Mir ist langweilig. Ich habe zu tun, so ist das nicht. Ich arbeite vielleicht sogar – wie meistens eigentlich – ein bißchen zu viel, erst recht für jemanden, der sich an sich im sogenannten Mutterschutz befindet, aber Arbeit ist (entgegen anderslautender Gerüchte) ja keine Beschäftigung, die für ein amüsantes Leben ganz allein ausreicht. Ansonsten ist aktuell alles ein wenig öde: Im Kino war ich schon gestern. Theater ist okay, aber auch nichts für jeden Tag. Ausgehen macht keinen Spaß. Nachdem mir vor einiger Zeit ein Bekannter angewidert mitgeteilt hat, dass die vielen Frauen mit den Babybäuchen ihn aus ästhetischen Gründen aus Prenzlberg vertrieben haben, geniere ich mich nämlich in manchen Bars ein bißchen. Schließlich geht keiner vor die Tür, um dicke Frauen zu sehen.
Essen gehen ist okay. Da muss man schließlich auch mit dicken Leuten rechnen. Besuch von Freunden ist gut. Ansonsten sitze ich hier herum und mopse mich ein bißchen. Um mich auf das göttliche Wunder des Lebens einzustimmen, habe ich mir ein paar Bücher bestellt. Ab und zu schaue ich einen Film.
„Was machen eigentlich andere Leute in dieser Lage den ganzen Tag?“, frage ich mich und meine Umgebung. Eine vernünftige Antwort habe ich noch nicht bekommen. Meine Freundin M. hat, glaube ich, ziemlich viele DVDs gesehen. Die I.2 hat bis zum Schluss gearbeitet. Ich dagegen werde – so habe ich mir das überlegt – mir Geschichten ausdenken:
Ich werde mir eine Frau ausdenken. Ich werde ihr einen Namen geben und ein Alter. Eine Biographie. Ich werde sie mit meiner Langeweile ausstatten und sie losschicken, sich zu amüsieren.
Lauf, werde ich sagen. Lauf. Und dann schaue ihr zu.
Man versteht es nicht. Aber irgendetwas muss an der Idee dran sein. Irgendetwas treibt bis dahin ganz normale Leute, mit Mitte 30 die Innenstadt zu verlassen und sich irgendwo am Stadtrand ein Haus zu bauen. Irgendetwas muss diesem Haus anhaften, dass Leute ein klein bißchen den Verstand verlieren, denn bei Licht betrachtet ist es doch so:
Häuser liegen am Ende der Welt, und das ist in Berlin ganz schön weit weg. Es baut sich ja keiner ein Haus im Prenzlauer Berg. Noch von Glück reden kann derjenige, der in Pankow oder Wannsee ein Haus besitzt, da fährt wenigstens noch die S-Bahn und es gibt Geschäfte, Eisdielen und Pizzerien. Die Mehrzahl der Häuslebauer aber zieht aus Geldmangel irgendwo hin, wo es schlechthin gar nichts gibt außer anderen Einfamilienhäusern, die im schlimmsten Fall – weil vom selben Bauträger errichtet – alle gleich aussehen und dicht an dicht in handtuchgroßen Gärten stehen. In den Garten passt dann knapp eine Schaukel samt Sandkasten. Grillen kann man nur, wenn die Nachbarn nicht zu Hause sind.
Weil die Häuser so weit weg von der Innenstadt stehen, sitzen die Bewohner nur noch im Auto. Morgens und abends dauert der Weg zur Arbeit eine Stunde, so dass selbst derjenige, der nur acht Stunden täglich arbeitet, zehn Stunden benötigt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn er dann erst mal zu Hause ist, fährt er natürlich auch nirgendwo mehr hin. Schließlich würde das ja wieder eine Stunde Hin- und Rückweg kosten, so dass ein Kinobesuch, ein schneller Drink nach der Arbeit mit einer Freundin, das spontane Klingeln bei Freunden, bei denen noch Licht brennt, komplett ausfallen. Entweder hat man dann ein tierisches Glück und die Nachbarn sind reizende Leute. Oder man hat dieses Glück nicht, dann muss man seinen Partner schon sehr unterhaltsam finden, denn Freunde hat man fortan nur noch theoretisch.
Zu alledem sind Häuser teuer. Okay, eine Wohnung im Prenzlauer Berg ist auch nicht umsonst, aber der fragwürdige Zauber des Hausbesitzens verführt Leute reihenweise dazu, sich in Kleinmachnow oder Lichterfelde West Häuser zu kaufen, die sie sich so gerade noch und eigentlich schon nicht mehr leisten können. Ab sofort reicht es dann natürlich nicht mehr für grandiose Gelage im Grill Royal, für Drinks galore in der King Size Bar. Für ein Wochenende in Paris, ein wunderschönes Gemälde, ein paar Schuhe von Loboutin. Alle Entscheidungen der nächsten Jahre, ach: Jahrzehnte, werden von der Notwendigkeit vorgegeben werden, das Haus zu finanzieren, und wenn es um die Frage geht, wer ein Jahr sein Büro verlässt, um ein Kind zu betreuen, wird es nicht danach gehen, was man sich so als wünschenswert vorstellt, sondern wer (wer wohl?) gerade weniger verdient.
Auch nicht wesentlich besser sieht es aus, wenn nicht die Bank, sondern die Eltern das Haus finanzieren. Ich habe keine wirklich repräsentativen Daten über die Frage, wie häufig Eltern einspringen. Ich meine, es müsste ungefähr in der Hälfte aller Fälle die Familie das Haus bezahlt haben, und natürlich ist auch das nicht umsonst. Man zahlt zwar keine Zinsen. Im besten Fall zahlt man gar nichts, außer verflucht viele Sonntagnachmittage, die man eigentlich lieber mit Freunden oder allein verbracht hätte als mit seinen Eltern. Mit der Verpflichtung, sich ziemlich viele Ratschläge anzuhören, wie man sein Haus ausstatten soll und seine Kinder erziehen und überhaupt sein ganzes Leben führen. Das ist total lieb gemeint und schlechthin nicht auszuhalten.
Zu alledem macht ein Haus richtig Arbeit. Auch ein kleiner Garten muss gepflegt werden. Ein Keller will aufgeräumt sein, ein Zaun gestrichen, mit den Fenstern, der Regenrinne, dem Dachboden muss irgendwas passieren, und während in Innenstadtwohnungen ein bisschen Toleranz und einmal die Woche eine gute Putzi reichen, sind Hausbesitzer eigentlich immerzu mit ihrem Haus beschäftigt, als seien nicht sie Eigentümer des Hauses sondern umgekehrt.
Irgendwann aber ist das Haus dann bezahlt. Man hat das Haus ungefähr zwanzigmal umgebaut, angebaut und neu isoliert. Im Garten plätschert ein Brunnen, im Wintergarten funktioniert die Fußbodenheizung inzwischen tadellos. Auf allen Etagen gibt es Badezimmer, die aussehen wie in Schöner Wohnen. Die Kinder sind so groß, dass man unbesorgt Bodenvasen aufstellen kann. Dann ziehen die Kinder aus. Man ist im Haus – zu zweit versteht sich – allein.
Auf Schlag ist das Haus viel zu groß. Statt vier bis fünf Personen, die schlafen, umherlaufen, Besuch haben oder duschen, sitzen zwei Fünfzigjährige im Wohnzimmer und lesen in der FAZ. Freunde kommen immer noch äußerst spärlich vorbei. Um selbst überhaupt noch vor die Tür zu kommen, hat man ein Abo in der Philharmonie. Man trifft sich mit anderen älteren Ehepaaren ab und zu in Weinbars oder Restaurants, in denen man dann nicht so viel trinkt, weil ein Taxi nach Griebnitzsee von Mitte aus ganz schön teuer ist, wenn man zwei Kinder hat, die studieren, und irgendwann ist man dann alt.
Man hat es sich irgendwann – da war man noch jung und musste sich den Kredit schönreden – mal ganz vorteilhaft vorgestellt, mietfrei zu wohnen, wenn man Rentner ist. Nun aber ist Berlin kalt, das Haus viel zu groß und irgendwie langweilt man sich zu zweit. Der Garten verwildert ein bißchen wegen eines Rückenleidens, das Gartenarbeit unmöglich macht. Die Kinder wohnen in London und Frankfurt und kommen selten vorbei.
Eines Tages stolpert man dann auf der Treppe und bricht sich was. Die Kinder überreden einen zu einer seniorengerechten Wohnung in der Innenstadt. Oder man hält die Einsamkeit nicht aus und reist jeden Winter drei Monate ans Mittelmeer oder nach Asien, jeden Frühling zu Kind 1 und jeden Herbst zu Kind 2. Im Sommer ist Berlin schön, dann ist man dann da.
Ganz am Ende fällt der Partner tot um. Nach der Beerdigung kann man unmöglich ins Haus zurück. Man setzt sich bei einem der Kinder ins Auto und fährt weg. Ein bißchen erleichtert ist man schon, dass man das Haus nicht mehr sehen muss. In einem Altenheim bezieht man ein kleines Appartement. Dann ist es vorbei. Gelohnt hat es sich nicht.
Man versteht es nicht. Aber irgendwas muss an dem Haus dran sein.
Zwischen dem Bulgogi und dem Kürbiskernparfait schlägt es zwölf und draußen knallt’s. Konfetti regnet uns über die Köpfe, das erst ein paar Stunden später daheim aus meiner Wäsche auf den Badezimmerfußboden fällt. Man umarmt sich, und immerzu fahren die Rettungswagen die Skalitzer Straße entlang. Musik, die dumpfen Schläge der Böller, Licht und Sirenen.
Im nächsten Jahr wird alles anders, prosten wir uns zu. Nur einen Schluck bekomme ich vom Champagner, aber Küsse gibt es genug, und zwischen dem Rauch, unterm Feuerwerk über Kreuzberg, wünschen wir uns, dass wir so bleiben, wie wir sind, nur in anderen Umständen, die schön und gut sein sollen, sowieso.
Gott ist, wie man weiß, gerecht. Humor hat er auch, denn er ist – auch dies ist bekannt – vollkommen, und in Erfüllung des göttlichen Gebots der Feindesliebe hat er, so nehme ich an, dem jüngst verstorbenen Atheisten Christopher Hitchens im Zwiegespräch vor seinem Throne einen letzten Wunsch erfüllt: Die Weihnachtspredigten müssen dieses Jahr ganz abscheulich verlaufen sein.
In einer Westberliner Kirche evangelischer Konfession etwa predigte die zuständige Pastorin eindringlich über den Schutz von Bruder Tier. Anwesende berichteten, die Gemeinde habe sich stimmungstechnisch etwas gedämpft unter den geißelnden Worten der Geistlichen geduckt und mit schlechtem Gewissen an die Gänse und Enten gedacht, die traditionell zu Weihnachten verzehrt werden. Besonders glücklich, so stelle ich mir das vor, ist man da nicht nach Hause gegangen, aber nun gut: Was erwartet man von einer evangelischen Pastorin. Der Protestantismus gilt schließlich nicht umsonst geradezu als ein Synonym für schlechtes Essen. Dass meine liebe C. in Ostberlin einem Weihnachtsgottesdienst der (ihr an sich fremden) ebenfalls protestantischen Konfession beiwohnen musste, bei der steifhüftige Berliner mit bunten Schals dezent schunkelnd Gospelgesänge feilboten, passt da natürlich ins Bild.
Doch auch die katholische Kirche blieb nicht verschont vom Humor des Herrn. So berichtete mir heute morgen ein Kollege, er habe in seiner niederbayerischen Heimat gleich zwei Messen beigewohnt, einer nämlich mit seinem Vater. Einer anderen dagegen mit seiner lieben Großmutter, die, mit ihrem ehemaligen Schwiegersohne im Streit zerfallen, getrennt besucht und zur Messe begleitet werden muss.
Die Messe in der Heiligen Nacht selbst fand in an sich gewohntem Rahmen statt. Auch den Pfarrer kennt mein Kollege seit vielen Jahren. Den Zorn und Eifer des geistlichen Herrn hatte er aber in den letzten Jahren im heidnischen Berlin irgendwie verdrängt, und so war er mehr als nur ein wenig peinlich berührt, als der Pfarrer (man schilderte ihn mir als ein kleines, rumpelstilzchenartiges Geschöpf mit krähender Stimme) begann, die Ungläubigen zu geißeln, die durch Lügen und Verleumdungen der Diener des Herrn die Nußschale des Glaubens zum Kentern bringen wollen. Insbesondere die überregionale Presse bekam in dem bayerischen Gotteshaus ihr Fett weg, denn diese habe die sogenannten Skandale, in die Rechtgläubige durch die Kinder des Teufels verwickelt worden seien, genießerisch ausgebreitet, wenn nicht sogar selbst erfunden. Besonders abgesehen hatte es der Pfarrer dabei auf die Süddeutsche Zeitung, die sich in diesen Kreisen keiner besonderen Beliebtheit zu erfreuen scheint.
Außer meinem Kollegen schien in dieser Kirche übrigens niemand die These von dem frei erfundenen geschlechtlichen Umgang katholischer Priester mit Kindern irgendwie anstößig zu finden, aber vermutlich gehen die Menschen, die ähnlich denken wie mein Kollege, schon seit geraumer Zeit dort einfach nicht mehr hin.
Immerhin gibt es Alternativen. So begab sich mein Kollege am Folgetage mit seiner über neunzigjährigen Großmutter in eine andere Kirche im Nachbardorf. Diese besucht die alte, schon etwas geistig wie körperlich hinfällige Dame seit Jahrzehnten. Neu allerdings war der Geistliche. Noch vor Jahresfrist war ein alter Priester vor Ort aktiv gewesen, der nun aber nicht mehr da war. Statt seiner stand ein junger Mann vor dem Altar, ein indischer junger Mann, genauer gesagt, und wirkte ebenso taufrisch wie seine Deutschkenntnisse. Es war nicht genau auszumachen, was er sprach, aber man konnte es sich ungefähr ausmalen. Schließlich gibt es Weihnachten nicht so viele Variationsmöglichkeiten, es sei denn, man spricht von Bruder Tier, aber zu verstehen war nahezu nichts.
Um so besser zu verstehen war die alte Dame. Wo denn der Pfarrer sei, fragte sie ihren Enkel. Warum nicht endlich der Priester komme, wurde sie ziemlich schnell ungehalten. Die Erklärungen, der Gottesdiener sei da und walte bereits seines Amtes, wischte sie vom Tisch. Der Mann vor dem Altar könne der Pfarrer nicht sein, erklärte sie ebenso laut wie apodiktisch, und mein Kollege hätte sehr geschwitzt, wenn er nicht sicher gewesen wäre, dass der indische Priester auch noch viel lautere Einwürfe nicht verstanden hätte.
Dass in der Freikirche, der die Eltern meines Bekannten L. angehören, zu Weihnachten barfuß getanzt werden musste, ist dagegen schon fast alltägliche Routine. L. tanzt seit Jahren nicht mit und kommt deswegen nach Ansicht seiner Familie vermutlich leider in die Hölle. Letztes Jahr war er stattdessen im Berghain tanzen, was die Sache wohl in den Augen seiner Familie nicht besser macht, auch wenn wir als sicher voraussetzen dürfen, dass Gott, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels, der Erde und der organisierten Religionsausübung in dieser Hinsicht fünf gerade sein lässt, denn der Herr ist großzügig im Umgang mit seinen fehlbaren Kindern.
Tipps gibt es ja viele. Mit Bier bestreichen zum Beispiel. Allerdings fragt sich der häusliche Koch: Wieso eigentlich mit Bier? Weicht die Entenhaut da nicht eher auf? Oder Salzwasser. Warum soll eine Ente knuspriger werden, wenn man sie mit Salzwasser bepinselt? Meine Oma hat Schmalz genommen, aber die allzu bedenkenlose Verwendung von Schmalz gehört ja ohnehin zu den Küchensünden der Nachkriegszeit, die man nicht wiederholen sollte. Wenn ich Ihnen beispielsweie verrate, dass es noch in den Achtzigern bei uns daheim Kartoffelsalat mit Zwiebeln, harten Eiern und, ja, das ist keine Übertreibung, Schmalz gab, dann schütteln Sie sich zu recht. Schmalz nehme ich also nicht.
Irgendwo habe ich gelesen, es sei die allzu feuchte Füllung, die von innen die Ente durchweicht. Es ist wahr, in meiner Ente stecken meistens gehackte Maronen, Äpfel, Majoran und die gebratenen Innereien der Ente, aber schmeckt die Ente vielleicht nicht etwas fad, wenn ich sie – so lauten Tipps, die man liest – nur wasche, trockne, pfeffere und salze? Oder was ist von dem Tip zu halten, die Ente nur mit einer trockenen Semmel zu füllen, die die Feuchtigkeit aus der Ente saugt? Wird dann nicht das Fleisch trocken? Muss ich heißer als 200°C braten? Die Niedrigtemperaturente vom vorletzten Jahr wurde immerhin etwas knusprig, als ich ganz am Ende den Grill noch einmal hochgezogen habe, aber die schmeckte dem J. allzu entenhaft und war zudem von sagenhafter und auf die Dauer etwas störender Geruchtsentwicklung.
Vielleicht ist auch schon das Gericht an sich schon ganz falsch gewählt. So berichtete mir einmal der Bruder eines Kochs, man könne entweder Keulen oder Brust oder Haut einer Ente optimal braten, aber nicht alle drei Kompoenten einer ganzen Ente. Am Besten, man zerlege das Tier. Dies aber erscheint mir irgendwie falsch. Ich habe keinerlei Beziehung zu den christlichen Aspekten des Weihnachtsfestes, ich will nichts weiter als einen schönen Baum und etwas Gutes zu essen, auch mein Bedarf an Familienleben ist für dieses Leben hinreichend erfüllt, aber ohne Ente ist nicht Weihnachten und deswegen gibt es auch dieses Jahr so einen Vogel beim J. und mir für den R., die I., die C. und ihren neuen Freund, und vielleicht verrät mir ja noch einer das wahre Rezept für die perfekte Haut: Dünn, braun, knusprig und glänzend auf einem zarten, hellbraun-rosigen Fleisch.
Mütter. Ja, Mütter sind leicht. Mütter mögen bauchige Dosen aus italienischem Glas für Kekse. Mütter mögen kleine, silberne, geflochtene Körbchen. Mütter mögen Kalender mit Photos aus englischen Gärten oder Seifen von Yardley oder Nagellack, der eine Spur zu extravagant ist, um ihn sich selbst zu kaufen, und wenn einem für eine Mutter – eine eigene oder fremde – nichts einfällt, kauft man eine Flasche Champagner. Weihnachten sollte man nur Mütter haben, denn Väter sind ein Problem.
Manchmal haben Väter immerhin eine Sammelleidenschaft. Der Vater vom T. beispielsweise sammelt Fayencen. Oder sie stellen den ganzen Keller mit einer Modelleisenbahn voll, für die es gar nicht genug Zubehör geben kann, wie der Vater der K. Manche Väter sind finanziell auch nicht so arg gut aufgestellt, die freuen sich dann auch über zwei Stangen Zigaretten, wie der Vater einer ehemaligen Kollegin im Referendariat, der sich von Geburtstagen über Namenstage bis zu Weihnachten hangelte, um durch Geschenke seiner fünf Kinder seine Nikotinleidenschaft zu befriedigen. Bei meinem Vater ist das aber alles nicht der Fall.
Immerhin liest mein Vater ganz gern und hört gern Musik. Leider kauft er sich das, was haben will, selbst. Ab und zu finde ich einen schönen und ziemlich überflüssigen Bildband über irgendetwas, was ihn besonders interessiert, den kaufe ich dann, aber dieses Jahr scheint es da nichts Neues zu geben.
Für technische Spielereien hat mein Vater schon eher etwas über, aber hier fällt mir partout nichts ein. Einen iMac will er sich kaufen, aber dafür braucht man eigentlich kein Zubehör. Mit dem Rauchen hat er schon vor 20 Jahren aufgehört. Wenn ich ihm Whiskey kaufe, trinkt ihm den meine Mutter weg. Was Schokolade angeht, isst er am liebsten Ritter Sport Voll-Nuss, die zu schenken jetzt nicht so wirklich den Charakter eines liebevoll ausgesuchten Weihnachtspräsents hätte.
In den letzten Jahrzehnten hat ja eigentlich alles ein verhältnismäßig problematisches Gepräge angenommen, was die Menschheit bis dahin einfach so betrieben hat. Die Aufzucht von Kindern etwa. Oder die menschliche Ernährung. Oder, in ganz besonderen Fällen, beides.
Ein mir lose bekanntes Ehepaar – ein Rechtsanwalt und seine meines Wissens berufslose Frau – etwa zieht in einem der südwestlichen Vororte Berlins einen Knaben samt drei Schwestern auf. Der Knabe ist acht und besucht eine Grundschule. Diese Grundschule ist evangelisch, denn diesem Bekenntnisse hängen die Eltern an. Außer an den lieben Gott glaubt man im Hause dieser Familie an eherne moralische Prinzipien und die Verwerflichkeit des Verzehrs von Fleisch und Zucker.
Die drei Mädchen wurden mir persönlich geschildert als folgsam, unproblematisch und brav. Der Bub allerdings macht Sorgen. In der Schule sei er nicht direkt schlecht, das nicht, aber beängstigende Indizien moralischer Verkommenheit träten zu Tage, schockierende Vorfälle hätten sich ereignet: Der Junge habe gestohlen.
Zwei Mitschüler sogar habe der Bube angestiftet. Ein verschlossenes Behältnis habe man ausgekundschaftet, einen Kühlschrank nämlich, welcher in der Cafeteria der Schule stand. Ein halbes Blech Kuchen habe man aus diesem enwendet, sei damit nach Schulschluss davongefahren und habe den Kuchen zu dritt im Kinderzimmer des einen Buben ganz verzehrt. Zur Tarnung habe man das elterliche Abendessen dann trotzdem tapfer gegessen.
Die Tat blieb nicht lange geheim. Es ist nämlich nicht einfach, mit einem Blech Kuchen durch den recht verschlafenen Vorort zu radeln, ohne gesehen zu werden. Harte Verhöre schlossen sich an. Der eine angestiftete Junge darf nun nicht mehr dem verkommenen Sohn der Bekannten spielen. Der Sohn selbst gab auf Befragen zu, er habe nicht nur diese Missetat zu vertreten. Er habe auch nur wenige Tage zuvor Geld, das ihm seine Großmutter heimlich gegeben, bei real in mehrere Würstchen investiert und diese sofort mit Senf verschlungen.
Die Schwestern des Buben waren von diesem ungeheuerlichen Vergehen angemessen angewidert. Die Mutter am Boden zerstört. Weitere Nachforschungen ergaben, dass dieser Vorfall nicht solitär in der Ernährungsgeschichte des jugendlichen Delinquenten stand. Vor Monaten hatte schon die Großmutter in Nürnberg das Kind in den Ferien mit Fleisch in Form von Würsten, Schinken und Braten traktiert. Der Junge hatte auch Süßes und Kuchen im Gegenzug zum Versprechen erhalten, der ohnehin ungeliebten Schwiegertochter, der Mama, nie etwas von diese verbotenen Freuden zu erzählen.
Der Mutter war nun alles klar. Eine schnurgerade Linie führte von den großmütterlichen Würsten zum Diebstahl von Schuleigentum. Nur eine hauchdünne Linie trennte ihre Brut jetzt noch von Sittlichkeitsverbrechen und blutigem Terrorismus. Wenige Tage später suchten Mutter und Sohn eine Eriehungsberatung auf.
Es schmecke ihm nicht daheim, gab der Junge hier zu Protokoll. Er wolle Kuchen, Eis und Frankfurter essen. Die Mutter ist schockiert. Der Konflikt scheint unüberbrückbar.
Er hat sich nicht sehr verändert, denke ich und stehe kurz auf, um ihn zu umarmen. „Hey.“, sagt er und drückt mich ganz kurz an seine Brust und dann wieder weg. Noch immer streicht er sich die etwas zu langen Locken mit dem kleinen Finger der linken Hand hinters Ohr.
Neben uns, auf der anderen Seite der marmornen Säule, fuchtelt ein Mann so heftig mit den Armen, dass der Luftzug mich unangenehm an der Wange berührt. Hin und her laufen die Kellner, als gelte es, einen Schnelligkeitswettbewerb zu gewinnen. Es ist kurz vor eins, rundherum isst man genug Schnitzel, um den ganzen Gendarmenmarkt mit Kalbsfleisch zu bedecken, und ich schaue kurz und zerstreut auf die Karte. Ich nehme die Boudin. Wie immer.
Leise ist er nach wie vor. Abends, sagt er, sitze er viel in Hotelzimmern und liest. Horaz habe er kürzlich nochmals gelesen. Mosebach liest er gerade. Ab und zu zwischen zwei Meetings geht er in fremden Städten ein wenig spazieren. Manchmal kehrt er dann in Kirchen ein. Er bete aber selten, sagt er, denn das – so wisse er – stehe ihm nicht an. Ich nicke, denn etwas anderes fällt mir nicht ein.
Er ist viel unterwegs und wenig in Berlin. Er hat ein Haus gekauft. Er fühlt sich wohl auf Flughäfen, in Hotels, beim flüchtigen Gang durch fremde Innenstädte und Parks, und ab und zu fahre er an dem Ort vorbei, an dem wir beide einmal gelebt haben als wir ganz jung waren und glaubten, wir seien ein Paar. Manchmal denke er daran, noch einmal diesen Ort zu besuchen. Niemals mehr seit damals sei er dort gewesen, denn seine Mutter lebe da ja nicht mehr, die er ohnehin, so sagt er und rührt seinen Kaffee, selten sehe, sehr selten: Nur alle paar Jahre.
„Ach was.“, sage ich und zerteile meinen Pancake sorgfältig in vier gleich große Stücke. „Dann haben die Kinder mit den übereifrigen Mamas halt die besseren Abiture.“ Mein Begleiter nickt mit vollem Mund und bestreicht ein Croissant mit Orangenmarmelade. „Das ist doch egal.“, bestätigt er, verrührt einen Löffel Zucker in seinem Tee und winkt dem Kellner um ein Schälchen Honig.
Wir zum Beispiel haben beide kein gutes Abi. Als wir zur Schule gingen, gemeinsam, irgendwann in den Neunziger Jahren, war der Ehrgeiz ja quasi noch nicht erfunden. Niemand von unseren Eltern hatte Angst, dass Inder oder Chinesen mit doppelt soviel Wissen und dreimal so viel Fleiß uns den Rang ablaufen würden. Zwischen meinen Eltern und mir gab es die unausgesprochene Abrede, dass sie sich nicht einmischen und ich nicht sitzen bleiben würde. Weil meine Eltern offenbar überhaupt nicht in Frage stellten, dass ich meine Versprechungen in Hinblick auf eine ungestörte Schullaufbahn auch halten würde, nahm mein Vater pünktlich zu jedem Halbjahrszeugnis die warnenden Briefe zur Kenntnis, in denen stand, dass ich wegen zwei Fünfen in Chemie und Physik versetzungsgefährdet sei. Ich glaube, es hat ihn keinen Tag beunruhigt.
Auch die Mutter meines Begleiters zog Schulversagen nicht weiter in Betracht. Ich glaube, sie wusste nur sehr ungenau, welche Leistungskurse ihr Sohn so besuchte und sprach nie mit ihm über seine auffallend asymmetrischen Zensuren, die entweder (in Latein, Griechisch oder Geschichte) durchweg auf eins oder (in Mathematik, Physik oder Sport) maximal auf einer Gnadenvier für ein freundliches Wesen standen.
Guten Noten maßen wir auch bei anderen keinerlei Bedeutung bei. Wir wussten ziemlich genau, wer geistreich und wer zumindest belesen war und wer sich nur Königs Erläuterungen drei Tage lang merken konnte. Diffus war uns von Anfang an klar, dass aus den fleißigen Mädchen in unserer Klasse keineswegs die erfolgreichsten Erwachsenen werden würden, und wir verachteten die Mädchen mit den sauberen Heften schon vorab ein bißchen für so viel unnütz aufgewandte Arbeit.
Ich habe für mein Abi nicht gelernt. Der NC für Jura war bei 2,5 damals, da war klar, dass jeder spätestens im Nachrückverfahren einen Platz bekommen würde. Mein Begleiter lernte eine Woche für Mathe, weil er ansonsten durchgefallen wäre und ein Jahr verloren hätte. Wir haben beide nie auch nur im Ansatz in Betracht gezogen, dass man uns das Abitur verwehren könnte. Am Ende standen wir in der Aula, ich hielt die Abirede. Er spielte, meine ich, vierhändig Mendelssohn-Bartholdy. Es gab ziemlich salbungsvolle Worte und mittelmäßiges Essen. Ich hatte ein weißes Kleid an und sehe auf den Photos, die es gibt, irgendwie ungebürstet aus.
Das ist nun fünfzehn Jahre her. Wir haben beide ziemlich gute Examina. Seine Diss ist sehr, sehr gut und meine immerhin ansehnlich. Man lädt uns zu Kongressen ein, um dort zu sprechen und wir publizieren ab und zu in Zeitschriften, was wir uns über dies und das so denken. Es läuft, wie man so sagt, alles recht gut.
„Meine Sekretärin hat ein besseres Abi als ich.“, sagt er und blättert in der Teekarte. Ich nicke. Es ist ganz egal, was passiert, bevor es losgeht, sage ich laut und korrigiere mich sofort: Nein. Es ist nicht egal. Aber das, was man in Schulen lernt, das ist egal, und die Mühen der Mamas vermutlich ganz vergeblich.
Es begab sich aber vor einiger Zeit, dass eine nicht mehr ganz junge Frau vom Prenzlauer Berg – wir wollen sie X. nennen – sich mit ihrem langjährigen Freund schrecklich zu langweilen begann. Alle, die sie kannten, waren erstaunt. Ihr langjähriger Freund war schließlich auch schon in den fünf vergangenen Jahren ziemlich langweilig gewesen, aber irgendwie fiel der X. das erst Mitte 2010 richtig auf.
Nun trennt man sich mit 38 nicht so leicht von einem langjährigen Freund wie mit 28 oder gar mit 18. Die X. trennte sich also nicht. Sie zog nicht aus, sie blieb in der gemeinsamen Wohnung und ging einfach nur etwas häufiger vor die Tür, um sich abzulenken und mit Leuten zu sprechen, die nicht so langweilig waren wie ihr langjähriger Freund.
Eine ganze Weile fiel das niemandem auf. Schließlich kann eine erwachsene Frau einen Haufen Gründe haben, beispielsweise Konzerte und Ausstellungseröffnungen aufzusuchen. Auch ist es weder erstaunlich noch verwerflich, neue Bekanntschaften zu schließen. Irgendwann scheint ihr Freund aber doch Verdacht geschöpft zu haben.
Statt die X. auf ihre Abwesenheiten und insbesondere auf einen gewissen M., einen Kreuzberger Maler, anzusprechen, suchte ihr langjähriger, aber langweiliger Freund allerdings Halt bei einer gewissen Y., einer Arbeitskollegin aus Mahlsdorf, die sich Ende 2010 nach einer kleinen Weile indes ernsthaft in den langjährigen Freund verliebte. Das hatte dieser nun auch wiederum nicht beabsichtigt.
Die abservierte Y. war gekränkt und getroffen und rief unverzüglich die X. an. Diese reagierte halb belustigt, halb aber beleidigt, denn wer wird schon gern hintergangen mit einer dicklichen Sachbearbeiterin mit einer der hässlichsten Brillen Berlins? Die X. machte dem langjährigen Freund also eine fürchterliche Szene und warf ihm alles Mögliche vor, unter anderem seinen fehlenden Unterhaltungswert und die Unscheinbarkeit seiner Affäre. Weil aber die X. dabei ganz außerordentlich in Fahrt geriet, gestand sie im Zuge dieses lautstarken Monologs en passant auch die Liebelei mit dem M.
Der langjährige Freund fuhr unverzüglich beim M. vorbei, um mit diesem zu sprechen. Dieser jedoch war gar nicht zu Hause. Dafür traf der langjährige Freund die Frau des M. an, die sich seine Ausführungen ausgesprochen aufmerksam anhörte. Anschließend sprachen beide sehr, sehr intensiv mit dem M., der daraufhin zu Hause auszog und erst wiederkam, als seine Frau die Wohnung verließ.
Die Frau des M. wohnt, wie man hört, nunmehr mit dem Kind des M. wieder in Wiesbaden. In der Kreuzberger Wohnung des M. wohnt mit ihm gemeinsam die X. Die Y. sucht nach einer großen Enttäuschung im Internet einen ehrlichen und treuen Gefährten, und der langjährige Freund hat beim Verkauf der ehemals gemeinsamen Wohnung im Winskiez einen so großartigen Schnitt gemacht, dass die ganze Sache, immerhin, zumindest finanziell auch ihr Gutes gehabt haben soll.
In Neukölln hat der langjährige Freund nun eine schöne, neue Wohnung, viel größer als die alte, und harrt der nächsten, hoffentlich weniger gelangweilten Frau.
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