So viele Jahre

„So war ich auch mal 25.“, sage ich zum W., als wir vorm Kino stehen und zähle für mich die Jahre, die vergangen sind, seit wir so waren wie Marie und Francis aus Montreal und die Leute, mit denen Xavier Dolan sie umgibt.

So sahen auch unsere Parties aus, erinnere ich mich an ein fröhliches Chaos aus vielen Flaschen, Aschenbechern, einer wüsten Mischung aus sehr hübschen und sehr klugen Menschen, gelallten Gesprächen über Filme, Bücher und Bands und sehr, sehr lauter Musik. Überhaupt war das Setting recht ähnlich und auch die Manierismen von Marie und Francis pflegten auch manche meiner Freunde, die immer auf der Jagd waren nach einem eleganten, alten, verschlissenen Sessel aus Chintz, über deren Betten vergoldete Geweihe hingen und die sich anzogen wie Tote, deren Leben dramatischer und bedeutungsvoller erschien als das von uns Mittelstandskindern in den satten Jahren der Republik, in der wir erst Schulkinder waren und dann Studenten. Ich kann mich noch an die stilisierte, romantisch ausschweifende Handschrift des T. erinnern, an den Siegelring des Großvaters vom J.2, den dieser in der Oberstufe wochenlang trug, bis er ihn irgendwo an einem bretonischen Strand verlor. Die ganze Nacht haben wir gesucht.

Auch so verliebt wie Marie und Francis waren wir ständig. Es war das schiere Glück, nie in denselben Mann verliebt zu sein wie andere Freundinnen oder Freunde, denn auch wir hätten uns gehasst, in aller Freundschaft natürlich, um den Geliebten um die Wette geworben, uns gedemütigt, weil das zur Liebe dazugehört, und auch bei uns wäre es nie etwas geworden, weil ein glücklicher Ausgang im Drehbuch gar nicht vorgesehen war. Auch in Dolans Film kann man sich nicht einmal vorstellen, dass Marie oder Francis glücklich würde mit Nicolas, so einem blonden, zarten Epheben, der zuerst ein bißchen naiv erscheint, als würde er die Liebe gar nicht bemerken, und dann wie ein sehr, sehr guter Spieler, den es freut, wenn die Saat aus kleinen Aufmerksamkeiten und langen Blicken keimt und bunte, ausschweifende Blüten trägt, und der die Zeichen, die Marie und Francis begierig lesen, missdeuten, verrätseln und aufladen mit Drama und Spannung auf den erlösenden Schluss, bewusst setzt wie ein Maler bunten Pinselstriche auf eine Leinwand. Am Ende entzieht er sich beiden.

Traurig oder einsam wirken Marie und Francis trotzdem nicht. Es haut nicht hin mit der Liebe, Francis (gespielt von Dolan selbst) fügt einen weiteren Strich zu seiner Dokumentation amourösen Scheiterns an der Badezimmerwand dazu. S*x gibt es nur mit Freunden, mit denen es nur um Haut und nie um Herzen geht, doch gleichwohl wirkt der Film, der mit Bildern, Zitaten und Reminiszenzen spielt, heiter und nie so ernst, als sei die Liebe etwas, an dem man stirbt. Vielleicht ist es das Licht, denn der Film (und die Liebe) zeichnen einen Sommer nach bis im Herbst die Blätter fallen. Vielleicht sind es die Einblendungen von anderen Personen, die über Fehlschläge in der Liebe sprechen und das Geschehen so relativieren, denn das, was jedem zustößt, kann nicht außerordentlich sein. Vielleicht ist es auch die Freundschaft zwischen Marie und Francis, vielleicht aber ist es auch die Jugend aller Protagonisten, denn damals – so erinnere ich mich auf dem Weg durch den Abend die Torstraße hoch – war nichts so ernst, nichts wirklich dramatisch, alles nur Pose und Vorspiel und Spiel überhaupt.

„Es war schön, 25 zu sein.“, sage ich zum W. und verabschiede mich und biege ab an der Trust Bar vorbei durch die sich langsam erwärmende Nacht.

Les amours imaginaires (Herzensbrecher)
Canada, 2010

Bis es knackt

Man will ja nicht immer jammern. Aber dann jammert man doch: Mit meinem Knie ist inzwischen wieder alles okay, denke ich jedenfalls. Das Malheur mit meinem Auge und meiner Kontaktlinse haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, ja gar nicht mitbekommen. Nun allerdings fühlen sich meine Hüftgelenke irgendwie merkwürdig an, verbogen nachgerade, und wenn ich die Beine einmal unvorsichtig nach vorn oder hinten biege, dann tut es weh.

Ärzte werde ich nicht konsultieren. Morgen lasse ich mich massieren, da werde ich diese Kalamität auch einmal ansprechen. Ansonsten fühlt es sich so an, als würde alles besser, wenn jemand einmal kräftig an meinem Bein ziehen würde. Ich denke, dass es dann kräftig knackt, mir bricht der Schweiß aus, für einen Moment wird mir irgendwie anders, und dann ist es wieder gut.

Nun allerdings ist gerade keiner da. Der J. weilt in Nordrhein-Westfalen. Meine Freunde kann ich nicht abends um zehn mit der Bitte herausklingeln, mich an den Beinen zu ziehen. Meine Nachbarn kenne ich nicht, und so sitze ich hier und male mir Maschinen aus, kompakte, stahlblitzende Maschinen, die batteriebetrieben einen an den Füßen ziehen bis es knackt, aber solche Maschinen hat man ja nie, wenn man sie braucht.

Vorerst werde ich morgen die Dame fragen, die mich massiert.

Die Bräunungsaussparung

Am Samstag kommen wir also in Ahlbeck an. Am Sonntag ist das Wetter eher soso. Am Montag aber knallt die Sonne. Ich sitze am Strand, blaues T-Shirt, Shorts und Flip-Flops. Im Gesicht: Eine riesige Sonnenbrille. Rechts rauscht die Ostsee, links liegt die kleine Tochter von Freunden in der Strandmuschel ihrer Eltern, in der Mitte liege ich auf dem Bauch und lese Nabokov. Ab und zu drehe ich mich um und döse in den blauen Himmel über der Ostsee. Irgendwo am unteren Ende meines Gesichtsfeldes kann man die Seebrücke von Ahlbeck sehen.

Es ist warm. Ich schließe die Augen, ich höre dem Meer zu und dem halblauten Quaken des Kindes, das im Laufe des Nachmittags total viel Sand isst und sich darüber schrecklich freut. Man könnte demnächst auch etwas essen, denke ich mir, wenn auch eher keinen Sand, ein Fischbrötchen vielleicht oder eine Waffel oder vielleicht auch beides. Vernünftigerweise sollte ich weder das eine noch das andere verzehren, sondern mich dauerhaft auf Magermilchjoghurt und Äpfel spezialisieren, aber – so beruhige ich mich – im Urlaub gelten andere Gesetze. Außerdem bin ich mit meinen stämmigen 65 Kilo Kampfgewicht auf Usedom eine der zehn schlanksten Frauen über 30 überhaupt, denn hier sieht jede Frau ab 25 aus, als hieße sie mit Vornamen Mutti.

Abends nehme ich die Sonnenbrille wieder ab. Ich bin braun geworden, stelle ich fest, trotz des LSF 20-Sprays. Ganz gut sieht das aus, finde ich, denn trotz aller gegenläufigen Propaganda halte ich Blässe zwar für gesundheitlich wünschenswert, aber nicht für so sonderlich hübsch. Wohlgefällig betrachte ich also meine Beine, auch meine Arme sind okay braun und nicht rot. Dann aber stockt mir der Atem. Mein Gesicht ist nur sehr partiell braun. Um meine Augen herum klaffen riesige, weiße Flecken. Herr im Himmel, denke ich mir. Die Sonnenbrille.

Das wird schon wieder, beruhige ich mich und beschließe, die nächsten Tage auf die Sonnenbrille zu verzichten. Wenn alles nichts nützt, werde ich die Sonnenbrille die nächsten Wochen auch in geschlossenen Räumen und bei Regenwetter tragen. Kommt es ganz schlimm, helfe ich mir Bronzing Powder nach, und wenn alles nichts nützt, setze ich auf das Mitleid und die Diskretion meiner Umgebung in Umgang mit diesem Problem.

Bitte sagen Sie also nichts.

Nichts für mich

Man darf sich da nicht blenden lassen: Usedom atmet durchaus den Charme vergangener Zeiten. Es sind allerdings nicht die Zeiten, an die man denkt, wenn man etwas von „Kaiserbädern“ liest und an den schön restaurierten Villen vorbeiläuft, die sich die Berliner Bankiers der vorletzten Jahrhundertwende an die Ostsee gestellt haben. Das ist alles da, es sieht auch gut aus, aber es prägt nicht den Geist des Ortes, wie man so sagt, die Atmosphäre hat nichts mit der Opulenz des Fin de siècle zu tun, nicht einmal in einer preussisch-kargen Version. Wer hier spazieren geht, trifft nicht Max Liebermann. Wer hier Urlaub macht, trifft Erich Honecker. Der ist nämlich gar nicht tot. Der lebt hier und hält sich fit mit Nordic Walking.

Hier gibt es noch Rentner, die beigefarbene Westen tragen, und Rentnerinnen, von deren Donnerbusen ein Motivshirt im Winkel von 90° zum Boden hängt. Hier hört man mehr sächsisch als auf dem Bahnhof von Leipzig. Hier fahren Leute in komplettem Sportdress von Tchibo so langsam auf Fahrrädern herum, dass die Helme ganz und gar logisch erscheinen: Die Gefahr, umzukippen, ist verhältnismäßig groß, wenn man sehr, sehr langsam fährt.

Hier haben Frauen bis 50 grundsätzlich zwei Haarfarben – rot und schwarz etwa – und Frauen, die älter sind, eine kurze, graue Dauerwelle. Die meisten Leute wirken irgendwie teigig und verformt. Ich kann nicht schätzen, wie alt diese Menschen sind, aber ich fürchte, viele sind jünger als man so denkt.

„Was macht man hier eigentlich abends?“, frage ich mich irgendwann so gegen neun und schaue durchs Fenster auf die Strandpromenade und über den Strand aufs Meer. Es ist menschenleer. Hier scheint es keine Bars zu geben. Das einzige Kino hat, wie ich höre, inzwischen dicht. Einkaufen ist auch ein eher mageres Vergnügen. Wenn die anderen nicht wären, wenn der J. und ich hier allein herumsäßen, dann wäre das hier nichts für mich, und auch so schließe ich die Augen und denke an Kampen, an Cannes, an Sanary-sur-Mer, und beschließe, dass man sich das hier mal anschauen kann, dass man mit der I. und dem S., der M. und dem M., ja fast überall hinfahren kann, aber dass ich hier nicht wieder herkommen werde, denn hier bin ich falsch.

Dr. Google und mein Knie

Wer im Internet Aufklärung über gesundheitliche Wehwehchen sucht, hat es nicht besser verdient. Auf der anderen Seite: Ich warte sehr, sehr ungern irgendwo, am wenigsten gern warte ich im Wartezimmer von Ärzten darauf, endlich dranzukommen, dabei bin ich sogar privat versichert, aber warte trotzdem immerhin so lange, dass es mich abschreckt, einen Arzt aufzusuchen, solange es irgendwie geht.

Langsam allerdings habe ich daran so meine Zweifel. Letzte Woche war schon doof. Ich war müde, ich war irgendwie so ein bißchen Hackfleisch, ein wenig benommen, halt so, und dann wache ich auf und mein rechtes Knie schmerzt. Schmerzt richtig. Schmerzt so, dass Fahrradfahren weh tut, aber immerhin besser ist als Herumlaufen, denn das tut richtig weh. Also so richtig.

Abends bin ich ziemlich durch. Am nächsten Morgen geht es, abends ist es dann wieder irgendwie blöd, und dann kommt das Wochenende. Hochlegen, denke ich. Schonen. Aber dann stehe ich doch einen Abend lang auf einer Gartenparty herum, mein Knie prickelt inzwischen, und irgendwie schmerzen nun auch meine Leiste und mein Knöchel. Zu Hause klappe ich den Rechner auf und gebe alle Symptome bei Google ein. Die Antwort ist so nicht brauchbar und ganz schön diffus.

Sonntag geht es dann so halbwegs. Morgen ist nun Montag, Ärzte öffnen, ich könnte in der Mittagspause einen Orthopäden aufsuchen, aber dann gibt es nichts zu essen, ich gehe doch so ungern zum Arzt, und so sitze ich hier nun, gebe alle Symptome bei Google ein und frage das Netz: Geht das nicht von allein auch wieder weg?

Die Antworten sind allerdings nicht sehr ermutigend und nicht einmal sehr klar.

berlin.amour

Ach, Berlin, denke ich. Du großartige Schlampe. Du fettes Weib mit den verwischten Tatoos und den Krampfadern am Hintern. Dir zuzuhören, wenn du in der U-Bahn deine Feinde beschimpfst, wenn du nachts einmal quer von den Klos bis zur Theke das nächste Bier für dich und deinen Süßen bestellst, und wenn du – elfenhaft und verjüngt und verschönt – morgens um vier an der Oberbaumbrücke der Sonne beim Aufstehen zuschaust und seufzt.

Aber seien wir ehrlich: Im Winter hassen dich irgendwann selbst deine Freunde. Deine Unfähigkeit, einmal nur den Winterdienst zu wuppen wie eine ganz normale Stadt. Der Dreck und die Dunkelheit. Die Distanzen, die auf einmal unüberwindlich werden, weil für ein Auto kein Platz ist in deinen Straßen, die Radwege buckelig vereist sind und die BVG voller Wahnsinniger, die schlecht riechen und mit sich selbst und anderen bedrohlich klingende Gespräche führen.

Sowas wie Frühling und Herbst gibt es bei dir nicht. Du bist ja nicht so für Schnickschnack, und Zwischentöne findest du doof. Überhaupt bist du immer ganz für oder gegen irgendwas und überlegst es dir immer so schnell anders, dass man keine Gelegenheit hat, sich auch nur eine Minute zu langweilen. Du bist brutal und cool und manche haben Angst vor dir, weil man nie weiß, was du in drei Monaten sagst oder tust.

Ganz du selbst bist im Sommer. Im Sommer riechst du nach Hundedreck und klebrigem Asphalt und bist trotzdem unwiderstehlich. Ich liebe es, wenn du in Mitte auf dem Kantstein sitzt, die Füße auf der Torstraße, und es ist morgens um halb vier und du trinkst Wodka und kannst kaum mehr sprechen und lallst mir etwas vor über das absolute Kunstwerk, das so perfekt ist, dass man es nicht sehen kann, denn sonst würde man blind. Du bist abstoßend und größenwahnsinnig und siehst fabelhaft dabei aus.

In deinen Parks gibt es schon im Juli mehr gelbes Unkraut als Rasen, aber du hast Spaß mit einem Federballspiel vom Flohmarkt und grillst mit allen deinen Freunden so lange Würste und Lämmer schwarz, dass ihr alle noch bis zum Herbst an Krebs sterben würdet, wenn die Leute recht hätten, die predigen, dass alles schlecht ist, was Spaß macht. Diese Leute haben es ohnehin nicht leicht mit dir: Du rauchst immer noch, weil du findest, dass das gut aussieht, du isst den größten Dreck und trinkst aus Prinzip. Überall in Deutschland ist Rauchen heute ziemlich verboten. Nur bei dir gilt das Rauchverbot ausschließlich in öffentlichen Gebäuden und Mutter-und-Kind-Cafés.

Überhaupt: Deine Kinder. In den Innenstadtbezirken hast du mindestens eins und nimmst es überallhin mit. Ich habe gelesen, du hättest gar nicht mehr Nachwuchs als woanders, aber du versteckst dich nicht in Vororten, sondern setzt dich mitten in die Stadt. Da sitzt du dann, trinkst Rhabarberschorle, isst eine Waffel und plauderst mit einer Freundin. Man sagt dir nach, du seist schrecklich anstrengend in deiner Rolle als Übermutter, aber ich weiß: Gegenüber den Vorortmamas mit dem Van bist du die lockerste Frau der Welt und deine Männer sind auch mit 40 noch ziemlich lustig.

Wenn du alt bist, wohnst du irgendwo im Westen. Ich kenne dich nicht, aber ich sehe dich manchmal, wenn ich in Charlottenburg bin. Im KaDeWe trinkst du Champagner mit deinen steinalten Freundinnen. Manchmal höre ich euer schrilles Lachen und hoffe, dass ich auch noch was zu lachen habe, wenn ich achtzig bin. Abends sieht man dich manchmal in der Deutschen Oper, dann führst du deinen Pelz und deinen Schmuck aus aus der Zeit, als du noch Frontstadt des Westens warst und für die Freiheit in Dahlem Sahnetorte essen musstest.

Tot aber, meine Liebe: Tot bist du nie. Du stehst erst mittags auf, wenn das geht, aber liegen bleiben wirst du nicht. Du hast dich immer aufgerappelt. Du bist nicht sentimental und hältst ganz gut was aus, wenn du musst. Wenn nicht, haust du schrecklich gern auf die Pauke. Du bist keine Dame, Berlin, aber du machst was her.

Soviel Spaß hatten wir zwei die letzten zehn Jahre. Cheers, Berlin. Auf all die Jahre, die noch kommen.

Schönen Tag

„Oha.“, sage ich und schüttele den Kopf. Die ausgestreckte Hand mit dem Zettel bleibt in der Luft stehen. „Vermieterterror stoppen! Wir bleiben alle!“, steht auf dem Flugblatt, das offenbar die Thesen von Menschen verbreitet, die etwas gegen die marktwirtschaftlichen Gesetze der Preisbildung bei Wohnungen haben.

Den Jungen mit den Flugblättern schaue ich flüchtig an. 19 oder 20 wird er sein, vermutlich Student, schwarzgefärbte Haare und schlechte Haut, schöne Augen, aber die Hände könnten gepflegter sein und das T-Shirt nicht ganz so verwaschen.

Schnell gehe ich weiter. Ich missbillige solche Bestrebungen, wie sie der Junge vertritt. Ich habe mich sehr wenig mit diesen Dingen beschäftigt, weil ich mich für Politik nur eingeschränkt interessiere, aber ich argwöhne, dass sich der Missmut solcher Leute irgendwie auch gegen mich richtet, denn wenn man möchte, dass keine Alteingesessenen durch Zugezogene verdrängt werden, dann meint man vermutlich, dass in meiner Altbauwohnung im Bötzowkiez nicht der J. und ich wohnen sollen, sondern die Ostberliner, die hier früher irgendwann mal gewohnt haben, und die ich gar nicht kenne. Das wiederum würde bedeuten, dass ich ja irgendwo anders wohnen müsste, dabei gefällt es mir da, wo ich bin, extrem gut. Auch abseits meiner persönlichen Abneigung, den Prenzlauer Berg wieder zu verlassen, ist mir ziemlich schleierhaft, wieso es ein Recht auf Fortsetzung von Mietverträgen zu trotz Sanierung unveränderten Konditionen geben soll, nur weil jemand immer schon da war. Dass etwas schon immer so war, ist kein überzeugendes Argument dafür, dass es sich auch künftig nicht ändern solle.

Mit den Tiraden von Leuten, die aus kulturellen Differenzen moralische Überlegenheiten ableiten, beschäftige ich mich schon aus Prinzip nicht. Das ist mir zu gehässig. Ich habe registriert, dass die Gehässigkeit eher auf Seiten der sogenannten Gentrifzierungsgegner zu liegen scheint, jedenfalls habe ich umgekehrt noch keinen Schwaben anti-ostdeutsche Parolen dreschen hören, aber ansonsten finden diese Debatten weit weg von mir statt, die ich im Übrigen auch überhaupt keine Leute kenne, die so aufgeregt-unschöne Worte wie „Vermieterterror“ benutzen.

„Schade. Schönen Tag noch!“, grüßt der Junge mich auch ohne Flugblatt freundlich und wartet auf den nächsten Passanten. „Man kann doch nicht mit 20 schon dafür sein, dass sich nie etwas ändert.“, liegt es mir auf der Zunge, aber dann sage ich nichts. „Viel Spaß und viel Veränderung.“, würde ich ihm fürs Leben wünschen, aber das würde er nicht verstehen. So sage ich gar nichts. Außer: „Schönen Tag.“

Der Keller der toten Tante

„Ja, hi!“, beende ich das Telephonklingeln und winke durch die Glastür meines Büros den Kollegen zu, die nach Hause gehen. Mit der linken Hand fahre auch ich den Rechner herunter. Morgen ist Feiertag. Erst Freitag muss ich wieder ins Büro.

Mein Telefonat rauscht und knackt entsetzlich. Am anderen Ende der Verbindung spricht der T., er ist irgendwo in Kärnten und sitzt, wie er sagt, auf der Schaukel im Garten seiner Tante M., die diese ihm circa 1976 an einen Baum gehängt und dann einfach nie mehr entfernt hatte. Ein wenig zugewuchert sei der Garten, erfahre ich, denn während der Krankheit der Tante M. habe den Garten niemand mehr gepflegt. Die Vegetation sei fast ein bißchen erschreckend.

„Was machst du da?“, frage ich nach und bücke mich halb unter den Tisch, um den Rechner auszuschalten. Es geht um eine Haushaltsauflösung, wie ich höre, denn die Tante M. sei kürzlich gestorben, und nun sollen der T. und seine beiden Vettern aus dem Haus mitnehmen, was ihnen gefällt. Den Rest hole dann einer ab.

„Und?“, frage ich und versuche, mit dem Telephon am Ohr meine Tasche wieder einzupacken, aus der ich im Laufe eines Tages alles herausreiße, was ich gerade brauche. Mein Schlüssel liegt unter einem Stapel Aufsätze. Mein Portemonnaie auf dem ersten Band des Landmann/Rohmer, und mein Handy suche ich ein bißchen, bis mir einfällt, dass ich gerade telephoniere.

„Starkes Stück …“, meint der T. und verstummt kurz ob des dramatischen Effekts. Das übliche Einerlei von Porzellan und Leinen gebe es halt, sagt er abschätzig und fragt, ob ich noch etwas brauche. Wir brauchen aber alle nichts, das weiß der T. genau, weil jeder mitteleuropäische Mensch unter 40 vier bis fünf Erbschaften macht, bei denen er genug Leinen erbt, um sein Haus damit zu verhüllen, und ausreichend Porzellan, um mehr Gäste zu bewirten als er Leute kennt. Ein paar Bilder habe es auch noch gehabt, das übliche an Seestücken, Jagdszenen und ein paar hässliche Figurinen. Was aber die Erbschaft der Tante M. zu etwas ganz Besonderem mache, sei ihr Keller.

„Habt’s ihr ein Verließ mit wem drin gefunden?“, frage ich nach, denn wie die Welt weiß, pflegt man in der österreichischen Provinz derweilen ab und zu zu tun. Zwar hat man bisher noch nichts von weiblichen Tätern gehört, aber Frauen schließen schließlich in allen Lebensbereichen auf und sperren bestimmt schon ganz bald kleine Buben in ihre Keller.

„Naaa.“, verneint der T. abfällig. Mit Schränken voll gewesen sei der Keller der Tante M. Nicht mit Gefangenen. Mehr als zehn Schränke hätte sie gehabt, alle randvoll mit Kleidung, aber nicht mit normaler Kleidung, sondern

(kurz denke ich an schwarze Latexanzüge)

mit Uniformen drin, mit nichts als Uniformen, Husaren und Matrosen, einfache Infanterie und knallbunte Kavallerie, Deutsche und Österreicher und Russen sogar, Gardeuniformen und Bundeswehruniformen, sogar ein Feuerwehrmann sei dabei gewesen, zwei Pickelhauben, ein Polizist ebenfalls, und sorgfältig verpackt in ganz vielen Kartons Polaroids der Tante, die die Uniformen trägt, erst jünger, dann älter, und am Ende schon recht traurig und gebeugt.

„Oha!“, sage ich, „Ein bißchen ungewönlich, die alte Dame.“, und laufe mit dem Telephon am Ohr zu den Fahrstühlen. „Und was machst du jetzt mit den Uniformen?“, frage ich auf dem Weg zum Fahrradständer und grabe nach meinem Schlüssel.

„Na, mir passen sie ja eh nicht.“, höre ich noch, und dann ist die Verbindung endgültig weg.

Ob da nichts fehlt

Ach, denke ich auf dem Rad zurück ins Büro. Ist denn niemand mehr verliebt? Leben fast alle Menschen, die ich kenne, längst zu zweit in ihren Wohnungen, sitzen abends mit einem Glas Wein auf dem Sofa und betrachten ihren langjährigen Partner wohlgefällig als eine hochgeschätzte Selbstverständlichkeit, die man ungefähr so gut kennt wie seinen Unterarm? Ist das aufregendste Ereignis im Leben aller meiner Freunde das Warten auf eine Schwangerschaft, auf den Tag, an dem das Kind sitzt, spricht oder sich aufrichtet oder die Suche nach dem absoluten Haus?

Haben denn Kinder und Häuser den Nerv komplett ausgebrannt, der früher anfing zu zucken, wenn man einen Abend mit jemand ausgegangen ist, der einem schön und spannend und wild und klug erschien? Denkt eigentlich niemand mehr außer mir, wenn er tolle Leute trifft, ob er die auch hätte haben können und wie die wohl so ohne alles aussehen und ob es schön wäre, mit denen, oder irgendwie anders als das, was man hat.

Ob den anderen denn nichts fehlt, überlege ich mir und trete in die Pedale. Heiß ist es heute, so heiß wie früher, als der Sommer noch nach Abenteuern roch, nach Asphalt und blühenden Bäumen und Hundehaufen und Bier und Parfum. Heute abend aber wird in meiner Welt trotz Sommer nichts mehr passieren, denn die Sommer für mich, so scheint’s, sind vorbei, und was mir bleibt, ist vielleicht nur ein kühler Herbst mit fallendem Laub und ruhigen, klugen, abgeklärten Gesprächen weit abseits von Lachen, von Flieder, von Sommernächten und Rauch.

Gurke

Jeden Freitag morgen kommt ein Lieferdienst aus dem brandenburgischen Dorf Brodowin und stellt mir eine grüne Kiste mit Obst und Gemüse vor die Tür. Eier und Milch habe ich auch abonniert. Die Lieferung ist durchweg bio. Dieser Lieferdienst kostet 15 Euro pro Woche und ist fast ausnahmslos ganz, ganz großartig.

Es gehört zu den Prinzipien dieses in Berlin sehr populären Dienstes, dass man nicht weiß, was man bekommt. Der Kisteninhalt ist vorwiegend, aber nicht nur, aus der Gegend, man bekommt daher im Winter keine Erdbeeren, sondern ziemlich viel Kohl und Möhren. Im Sommer wird es dagegen bunt. Jede Woche, gleichgültig oder sommers oder winters ist ein Salat dabei, den esse ich manchmal am Freitag abend und meistens am Wochenende. Bisweilen ist der Salat dann schon schlaff, dann werfe ich ihn weg und ärgere mich ein bißchen.

Vorgestern morgen öffne ich also wie jeden Freitag die Tür, da steht die grüne Kiste, und auf der Kiste liegt ein Kopfsalat. Ich freue mich. Ich liebe Kopfsalat. Am liebsten esse ich Kopfsalat in einer riesigen Schüssel, übergossen mit einer Vinaigrette aus Weißweinessig und Olivenöl und Zwiebeln und Kapern und Senf und einem fein gewiegten, harten Ei. Meine Salate sind, anders als die Salate anderer Leute, nur so mäßig gesund, weil meine Dressings aus Prinzip fetter als ein Schweinebraten ausfallen, und außerdem mag ich Salat nur mit Fisch, Fleisch, Käse oder Eiern.

Außer dem Salat liegen auch ein paar Tomaten in der Kiste. Eine Schlangengurke gibt es auch. Ich denke an eine große Salatschüssel mit Parmesanspänen und Eierscheiben und stapele alles ordentlich in den Kühlschrank. An tödliche Durchfallerkrankungen denke ich gar nicht, weil ich Krankheiten meistens nicht so ernst nehme. Ich denke ja immer, dass die konsquente Risikovermeidung mehr Einbußen bedeutet als die vereinzelte Verwirklichung eines Risikos.

Am Freitag abend dann taucht der J. bei mir auf. Der J. war die ganze Woche beruflich unterwegs, er ist mächtig hungrig, öffnet den Kühlschrank und – ja, das ist keine Übertreibung – erstarrt. Der J. sieht dem Tod einige Sekunden in die offenen Augen. Dann schließt er den Kühlschrank wieder und ächzt erschüttert.

„Bist du wahnsinnig.“, schüttelt der J. ungläubig das Haupt und befiehlt, das todbringende Gemüse zu entsorgen. Ich weigere mich. Ich will den Salat, ich glaube nicht, dass ausgerechnet meine Brodowiner Gurke kontaminiert sein sollte, und dann beenden wir die Diskussion. Am nächsten Morgen fahren wir weg. Freunde heiraten in der Altmark, wir essen beide fürchterlich viel und fürchterlich gut, übernachten in einem extrem geschmacksneutralen Hotel, vollgestopft mit abstrusen Dekorationsobjekten, wie man sie in Möbelhäusern sehen kann, und dann fahren wir wieder heim.

Zu Hause stehe ich wieder vorm Kühlschrank. Dem J. kann ich mit einem großen Salat nicht kommen. Es gibt also einen Blumenkohl, Senfsauce, gekochte Eier und Kartoffeln, und mit ein bißchen Bedauern schaue ich die Tomaten und die Gurke an. Dann esse ich etwas und lese Zeitung.

Zeitungen sind in diesen Tagen ja fatal. Andauernd, lese ich, sterben Leute an Gurken, Salatesserinnen sind besonders gefährdet, und mein Plan, morgen abend salattechnisch in die Vollen zu gehen, wird auf einmal etwas zweifelhaft. Morgen ist der J. nicht da, da zetert keiner, wenn ich die Salatschüssel fülle, aber andererseits ist eine Schüssel Salat nun auch keinen plötzlichen Tod wert. Einfach so ins Bockshorn jagen lassen will ich mich dann aber auch wiederum nicht. Mein Gott, denke ich. Ich habe 15 Jahre geraucht. Was sollen mir amtliche Empfehlungen.

Am Ende verschiebe ich die Entscheidung auf morgen. Der Salat ist dann bestimmt hin. Was mit den Tomaten und Gurken ist, wird sich herausstellen. Wenn dieses Blog also ab morgen einfach versiegt … Es war schön mit Ihnen. Es hat mich sehr gefreut.