Sie kennen doch die Produkte der Schokoladenfabrik Lindt, oder? Und den Goldhasen aus Schokolade, den kennen Sie auch? Und haben Sie das große Schokoladenei gesehen, in dem ein Goldhase verborgen war, und ein vergoldeter Hase aus Porzellan war auch dabei? Ja? Und den haben Sie natürlich Ihnen nahestehenden Personen zu Ostern gekauft? Neid!
Meine Umgebung dagegen hat es ja nicht für nötig befunden, mir auch nur ein Osterpäckchen ohne Goldhasen zu packen. Meine diesjährige Osterklage und noch viel mehr lesen Sie beim Blogtalk des Herrn Weltherrscher, dem ich außerdem auch noch lauter Fragen über Blogs, Literatur, frustrierte Singles und das Geheimnis der gelungenen Lesung beantwortet habe, die vielleicht auch Sie mir immer schon mal stellen wollten.
Gelegentlich, zum Glück nicht allzu häufig, fährt man ja durch die Außenbezirke der Städte, dort, wo die Häuser niedrig werden und die Gärten groß, und schaut älteren Ehepaaren, nicht unähnlich den eigenen Eltern, bei der Gartenpflege zu. Ein wenig verloren sehen sie aus in ihren Vorgärten, und noch viel verlorener, denkt man, sitzen sie am Abend in ihren Häusern herum, die sie sich vor über zwanzig Jahren einmal gekauft haben, als sie zwei kleine Kinder hatten, und ein drittes zwar nicht direkt geplant war, aber immerhin wäre Platz gewesen, und mit mehr Gästen, als dann schließlich jemals auf einmal erschienen, hatten sie auch gerechnet.
Nun sitzen sie also da in ihren fertig eingerichteten Häusern, die viel zu groß sind für zwei ältere Leute, wenn sie denn überhaupt noch zu zweit sind, und richten sich immerzu neu ein, kaufen Bassetti Plaids und indische Vasen, vanillefarbene Couches und immer neue Lampen, installieren in einem ehemaligen Kinderzimmer einen begehbaren Kleiderschrank, ein Bügelzimmer in einem der Gästezimmer, stellen Schränke in alle Ecken, in denen dann mehr Tischdecken liegen, als ein durchschnittliches Restaurant im Gebrauch hat, und lauter Dekorationen für Ostern, Weihnachten, Herbst und Winter. Ein wenig melancholisch schaut das Ergebnis aus, wie es jeder Perfektion eigen ist: Irgendetwas fehlt, und man kann sich ordentlich vorstellen, wie eine ältere Dame im zitronengelben Cardigan mit sanft verhangenem Blick am Fenster sitzt, irgendeinen Roman, den das Feuilleton empfohlen hat, in der Hand oder eine Biographie, und ihren Gatten anschaut, der aus purer Gewohnheit auch Jahre nach der Pensionierung immer noch den Wirtschaftsteil der FAZ liest. Viel zu groß ist das Haus, und ab und zu überlegen sie, das Haus zu verkaufen, einfach wegzuziehen, ein Haus in Oberitalien zu kaufen oder in Asien, wo es warm ist, und eine kleines Haus noch einmal ganz neu einzurichten. Unterwegs sind sie ohnehin immerzu, als hätten sie Angst, in ihrem Haus allein zu sein, ganz so, wie ihre Kinder Angst hatten vor fast drei Jahrzehnten, wenn sie am Abend in die Stadt fuhren, die zehn Kilometer oder dreißig entfernt ist, so nah jedenfalls, um viel öfter zu fahren, als sie es tun und jemals getan haben.
Vollkommen angefüllt sind ihre Häuser mit den abgelegten Schalen ihres ganzen Lebens, die ersten Regale noch aus dem Studium im Keller, die Kiefereinrichtung aus den Siebzigern, als sie jung waren und die Kinder klein, ganz oben unterm Dach, und das Leben ihrer Eltern, Tanten, Großeltern ruht verpackt in viele Kisten im Keller. Das Silber freilich, das Meissner Porzellan, das hat seinen Platz gefunden im Erdgeschoss, die Dinge jedoch, an denen das Herz der längst verstorbenen Eltern hing, und über die sie schon zu Lebzeiten der Mutter gespöttelt hatten, weil das Geliebte die Liebe nicht immer zu verdienen schien, wie es halt so geht.
Verkaufen konnte man die Dinge dann freilich doch nicht, weil die Mutter einmal so an den Weihnachtstellern gehangen hat, die Großmutter an den Nymphenburger Figurinen, die Schäferinnen darstellen oder einen verliebten Harlekin, weil irgendein vor Jahrzehnten verstorbener Onkel die Bowlenschüssel liebte, die ein Schiff darstellte. Die roten und blauen Römer, die Uhren und die Porzellanfiguren, die Szenen sehr bekannter Opern darstellen. Die Kristallschwäne und die Vasen mit großen roten Drachen, verpackt in viel Papier und aufgehoben für wen auch immer. Ein Band aus Glas und Porzellan zwischen ihnen und den Toten mag in den Kisten liegen, und die Keller sind groß genug.
Ab und zu, eher selten, lassen sich die Kinder sehen, die weit weg ihr kellerloses Leben führen und viel zu oft umziehen. Vitrinen haben sie keine, kaufen kein geschliffenes Glas und kein Porzellan, und vielleicht werden sie eines Tages die Häuser ihrer Eltern verkaufen und die indischen Vasen dazu, den Inhalt der Kisten zum Flohmarkt tragen oder dem Auflöser überlassen. Vielleicht kaufen sie selber aber auch einmal ein Haus, dessen Keller voll sein wird, noch voller, denn die Familien werden kleiner und der Erbschaften mehr, und vielleicht werden auch jene Dinge, an denen das Herz ihrer Eltern hängt, die japanischen Schalen und die italienischen Alabastervasen, die Zeitungshalter von Manufactum und das toskanische Brotkörbchen, einmal in Kisten liegen, die man kopfschüttelnd behält, weil denen, die man liebte, diese Dinge einmal lieb waren und teuer.
Aber vielleicht kommt alles anders, und es verschlingen unruhige Zeiten noch einmal die Kisten, das Glas, das Silber, den viel zu klobigen Schmuck der Großmutter und am Ende die Kinder dazu.
Mit möglicherweise amüsanter Übertreibung könnte ich an dieser Stelle, meine Damen und Herren, von der verheerenden Wirkung meiner Gegenwart auf eigentlich jegliche Form der Flora berichten: Wie bereits im zarten Alter von ungefähr fünf die Erdbeerpflanzen und Möhren in meinem drei Quadratmeter umfassenden eigenen Beet im elterlichen Garten verdorrten, während Schwesterchens Wicken den ganzen Garten zu verschlingen drohten. Wie der Kaktus vertrocknete, der auf meiner Fensterbank stand, und wahrscheinlich alsbald gestorben wäre, hätte ich nicht die ganze Pflanzschale bei einem der seltenen Versuche, dem Kaktus Wasser zuzuführen, versehentlich aus dem Fenster gestoßen. Unzählige ungefähr gleichartige Geschichten könnte ich erzählen, denn der von mir misshandelten Pflanzen sind viele. Indes beschränke ich mich, um Sie, meine sehr verehrten Leser nicht mit diesen wirklich außerordentlich belanglosen Details meines Daseins zu langweilen, auf die Feststellung, dass meine Begabung zur Pflanzenhaltung sehr, sehr gering ist und nur von wenigen Menschen ein ähnlicher Tiefstand erreicht werden dürfte. – Eigene Tiere habe ich nie besessen.
Pflanzenlos kamen und gingen die Jahre, ab und zu kaufte ich mir Schnittblumen, und einmal im Jahr stellte ich einen Kräutertopf in die Küche, der dort unverzüglich verendete. Auch mein lieber J., geschätzter Gefährte bereits jener fernen Tage der ersten Semester, führte ein pflanzenloses Leben, und erst bei Bezug der ersten gemeinsamen Wohnung sollte sich herausstellen, dass die frühere Pflanzenabstinenz des J. lebensphasenbedingt war, und nicht auf einer Unfähigkeit beruhte. Der J. kaufte mehrere Grünpflanzen, stellte sie in unsere viel zu kleine Wohnung im viel zu schmierigen Friedrichshain, und jene wuchsen und gediehen. Mehrmals in der Woche goss der J. die Pflanzen mit Wasser, die Pflanzen wuchsen weiter, zogen mit uns nach Prenzl’berg, und als der J. auszog, nahm er seine Lieblingspflanze mit. Die anderen starben.
Befreit von meiner Gegenwart wucherte die Pflanze in der Wohnung des J. immer weiter und wurde riesengroß. Ihre harten, gummiartigen Blätter begannen, übergroßen und unförmigen Lappen zu ähneln, Luftwurzeln von beträchtlicher Länge ragen inzwischen in alle Richtungen durch die nicht sonderlich große Behausung des J., und selbst bei realistischer Betrachtung muss man zugeben, dass die Pflanze unterdessen ein Ausmaß erreicht hat, welches man ohne weiteres als urwaldhaft und leicht beängstigend bezeichnen könnte. Würde eines Tages mein lieber J. die Tür auf mein Klingeln nicht öffnen, und statt dessen blau angelaufen erwürgt von den fleischigen, sicherlich kraftvollen Strünken der Pflanze auf den Dielenbrettern seiner Wohnung liegen, so wäre ich sicherlich bestürzt, meine Überraschung indes hielte sich in Grenzen.
Wie man weiß, pflegt der britische Thronfolger mit seinen Pflanzen zu kommunizieren, und dies, so nehme ich an, setzt voraus, dass auch von Seiten der Pflanzen eine Reaktion erfolgt, denn kein vernunftbegabter Mensch würde jahrzehntelang antwortlos auf regungslos stumme Geschöpfe einreden. Auch des J. Pflanze zeigt eine deutliche Reaktion auf meine Gegenwart, so bilde ich mir ein, sie erzittert, wenn ich mich an ihr vorbei zum Fenster bewege, und ihre Luftwurzeln schließen sich enger zur Mitte, denn die Pflanze hat Angst vor mir, eine Angst, die sicherlich nicht ganz unberechtigt ist, da nach einer gegenwärtig nicht unwahrscheinlichen erneuten Haushaltsvereinigung die Pflanze, bedingt durch meinen verderblichen Einfluss auf derlei Geschöpfe, sicherlich auf ihr früheres Maß zurückginge, und vielleicht nicht einmal diesen Zustand zu halten imstande sein wird.
Aus purer Opposition gegen Leute, die sich von jeder Zeitungsmeldung ins Bockshorn jagen lassen, und dann kein Rindfleisch mehr essen wegen Rinderwahn oder keine Fische mehr wegen Nematoden oder so, nach dem Aufstehen erst einmal zwei Eier weichgekocht und mit Butter und Schnittlauch zerdrückt gegessen. Ziemlich eklig schaut das aus, die Spritzer orangefarbenen Dotters auf dem Porzellan, die kleinen, weißen Brocken Eiklar, und das Ganze überzogen mit glänzendem, geschmolzenen Fett.
Auch geträumt, fällt mir ein, habe ich vom Frühstücken, und eine gefüllte, runde Porzellanbutterdose mit einem Rankenrelief stand auf dem Tisch, die ich realiter leider nicht besitze, aber im Traum, erinnere ich mich, gab es sogar Croissants dazu. Überdies war ich in unterhaltsamer Gesellschaft. – Wie meistens zeigt sich also auch diesen Morgen die Realität der Welt meiner Träume als durchaus nicht gewachsen.
Für`s Blog könnte ich auch mal wieder etwas schreiben, sinniere ich über einer Scheibe buttergetränktem Toast zum Ei, und überdies, denke ich weiter, wäre es vielleicht an der Zeit, mein Blog weiterzuentwickeln und neue Leser anzusprechen, die mich bisher nicht lesen, wie sie mir gelegentlich ja mitzuteilen pflegen, denn mein Blog, so vernehme ich aus wohlunterrichteten, wenn auch abgeneigten Kreisen, sei ein wenig manieriert, zu elaboriert meine Texte, insgesamt diese ganze Veranstaltung nicht „bloggish“ genug, zu wenig spontan und leider überhaupt nicht authentisch. Zu „möchtegernliterarisch“ sei mein Blog, trägt man mir also, kurz gesagt, gelegentlich einmal zu, und das klingt irgendwie unentspannt.
Vielleicht, überlege ich mir, sollte ich fortan alles klein schreiben, das wirkt vielleicht irgendwie interessanter. ich könnte auch in zukunft den eindruck des unambitionierten und hochbegabt unangestrengten durch kryptische einzeiler hervorzurufen versuchen, dann denkt man vielleicht auch von mir, hinter dem kargen schatten meiner wenigen worte verberge sich ein ganzes universum an überaus originellen ideen, die mir ab und zu lässig aus dem hirn in die tastatur fielen.
„zum frühstück eiter“, könnte ich etwa posten, vielleicht sogar mit bild meines eiermatsches, das ich sorgfältig präparieren würde. extra für das bild würde ich mir bei „connys container“ an der ecke danziger/schönhauser einen roten plastiklöffel kaufen, weil die abbildung meiner perlmuttlöffel unweigerlich den eindruck hervorrufen würde, ich postete jenes bild überhaupt nur, um meine löffel zu zeigen. für diese demonstration würde man mich selbstverständlich verachten, und alles wäre umsonst.
überhaupt wäre es überaus wichtig, ausschließlich über konsumgüter zu schreiben, die entweder jeder besitzt oder zumindest besitzen könnte oder einmal besessen hat. so könnte ich meinethalben behaupten, den eiermatsch im traum in gesellschaft des ergee-kükens verzehrt zu haben, dessen abbild aus weichem kunststoff sich zu zeiten meiner kindheit im inneren von strümpfen des gleichnamigen österreichischen herstellers befand. Das küken würde mich natürlich vorwurfsvoll anquaken, vielleicht würde ich es mich sogar verbal anklagen lassen, weil der verzehr von eiern auf küken naturgemäß verstörend wirken muss. das würde sogar ausgleichen, dass „zum frühstück eiter“, nicht so richtig originell ist, aber ich übe ja noch und in zwei wochen wäre ich dann richtig gut.
überhaupt sollte ich gebildeter wirken, wenn schon nicht gebildeter werden, aber da ist derzeit wenig zu machen. so könnte ich statt des ergee-kükens natürlich auch mit personen frühstücken, die zu kennen, ja mit denen vertraulich umzugehen, mich auf eine liebenswert verschrobene art und weise vergeistigter erscheinen lassen würde, als es meiner realität entspricht. wilhelm reich könnte ich auftreten lassen oder peter suhrkamp oder irgendeinen zweitklassigen ungarischen berufsrevolutionär der zwanziger jahre, den meine leser dann erst mal googlen müssten. vielleicht kämen auch sprechende skulpturen aus eiskalter butter vor, die unsterbliche kunstwerke darstellen würden, die entweder jeder kennt oder so gut wie keiner.
ein bißchen schräg zu erscheinen wäre wahrscheinlich ohnehin ziemlich wichtig, auch wenn ich normale leute mit korrekter kleidung und manieren eigentlich wesentlich angenehmer finde als irgendwelche freaks. als richtig knuddelig durchgeknallte person könnte ich es mir aber vielleicht sogar leisten, wieder zur korrekten Klein- und Großschreibung überzugehen, und das wäre mir schon einiges wert. Ich würde dafür behaupten, an irgendwelchen nervösen Ticks zu leiden, die selbstverständlich sehr, sehr skurril wären.
Allerdings würde man mir, kratze ich den letzten Rest Eiermatsch mit Butter aus der Tasse, diese Wandlung vielleicht nicht wirklich abnehmen. Man würde völlig zu Unrecht an eine maliziöse Parodie glauben, und wirklich reizende, von mir hochgeschätzte und überaus begabte Menschen könnten sich von mir angegriffen fühlen und auflegen, wenn ich anriefe, um das Missverständnis aufzuklären, und so beschließe ich, vielleicht besser in versteckten Winkeln des Internets ein neues Blog zu eröffnen, dessen Erfolg, so bin ich mir sicher, stupend sein wird, überwältigend geradezu und grandios.
Man wird, so male ich mir aus, meine Zweitexistenz zu Lesungen einladen unter abfälligem Verweis auf Leute, die man niemals einladen würde wegen ihrer Trivialität, also beispielsweise mich, und mich in Postings, die ich nicht verstehe, verehrungsvoll verlinken.
„Gute Butter“ würde ich das Blog nennen, und das Photo vom Eiermatsch käme in den Header.
Mit jedem Tag, jedem Moment, mit jedem Atemzug verdaut sich unser Leben, und die scharfen Säfte der Zeit zersetzen, was gestern, noch vor einem Jahr wichtig war und groß. Die Schlagzeile einer Zeitung aber, mit der wir den Grill befeuerten, und wie das Papier sich zusammenzog und schwarz wurde und zerfallen, liegt brennend, aber widerstehend, auf der verätzten Zeit. – Die Haare auf dem obersten Fingerglied meines Begleiters auf der Zugfahrt von Lucca nach Florenz, der süße, faulige Geruch einer Mango, der aus einer Plastiktüte aufstieg, die unter meinem Sitz stand im Bus nach Rayong: Unversehrt und schlackenlos vor Schemen und Fragmenten.
Waren deine Augen blau oder gün, frage ich indes vergeblich die verschwommene Gestalt, die neben mir durch Hamburgs leere Straßen läuft, 1996, am Morgen nach einer Party, Eklat und Geschrei. Dein Blut auf meiner Haut, rostrote Buchstaben eines Vornamens, zu denen ich den Nachnamen nicht mehr weiß. Deine Telephonnummer weiß ich noch, deinen Geburtstag, aber es mag dieses Datum auch zu jemand anderem gehören, den ich genauso vergessen habe wie dich. Der Geruch nach Schweiß und Asche, die Bierwerbung vor deinem Fenster. – Ich schneid‘ dir den Kopf ab, hast du gesagt, aber vielleicht war es jemand anders, und vielleicht ist es auch gar nicht wahr, denn wir haben uns geliebt, glaube ich, und das alles war nur Spiel, nur Federball, nur Schach mit dir und mir als König, Dame und Bauern zugleich.
Scharf und salzig weichen die Jahre uns auf, und hinterlassen verkrümmte Schlacken, bunte Abfälle, Blendwerk in den Straßen dieser Stadt. Da hast du dein Bauernopfer, habe ich dich angeschrien, und dir mein Herz um die Ohren gehauen, bis die Arterien brachen und rissen, aber es ging auch so, und viel besser dazu. Was soll ich noch mit dir, habe ich dir hinterhergerufen, und dich in meine Säure getaucht. Du hast dich aufgelöst, und am Ende spült die Spree die blauen Augen so weit weg wie die grünen und die schwarzen auch. Dein brackiges Fließen, und das Meer schweigt, als hätte es uns nichts mehr zu sagen.
Out, vile jelly, rufe ich euren Augen heulend und trotzig hinterher, und am Ende wird uns, denen nach dem Schuss keine Unsterblichkeit ganz gehören wird, eine namenlose Stele aufgestellt, oder noch nicht einmal das.
Amor vincit omnia, wird darauf stehen. Und: Tempus vincit amorem.
Mein Lesungstext vom Samstag steht hier im Archiv, zuhören kann man mir an dieser Stelle, wo auch die anderen Beiträge per MP3 heruntergeladen werden können.
Danken möchte ich trotz einiger Misshelligkeiten allen Lesenden und allen Gästen, die etwas mitgebracht haben, und den anderen Gästen natürlich auch. Ein paar Nachbereitungen gesammelt hat Herr Mequito.
„Huhu, Modeste!“, jubelt die A. aus dem Hörer und teilt ungeheuerliche Neuigkeiten mit: Sie werde heiraten
„Herzlichen Glückwunsch!“, jubele ich höflich zurück, die ich zur Ehe ein ähnliches Verhältnis hege wie zum Berufsbeamtentum, und ebenso, wie ich so gut wie jedem Beamten automatisch eine Art Sicherheitsneurose unterstelle, habe ich den Sinn der Ehe, zumal der kinderlosen Ehe, nie recht nachvollziehen können.
„Das ist ja eine recht plötzliche Entwicklung.“, sage ich, weil mir nichts anderes einfällt, und die A. erzählt mir folgende Geschichte:
Vor einigen Monaten, so ungefähr Ende Januar, begab es sich, dass die A. irgendwo in Mitte einen gutgewachsenen Knaben auflas, Bildhauer, 30 Jahre alt, und ihn in der Folgezeit verhältnismäßig häufig in seiner Wohnung besuchte. Er habe sogar Vorstudien betrieben, um das Antlitz der A. in Metall zu gießen, man ging essen, trinken, und verstand sich insgesamt prächtig.
Leider fand der Lebensgefährte der A. den Bildhauer nicht in derselben Weise sympathisch wie die A. selbst. Ein gemeinsames Essen im Kreuberger Cochon Bourgeois hatte nicht den von A. erhofften Effekt einer frendschaftlichen Annäherung zwischen ihrem Freund und dem Bildhauer, die sich offenbar gegenseitig von Herzen widerlich fanden, und eines Tages, so die A., sei ihrem Freund die Hutschnur gerissen. „Und da hat er mir einen Heiratsantrag gemacht!“, fährt sie fort. Sie habe sofort angenommen.
„Und was passiert jetzt?“, frage ich und gieße mir eine weitere Tasse Tee ein. „Was soll da schon passieren?“, fragt die A. zurück. Man werde heiraten, so richtig mit Pfarrer und Kirche in Baden-Baden, für die Berliner gebe es einen schönen Empfang, und den Bildhauer, den Bildhauer werde sie auch einladen.
Weil wir so kinderlos sind, dass die Deutschen demnächst aussterben werden, lassen wir uns am Samstag um drei nicht von Babies mit Möhrenbrei bespucken, sondern liegen bei der B. mit dicken Kissen im Rücken auf dem Boden herum und trinken Tee. – Weil wir so unpolitisch sind, dass es uns ganz egal ist, wer am Sonntag irgendwo Ministerpräsident wird, lachen wir ausgewogen und abwechselnd über Frank Schirrmachers Fortpflanzungsappelle und Franz Müntefering an sich, und die B. erzählt von der Schönheit ihrer Fußpflegerin, die aus Rumänien kommt, und zum Film will oder einen Deutschen heiraten, wenn das mit dem Film nicht klappt. Sehr wild, sagt die B., sei ihre Fußpflegerin, und der T. lacht.
Weil uns langweilig ist, gräbt der T. einen Stapel DVD’s um und schiebt „Jules et Jim“ in den Player, den ich liebe und immerzu schauen könnte, und Jeanne Moreau lacht in die Kamera, als würde es solche Liebe wirklich geben in einem schwarz-weißen, wunderschönen, schwerelosen Paris, aber grau und regnerisch lastet Berlin auf meinen Schultern. „Ich muss jetzt etwas Süßes essen.“, sage ich, die nur Rosinenbrot gefrühstückt hat, und die B. fährt ins Lafayette, Kuchen kaufen.
Mit den Füßen gegen die Wand gestemmt fahre ich dem T. mit einer rot-goldenen Seidenquaste durchs Gesicht, weil ich seine Grimassen mag, wenn er versucht, die Quaste wegzuwischen. Die B. verteilt nach ihrer Rückkehr eine Tarte Citron auf drei Kuchenteller und wirft uns riesige, weiße Servietten an die Brust, auf denen gestickte Hasen bunte Eier tragen, die genauso groß sind wie sie selbst.
„Ich muss los.“, stehe ich irgendwann auf, gähne, und die B. gibt mir den Film mit für später. Mit der U2 fahre ich Richtung Westen, dränge mich über den Ku’damm, die Kantstraße entlang, um am Savignyplatz meinem Vater gegenüber zu sitzen, der Truffaut nicht mag, und die Nase kraust, wie er es manchmal macht, wenn ihm etwas nicht passt. Mein Vater erzählt lauter Geschichten, ich bestelle die Karte rauf und runter, und nachts, irgendwann sehr, sehr spät, ein Essen, eine Bar und zwei Parties später, schaue ich im Bett sitzend Cathérine dabei zu, wie sie ins Wasser fährt, und heule vor mich hin wie jedesmal bei dieser Szene.
„Komm näher.“, flüstere ich in den Schatten neben dem Schrank, in die Falten der Vorhänge und setze mich auf. Schon rührt sich etwas zwischen Balkontür und Bett, jemand tanzt in meinen Augenwinkeln ein paar Schritte über die Dielen und singt ganze und halbe Takte mit schwankender, trunkener Stimme.
„Du kannst doch gar nicht singen.“, lache ich ihn aus und greife nach seiner Hand. „Tanz mit mir“, singt er, dreht mich um die eigene Achse und zieht mich an seine Brust, wo es nach Zimt riecht, nach Pfeffer und Zedern, und er dreht mich immer schneller, mit sicherem Griff um die eigene Achse, dreht mich wieder aus, und seine Hand wird wärmer auf meinem Rücken. „Du atmest ja wieder.“, flüstere ich ihm zu, und lasse Nina Simone lauter singen, black is the color of my true love’s hair. Sicher und fest setzt er seine Füße auf meine Dielen.
„Bist du es auch?“, frage ich ihn und fahre ihm zweifelnd durch das Haar und über die rissigen Lippen. Er lacht mich aus, dreht mich schneller, wirft mich heftiger über den Boden, und seine Füße stoßen das Holz, als wolle er Löcher in die Dielen treten. Seine rechte Hand greift kraftvoll um meinen Nacken, meinen Hals, und mit dem Zeigefinger tastet er den Kehlkopf ab und die Sehnen, die den Kopf halten.
„Komm näher.“, bitte ich ihn, und er gräbt seine Finger tief in meine weichen Seiten. „Komm näher.“, bettele ich, und er fährt mir mit seinen Nägeln durch die Haut und greift mir ins blutige Fleisch, bis ich schreie. „Spürst du mich?“, fragt er und schiebt seinen kleinen Finger in meine Adern, dass das Blut an den Seiten brennend über seine Hände läuft.
Rauh leckt er mir über die Lider, bis es dunkel wird, Purpur und Schwarz. „Noch näher?“, fragt er, und streicht durch das klaffende Fleisch den Knochen entlang, und ich nicke. Lauter wird das Reißen an meiner Haut, schmatzend löst sich das Fleisch von meinen Knochen, und am Ende wird er meine Haut in den Wind hängen, der durch die Bäume streicht, und allein weitertanzen, die ganze Nacht und später, irgendwann, wenn es mich nichts mehr angehen wird, in aller Helligkeit des Morgens.
„Von den Chefs ist keiner gekommen.“, sagt er und bricht ein Stück Brot aus dem Korb in kleine Stücke. „Wir saßen da zu dritt, ich war der Jüngste, 24, und die beiden anderen 27 oder 28. Vollversammlung, der ganze Standort sollte aufgelöst werden, und wir saßen 150 Mitarbeitern gegenüber, die uns ansahen, als seien wir persönlich verantwortlich für alle Schlechtigkeit der Welt. Die meisten der Männer waren älter, rote Gesichter, vierschrötig, Schnauzbärte. Alte Männer, die ihr Leben lang in der Fertigung gearbeitet hatten, und die wussten, dass es vorbei war mit ihnen.
Die wussten alle, dass wir die Entscheidung nicht getroffen haben, dass eine Consultancy nicht die Entscheidungen trifft, sondern sie höchstens anregt, vielleicht durchsetzt, und dass wir drei bestimmt nicht verantwortlich waren für den Verlust ihres Jobs, die Kündigung ihrer Kredite, die Zwangsversteigerung ihrer Häuser, und was da kommen würde, nun, da es vorbei war. Die hätten sich ausrechnen können, dass wir einfach nur drei Jungs waren, die Geld dafür bekommen, sich anzuhören, was von ihren und unseren Chefs keiner hören will, und dass es keinen Sinn haben würde, uns zu hassen. Wir saßen hinter dem Tisch. Vor dem Tisch, zwei Meter Abstand vielleicht, saßen die gekündigten Mitarbeiter, und die Luft war zum Schneiden dick. Die haben uns so angeschaut, die hätten uns umgebracht, wenn sie gekonnt hätten. Das war nicht mehr die Atmosphäre einer Meinungsverschiedenheit, nicht einmal die Stimmung verunsicherter, vielleicht aufgebrachter Menschen, über deren Kopf hinweg man über ihr Leben entschieden hat. Da saß der blanke Hass und starrte uns an. Das Schlimmste war, die haben uns nicht für unseren Job verachtet, dass kann man tun, wir sind Söldner und wir wissen das. Die saßen da und hassten uns ganz persönlich, ohne uns zu kennen, für überhaupt alles, für unsere Anzüge und die Wagen, Uhren und Frisuren und sogar für’s Hochdeutsch. Da saßen also 150 Männer, und mein Kollege hielt eine kurze Ansprache über notwendige Entscheidungen, die niemandem leichtfallen, und so. Dann war es einen Moment still, und dann fingen alle gemeinsam an zu brüllen, als würde irgendetwas anders, wenn sie uns niederschreien.
Die haben uns persönlich beschimpft, die haben nicht geklagt oder gejammert, das hätte man vielleicht verstanden, aber die haben uns persönlich angegriffen, auf eine Art und Weise, für die man außerhalb dieses Raums, in dem man für’s Beschimpftwerden bezahlt wurde, Anzeige erstattet hätte. Ich dachte, die kommen gleich über den Tisch. Manchmal träume ich nachts von diesen 150 Männern mit ihren roten Gesichtern, wie sie über den Tisch kommen und mich in Stücke reißen.
Sie taten einem nicht mehr leid, wie sie da saßen und pöbelten. Vielleicht war es das, was sie wollten, nicht bemitleidet zu werden, sondern Angst zu verbreiten. Zumindest auf dieser Ebene auf Augenhöhe zu sein, ihr habt Angst vor uns, wir haben Angst vor euch. Ich weiß es nicht. Irgendwann hat mein Kollege die Nerven verloren, sich das Mikrophon gegriffen und zurückgebrüllt: Jeder von euch kostet pro Stunde € 50, und ein Tscheche kostet nur ein Drittel, und ein Chinese so gut wie nichts. Ihr seid zu teuer. Bedankt euch bei eurer Gewerkschaft für die Preistreiberei und geht alle nach Hause.
Für einen Moment war es still, und dann fingen wieder alle an zu schreien, und irgendwann kam ein Assistent der Geschäftsführung, der sagte, der Raum werde nun gebraucht, und wir sind abgezogen.
Ich bin so schnell wie möglich nach Berlin zurückgefahren, und ich habe mich gedemütigt und beschmutzt gefühlt, dass ich mich für Geld irgendwo hinsetze und lasse mich anbrüllen von fremden Leuten.“
„Ihr Essen.“, stellt die Kellnerin die gefüllten Teller auf den Tisch. „Und wenn sie nicht gebrüllt hätten, hätte es auch nichts genützt.“, sage ich, er nickt, und wir essen.
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