Die menschliche Psyche stellt man sich ja laienhaft wie eine Art Konzernzentrale vor, in der der Vorstand in den holzgetäfelten Obergeschossen schon einmal die Kontrolle über das Tun und Treiben in den ausführenden Unterabteilungen verliert, und im Keller wilde Kerle herumtanzen, die den ganzen Tag Gin Tonic trinken und ein ziemlich wüstes Zeug daherbrabbeln. „Die Vorlagen aus dem Unterbewusstsein“, legt der Assistent dem Vorstand dann mit einem entschuldigenden Lächeln die vorwiegend unbrauchbaren Ergebnisse der Kellerkerle vor, „sind mal wieder zu nichts zu gebrauchen.“ – „Hoffnungslos mit denen da unten.“, knurrt der Vorstandsvorsitzende bei der meist eher flüchtigen Durchsicht der Mitteilungen, mit denen die Kellerabteilung den ganzen Laden zu überziehen pflegt, und bedauert den überbordenden Kündigungsschutz, der eine personelle Erneuerung der Kellerkinder leider verbietet.
„Das ist mal wieder völlig unbrauchbar.“, dürfte auch der Kommentar der seriösen Abteilungen des Hauses gelautet haben, als ich mir am Dienstag morgen zu wirklich sehr nachtschlafener Zeit die Augen rieb, um den Zug um 7.35 nach Prag noch irgendwie zu erreichen. Mit verklebten Augen, blind, wie es sich für meine –8,25 Dioptrien gehört, schlingerte ich also ins Bad, stellte mich in die Dusche und versuchte, mich meines Traumes zu erinnern, von dem ich nur noch wusste, dass er wirklich ziemlich irritierend gewesen sein muss. Auf dem Weg zur Bahn verdichteten sich die Bilder dann wieder, und ich sah mich, unbekleidet in der vollen Pracht meines Übergewichtes, auf einem riesengroßen Butterkeks herumrutschen, der sehr steil in einen Raum aufragte, über den ich leider eigentlich gar nichts sagen kann, weil der Butterkeks meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Um das Ganze noch etwas schwieriger zu gestalten, war der Butterkeks feucht und ein wenig glitschig und so monströs, dass die charakteristischen abgerundeten Zacken so groß waren wie meine Zehen, denen sie ohnehin, wie mir auffiel, ein wenig ähnelten. Irgendeine Art von Fortschritt bei der Besteigung des Butterkekses war nicht zu verzeichnen; als eine Art Sisyphos des Trockengebäcks robbte ich über den Keks, und die Hintergrundmusik schien mich gleichsam zu verhöhnen: Dämmerung senkte sich von oben, schon ist alle Nähe fern… erschallte es in dem Raum, in dem der Butterkeks stand, in den erhabenen Worten des Dichters zur Musik von Johannes Brahms, den ich gar nicht so besonders schätze.
„Hat das irgendwas zu bedeuten?“, brüllte, während ich in der U 2 dem Alexanderplatz zustrebte, der Vorstandsvorsitzende seinen Assistenten an und schwenkte ärgerlich die Arbeitsvorlage der Kellerabteilung, und ich überlegte angestrengt, welche Bedeutung Butterkeksen generell oder individuell eigentlich zukommt, wann ich das letzte Mal mit diesen trockenen und eher unerfreulichen Produkten in Berührung gekommen sein könnte, und schloss einen prophetischen Traum, zu derlei Extravaganzen ich ohnehin eigentlich gar nicht neige, angesichts der Unwahrscheinlichkeit der geträumten Ereignisse aus.
„Reißen sie sich gefälligst ein bißchen am Riemen!“, schmierte der Vorstandsvorsitzende auf die Vorlage mit dem Butterkeks und verfügte das Schriftstück zurück in den Keller. Irgendwo ganz unten zwischen den zerfledderten Akten der Registratur und den Kopierern schlugen sich die Sachwalter meines Unterbewusstseins lachend auf die kräftigen Schenkel, während der EC Richtung Prag/Budapest den Ostbahnhof verließ.
[Nachtrag: Einen überaus gutaussehenden und obendrein sehr zutreffenden optischen Eindruck meiner nächtlichen Eskapaden vermittelt an dieser Stelle der anbetungswürdige Herr SvenK.]
„Manchmal, Verehrtester,“, sage ich also zum geschätzten ehemaligen Gefährten, „manchmal wäre ich schon gern jemand anders.“ „Das sind ja wieder Geschichten.“, seufzt der J. in sein Glas und steckt sich eine meiner Zigaretten mit meinem Feuerzeug an. „Aber wirklich!“, beteuere ich. „Kate Moss zum Beispiel. Einmal so aussehen und so cool sein dazu. Ein ganz anderes Leben wäre das, wenn ich so aussehen würde.“ – „Dann würdest du eben 15 Kilo leichter irgendwo in einer Bar sitzen.“, unterbricht der J. meine Ausführungen über Madame Moss, und die Vision eines Lebens als legendäre Schönheit löst sich in dem Rauch unserer Zigaretten auf, dessen weiße Schlieren sich im Glastisch spiegeln.
„Wirklich reich wäre ich manchmal auch ganz gern.“, sinniere ich weiter. „So Bill-Gates-artig. Ich würde mir noch heute Nacht einen alten Bugatti kaufen und außerdem Raubgräber anstiften, mir einen Etruskerkopf zu besorgen. Und ich würde dem Land Berlin seine Watteaus abkaufen, die sind so unglaublich abgebrannt, und von Kunst verstehen’s ohnehin nichts.“ – Mit einem Ausdruck stummer Verzweiflung über das Ausmaß menschlicher Dummheit in meinem ganz speziellen Fall schaut der geschätzte ehemalige Gefährte einmal demonstrativ an die Decke der Bar, an der eine satellitenförmige Lampe ihr blitzendes Dasein führt.
„Hast recht.“, lenke ich ein. „Das bringt ja alles nichts. Hat man ja nichts von. Was großartig wäre, wäre vielleicht etwas anderes, eher so metaphysischer Natur. So eine Art inneren Plan. Das Gefühl, genau zu wissen, was die Welt zusammenhält, und einen sinnvollen Platz in dem ganzen Gefüge. Papst zum Beispiel. Papst wäre cool. Meinst du, der Ratzinger ist ein glücklicher Mensch?“ – Um nichts in der Welt, versichert der katholischen Umtrieben völlig abholde schönste Niedersachse Berlins, wolle er Papst sein, und auch mir sei ein solches Dasein eher nicht zu empfehlen. „Außerdem“, spielt der J. einen wirklich stichhaltigen Trumpf aus, sei beim aktuellen Heiligen Vater nun weder von gutem Aussehen noch von exorbitantem persönlichem Reichtum die Rede. Mit einem Bugatti durch Rom zu rasen, verbiete sich aus verschiedenen Gründen, die mit der Ehre des Amtes zu tun haben, eigentlich sogar von selbst. Überdies sei es auf Erden nun einmal so, dass göttliche Gerechtigkeit oder auch der bloße Zufall jedem Erdenbürger nur maximal eine ganz bestimmte Gabe zukommen lasse, so sei Kate Moss vermutlich ebenso orientierungslos wie ich bezüglich ihrer Rolle im Universalgefüge, der Papst schlafe jede Nacht allein, und Bill Gates sei für sein mieses Aussehen ja geradezu weltberühmt.
„Muss nicht so sein.“, wende ich ein und trinke mein Glas aus. „Gegenbeispiel?“, zuckt der J. mit den Schultern und zündet sich eine weitere meiner Zigaretten an. „Osama bin Laden.“, triumphiere ich, und der geschätzte ehemalige Gefährte stellt sein angesetztes Glas wieder auf den Tisch.
„Berühmt ist er, reich ist er, und wenn man sich den komischen Bart mal wegdenkt, sieht er sogar gut aus.“, führe ich aus. „Und wenn irgendwer auf Erden an seine göttliche Sendung glaubt, dann vermutlich bin Laden. Außerdem ist er erfolgreich.“ – „Erfolgreich?“, echot der J. – „Was soll man sagen“, fahre ich fort. „Das World Trade Center ist weg, oder?“
„Das hört sich ein bißchen blöd an,“, sinniert mein Exfreund, „aber bin Laden – wie soll man sagen… das ist doch kein anständiger Mensch.“ – „Vielleicht ist der privat ganz nett?“, spekuliere ich. „Und dann wäre ich der Exfreund von Osama bin Laden? Das wird mir jetzt alles ein bißchen zu wahnsinnig.“, beendet der J. das Gespräch, und wir stehen auf, um an der Theke zu zahlen.
Was wohl, denke ich auf dem Weg die Schwedter Straße aufwärts, Osama bin Laden in diesem Moment macht? Und ob er, ab und zu und sehr heimlich, auch einmal gern jemand anders wäre?
… natürlich auch im Namen meiner Freundin A., Sie wissen schon – die schlanke, blonde aus der Berlin Bar mit den beiden dunkelhaarigen Freundinnen. Die beiden Begleiterinnen, die B.³ und mich nämlich, völlig klar, würden Sie auf der Straße nicht erkennen, aber die A., die haben Sie den ganzen Abend angeschaut, als sei Ihnen die Heilige Jungfrau beim Duschen erschienen, und es war gar nicht schön von der A., Sie so ausgelacht zu haben.
Sie saßen also da herum, tranken etwas, was aussah wie Gin Tonic oder so, und starrten die A. ein wenig verstohlen aus dem Augenwinkel an, die wie immer ein bißchen zu laut ihre Weihnachtsgeschenke wiedergab, Zusammentreffen mit alten Schulfreunden referierte, und ein paar Anekdoten ihrer früheren Jugend erzählte, in der so viele Männernamen fielen, dass Ihnen eigentlich Angst und bange hätte werden müssen.
Stumm und ein wenig verdrießlich saß die B.³ neben der A., meditierte ein schon eher ereignisloses Jahr 2005 in ihr Glas, und alle Aufmunterungen prallten völlig wirkungslos von ihren glatten braunen Haaren ab. „Wäre der da nichts für dich?“, piekte die A. sotto voce die B.³ schließlich in die Seite und deutete mit einer Kopfbewegung auf Sie, und einen Moment taten Sie mir richtig leid, und wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie sogar ein wenig errötet. „Schaut ein bißchen fad aus, aber immerhin vernünftig angezogen, und mit den Haaren kann man bestimmt was machen.“, pries die A. Ihre Erscheinung der B.³ an, und Sie schauten ein wenig verdattert und ziemlich verlegen in der Bar herum.
„Hey, du!“, beugte sich die A. dann auch noch vor und sprach Sie direkt an, und bat um Ihre Telephonnummer. „Du willst mich anrufen?“, stotterten Sie, und die A. schüttelte lachend den Kopf. „Ist für meine Freundin! Die findet dich ganz toll.“, und Sie schauten die B.³ vermutlich zum ersten Mal überhaupt richtig an und würgten ein paar Laute hervor, die Ihnen mindestens ebenso peinlich waren wie der B.³, die blutrot angelaufen zwischen der A. und mir saß, sterbend vor Verlegenheit, und krampfhaft auf ihre Stiefel starrte.
„Tja, so wird das nie was.“, kommentierte die A. Ihr Schweigen, wandte sich wieder ihrem Glas zu, und Sie pressten ein paar Worte aus Ihrem Mund, die ungefähr lauteten „Ihr macht doch Witze, oder?“, und es war nicht schön von der A., dermaßen laut zu lachen, dass der ganze Laden sich nach ihr umdrehte. Dass die dritte am Tisch, also ich, angesichts der ganzen Burleske auch noch anfangen würde, laut herauszuprusten, war da wohl gar nicht mehr so schlimm.
Eine Stunde später oder so, Sie waren längst verschwunden, hatte sich die B.³ dann immerhin soweit erholt, dass sie irgendetwas in ihr Glas nuschelte, dass klang wie „Mit dir hätte er sich sofort verabredet.“, und die A. fröhlich zurücktrompetete: „Aber ich nicht mit ihm!“
Aber das haben Sie ja zum Glück nicht mehr mitbekommen.
Immer hastiger fahren wir dahin auf dem Blut der Stadt, und hinter uns raucht der Schutt aller unserer Nächte. So hoch wachsen die Trümmer und arbeiten sich langsam durch unsere Haut, bläuliche Verfärbungen, Sendboten einer Zukunft, die schon nächstes Jahr, schon heute Nacht, anbrechen kann, und in der es vorbei sein wird mit jenem goldenen Glanz, jener Makellosigkeit der schimmernden Tage, für die wir aufstehen, wenn es fast schon dunkel ist. Und nur der Schnee auf den Dächern von Berlin leuchtet rein wie ein neues Leben.
Müde am letzten Tag des Jahres und überdrüssig der vielen Stimmen, des allzu lauten Lachens, so sehnsüchtig nach einer wunschlosen, schmerzlosen Ruhe, packen wir unsere Kisten, in der das Jahr verstaut sein wird für die späteren Tage, in denen alles, was uns durch die Adern dieser aufgedunsenen, schmutzigen Straßen treibt, nur noch eine Erinnerung sein wird: In Harz gegossen und leuchtend einmal für einen Nachmittag in vielen Jahren, wenn die Rosen blühen, und ich den Toten zuprosten werde mit einem Glas Wein aus einem falschen, späten Sommer.
Ach, die Heimkehr vom Flughafen Schönefeld am frühen Morgen, der Himmel gleißend vor Übermüdung. In der S 9 zu sitzen, die schlafende Freundin auf dem Nebensitz, und „Willkommen daheim!“, flüstert die Stadt mir ins Ohr: Eine Insel im Fluß der vielen Fluchten, eine falsche Heimat aus grauem Beton. „Hier bin ich.“, zu antworten, und nicht mehr weiter zu müssen für dieses Jahr und vielleicht für die nächsten. – Ein durchscheinender Septembernachmittag im Volkspark Friedrichshain, und im noch warmen, eben noch sommerlichen, gelben Licht am Schwanenteich zu sitzen und die Worte träge fließen zu lassen, müde wie der späte Sommer, und einem Pärchen zuzuschauen, dass sich küsst, vierzehn Jahre alt vielleicht, und einem Glück zuzulächeln, an dessen Kern alle Kugeln abgleiten werden. – Ein später Abend in der Oderberger Straße, Roseneis zu essen, bezaubert, hingerissen, und durch die Kühle der Nacht über die Kastanienallee nach Hause zu gehen. Im Taxi die Frankfurter Allee Richtung Osten zu fahren, der Grenzenlosigkeit entgegen. Der Duft weißer Lilien, vermischt mit dem Rauch indonesischer Zigaretten. Käse und Wein. Das Brummen der Espressomaschine am frühen Morgen, und mit geschlossenen Augen den Becher in Empfang nehmen, während sich langsam der Tag beschleunigt, und zwischen den roten Vorhängen das Licht helle Streifen auf die Tapete wirft. Der Rauch der letzten Zigaretten am Morgen, der entzündete Himmel über der Stadt. Der Geruch von Napfkuchen und Orangen, und alle Lügen der Welt fühlen sich glatt an, so seidig und neu.
Und dann noch einmal einen Blick in die Kiste, eine Schleife aus roter Seide, und das sich neigende Jahr in die Regale stellen für jenen Tag voll schimmernder Erinnerungen, wenn dieses Zeitalter vorbei sein wird, und wir immer noch da.
Noch haben die Caesaren die Kraft der römischen Aristokratie nicht gebrochen, und aus einem Übermaß an Energie, aus einem Zuviel an Erregbarkeit der wüsten, von den unruhigen Zeiten schon angefressenen Nerven, wirft sich der Nachwuchs der römischen Gesellschaft in die Politik und schleudert blutige Würfel über die sieben Hügel Roms. Ein ungefährliches Spiel ist die Politik nicht in diesen Jahren, hat doch der Bürgerkrieg bereits reiche Ernte gehalten unter denjenigen Familien Roms, die traditionell die Wahlämter der Republik verwalten, und auch die Claudier nicht ausgespart in jenen unruhigen Jahren, in denen Marius und Sulla um die Vorherrschaft über die Mitte der Welt ringen, und ein Riss durch die ersten Familien der Stadt geht, von dem wir nicht wissen, nur ahnen können, wieviel Überzeugung und wieviel Hunger nach Macht, wieviel auch von jener Lust am Spiel, die nur diejenigen frivol nennen, die sie nicht kennen, den einzelnen auf die Seite der Senatspartei oder auf diejenige des Volkes trägt.
Große Männer der Optimaten wie der Popularen stellt die Sippe der Claudier, und so ist kaum die Frage, ob, sondern nur, auf welcher Seite sich ein junger Mann des Patriziats positioniert, der 92 v. Chr. als Publius Claudius Pulcher geboren wird. In seine Kindheit fallen die ersten ernsthaften Schläge gegen die Republik und senken eine Unruhe in eine ganze Generation von Politikern, die sich ein halbes Jahrhundert lang in Krämpfen entlädt, bis unter diesen Stößen das korrupte Casino, zu dem die römische Republik längst geworden ist, erzittert, um schließlich seine Tore zu schließen: Schon sind die Proskriptionen Vergangenheit, schon hat das mehrjährige Konsulat Lucius Cornelius Cinnas einen der Grundsätze des Reiches einem Achselzucken unterworfen, das nicht mehr wegzudenken sein wird, und immer wieder rebellieren die, auf deren Rücken das mächtige römische Reich blüht wie eine allzu üppige Pflanze: Der Aufstand des Spartacus ist weder der erste noch der letzte Aufstand der Sklaven, und immer weitere Sklaven spülen Roms siegreiche Kriege in die Stadt. Immer schwerer wird es dem freien Bürger in den Mietshäusern der Subura, den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu verdienen, und längst ist der schlichte Edelmann, der eigenhändig pflügt wie ficht, Vergangenheit.
Diese Unruhe, der schwankende Boden, scheint es auch zu sein, die von Anfang an den P. Clodius Pulcher umgibt wie ein Schatten: Taucht er an der Seite des Lucius Licinius Lucullus auf, so bricht prompt eine Rebellion aus, in Syrien verliert er fast sein Leben, entführt wird er wie mancher römische Edelmann, der seiner Familie Geld wert ist. Dass er, der Catilina 65 v. Chr. angeklagt hat, mit ihm gemeinsame Sache gemacht haben soll, behauptet zwar nur Cicero, aber etwas Zwielichtiges ist stets um ihn, seine Söldner durchstreifen die Stadt, und die Wahlkämpfe jener Jahre um alle Ämter, die der um des Tribunats Willen plebejisch gewordene P. Clodius Pulcher jemals innehat, tragen einen wüsten und bizarren Charakter.
Dass es die Seite der Konservativen, der Senatspartei nicht sein wird, für die Clodius Pulcher antritt, versteht sich fast von selbst: Überschießend, maßlos und populistisch sind seine Forderungen, seine Feindschaften, die ihn am Ende den Kopf kosten werden, und die Bestechung wie die Straßenschlacht sein Element. Nur jene letzten Jahre der Republik bieten einem wie ihm die Möglichkeit, in die lecken Stellen des Staates auf eigene Rechnung wie Risiko einzudringen wie später einmal die Condottieri der Renaissance oder ein Freibeuter auf den Meeren. Nicht um Geld oder Ruhm indes wird hier gespielt, fast die ganze bekannte Welt wird, so flüstern es die Träume von Ruhm und Herrschaft, dem gehören, der einmal die überreife Republik vom goldenen Baume pflückt, und längst sind es nicht mehr die Senatsmehrheiten, die die Macht der Politiker ausmachen, sondern die Straßenbanden und Söldner wie Sklaven, die sich schlagen für ihn, der Quaestor wird, Volkstribun, curulischer Aedil, und Praetor nicht mehr werden sollte.
Ob die Feindschaft zu Cicero nur auf politischen Gründen beruht oder von Anfang an ein privates Missfallen den Hintergrund eines Hasses bildet, der noch 2000 Jahre später aus den Reden Ciceros spritzt? Ob tatsächlich die Terentia, die erste Frau des Cicero, mit ihrer Eifersucht auf die mittlere Clodia, die Schwester und angebliche Geliebte des P. Clodius Pulcher, den ersten Anstoss gibt für die ciceronianische Kampagne gegen den zehn Jahre jüngeren Clodius Pulcher? Oder ob Cicero, ehrgeizig, aber keiner der Männer, deren Ziel die Zerstörung die Republik war, in ihm den Unruhestifter sah, einen der Entzündungsherde des Staates, und die behauptete Sittenlosigkeit der Clodia und ihres Bruders nicht mehr als ein Vorwand waren, sind doch die Ehen der Römischen Gesellschaft aus meist politischen Gründen ebenso schnell geschlossen wie geschieden, und zahlreiche Feste, Reisen an die See oder aufs Land bieten Gelegenheit für Affären, von denen wir, zwei Millenien später, nicht mehr wüssten, wäre die üble Nachrede kein Politikum gewesen, mit dem freilich fast jedem zu schaden war in jenen Jahren.
Der Bona-Dea-Skandal, das Eindringen in das Haus des C. Iulius Caesar als Frau verkleidet zu einer Festlichkeit, zu der aus religiösen Gründen nur Frauen zugelassen waren, mag eine Unverschämtheit gewesen sein, an eine Beleidigung der Römischen Götter allein mag in diesen Jahren indes keiner mehr so recht geglaubt haben, wäre doch der Jüngere Cato ansonsten kaum die komische Figur geworden, als die er durch unsere Schulbücher treibt. Ob die mittlere Clodia, die Lesbia Catulls, tatsächlich die Geliebte ihres Bruders P. Clodius Pulcher war, welche Frauen der Römischen Gesellschaft ihre lieblose Ehen noch mit ihm verschönerten – wen kümmert es noch heute, wo die ganze glänzende, vergnügungssüchtige, opulente römische Aristokratie schon so viel länger vergangen ist, als selbst die Gestalten unserer Märchen und Sagen: Sind doch Dietrich von Bern, die Heymonssöhne oder die Nibelungenkönige vom Rhein, noch längst nicht soviele Jahre tot wie jene.
Parteigänger Caesars, Gegner nicht nur Ciceros, sondern auch Pompeius‘, dreht sich die Welt immer schneller, immer wirrer um P. Clodius Pulcher. In Titus Annius Milo findet er einen Widersacher, dessen Temperament dem seinen gleicht: Auf einem schillernden Boden von Gewalt, Volkstribun auch er, wetteifern die Populisten um die Gunst der verelendenden Massen in den engen Straßen der Stadt. Versprochen wird viel, gehalten wird wenig, und auf den Wogen eines glänzenden Untergangs fahren die dahin, von denen am Ende derjenige übrigbleiben soll, siegreich auf dem Schlachtfeld, dem der Preis gehört: das Imperium Romanum.
Am Ende aber wird keiner von ihnen das Römische Reich in der Hand halten: Caesar wird erstochen werden, und T. Annius Milo als aufständisch hingerichtet. Cicero werden sie am Ende durch die Straßen schleifen, tot wie die Republik, und seinen Kopf ausstellen auf der Rostra am Forum Romanum, Cato wird sich in der Ausweglosigkeit töten, und auch Pompeius sollte die Bürgerkriege nicht überleben, aus denen schließlich die Pax Augusta herauswachsen wird als ein Produkt der Erschöpfung und Ausblutung der römischen Eliten.
Die kommenden Bürgerkriege jedoch, dieses letzte Zucken der Republik und ihren Untergang in Schwefel und Rauch, hat P. Clodius Pulcher nicht mehr erlebt: Schon 52 v. Chr. sollten ihn die Sklaven Milos auf der Via Appia unweit Roms in ein Handgemenge verwickeln, auf offener Straße erstechen und niedermachen. Die Massen Roms, die einfachen Bürger, als deren Sachwalter auch Clodius Pulcher aufgetreten war, sollten tagelang die Straßen Roms unsicher machen, die Curie niederbrennen: Würdiger Heimgang eines Unruhigen.
Am Horizont aber, klein und unscheinbar, schaukelt auf den Wellen des Elends in den Straßen von Rom, auf denen P. Clodius Pulcher wie manche andere ihr Glück gesucht und ihren Tod gefunden haben, bereits der Keim für die spätere Ausbreitung des Christentums, an dem nach der Römischen Republik die Römische Welt zugrunde gehen wird.
„Also, das ist so,“, hebt Cousin L. an, und seufzt ein wenig in sein Chirashi-Don.
„Ich bin also kaum in Berlin angekommen, da treffe ich die I. wieder. Die kennst du vielleicht, die war auf meinem dreißigsten Geburtstag. So eine Kleine, Hübsche, mit Grübchen und Locken.“ – Auf dem dreißigsten Geburtstag meines Cousins vor fast zehn Jahren waren indes Unmengen ziemlich hübscher Frauen, und an die I. kann ich mich durchaus nicht erinnern.
„Die I., die hatte hier so einen Kerl, komischer Typ, nicht viel los damit, und dann, na, du kennst das ja.“-–Ich nicke ein wenig zerstreut, und versuche, ein Ikura Nigiri in den Mund zu bekommen, ohne den Lachsrogen zu verlieren. – „Jetzt hat die I. den Kerl abgeschossen und ruft immerzu an. Ohne jede Übertreibung, wirklich immerzu. Jeden Tag. Ich mag schon gar nicht mehr rangehen.“ – „Hast du dich vielleicht ein bißchen, tja, missverständlich ausgedrückt?“, frage ich nach. „Keine Ahnung. Nein, ich habe eigentlich gar nichts gesagt.“, schüttelt Cousin L. den Kopf.
„Das ist natürlich ein bißchen blöd mit I.‘s Anrufen.“, fährt er fort. Kurze Zeit nach der Vertiefung der Bekanntschaft mit I. nämlich habe er eine Studentin kennengelernt, eine ganz reizende Person, blond und zart und verträumt, und die stetigen Anrufe der I. würden jene Studentin schon ein wenig, kaut mein Cousin, irritieren. Am Wochenende zum Beispiel, da habe die I. mindestens dreimal angerufen, und irgendwann habe die Studentin begonnen, nachzufragen, wer denn die Anruferin eigentlich sei.
„Bist du mit der Studentin zusammen?“, frage ich den L., und ordere eine weitere Schale Tee. „Ach was, nein.“, wehrt der ab. Eigentlich habe er sich sogar seiner Frau wieder ein wenig angenähert, sei das Wochenende zuvor nach Frankfurt gefahren, und habe sogar einen gemeinsamen Urlaub mit Kind geplant und gebucht.
„Hast du das den anderen Frauen erzählt?“, hake ich nach. „Ich bin doch nicht bescheuert.“, wehrt der L. ab, und erklärt, ernsthaften Diskussionen für den Rest seines Lebens aus dem Weg gehen zu wollen. „Ich war zwei Jahre verheiratet, das reicht.“
„Wieso warst du eigentlich wieder in Frankfurt?“, wundere ich mich des vor wenigen Wochen geäußerten Vorsatzes eingedenk, die Restfamilie mindestens dieses Jahr nicht mehr aufzusuchen. „Eigentlich wegen der T., der dummen Pute.“, erklärt mein Cousin und bestellt eine weitere Futo-Maki-Rolle. „Kenne ich nicht.“, schüttele ich den Kopf.
„Ist so eine kleine Freundin von meiner Ex. Dumme Geschichte irgendwann letztes Jahr, und jetzt geht sie also los und erzählt meiner Ex die ganze Sache, und die ruft also erst mal an, schimpft und heult und macht mich völlig zur Sau, und sagt, ich dürfte die Kleine nicht mehr sehen. Und dann bin ich halt hingefahren.“
„Eigentlich bist du eine ganz ekelhafte Erscheinung, weißt du das?“, kommentiere ich die Enthüllungen meines Vetters. Der L. stöhnt auf. „Dabei mache ich gar nichts. Ich laufe einfach ein bißchen herum, und ein, zwei, drei steht man vor einem unglaublichen Trümmerhaufen. Versteh‘ ich nicht, bei anderen Leuten geht das doch auch alles glatt.“
„Von außen betrachtet aber sehr unterhaltsam.“, kommentiere ich. „Darf ich drüber schreiben?“ „Klar, dann hassen die mich alle wieder.“, nickt mein Cousin und legt die Stäbchen über seine Platte.
Auf einmal, ohne ein Wort, ohne Anlass, falle ich aus der warmen Bar, und der Wind zieht mich durch das geschlossene Fenster weit über die Spree. Sehr klein, sehr weit unten, sehe ich mich in einem Sessel sitzen, rauchen, husten und über irgendetwas plaudern, bei dem ich nicht dabei sein muss. So kalt ist der Himmel heute nacht, und die Sterne bohren spitze Zacken in meine Haut, bis ein Schmerz aus den offenen Stellen quillt, von dem ich nicht will, dass es ihn gibt.
Hellwach inmitten der Schlaflosigkeit von Tagen, gekreuzigt an die schmutzige Kugel des Fernsehturms, hänge ich über der Stadt, und erst, als mein Nachbar mich an der Schulter berührt, rutsche ich wieder auf das braune Leder zurück, rauche und huste, bis sich mir der Magen zusammenkrampft, und ein Freund mir beruhigend die Hand auf den Arm legt und die Zigaretten wegschiebt.
„Trink erst mal was.“, bekomme ich ein Glas Wodka zugeschoben, und die scharfe, eisige Flüssigkeit fließt betäubend über die aufgerissene Haut. Weiter treibt mich die Strömung, von dieser Bar in die nächste, die Straßen entlang, immer weiter nach Osten, bloß nicht nach Haus, wo es ruhig ist am Ufer der Nacht, und eine blutige Sehnsucht schweigend auf den Schränken sitzt.
Ich bin ja leider ein wenig grobmotorisch veranlagt, und so nimmt es nicht wunder, dass das, was anderen Menschen vermutlich selten oder sogar nie passiert, am Montagmorgen tatsächlich eintrat: Mit dem rechten Zeigefinger tauchte ich ein in den Napf, in dem ich acht Stunden vorher meine formstabile rechte Kontaktlinse versenkt hatte, stocherte ein wenig herum, und hielt sodann nur noch das Fragment einer Kontaktlinse in der Hand. Ein sauber herausgebrochenes Stück lag nach wie vor auf dem Grund des Aufbewahrungsbehälters, und ein wenig fassungslos rang ich vor meinem Badezimmerspiegel nach Luft. Sehen konnte ich mich dabei nicht: Bei – 8,25 Dioptrien ist die durch ein Waschbecken erzwungene Distanz zwischen mir und meinem Abbild nahezu unüberbrückbar.
In einem Nebel aus bunten, verschwommenen Flecken fand ich schließlich meine Brille. Mit der Brille auf der Nase stand ich meinem Spiegelbild gegenüber. Ausgesprochen unansehnlich schaute mein Spiegelbild zurück, und ich riss das Gestell wieder von meiner Nase, um Abhilfe zu schaffen. Mit zusammengekniffenen Augen identifizierte ich die Nummer meiner Augenärztin und rief an. Mittwoch, so sagte mir die Schwester, sei mit einer neuen Kontaktlinse zu rechnen.
„Aber was soll ich denn bis dahin machen?“, versuchte ich, die Fassung zu bewahren und überlegte, welche Verabredungen und sonstige Auswärtstermine gegebenenfalls abgesagt werden müssten. Mit Brille, soviel war klar, sollte mich keine lebende Seele zu Gesicht bekommen. „Sie können sich eine Tageslinse holen.“, riet die Schwester und legte auf. Ich stieg in die Dusche, kleidete mich an und verließ das Haus.
Außer Haus, auch soviel war klar, war indes mit Passanten zu rechnen, und so tappte ich annähernd blind die Schwedter Straße aufwärts zum nächsten Optiker. Bis dahin, so hatte ich mir ausgerechnet, würden meine Orientierungsfähigkeiten auch ohne ausreichende Sehschärfe reichen, und ich betrat also das Geschäft auf der Ecke zur Kastanienallee in der sicheren Zuversicht, in wenigen Minuten daheim die Tageslinse einsetzen zu können. Das isolierte Tragen nur einer Kontaktlinse hatte sich in einem nur wenige Minuten währenden Versuch nicht bewährt, und von einem Pflaster auf dem rechten Auge nahm ich schon aus Angst um meine Augenbrauen auf der Stelle Abstand.
„Wir verkaufen keine einzelnen Tageslinsen.“, beschied mich indes die Angestellte des Optikerfachgeschäfts. „Sie müssen schon die ganze Packung nehmen, wir können die Packung sonst nicht mehr verkaufen.“ – Entsetzt stand ich vor den in unscharfen Umrissen der Verkäuferin. „Dann geben sie mir eben eine ganze Packung.“, resignierte ich, und die Verkäuferin kramte ein wenig in Regalen herum, die ich nicht sehen konnte. „Ihre Stärke haben wir gar nicht. Sie müssen bis morgen warten.“ – Ohne Bestellung taumelte ich aus dem Laden, die Kastanienallee aufwärts, unüberfahren über mehrere Ampeln und ins nächste Optikergeschäft auf der Schönhauser Allee, ein Stück nördlich von der U-Bahnhaltestelle Eberswalder Straße.
Die Verkaufsbereitschaft bestand hier durchaus, allein, meine Stärke war auch hier nicht zu haben. „Sie sind aber auch besonders kurzsichtig.“, merkte die Verkäuferin an, und bot mir an, statt dessen eine Linse mit ungefähr zwei Dioptrien weniger zu erwerben. „Ich versuch’s nochmal woanders.“, verließ ich auch dieses Geschäft und wanderte die Schönhauser Allee immer weiter, bis ich vor einer Filiale der Optikerkette Fielmann stand.
„Ich schau mal nach.“, versprach die Verkäuferin, verschwand und kehrte Minuten später mit zwei Linsen zurück. Bezahlen, so die Frau, müsste ich die Linsen auch nicht. „Dankeschön!“, rief ich euphorisch und hätte die Verkäuferin um ein Haar umarmt, jedoch wäre auch dies angesichts des totalen Verlusts der Fähigkeit, die räumliche Distanz zwischen mir und Personen wie Gegenständen in meiner Umgebung halbwegs abzuschätzen, vermutlich fehlgegangen, und überdies wäre ein derartiges Verhalten wohl auch nicht angemessen gewesen, und so verließ ich das Geschäft mit den Linsen in der Tasche.
Daheim stellte ich mir wieder vor den Spiegel, zog die Packung auf, und erschrak: Eine riesengroße Linse, doppelt so groß wie alles, was ich mir bisher jemals ins Auge gesetzt hatte, schwamm in der klaren Flüssigkeit. Erst eine knappe Dreiviertelstunde später war es mir gelungen, die Linse einzusetzen.
„Sie müssen die Linsen abends auf jeden Fall wieder herausnehmen!“, hatte mich die nette Optikerfachverkäuferin ermahnt, und ein wenig mulmig wurde mir bei dem Gedanken, dass dies nicht so einfach werden würde, wie das Entfernen der harten Linsen, die ich mir allabendlich mit einer Art Saugnapf, nicht unähnlich jenen Geräten, mit denen man sperrige Gegenstände aus verstopften Toiletten entfernt, aus den Augen hole. Weiche Linsen, dies hatte man mir mitgeteilt, seien einem derartigen Verfahren nicht zugänglich.
Viele Stunden später sollten sich meine Bedenken fürchterlich bewahrheiten. Mit dem Zeigefinger kratzte ich ein wenig über das Auge, versuchte vergeblich, den Rand der Linse zu ertasten und schob die Fingerkuppe auf der Oberfläche meines Sehorgans hin und her. Nichts bewegte sich. Auch eine Google-Anfrage „Weiche Kontaktlinse entfernen“ löste das Problem nicht. Ratlos und rauchend saß ich auf dem Rand der Badewanne und dachte angestrengt nach. Schlafen, soviel war mir bewusst, durfte ich mit der Linse auf keinen Fall. Zwei Stunden später, so etwa kurz nach sieben, rief ich die J. an und appellierte an ihre Fachkompetenz.
„Also,“, kommandierte die unsanft aus dem Schlaf gerissene Freundin. „Du drückst ein bißchen aufs Auge und schiebst den Zeigefinger nach oben.“ – Ich tat wie mir geheißen. „Jetzt müsste sich die Kontaktlinse eigentlich ein bißchen wölben, und dann nimmst du sie einfach heraus.“ Nichts wölbte sich. „Dann versuch’s einfach nochmal, ja? Und lass mich bitte noch ein bißchen weiterschlafen, ich bin hundemüde. Und ruf an, wenn du sie um neun immer noch im Auge hast, dann komme ich vorbei.“
Um 8.38 Uhr warf ich die Tageslinse in den Abfalleimer und legte mich schlafen.
Auch sehr gerne höre ich ja den Gesprächen völlig Fremder an öffentlichen Orten zu, und insbesondere Restaurants oder Bars eignen sich ganz hervorragend, wirklich sonderbare Dinge über andere Menschen zu erfahren, die man nicht kennt. Im Ishin zum Beispiel, diesem wirklich ansprechenden Lokal nahe der Friedrichstraße, wo man mittags für wahnsinnig wenig Geld Unmengen Sushi essen kann, plazieren einen die Kellnerinnen schon aus Platzmangel ja immer ohne den üblichen Abstand von ein, zwei Stühlen neben fremde Leute.
„Guten Tag.“, und: „Da kommt noch jemand.“, sage ich also, und werfe meinen Mantel auf den Stuhl mir gegenüber. Cousin L. indes, von dem schlechte Menschen behaupten, er müsse mindestens ein Elfmonatskind gewesen sein, lässt wie üblich auf sich warten. Zu meiner Rechten sitzt sich ein Paar gegenüber, er ungefähr vierzig mit hängenden Wangen wie einer dieser englischen Hunde, die so fürchterlich sabbern, sie ein bißchen jünger und in einem jener fusseligen Kostüme mit großen Knöpfen, für die die Couturiers namhafter Modehäuser eines Tages für ziemlich viele Jahre in der Hölle braten werden. Neben ihrem Stuhl steht ein riesengroßes Kelly-Bag in einer Farbe, die nicht ganz Flieder und nicht ganz Pink genannt werden kann.
„Ich mag das nicht mehr essen.“, nörgelt meine Nachbarin an ihrem Menü herum, und schiebt ihrem Gegenüber die halbgefüllte Platte zu. „Lass dir doch nicht vom Thunfisch den Appetit verderben.“, gibt das Gegenüber zurück, und ich bedaure, die offenbar bereits vor meinem Eintreffen abgelaufene Diskussion über Thunfisch im Allgemeinen und insbesondere auf der Sushi-Platte der Kostümfrau verpasst zu haben. „Jetzt habe ich keinen Hunger mehr.“, quengelt die Frau weiter und wühlt ein bißchen in ihrer Tasche. „Es liegt gar nicht am Thunfisch, oder?“, fragt der Mann und schiebt sich ein Stück Futo-Maki in den Mund.
„Willst du Silvester wirklich mit ihr feiern?“, stößt die Kostümfrau auf einmal zu. Aha, denke ich. Kommen wir der Sache also einmal näher. – Der Mann stöhnt auf, lehnt sich zurück, und zuckt ein bißchen mit den Schultern. „Wir feiern doch schon Weihnachten zusammen.“, beschwichtigt der Mann und greift nach den Händen der Kostümfrau. Die zieht die Hände zurück, versteckt sie unter dem Tisch und mault ein bißchen weiter.
„Weihnachten oder Silvester, habe ich auch ihr gesagt.“, versucht sich der Mann aus der Bredouille zu reden, und die Frau verschränkt die Arme über der Brust. „Und was erzähle ich dann R. und K., wenn du nicht mitkommst?“, fragt die Kostümfrau und verzieht das Gesicht. „Dann erzählst du halt, dass ich woanders eingeladen bin.“, zieht der Mann die Schultern hoch, und wendet sich wieder seinem Essen zu.
„Das finde ich doch alles ganz schön belastend auf die Dauer.“, resümiert meine Nachbarin, und steht unvermittelt auf. „Jetzt sei doch nicht beleidigt.“, zischt der Mann die Frau an. „Mach’s gut.“, antwortet die, und ist schon durch den halben Laden.
„Da bist du ja!“, begrüße ich meinen Cousin und schiele zu dem nun allein essenden Mann hinüber. Wer ist nun die Frau und wer die Geliebte, überlege ich, und – wie hat es dieser Kerl überhaupt zu mehr als einer Frau gebracht?
Tief gebeugt über seine Platte, die Ellenbogen auf dem Tisch schiebt sich der fremde Mann sein Essen zwischen die hängenden Lefzen.
Die ganze Nacht hatte der Sturm das Meer umgegraben, und das sommerliche Blau nach unten gespült. Grau und aufgerissen starrte der Ozean uns entgegen, an diesem Sommermorgen morgens um fünf, und am Strand lag der Abfall der See, den das Wasser aufs Land geworfen hatte. Mit nassen Hosen, frierend auf dem feuchten, harten Sand, tranken wir die Flaschen leer und rauchten, als gelte es, unbekannte Mächte mit Brandopfern zu versöhnen. Ein paar Meter entfernt hatte es einen Rinderschädel mit eingedrückter Hirnschale aufs Trockene gespült, ein paar Quallen und alte Seile dazu, und zwischen den Muscheln lagen die Reste brauner Knochen, keiner länger als drei, vier Zentimeter. Vor uns lag die Nacht noch in schweren Wolken über den Wassern, und mit geschlossenen Augen ließ ich mich in den Sand fallen, müde von den vielen Worten, und blies den Rauch der Zigarette in die scharfe, salzige Luft.
„Nur bis zu den Knien.“, hörte ich den J.² sagen, die kurzen Antworten des R., und schlug die Augen auf. „Ich komme mit.“, sagte ich, und ließ die Jeans am Strand, wo der R. auf uns wartete. Das Wasser fühlte sich kälter an als am Vortage, schwerer, als hätte der Sturm die Masse zusammengepresst und verdichtet. Stumpfgrün zog das Meer an unseren Beinen, und Hand in Hand gingen wir der Dunkelheit entgegen bis das Wasser mir bis zur Hüfte reichte und kraftvoll zurückwich, um Sekunden später zurückzukehren und mir ins Gesicht zu schlagen. „Lass uns umkehren.“, zog der J.² an meinem Handgelenk, und ich schüttelte den Kopf. Ein paar Meter hinter mir blieb er stehen.
Immer ziehender wurde das Meer, die Wellen schlugen zusammen über meinem Kopf und trieben mit ihrem Salz den bitteren, betäubenden Geschmack der Nacht aus meinem Mund. Für Sekunden hob ich die Beine vom Boden, um mich wegtragen zu lassen, der Nacht hinterher, und setzte Schritt für Schritt den Weg fort, der Mitte des Meeres entgegen, wo es dunkel werden würde und kalt.
In der Mitte aber, in der Mitte des Meeres auf einem Stein, säße einer mit abgewandtem Gesicht, und würde auf mich warten. Auf seinem Schoß würde ich sitzen, das Gesicht in seine Halsbeuge gepresst, und mich festhalten an seinen Schultern, und er würde Stück für Stück mir das Fleisch von den Armen beißen, bis nichts mehr über wäre, und der nächste Sturm die Knochen an den Strand spülen würde.
Keiner länger als ein paar Zentimeter.
Diese Website verwendet Cookies und das Tool Counterize, über das ich einige Daten, wenn auch keine IP-Adresse, erhebe und verwende. Wenn Sie auf meiner Seite bleiben, gehe ich davon aus, dass Sie damit einverstanden sind.OKNeinWeiterlesen