Die „bürgerliche Partei“

„Ich habe ja nie verstanden, was die CDU an Bürgerlichkeit eigentlich so großartig findet.“, sage ich und warte auf die Peking-Suppe, die es in der Ming Dynastie an der Jannowitzbrücke so gut gibt, wie ansonsten selten. „Welchen Wert messen diese Leute Bürgerlichkeit zu, dass sie sich immerzu als „bürgerliche Parteien“ vermarkten?“, frage ich mein Gegenüber und freue mich über die Suppe, die braun, sauer und pfeffrig und nicht ketchuprot wie woanders vor mich hingestellt wird.

Tatsächlich halte ich Bürgerlichkeit nicht für eine Angelegenheit, der irgendeine Werbewirkung zukommt. Natürlich gibt es Verhaltensweisen, die typisch für das deutsche Bürgertum sind. Darunter gibt es grässliche Angewohnheiten. Ein unangenehmer Stolz auf Geld, Tüchtigkeit und eine humorfreie Redlichkeit etwa. Es gibt auch angenehme Seiten des Bürgertums, aber die, fahre ich fort, verkörpert die CDU eindeutig nicht.

Als positiv empfinde ich etwa den kaufmännischen Wagemut, der im 19. Jahrhundert aus Handwerksgesellen Industrielle geschaffen hat. Die Kreativität, sich in jeder Generation etwas Neues einfallen zu lassen, anders als der Adel, der stolz darauf ist, sich nie zu ändern. Die Freiheiten zu nutzen, die die Moderne mit sich gebracht hat, etwa Zeitungen zu drucken, sich niederzulassen, wo man will, nicht den Beruf zu ergreifen, den der eigene Vater hatte, und viel Geld in Kunst zu investieren. So viele Museen, Kulturvereine, Opernhäuser und Konzertsäle wie hier gibt es in der Welt selten. Die meisten beruhen auf dem guten Geschmack und der Großzügigkeit von Bürgern.

Die CDU aber steht der Moderne und ihren Freiheiten meistens eher ablehnend gegenüber. Letztlich habe ich Interview mit dem Innenminister gelesen, in der dieser eine patriotische Bratkartoffelidylle hat hochleben lassen, die lustig wäre, wäre der Mann nicht Minister. Der bei aller modernen Fassade spürbare Wunsch nach Ehen, die – welches Elend da auch sei – nicht geschieden werden, und nach Frauen, die zu Hause viele Kinder erziehen, steht zu meiner Vorstellung von Freiheit, sein Leben selbst gestalten zu können, in Widerspruch. Ich will nicht eine Lebensform als wünschenswert vorgesetzt bekommen. Ich finde es gut, wenn jeder, der niemandem schadet, auch von niemandem geringgeschätzt wird.

Ach, spreche ich weiter, und schaufele mir Reis und Hühnchen Gong Bao in mein Schälchen. Der feige, rückwartsgewandte Protektionismus, der stets unterscheidet zwischen „wir“ und die „anderen“. Die nationale Engherzigkeit, die sich als Heimatverbundenheit tarnt, und in Freiheit und Globalisierung immer nur ein Problem sieht und nie die Großartigkeit, die Länder wechseln zu können wie die Berufe, die Ansichten und die Partner. Das provinzielle, selbstgerechte Verhältnis zur Kunst, in der das, was nicht auf den ersten Blick dekorativ aussieht, abgewertet statt erkundet wird.

Nein, sage ich. Die CDU ist keine bürgerliche Partei. Und selbst wenn sie es wäre, fände ich es absurd, sich dessen zu rühmen.

Madame muss abnehmen

Ich kann ja noch nicht einmal behaupten, eine bessere Futterverwerterin zu sein als andere Leute. Ich esse einfach schrecklich gern und ich mag es, richtig, richtig satt zu sein. Also so knallsatt. So ein Zustand, in dem schon ein Minzplättchen unweigerlich eine sehr unappetitliche Körperexplosion nach sich zöge. Außerdem esse ich gern fett. Ich mag Schlagsahne. Ich mag kein Brot ohne Butter, ich mag Mehlspeisen. Knödel. Ich liebe Torten und finde nur vollfetten Käse lecker.

Dass man bei solchen Vorlieben nicht gertenschlank durch Berlin wandelt, versteht sich eigentlich von selbst. Wenn ich esse, was ich lustig bin, wiege ich deswegen unaussprechliche 66 Kilo. Bei diesem Gewicht lande ich immer. Mehr wird es nicht, weil ich mehr nicht essen kann. Weniger wird es nur, wenn ich mich quäle. Deswegen muss sich jetzt gequält werden. Und Sie quäle ich mit. Bis hier keiner mehr mitliest.

Wer möchte auch schon wissen, dass ich heute mittag einen Burrito gegessen habe? Er war gut, er war von dolores, wo es die besten Burritos von Mitte gibt. Schuldbeladen saß ich in der Sonne, erfreute mich an lauter schönen Menschen mit Sonnenbrillen und fraß meinen Burrito con pollo. Normale Leute lehnen sich dann zurück und können nie wieder etwas essen. Ich habe mir für den Nachmittag Bananen gekauft und Erdbeeren. Wenigstens war es Obst und keine Schokolade.

Drei Haribo-Schnuller habe ich auch noch gegessen. Das war so gegen 18.00 Uhr. Ich hatte ernsthaft Phantasien von Kuchenduft. Ich saß in meinem Büro, ich sah in den Himmel und bellte ins Diktiergerät, ich wollte so gern Kuchen essen, wie es sich kaum aussprechen lässt, und als ich zu Hause war, habe ich Tomatensuppe gekocht. Eine halbe Flasche Passata. Ein halber Liter Fleischbrühe. Suppengrün, Zwiebeln, Knoblauch, Rosmarin, Thymian und Lorbeer. Ein Löffel Olivenöl war auch dabei, und – jetzt kommt’s – eine Tasse Orecchiette. Ich bin mir sicher, dieser Topf reicht woanders für eine ganze Familie, aber ich habe ihn verschlungen und sitze jetzt auf dem Sofa und denke an eine Portion Dessert, die gestern übrig geblieben ist. Der J. sollte sie essen, aber der hat’s vergessen. Jetzt steht die Versuchung im Kühlschrank und wartet auf einen Moment der Schwäche. Ich fühle mich ein Mönch auf dem Heimweg aus dem Bordell. Ich würde sehr gern ein Törtchen essen, so ein kleines, rundes, hübsch dekoriertes Törtchen mit Cassis oder Zitronen. Ich hätte auch gern Pistazien. Ich habe aber nur einen Knall. Ich habe Übergewicht. Und schlechte Laune, die habe ich auch.

Was tust du, wenn du nichts tust?

Ein Bekannter hat mir kürzlich einmal erzählt, ihn rege das auf: Wenn man jemanden fragt: „Was hast du am Wochenende gemacht?“, und der andere sagt „nichts“. „Die müssen doch was tun!“, hat mein Bekannter sich echauffiert. Die könnten ja nicht tageweise nur auf dem Sofa sitzen und vor sich hinstarren. „Nichts“, sei die blödeste Antwort überhaupt. „Stimmt aber oft.“, sagte ich und versuchte so ein bißchen zu schildern, wie das ist. Das Nichtstun an sich ist ja kaum wiederzugeben. Es hört sich auch einigermaßen blöd an. So träge, so unengagiert. Es ist aber die reine Wahrheit. Beispielsweise gestern.

Ich schlafe morgens ganz lange aus. Napoleon hat nur vier Stunden pro Nacht geschlafen, ich schaffe in der Woche immer nur so circa sechs, aber Samstag morgen hole ich das nach und schlafe bis elf. Mindestens. Dann tapse ich ins Bad, ich trinke Kaffee auf dem Balkon und winke den Nachbarn, und irgendwann dusche ich. Ich dusche lange. Ich habe vermutlich die gesamte Zeit, in der andere Leute Sport machen, Bücher schreiben oder musizieren in der Dusche verbracht. Ich dusche auch heiß, das hat schon einer meiner Sportlehrer als ein unfehlbares Zeichen von Charakterschwäche gebrandmarkt, aber das ist mir egal. Ich will krebsrot dampfen, wenn ich dusche.

Ich brauche zum Eincremen und Anziehen ziemlich lange. Ich brauche noch länger für meine Haare. Das liegt daran, dass alle anderen Leute, die hier auf den Markt gehen, unglaublich gut frisiert und zurecht gemacht aussehen. Mache ich nichts, fühle ich mich wie ein Klecks Spucke und das ist doof.

Auf dem Markt kann ich mich erst einmal nicht entscheiden. Ich brauche Hähnchenfleisch, ich brauche Lamm, ich brauche Käse. Ich kaufe einen Bergblumenkäse und einen Ziegengouda. Ich stehe ganz schön lange an. Vor mir erzählen sich zwei Frauen etwas über eine Dritte, die über Leichen geht und vor Intimitäten mit Intendanten nicht zurückschreckt, wenn es um ihr persönliches Fortkommen geht. Die beiden Frauen vor mir finden das unangemessen. Hinter mir dagegen scherzen zwei Männer mit Sonnenbrillen über Strauss-Kahn, Schwarzenegger und die Rückkehr des Dienstmädchens in die Libido des 21. Jahrhunderts.

Weil ich es ein bißchen eilig habe, gehe ich zu dem blöden Kaisers in der Pasteuerstraße, den ich eigentlich nicht mag, weil da grässliche Leute und ein mieses Sortiment zusammenkommen. Die Gentrification hat ein mieses Image, alles in allem, aber wenn man mich ehrlich fragt, wie ich es denn gern hätte, wenn ich einkaufen gehe, gefällt es mir beim Kaisers in der Winsstraße und bei der LPG eindeutig besser. Ich habe nichts gegen randständige Menschen, aber Leute, die hübscher aussehen und nicht so schlurfen, sind mir unabhängig von allen anderen Faktoren sympathischer als andere. Zum Kauf von Nudeln, Mehl und Milch reicht es aber auch so. Wein kaufe ich mit dem J. gegenüber und plaudere ein bißchen mit dem Weinhändler. Ich kenne rundherum den ganzen Einzelhandel. Einkaufen dauert deswegen manchmal mehrere Stunden.

Mein Friseur verschiebt mich wegen eines außerplanmäßig verlängerten Tanzworkshops in einer Brandenburger Scheune auf Dienstag und einen Moment bin ich leicht verzweifelt. Ich sehe nämlich inzwischen fürchterlich aus. Immerhin habe ich jetzt Zeit. Ich koche Bulgur in Gemüsebrühe auf und pelle Kartoffeln. Ich mache Rhabarberkompott und Vanillesauce. Ich schnipsele Gurken und Tomaten und Zwiebeln klein. Ich hobele eine zweite Gurke, ich gieße Fleischbrühe und Essig zusammen für die Kartoffeln. Ich lese sehr, sehr gern Kochzeitschriften, setze die Vorschläge einer originellen und eher progressiven Küche aber nie um. Es gibt – es kommt Besuch – also ganz normalen Kartoffelsalat und einen ebenso normalen Salat aus Bulgur.

Um 15.00 Uhr treffe ich eine Freundin und esse Eis. Die Freundin ist dieses Jahr vierzig geworden und gehört zu denjenigen Leuten, deren Existenz mich beruhigt, wenn ich Angst vorm Vierzigwerden habe, weil sie vierzig ist, aber genauso cool wie früher. Überhaupt geht’s mir gut: Ich liebe das Schokoladensorbet bei Caramello, ich mag auch alle anderen Sorbets. Ich nehme an, die Eiscremes sind auch super, aber die kann ich mir nicht mehr leisten, so figurtechnisch. Ich muss sehr dringend abnehmen, ansonsten lachen die Kinder der Nachbarn mich demnächst aus, und ich traue ich mich nur noch in blickdichten schwarzen Säcken vor die Tür. Vielleicht werde ich verhüllungshalber Muslima.

Irgendwann später decke ich den Tisch und warte, dass es klingelt. Der J. hat Leute eingeladen, die das erste Mal zu zweit bei uns sind. Es wird gegrillt, und der Abend fließt so vor sich hin. Wir lachen. Ich erzähle irgendwas und versuche, die Kontrolle über das zu behalten, was ich esse. Die neuen Freunde haben Photots mitgebracht, die Lust aufs Wegfahren machen, aber an Wegfahren ist gerade nicht zu denken. Ich war ja kürzlich verreist.

Spät am Abend gebe ich ins Internet alles ein, was ich gegessen habe. Wie immer habe ich ein schlechtes Gewissen dabei, weil ich mir sicher bin, dass alle anderen Leute weniger essen als ich. Essen gehört für mich zu den schuldbeladensten Tätigkeiten überhaupt. Wenn ich sehr viel gegessen habe, beschimpfe ich mich manchmal beim Zähneputzen vor dem Spiegel.

Irgendwann ganz spät liege ich im Bett. Ich bin sehr müde. Ich lese noch ein paar Seiten, dann entgleitet den Worten der Sinn. Ich schließe die Augen. Wie ich vor dem Hergott stehe, stelle ich mir vor, so im Dösen neben dem lesenden J. Weißes Kleid, Flügel, Harfe, das volle Programm, imaginiere ich mich über den Wolken. „Wieso hast du so viel gegessen?“, wird Gottvater donnern. Ich erröte. „Und was hast du gemacht in deinem Dasein?“, wird er mich weiter fragen, und ich werde überlegen. In solchen Momenten ist man ja immer ganz dumm. „Nichts.“ werde ich sagen, und der liebe Gott wird sich ärgern. „Du musst doch irgendwas getan haben, die ganze Zeit.“, wird er sagen, dabei wird „nichts“ die bare Wahrheit sein. Ich habe nichts getan. Aber wer will das wissen.

Nachtgesänge

Im Erwachen heute morgen um acht verklingt die Musik. Ich löse mich auf in meinem schwarzen Kleid, die runde Bühne wird weich, der Raum zerfließt, und aus meinem Mund kommen keine weiteren Töne. Das Publikum scheint längst gegangen zu sein. Vielleicht ist es auch zerfallen. Wer weiß das genau.

Auf dem Weg ins Bad lächele ich über mich selber. Ich kann nämlich nicht singen. Nicht einmal für den Schulchor hat es gereicht, nicht einmal zum häuslichen Singen mit Gitarre und Freunden, damals, als man das noch so machte. Ich bin streng unmusikalisch, so wie manche Leute farbenblind sind, und dass ich immer die Texte kann, hilft mir nicht im Geringsten. Wenn ich singe, bröckelt Mörtel, Karzinome wachsen und es donnert, damit ich aufhöre mit dem Krach.

Bei Nacht, im Traum aber singe ich immer wieder, stehe nachts auf einer Bühne, ich singe mal Arien, schön angezogen und mit prächtigen Tenören. Ich stehe an einem Standmikro, so ein großes aus den Dreißigern, und singe von Männern, von der Liebe und vom Suff. Manchmal singe ich Schubert, den ich so liebe, dass man ihn spielen soll, wenn ich sterbe.

Ich würde gern singen. Ich kann nicht singen. Mir bleibt nur die Nacht.

Die schöne, gelbe Katze

„Da!“, deute ich in der Marienburger ganz unten auf den schmalen Streifen zwischen Bürgersteig und Fahrbahn. Dort, zwischen einem der dünnen Baumstämmchen und einem Fahrradständer sitzt eine Katze.

Die Katze ist keine der zerrupften, mageren Straßenkatzen, wie man sie bisweilen sieht, spitz, frech aus Notwehr und nie ganz sauber. Diese Katze – eher scheint es sich noch um einen Kater zu handeln – ist flauschig, bestimmt 40 Zentimeter lang und ihre 7 kg schwer, ingwerfarben und kräftig. Selbstbewusst sitzt sie da, kommt gelassen mit erhobenem Kopf auf mich zu und reibt ihren schönen, breiten Kopf an meinem Hosenbein. Nun bin ich markiert und gehöre der Katze.

„Meint Ihr, die ist weggelaufen?“, frage ich den J., die M. und den M. „Die ist hier bestimmt irgendwo zu Hause.“, kommt es zurück. Andererseits: Hier, zwischen Prenzlauer Allee und Greifswalder Straße, mitten im Prenzlauer Berg, lässt niemand, der halbwegs bei Trost ist, seine Katze frei herumlaufen. Vermutlich ist die Katze doch entlaufen, schnell, irgendwo durch eine halb geöffnete Tür davon, durch das Treppenhaus, und schon draußen. Vielleicht gehört sie auch zum Blumenladen gegenüber oder zu dem vietnamesischen Imbiss, bei dem die Katze sitzt, als ich mich umdrehe. Auf einem der Klappstühle thront die Katze und sieht einem Gast versonnen beim Essen zu.

Ich mache mir ernsthafte Sorgen. Die Greifswalder Straße ist viel befahren. Hier fährt die Tram. Hier fahren Autos, und zwar nicht nur die langsam vor sich hin schleichenden Wagen der Prenzlberger, die nie schneller als 30 km/h fahren, weil sie Angst haben, ansonsten ein kleines Kind zu erwischen. Hier fahren auch die Weißenseer, die Pankower, die Randberliner, ungeschlachte Autofahrer mit einer ungebrochenen Liebe zur Geschwindigkeit. Schon sehe ich die Katze platt gefahren blutend auf der Greifswalder Straße zucken. Besser wäre es, ich nehme die Katze nach Hause mit.

Auf der anderen Seite: Man kann nicht einfach Katzen mitnehmen, die augenscheinlich jemandem gehören. Vielleicht darf die Katze doch (mag es auch unvernünftig sein) frei herumlaufen, und wird heute abend unter Tränen vermisst, wenn sie nicht zum Essen kommt? Vielleicht ist die Katze auch nur schnell ausgerissen und kommt gleich heim? Vielleicht gehört sie sogar zum Imbiss, bei dem sie gerade sitzt, und ihr prächtiges Fell und ihre stattliche Erscheinung resultieren aus den Resten von Entenfleisch süß-sauer und Pho-Suppe mit Reisbandnudeln mit Huhn?

Lange schaue ich mich noch nach der Katze um. Bis zum Kaisers an der Winsstraße sehe ich die Katze. Bis in die Wörther Straße und zurück spreche ich über die Katze, und auf dem Rückweg sehe ich erleichtert keine tote Katze auf den Straßen liegen.

Gedankenfetzen, schlechtgelaunte

Über Erholung

Bei mir funktioniert Erholung ja nicht so richtig. Wenn ich nichts zu tun habe, werde ich nicht entspannt, sondern melancholisch. Nach drei Tagen am Meer glaube ich, mein Dasein sei bedeutungslos und verfehlt. Nach drei Wochen wüsste ich das mit einer Sicherheit, die es rechtfertigt, sich auf der Stelle im Pool zu ertränken.

Manche Leute glauben ja, man sollte ein Dasein ändern, das einen bei näherer Betrachtung deprimiert. Dies setzt allerdings voraus, dass es befriedigendere Optionen gibt, sein Leben zu führen. Das trifft auch mich nicht zu. Mein Job passt zu meinen Fähigkeiten und ernährt mich passabel, mein soziales Umfeld ist meinen Bedürfnissen angemessen. Mehr ist bei realistischer Betrachtung vom Leben nicht zu wollen. Wer mit diesem Setting unzufrieden ist, tut gut daran, nicht sein Leben zu ändern, sondern die Unzufriedenheit abzustellen. Wenn sie nur in Entspannungssituationen auftritt, sollte man diese vermeiden. Ans Meer fahre ich also nicht mehr, zumindest weder allein noch zu zweit.

Über dicke und dünne Tiere

Ich habe einen manifesten Minderwertigkeitskomplex, der sich als aggressive Regung gegenüber dünnen Frauen äußert. Mit den Jahren nimmt das ab, aber eines Hauchs von Schadenfreude kann ich mich immer noch nicht erwehren, wenn schlanke Schönheiten auch einmal auf den flachen Bauch fallen.

Ich schäme mich dieser Regung öfters ob ihrer Kleinlichkeit und Engherzigkeit. Schönheit Dritter nimmt mir ja nichts. Ich würde ja nicht schöner, wenn andere Frauen hässlicher und dicker wären. Geichwohl ist es schwer, diesen Impuls abzustellen, der sich durch meine gesamte Außenweltrezeption zieht und sogar meine Position gegenüber Tieren beeinflusst: Ich schätze dicke, fleischige Tiere deutlich mehr als schlanke Tiere, also Elefanten mehr als Gazellen, Rottweiler mehr als Afghanen, und vielleicht habe ich meine Katzen zumindest unterschwellig absichtsvoll auf die 8 kg gefüttert, die sie jeweils auf die Waage bringen.

Über Kompensation

Laut Adler kompensieren Leute Organminderwertigkeiten ja durch Leistung auf einem anderen Gebiet ihres Lebens. Bei mir hat das allerdings irgendwie nicht stattgefunden, außer man rechnet den Umstand, dass ich überhaupt in der Lage bin, meinen allerdings schon eher etwas unspektakulären Job auszufüllen, schon als Kompensation meiner Unzufriedenheit mit mir selbst.

Gelegentlich bedaure ich, dass ich nicht literarisch kompensieren kann. Ich würde sehr gern Romane schreiben. Ab und zu tue ich so, als täte ich das wirklich. Ich setze mich also an meinen Rechner, konzipiere irgendwas, schreibe es auch wirklich auf und spreche ziemlich gern über die Produkte dieses Schreibens. Aktuell habe ich mir eine Frau ausgedacht, die – anders als ich – versucht, ihr sehr, sehr langweiliges Leben zu ändern. Weil ich allerdings realiter keine Texte schreiben kann, die so lang sind und trotzdem funktionieren, lösche ich alles, was ich schreibe, voraussichtlich auch diesmal, sobald ich fertig bin. Ich habe einmal daran gedacht, mit meinem Text etwas anzufangen und ihn u. a. dem J. gegeben, der den Text schrecklich langweilig und die Personen uninteressant fand. Ich habe mich dann ziemlich geschämt und den Text vernichtet.

Über Zufriedenheit mit dem Status Quo

Ab Montag gehe ich wieder ins Büro. Wer mich kennt, weiß, dass mir das ganz gut tut. Die meisten Leute, liest man, hassen ihren Job. Das trifft auf mich nicht zu. Ich bin wirklich gern im Büro. Ich finde nicht einmal, dass ich zu viel arbeite, außer, wenn ich ab und zu abendliche Termine verpasse, die ich gern wahrgenommen hätte. Außerdem würde mit einem Job von nur vierzig Wochenstunden vielleicht der unerwünschte Erholungseffekt bohrender Unzufriedenheit beständig eintreten. Vielleicht würde ich noch mehr Textmüll produzieren, den ich dann wieder lösche, wenn er fertig ist. Das wäre auf die Dauer vermutlich auch nicht mehr so lustig. Insofern ist es gut, wie es ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt, hier und heute.

Dumme Schafe

Vielleicht liegt’s an mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie einen Mann retten wollte, an dem mir etwas lag, denn ich möchte für nichts und niemanden leiden, ich will Annehmlichkeiten und schöne, weiße Pelze und Sahnetorten und einen Mann, der mir morgens und abends sagt, dass ich zauberhaft sei. Vielleicht bin ich deswegen die falsche Leserin für Katja Müller-Langes Roman „Böse Schafe“, der von Soja handelt, die in den Achtzigern aus dem Osten nach Westberlin kommt und sich in den letzten Jahren vor der Grenzöffnung in Harry verliebt, einen Junkie, und dann alles für ihn tut, und er tut nichts für sie.

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Westwärts wehn

Zehn Stunden Bangkok – Berlin sind eigentlich ziemlich gut. Unterwegs döse ich ein bißchen, während unter uns Taschkent, Dushanbe, lauter tolle Namen, dahingleiten. Die Berge kann man sehen, trocken und braun unter den Wolken. Da will ich hin, sage dem J., der neben mir döst und etwas schwer Verständliches murmelt.

Die anderen Leute im Flugzeug sind mir durchweg unsympathisch, denn wenn ich müde bin, neige ich zur Misanthropie und hasse sie alle: Die Leute, die ich schon deswegen für Sextouristen halte, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand freiwillig mit ihnen schläft. Die braungebrannten schrecklich robusten Paare mit zu blonden Haaren und zu großen Zähnen. Die Späthippies mit ihre bescheuerten Batikhängern, die faltigen Frauen, die stolz ihre gefälschten Handtaschen schwenken. Die hässlichen Kinder.

Weil ich schon in Bangkok nichts mehr zu lesen hatte, lese ich jetzt Tender is the Night innerhalb einer Woche zum zweiten Mal. Ich habe das Buch mit 20 schon einmal gelesen und auch damals gemocht. Von der Vergeblichkeit der Liebe schien es mir damals zu handeln, weil sich Dick und Nicole Diver lieben und sich doch nicht retten können. Von dem, was wir verlieren, wenn wir altern, handelt das Buch jetzt, beim Wiederlesen mit 35, und ich schaue mit einem Schauder, der vor 15 Jahren noch nicht da war, Dick Diver auf seinem Weg vor die Hunde zu. Ich habe Angst davor, alt zu werden, denke ich und schaue auf die blendend weißen Wolken herab. Ich will nicht 50 sein.

Unter uns zieht das Schwarze Meer vorbei. Nun geht es schnell. Um mich herum wachen Leute auf. Schon sind wir in Europa, Rumänien müsste das sein. Das schwarze Europa hat kürzlich ein Bekannter diesen Teil der EU genannt, und ich habe verlegen gelacht, weil ich das überheblich fand, unverschämt, und gleichzeitig genau wusste, was er meint.

Und doch schon vorbei. Über Polen sinkt das Flugzeug langsam ab, durchstößt die Wolken, und man kann Seen ausmachen, dunkelgrüne Wälder. Die Leute, die mir vor Müdigkeit so unsympathisch sind, fangen an, in ihren Sachen zu kramen. Solche Leute haben es ja immer so eilig, denke ich, was ungerecht ist, weil ich es auch immer eilig habe und mir nur mehr Mühe gebe als jene, dass man das nicht so merkt.

Am Ende aber sitzen wir im Taxi. „Prenzlauer Berg?“, fragt der Taxifahrer, weil man damit bei Leuten um die 35 vermutlich meistens richtig liegt. Wir nicken und fahren heim. Zu müde bin ich um zu schlafen, zu aufgekratzt, um jetzt daheim zu bleiben. „Willkommen Berlin!“, denke ich, weil ich nirgendwo so gern bin wie hier, und dann laden wir unser Gepäck zu Hause ab, streicheln die Katzen, ziehen uns um und fahren nach Mitte. Eine Flasche Cygnus, ein Roastbeef von der Temmener Queen Tagliata und eine Zigarette auf der Terrasse des Grill Royal an der Spree, und hinter dem Bode Museum leuchtet der Fernsehturm Heimat und Freude mir zu.

Ein Bild von einem Oger

„Das bin doch nicht ich?“, rufe ich erschreckt aus und drehe mich nach dem J. um. Auf den Bildern von unserer Wanderung im Dschungel bei Mae Hong Son sieht man ganz deutlich einen Oger. Aus unerklärliche Gründen hat der Oger meine Hosen an, er trägt mein blaues Shirt, einen Rucksack auf dem Rücken und balanciert plump und etwas unbeholfen über einen Baumstamm.

Auch auf den anderen Bildern ist der Oger zu sehen. Er sieht zufrieden aus. Auf manchen Bildern lacht er sogar. Er trinkt Wasser, er macht auf einem großen Stein an einem Wasserfall eine Pause, er schwitzt fürchterlich, wie Oger es eben tun. Der Oger mag den Wald, wie es scheint, klar: Oger leben schließlich immer im Dickicht und verstecken sich in Höhlen. Dies scheint auch auf diesen Oger zuzutreffen, denn er ist dermaßen bleich, als habe er seit Monaten keine Sonne mehr gesehen.

Wie der Oger die lange Wanderung überstanden hat, weiß die Hölle. Der Oger sieht extrem unsportlich aus. Dabei macht der Oger einen zufriedenen Eindruck, vermutlich mag er die riesigen Bäume, den Fluß, die Einsamkeit am Ende der Welt, wo man vier Stunden lang laufen und niemanden treffen kann. Der Oger schaut Schmetterlingen hinterher, der Oger isst einen Keks. Vor der Schlange, die sich über den Trampelpfad schlängelt, hat der Oger sich erschreckt, aber die war so schnell, die hat der J. nicht photographiert.

„Sehe ich wirklich so aus?“, frage ich vier Tage später sehr niedergeschlagen den J. und schaue mir die Ogerbilder genau an. Der J. beschwichtigt. Der J. hat es ohnehin nicht leicht mit mir, die ich sehr gern reise und sehr ungern am Strand liege, und nur wegen des J. überhaupt auf diese Insel mitgekommen bin. „Das bin doch nicht ich.“, versuche ich noch einmal, den Oger abzuleugnen. Der J. lacht. „Mein kleiner Oger.“, zieht er mich freundlich an den Ohren und macht das Licht aus.

Der Urlaub der anderen

Morgens um acht wache ich also auf. Die Klimaanlage hat die Raumtemperatur auf angenehme 20° C heruntergekühlt, ohne dabei schrecklich zu lärmen. Der J. wälzt sich neben mir und lächelt mich freundlich an. Irgendwo hinter den noch zugezogenen Vorhängen wuchert ein üppiger tropischer Garten, hinter dem Garten liegt das Meer, überwölbt von einem straff gespannten, azurblauen Himmel.

Der angemietete Bungalow ist aus Teak und sieht wirklich gut aus. Der Pool ist perfekt, das Meer noch besser. Es ist immerzu warm und sonnig, das WiFi läuft tadellos. Heute morgen hat der J. Pancakes gegessen mit gegrillten Bananen, ich habe Eggs Florentine bestellt. Die Kellner lächeln. Es gibt nicht so besonders viele andere Gäste, und die, die es gibt, sind ziemlich ruhig. Der J. ist nicht zuletzt aus diesem Grunde den ganzen Tag gut gelaunt. Nachmittags stellen die Zimmermädchen uns Kekse und Tee auf die Terrasse. Am Strand sind maximal zehn Menschen zu sehen. Diese Menschen baden oder sie lesen.

Auch ich bade und lese. Allerdings dauert das Baden und Lesen maximal zwei Stunden. Auch zum Einkaufen brauche ich nicht mehr als eine Stunde. Ausflüge werden hier zu anderen Stränden angeboten, das reizt mich nicht so, weil ich keine Ahnung habe, was ich da dann machen soll, wenn ich erst da bin. Da sitze ich also, es ist ungefähr zwölf, und frage mich, wie eigentlich die anderen so etwas aushalten, was denen durch den Kopf geht den ganzen Tag, ob sie sich auch langweilen, ob sie auch nach Hause wollen, und ob sie sich jetzt auch in ihren Bungalow unter die Klimaanlage legen und sich Geschichten ausdenken, die natürlich nicht am Strand spielen – was soll da auch schon groß passieren – sondern irgendwo in großen Städten, zum Beispiel in Berlin. Berlin.