab und zu vor die Tür, um zu rauchen, und trotz Mantel, trotz Pashmina dringt mir die kühle Luft bis an die Knochen. Ich möchte rein. Noch besser: Nach Hause.

Die letzten Nächte, fällt mir ein, habe ich erbärmlich geschlafen. Gestern nacht habe ich Magenschmerzen bekommen, Schüttelfrost, eine Wärmflasche habe ich mir geholt gegen zwei, und morgens um neun im Büro gesessen und sehr, sehr viel Energie aufwenden müssen, um Dinge zu tun, die getan werden müssen. Dass ich hier sitze, Wein trinke und Tapas esse, ist der schiere Leichtsinn.

Immerhin. Der Wein schmeckt. Der Abend mäandert durch die Gespräche leicht, ohne zu stocken. Man erzählt dies, man erzählt das. Urlaub. Wohnungen und Theater. Bücher und der Job, und wäre es nicht so kalt, nicht so elendig kalt in diesem kühlen Mai, ich würde noch lange sitzen und dem Abend zuschauen, wie er träg und zufrieden durch die Straßen vom Prenzlberg fließt.

So aber gehe ich heim und bade. Ich bin müde, aber schlafen kann ich noch nicht.

Journal :: 11.05

„Nichts besonderes.“, würde ich sagen, wenn mich einer fragt. Morgens ins Büro gefahren mit dem Rad, ein bißchen gefroren. Mittags Häppchen gegessen, nichts Rechtes leider. Zwei Kannen Tee. Viel telefoniert.

Am Abend losgewollt, aber hängen geblieben an einem letzten Schreiben. Viel gegähnt, den ganzen Tag eigentlich, und schließlich im Dunkeln heimgekommen und vor der Tür fünf, zehn Sekunden daran gedacht, weiterzufahren, irgendwohin, und den leeren Tag mit etwas anzufüllen, was nicht auf der Stelle zerfließt, aber was sollte das sein.

Journal :: 10.05

Ich bin der Moderne so müde. Ich habe die Gehirnkunst so satt, diese Installationen, Objekte, Collagen, all diese Dinge, die auf den denkenden Betrachter angewiesen sind, um die Aura zu gewinnen, die Kunst von irgendetwas Beliebigem unterscheidet, das man in Baumärkten kauft.

Ich bin keine Intellektuelle. Ich mag nicht alles, was ich sehe, mit meinen eigenen Gedanken umkleiden. Ich mag nicht all diejenigen Dinge, die landläufig als schön gelten, vor dem abschätzigen Prädikat des „Kulinarischen“ verteidigen müssen. Ich bin den Drang der Moderne über, alle sichtbaren Dinge zu spalten, zu zerlegen, die eigene Reaktion zu prüfen und fein abzuwägen, ob die Dinge sprechen, und am Ende spricht doch immer das eigene Ich, dessen Ennui so abgegriffen ist, so alt und mürbe wie die Moderne, an der es leidet.

Ich mag eure Pilzgerichte nicht mehr essen, sage ich mir und fahre am Hamburger Bahnhof vorbei. Die Galerien von Mitte interessieren mich nicht, und die Keller von Kreuzberg und Friedrichshain – geschenkt. In der Gemäldegalerie am Potsdamer Platz ziehe ich Kreise, langsam, anwachsend vor dem stummen Staunen der Jungfrau, blass, vor goldenem Grund. Die bläuliche Andacht der Heiligen. Die Veduten Italiens mit ihren unfassbaren Wassern. Die Oberflächen fahre ich entlang mit meinen Augen, spüre die Kühle Florentiner Kontore und die Risse im Stein auf der Flucht nach Ägypten. Die fröhlich-rotwangige Kälte der Niederländer. Die knisternden Stoffe, ach: die atmende, erregende Berührbarkeit längst versunkener Haut. Gerührt fahre ich auf den blauen Adern Flanderns entlang Richtung Süden, lehne die Wange in die blutenden Wunden Christi, und stehe – fremd, aber vertraut wie vor lange vermissten Verwandten – vor den verhangenen Himmeln des Rokoko, den gebrochenen Farben.

Ich bin die Moderne so über, steige ich wieder aufs Rad und fahre zur C. Eure Kunst berührt mich nicht, proklamiere ich lautlos in die Luft hinterm Leipziger Platz. Was Ihr tut, bleibt mir nicht im Gedächtnis von Häuten und strömenden Blut. Was Ihr produziert, schleppe ich nicht in das Dunkel von Nacht und von Träumen, und was immer Ihr malt, formt oder denkt, hat mit mir nichts tun.