Ruhig sein soll.

Nichts, sage ich. Zumindest nichts Nützliches. Und nicht so viel. Einfach herumliegen würde ich derzeit sehr gern, bevorzugt am See, Wälder rundherum, ein blauer, straff gespannter Himmel.

Niemand sollte anrufen können und keiner kommen. Vielleicht höchstens (am Wochenende gern, gern auch spät abends) der J. Träge glucksend soll Wasser auf Kies und Steine schlagen, ein par Katzen sonnen sich träge auf Stapeln von Holz, und die Stunden wehen unhörbar vorbei wie ein Duft nach frisch geschlagenen Bäumen, nach Harz und Rauch über Hügeln.

Der B., die D. und das Vergessen

„Hey!“, begrüßt mich der B. auf dem Markt vorm Stand vom Metzger und schiebt mit der linken Hand seinen kleinen Sohn an einer Frau mit Zwillingswagen vorbei. Es gehe ihm gut, entnehme ich dem kurzen Gespräch in der Schlange, er habe die Kanzlei gewechselt, seine Freundin geheiratet, mit der er das Kind hat, und ganz um die Ecke eine Wohnung gekauft. – „Schöne Grüße an die D., wenn ihr euch noch seht!“, lässt er noch ausrichten, als die Verkäuferin mich zum zweiten Mal aufruft, zu bestellen. „Richt‘ ich aus!“, wende ich mich noch einmal kurz nach hinten und ordere dann frische Weißwürste, ein Stück Leberwurst und werfe einen begehrlichen Blick auf die Lammrippchen. Dann gehe ich heim.

„Ach – der!“, gluckst die D. am Montag drauf, als ich die Grüße ausrichte. Der, meint sie. Der mit den Halluzinationen. Die D. lacht und auch am Telephon höre ich die D. fröhlich den Kopf schütteln. Dann fällt auch mir alles wieder ein: Der B. und die D. und der nie geklärte Pfingstmontag.

Eines Tages nämlich – das ist schon ziemlich lange her – saßen die D. und ich vor dem 103 in der Kastantienallee. Da gehen wir schon lange nicht mehr hin, aber damals waren wir andauernd da, frühstückten, tranken frischen Pfefferminztee und den schlechtesten Wein der Stadt, und meistens trafen wir irgendwen, weil alle dahingingen. An diesem Tag, es war ein Pfingstmontag, trafen wir irgendwann spät auch den B. Der B. war ein Bekannter von mir, der D. aber sichtbar auf Anhieb sympathisch.

Was wir alles getrunken haben, habe ich vergessen. Irgendwann schloss das 103 und der große, schlanke Kellner, der, glaube ich, Klaus heißt, klapperte so ausdauernd mit Gegenständen, dass wir gingen. Irgendwann waren wir dann in Mitte. Und in Friedrichshain. Und noch später wieder in der Metzer Straße in der Wohnung vom B.

Die Wohnung vom B. war damals eine Art antibürgerliche Installation. Es war wirklich schmutzig, aber es gab noch Bier und Wodka, und als ich ging, war sogar immer noch etwas da. Mit mir brach der K. auf, den hatten wir irgendwo in Mitte aufgelesen, und erzählte mir am Rande des Bauspielplatzes in der Kollwitzstraße eine lange, ziemlich unwahrscheinliche Geschichte. Während dessen wurde es unfassbar hell.

Ein paar Tage später traf ich die D. wieder irgendwo. Es sei nicht mehr viel passiert in dieser Nacht, meinte sie eher beiläufig. Sie sei irgendwann beim B. auf dem Sofa eingeschlafen und am nächsten Morgen hätte sie mit dem B. im MS Völkerfreundschaft gefrühstückt. „Netter Kerl so an sich.“, meinte sie, und dann sprach sie nicht mehr vom B.

Der B. dafür sprach um so mehr von der D. Anders als jene meinte der B. nämlich sich durchaus an bemerkenswerte Vorfälle zu erinnern, auch sei das Frühstück (hier stimmten wenigstens wieder die gemeinschaftlichen Rahmendaten) durchaus romantisch verlaufen, und so fühlte sich der B. wohl durchaus zumindest subjektiv zu recht enttäuscht, dass die D. keinerlei Anstalten machte, sich erneut zu verabreden oder sich zumindest an ihn zu erinnern. Auf ein oder zwei SMS kam wohl keine Antwort.

Die D. dagegen schwor Stein und Bein, da sei nichts gewesen. Die D. gehört auch nicht zu den Leuten, die solcherlei Intermezzi absichtsvoll verschweigen. Man darf der D. daher abnehmen, dass sie sich zu Erinnerungen bekennen würde, besäße sie jene, und auch, dass sie derlei Ereignisse an sich nicht einfach vergisst. So viel, dass das Vergessen pharmakologisch bedingt eingetreten sein könne, habe sie zudem bei weitem nicht getrunken, behauptet die D. bis heute und so schwebt ein Mysterium über diesem Pfingstmontag, ein dunkler Fleck in der Privatgeschichte der D.und des B., unaufklärbar wie alle wahren historischen Rätsel.

Unerträglichkeit am Sonntag

Jeden Sonntag steht in der Zeitung, die Gegenwart sei eigentlich nicht auszuhalten. Letzten Wochen heulten irgendwo die Dreißigjährigen, die Wahlmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Lebensmodellen machten sie depressiv. Heute behauptet ein bücherschreibender Pädagoge oder Kinderpsychiater oder so in der FAS, dass Eltern auch wegen der vielen schlechten Nachrichten in der Zeitung zu unentspannt seien und deswegen ihr Nachwuchs trotz größter Bemühungen psychisch missrate. Man müsse mehr intuitiv erziehen und den Katastrophenmodus verlassen. Nächste Woche weinen dann vermutlich wieder die Sozialverbände.

„Glaubst du, den Leuten geht es wirklich seelisch so dreckig?“, frage ich den J. und verteile den restlichen Orangensaft möglichst gerecht auf beide Gläser. „Ausgeschlossen ist das nicht.“, gähnt der J. und liest nicht ohne einen Anflug genießerischer Schadenfreude etwas über die Malaisen der Katholischen Kirche. Der geschätzte Gefährte ist evangelisch und freut sich – auch wenn er es nicht zugeben würde – gelegentlich ein bißchen über die schlechte Presse der Konkurrenz. Manche Leute, gibt er dann noch zu bedenken, seien halt einfach etwas empfindlicher als andere.

„Aber wieso schreiben dann immer nur die die Zeitungen voll?“, frage ich mehr mich als ihn und schneide möglichst gerade Scheiben vom Stilfser Käse. Der J. zuckt mit den Achseln und sagt nichts, weil man mit vollem Mund nicht sprechen kann, und verzehrt den letzten Rest eines sehr alten, kristallin erstarrten rot-goldenen Goudas.

„Das ist doch bestimmt eine ganz besonders raffinierte Strategie.“, fahre ich fort und schaufele mir weiteren Tomatensalat auf den Teller. Es ist doch kein Zufall, dass so etwas immer in den Sonntagsblättern steht. Da sitzen irgendwo die Redaktionen, planen ihr Blatt, und überlegen, was der Sonntagsleser ganz besonders gern lesen will, wenn er da so sitzt, morgens um elf mit wuscheligem Haar und Schlaf in den Augen und einem Latte Macchiato im Glas. Am Sonntag sind die meisten Leute ja mit sich total im Reinen. Alles, was man so machen muss, hat man – wenn man es denn tut – am Samstag erledigt. Der Kühlschrank ist voll. Das Diensthandy liegt saftlos und unbeachtet in einer Schreibtischschublade. Um die Hosenbeine streichen die Katzen, und um dieses Hochgefühl sonntäglichen Müßiggangs noch weiter zu steigern, schreiben die Zeitungen, wie schlecht es anderen Leuten geht, die Entspannungs- oder Entscheidungsprobleme haben.

Der Sonntagszeitungsleser soll sich dabei wohlig gruseln und ein klein wenig überlegen fühlen, weil er sich eigentlich immer und mühelos entspannt, sobald man ihn lässt. Außerdem hat er ein Gesprächsthema, wenn er mit dem Gefährten seines Frühstücks erörtert, ob es eigentlich wirklich Leute gibt, die sich von den Katastrophen, die in der Zeitung stehen, irgendwie beunruhigen lassen, und bestimmt – so vermutlich das Kalkül der Blattmacher – kauft er auch nächstes Wochenende eine Zeitung und freut sich seiner Existenz.

Ja, ausgerechnet Rhabarber!

Mit der Mode ist es ja eine Sache. Man will auf der einen Seite nicht jeder Mode hinterherrennen, weil man das für ein Zeichen für Dummheit hält, ganz unberührt bleibt man aber auch nicht auf der anderen Seite, denn man ist ja in der Welt, sogar sehr in der Welt, weil man halt nicht in einer abgelegenen Ecke eines Mittelgebirges in einem Dorf ansässig ist, sondern mehr so mitten in Berlin, und als Berlinerin steht man also am Sonntag früh beim vietnamesischen Supermarkt herum, eine FAS in der einen Hand, ein Stück Butter in die Zeitung geklemmt und obendrauf ein Liter Rhabarbersaft. Rhabarbersaft zur häuslichen Zubereitung von Schorle.

Weil der vietnamesische Supermarkt am Sonntag die quasi einzige Gelegenheit zwischen Greifswalder Straße und Volkspark ist, einzukaufen, ist die Schlange an der Kasse lang. Vor mir stehen vier Leute mit Körben in der Hand, teilweise mit kleinen Kindern, und weil ich neugierig bin, mustere ich die Körbe ein bißchen, was die anderen Leute so kaufen. Milch wird viel gekauft, registriere ich. Butter scheint auch bei anderen Leuten überraschend oft gerade am Wochenende auszugehen. Außerdem kauft man Saft, Rhabarbersaft, um genau zu sein, der in drei von vier Körben in der Schlange vor mir liegt, und ich kräusele ein bißchen unbehaglich die Nase, weil es ja – siehe oben – gerade nicht so ein angenehmes Gefühl ist, genau das zu kaufen, was alle kaufen, denn auch ich glaube nicht gern von mir, jeder Mode hinterherzulaufen, die gerade die Stadt durchquert, selbst wenn es eine so wenig auffällige Mode sein mag, wie der kollektive Umstieg von tout Berlin von Bionade auf Rhabarsaftschorle, der mir aus den kleinen gelben Körben in der Schlange an der Kasse entgegenspringt.

Dass auch alle anderen Leute Sonntags eine FAS kaufen, überrascht dagegen nicht, Was sollen sie auch sonst kaufen; das Sonntagszeitungswesen ist ja so ein bisschen monopolisiert, wenn man die WamS nicht kaufen will. Nur der erste Käufer in der Schlange hat keine FAS im Korb, sondern einerseits den Kicker und andererseits 11 Freunde. Nicht zum Abkassieren, sondern einfach so, hat er außerdem zwei Kinder dabei, augenscheinlich Zwillinge, circa vier, die beide in Polos und Chinos und Chucks zwar unterschiedlich bunt, aber ansonsten ganz gleich angezogen neben ihm lebhaft auf und nieder hopsen.

„Ja, ausgerechnet Rhabarber! Rhabarber verlangt sie von mir!“, brüllen die beiden kleinen Buben überraschend melodisch, und der eine, der mit dem roten Polo mit dem grünen Pferd, schwenkt einen Liter Bio-Rhabarbersaft so wild hin und her, dass wohl nicht nur ich schon größere Katastrophen wittere, die dann aber – Gott sei’s gedankt – nicht eintreffen.

„€ 8,65!“, sagt die Frau an der Kasse, und der andere Zwilling legt einen zerknitterten Zehner auf den Tisch.

In Ordnung

„Weiß nicht.“, sage ich. Ich arbeite zuviel. Ich habe so viel zu tun wie zuletzt 2007 und fühle mich dabei gar nicht wie irgendwas, sondern nur einfach so da. Das ist eine etwas merkwürdige Empfindung, ganz gut, aber emotional ein bißchen entkernt und vor allem bin ich meistens ein bißchen müde.

„Stell dich nicht so an.“, sage ich mir und schneide lustige Grimassen vor dem Spiegel, damit es auch mal was zu lachen gibt, mache die Dinge, weil sie anstehen und esse abends schweigend und erschöpft mit einer Zeitung in der Hand ein paar Tomaten oder eine Suppe oder etwas, was ich mir auf dem Heimweg hole, wenn der Thai um die Ecke noch offen hat und mir etwas kocht.

Früher war in solchen Nächten Sommer, denke ich auf dem Heimweg, kurz nach elf, und schaue in die schwarzen Bäume. Auch nächstes Jahr wird wieder Sommer sein, denke ich dann und überlege, wie das alles wohl wird, und fahre heim und mache weiter, denn navigare necesse est und alles in allem schon ganz okay.

Im Regen

Dann aber, am Sonntag nachmittag, in der Loggia zu stehen, als es regnet, als wolle es nie wieder aufhören, und in den Regen hinauszuschauen, der die Straßen füllt und die Räume zwischen den Häusern und Menschen. Das kleine Mädchen im nassen Kleid auf der Straße beinahe ein bisschen zu beneiden, dass freudig durch das Wasser springt, denn kalt ist es ja nicht, und es spritzt weiß und gischtig so hoch, wie das Kind gerade noch reicht.

Schon steht das Wasser bedrohlich hoch auf der Straße und füllt die Gullies wohl ganz. Schon läuft es in die ersten Keller. Heftig peitscht auch der Wind. Die Bäume vorm Haus schleudern ihr Laub hin und her wie Priester in ekstatischem Tanze. Immer dichter wird der Regen, immer mehr fällt und prasselt und drückt als heller Strahl durch die Straßen, als müsse alle Leere mit Bewegung gefüllt werden, und das Wasser drängt die Luft mit Macht in die offene Tür.

Schön wäre es jetzt wie das Kind da unten durch den rauschenden Regen zu laufen. Im Bikini auf dem Fahrrad zu fahren, durchnässt, heiter, johlend und lachend die Linden abwärts zu fahren, durch die Pfützen zu gleiten, nass bis auf die Unterseite der Haut. Warm sollte es sein, noch viel wärmer als heute, hell der Himmel trotz der strömenden Wasser, und ganz über die Ufer getreten auch ich, glitzernd vor Nässe und glitschig vor Glück und neugeboren und feucht dann schließlich am Abend in Ruhe zu Haus.

Die Welt von gestern

„Das ist merkwürdig.“, sage ich zum J. beim Essen. In den letzten zehn Jahren muss irgendetwas passiert sein, denn als wir so alt waren wie die, die derzeit in der halben Welt demonstrieren, hatten wir diese Angst nicht im Geringsten, mit unseren Examen nichts anfangen zu können.

Anfang, Mitte zwanzig waren wir damals. Die New Economy war gerade vorbei, aber bis auf ein paar Parties haben wir davon nichts mitbekommen. Die Kanzleien wurden gerade groß und stark und international, fusionierten in alle Richtungen und luden uns ein zu Vorträgen oder Essen oder irgendwelchen Events, auf denen die Partner der Kanzleien über Deals und Gehälter sprachen, die wir aufregend fanden und ein bißchen frivol für Leute wie uns, die ja praktisch nichts konnten. Die Unternehmensberatungen stellten ein, wenn jemand etwas eher Exotisches studiert hatte. Die Verbände boten Jobs, die Unternehmen Trainee-Programme, und meine Freundinnen gingen reihenweise zum Staat und wurden Ministerialbeamtin und Richterin oder leiten heute irgendwo ein Finanzamt.

Angst, auf der Straße zu sitzen, hatte niemand von uns. Wir promovierten, weil es noch nicht so schnell losgehen sollte mit dem Erwachsensein, und bekamen alle entweder einen Job an der Uni oder ein Stipendium. Es war genug für alle da.

Dass es damit vorbei zu sein scheint, haben wir nicht bemerkt. Wir wurden Senior, Partner, Richter am Landgericht, Regierungsdirektor. Wir haben uns Wohnungen gekauft und Kinder bekommen. Wir sind 35. Wir fahren ein bißchen herum, wir gehen ins Theater, wir kochen, wir lesen viel und wir sehen kaum fern. Vielleicht haben wir Teile der Welt einfach ausgeblendet, weil sie nicht so schön aussehen und uns ein bißchen ratlos machen. Wir zahlen unsere Steuern, wir wählen am Ende dann doch alle grün, wir wissen auch nicht weiter, und wenn wir uns fragen, wann die Welt sich verändert hat, zucken wir mit den Achseln.

Ich weiß es nicht, sagen wir dann. Ich habe davon nichts mitbekommen.

Die Sintflut in München

Wenn die Froschperspektive von Zeitgenossen illustriert werden soll, werden immer gern Tagebucheinträge aufgeführt, in denen am Tage eines Kriegsausbruchs oder so von Kino oder Verdauungsbeschwerden die Rede ist. Die Zeitgenossen stehen dann immer so etwas tölpelhaft dar.

Ein bißchen hemmt so etwas natürlich, wenn der Kapitalismus, wie es scheint, nicht nur an den Rändern ein wenig bröselt, und man selbst statt an die Finanzkrise am ehesten ans miese Wetter denkt. Man will ja nicht allzu dumm dastehen. Allerdings ist es schon eher schwer, nicht an den Regen zu denken, wenn man in viel zu leichten Schuhen klatschnass durch München irrt, weil man sich irgendwie im Umgang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln verfranzt hat.

Noch vor wenigen Jahren hätten der J. und ich uns in solchen Momenten gestritten und möglicherweise zumindest bis zum Zielort getrennt. In Tunis beispielsweise. Auf dem Weg von Amsterdam an die Mosel. In Paris. Oder auch schlicht in den Parkhäusern an der Uni, in der der J. sich meistens nicht mehr erinnern konnte, wo sein Auto steht. Weil keiner von uns auch nur annähernd Karten lesen kann oder ein natürliches Orientierungsgefühl mitbringt, sind wir dann meistens eher länger unterwegs. Inzwischen tragen wir solche Momente aber mit Fassung und Demut. Es nützt ja nichts.

Diesmal laufen wir zum Auftakt erst zweimal um den Bahnhof. Irgendwie passt die Richtung nicht, dann wollen wir – es regnet mehr – doch lieber Bahn fahren, schließlich besteigen wir die Bahn und dann kommt eine Durchsage, die Bahn fahre heute nicht dahin, wo wir wollen. Wir steigen also aus und in eine Tram.

Diese allerdings scheint nicht so optimal zu sein, wie es anfangs aussah. Es ist nicht die 18, sondern die 27 oder umgekehrt, aber weil die Richtung stimmt, bleiben wir sitzen. Man kann das Museum ja auch schon sehen, trösten wir uns. Außerdem bin ich ohnehin schon völlig durchnässt. In meinen Ballerinas steht einen Zentimeter hoch das Wasser.

Der Regenschirm reicht ungefähr für meinen Kopf. Es gießt, als beginne heute die Sintflut. Käme eine Arche vorbei, ich fände das ganz logisch, aber natürlich kommt keiner, sondern irgendwann kommen wir beim Museum an. Inzwischen bin ich ungefähr so nass, als sei ich voll bekleidet in ein Schwimmbad gestiegen.

Ins Museum kommen wir auch nicht. Anscheinend will die ganze Stadt das Museum bevölkern. Statt ins Museum gehen wir also erst ins Museumscafé, dann schleppen wir uns eine Ecke weiter zum Essen, und als es irgendwann aufhört zu regnen, brechen wir auf. Es ist trüb, kein Vergleich mit Samstag, aber immerhin reicht es für einen langen Spaziergang zum Bahnhof zurück.

In den Schaufenstern der Maximilianstraße prangen die Taschen und Kleider, als gebe es keine Krise. Der J. und ich zeigen uns, was wir hübsch finden und machen uns ein bißchen lustig über Leute, die sehr hässliche Sachen kaufen und tragen. Wenn es abwärts geht mit der Welt, dann liegt es jedenfalls nicht an Kaufverweigerung durch den geschätzten Gefährten und mich, denke ich und wäge ab, was gegen eine grüne Echsentasche spricht. Irgendwo weit weg von hier knarrt und raschelt es im Gebälk. Irgendwo werden viele Leute telephonieren, wie nun umzugehen sein wird mit der Lage, in der jede Woche ein paar Ziegel vom Dach zu fallen scheinen, und ab und zu kracht ein morscher Balken einfach ein. Hier aber laufen wir durch die Innenstadt, kalt und nass kleben meine Schuhe an den Füßen, und als ich irgendwann im Flugzeug nach Hause sitze, fühlt die Welt sich an wie immer, auch wenn das vielleicht gar nicht mehr stimmt.

Madame macht das Beste draus

Schön, denke ich. So ganz und gar der Trägheit nachzugeben. Den schon bestellten Tisch wieder abzusagen, das Kinoprogramm erst gar nicht nachzuschauen. In keine Bar, zu keinem Konzert. Statt dessen zu Hause auf dem Sofa zu liegen, die Beine angewinkelt. Gegen die Scheiben trommelt der Regen, als wolle auch er herein. Die Geliebte des französischen Leutnants zu lesen, einen weißen Tee zu trinken und das Kuchenbacken auf später zu verschieben. Der W. kommt doch erst morgen.

Leise Musik. Ein wenig zu frösteln, das Plaid hochzuziehen bis unters Kinn. Ich habe die dicken Socken an, die meine Großmutter gestrickt hat vor fast schon zehn Jahren. Der Tee dampft. Die linke Hand auf dem Köpfchen der Katze, im Schlafzimmer hustet der ziemlich erkältete J.

Schon ganz okay, denke ich mir, gähne ein bißchen vor mich hin und verbiete mir, an den Sommer auch nur zu denken.

Kleine Grübelei über Töpfe und Deckel

Man hat sich ja nicht erst seit gestern gefragt, wer die hässlichen Leute aus der U-Bahn eigentlich heiraten soll, die schlecht angezogen öffentlich laut telefonieren und mit einem bemerkenswert wenig differenzierten Wortschatz dabei ganz unglaubliche Dinge zum Besten geben. Thematisiert man aber dieses Erstaunen gegenüber Dritten, so bekommt man meistens die Antwort, dass auch diese zerbeulten Töpfe Deckel finden, die dann eben auch genauso zerbeult seien.

Mit den Jahren aber häufen sich die Verdachtsmomente, dass nicht wenige zerbeulte Töpfe ihr zerbeultes Pendant nicht haben wollen. So hört man von alleinstehenden Frauen ab und zu, alle Männer, die sie kennenlernen, hätten einen Hau, würden kaum kommunizieren, seien durchweg Versager und wollten keine Familie. Von den Männern liest man, die deutschen Frauen seien hartherzig, dick, überemanzipiert (was auch immer das heißen soll) und nicht so sonderlich weiblich.

Natürlich trifft das nicht zu. Das weiß jeder, der ab und zu auf die Straße geht und mit Leuten spricht. Es gibt Hunderte blendend aussehender Männer in Mitte. In einigen Bars verkehre ich nur, wenn es mir gerade ganz, ganz prächtig geht, weil alle anderen Frauen so hübsch sind, dass ich mir vorkomme wie, nun, wie eine einzige Beule. Die meisten Männer, die ich kenne, haben verhältnismäßig gut bezahlte und spannende Jobs, hegen den Wunsch nach einer Familiengründung, interessieren sich gleichermaßen für Theater wie Fußball und können klug darüber (und über alles andere) reden. Auch die meisten Frauen rund um mich herum sind gut angezogen, lustig, machen beruflich irgendetwas Interessantes, gehen entspannt damit um und tragen maximal Größe 38. Es liegt also nicht daran, dass es keine interessanten Männer und Frauen gibt. Es liegt wohl – das muss man so hart sagen – an den Leuten, die trotz ihrer Beulen im Blech nur eine Prunkvase wollen.

Der Presse entnehme ich, die Männer suchen ihr Prunkgefäß dann gern im Ausland, wo auch ein unscheinbarer Systemtechniker eine ganz hübsche Frau bekommt, die ihm selten widerspricht. Für die einheimischen Damen scheint das kein besonderer Verlust zu sein, ich jedenfalls hätte mich nie mit einem der in diesem Artikel beschrieben Herren verabredet, weil sie nicht so sonderlich amüsant und dafür ziemlich konventionell wirken. Die Frauen, so nehme ich an, kaufen sich nach der erfolglosen Prunkgefäßsuche irgendwann eine schöne Katze, zünden sich selbst Kerzen an und haben fröhliche, nette Freundinnen, mit denen sie in Urlaub fahren. Ich war nie lange Single, aber das Leben meiner alleinstehenden Freundinnen sieht aus meiner Warte nicht unkomfortabel aus.

An sich müssten die Männer und Frauen mit den Beulen mit dem Ausgang der Suche so ganz zufrieden sein. Die Männer hocken mit einer polnischen Frau in einem Häuschen in Spandau. Die Frauen streicheln in Charlottenburg ihre Katzen, und so wundert es mich jedesmal ein bißchen, wenn ich die erbitterten Kommentare unter Artikeln wie dem oben verlinkten lese, in denen Leute einen Geschlechterkrieg ausfechten, der an mir vorbeigegangen sein muss und den ich nicht einmal aus der Distanz mitbekomme, es sei denn im Netz.