Fürchte dich nicht

Vielleicht hat er’s von mir. Ich bin bis heute außerstande, einen Horrorfilm zu sehen, ohne mich in den Unterarm meines Nachbarn zu krallen, bis der glaubt, ich sei von der Dunklen Seite entsandt, um ihn zu zerfleischen. Oder es liegt an mangelnder Abhärtung, weil wir keinen Fernseher haben und in F.’s Anwesenheit auch keine Filme auf dem iPad sehen. Wie auch immer: Letzte Woche hätte der sechsjährige Sohn fast den Kinofilm „Biene Maja“ verlassen, weil die Aussicht, dass Majas Bienenstock den Sommerhonig herausgeben hätte müssen, fertig gemacht hat. Ungefähr die Hälfte des Films saß der F. stocksteif vor Aufregung auf meinem Schoß.

Im Flugzeug nach Thailand sah der F. dreimal hintereinander „Puh der Bär“, weil die ersten fünf Minuten Lego Ninjago genauso unerträglich spannend erschienen wie die von „101 Dalmatiner“. Und bei den von ihm geliebten Hörspielen kommt nur Wssstwsss gut an, die komplett ohne Spannungsbogen auskommen. Aber auch bei Büchern äußert sich eine gewissermaßen gesteigerte Empfindsamkeit. Die Sache mit den Drei Fragezeichen zum Beispiel ist ebenso wie die Geschichte mit Jesus, Pontius Pilatus und dem Kreuz nicht gut aufgenommen worden.

Letzt Woche dann beschloss ich, dass es so nicht weitergehen könne. Vermutlich ist es F.’s Ansehen nicht förderlich, wenn er im Kindergottesdienst schluchzt, wenn Gott, der Allmächtige und Allwissende, die Städte Sodom und Gomorrha mit Mann und Maus vernichtet. Ich zog also los und erwarb den ersten Band der Kinderbuchreihe „Der kleine Vampir“. Die älteren unter Ihnen kennen das Buch.

Am selben Abend setzte ich mich an des F. Bettrand, zückte das Buch und begann. Nach wenigen Zeilen bat der F. mich um den sofortigen Wechsel zu Bullerbü. Nach einigen Zeilen mehr versteckte er sich unter der Bettdecke. Zwei Stunden später stand er mit seiner Decke über dem Arm vor unserem Bett, kroch in die Mitte und ist bis zum heutigen Tage nicht mehr aus unserer Schlafstatt zu vertreiben.

Und um ganz sicherzugehen, kuschelt der F. seit neuestem mit Knoblauch.

17 Gedanken zu „Fürchte dich nicht

  1. Ich staune! Das ist das erste Mal, dass ich über eine derartige „Überempfindlichkeit“ lese, die der Meinen sehr ähnlich ist. Noch heute, mit 58 Jahren ist der Tatort am Sonntagabend das Spannendste, das meinen Nerven zumutbar ist. An den wirklich brenzligen Stellen gehe ich, unter dem Gespött der Familie, aufs Klo.
    Nicht, dass ich jemals in meinem Leben eine Horrorfilm gesehen hätte! Einem Kinobesuch gehen längere Recherchen im Netz über die Verträglichkeit des Lustspieles voraus.
    Bei Büchern hingegen hat sich die Grenze des Erträglichen deutlich verschieben lassen: Krimis gehen mittlerweile ganz gut. Damit wir uns recht verstehen: ich rede von Dorothy Sayers oder Agatha Christie, Stephen King jedoch oder gar Sebastian Fitzek liegen jenseits des Erträglichen.
    Der Spott naher Verwandter oder Bekannter über meine Empfindlichkeit berührt mich mittlerweile nicht mehr.
    Ich bin ein einfühlsamer Mensch und das hat eben auch Vorteile.
    Mich hat es jedenfalls sehr gefreut einmal darüber zu lesen.
    Spannungsfreie Grüße an Sie und Ihren Sohn schickt Kari

  2. Ich erinnere mich an einen plötzlichen Aufbruch aus einer Vorstellung des Traumzauberbaums, zu der wir auf Wunsch einer jungen Dame extra 30 Kilometer gefahren waren waren. Wir hatten die Platte rauf und runter gehört, allen war bekannt, wie die Geschichte abläuft und dass sie gut endet: Als die Hexe die Bühne betrat, war umgehend Schluss und Rückfahrt.

    Inzwischen guckt die Dame aber sogar Tatort.

  3. Ich habe ein ähnliches Verhalten bei meinem Kind beobachtet. Nicht ganz so ausgeprägt, aber doch ähnlich.
    Wir haben uns gaaaaaaanz langsam heran getastet. Zunächst mit DVDs, die man beliebig anhalten kann und wieder und wieder und wieder sehen. Beiträge im Kika oder gar im Kino waren sehr lange nicht möglich. Dosiert geht das inzwischen und bei uns wartet nach den Sommerferien schon die weiterführende Schule…..
    Bücher gingen immer etwas besser, vielleicht weil sie nicht ganz so plastisch sind wie Filme. Aber auch hier gilt heute noch, obwohl das Kind inzwischen nun wirklich selbst liest und sich nur aus Gemütlichkeit weiterhin vorlesen lässt: Nie ein neues oder gar spannendes Buch am Abend.
    Viiiiiiiiel Geduld wünscht Blüte

  4. Wie schön dass ich nicht die einzige bin – der Tatort ist mir oft zu schrecklich, Krimis verschenke ich ungelesen weiter und bei Tierfilmen gehe ich raus wenn sich die Orcas ein Robbenbaby schnappen…
    Der f. ist mir ja so sympathisch!

  5. Dann möchte ich Sie vorsorglich schon einmal davor warnen, die Folge von „Kater Mikesch“ (Augsburger Puppenkiste) mit ihm anzuschauen, an deren Ende er von Bösewichtern in einen Sack gesteckt und entführt wird. Ein Cliffhanger, der unzählige Kinder zum Weinen brachte.

  6. Wir haben unser Kind ganz bewusst fern gehalten von Horrorfilmen und -Vampirgeschichten, um seine Phantasie nicht mit schrecklichen und sinnlosen Bildern, die man nicht wieder los wird, zu überfrachten. Außerdem gibt es keine Vampire, was soll das außer Angst einjagen?
    Die Realität von Weltgeschehen in Tagesschau, Zeitungen und Dokumentationen ist furchtbar genug, das wird er später ganz von selbst erfahren und noch genug Alpträume bekommen.

    Abstumpfen ist die falsche Strategie. Vielleicht vorsichtig kleine Dosen Fernsehen erlauben.

  7. Uuuuups! Der Kleine scheint echt in extremer Weise hypersensibel zu sein. Ich hingegen brauche ja meine Kicks. Ohne echte Lebensgefahr von Zeit zu Zeit durchzustehen, was bei mir dann hauptsächlich Bergsteigen heisst, könnte genausogut aber auch Tauchen unter Haien sein wäre mir das Leben echt zu öde.

  8. Kindertheater ist dann wohl auch nichts für den wunderbaren kleinen F.

    Ich finde es genauso lustig wie herzzerreissend, wenn ein ganzer Saal voller Vierjähriger verzweifelt Richtung Bühne brüllt, dass das versteckte Tischlein-deck-dich doch nur ein paar Schritte hinter der Bühne steht. „Hinter der Wand musst Du gucken“ rufen sie dem Schreinergesellen zu, entsetzt und ratlos, weil der sich nicht helfen lässt.

    1. Oder beim Grüffelo:
      „Pass auf, kleine Maus, die Schlange!!!!!!!“
      „Wo, Kinder, wie jetzt, ist hier eine Schlange?“
      „JAAAAAAA!“
      „HIIIIIINTER DIIIIIIIR!“
      „Aber, aber, aber, da ist doch keine Schlange!“
      „HIIIIIIINTER DIIIIIIR!“
      „Aber hier ist doch auch nichts!“
      „HIIIIIIINTER DIIIIIIR!“

      Usw. usf., so lange die Nerven des Mausdarstellers es hergeben.

  9. Das ist aber nichts sehr ungewöhnliches.
    Meine beste Freundin ist auch so. Seltsamerweise aber nur was Filme angeht. Sie kann sich nichts gruseliges im Kino oder im Fernsehen ansehen, sonst schläft sie über Tage hinweg abends nicht ein.

  10. Für mich der blanke Horror: Eiskunstlauf kucken! Immer wenn die EiskunstläuferInnen zum Sprung ansetzen, muss ich wegschalten oder zumindest wegschauen. War als Kind so, ist heute noch so.

  11. Aber das erste Kapitel vom Kleinen Vampir ist auch wirklich das gruseligste! Ich erinnere mich genau, als ich das mit ca. 7 oder 8 Jahren las, wie sehr ich mich gefürchtet habe. Danach wird es ja viel besser und weniger gruselig. Vielleicht hilft diese Aussicht dem F.!

  12. Hier spricht Ihnen auf gar keinen Fall jemand sein Mitgefühl aus, der natürlich niemals nicht im Alter von ungefähr 6 eine Kinderzeitschrift zugeklebt hat, weil die Abbildung einer (Handpuppen!-)Hexe darin gar so schrecklich war 😀

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