Some snapshots of a night

Vom „LassunsFreundebleiben“ dann doch zur B., und auf ihrer Spüle sitzt eine Rumänin mit wunderschönem, rostrotem Haar, die ein Chanson ihres russischen Geliebten singt. „Das klingt schön.“, rufe ich ihr über den Rauch und die Stimmen hinweg zu und frage, worum es geht. „Da stirbt ein Kind am Benzinschnuffeln.“, antwortet statt ihrer ein blasser, schlanker Junge, der eine Bierflasche mit den Zähnen öffnen kann wie die Bauarbeiter, die vor Jahren das Haus gegenüber sanierten, als wir noch in Friedrichshain wohnten, der J. und ich.

„Geht’s dir gut?“, tätschelt die B. mir die Schulter und fragt nach Urlaubsplänen. Doch wieder Thailand, sage ich, male ihr und mir die riesengroßen Litschis aus, gekühlte Kokosnüsse am Strand, und das saftige Grün des Dschungels, platzend vor Chlorophyll. Mit der Rumänin auf den Schultern läuft der russische Geliebte ein paarmal um die Küchentisch, und sie ruft der B. irgendetwas zu, was ich nicht verstehe. „Kannst du rumänisch?“, frage ich, und sie nickt. Die B.² schildert irgendeinen absurden Film, und der Junge, der Bierflaschen mit den Zähnen öffnen kann, imitiert einen Schauspieler, den niemand kennt.

Über dem Tisch zerplatzen laut und leise die Pointen, abwechselnd klingeln alle Telephone und rufen zu Parties, die noch besser sein sollen als alle Parties der letzten Nächte. Vor dem Badezimmerspiegel malt sich die B. ein dunkles, verschattetes Blau um die Augen, und in einer Wolke ihres duftenden Puders laufen wir die Alte Schönhauser hinunter, fahren irgendwohin, und ich trinke viel zuviel Gin Tonic, lehne den Wodka ab diese Nacht, und lasse mir lauter Geschichten erzählen, die ich auf der Stelle wieder vergesse.

„Wo willst du hin?“, brüllt die B. mir ins Ohr, als ich mir die Garderobenmarke geben lasse, und ich zucke mit den Schultern. „Wo sind wir hier eigentlich?“, frage ich die Taxifahrerin, die dick und blond hinter dem Steuer thront wie ein weiblicher Berliner Buddha. „Dann fahren sie mich besser dahin.“, sage ich auf ihre Antwort, nennen eine andere Adresse und steige, eine Kurzstrecke weiter, aus dem Wagen. Die Fenster sind dunkel.

„Bist du allein?“, frage ich, das Telephon am Ohr, und lasse mir öffnen. „Hey Höllenprinzessin.“, umarmt mich der J.², reibt sich den Schlaf aus den Augen und tappt brillenlos und barfuß in die Küche. „Hier sieht’s aus.“, moniere ich, und J.² murmelt irgendetwas über Verrückte, die mitten in der Nacht andere Leute überfallen. „Du trinkst jetzt Tee.“, lehnt er Nachfragen nach Wein ab, nimmt mir die Zigaretten weg und verstaut das halbvolle Päckchen auf seinem Kleiderschrank, unerreichbar für meine 1,67.

„Magst du nicht endlich schlafen?“, fragt er, brüht einen Kräuteraufguss auf, schneidet aus einem Apfel eine Krone wie für ein kleines Kind und hüllt mich in zwei warme, wollige Decken gegen die Kälte, bis ich doch müde werde, und wir uns auf der Couch leise Geschichten erzählen von früher, bevor die Welt so schnell, so laut und grell wurde, wie sie nicht mehr aufhören wird zu sein, solange wir leben.

You are my death, you are my beauty

Später aber, als die Musik ausgegangen war, und nur noch die Boxen knackten, irgendwann nach dem letzten Rest von warmen Wodka, riss die Nacht auf, ihre Eingeweide quollen blau aus den offenen Flanken, und wir fuhren noch einmal los, die Torstraße entlang, die Friedrichstraße hinunter und weiter gegen Westen, der Nacht hinterher, die in unserem Rücken schon fadenscheinig wurde, trüb, als habe jemand einen Tropfen grauer Milch in den Himmel gegossen. Der Morgen drückte uns schwer in die Kurven auf dem Weg aus der Stadt. Irgendwo in der verbrauchten Luft im Fond des Taxis flossen meine Gedanken ineinander, verknoteten sich, verbanden sich neu, und mir verschwammen Namen, Orte und Zeit, während der Fahrer mit einer Hand am Steuer einen anderen Radiosender suchte und hin und wieder ohne Anlass auflachte, als glitte auch er dahin auf einem zähen Strom aus Müdigkeit und lauter Gegenwarten zugleich.

Das Fleisch des Mannes an der Tankstelle, bei dem wir Wein kauften und noch mehr Zigaretten, drückte sich aus seinem roten Overall, und unter dem gelben Base-Cap leuchtete seine Haut wie ein roher Schinken. Sein linkes Augen war verklebt mit einem krümeligen, gelben Sediment. „Da war ich mal als Kind.“, sagte mein Begleiter auf dem Weg zurück ins wartende Taxi und deutete auf das Etikett der Weinflasche, und ich nickte, schaute nicht einmal mehr hin, und trank von dem sauren, dünnen Wein, den er mir nach hinten reichte.

„Halten sie an.“, sagte er, und der Wind fuhr übers offene Feld, zog uns weiter zwischen die Bäume, und in der Feuchtigkeit eines Morgens, der der Sauberkeit entbehrte, als sei der Tag schon schillernd vor Fäulnis und verdorben von unserer Gegenwart geboren, stolperten wir zwischen den Grabsteinen entlang. Tief bohrte sich mein Absatz zwischen die Gehsteigplatten. Die Wände der Mausoleen rechts und links von unserem Weg schwitzten Vergänglichkeit und stinkendes Moos.

Wie Teehäuser bargen sich die Mausoleen im Wald, all die Teehäuser der Toten, die auf unser Verschwinden warteten unter den glitschigen Böden, und die kalte Nässe des Waldes drang zwischen Rock und Stiefeln durch die Strumpfhosen in meine Haut und durchtränkte erst meine Beine, um dann mich ganz und gar anzufüllen mit schwarzem, übelriechenden Wasser. Die letzten Tropfen Wein aus der ersten Flasche gossen wir den Toten als Miete auf ihr Grab, öffneten eine weitere Flasche und bliesen den Rauch unserer Zigaretten in die Luft wie ein Brandopfer für die, die vor uns da waren, und deren Namen in Stein gegraben sind, während uns, flüchtigen Passanten einer hastigen Zeit, keine Grabsteine für hundert Jahre mehr aufgestellt werden, wenn wir einmal so tot sein werden wie jene.

Als die Weinflaschen leer waren, gingen wir zur Straße zurück und fuhren heim durch den trüben Morgen, und wie von jeder unserer Nächte sollte uns nichts bleiben als die Gewissheit, das alle unsere Stunden nicht mehr enthalten würden als den Rausch vergeblicher Exzesse und eine Traurigkeit, die gleißend hinter den Dingen steht wie die Wände verrottender Mausoleen weit hinter der Stadt.

Der rätselhafte Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung

„Wahrscheinlich hat sie ihm jeden Tag gesagt, dass sie bald heiraten will.“, spekulierte der J. über die genaue Ursache des Endes der letzten Beziehung meiner lieben Freundin B.³. „Das kann ich mir nicht vorstellen.“, erklärte ich trotz durchaus bestehender leiser Zweifel, aber was auch immer emotionale Überforderung aus dem Munde eines Mannes bedeuten mag, die B.³ jedenfalls sucht seit Monaten vergeblich nach einem netten Herrn, der ihr die Freizeit versüßt, und ist, nicht als erste meiner Freundinnen, dabei auf eine jener Plattformen verfallen, die in den nahezu endlosen Weiten des Internets paarungswilligen Personen die Kontaktaufnahme erleichtern oder gar erst ermöglichen sollen.

„Wie läuft denn die Privataquise?“, frug ich die B.³ also im Zuge eines längeren Telephongesprächs und erfuhr folgende Geschichte:

Per Mail und schließlich per Telephon zeigte sich ein 36 Jahre alter Ingenieur als eloquent, nicht uninteressant, einigermaßen zugetan den schönen Künsten, und so fiel kaum mehr ins Gewicht, dass jener irgendwann im Verlaufe der wochenlangen Kommunikation zugab, bereits einmal verheiratet gewesen zu sein und einen vierjährigen Sohn zu haben. Man mailte ein wenig herum, man schrieb sich reizende SMS, und am Donnerstag begab sich die B.³ also zum vereinbarten Treffpunkt, einem Café. Außer ihr saßen in dem Café ein älteres Ehepaar und eine junge Frau, und als die Tür des Cafés sich einige Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt öffnete, konnte es sich bei dem Neuankömmling eigentlich nur um den Herrn aus dem Internet handeln. Dem ausgetauschten Bild sah der hagere, ungefähr 1,70 Meter große Mann zwar eher vage ähnlich, aber die B.³ erhob sich, ging ein paar Schritte auf den Herrn zu, um ihn zu begrüßen, und sprach einige Worte, denen ungefähr zu entnehmen war, sie sei die B.³, und freue sich, ihn kennenzulernen. Irritiert sah der Mann die B.³ an.

„Sind wir hier nicht verabredet?“, fragte die B.³, nun selber ein wenig erstaunt, und nannte noch einmal klar und deutlich ihren Namen. „Ich glaube nicht.“, brachte der Mann heraus und verließ das Café wieder.

„Aber der wusste doch vom Photo, wie du ausschaust!“, wies ich die Vermutung der B.³, der Fremde sei aus Enttäuschung über ihr – im Übrigen nicht unansprechendes – Äußeres wieder gegangen. „Vielleicht war er`s gar nicht.“, spekuliere ich selber ein wenig herum. „Hast du ihn mal angerufen?“, – Sie hatte. Der Herr aus dem Internet sei jedoch seit Donnerstag nicht erreichbar gewesen, und eine E-Mail der B.³ harre noch der Beantwortung, die sie jedoch nicht mehr erwarte.

„Das macht doch alles keinen Sinn.“, zerbrach ich mir den Kopf weiter über mögliche Ursachen des merkwürdigen Verhaltens des unbekannten Mannes aus dem Café. „Vielleicht hat er mich angelogen, ist gar nicht geschieden, und dann hat ihn der Mut verlassen, mir face to face weiter einen Bären aufzubinden?“, wirft die B.³ einen Vorschlag in die Runde. „Wer sowas wochenlang per Telephon und Mail durchhält, dürfte live da auch keine Probleme haben.“, erkläre ich die Überlegung für unwahrscheinlich. „Oder der macht das zum Spaß.“, meint die B.³, indes dürfte sich das Vergnügen, fremde Frauen nach wochenlanger Kommunikation in Cafés zu bestellen, schon eher in Grenzen halten.

„Was hältst du von der Geschichte?“, frage ich eine andere Freundin eine halbe Stunde später. „Im Internet sind doch nur Verrückte unterwegs.“, kommt es prompt aus dem Hörer.

„Leuchtet mir auch nicht richtig ein.“, sage ich und zerbreche mir weiter den Kopf über die Lösung des Rätsels.

Schwesterchen fährt in Urlaub

„Also zu meinem Geburtstag“, hebt Schwesterchen an, „bin ich ja gar nicht da. Wenn du mich besuchen willst, dann kommst du besser früher. Oder später. An meinem Geburtstag bin ich aber nicht da, aber du wärst ja sowieso nicht gekommen. Du kommst ja nie vorbei, und ich sage noch, komm mal vorbei – aber du kommst ja nicht. Wäre aber toll, wenn du vorbeikommst, aber nicht zu meinem Geburtstag. Wir fahren nämlich in Urlaub, nach Sri Lanka. Da war ich noch nie, also auf Sri Lanka, und der T.² auch nicht, und wir freuen uns total. Da hat er mich nämlich eingeladen, als Geburtstagsgeschenk, alles dabei – eine Woche fahren wir so durch die Gegend, Wagen mit Fahrer, weil wir uns ja nicht so auskennen da vor Ort. Der T.². der würde das bestimmt alles finden, der verfährt sich nämlich eigentlich nie, aber Fahrer ist natürlich besser, da ist es bestimmt nicht so gut ausgeschildert, kann man ja auch nicht verlangen.

Finde ich sowieso total bescheuert, diese Leute, die irgendwohin fahren, und dann wollen sie, dass das alles so ist wie hier. Ist es aber nicht, das finde ich aber gerade gut so. Dann weiß man wenigstens, dass man woanders ist. Und mit Fahrer sowieso kein Problem. Der weiß denn ja, wo alles ist und fährt einen hin. Eben. Und dann eine Woche am Meer, Hotelanlage, echter Luxus, aber alles total umweltverträglich, schafft ja auch Arbeitsplätze, so Tourismus, also da habe ich gar kein Problem. Gibt ja auch so Leute, die lehnen das ab, da halte ich aber gar nichts von, sollen die sich mal fragen, was so ein Rucksacktourist im Land lässt, das bringt die Leute ja nicht weiter. Der T.² gibt richtig Geld aus, da leben die ja von. Also die Leute vor Ort. Nicht so wie diese Travellertypen, obwohl ich das auch ziemlich gut finde. So auf eigene Faust. Würde ich auch machen, aber der T.² ist da nicht so für. Finde ich super, dass du das machst, richtig abenteuerlich finde ich das, aber ich will schon wissen, wo ich abends schlafe. Und der T.² auch. Eigentlich noch mehr als ich, aber der arbeitet so viel, da kann man das auch verstehen. Weiß ich aber, dass du das spießig findest. Finde ich aber nicht.

Wo fährst du denn hin? – Sizilien hat mir ja nicht so – aber das lag am Hotel. Vietnam finde ich ja auch ganz super, da haben wir auch überlegt, aber dann hat der T.² hinter meinem Rücken einfach beim Reisebüro angerufen und einfach alles gebucht. Als Geschenk für mich. Ist wahnsinnig großzügig, was? So ist der aber. Nicht so wie der Freund von meiner Freundin K., der verdient supergut, aber zu Weihnachten, oder wenn sie mal Geburtstag hat, dann geht er hin und kauft ihr ein Buch. Oder eine CD, total geizig ist der. Wenn einer nichts hat, dann ist das eben so, aber wenn einer gut verdient, dann kann er auch, finde ich. Den sollte sie sowieso – aber das tut sie nicht. Die K. sieht aber auch nicht so gut aus. Muss man einfach ganz klar sehen, die K. ist eine wahnsinnig liebe Person, aber Männer sind da ja so – Frauen sind aber auch nicht besser. Meistens jedenfalls. Die K. aber schon, nur ihr Freund ist eine Flasche. Du glaubst gar nicht, was der ihr zu Weihnachten geschenkt hat, das war so unglaublich, das habe ich sofort wieder vergessen, aber selber kauft er sich Socken für 50 €, da schwört er nämlich drauf. – Kennst du die K. überhaupt? Nein? Gar nicht? Süße, du musst unbedingt mal herkommen, dann lernst du auch die K. mal kennen, und sie dich auch, der habe ich nämlich schon ganz viel über dich erzählt.

Überhaupt müssen wir uns mal wieder richtig unterhalten. Jetzt musst du schon wieder los? Ich bin inzwischen ja auch mal ganz gern zu Hause, aber zu zweit ist das ja sowieso alles was anderes. Also allein würde ich auch immer ausgehen. Hat ja auch was, immer unterwegs. Wo gehst du denn hin? Kenne ich nicht, nicht mal vom Namen her. Ist es gut da? Ist bestimmt gut, so wie sich das anhört. – Also, lass uns demnächst mal wieder ausführlich sprechen. Und Grüße vom T.², der findet dich nämlich auch super. „Deine Schwester sieht doch eigentlich auch richtig gut aus“, hat der erst gestern gesagt. Heute ist er aber nicht da.

Dann dir noch einen schönen Abend. Und bis bald. Schön, mal wieder von dir zu hören.“

Schwesterchen legt auf.

Die fünfte Farbe

Kinder, denke ich… nicht schon wieder. Aber weil Ihr es seid:

Four jobs I’ve had:

+ Mit zwei Kumpanen, wir waren fünf, für zwei Mark beim Kiosk um die Ecke Kaugummi und Abziehbildchen gekauft, ganz viele Zettel mit so vielen Kreuzen bemalt, wie wir Gewinne hatten, und noch mehr Zettel dazugetan. Alle zusammengefaltet, bei allen Nachbarn geklingelt und für einen Groschen pro Los verkauft. Gewinne größtenteils behalten gedurft, vom Erlös noch mehr Süßigkeiten gekauft. Alles aufgegessen und das – in meinem Fall eher amüsierte – elterliche Donnerwetter vorbeiziehen lassen.

+ Einige Wochen nach dem Abi, ich kam vermutlich gerade extrem überfeiert in den Morgenstunden nach Hause, ergriff meine Mutter eine der letzten Gelegenheiten zur töchterlichen Charakterbildung und schickte mich für vier Wochen in ein Altersheim, den Schwestern ein wenig assistieren, alten Damen vorlesen, sie in die Stadt begleiten und so. Es war hundstraurig, und wer mir heute erzählt, Menschen mit Kindern seien im Alter nicht allein, dem widme ich hiermit ein zehnminütiges hyänenhaftes Lachen aus purem Hohn.

Damals beschlossen, auf keinen Fall alt zu werden. Ich arbeite dran.

+ Aus dem Lateinischen übersetzt.

+ Tagungen organisiert, die tatsächlich und so gut wie pannenfrei stattfanden.

Four movies I can watch over and over:

„Lilli Marleen“, Ich liebe Fassbinder. „In the Mood for Love“ und überhaupt Wong Kar Wei. „Fargo“. Immer wieder sehr gelacht. „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, ich bin nämlich ein bißchen sentimental, außerdem finde ich es großartig, wenn andere Leute heiraten.

…und noch viel mehr. Ich bin filmverrückt.

Four places I’ve lived:

Vierter Stock, zweiter Stock, Erdgeschoss, vierter Stock.

Four books I recently read and liked a lot:

+ G. K. Chesterton, „Orthodoxie“, das so gut ist, dass man auf der Stelle sehr katholisch werden möchte. Leider war gerade kein Priester zur Hand.

+ Antal Szerb, „Die Pendragon Legende“. Ein amüsanter Ungar in Wales, mit dem man gern ein paar Stunden verbringen möchte.

+ Bret Easton Ellis, „Unter Null“. Eine Leseliebe meiner früheren Jugend, wiedergelesen und immer noch großartig in seiner Beschreibung der würgenden Leere in der Mitte unserer Welt, deren Sog all das verschlingen wird, was wir lieben.

+ G. Lenotre, „Wenn Steine reden“…dann sprechen sie in dieser reizenden, von Friedrich Sieburg übersetzten Auswahl über das Paris der französischen Könige, der großen Revolution, der opulenten Mahlzeiten und vom Fließen der Seine.

Four places I’ve vacationed:

Marrakesch, Moskau, Chiang Mai, Jerusalem

Four of my favorite dishes:

Das Ma Po Tofu bei dem chinesischen Imbiss auf der Prenzlauer Allee. Ein Wiener Schnitzel mit ziemlich säuerlichem Kartoffelsalat mit ganz viel Zwiebeln. Gebratene Ente mit Pflaumen und Äpfeln gefüllt, dazu vielleicht Rotkohl und Semmelknödel in sahniger Sauce, die man zum Schluss mit einem Stück Brot auftupfen kann. Und Torten. Je üppiger, desto besser.

Four sites I visit daily:

Den Perlentaucher, Spiegel Online. Einen Haufen Blogs. Zur Zeit auch gern den Tonspion, aber das wechselt.

Four places I would rather be right now:

Wien, Saigon, Palermo, Paris

(und natürlich Berlin, Berlin, Berlin usw.)

Four bloggers to tag with this:

Frau Brittbee, Frau Arboretum, Frau Engl, Frau Kaltmamsell (sorry, zu spät gesehen)

Nun denn, meine Damen.

All die schönen Toten

Aber eines Morgens werde ich erwachen, und die Wände meiner Wohnung werden voller Leichenflecken sein, und von den Decken fällt der Stuck wie die mürben, gelben Zähne der Toten aus faulendem Fleisch. Vorbei wird es sein mit den guten Jahren in Berlin, und mein Schlaf wird unruhig und fahrig und ausgeschlagen sein mit dem Lärm rollender Räder. Durchsichtig werden dann die Silhouetten derer, die ich liebe, und der Himmel über der Stadt wird immer trüber werden, geschwollen erst, und dann nekrotisch von den Rändern her.

„Schön war’s hier.“, wird sich mein Berliner Leben beschweren, wenn ich die Sachen in die Kisten packe. „Du hast es doch einmal gut hier gehabt.“, füstert mein Berliner Selbst mir in die Ohren. „Erinnere dich“, beschwört mich mein Berliner Leben, „an die leuchtenden Nächte in Mitte, den gläsernen Glanz eines Morgens am Kleinen Wannsee, die warmen Abende in den Küchen der Freunde!“, und hält mich mit entfleischter Hand noch fest am Ärmel, damit ich wieder auspacke und noch ein Jahr bleibe oder zwei. „Wenn du jetzt gehst, wirst du niemals ankommen.“, wird sich mein altes Ich mir in den Weg stellen und mich anschauen mit seinen starren Augen, und ich werde es, sanft erst und dann erst kräftig, an den Schultern packen und beiseite schieben. „Du bist doch längst gestorben.“, schreie ich mich an und trete dieses Leben in die Dielenbretter vor meinem Bett. „Bleib doch einmal bei dir.“, brüllt mein verwestes Ich, und ich schlage ein mit meinen Fäusten auf all die Jahre, steche mich nieder, renne die Treppe herab in ein neues, reineres Leben und schieße mein Berliner Selbst mitten ins Gesicht, damit es liegenbleibt. Vorbei und vergangen.

Vielleicht schreibe ich noch ein paar Postkarten an die verblassenden Freunde. Vielleicht kommt noch ein Weihnachtsgruß von mir, vielleicht noch der eine oder andere Anruf, bis dieses Leben ganz vergessen, und ein neues Leben woanders so fleckig und faltig sein wird wie dieses hier an irgendeinem Tag.

Du aber sollst gerettet sein

Vorbei an den sterbenden Kriegern des Zeughauses, vorbei an den Kuroi des Altes Museums, die über die Museumsinsel lächeln, weiter die Schönhauser Allee hinauf, und die Streicher wogen salzig wie Meerwasser hinter meinen Schläfen. In der gläsernen Luft hallen die Sehnsucht der Senta und die Verdammnis des Holländers nach, singend von einer Treue, von der ich nicht einmal wüsste, wohin damit. „Sie sehen hübsch aus.“, unterbricht der Taxifahrer die Girlanden einer türkischen Sängerin aus seinem Cassettenrecorder und wünscht mir sieben Söhne an den Hals. „Im Handschuhfach sind Bonbons.“, lädt er mich ein. Ganz leer sind die Straßen, und der Winter vor meiner Tür lässt die Narben auf meinem linken Arm dunkelrot glühen, Blut und Granat.

Wie Honig zerläuft der Bonbon des Taxifahrers auf meiner Zunge und schließt sich um meine Zähne als eine zuckerige Haut, eine süße Membran zwischen mir und der Nacht, die zu kalt ist, um noch irgendwohin zu gehen, zu kalt, um noch irgendetwas zu tun als im Bett zu liegen, Genets Querelle zu lesen, und die großartige Verfilmung Fassbinders leider nicht im Haus zu haben: Fassbinder, der die schmutzige Sehnsucht in reine Bilder fassen konnte, deren Ahnung und Schatten meine Träume durchtränkt mit dieser ziehenden Musik einer Gier, deren Erfüllung nichts kostet als das Leben.

Dreizehn

So rein körperlich sah man wahrscheinlich großartig aus damals, auf den Bildern jener Jahre aber sieht man exakt nichts davon: In unvorteilhaften Jeans, mit viel zu großen T-Shirts schaue ich mir hinter einer roten Brille von irgendwelchen Photos entgegen und lächele überhaupt nie. Neben mir, einen guten Meter entfernt, sitzt mein allererster Freund mit einer Frisur, die es ihm ohne weiteres ermöglicht hätte, das Wet-Gel aus seinen Haaren herauszulutschen, und hat ein rotes Sakko an über einem T-Shirt, auf dem viel zu groß „BOSS“ steht. An den Füßen trage ich ein paar pinkfarbene Chucks, an den Schnürsenkeln sind kleine glitzernde Plastiksterne angebracht, und dass man die buntgeringelten Söckchen nicht sieht, die man bei ESPRIT kaufen konnte, ist ein Segen, für den man dankbar sein sollte.

Überhaupt ESPRIT, mein Blockstreifen-Sweatshirt in gelb und pflaumenfarben, mit weißem Kragen. Die Söckchen mit einer Rüschenreihe, die man sehen konnte, weil die Hosen eigentlich zu kurz waren. Das mintfarbene Sweatshirt, auf dem „UNITED COLORS OF BENETTON“ ganz groß draufstand, jeder Buchstabe in einer anderen Farbe, und natürlich Polo-Hemden von Lacoste, die auch so weit waren, dass man von einem angezogenen Mädchen nicht hätte sagen können, ob sie dick oder dünn war. – Der Prozess des Entkleidens muss in jenen Jahren einen wirklichen Überraschungseffekt besessen haben, aber für’s Entkleiden vor gegengeschlechtlichen Menschen waren wir ohnehin noch zu klein. Zum Händchenhalten reichte es, ein paar Küsse auf dem Bootssteg, ein wenig genierte Spaziergänge Hand in Hand, schlechten Gewissens, weil man sich eigentlich viel lieber als mit demjenigen, mit dem man sich tatsächlich traf, mit jemand anders getroffen hätte, aber der andere war schon 16 und schaute einen selbstverständlich nicht einmal aus Versehen an.

Duftkerzen und Bananentee. Bunte Gläser von Joy von Freundinnen zum Geburtstag, verpackt in irisierende Folie, Plastikstrohhalme in Spiralenform. Nachmittags mit der N., der allerbesten Freundin, zum Reitstall, und die Pferdeposter an der Wand nach und nach austauschen gegen Poster, auf denen Rick Astley abgebildet war oder INXS. Vor dem Spiegel feststellen, dass man niemals aussehen würde wie Kylie Minogue, und die erste Ahnung, dass man überhaupt nie aussehen würde wie Frauen, die irgendjemand auf Plakate druckt, wenn man einmal groß sein würde.

Die ganze Nacht lesen, und in der Schule immer schlechter werden und noch nicht wissen, dass man ab jetzt jedes Halbjahr versetzungsgefährdet sein würde wegen Mathe und eigentlich allen Naturwissenschaften. In die Umwelt-AG eintreten, weil man Umwelt schon irgendwie wichtig fand, und in die Redaktion der Schülerzeitung, wo man die Unterstufenseite vollschreiben durfte, die ohnehin keiner las.

Sich vorstellen, wie es sein würde, groß zu sein, also ungefähr 16, und langsam, unmerklich, auseinanderzufallen in ein Innen und ein Außen, sich auseinanderzufalten in etwas, das sich selber jahrelang fremd sein würde, und am Ende so weit weg zu sein von dem Mädchen auf den Bildern, zu dem man kaum mehr „ich“ sagen kann, dass alles, an das man sich erinnern kann, die fast unpersönliche Oberfläche ihres Lebens ist, ein paar T-Shirts, ein paar Geburtstagsgeschenke und kein einziger Augenblick.

Via Sven und Don Dahlmann.

Orangen

Schwer summt der Abend in der Heizungsluft, und die Süße einer Sampoerna, der dunkle, fast schwarze Wein lasten auf einmal wie ein stumpfer Leim auf meinen Lippen und treiben mich in die Küche. So kalt beißen die Fliesen in meine Sohlen, dass ich nicht lang wähle vor der weißen Schale mit dem durchbrochenen Rand. Eine Orange soll es sein, und über das geschmeidige Dielenholz des Korridors laufe ich zurück, ziehe mir die Decke bis unter die Achseln und presse den Daumen tief in den Scheitel der Orange, bis die Schale nachgibt, und ein kleines, unregelmäßiges Stück, nicht länger als das oberste Glied meines kleinen Fingers, abreißt. Säuerlich, gebrochen von Bitterkeit – nein: von dem Schatten einer Bitterkeit – berührt der Geruch meine Wange und füllt den Raum.

Dick und weiß wie geschlagene Sahne zeigt die Orange ihre Haut, ein paar Fasern stehen aus der offenen Stelle auf der Oberseite der Orange hervor wie die zarten Tentakel ganz kleiner Korallen, und mit der linken Hand drehe ich die Frucht, grabe den rechten Daumen seitlich, ganz vorsichtig, nicht zu tief in die Schale und reiße Stück für Stück von den Spalten, die zwischen der glatten Haut hindurchschimmern. Feucht und nicht größer als ein Muttermal glänzt der Saft der Frucht an einer Stelle, an der der Daumen zu tief in die Haut gerissen hat, und ich ziehe kreisförmig, von oben nach unten, die Schale von den Spalten, bis die Frucht, nur verhüllt noch von den eigenen Häuten, vor mir liegt.

Mit beiden Daumen in die Öffnung zwischen die Spalten zu greifen, die Frucht auseinanderzubrechen, bis sie klaffend, wie eine halbgeöffnete Blüte auf dem Teller liegt. Die aufgerissenen Häute der Fruchtspalten so zart wie die Flügel von Insekten, die Üpppigkeit des Fruchtfleisches, und der Saft rinnt an den Händen abwärts bis zu den Handgelenken und hinterlässt eine Klebrigkeit, die man kaum zusammenbringt mit der Frische im Mund, mit dem süßen und doch säuerlichen Saft, der die Zähne badet in einer hellen Sauberkeit wie ein Morgen am See. Stück für Stück reiße ich die Spalten auseinander, lasse den Saft über meine Zunge laufen, fange die Tropfen auf meinen Händen mit den Lippen auf, und lecke den letzten Rest des Saftes von meinem Mund, lange, bevor der Geruch der Orange aus der Luft verschwunden ist.

Am Ende aber bleibt nichts als ein paar Schalen auf einem Teller, deren weiße, weiche Innenseiten in ein paar Stunden schon eingetrocknet und unansehnlich sein werden, duftlos und nichts weiter als Abfall, den ich in die Küche trage, gleich morgen früh.

Nebraska

Auf der Liste der Fähigkeiten, die man sich im Laufe seiner schulischen Ausbildung erwerben sollte, gehört zweifellos auch die Beherrschung der englischen Sprache, und so schicken Jahr für Jahr Tausende Eltern ihren Nachwuchs für ein Jahr in die englischsprachige Welt, um ihn sodann ansprechend polyglott zurückzuerhalten. Wie man weiß, gibt es dabei im wesentlichen zwei Möglichkeiten – das englische Internat und die amerikanische Gastfamilie – und beide Alternativen bringen ihre ganz eigenen Risiken mit sich. Mein lieber T. beispielsweise, dieser reizende und schon an und für sich eher leptosome Zeitgenosse, kehrte seinerzeit aus einem wirklich strengen englischen Institut um acht Kilo gegenüber dem Zustand bei seiner Ankunft abgemagert zurück und berichtete schaudernd von kalten Duschen und Mahlzeiten, die in jeder kontinentalen Justizvollzugsanstalt eine unverzügliche Rebellion ausgelöst hätten.

Dass mein sowohl überaus unsportlicher als auch dem guten Essen zugeneigter kleiner Cousin sich nicht für die Internierung in einer englischen Erziehungsanstalt entscheiden würde, war vor diesem Hintergrund an und für sich nicht wirklich überraschend, und man entschied sich also für eine dieser Organisationen, die Jugendliche aus aller Welt in amerikanischen Familien unterbringen, um vor Ort den Besuch der lokalen High School zu ermöglichen. Umfangreiche Unterlagen wurden also an diese Organisation versandt, und längere Zeit, also ein paar Monate, hörte ich nichts von der ausländischen Plänen meines jugendlichen Verwandten, bis jener mich Monate später in einem Zustand eher gesteigerter Empörung anrief.

„Nebraska!“, stieß mein jugendlicher Verwandter hervor und dann noch irgendetwas Gotteslästerliches, was ziemlich schlecht zu verstehen war. „Herzchen“, beruhigte ich den Kleinen und bat um chronologische Darstellung der ebenso aufregenden wie ärgerlichen Ereignisse, die sich abgespielt haben mussten, um meinen eigentlich verhältnismäßig friedlichen Cousin zu derartigen Ausbrüchen zu bewegen.

Diese Organisationen, die Schulkinder in fremde Länder transportieren, haben es ja so an sich, dass man sich die genaue Region der ziemlich großen Zielländer nicht einfach aussuchen kann, sondern, ähnlich wie bei der ZVS, zugewiesen wird. Alle seine Freunde, so berichtete mir der Kleine, hätten es dabei ganz gut getroffen, New Hampshire, Boston, Florida – und nur er, nur er müsse ein ganzes Jahr in Nebraska verbringen und weigere sich nach einiger Information über diese eher ländliche Region, den geplante Aufenthalt auch anzutreten. „Kann ich gut verstehen.“, kommentierte ich, meine Tante allerdings zeigte für diese Weigerung aus irgendwelchen Gründen keinerlei Verständnis, und so hänge der Hausfrieden schon seit einiger Zeit vollkommen schief. „Kann man da denn gar nichts mehr machen?“, fragte ich, und schaute mir das ziemlich menschenleere Nebraska im Internet ein wenig an. Nebraska sieht langweilig aus.

„Warum immer ich?“, verzweifelte mein Vetter und beschrieb sein sechzehnjähriges Dasein als eine ziemlich eindrucksvolle Kette unerfreulicher Zufälle und unwahrscheinlicher, aber unglücklicher Umstände, die stets ihn und nie andere Leute träfen. „Hmpf.“, sagte ich und hielt ansonsten wohlweislich den Mund.

„Mein lieber Cousin!“, verkniff ich mir zu sagen: „Wie meine umfangreiche Lebenserfahrung mich gelehrt hat, zerfällt die Menschheit in zwei ungefähr gleich große Teile: Der eine Teil hat es gut getroffen – Wenn er verschläft, ist der Lehrer krank. Wenn er auf dem Weg zum Bahnhof im Stau steht, hat auch der ICE Verspätung. Wenn er sich verliebt, wartet das Objekt der warmen Empfindungen seit Monaten nur auf einen Anruf, um sich ihm in die Arme zu werfen. Wenn er einen Job sucht, wird in der Company seiner Träume gerade eine Stelle frei, und sein zukünftiger Vorgesetzter ist der Onkel seines besten Freundes.

Bei dem anderen Teil verhält es sich sozusagen andersherum: Wenn er sich verliebt, liebt die Geliebte immer jemanden anders. Wenn er Klausuren schreibt, kommt immer dran, was er nicht gelernt hat. Und wenn er einmal im Leben schwarzfährt, kommen die Kontrolleure der BVG und nehmen ihn mit, weil er zufällig auch keinen Personalausweis dabei hat.

Und zu dieser Gattung gehörst, mein geschätzter und bedauernswerter Cousin, offensichtlich auch du.“

…sagte ich nicht und beendete das Gespräch mit den herzlichsten Beteuerungen meines Mitgefühls und dem Wunsch nach weiterer Information.