„Nicht so gut gelaufen heute nachmittag.“, bedaure ich und pelle fünf Bananen für mein Banana Bread ab. Meine Mutter knistert sehr laut am anderen Ende der Leitung mit einer Kekspackung, und ich frage mich, ob sie jemals, seit wir ausgezogen sind, wieder Kekse selbst gebacken hat. Zumindest wird seit dem Auszug meiner kleinen Schwester vor 18 Jahren nur noch recht unregelmäßig gekocht.
„Der kleine N. ist ja sowieso etwas strapaziös.“, sage ich ganz leise, damit der F. mich nicht hört, und erinnere mich mit leisem Schauder an den höllischen Lärm in der Wohnung, in der die nette und lustige J. ihre zwei Buben von sechs und drei erzieht. Zu alledem hatte der große Bruder auch noch einen weiteren Jungen zu Besuch. In der Küche war es so laut wie im Inneren eines Staubsaugers, ständig krachte es irgendwo, Kinder rannten geräuschvoll rein und raus, und kreischten dazu so laut, als seien alle anderen Anwesenden schon taub, und würden es bei dieser Geräuschkulisse nicht erst noch werden. Im Kinderzimmer lief zu alledem noch ein Film.
Der F., zum Spielen eingeladen, hatte bestimmt eine halbe Stunde lang im Kinderzimmer auf dem Boden gesessen und inmitten des infernalischen Krachs mit Playmobilschiffen gespielt. Soweit ich es beurteilen kann, spielte der kleine N. in dieser Zeit mit mindestens fünf verschiedenen Gegenständen für jeweils drei bis fünf Minuten, rannte hin und her, und ich wurde allein vom Zusehen ein wenig seekrank. Irgendwann reichte es dem F. und er kam zu mir.
Die nächste Stunde saß der F. auf meinem Schoß. Er schaute sich ein Buch an, unterhielt sich mit den Erwachsenen und störte, fürchte ich, empfindlich deren Gespräche, dann ging er in den Garten, und irgendwann wollte er heim. Ein vorsichtiger Versuch, gemeinsam zu spielen, endete damit, dass der N. dem F. eine Holzeisenbahn überzog. Dann ging ich schnell mit dem F. nach Hause.
„Das ist aber schade.“, kommentierte meine Mutter, während ich 300 Gramm Mehl abwiege und zwei Eier aus dem Kühlschrank hole. „Ja.“, stimme ich zu. Einerseits. Auf der anderen Seite: So toll wie heute fand ich den F. lange nicht, und sehe meinen Sohn wohlgefällig an, wie er auf dem Sofa sitzt und in aller Seelenruhe ein Bilderbuch durchblättert.
„Ich suche etwas für eine Freundin.“, sage ich und schaue mich um. Die Freundin ist dunkelhaarig und ziemlich groß. Eher Gold als Silber, vielleicht Korallen, denke ich und stelle mir den Schmuck aus den beleuchteten Fächern an der Wand an ihrem Handgelenk vor. „Eine Freundin oder deine Freundin?“, fragt der massige, ältere Mann, den ich mir kaum vorstellen kann mit den filigranen Ketten und Armbändern, die er anbietet. „Aus eigener Herstellung“ steht an manchen Vitrinen. „Eine Freundin.“, sage ich und freue mich, dass hier Berlin ist, und jetzt 2015, und die Frage, ob man einen Freund, eine Freundin oder gar keinen Freund hat, so beiläufig gestellt wird, ob blond oder dunkel.
„Dann keine Ring.“, bescheidet mich der Juwelier, und mit einem Armband verlasse ich den Laden.
Am Abend erscheine ich pappsatt und mit dem Geschenk in der Tasche auf dem Geburtstag. Es ist ein bisschen komisch, denke ich, wie schnell das am Ende ging. Erwachsen werden war so ein mühsames Geschäft. Endlich 16 sein, weil man dann allein ausgehen und Wein trinken kann. Der erste Freund, und das erste Mal mit Freunden verreisen. Endlich 18 sein. Abi, Ausziehen, Studieren. Das erste Mal für Arbeit Geld bekommen, das erste Mal für etwas verantwortlich sein, ohne dass am Ende noch einer schaut, ob man auch wirklich alles richtig macht. Mit jemandem zusammenleben. Ein Kind haben. Eine Wohnung kaufen. Und auf einmal klingelt man an einer Tür, es summt, und man steht auf dem 50. Geburtstag einer Freundin, und ist ganz und wirklich ein erwachsener Mensch, drückt seine Freunde, kippt sehr schnell zwei Glas Wein auf das viele Essen von der Thaiwiese in Wilmersdorf und ist auf einmal sehr zufrieden. Ich habe es ganz gut getroffen, proste ich mir zu und allen anderen.
Außer Atem und leicht verschwitzt erscheine ich dann irgendwann doch auf dem Kindergeburtstag. Irgendwo streiten ein paar der Dreijährigen, wer mit dem Roller fahren darf, die ersten Mütter trinken Sekt, und das Geburtstagskind weint, weil andere Kinder mit seinen Geschenken spielen.
Zwei Mütter trösten eine andere, die nach der Tochter einen Sohn bekommt und nie einen haben wollte. Sie sei, sagt sie, eine Mädchenmutter, und ich wundere mich, warum eigentlich alle nur noch Mädchen wollen und behaupten, Jungen wäre schwierig. Oder Jungen wären überhaupt irgendwie und Mädchen anders. Ich dachte doch die ganze Zeit, wir seien uns alle einig, dass alle Kinder sein können, wie sie wollen, bis dann auf einmal lauter Mütter auftauchen und mit so einem verdächtig triumphierenden Unterton erzählen, ihre Buben seien fußballverrückt und ihre Mädchen pflückten Blumen.
Der F. liebt Blumen und Fußball und die Feuerwehr und legt seinen Bären regelmäßig an die Brust, will ich sagen, aber dann bleibe ich einfach still. Ganz egal, denke ich, und dass wir vermutlich machen können, was wir wollen, solange an einem Mittwoch um fünf zehn Mütter und zwei Väter um einen Tisch herum stehen, Melonen essen und Sekt trinken und verstohlen die Kuchen verschwinden lassen, denn die schmecken irgendwie nach Seife.
Irgendwo auf der Welt, da bin ich mir sehr sicher, sitzt gerade ein Kerl herum und denkt über die Revolution des Spamfilters nach. „Es gibt doch“, sagt er sich, „Korrespondenzen, die sind zur Hälfte total obsolet. Und nervig dazu. Da schreibt etwa die Tante M. ihrer Nichte, was die zu tun und zu lassen hat. Dabei weiß es die Nichte sowieso besser. Ganz ausblenden kann man die Tante M. aber auch nicht. Denn alle drei E-Mails ist doch was Wichtiges dabei. Oder die Mail an alle Kollegen im Büro: Dass ein fünfter Mann für eine Schwimmstaffel gesucht wird, will Couchkartoffel K. gar nicht wissen. Dass die graue Maus aus der Registratur ein hellgraues Sofa und einen dunkelgrauen Tisch abzugeben hat, aber vielleicht sehr wohl. Da wäre es doch ganz gut, wenn man extrem personalisiert nur das sieht, was einen richtig interessiert, und alles andere landet im Ordner Spam.“
„Letztlich“, grübelt der Kerl weiter, „ist das gar nicht so schwer zu programmieren. Da kann man doch die Lesegeschwindigkeit messen. Oder unterscheiden, ob jemand was angeklickt hat. Bestimmte Suchbegriffe sind vielleicht auch ganz hilfreich. Vorbeikommen zum Grillen wäre etwa zu zeigen. Auch mal denken an später oder Rentenzusatzversicherung aber eher nicht.“
Weil der Kerl, der da irgendwo sitzt, ein sehr schlauer Kerl ist, viel schlauer als ich, geht er schon morgen in sein Büro, das bestimmt so ein ganz modernes Büro ist, und programmiert irgendwas, was es spätestens bei meinem übernächsten Telefon serienmäßig einfach gibt. Leicht und angenehm wäre die Welt. Irritierende oder gar ärgerliche Korrespondenz würde ganz und gar im Ungefähren verschwimmen. Heftig beneide ich mein späteres Ich um diese App, die „Calmail“ oder „RIPMail“ heißen könnte oder so. Sehr beeilen soll sich der schlaue Kerl mit den guten Ideen, rufe ich laut in den elektronischen Äther, optimal lässt er sich noch heute nacht etwas einfallen …
… denn mein Sohn, der F., geht noch drei Jahre in die Kita, und die Korrespondenz im Elternverteiler halte ich ohne diesen Filter vermutlich keine sechs Monate mehr aus.
Ich will gar nicht die ganze Zeit von Klagenfurt sprechen. Das können andere ja auch viel besser. Da rede ich doch viel lieber über meine Haare. Das ist ein unerschöpfliches Thema. Ich habe nämlich ziemlich viel Haar, kiloweise Haar sozusagen, mehr als Rapunzel, würde ich sogar schätzen, und wenn an meinen Haaren ein Königssohn und eine alte Hexe hingen, dann fiele das immer noch nicht auf. So viele Haare habe ich.
In Lebenslagen mit Prinz und Hexe wäre soviel Haar natürlich auch ganz nützlich. Im normalen Leben allerdings sieht ein Haufen Haar total schnell komisch aus. Ich beispielsweise in den letzten Wochen, wenn ich zufällig mal an einem Spiegel oder einer Scheibe vorbeigegangen bin: Wie ein Wollknäuel, lauter Haar und keine Frau, und dabei bin ich bekanntlich keineswegs zierlich und dünn.
Vor meinem Urlaub leider keine Chance. Friseure haben immer nur dann geöffnet, wenn ich arbeite. Und wenn ich mal nicht arbeite, und Friseure habe trotzdem auf, dann wollen da alle hin, und dann: Termin in vier Wochen. Da habe ich dann keine Lust, bedanke mich, gehe, und im Ergebnis dauert es viel länger als vier Wochen. Am letzten Mittwoch sehe ich also aus wie ein mächtig zerraufter Besen.
Am Donnerstag – inzwischen in Klagenfurt – reicht es mir. Ich schwitze unter meinen zwölf Kilo Haaren wie nichts Gutes. Ich habe außerdem über Mittag – die zweite Vormittagslesung endet um 12.00, die erste Nachmittagslesung beginnt um 13.30 – etwas Zeit. Ich steuere deswegen einen Friseur an. Ich kenne mich ja vor Ort nicht aus. Ich gehe also einfach zum nächsten.
Als ich die Tür öffne, pralle ich zurück. Es ist circa 30° C warm, eine Luftfeuchtigkeit wie am Amazonas, und vor mir sitzen drei ältere Damen unter Hauben oder mit Lockenwicklern oder Aluwickeln im Haar und lesen in der Gala. Ich bleibe unschlüssig stehen. Als eine ältere, ziemlich untersetzte Frau auf mich zukommt, ist es zu spät zu verschwinden. Ich schwitze pro Minute zwar einen Liter Flüssigkeit aus, aber das ist jetzt egal. Ich werde auf einen Stuhl gesetzt, man wäscht mir die Haare, und dann wirbelt die Friseurin um mich herum. Dabei redet sie unaufhörlich auf mich ein und schildert mir ein Musical, das sie vor ein paar Monaten in Berlin gesehen hat. Ich grunze ab und zu schwach, aber das scheint ihr als Antwort zu reichen.
Als der unglaublich kraftvolle Föhn ausgeht, sehe ich in den Spiegel. Einen mulmigen Moment fürchte ich mich vor einer Dame mit einer zementierten Dauerwelle, aber dann sitze da doch nur ich. Meine Haare sehen ziemlich gut aus. „Super.“, sage ich, und die Friseurin nickt befriedigt und redet unbeirrt weiter. Es geht jetzt um ein anderes Musical.
Der Haarschnitt ist billig. Ich zahle nicht mal die Hälfte, verglichen mit Berlin, stecke verlegen und dankbar einen Zehner ins Schwein, und radele davon. Ich muss wieder nach Klagenfurt, drehe ich mich zufrieden vor einem Fenster.
Dann steige ich vorm ORF-Theater vom Rad und werde ganz still.
Im Flugzeug werde ich auch auf einmal sehr müde. Unter mir wird Klagenfurt kleiner und kleiner, Berge falten sich auf, drücken mir ihre weißen Gipfel entgegen, getrennt durch schwärzliche Schluchten und eisblaue Seen.
Ich blättere in der ZEIT hin und her, trinke sehr schnell zwei Glas Wasser und schließe die Augen. Ich möchte wieder mehr über Bücher sprechen, nehme ich mir vor. Ich möchte wieder schreiben. Ich will nicht immer gleich wissen müssen, wohin ich will, und wieder mehr und länger einfach nur so zuhören, wenn einer spricht. Den Worten nachschmecken. Vielleicht, sehne ich mich kurz nach Wörthersee und lauen, langen Nächten, im nächsten Jahr wieder. Vielleicht ein paar Abende mehr im Sommer, im Herbst und wenn’s friert. Wahrscheinlich: Nie mehr für länger.
Ich liege auf dem Bauch und starre nach unten. Über mir schiebt und drückt eine Physiotherapeutin an meinem Rücken herum, bis es knackt und kracht, und ich überlege, ob ich darum bitten soll, dass die laufende CD, die vermutlich „Zauber der Stille“ oder „Finde dich selbst“ oder so heißt, ausgemacht wird. Dann aber schweige ich und beobachte durch ein Loch in der Liege die nackten Zehen der Therapeutin. Sie hat – fällt mir auf – eigentlich ganz schöne Füße.
In meinem Nacken kracht es, als würde sich irgendwo zwischen Hals uns Rücken ein Steinbruch befinden, in dem gerade richtig große Granitbrocken talabwärts rollen. Ganz kurz zieht die Physiotherapeutin auch an meinem Kopf, etwas löst sich, zieht sich sofort wieder zusammen, und dann lässt sie – um ein Geringes zu kurz – wieder los. Sofort flutet der Schmerz wieder das Knochen und Fleisch.
Auf einmal werde ich unendlich müde. Die drei Tage mit viel zu wenig Schlaf fordern ihren Tribut. Ich wäre jetzt, gähne ich, sehr gerne am Meer. Sand, Strandhafer. Gischt und schlagende Wellen. Schreiende Möwen, ein unendlicher Himmel genau auf der Grenze zwischen weiß und blau. Kein Mensch sollte mit mir am Strand liegen, ganz allein wäre ich da. Der erste Mensch möchte ich sein, den Ozeanen entstiegen, und kein Morgen wäre jemals gepriesen als dieser von mir. Allein.
Thailand, denke ich. Also so eine Hütte am Strand, wo man hingeht, wenn man ein bisschen verspannt ist, und da setzt sich dann so eine schweigende Dame zu einem und knetet einen so richtig durch. Bis der ganze Rücken glüht. Oder zumindest eine Physiotherapeutin, von mir aus auch so eine richtig krachend berlinerische Frau, die sich erst wortreich über das Ausmaß der Verspannung verbreitet, und dann derb, aber wirksam zugreift. Dann stünde ich auf, würde – oh, welche Wohltat – den Kopf drehen, und ginge schmerzfrei wieder nach Hause.
Statt dessen habe ich schon zwei Wärmepflaster ergebnislos verschlissen. Ich war mehrmals sehr heiß baden. Der J. musste auch ran und meinen Nacken kneten. Ich habe mich dann sehr, sehr, sehr auf meinen Nacken konzentriert und versucht, mich Muskel für Muskel zu entspannen und dabei nach Möglichkeit nicht zu lachen, weil das so wehtut, und eine Nacht einbalsamiert in Kytta-Balsam geschlafen. Ob ich von dem Gestank oder meinen Nackenschmerzen so früh aufgewacht bin, weiß man nicht genau. Heute nachmittag haben sich meine Müdigkeit und die Musik überraschend guter Bands auf der Fête de la Musique jedenfalls zu einem sehr sonderbaren Wahrnehmungscocktail vermischt.
Morgen sieht es im Übrigen sehr schlecht aus mit Thailand. Und fast genauso schlecht mit einem Termin bei Physiotherapeutens, weil morgen der J. lange arbeitet, und ich um fünf den F. abhole, und wenn der J. dann nach Hause kommt, ist es selbst einen Tag nach Mttsommer zappenduster und alle Physiotherapeuten schlafen.
So lange lebe ich also mit meinen Gebrechen. Ich schaue nach Möglichkeit nur geradeaus. Ich mahle ein bisschen mit dem Unterkiefer, weil der bedingt durch die Verspannung so etwas Ähnliches wie synchrone Zahnschmerzen aller meiner Zähne verursacht, und außerdem bin ich grauenhaft gelaunt. Wenn Sie mich morgen ansprechen, um mir einen Lottogewinn zu überbringen, werde ich Sie voraussichtlich anspucken. Oder beißen. Möglicherweise breche ich aber auch einfach in Tränen aus.
Wir saßen im Studentenwohnheim auf dem Boden im Appartement der C.2, ich war gerade 19 geworden, und wir tranken eine Bowle aus dem Rotwein von plus, Zucker und klein geschnittenem Dosenpfirsich, und die M.3 sang und spielte Gitarre. Ich lackierte mir die Fußnägel mit einem knallroten Nagellack, den die C.2 bei Douglas in der Fußgängerzone gekauft hatte, und die C.2 las uns eine Postkarte vor, die ihr jemand geschrieben hatte, den sie ganz gut fand. Dabei lehnte sie sich weit zurück, und als sie den Kopf so weit zurückbog, dass ihr Haar in einem Winkel von fast 45° auf den Boden hing, sah ich ihr erstes, graues Haar. Die C.2 war gerade 20. Ich öffnete erst den Mund, und schloss ihn dann wieder und sprach nie, nie, nie von dem einen, ersten grauen Haar, um die C.2 nicht zu deprimieren, die es ohnehin nicht so ganz leicht hatte in jenen Jahren. Es blieb auch ein verirrter Einzelgänger.
Solche ersten grauen Haare sehe ich heute oft: In den Augenwinkeln einer Freundin, die Lachfältchen, die sich irgendwann nicht wieder glätten. Die hohe Stirn eines Freundes. Die tiefe Nasolabialfalte einer Bekannten. Eine lange nicht gesehene frühere Kollegin, deren Unterlippe irgendwie langsam verschwindet. Manchmal hängen diese ersten grauen Haare Leuten, die man lange kennt, auch quasi aus dem Mund. Wenn ein alter Freund ab und zu so richtig grämliche Sachen sagt, die klingen, als sei die Welt seit der Reformation eigentlich täglich schlechter geworden. Wenn eine Freundin behauptet, zu ihrer Zeit hätten weder sie, noch ihre Freunde … worum es genau ging, habe ich schockiert vergessen. Derzeit ärgert sich ungefähr die Hälfte aller Leute, die ich kenne, ständig über die Generation Y, und erst gestern habe ich eine Frau in so circa meinem Alter auf einem Straßenfest sagen hören, vor zwanzig Jahren wären die jungen Mädchen nicht so schlampert herumgelaufen wie heute.
So etwa, da bin ich mir sicher, würde ich niemals sagen. Zum einen erinnere ich mich sehr genau an 1995 und darf hiermit versichern, dass die Welt nicht so gar anders aussah als heute. Zum anderen, und das ist mir wichtig, will ich nicht an Leib und Seele so grauhaarig werden, und fürchte doch – mal mehr und mal weniger – dass meine eigenen grauen Haare nur anderswo angebracht sind. Wie es so zu gehen pflegt: Da, wo ich sie am wenigsten sehe.
Hach, sage ich. Wenn das so weitergeht, muss ich mein Blog noch schließen. Mein gesamtes Sozialleben dreht sich um die Kinder, entweder, weil meine Freunde und ich mit allen unseren Kindern irgendwo sind, oder weil wir irgendwo sitzen und über die Kinder sprechen. Ins Kino schaffen wir es alle zusammen nur alle paar Monate mal, zuletzt in Birdman, und da können Sie sich ja schon denken, dass das nicht gestern war. Mit dem Theater oder Tanzengehen sieht es ähnlich aus, und wenn ich es irgendwohin schaffe, um da was zu essen, kann man sicher sein, dass die ganze Stadt schon da war. Vorgestern zum Beispiel, da war ich in der Cordobar in der Großen Hamburger Straße. Das ist toll da, aber das haben Sie natürlich schon gewusst.
Irgendetwas, über das zu schreiben sich lohnt, passiert mir daher eigentlich nie. Auch meine Freunde erleben nämlich nichts, was interessanter wäre als die Frage, wann der Sohn der lieben C. aufsteht und läuft, wann der kleine F. endlich Fahrrad fährt, und ob die Tochter der I. noch diesen Sommer Seepferdchen macht. Oder sie erleben es doch, aber kommen wegen der ununterbrochen plappernden Kinder nie dazu, es mir zu erzählen. Wenn wir alle uns nicht um unsere Kinder kümmern, arbeiten wir, und das wollen Sie doch gleich gar nicht wissen. Da blieben eigentlich nur die kinderlosen Freunde, aber die erzählen mir nichts, vermutlich, um nicht meinen Neid zu erregen. Höchstens vielleicht diese Sache mit der D. … aber urteilen Sie selbst.
Stellen Sie sich also – wir schreiben das Jahr 2003 – eine junge D. von damals 25 vor, die als Praktikantin im Bundestag die Zeit bis zu ihrem Referendariat überbrückte, des Nachts feiern ging und mit ihrem Mitbewohner sehr friedlich und rein gar nicht amourös in der Schliemannstraße vor sich hin lebte. Die Schliemannstraße, Sie werden sich erinnern, war damals noch verhältnismäßig studentisch-verstrubbelt, und auch die junge Frau war noch in einem Stadium ihres Lebens, in dem sie erstens alles aß, zweitens auch völlig egal, wann, und drittens eines Morgens von einer Wurstbude in Mitte einen schönen Fremden einfach mit nach Hause nahm.
Sie hätte dem Fremden ebenso gut ihren richtigen Namen sagen können. Dass sie stattdessen behauptete, „Sandra“ zu heißen, lag einfach daran, dass auch er ihr seinen Namen nicht verraten wollte, sondern behauptete, er heiße „Andreas“, was Mitte der Siebziger auch eher so eine Art eine Gattungsbezeichnung war. So beschloss man beiderseits, Namen seien Schall und Rauch, und als man – das war einige Stunden später – rauchend auf dem Dach des Hauses in der Schliemannstraße lag und in den Sommermorgen sah, war ihr sowieso egal, ob er nun Hinz oder Kunz oder Rumpelstilzchen hieß. Es blieb dann auch bei Sandra und Andreas, als man sich noch ein paarmal wiedersah, aber dann ging sie für ein paar Monate nach Rio de Janeiro, und als sie wiederkam, zog sie mit ihrem Freund zusammen, arbeitete drei Jahre für eine Kanzlei und dann für einen Verband, und als sie zwei Kinder bekam, verließ sie den Prenzlberg und wohnt heute in Wannsee.
Abendtermine übernimmt sie eigentlich ziemlich ungern. Da muss schon ziemlich was kommen, damit sich der Babysitter lohnt, aber manche Einladungen kann selbst eine Frau, die seit ihrer ersten Geburt vor acht Jahren nach eigenem Bekunden nie wieder nach Mitternacht im Bett war, nicht ausschlagen. Da stand sie dann also gähnend auf dem Fest eines großen Industrieverbandes, der … ach, eigentlich egal, aß Miniblutwurst auf Minikartoffelschnee auf Löffeln, Krabben auf Wasabicrackern, trank Riesling und plauderte mit Leuten, die sie teilweise kannte, teilweise wenigstens so tat und simulierte sich so durch den Abend. Nach drei Glas Riesling ging es im Übrigen auch wieder ganz gut.
Ganz nüchtern hätte sie möglicherweise allerdings etwas schneller reagiert, als sie so von vage seitlich angesprochen wurde. Sie sah auf. Es war Andreas. Also sozusagen Andreas. Und ganz offensichtlich ging es ihm prächtig, und peinlich war ihm die alte Angelegenheit auch nicht. Man stieß also an auf die alten Zeiten, Andreas holte Wein und Bier und dann wieder Wein, und als gegen Ende alle eingeladenen Gäste verschwunden waren und nur noch die Praktikanten an der Bar standen und tranken, tranken sie in der bar tausend weiter. Was sie zuhause erzählte, als sie morgens um fünf auftauchte, entzieht sich leider meiner Kenntnis.
Eine gute Woche rang die D. mit sich und speicherte die Nummer von Andreas ein halbes Dutzend mal ab, um sie dann ganz schnell wieder zu löschen. Sie rief jemanden an, von dem sie dachte, er müsste ihn kennen, und sprach dann doch lieber über etwas anderes. Dann stritt sie sich mit ihrem Mann über die Frage, wie viele Gäste ein Fünfjähriger zum Geburtstag einladen darf und ärgerte sich so, dass sie Andreas eine SMS schrieb, und am letzten Mittwoch saß sie dann doch in der Lounge des Esplanade Hotel, bestellte schnell hintereinander zwei Tom Collins und war gerade noch so pünktlich zuhause, dass der Babysitter den letzten Bus ganz knapp noch bekam.
Ein schlechtes Gewissen, behauptet die D., habe sie gar nicht. Es sei ja auch quasi nicht sie selber, die nächsten Monat schon wieder, diesmal in einem anderen Hotel, verabredet sei. Sandra sei, das sei mehr als eine faule Ausrede, ganz klar jemand anders, und alles, was Sandra so anstelle habe mit ihr, der D., deswegen sozusagen annähernd rein gar nichts zu tun.
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