Bernsteintage, Samstag (5)

Es ist halb sieben. Im Schlafanzug, aber mit Schuhen und einem Pappkoffer in der Hand steht der F. vor meinem Bett und zieht an meinem Arm. Ich soll aufstehen, höre ich. Wir müssten los. Zwei Stunden später sind wir auf der Autobahn. Müde bin ich und maximal mittelmäßig gelaunt. Gähnend sitzt der J. am Steuer. Nur der F. lächelt selig auf der Rückbank, lässt die Lider sinken und schläft noch vor Prenzlau ein. Erst in Heringsdorf wird er wieder wach.

Leicht skeptisch beäuge ich das Hotel. Als wir Ende der Neunziger nach Berlin kamen, war die Ostseeküste nämlich eine gastronomisch überraschend unerschlossene Zone, in der die muffigsten Menschen der Welt inmitten grell beleuchteter schriller Dekorationen Fertigsuppen in überschwappenden Tellern servierten. Unter Menschen, die unser Befremden teilten, kursierten skurrile Anekdoten über die Beschaffenheit der feilgebotenen Speisen, und die schönen, alten Villen wurden zu alledem durchweg so geschmacklos wie möglich in Buchenfurnier und Glas neu möbliert und mit Raufaser ausgekleidet. Diverse Jahre fuhren wir nach diesem Schock nur nach Heiligendamm und hielten uns ansonsten ans Ausland.

Von außen widerlegt das Strandhotel Ostseeblick meinen Argwohn jedenfalls nicht. Im Foyer wird es aber schnell deutlich besser. Die Ausstattung ist beruhigend, beige, nude und braun dominieren, nichts stört das Auge, und die Dame an der Rezeption ist freundlich. Überhaupt – so fällt es mir auf – sind alle Mitarbeiter ausgesprochen nett, viel, viel netter als an der eher rauen Ostseeküste als normal gelten darf, und so entspanne ich mich schnell. Der F. bekommt einen roten Luftballon, wir nach Jahren wieder einmal einen richtigen Schlüssel mit einer hübsch gedrehten Kordel und sitzen stracks in unserem Zimmer. Klein ist es, aber die größeren, sicher schönen Zimmer haben bestimmt diejenigen bekommen, die vor uns angerufen haben. Inzwischen überwiegt die Dankbarkeit: Wir haben mit drei Tagen Vorlauf in Usedom noch etwas bekommen, das mehr ist als nur passabel. Und der M. und die M. mit ihren Kindern auch.

Wo aber stecken …? Ans Telefon gehen sie jedenfalls nicht. Auch als wir – leider nicht weit entfernt – an der grässlichen Kurmuschel Fischbrötchen essen, erreichen wir sie nicht.  Erst Stunden später brummt das Handy, da fahren sie erst herum, checken dann ein, und als wir im kleinen, aber hübschen Pool mit dem Plastikkrokodil des F. kämpfen, sitzen sie am Strand. Wir packen also alles zusammen und folgen nach. Dann sitzen wir im warmen Sand, verabschieden den Sommer und sehen den Kindern zu, die rennen, graben, springen und jubilieren, als sei der Strand selbst ein Fest. Fanfaren aus Sand.

An der Kurmuschel füttern wir die Kinder einige Stunden später mit Flammkuchen und Sprudel. Rund um uns herum sitzen Leute, die man zum Glück sonst nie sieht, trinken Bier, reden fürchterlich laut das skurrilste Zeug auf Erden und klatschen im Takt zu den Schlagern, die eine magere Sängerin mit schlecht gefärbten Haaren auf der Bühne zum Besten gibt. „Mein Herz ist wie ein Bumerang“, höre ich und pruste fast los vor so viel Trostlosigkeit und Tristesse.

Endlich sind auch die Kinder satt. Noch ein letzter Moment am Meer, die Füße im Sand. Eine Gutenachtgeschichte, ein Lied, dann die langen, regelmäßigen Atemzüge des F., und dann schleichen wir uns leise, leise ins Erdgeschoss. Negroni und Bier. Als wir komplett sind, bestellen wir im hoteleigenen Restaurant Bernstein und sind überrascht.

Der Gruß aus der Küche besteht aus einer Gurkensuppe mit Karottenschaum und ist lecker, das schon, aber nicht besonders originell. Die Vorspeise dagegen ist schon ein Knaller. Es gibt Hummer, sauber ausgelöst, ein frisches, schmelzendes Gelee, das sich beim Blick auf die Karte als Bergamotte-Gelee herausstellt, und eine diffus asiatisch wirkende Sauce, die – einziger Kritikpunkt – eine Spur zu sauer ausfällt. Ich atme schneller.  Mir gegenüber zelebriert der J. einen Thunfisch, um den ich ihn heftig beneide. Die Klekse rund um den Thunfisch wirken auch so, als müsste man auf der Stelle von allem das Dreifache essen. Das machen wir zum Glück aber nicht. Denn jetzt kommt das Hauptgericht, bei uns allen ein Dry Aged Rinderfilet von so unfassbarer Zartheit, dass ich sofort im Grill Royal anrufen will, damit die ganz viel davon bestellen, auf dass ich dieses Zeug künftig in Reichweite habe. Drei, vier Gnocchi liegen noch herum, und ein Erbspüree, anlässlich dessen ich allen Vorbehalten gegenüber einer norddeutsch regionalen Küche auf der Stelle abschwöre. Da sitze ich also, schaue durch das halbrunde Glaspanorama auf die schwarze See und bin einfach nur glücklich, trinke einen ordentlichen Rosé, warte auf meinen Käse und danke meinen Göttern für alles. Essen und Trinken. Freunde. Das schlafende Kind. Das Kind, auch wenn es nicht schläft. Den J., die Nacht, den Himmel und hätte einer auch nur vage gefragt, ob ich auf den Dessertwein zum Käse noch ein Glas Champagner gehoben hätte: Ich hätte die ganze Flasche bestellt. Zum Glück kam keiner. Denn am nächsten Morgen …

Aber dazu morgen mehr.

Bernsteintage, Donnerstag (4)

Ich muss hier jetzt ganz schnell was essen. Ich weiß nur nicht, was. Links gibt es koreanische Hot Dogs. Rechts wird geräuchert. Irgendwo hat die Frau neben mir doch diesen gelben Fladen mit der unsagbar lecker riechenden Füllung her. Und wo gibt es eigentlich diese kleinen Bouletten?

Frau Wortschnittchen geht es offenbar ähnlich. Sabbernd laufen wir im Zickzack durch den Street Food Thursday in der Markthalle neun. Ich bereue intensivst, heute schon etwas gegessen zu haben, und überlege über meinem Reuben Sandwich von Mogg & Melzer, was danach noch geht. So ein Teller japanische Ramen vielleicht. Oder Kässpatzen. Oder Tapioka-Fladen. Oder neuseeländische Pies. Oder …. aber dann bin ich satt. Verdammt.

Aus lauter Gier stopfe ich noch ein Keks-Eis-Sandwich von Zwei dicke Bären hinterher. Dann geht nichts mehr. Mit dem ebenfalls nudeldicken Kind auf dem Rücksitz schwanke ich zurück Richtung Prenzlberg und schwöre baldige Rückkehr. Hungrig. Sehr hungrig. Überaus hungrig, wenn möglich.

Bernsteintage, Dienstag (4)

Nichts. An der ganzen Ostseeküste gibt es kein einziges freies Bett mehr, zumindest nicht kurzfristig, und wenn ein Hotel doch noch etwas hat, dann nicht für zweimal zwei Erwachsene mit einmal einem und einmal zwei kleinen Kindern. In zunehmender Verzweiflung sitze ich am Schreibtisch und melke Mäuse. Oder rufe immer neue Hotels an. Online geht sowieso nichts mehr.

Im Hintergrund – sofern man in Zusammenhang mit einem Zweijährigem jemals von Hintergrund sprechen kann – lärmt der F.. „Knupfer, knupfer, knäuschen ….“, kreischt er, während ich mit Hotels namens Seeschlösschen, Esplanade oder Zur Post telefoniere. Selbst wenn die angerufenen Häuser noch freie Zimmer haben sollten, verleugnen sie diese vermutlich in Ansehung von des F. schrillen Gesängen.

„Jetzt lass mich doch mal …“, versuche ich mich des F. zumindest kurz zu erwehren, während telefonisch die Ostseewellen einer besonders penetranten Hotline aus dem Hörer schwappen. „Eine Aufbettung ist in jeder verfügbaren Zimmerkategorie leider nicht möglich.“, flötet die Rezeptionistin eines weiteren Hotels mit einem Maximum falscher Freundlichkeit. Neben mir grölt der F. nun unüberhörbar ein Lied über ein offenbar trollartiges Geschöpf namens Bi-, Ba-, Butzemann, das die Bewohner eines Hauses durch  heftige, anscheinend bewegungsbedingte Geräuschentwicklung empfindlich zu stören scheint. Wer kennt diese Situation, frage ich mich im Stillen, besser als ich?

„Gehst du jetzt in dein Zimmer?“, frage ich irgendwann mit eher schwacher Hoffnung auf Erfüllung, und wider jegliche Erwartung verschwindet der F. nach hinten. Auf einmal wird in der Küche richtiggehend still. Ich rufe im nächsten Hotel an. „Zwei Doppelzimmer sagen sie? Da kann ich ihnen nur noch ein Classic und ein Superior anbieten.“, erhalte ich zur Antwort und verschlucke mich fast vor Überraschung. Sehr weit weg hämmert der F. auf sein Xylophon. „Gern!“, rufe ich ein Spur zu laut und vergesse um ein Haar, mich nach dem Preis zu erkundigen. Mir ist nach zwei Stunden am Telephon schon fast alles gleich.

Ich sage sofort zu. Bevor der F. wieder auftaucht und die Zimmer sich doch als vergeben erweisen.

Bernsteintage, Montag (3)

„Mama nicht so viel!“, krakeelt der F. und zeigt unmissverständlich auf meinen Teller. „Und ob, mein Liebling!“, protestiere ich und nehme noch einmal nach. Es gibt Polenta und gehackte Auberginen mit ziemlich viel Parmesan. „Mama, nur ‚müse!“, fordert der F. noch einmal die sofortige Rückgabe der Polenta. „Wo mein Fleisch?“, stochert er parallel mit der Gabel in seinem Gemüse herum. „Ich noch ein Spiegelei!“, schlägt er vor, als er nicht fündig wird und verfolgt jeden Gabelbissen auf dem Weg zu meinem Mund. „Mama, dick!“, zieht er die letzten Register, um mich vom weiteren Verzehr abzuhalten.

Als der J. auftaucht, schaut er sich nur flüchtig um. „Mama viel nehme!“, beschwert er sich  beim J. über mich und schaut mit Argusaugen an, was – und vor allem: wie viel – der J. sich auf den Teller lädt.

F’s eigener Teller bleibt dabei verdächtig voll. „Du isst ja kaum was.!“, spreche ich den F. schließlich an. Er schüttelt den Kopf und zieht seinen Teller näher zu sich heran, ohne jedoch seine nahrungsaufnahme zu intensivieren. „Mein Essen!“, brüllt er, gerät dabei bedrohlich aus dem Gleichgewicht und gibt schließlich auf. „Tschüß, Essen!“, verabschiedet er sich, begibt sich ins Bad und lässt sich die Zähne putzen.

Als er zurückkommt, isst der J. seine reichlichen Reste. „Papa, mein Essen!“, heult der F. auf. „Aber du isst doch gar nichts mehr!“, verteidigt sich der J. gegen den schreienden, weinenden, knallroten F. „Ich wegschmeißen! Ich!“, versucht der F. meinem geschätzten Gefährten das Essen aus der Hand zu reißen, um es in den Abfall zu expedieren, bevor es der J. isst. Minuten später gibt er erst auf.

„Schlaf gut!“, setze ich mich 20 Minuten später an sein Bett. Friedlich schmatzt der F. im Schlaf imaginäre Mahlzeiten. Auf seiner Wange haben die Wuttränen eine hellgelbe, krümelige Sour hinterlassen.

Ich stehe auf. In der rechten Hand schwenke ich ein großes Stück Comté, mit der linken ziehe ich die Fenster zu, und beiße herzhaft ab. Gute Nacht.

Bernsteintage, Sonntag (2)

Es ist kurz nach elf, als es klingelt. Gähnend wanke ich zur Tür. Die M. und der M. sind aus Frankreich zurück. In Unterwäsche sitzen der J. und ich verstrubbelt und mit Schlaf in den Augen auf unserer Couch und bieten Kaffee an, lassen uns von den drei Wochen Frankreich erzählen und erzählen selbst. Usedom. Neue Kitagruppe. Der gebrochene Arm des J. Durch das Chaos aus Decken, Kaffeetassen und herumliegenden Kleidungsstücken läuft der F., zeigt seine Basteleien von gestern und isst Sesamkringel mit Käse. Bis nachher, verabschieden wir uns, verabreden uns mit den Kindern auf dem Spielplatz und schlafen weiter.

Als ich die Vorhänge zuziehe, hat der F. die Augen schon zu, und auch der J. zieht die Decke fest über den Rücken und ist schon weg. Als wir erwachen, ist es viertel nach vier.

Der M. und die M. sind schon seit zwei Stunden auf dem Spielplatz. Noch immer gähnend stolpern wir hinterher. Knallbraun, fröhlich im Karokleid läuft uns die Tochter der Freunde entgegen. Der F. strahlt. Ball spielend, Löcher grabend, plappernd und plaudernd kreisen die Kinder um die Bäume im Park.

Kurz vor sechs sitzen wir auf der Terrasse vom Brot und Rosen am Volkspark. Die Kinder teilen sich kreischend eine Pizza, und wir schauen durch die Rosenhecke auf die Straße und verscheuchen die Wespen, die über den Saftgläsern kreisen. Einen Salat mit Pfifferlingen bestelle ich und ein Carpaccio, freue mich über die wiedergekehrten Freunde, gähne, weil ich heute gar nicht genug schlafen kann, und gehe, heimgekehrt, früh ins Bett. Neben mir räkelt sich mit runden, roten Backen der F. und murmelt irgendetwas, was keiner versteht.

Bernsteintage, Samstag (1)

Bitte nicht. Es ist doch erst 7:30 Uhr. Und heute ist Samstag. Kleines Monster, geh‘ wieder schlafen. Oder koch‘ mir einen Kaffee. Oder sag‘ dem Papa, dass er mir einen Kaffee kochen soll. Dann stehe ich vielleicht auf und gehe zu Rewe und auf den Markt am Arnswalder Platz. Krautsalat, Feldsalat und tiefgekühlte Brezeln.

Bitte nicht. Sag‘ bitte irgendetwas. Wenn du jetzt nichts sagst, dann schläfst du, und wenn du jetzt schläfst, bist du heute abend bis in die Puppen wach. Das finde ich doof, weil ich heute abend lange aufbleiben und mit der I. und dem S. die Legenden von Andor spielen will, und da musst du schlafen. Wach also auf und iss Nudeln mit mir. Ja, es gibt Nudeln. Direkt vom Markt, ein Pfund Ravioli mit Ziegenkäse und Trüffeln von Pasta e più. Schau, dass ist doch ein guter Grund aufzustehen.

Hab‘ ich’s doch gewusst. Jetzt bist du wach. Lass uns gleich um die Ecke ein Geschenk für deinen Freund L. kaufen. Der wird auch zwei. So wie du. Wir kaufen Knete, und weil wir schon mal da sind, kaufen wir eine Bastelschere und Kinderkleber für dich. Wenn wir zu Hause sind, darfst du lauter bunte Papierfetzen damit in Stücke schneiden, und die klebst du dann auf einen Kerl, den Mama für dich ausschneidet. Der Kerl friert und braucht ein schönes, buntes Fell.

Jetzt aber los. Wir fahren mit der Tram bis zum Mauerpark, und dann läufst du auf deinen kurzen Beinen durch den ganzen Park bis zum Moritzhof, weil sie da Tiere haben. Nein, Mama hat keine schlechte Laune deinetwegen. Die hasst nur diesen räudigsten der Berliner Parks, und alle, die da inmitten von Scherben und Dreck sitzen, grölen und grillen. Der Rasen sieht aus, als habe er eine ansteckende Krankheit, und die Leute wirken so, als müsse man mindestens zehn Semester Soziale Arbeit studiert haben, um ihnen anders als mit gereiztem Unverständnis zu begegnen.

Angekommen wird aber alles gut. Da, schau, die haben Tiere. Und gleich gibt es auch ein Frozen Yogurt. Die Papas stehen in der Sonne und unterhalten sich über das Leben in Büros. Die Mamas sprechen über sonderbare Unistädte. Deine Mama hat übrigens auch in einer besonders merkwürdigen Unistadt studiert, da glauben manche Leute bis heute nicht, dass es da überhaupt eine Uni gibt. Das lag an ihrem miesen Abi, aber darauf ist die Mama – das ist ein bisschen verrückt – sogar ein wenig stolz. Das musst du nicht verstehen.

Am Ende läufst du die ganze, lange Kopenhagener Straße zur Tram. Vor einem Haus bleiben deine Eltern stehen und freuen sich ein bisschen, weil sie da keine Wohnung gekauft haben. Das hatten sie mal diskutiert und sogar mit einem Makler gesprochen. Das ist vier Jahre her. Heute wohnen da immer noch keine Leute, und die Fenster scheinen ganz neu eingesetzt zu sein. Wahrscheinlich dreimal pleite gegangen in der Zwischenzeit. Wie es halt so geht.

Am Ende bist du so, so, so müde und planscht unmotiviert noch ein bisschen in der Badewanne herum. Es gibt eine Brezel, Weintrauben und eine Wurst, etwas Apfelsaft, und als die I. und der S. kommen, darfst du noch kurz guten Abend sagen. Dann gehst du schlafen. In der Küche werden Schlachten auf dem Spielbrett geschlagen, während du schläfst, man trinkt Bier, man isst Brezeln, Käse aus Brodowin, den unfassbar leckeren Leberkäse der Hermannsdorfer Werkstätten und Salat.

Dann wird es dunkel und still.

Für mich.

Ich fahr‘ so gern Rad. Sommer muss es sein, so wie jetzt, und einen Rock muss ich tragen, so einen ganz leichten. An den Füßen habe ich Sandalen, noch besser: gar nichts, und so trete ich schneller, immer schneller, und die Stadt rauscht an mir vorbei als ein Wirbel aus Farben, Lichtern, Gerüchen. An den Ampeln kommt die Stadt kurz zum Stehen, taumelt, rappelt sich auf, hupt als ein reizbarer Kreuzberger oder lehnt sich lässig nach vorn als Hipster mit Bart auf dem Rennrad.

Dann geht es weiter. Am Schlesischen Tor riecht es kurz nach Fett, nach Käse und einer Spur Kreuzkümmel und Schweiß. Auf der Oberbaumbrücke singt ein Junge mit Hut. A-Changin‘ höre ich noch. Dann bin ich schon weg. Links neben mir klingelt und rattert die Tram, und hinter der O2-World geht die Sonne unter und färbt den Staub der Stadt so rot wie Campari.

Zwischen den Türmen der Frankfurter Allee ist der Himmel schon rosa. Blau und grün, zart wie Seide schwingt der Zenit über mir wie ein Tuch. Am Park, weiß ich, wird es dann dunkeln, und die rauchenden Grills riechen würzig nach Würsten und Fett. Die Brunnen rauschen, als hätten sie nie etwas anderes getan, und auf den Straßen klappern die Teller und klingen die Gläser alle für mich, für mich. Für mich.

Halb sechs Heringsdorf

Es ist noch ganz still. Zwischen den Vorhängen fällt ein schmaler, gleißender Spalt Licht auf das Bett, und hinter Bäumen und Sand rollt, rauscht und zischt das Meer vor den Winden.

Mit offenem Mund liegen der J. und der F. neben mir und halten sich im Schlaf fest an den Händen. Wie im vollen Lauf in die Kissen gesunken, liegen sie da, die Knie angewinkelt, die Haare an der Stirn festgeklebt von der warmen Nacht. Am Brustbein des F. haftet noch immer ein bisschen Sand und rieselt aufs Laken.

Noch ist die Promenade fast leer. Noch läuft ein einsamer Jogger von Ahlbeck nach Heringsdorf. Noch führt eine Frau in kurzen Hosen ganz allein einen Pudel spazieren, und auf dem Meer schaukelt ein Boot einsam auf den Wellen. Noch scheint sogar das Wasser im Pool des Hotels zu schlafen und kräuselt sich sanft, ganz sanft, als würde es etwas sehr Feines, sehr Subtiles träumen, ein Traum quasi in Spitzen und Pastell.

Mein Buch könnte ich holen, beschließe ich, und schleiche mich vom Balkon zurück ins Zimmer. Ein paar Seiten lesen, Patrick Leigh Fermors letzten Teil der Reise nach Konstantinopel, einen grünen Tee, die Füße ausstrecken in die immer wärmere Sonne. Allein im Pool ein paar Bahnen ziehen, solange alles noch schläft.

„Komm, Mama.“, ruft es da halblaut vom Bett. „Gleich.“, rufe ich zurück, atme noch einmal tief die weiche, sonnengeschwängerte Luft dieses Morgens ein, blinzele in das weißgoldene Licht überm Meer und lege mich wieder aufs Bett. „Jetzt frühstücken?“, wispert der F. und reibt sich vorfreudig den kleinen, weichen Bauch. An die Würstchen denkt er bestimmt. Vielleicht auch an Fisch und an Eier.

„Später.“, streichele ich ihm den Kopf, schließe noch einmal die Augen, und der Schlaf trägt mich weg. Neben mir träumt auch der F. von den Freuden des kommenden Tages, und unten am Meer sitzt die rosenfingrige Göttin des Morgens Aurora und singt und gurrt mit den Nixen, bis der Tag sie verjagt.

Sachstand F.

Seit der jüngsten Entdeckung des Märchenbuchs durch den F. eine ungewisse Unruhe bei Begegnungen mit älteren Frauen im Straßenbild. Die Vorstellung, wie der F. auf einmal ganz laut: „Da, die böse Hexe!“, brüllt, wirkt sich auf mein inneres Gleichgewicht nicht so gut aus.

***

In der Kita wird der geschätzte Gefährte angesprochen. Er solle doch mal sein Cello mitbringen und für die Kinder spielen. Der J. hat aber gar kein Cello. Das Cello der Familie existiert nur in der Phantasie des F., der eine Vorliebe für dieses Saiteninstrument entwickelt hat. Seit einem Sommerfest mit Orchester letzte Woche führt er anscheinend nicht nur zu Hause lautstark, aber nicht unmelodisch Cellokonzerte mit einem Besen und einem Plastikschwert als Bogen auf.

Was mich am meisten irritiert: Wieso wird das imaginäre Cello dem J. zugeschrieben? Wieso nicht mir? Geht die Zuschreibung auf den F. zurück, und diesem ist meine fehlende Musikalität aufgefallen? Trotz des ganzen Gesangs? Habe ich umsonst in die Tasten gehauen, und schon ein Zweijähriger bekommt mit, dass Mama Modeste musikalisch so ein bisschen unterentwickelt ist? Oder stammt die Vermutung, der J. sei der Cellist des Hauses, von den Kindergärtnerinnen, und wenn dem so sein sollte: Wieso?

***

Mehrfach geschworen, nicht mehr so viel Zeug für den F. anzuschaffen. Dann hat er doch den neuen Arztkoffer. Irgendwo müssen die Flugmeilen des J. ja hin, und für Freiflüge reicht es leider doch nicht. Der F. ist also seit gestern zum Mediziner avanciert und untersucht engagiert belebte wie unbelebte Familienmitglieder.

Heute morgen im Bett dann endlich die erlösende Diagnose. Der J. und ich leiden unter Ohrkrümeln. Das ist ein Schlag. Es gibt aber Spritzen gegen dieses Übel. Zu verabreichen in unregelmäßigen, aber enggetakteten Abständen. Es hilft auch, wenn man einen kleinen, roten Schlauch laut brummend in die Ohren hält.

Wer uns also auf der Straße trifft, darf uns bemitleiden. Ziehen Sie aber besser nicht am roten Schlauch. Der geht sonst ab. Und klopfen Sie dem J. nicht auf den linken Arm. Der ist gebrochen. Behandelnder Arzt ist aber nicht der F., sondern ein Chirurg hier um die Ecke.

Bingo

Ich bin ja an sich eigentlich ganz friedlich. Ich warte ziemlich lange ruhig vor Schaltern ab, wie die Leute vor mir sich umständlich beraten lassen. Musiker in der U-Bahn hasse ich zwar, aber wenn einer kommt, konzentriere ich mich auf die Werbung an den Fenstern. Sogar mein Zeitungslesen bleibe ich halbwegs ruhig. Nur die Passwörter: aber hören Sie selbst:

Ich sitze also vorm Rechner, und dann heisst es: Ihre Authentifizierung ist leider nicht möglich. Oder auch: Ihr Passwort ist leider nicht bekannt. Da sitze ich dann. Totale Leere im Hirn. Ich hätte geschworen, das Passwort lautete schon immer „Bingo“. Aber auch bei der dritten Eingabe verhöhnt mich das Gerät und behauptet, von „Bingo“ hätte hier keiner je was gehört. Ich probiere ein bisschen herum. „Bingo1977“. „bingo“. „Bingobingo“. Ich bin mir sehr sicher, das Gerät lacht. Oder ist es der Gott des Netzes selbst, der auf einer watteweißen cloud sitzt und hämisch kichert?

Irgendwann kapituliere ich. Aber war das wirklich ich, die diese Sicherheitsfragen eingegeben hat? „Wo haben sich deine Eltern kennengelernt?“ – Ja, was weiß denn ich? War ich dabei? Und wieso geht meine Mutter nie ans Telephon, wenn man sie am dringendsten braucht? Und warum soll die Antwort auf „Wie hieß dein erstes Haustier?“ nun auch falsch sein? ich werde doch noch wissen, wie mein Hund … nein. Gut. Vorbei.

An meine Alternativadresse lasse ich mir einen Link für ein neues Passwort schicken. Ich klicke. „Ihr neues Passwort“ lese ich, schon wieder halbwegs hoffnungsfroh. „Bingo“ gebe ich. „Bingo“ ist aber falsch. Ich muss Zahlen, Sonderzeichen und Groß- wie Kleinbuchstaben eingeben. Ich verzweifele. Wie soll ich mir „Bingo::4711“ jemals merken? Ich notiere „Bingo ::4711“ in meinem Schlüsselbund, der aber auch ein Passwort wissen will. Das steht zum Glück verbotenerweise in meinem Handy. Aus Geheimhaltungsgründen unter „Onkel Schorsch“. Mein gleichnamiger Onkel ist zwar schon seit Jahrzehnten tot, aber das wissen die Leute, die irgendwann mein Handy klauen, ja hoffentlich nicht.

Die nächsten drei Monate ist Ruhe. Dann bin ich zwei Wochen weg. Urlaub, Ende der Welt. Kein Bedarf für „Bingo::4711“, und prächtig gelaunt, strahlend und gebräunt sitze ich wieder vorm Rechner. Da. Schon wieder. Mein Passwort ist nicht bekannt.

„Bingo:4711“ gebe ich drei-, vier-, fünfmal ein. Ich bin mir sicher, dass Passwort ist richtig. Im Schlüsselbund steht es doch auch. Das Internet macht sich lustig über mich. Käme in diesem Moment einer und würde mir eine Authentifizierung per Daumendruck anbieten: Ich schickte den ganzen Datenschutz zur Hölle und sagte einfach ja. Statt dessen: „BinGo&1918“. Sechs Monate später: „BINgo=5689“. „bIn=Go43“. „bin3$GO4“. „b-i/N9GO“

Komisch, dass nicht viel mehr Rechner aus Fenstern fliegen.