Nikotinfreies Lamento

Leider, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, werde ich voraussichtlich im kommenden Jahr endgültig den Geist aufgeben und begraben werden, wo zwar nicht der Pfeffer, aber die Gräser wachsen, denn diese, wie man weiß, sind verantwortlich für ein Siechtum, das nun auch vor dem Allerheiligsten, vor der modestinen Substanz selbst sozusagen, nicht halt gemacht hat. Tränende Augen, Geräusche in der Lunge, als schleife da eine Fahrradkette rasselnd über die Bronchien, das undamenhafteste Niesen der Welt: Petitessen, Ärgernisse geradezu homöopathischer Natur, ach, dies jedoch sprengt nun endgültig den Rahmen dessen, was ich Natur einerseits und Immunsystem andererseits nachzusehen geneigt bin:

Mit dem Rauchen ist es nun aus.

„Sie müssen doch merken, wenn sie keine Luft mehr bekommen.“, kanzelte mich der Mittwoch morgen nach ganztags aufrecht liegend verbrachtem Feiertag aufgesuchte Allgemeinarzt ab. „Sie werden das allergische Asthma nicht mehr los, wenn sie weiter rauchen.“, beendete er eine 16 Jahre umfassende Raucherkarriere mit einem einzigen Satz und entließ mich fassungslos, die letzte, halb angebrochene Schachtel in der Tasche.

„Das geht nicht!“, überlegte ich kurz – aber wahrheitsgemäß – zu erwidern, verwarf den Gedanken dann doch als kindisch, und schleppte mich sehr langsam und sehr kurzatmig erst in die Apotheke und dann nach Hause. Alle zwanzig Meter legte ich eine kurze Pause ein. Alle hundert Meter lehnte ich mich ein bißchen gegen die Wand, und daheim begab ich mich sofort ins Bett, denn im Liegen ist der Bedarf an Atemluft am geringsten.

Nach dreißig Minuten ging es los. In der Küche, so blies es mir die Sucht in die Ohren, lag meine Tasche, in der Tasche lagen Zigaretten, das Feuerzeug auf dem Esstisch, und der Aschenbecher stand ordnungsgemäß auf dem Balkon. Genussvoll – wenn auch nur in Gedanken – zog ich den weißen Rauch tief in die Lungen. Bei der Simulation des Rauchvorgangs indes musste ich husten, der unappetitliche Inhalt meiner Lungenflügel drängte sich nach und nach bröckchenweise durch die Speiseröhre nach oben, und ich verzichtete vor diesem Hintergrund darauf, die Vision einer einzigen, einer göttlichen, einer wahrhaft dionysischen Zigarette in die Tat umzusetzen.

Am Abend wurde es schlimmer. Die Welt bestand – obschon ich die Wohnung bis Samstag nicht verließ – ausschließlich aus Rauchern und lag voller Zigaretten. Nichts Großartigeres hatte die Menschheit mir zu bieten als eine einzige Zigarette, und mit schmerzender Lunge, einem Husten, der am Leibe jugendlicher Rekruten für ein Dutzend Wehrdienstuntauglichkeitsbescheinigungen ausgereicht hätte, lag ich übellaunig, aber nichtrauchend, im Bett.

Wer mich ansprach, lief fortan mit blutenden Bisswunden durch die Stadt. Mein Körpergewicht steigt von Stunde zu Stunde. Weder ein Biergartenabend noch ein Nachmittag auf dem Helmholtzplatz vermögen mein Wohlgefallen zu erregen. Auf meiner Stirn steht der kalte Schweiß und fragt, ob ein kurzes, angenehmes und asthmatisches Leben einem langen unerfreulichen Dasein ohne Zigaretten nicht vorzuziehen sei.

Was mich der Heuschnupfen nächstes Jahr kostet, wissen wohl nur die Götter. Rechnen Sie also mit dem Schlimmsten. Und legen Sie mir – sollte es eintreffen – eine Schachtel Zigaretten aufs Grab.

19 Gedanken zu „Nikotinfreies Lamento

  1. Nichtrauchen ist eine prima Alternative…

    auch für die Mitmenschen. Ich gratuliere herzlich zu dieser Entscheidung, und der Husten wird sich dann wohl auch verziehen.

  2. ach wie schön,

    Sie sind endlich zurück und haben immer noch die selben Probleme wie ich: ja, ich bin zu dick und ja, ich rauche GERN!
    aber Aufhören wäre wirklich schon besser…

  3. Leicht ist es leider nicht, denn rauchen macht dummerweise Spaß, aber man kann es schaffen. Fragen Sie doch einmal Ihren Arzt, wie Sie die anfänglichen körperlichen Entzugserscheinungen mildern können, damit Ihnen wenigstens das Elend erspart bleibt (Akupunktur soll ja sowohl gegen Nikotinsucht als auch gegen Heuschnupfen helfen). Die anderen Entzugserscheinungen sind dann noch schlimm genug. Raucht eigentlich der geschätzte Gefährte?

  4. hm, ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum man bei heuschnupfen aufhören soll zu rauchen. ich (bis zum 40. lebensjahr nichtraucherin) habe mir sogar bei den schlimmsten birkenpollenattacken nikotinpflaster geklebt. nikotin beschwichtigt das verrücktspielende immunsystem. nunmehr, da ich das rauchen gelernt habe (es sieht allerdings immernoch teenagerhaft peinlich aus) zünd ich mir ganz gern eine blaue an, wenn das niesen zu schlimm wird.

  5. REPLY:

    Kippen als Heuschnupfenmedikament? Das ist ja sagenhaft. Da werd ich ja gleich neidisch auf die Allergiker.

    Und – beste Frau Modeste – das ist ja fein, dass Sie sich entschlossen haben, uns auf ihrem Weg ins Grab nicht allein zu lassen. Finde ich sehr begrüßenswert, Ihre Rückkehr.

  6. Das ist dieses Kreuz mit dem Älter werden, man kann sich ab einem bestimmten Punkt die kleinen Sünden nicht mehr schön lügen, weil sie einen hochoffiziell ins Grab bringen.

    Aber sei froh, dass Du einen Doc hast, der noch richtig Tacheles mit Dir spricht. Welcher Arzt macht das heute noch? Ab sofort jeden Tag eine Stunde spazieren gehen, draußen, damit die Freude der frischen Luft neue Vision schafft!

  7. REPLY:

    Also allergisches Asthma ist schon eine deutliche Stufe weiter als „nur“ Heutschnupfen. Da bleibt einem gelegentlich schon mal so die Luft weg, dass es lebensbedrohlich werden kann, wenn keiner i.d. Nähe ist. Und dann sollte man seine Bronchien tatsächlich nicht noch kaputter qualmen …

  8. REPLY:

    das ist wahr, letztlich nutzt es garnichts, auf ohnehin ruinierte bronchien draufzuqualmen. und: liebe kinder, bitte nicht nachmachen! obwohl mir viele freunde meine beobachtung bestätigt haben, in der heuschnupfenzeit rauchen sie instinktiv mehr.

  9. JOGGEN! joggen, und weiterrauchen! rauchen ist so nervös wie sport. an-joggen, gegen das rauchen, und dann weiterrauchen. oder ´mal zwei monate es sein lassen, hatte ich letztes jahr. hat geklappt, hätte ich nie gedacht, bis das weihnachts-cigarillio dann wiederkam. unterm strich: wären sie auf einer einsamen insel, nach schiffbruch, lieber mit 100 nichtrauchern, oder mit hundert rauchern? hat mich mal ein sehr weiser alter (nicht-raucher) gefragt.

  10. och nö, nicht auch noch sie, mlle modeste! lassen sie uns weiterrauchen, weiterfressen, weitersaufen. lassen sie uns antizyklisch sein!
    es hat doch gestern geregnet, da müßte doch die luft rein genug sein für ein klitzekleines zichtchen?

  11. zu schaffen ist es,

    sagt dir eine raucherin, die seit vorigen september nix raucht. denn sehr viel anders kann ich mich nicht bezeichnen …
    aber drei packerln am tag, und über zwanzig jahre fast ununterbrochene raucherkarriere lassen einen sehr vorsichtig werden, was prognosen betrifft.
    drück dir die daumen.

  12. Kommt noch besser

    Als ich letztes Jahr im Oktober aufhörte, wagte ich nicht zu glauben, was nun Realität ist: ich fahre in der Woche 100-200 Km mit dem Rad und laufe nicht selten Strecken über 10 Km. Das Rauchen ist vielleicht schädlich für die Atemwege aber noch viel schädlicher für all den Spass, den man mit Lust an der Bewegung unter Gottes Sonne haben kann. Ehrlich, es ist nur der Anfang zu einem wirklich neuen Leben. Ich jedenfalls kann nur gratulieren und Madame Modestine wünschen, dass es sie nach den ersten doofen Wochen auch Pakt, die kindliche Lust an der Bewegung…

    solvitur ambulando, wie der Assyrer zu sagen pflegte

  13. Das Schlimme ist ja nicht der physische Entzug, es sind die kleinen Situationen, in denen man die Zigarette als angenehmen Begleiter kennen gelernt hat. Es ist besser, nicht zu rauchen, aber seien Sie beruhigt, aus eigener Beziehungserfahrung weiß ich, dass das Rauchen nicht unbedingt das Asthma verursacht, es ist nur nicht förderlich. Aber andererseits ist es einfach, das Rauchen dafür verantwortlich zu machen, die Ursachen liegen leider woanders.

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