Man muss sich das fast ein wenig unheimlich vorstellen: In Gesellschaft meines geschätzten ehemaligen Gefährten, des lieben J., betrete ich so gegen 17.00 Uhr den HUGO-Shop am Hackeschen Markt, eine lächelnde Verkäuferin kommt mir entgegen, und zehn Minuten später stehe ich in einer der wirklich sehr schönen, vollverspiegelten und riesengroßen Kabinen und nicke meinen vielen Spiegelbildern wohlgefällig zu. Die Hose passt.
„Die nehm‘ ich mit.“, übergebe ich der netten Verkäuferin das Hosenwunder und wühle in meiner Tasche nach meinem Portemonnaie. Besonders teuer sind die Jeans auch nicht, so verglichen mit anderen namhaften Jeansfachgeschäften, und mit dem neuerworbenen Kleidungsstück sauber eingeschlagen in dieses Knisterpapier, in das man normalerweise Hemden verpackt, und versehen mit einer glitzernden Karte, auf der sich das HUGO BOSS Imperium für den Einkauf bedankt, stehen wir keine halbe Stunde nach unserem Eintritt wieder vor dem Geschäft. Dem geschätzten ehemaligen Gefährten stand der Schweiß der Erleichterung sichtbar auf der Stirn: Noch einmal davongekommen.
„Ich kann’s gar nicht fassen.“, beschwor ich den Geist des Hosenwunders später über den Resten schwarzen und weißen Pressacks mit Bier im Weihenstephaner und zündete mir eine Zigarette an. „Da stimmt doch irgendetwas nicht.“ – „Was ist denn jetzt schon wieder?“, ächzte der J. und schickte verzweifelte Blicke an die Decke des Lokals.
„Warum geht es bei HUGO, und im Dieselstore führen sie meine Größe nicht einmal?“, sinnierte ich, und warf zweifelnde Blicke auf die Tüte, in der sich die Jeans verbarg. „Ist HUGO vielleicht, ohne dass sich mir dies erschlossen hätte, ein Label für nicht mehr ganz junge, schon etwas aus dem Leim gegangene Leute, und schon deswegen eigentlich untragbar für die Gruppe der wahrhaft lässigen und schönen Menschen, deren bevorzugte Jeans ich auch gerne tragen würde? Oder geht es HUGO schlecht, und man ist in Metzingen angewiesen auf den Mehrerlös aus dem Verkauf von Jeans an kleine, dicke Frauen mit Jeansgröße 29/32, und an den Hosen haftet der Geruch der Verzweiflung und Erfolglosigkeit? Lachen schöne und stylish dreiundzwanzigjährige DJ’s und Schauspielschülerinnen über meine Hosen? Bedeutet der Kauf dieser Jeans meinen endgültigen Eintritt in ein Erwachsenenalter, das den selbstverständlichen und entspannten Glanz der Jugend nur noch in Übergröße zu imitieren versucht?
Oder habe ich schlichtweg einen Schaden, und die Jeans sind okay?“
In einem Lexikon zeitgenössischer weiblicher Alltagspsychosen dürfte der Kauf neuer Jeans keine ganz geringe Rolle spielen, und insbesondere solche Damen, deren Figur nicht so besonders dem Standard entspricht, den sich die zeitgenössische Bekleidungsindustrie als erstrebenswert vorstellt, fürchten den Besuch von Boutiquen, deren Inhaber es sich zum Ziel gesetzt haben, ihre Jeans als ganz besonders gutaussehend auf dem Markt zu plazieren. „Wir stellen uns riesengroße Frauen vor, die unsere Hosen anhaben.“, höre ich es aus dem Sortiment murmeln, betrete ich eines der Geschäfte, in denen die Jeans wie Kunstwerke an den Wänden hängen. „Gleichzeitig sollen die Frauen, die unsere Jeans anhaben, keinesfalls mehr als 50 Kilo wiegen, sie sollen Hüften haben wie ein unterernährter vierzehnjähriger Knabe aus dem Sudan, und ihre Oberschenkel dürfen auf keinen Fall dicker sein als ihre Waden, die wir uns ebenfalls ungewöhnlich schlank vorstellen. Elfengleich sollen unsere Kundinnen durch die Straßen von Berlin schweben, göttinnengleich erstrecke sich das Riesenmaß ihrer zarten Glieder durch das blaue Tuch unserer Hosen, und kleine, dicke Frauen, fleischige Frauen, Frauen mit runden Hüften und Bäuchen, keulenartigen Oberschenkeln und feisten Waden sollte es ohnehin überhaupt nicht geben.“
Von selbst versteht es sich vor diesem Hintergrund, dass die solcherart aus dem erstrebten Kundenkreis ausgeschlossenen Damen entsprechende Geschäfte äußerst ungern aufsuchen, und die wenigen Jeans, die es ihnen käuflich zu erwerben gelingt, so lange tragen, bis sie ihnen vom Leib fallen. – Eben dies, meine Damen und Herren, ist mir indes letzten Freitag geschehen.
Ich sitze also bei meinem geschätzten ehemaligen Gefährten, dem lieben J., in dessen Wohnung herum, erzähle dies und das, bereite ein wenig dessen bevorstehende Geburtstagsfeier vor, und sitze schließlich auf seinem Schreibtischstuhl, so einem Lederstuhl eben, wie man ihn sich gemeinhin vor den Schreibtisch stellt. In meiner rechten Hand ein Glas Wein, in meiner linken Hand eine Zigarette, und irgendwann komme ich dann doch auf die Idee, mein linkes Bein anzuwinkeln, hochzuziehen, und die Ferse unter den rechten Oberschenkel zu schieben.
Ob es schlichter Materialverschleiß war, oder mein körperlicher Umfang unter der Wucht unzähliger Torten dieses allzu langen Winters doch ein wenig über die Ufer getreten ist: Unter einem grässlichen Geräusch, einem krachenden Reißen, platzt meine einzige tragbare Jeans über der linken Gesäßhälfte zehn Zentimeter lang auf. „Das kann man vielleicht nähen lassen.“, kommentiert der J. mit bangem Blick die Katastrophe, denn bekannt ist jenem Herrn seit vielen Jahren, dass jeder Besuch entsprechender Geschäfte meine psychische Konstitution auf Tage, wenn nicht auf Wochen, ganz erheblich in Mitleidenschaft zieht, und auch auf die Gemüter meiner Umgebung düstere Schatten wirft.
„Vom Flicken werd‘ ich auch nicht dünner.“, wehre ich ab. Am folgenden Donnerstag, so schlage ich statt dessen vor, solle der J. mich zum Jeanskauf begleiten, von der Alten Schönhauser über den Rosenthaler Platz, wo Diesel überteuerte Jeans verkauft, bis zum Hackeschen Markt, wo HUGO und Sisley Hosen feilbieten, soll es gehen, und wenn übermorgen aus diesem Kauf wegen meiner unzureichenden Physis nichts werden sollte, dann setze ich mich zitternd und psychisch auf Wochen am Boden zerstört ins „Weihenstephaner“ gegenüber der S-Bahnstation, trage zukünftig nur noch weite, wallende Röcke und verzehre vor Ort den Gegenwert einer Jeans in Fleischkäse und Weißwürsten, denn dann ist es auch egal.
„Papa?“, stieg ich über den gleichfalls schlafenden Hund und setzte mich auf die Bettkante neben meinen Vater. „Mmmh“, antwortete der mit geschlossenen Augen und langte auf dem Nachtschrank nach seiner Brille. „Musst du nicht einkaufen?“, zog ich die Vorhänge auf, bis das Zimmer im gleißenden Mittagslicht lag, die Tapete gescheckt von den Schatten der Blätter eines Baumes vorm Fenster, und mein Vater blinzelte erst mich an, dann in die Sonne, und sah auf die Uhr. Samstagmittag war’s, 13.00 Uhr.
„Warst du lange weg gestern abend?“, fragte ich weiter, sprang auf die Decke, hörte mit halbem Ohr seinen verschlafenen Erzählungen über Freunde und Freundinnen zu, über Konzerte und Bars, und referierte die vorabendlichen Aussprüche des Babysitters, dessen Dummheit innerfamiliär geradezu sprichwörtlich war: Ein pausbackiges, rothaariges Mädchen, 16 oder 17 Jahre alt, das Lehrerin werden wollte, und es gewiss auch geworden ist.
„Heute nicht, Prinzessin.“, röchelte mein Vater zurück und schleppte sich ins Bad. Aus der offenen Badezimmertür drang das Brummen der Zahnbürste, und ich saß ein wenig enttäuscht zwischen den Decken und Kissen: Der Samstagseinkauf mit einem Frankfurter Würstchen beim Metzger auf die Hand und Schokolade am Stiel bei Edeka mit der klaren Ansage, den Kauf auf keinen Fall meiner schon eher gesundheitsbewussten Mutter zu verraten, war offenbar an widrigen Umständen gescheitert. „Nicht böse sein, Modeste.“, streichelte mein Vater mir auf dem Rückweg aus dem Bad über den Kopf. „Gehen wir halt zum Griechen.“ – Die Welt war wieder in Ordnung. „Versprochen ist versprochen!“, nagelte ich meinen Vater auf seiner schlaftrunkenen Ansage fest, und zog wieder ab, um die größte Playmobilstadt aller Zeiten weiter auszubauen, umzubauen, und dann alles wieder abzureißen.
„Ich dachte, wir gehen zum Griechen?“, bohrte ich nach, während mein Vater sich Müsli in einen Teller häufte, und sprang mit einem gewaltigen Satz auf die Küchenplatte, die mir so ungefähr bis zu den Schultern ging. „Nun lass mich doch erst einmal frühstücken.“, kam es ein wenig gequält zurück, und nach einigen Stunden, begleitet von regelmäßigen Anfragen nach der genauen Zeit des Aufbruchs, rasierte sich mein Vater und suchte im ganzen Haus nach seinem Autoschlüssel. Mit einer über Jahre gestählten Gleichgültigkeit gegenüber abhandengekommenen Schlüsseln, dem genauen Aufenthaltsort von meines Vaters Portemonnaie und seinen anderen Habseligkeiten, saß meine Mutter mit meiner kleinen Schwester auf dem Schoß im Wohnzimmer und blätterte in der Zeitung.
Ungefähr mit der Ansage: „Seid ihr noch nicht angezogen?“, tauchte mein Vater irgendwann aus jenen Untiefen wieder auf, in denen sich seine Schlüssel bis heute zu verbergen pflegen. Ich öffnete die Pforte zur Auffahrt, sprang auf den linken Rücksitz, und zehn Minuten später schloss mein Vater den Wagen auf dem Parkplatz des „Akropolis“ wieder ab.
Wie es dem Betreiber des Restaurants Akropolis gelungen war, eine Baugenehmigung für die baulichen Veränderungen zu erhalten, mit denen er dem ursprünglich weißgekalkten Fachwerkbau ein eher hellenisches Aussehen zu verleihen suchte, mag der Teufel wissen: Rechts und links der Tür ragten zwei meterhohe, weiße, dorische Säulen empor und trugen ein gleichfalls weißes Vordach mit Götterstatuen obendrauf. Über jedem Fenster hatten die Betreiber einen Götterkopf angebracht, und in den Fenstern blinkten bunte Lampen in Plastikschläuchen, die sich wiederum um Götterstatuetten ringelten. Unter der Decke, aber das konnte man erst sehen, wenn man saß, hing ein Fischernetz mit lauter Plastikfischen drin, und große bemalte Amphoren lehnten in allen Ecken. An der Kopfseite des Schankraumes stand eine ungefähr lebensgroße nackte Person auf einer Art Füllhorn und schmiegte sich an eine Grotte, aus der Wasser in ein muschelförmiges Bassin plätscherte. Ich liebte das Akropolis.
„Und das Fräulein Modeste endlich auch wieder da?“, der schmierigste Kellner der ganzen Stadt reichte auch mir eine eigene Karte, obwohl er genau hätte wissen können, dass die Kunst des Lesens sich mir noch nicht erschlossen hatte. „Darf ich eine Cola?“, fragte ich meine Mutter, die nur stumm den Kopf schüttelte. Einen Apfelsaft also.
„Einmal die Grillplatte Akropolis. Und einen Halben Roten mit zwei Gläsern bitte.“, orderte mein Vater, und der Kellner schrieb die immer gleiche Bestellung auf einen dieser schmalen Kellnerblöcke, auf denen oben der Name einer Brauerei aufgedruckt ist, und unten etwas die Werbewirkung Bekräftigendes stand wie „Bierige Braukunst“ oder auch „Herzhaft frisch und würzig“. Auf dem Tisch warb ein Plastikaschenbecher für die Zigarettenmarke „HB“, und hinter den Fenstern zum See konnte man Ausflugsdampfer sehen, auf denen Familien hin und herfuhren, winkten und Kuchen aßen.
Ob die Grillplatte Akropolis wirklich so groß war, oder ob lediglich die Relation zwischen der beschränkten Größe einer fünfjährigen Person und der Fleischplatte den Eindruck übermäßiger Fülle erweckte, vermag ich nicht mehr zu sagen. Gleichwohl, groß war sie bestimmt, eine ovale weiße Bratenplatte, gefüllt mit Bergen von Gyros, Souvlakispieße waren drauf, alle möglichen gegrillten Fleischteile, Lammkoteletts und Hähnchenschnitzel, Unmengen Krautsalat mit ein paar versprengten Oliven dazu, Zaziki und Tomatenreis und Pommes Frites extra in einer Schüssel, auf deren Grund das schlangenstarrende Haupt der Medusa zu sehen war, näherte man sich dem Grund. Verzierungshalber lag an einer Seite der Grillplatte jeweils eine blütenförmig aufgeschnittene Tomate gefült mit hervorquellender Petersilie, wenn ich mich recht entsinne und die Dekoration nicht verwechsle mit jener, die das unweit gelegene, aber längt nicht so beliebte Restaurant „Dubrovnik“ zu bieten hatte. Mindestens eine ganze rohe Zwiebel lag in Ringen über dem Ensemble.
Ob meine Eltern das „Akropolis“ in der selben Weise schätzten, wie es bei mir der Fall war, mag ein klein wenig fragwürdig sein, gleichwohl, in schöner Regelmäßigkeit beschloss ich Mahlzeiten in Gesellschaft der gipsernen Göttern Griechenlands mit einer Portion Sahnejoghurt mit Honig und Nüssen, meine Eltern bekamen jeweils einen Ouzo, und wir bestiegen wieder den Wagen, den ein Jahr später, ein paar Tage vor meiner Einschulung, ein betrunkener Autofahrer auf dem Parkplatz von Peek & Cloppenburg komplett demolieren würde, und ein paar Jahre später war auch das „Akropolis“ nicht mehr da.
Tiefer sinke ich, immer tiefer dem Schlaf entgegen. Die Dunkelheit umfängt mich wie warmes, brackiges Wasser, und ich falle der Nacht und den Träumen entgegen, die ihre Finger ausstrecken nach mir. Auf einmal aber schiebt eine Hand sich empor von ganz unten, aus dem Bodensatz der Nacht, und setzt einen schwarzen Traum ab auf meinen Dielen. Dichter wird die Dunkelheit, fester und schwer, und klumpt sich zusammen zu Schatten erst, zu Traumfleisch dann und Knochen.
Langsam und tastend, wie jemand in fremden, dunklen Räumen umhergeht, höre ich seine Schritte, recke mich angstvoll nach oben, versuche, dem Schlaf zu entkommen und dem Knacken des Bodens unter seinem Fuß. Die Hände aber, die nach mir greifen, die Müdigkeit in mir, sie sind stärker als ich, und ich falle wieder, gleite dahin, meinem Traum entgegen, dessen Schritte lauter werden, sicherer sein Gang, und ich höre ihn atmen.
Dass er verschwinden wird, öffnete ich nur die Augen, das weiß ich genau, aber ich kann nicht erwachen, ich sinke, falle immer weiter, und sein Schritt nähert sich dem Bett. Laut knacken die Dielen, sein Ärmel streift die rote Wand an meinem Bett, und ich kneife die Augen zu, um ihn nicht zu sehen. Aufwachen will ich, ihn zurückschicken dahin, wo er mich nicht fassen kann, aber immer tiefer wird mein Schlaf, und immer lauter sein Atem. Sprich, denke ich, und gib dich zu erkennen, obwohl ich weiß, wer er ist, und was er sagen wird.
Tief vergrabe ich meinen Kopf im Kissen, ziehe die Decke über mich, damit er mich nicht anfassen kann mit seinen kalten, feuchten Fingern. Er aber steht an der Wand, wartet auf mich, atmet, und ich höre sein Räuspern. Sprich endlich, fahre ich ihn an, damit ich antworten kann, und dich zurückjagen in die Hölle, aus der du kommst. Näher kommt sein Schritt, bewegt die Luft an meinem Bett, und als er sich setzt, als er seine Hand auf meine Schulter legt, öffne ich die Augen.
Du bist ja immer noch da, sage ich, und sehe ihm in die Augen, streife versehentlich sein weißes, blutleeres Fleisch, und er starrt an mir vorbei zum Fenster. Du hast mich gerufen, sagt er, und ich schüttele den Kopf. Du hast mich doch gerufen, beharrt er und streicht mir mit einem Finger den Unterarm aufwärts zur Armbeuge.
Verschwinde, schreie ich ihn an, reiße die Augen auf, und höre seinen Schritt leiser werden, sich entfernen, bis ich die Augen wieder schließe, und der Schlaf mich wiederum umfängt und sinken lässt, fallen lässt, und seine Hand wiederum nach meiner greift, wenn ich schlafe.
„Kennst du den da drüben am Sofa?“, stößt mich mein Nachbar vor dem Tisch mit den vielen Flaschen an und misst sorgfältig drei Messbecher Triple Sec ab. „Nein? Musst du kennenlernen. Brillanter Kopf. 14 im Ersten, im Zweiten auch nicht weniger, und von seiner Diss kann man Depressionen kriegen, so als Normaldoktorand. Dabei ein richtig netter Junge, mit dem man auch mal gut sein Bier trinken kann. Seine Frau übrigens auch, feiner Kerl, da drüben vor der Badezimmertür. Die blonde mit der randlosen Brille. – Nein, die mit den kurzen Haaren. Mit der war ich ja im Referendariat, wir hatten eine richtig gute Zeit damals bei Schinder, Knochenbrecher & Partner im Referendarzimmer. Wäre nix für mich auf die Dauer, für den Job musst du ja richtig brennen, gell, aber so für’n halbes Jahr, sehr okay. Auf die Dauer tut’s aber auch ein kleinerer Laden. Ist auch nicht das schlechteste, mittelgroße Boutique, vier Standorte bundesweit. Im Berliner Büro sind wir nur zu fünft. In Berlin gibt’s ja nichts zu verdienen, da kommt alles von außen, das Geld, die Mandate sowieso. Lausige Gehälter an und für sich, aber Berlin kost‘ ja nichts.“
„Den werd‘ ich morgen verfluchen.“, deutet mein Nachbar auf den Inhalt des Cocktailshakers und rückt seine Brille gerade. „Das ging früher irgendwie besser. Heute hängt mir so ein Abend tagelang nach. So nett das ist, das kann man nicht jede Woche machen. Unter der Woche ist sowas sowieso nicht drin, da kommt man abends um neun aus der Kanzlei, und dann haut man sich nur noch aufs Sofa. Fernseher an, Zeitung, Glas Wein wenn’s hoch kommt, aber wenn man’s anders haben wollen würde, würde man ja, sage ich mir immer. Wir wohnen ja eigentlich mitten drin, da muss man ja nur aus der Tür.“, mein Nachbar deutet mit der Hand einmal vage Richtung Mitte, und gießt streng nach Rezept irgendwelche Säfte und Spirituosen in den Shaker.
„Schöne Wohnung haben sich die beiden gekauft, ganz modern, fehlt ein bißchen der Altbaucharme, aber die Lage wiegt das auf. Meine Güte, jetzt noch am Kollwitzplatz kaufen. Weißt du, was die gezahlt haben? Weißt du auch nicht. Würde ich auch nicht verraten an deren Stelle. Wir sind ja mit € 230.000 weggekommen, aber eben auch die Tram vor der Tür. Hat seine Vorteile. Hat aber auch Nachteile, besonders wenn man schlafen will.“
„Sieht irgendwie anders aus, als man’s kennt.“, füllt mein Nachbar die rötliche Flüssigkeit aus dem Shaker in zwei Gläser und probiert. „Schmeckt aber nicht übel. Nicht ganz wie im fluido, aber schon in Ordnung. Kennt ihr das fluido? Seid ihr da oft? Da um die Ecke habe ich mal gewohnt, regelmäßig versackt in dem Laden. Schöne Zeiten waren das, 2001, 2002. Die hatten’s schon raus, ist ja auch deren Job. Für meinen ersten Cocktail aber nicht schlecht. – Cheers. Auf die Gastgeber.“
Wir stoßen an.
„Schöne Party ist das hier.“, meint mein Nachbar und deutet mit der Hand auf zwei Paare, die im Wohnzimmer knoten: „Wird sogar getanzt. Sollte man öfter mal machen.“
Es ist kein gemessenes Schreiten marmorblasser, erhabener Gestalten, für das die Straßen der Akropolis, wie wir sie kennen, in jenen Jahrzehnten gebaut wurden. Stolz und heißblütig treibt Athen, glänzendes Zentrum der griechischen Welt, durch das fünfte vorchristliche Jahrhundert, in dem äußerster Ehrgeiz auf unendliche Möglichkeiten stößt, denn nichts von dem, was man denkt, sagt, aufschreibt oder ausprobiert, ist zuvor jemals gedacht oder getan worden. Ein lautes und übermütiges Lachen, ein Schrei von Lebenslust und Maßlosigkeit füllt das Zeitalter, das die Götter für seinen Wagemut beschenken mit einer Perfektion der Schönheit, der Grazie und der Eleganz, als könne kein Fehl sein an dem, was noch ganz ohne die Müdigkeiten späterer Saecula zu sein scheint, rund, spiegelnd wie polierter Marmor und makellos wie das Lächeln der Athene über ihre eigene Stadt.
Azurblau, grün wie der griechische Frühling, rosenrot und golden, prangend und saftig steht die Stadt in einer reichen, ebenso üppigen Natur, und nicht minder kräftig sind die Farben, die sie dem Leben ihrer Söhne verleiht, die sie mit aller Kraft der Unvernunft liebt, um sie bei dem kleinsten Anlass zu verstoßen, ganz, wie ein Kind ein Spielzeug zertritt. Göttlich ist nur der Sieger, kein Mitleid schlingt weiche Arme um einen Unterlegenen, und was wie die Fähigkeit zur raschen Verzeihung, zur schnellen Revision unverhältnismäßiger Urteile ausschaut, mag nicht mehr sein als eine lachende Gleichgültigkeit in jenen Zeiten, in denen die Schönheit noch zu neu war, um der Brechung zu bedürfen, und die Amphoren noch nicht leergetrunken, auf deren Grund erst spätere Zeiten die schwere Süße der Melancholie finden sollten.
Strahlende Sieger wünscht sich das Volk von Athen, Helden wollen die Dichter besingen, und stolz, schön wie die Statuen dieser amüsantesten aller Götterwelten, mit jener sorglosen Verfeinerung eines Adels, der mit dem Schwert in der Hand durch ein schwankendes, stets durch die Könige der Perser bedrohtes Griechenland zieht, männlich und kraftvoll, laufen die Besten der Athener durch eine Welt, in der das Gute und das Schöne ebenso eine Einheit bildet wie Soldatentum und Gedankenfülle, Sinnlichkeit, Ehrgeiz und eine Lust am Spiel, wie sie nur der Gott und der Desperado aufbringen.
Es ist die Mitte dieser Welt, das Herz Athens, das 450 v. Chr. jenen Mann gebiert, den das Zeitalter selber geträumt haben muss, um ihn in Fleisch und Blut über die Agora der Stadt zu schicken: Neffe und Ziehsohn des Perikles, Schüler und Geliebter des Sokrates, Schwiegersohn des Hipponikos, des reichsten Mannes der griechischen Welt. Geliebt, vergöttert, verführerisch durch Anmut, Schönheit und Geist, glänzend im Feld und von einer Wendigkeit, die wir bewundern müssten, wäre sie uns nicht ein wenig unheimlich, ein wenig tierhaft in ihrer Unbedenklichkeit und von einer Leichtigkeit, die der Folgenschwere fremd geworden ist, die unsere Schritte hemmt und begleitet.
Ob es die Sucht nach Ruhm und Siegen war, die Alkibiades verlasst haben mag, Athen in immer weitere Kriege zu treiben, oder die Einsicht, dass das in allzu kleine Stadtstaaten zersplitterte Griechenland auf die Dauer den Feinden von außen keinen Widerstand zu leisten vermögen würde? Oder ob die Unruhe selbst sich eines Unruhigen bediente, um Athen in ein militärisches Abenteuer um das reiche Sizilien zu treiben, an dessen Besitz die Hegemonie innerhalb der griechischen Welt hing? Hingerissen von der Beredsamkeit des Alkibiades jedenfalls zogen die Krieger der Stadt über das Meer, aber das Glück war woanders, und so sehr das Volk von Athen den Alkibiades vergöttert hatte, so sehr forderte es nun seinen Kopf. In Abwesenheit verurteilte man den Glücklosen indes nicht wegen der Erfolglosigkeit im Felde, sondern wegen eines Streiches, einer Übermütigkeit, von der noch heute keiner sagen kann, ob er sie wirklich begangen: Noch während der Vorbereitungen des Feldzuges nämlich waren eines Nachts allen Hermes-Figuren, die die bilderreiche Stadt schmückten, die Köpfe abgeschlagen, überdies hatte der gesprächige Alkibiades angeblich die Geheimnisse der eleusinischen Mysterien ausgeplaudert und im Kreise einiger Freunde Parodien der heiligen Handlungen gefeiert. Er solle sterben, beschloss also die Volksversammlung, aber dass der Verurteilte nicht nach Athen zurückkehren würde, um sich dort hinrichten zu lassen, dürfte auch die Zeitgenossen nicht besonders überrascht haben.
Statt nach Athen fuhr Alkibiades also nach Sparta, zum monarchistischen Erzfeind, gewann auch dort Einfluss, wurde mächtig, schloss ein Bündnis mit dem Perserkönig und besiegte Athen bei Dekeleia. Wiederum verurteilte die athenische Volksversammlung den Alkibiades zum Tode, allerdings galt auch diese Verurteilung wiederum einem Abwesenden, und so wurde auch aus diesem zweiten Todesurteil nichts.
Vielleicht hätte Alkibiades Sparta die entscheidenden Siege verschaffen können, vielleicht wäre schon in jenen Jahren eine der mächtigen Stadtstaaten der hellenischen Welt erst prima inter pares werden können, und schließlich ein einheitliches griechisches Reich entstehen können, das einen anderen Weg genommen hätte. Vielleicht wäre das Römische Reich nicht entstanden in einer schon aufgeteilten Welt, und geachtet und geehrt hätte Alkibiades als ein spartanischer Feldherr altern können. Maßvolle Vernunft aber war seine Sache nie, und so begann der Maßlose nicht nur eine Affäre mit der Frau des spartanischen Königs Agis II., sondern jene erwartete von dem fremden Feldherrn sogar ein Kind, und so erstarb auch diese Chance eines einheitlichen griechischen Großreiches im Schlafzimmer der Königin von Sparta, deren Untertanen nicht viel übrig hatten für derlei Umtriebe.
Vor den lakedaimonischen Verwicklungen floh Alkibiades weiter, geriet an den Hof des Persers Tissaphernes, Provinzstatthalter des Großkönigs, und wurde wiederum mächtig, spielte Spartaner und Athener gegeneinander aus, und kehrte schließlich als Gewinner politischer Wirren innerhalb der attischen Polis mit einigen Siegen an der Brust umjubelt nach Athen zurück.
Langsam aber wurde Alkibiades alt, und die Göttin Athene, die die Jugend liebte, wandte sich ab von ihrem Sohn. Die Elastizität, die der Jugend vorbehalten zu sein scheint, fiel von ihm ab, und die Fähigkeit, zu bezaubern, zu verführen, und auf Fortunas goldener Kugel durch Griechenland zu rollen, muss den Alternden verlassen haben, denn nur wenige Jahre später entzog das Volk von Athen Alkibiades endgültig seine Gunst, der ein paar Schlachten verloren hatte. Wiederum flüchtete Alkibiades, aber diesmal sollte das Glück nicht auf seiner Schulter die Stadt verlassen, und so wurde Alkibiades am Hofe des persischen Satrapen, zu dem der Vertriebe sich geflüchtet hatte, auf Betreiben der fast ungriechisch nachtragenden Spartaner ermordet. Das Bedauern der Zeitgenossen, hört man, soll sich in Grenzen gehalten haben.
Wir aber, die wir zwei und ein halbes Jahrtausend später dem saftvollen, strotzenden Frühling unserer Welt ein halb sehnsüchtiges, halb belustigtes Lächeln hinterherschicken, werfen mit ein wenig mehr Bedauern der ungebrochenen Kraft und der Maßlosigkeit jenes Unverschämtesten der Athener eine Kusshand hinterher und hegen keinen Zweifel, dass selbst der Hades ihm leicht sein müsse, und Persephone selbst ihm hinter den schwarzen Strömen goldene Äpfel reicht.
Ihnen, mein sehr verehrtes Publikum, habe ich heute eine traurige Mitteilung zu machen: Der geschätzte ehemalige Gefährte, der vielgeliebte, gutaussehende und amüsante J. liegt leider ausgerechnet an seinem heutigen ungefähr 31. Geburtstag im Sterben und wird, während ich diese Zeilen schreibe, in seiner Wohnung am Helmholtzplatz von der Vogelgrippe dahingerafft.
„Würdest du mich sehr vermissen, wenn ich tot wäre?“, röchelte es ungefähr vorgestern aus dem Hörer, und der J. erläuterte mit ersterbender Stimme alle jene Symptome, die zweifelsfrei auf das nahende Ende eines Opfers der Vogelgrippe hindeuten. Schnupfen zum Beispiel. Gliederschmerzen und so ein allgemeines Unwohlsein, ich könne mir das vielleicht nicht so vorstellen…ihm sei zum Beispiel ziemlich kalt, und nachts würde er schwitzen.
„Es ist noch kein Berliner an der Vogelgrippe gestorben.“, beruhigte ich den geschätzten ehemaligen Gefährten, und deutete an, dass auch jene harmlose Erkrankung, welche die Welt eine „Erkältung“ nennt, sich in jenen eher diffusen Symptomen äußert. Überdies, versuchte ich, meiner Stimme einen festen und überzeugenden Klang zu verleihen, gehöre es doch nicht zu den Gewohnheiten des J., engen Verkehr mit gefiederten Wesen zu pflegen. Habe der J. in letzter Zeit einen Schwan gestreichelt? Leben in seiner Wohnung von mir bisher unbemerkte Hühner? Wurden flüssige Eier geschlürft, oder infiziertes Wildgeflügel roh verschlungen? – Ich nähme seine Beschwerden nicht ernst, entgegnete leicht gereizt der J. und beendete das Gespräch. Am Abend indes war er immer noch am Leben.
„Mach dir keine Sorgen!“, wiegelte ich also die fortwährenden Befürchtungen des J. ab und erinnerte an eine Vielzahl möglicher Todesursachen in den letzten zehn Jahren, die sich samt und sonders als harmlose Erkältungen oder gar als Zustand völliger Gesundheit entpuppten. Selbst die regelmäßige prophylaktische Einnahme eines Antibiotikums über den Zeitraum mehrerer Jahre, mit dem man gemeinhin Lungenentzündungen bekämpft, erwiesen sich als außerstande, die Rossnatur des geschätzten ehemaligen Gefährten zu zerrütten, dessen Familienmitglieder alle steinalt werden, wenn es sie nicht gerade an den Alleebäumen seiner niedersächsischen Heimat zerlegt. „Erinnerst du dich an das Dengue-Fieber?“, halte ich dem J. einen besonders spektakulären hysterischen Anfall vor, der erst im Bangkok Nursing Home ein Ende fand, als ein streng blickender Arzt dem hyperventilierenden und kreidebleichen J. verkündete, er sei nach medizinischen Maßstäben gesund. „Hast ja recht.“, konzedierte der J., Abkömmling einer ganzen Dynastie von Hypochondern, und 24 Stunden vergingen, bevor ich erneut mit dem Gesundheitszustand meines geschätzten ehemaligen Gefährten konfrontiert wurde.
„Herzlichen Glückwunsch, Lieblings-Exfreund!“, gratulierte ich gestern nacht also dem J., und drückte ihm eine Flasche Sekt in die Hand. Von der Vogelgrippe war vorerst nicht mehr die Rede. Plaudernd und trinkend saßen wir also auf dem Sofa des J., und jener hustete ab und zu dezent zur Seite. Auf einmal aber wurde der J. still und betrachtete entsetzt seinen rechten Fuß.
„Ist irgendwas?“, fragte ich und schaute ebenfalls seine Füße an, an denen keinerlei Auffälligkeiten sichtbar waren. „Siehst du das?“, wandte sich der J. an mich und deutete auf den Spann. „Da ist doch irgendwie…diesen Höcker habe ich auf der anderen Seite nicht. Das fühlt sich auch ganz komisch an!“ – der J. betastete seine Füße und schaute mich sorgenvoll an.
„Fußkrebs, ganz klar.“, seufzte ich auf und hob mein Glas auf seine Gesundheit.
Er erinnere sich, erzählt er, nicht mehr genau an alle Liebhaber der Mutter, die irgendwann ins Haus kamen, schon lange vor der Scheidung. An einen aber erinnere er sich noch genau, einen Studenten, zehn Jahre jünger als seine schöne Mutter, deren sinnliches, hohes Lachen einen Raum füllte, als seien die anderen Frauen eines Festes gar nicht da. Der Student habe viel mit ihm gespielt, ihm immer etwas mitgebracht, eine gelbe Trillerpfeife etwa, einen Luftballon in Form eines Hasen mit langen Ohren, und ihm morgens, wenn seine Mutter noch schlief, und der Student zum Bäcker ging und ihren Hund ausführte, immer ein Hörnchen mitgebracht, bestreut mit Mohn. Eines Nachts aber kam die Mutter mit einem anderen nach Hause, der Student wurde verabschiedet, und durfte nicht mehr erwähnt werden. „Nun gib doch endlich Ruhe mit dem G.“, wurde er von der Mutter beschieden, erwähnte den Studenten nicht mehr, und eines Tages war auch der Neue wieder weg.
Die Frauen des Vaters waren nicht so schön wie die Mutter. Wenn sie lachten, drehte sich kein ganzes Lokal nach ihnen um, und er erinnere sich aus diesen Jahren auch nur an eine Geliebte des Vaters, ein eckiges, fast unhübsches Mädchen, die, als die Eltern schon getrennte Wohnungen hatten, eines Nachts weinend in das Kinderzimmer kam, und sich neben ihm auf sein Bett geworfen hatte, heulend, als sei jemand gestorben, aber es war wohl bloß die Liebe, denn auch das Mädchen tauchte nicht wieder auf. Schließlich kam die Scheidung, sein Vater behielt die großen, etwas gespenstischen Gemälde Gerhart Richters auf der Galerie, und die Mutter bekam den Baselitz, der in ihrem Esszimmer im ersten Stock hing, später, als ich regelmäßiger Gast war in diesem Hause, in dem es so lebhaft zuging wie bei mir daheim, und ständig Menschen kamen und gingen. Im Garten lagen Freunde mit Fremden zwischen dem weißen Oleander, den Rosen und dem Lavendel aus dem Park von I Tatti. Auf der Terrasse trank seine Mutter mit meiner Mutter und anderen Freundinnen lachend Prosecco, irgendwann gegen Ende der Achtziger Jahre.
Ihr Sohn sei zu ernsthaft, ganz der Vater, nicht sehr amüsant und zu still dazu, konstatierte seine Mutter in diesen Jahren, und kümmerte sich nicht weiter um ihn, dem sie täglich Geld in eine indische, gehämmerte Schale legte, um irgendwelche Ausgaben zu bezahlen, nach denen sie nie fragte. Ab und zu, wenn sie besonders verliebt war, fuhr sie einfach weg oder zog um. Dann musste er mit. Manche von den neuen Männern der Mutter waren nett, manche bemühten sich um Kameradschaft mit dem fast erwachsenen Sohn, der an ihren Parties nicht teilnahm und selber nie eine veranstaltete. Verschwand ein Lebensgefährte oder ein Liebhaber der Mutter, so dachte er nicht mehr an ihn, vergaß ihn, wie ihn die Mutter vergaß, und gewöhnte sich an den Neuen. Manchmal verschwand auch die Mutter für ein paar Wochen, dann rief er den Vater an, der Geld überwies, das man in die indische Schale legen konnte, damit immer etwas da war.
Nach dem Abitur zog er aus und kam nicht wieder. Ab und zu verliebte er sich, und wenn er nicht wiedergeliebt wurde, oder viel zu viel, dann verabschiedete er sich oder wurde verabschiedet, und vergaß die Geliebte sofort. Konnte eine einmal nicht vergessen werden, rief er nie wieder an, ging ins Ausland, verreiste mit einer anderen, und als es einmal einen scharfen Stich gab, als eine anrief, die doch nicht ganz vergessen war, da legte er mitten im Gespräch auf. Schmerzlos wurde er 25, 26, und als er 27 war, beschloss er, dass es so nicht weitergehen könne. Man stürbe ab auf diese Weise, behauptet er und klopft mir gegen die Wange. Man wolle erst nicht mehr lieben, und dann könne man es nicht mehr, und laufe am Ende herum als eine verlockende Attrappe seiner selbst. Niemand aber, so fährt er fort, hänge sein Herz an eine Attrappe, eine Fata Morgana, die sich stetig entfernt, wenn man sich ihr nähert, und so zöge man eben weiter und weiter und weiter.
Er wollte nicht mehr weiter, er suchte sich ein Mädchen aus, das ein bißchen zu ernsthaft ist und ein wenig unhübsch. Wenn sie lacht, hört man sie kaum, und umgezogen ist sie in ihrem Leben nur zweimal, einmal nach dem Abitur und einmal nach der Uni.
Zusammenziehen will sie demnächst, heiraten, ein Kind oder auch ganz viele, und das, sagt er, sei eine gute Sache.
Sehr toll, wenn auch wirklich erstaunlich, ist es ja, dass so gut wie alle Vorurteile, die man so über den Rest der Republik hat, sich bei eingehender Betrachtung aus nächster Nähe als vollkommen wahr erweisen. So sieht man in Hamburg tatsächlich am Sonntagvormittag riesige Blondinen mit großen Zähnen, die in grünen Barbourjacken überm Twin-Set an der Alster spazierengehen, Stuttgarter Rechtsanwälte teilen beim Mittagessen die Kosten ihrer Flasche Mineralwasser wirklich durch die Anzahl der Anwesenden und bringen Berliner Kellnerinnen, die tatsächlich Schauspiel studieren oder Bücher über ihre schreckliche Kindheit in Erlangen schreiben, damit zu händeringender Verzweiflung.
Auch Düsseldorf bleibt in dieser Beziehung so gut wie nichts schuldig: In den Auslagen der Schmuckgeschäfte locken ungeschlachte Gebilde aus Edelmetallen besetzt mit riesengroßen Steinen die Kundinnen, die wirklich in langen Pelzen über die Kö flanieren, und eine Düsseldorfer Bloggerlesung findet im Keller einer messingbeschlagenen Passage statt, in der ich vermutlich Donnerstagmorgen noch den einen oder anderen Euro gelassen hätte, wenn die Düsseldorfer nicht wirklich Weiberfastnacht feiern würden, und zu diesem Behufe ihre Geschäfte schließen.
Ebenfalls zutreffend scheint es zu sein, dass die Düsseldorfer, ja das Rheinland generell, einen herzlichen und freundlichen Menschenschlag hervorbringt, der mir die Lesung am Mittwoch wirklich angenehm gemacht hat, und meine Aufregung über den großen Raum, die vielen Leute und dieses ungewohnt professionelle Umfeld schnell beseitigt hat. Es hat Spaß gemacht.
Herzlichen Dank an das Handelsblatt mitsamt der saukomischen „Kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt“, die sich der Herr Knüwer hält, an meine denkbar beste Reisegefährtin, die lustige Frau Nuf, die bekannten und bewährten Herren aus Berlin und Bayern und an alle, mit denen ich mich wieder viel zu kurz unterhalten habe können.
Und weil ich Lesungen mag, und gern andere Blogger treffe, freue ich mich über mehr Lesungen (demnächst in Frankfurt und München) und auf ein Blogmich 06.
Nichts Essbares ist Ihnen fremd, Sie können mit verbundenen Augen die weißen Trüffel des Piemont von ihren Lombardischen Verwandten unterscheiden, die teuerste Trinkschokolade Berlins von Domori war Ihnen schon 2003 € 18 wert, und Sie trinken seither keine andere mehr. Sie hatten schon vor fünf Jahren indischen Gin in ihrem Schrank, und wissen heute schon, welche walachischen Winzer nächsten Sommer ganz groß rauskommen. Ihre Freunde lieben Sie für die Qualität Ihrer Gelage und halten respektvoll den Atem an, wenn Sie zu Gast sind und irgendetwas essen. Wenn aber Ihnen jene Menschen, die Sie Ihre Freunde nennen, auch nur eine einzige der schokoladenüberzogenen Kaffeebohnen von Sawade, nur ein einziges Eclair bei Albrecht in der Rykestraße wert sind – dann, oh mein teurer Leser, geschätzte Leserin: Dann lassen Sie gefälligst Ihre Freundinnen zu Hause, wenn Sie einkaufen gehen.
Aber fangen wir von vorne an:
„Magst du mitkommen, ein paar Besorgungen machen?“, säuselt die D. also in den Hörer und lockt ihre liebe Freundin Modeste an einem Dienstagmorgen um halb elf aus dem warmen Bett auf der Jagd nach der Königin des Natriumchlorids, der weißen Lilie aus dem Zaubergarten mineralischen Wohlgeschmacks, kurz – auf der Jagd nach dem tibetanischen Steinsalz.
„Selber schuld, wer mitkommt.“, entgegnen Sie mir? Soll, denken Sie, doch einfach ablehnen, wer es nicht ernst meint mit der Suche nach wahrhaftem Genuss? Mit so etwas muss man einfach rechnen, wenn man mit Frau D. einkaufen geht? – Dass aber ein Spaziergang durch einfach alle Feinkostgeschäfte einer Dreimillionenstadt auch für die in allen Stahlgewittern der Feinkostbeschaffung hartgesottenen Menschen in dieser Form nicht ohne weiteres vorhersehbar war, das, liebe Leser, das sollte jedem anständigen Menschen ohne weiteres einleuchten.
Ins Lafayette, in Ordnung, und auch das Fräulein Modeste hat schon manche Stunde vor den Vitrinen der Pâtisserieabteilung verbracht, den letztjährigen Staatshaushalt der Republik Burkina Faso an der Käsetheke verbraten und ganz hinten in der Ecke beim Fisch mehr Austern gegessen, als für irgendeinen Menschen gesund sein kann. Eine Epicerie gibt es auch, „Fleur de Sel“ kann man da aus einfach allen Gegenden Frankreichs kaufen, in ansprechenden Leinensäckchen mit Seidenschleifchen zugebunden, ein paar Gläschen mit grobem Meersalz und einige gutaussehende Streuer. Wenn die D. aber an dieser Stelle dieses Ausflugs ihre liebe Freundin Modeste beobachtet haben würden, wie sie ein wenig gelangweilt vor der Theke mit den Konfitüren steht, dann würde sie schon in diesem frühen Stadium des Ausflugs bemerkt haben, dass ein Salzkauf an Ort und Stelle eigentlich eine ganz gute Idee gewesen wäre.
„Wo willst du denn jetzt noch hin?“, ist eine eigentlich auch kaum mehr missverständliche Äußerung eines gewissen Überdrusses der jeweiligen Begleitung an der jeweiligen Situation, und wer dann noch weiterzieht, das Hawaiianische Meersalz in einem kleinen Gewürzgeschäft verschmäht und afrikanisches Meersalz in der dekorativen Frischebox mit exklusivem Holzlöffelchen aus ungeklärten Gründen für unzureichend erklärt, der hat es nicht besser verdient, als jene an sich und meistens von mir hochgeschätzte Dame, die in dem ungefähr achten Geschäft, das irgendwo in Berlin Mitte Salz und Gewürze anbietet, sich auf einmal ihrer Meisterin gegenübersah.
Die Meisterin war leider nicht ich. Ich, zermürbt von der Reise durch die leuchtenden Gefilde des Salzes, stand schweigend und ein wenig bockig zwischen den beleuchteten Regalen und fühlte mich ein wenig wie eine Achtjährige, die ihre Mutter beim Schuhkauf begleiten muss. So rein äußerlich war das meisterhafte an der Meisterin, welche die Position einer Verkäuferin in diesem Geschäft einnahm, übrigens nicht allzu aufdringlich sichtbar. Hochgewachsen war sie natürlich, wie es Meisterinnen zukommt. Blond, mit schönen, goldenen Ringen in den Ohren, und mit einem so strahlend weißen seidigen Oberteil angetan, wie es sich für eine Priesterin des Salzes gehört.
„Muss es tibetanisch sein?“, frug die Meisterin, und meine Freundin schüttelte den Kopf. „Wir führen verschiedene Salzsorten aus dem Himalaya!“, flötete die Meisterin weiter, und ihre Kundin spitzte fast sichtbar die Ohren. „An welche Konsistenz hatten sie gedacht?“, führte die Meisterin das Verkaufsgespräch in immer konkretere Bahnen, und schwenkte mehrere Steingutgefäße, in denen sich Salz verschiedenen Mahlungsgrades befand. „Wir bieten dieses tibetanische Rosésalz an. Elegante Knusprigkeit, dezenter, vornehmer Geschmack. Besonders angenehm zu rotem Fleisch, harmoniert aber auch mit Gemüse.“ – „Hm.“, stand Frau D. der Meisterin unschlüssig gegenüber und nahm ihr die Dose aus der Hand. „Alternativ dieses sehr ergiebige Salz, ausgesprochen blutvoll. Kräftige Ausstrahlung, ein Torero, wenn sie wissen, was ich meine.“ Mit einer Dose Salz in jeder Hand stand meine Begleitung der Meisterin gegenüber, die weitere Behältnisse aus den Regalen nahm.
„Ein eher zurückhaltendes Salz aus Japan. Sehr gradlinig, subtil. Hoher Mahlungsgrad, eine feine Puderigkeit. Denken sie an ein fernöstliches Rokoko. – Und hier, ein englisches Salz. Maldon. Traditionsunternehmen seit 1882. Das ist so rein, das eignet sich hervorragend für`s Finish am Tisch. Oder dieses australische Salz, pfirsichfarbene Auswaschung. Besonders mild.“ – Bewundernd signalisierte meine Freundin der Meisterin Zustimmung.
„Ich geh` kurz eine rauchen.“, meldete ich mich ab und verließ das Geschäft. Hinter der Scheibe sah ich die Meisterin auf meine Freundin einreden, immer weitere Schmuckdosen, Holzgefäße, Leinenbeutel und Metalldöschen aus den Schränken ziehen, und meine Freundin nickte, nickte und nickte.
„Können wir jetzt los?“, unterbrach ich, als die Zigarette fertig geraucht war, und der Strom des Salzes immer noch kein Ende zu nehmen schien. „Einen Moment, Modeste.“, wurde ich abgewiesen, und erst, als wirklich alle Produkte, die das Geschäft zu bieten schien, einmal durch die Hände der Verkäuferin gegangen waren, schritt meine Freundin an den Kassentisch, zückte ihre Kreditkarte, und die Meisterin packte Salz für € 33,68 in eine ansprechend bedruckte Papiertüte.
„Für sie habe ich auch noch was!“, wandte sich die Meisterin beim Verlassen des Geschäftes erstmals an mich. Neben dem Kassentisch stand die Priesterin des Salzes, griff in eine Schublade und überreichte mir ein Zehn-Gramm-Döschen apricotfarbenen afrikanischen Salzes mit handgeschriebenem Etikett. „Zum Probieren.“, winkte die Dame uns hinterher.
„Nie wieder.“, stöhnte ich auf, als sich die Tür hinter uns schloss. „Die Frau versteht ihr Geschäft.“, sprach die D., warf einen zufriedenen Blick in die Tüte, und wir gingen.
So etwas, dachte ich bei mir, auf dem Weg die Friedrichstraße hinunter, so etwas sollte man seinen Freunden niemals antun.
Und das sage ich auch Ihnen. Und ich meine es ernst.
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