Rätsel

„Warum sind die Leute hier alle so freundlich?“, frage ich den J. auf dem Weg vom Exploratorium zum Bus 43 aus dem Marina District zur Masonic, und der J. zuckt die Schultern. Doch es ist auffällig: Weder er noch ich haben in Berlin jemals einen Penner getroffen, der sich auf der Straße bei uns entschuldigt hat, weil sein Einkaufswagen im Weg stand. Und wenn in Berlin jemand als Tourist erkennbar ist, begegnen ihm die Berliner normalerweise mit einer Mischung aus Eile, Ungeduld und einer Prise Verachtung für jeden, der nicht Berliner ist. Hier sprechen uns ständig Leute an und fragen, wo wir hin wollen, wenn wir irgendwo Stadtpläne lesen. Sogar die Busfahrer lächeln und geben freundlich und zutreffend Auskunft. Die Berliner Busfahrer sind dagegen dafür bekannt, gern ohne Halt an Wartenden vorbeizufahren oder plötzlich anzufahren, wenn Leute hilflos schwankend im Gang stehen.

Nun könnte man die Berliner Unfreundlichkeit auf das Wetter schieben. Aber die Berliner sind ja auch im Sommer grob. Oder auf die schlechte wirtschaftliche Lage. Aber die ist hier, glaube ich, auch nicht besser. Ein Freund von mir macht für die deutsche Muffigkeit seit jeher die Nazis verantwortlich. Er hat sich da so eine lange Erklärungskette ausgedacht, die ich nicht mehr vollständig parat habe, aber es hat irgendetwas mit Scham und Kompensation zu tun. Ich kann mir das nicht recht vorstellen; außerdem waren die Berliner wahrscheinlich schon immer so.

Vermutlich ist es anders: San Francisco ist perfekt. Also richtig perfekt. Nicht perfekt auf so eine Art und Weise, die einen dann auch wieder nervös macht, weil alles ein bißchen zu aufgeräumt ist und sofort jemand herangesprungen kommt, wenn irgendwo ein Blatt vom Baum fällt. Oder es fällt auf, dass man gar keine Penner sieht, und man ahnt irgendwann, dass die Perfektion einen Preis hat, den man lieber nicht zahlen will. Hier dagegen habe ich den Preis noch nicht gesehen.

Außerdem liegt San Francisco am Meer. Die Luft ist deswegen kühl und rein. Es ist sonnig. Irgendwo rauscht immer das Meer. Das Umland, sagt man, sei schön. Auch das Essen ist gut: Es gibt Fisch und Meeresfrüchte, Austern und Schnecken. Es überhaupt gibt sehr, sehr gutes Essen. Sauerteigbrot mit gesalzener Butter und Pastrami. Ordentliche Käsetheken. Ein dicker, säuerlicher Joghurt, duftendes Obst. Kobe Steaks, Falafel und Ceviche, Brioche mit Quittengelee, Pâtisserien voller Macarons und kleiner, delikater Törtchen.

In einem solchen Umfeld kann man auch ganz gut freundlich sein, mutmaße ich. Schließlich sind die Leute in Kopenhagen, wo es ähnlich perfekt aussieht, auch ganz schön nett. Auf der anderen Seite würde ich aber auch nicht darauf schwören, dass die Berliner, würden sie mit den Leuten hier mal die Stadt tauschen, nach ein paar Jahren ähnlich freundlich würden. Es muss also mehr als nur die Umstände sein. Es bleibt ein Rätsel:

Warum sind die Leute hier alle so freundlich?

Spannende Zeiten

Der J., sagt er, hat das Vertrauen in den Euro verloren und will die DM zurück. „Alle schreiben, die Deutschen hätten vom Euro am meisten profitiert.“, entgegne ich ihm, aber der J. ist nicht mehr umzustimmen. Frau Merkel habe in Brüssel seine Interessen für ein Linsengericht verkauft, ist der J. überzeugt, und von Helmut Kohl, der den Euro verschuldet habe, habe er sowieso noch nie viel gehalten. Der J. erwartet also demnächst eine knackige Inflation.

Mir ist eine Inflation alles in allem nur recht. Ich bin Rechtsanwältin, so etwas braucht man quasi immer. Ich arbeite nicht für Privatpersonen und rechne auch nicht nach einer Gebührentabelle ab, die durch eine Inflation entwertet werden könnte. Wir haben außerdem nicht so sonderlich viel Geld, halte ich dem J. vor, aber dafür einen laufenden Kreditvertrag für unsere Wohnung. Eine Inflation kommt uns also nur gelegen. Was aber unsere Barmittel angeht, so geben wir die in Ansehung der kommenden Zeiten am besten unverzüglich aus.

Wir haben also erst einmal einen Flug nach Las Vegas gebucht. Ich war da noch nie. Ich stelle mir Las Vegas scheußlich vor, aber gesehen haben muss man das wohl mal, also fahren wir übernächste Woche hin. Weil das Geld ja bald eh nichts mehr wert ist, haben wir das Hotel gebucht, das uns im Internet am besten gefallen hat.

Außerdem will ich ans Meer. Wir haben deswegen einen Wagen gemietet. Ich habe im Internet nach Hotels gesucht, aber irgendwie gab es halbwegs günstig nur einerseits Kettenhotels, die ja immer irgendwie unwirtlich wirken, und Hotels, die ausschauen, als handele es sich um die Kulisse eines sozialrealistischen Films. Meistens ist da an Ausstattung sogar alles da. Die Optik ist aber so schlimm, da kann man keineswegs absteigen, insbesondere die Kombination von riesigen Räumen mit wenig Möbeln, grässlichen Bettüberwürfen und viel zu viel Vorhangstoff in unsagbar hässlichen Mustern und Farben macht das Absteigen leider vollends unmöglich. Wir sind also auf ein Hotel ausgewichen, das einerseits gut aussieht, andererseits auch schön gelegen sein soll, und was die Kosten angeht: Nächstes Jahr bekommen wir für das Geld bestimmt eh nur noch einen Eisbecher ohne Streuseln und Sahne.

Sobald wir zu Hause sind, machen wir weiter. Ich habe ein paar Bilder im Auge. Die hängen wir uns jetzt ganz schnell an die Wand. Vielleicht bauen wir um. Oder rüsten noch einmal richtig auf, so möbeltechnisch und so. Vielleicht kaufe ich mir auch Schmuck. Oder wir schichten alles um in Schweizer Franken. Dann sitzen wir in Berlin und warten auf die Inflation. Wenn sie kommt, erfreuen wir uns an den ganz bestimmt interessanten Zeiten. Und wenn sie ausbleibt, haben wir ein paar schöne Ausflüge gemacht und ein paar wirklich gut aussehende Möbel, Bilder und Schmuckstücke mehr.

Ich bin gespannt.

Meer

Dann aber, als wir den Zoo verlassen, stehen wir auf einmal hinter dem Highway am Strand, und hinter uns türmt der Pazifik sich auf zu hohen Wellen mit breitem, weißem Kamm. Grün und blau changiert das Wasser wie altes Glas, wie ein Aquamarin, und mir fällt ein, dass ich flache, ruhige Wasser noch nie mochte, und ein Meer genau so sein muss wie dieses.

Nichts los, alles bestens

Tja, sage ich. Da gibt es wohl nichts zu schreiben. Wer will schon wissen, wie viele Candyläden es am Pier 39 gibt? Oder wie oft ich schon bei Trader Joe’s war, um den Kühlschrank vollzustopfen? Oder wie viele Kilometer der J. und ich schon durch San Francisco gelaufen sind, immer mit dem F. auf dem Bauch, ohne dabei auf besondere Sehenswürdigkeiten gestoßen zu sein, einfach nur so, aus Freude am Spazieren gehen?

An Sensationen ist unser Leben gerade ganz ausgesprochen arm, entschuldige ich die Ereignislosigkeit in diesem Blog. Um das mal drastisch zu illustrieren: Das Ereignis mit dem größten Ausschlag nach unten heute war eine Portion Clam Chowder in der Nähe von Fisherman’s Wharf. Ein Höhepunkt des Tages dagegen fällt mir nicht einmal ein. Dabei war das ein schöner Tag, so ganz geruhsam mit langem Spaziergang, Blick auf die San Francisco Bay und dann noch ein bißchen Shoppen rund um den Union Square. Geschichten ergibt das alles aber rein gar nicht, und so steht auch heute an dieser Stelle nur

ein entspannt-zufriedenes Nichts.

Knack. Also: KNACK!

Bekanntlich gibt es ja so etwas wie ein kosmisches Gleichgewicht: Wer reich ist, soll nicht auch noch schön sein. Wer Erfolg hat, soll wenigstens Depressionen bekommen. Nicht vergleichbar existentiell, aber irgendwie ähnlich verhält es sich gerade bei mir:

Der Flug nach San Francisco war super. Sogar das Essen bei KLM war okay. Der russische Taxifahrer hat unser Appartement sofort zu einem nachzuvollziehbaren Preis gefunden. Das Appartement ist im Erdgeschoss eines hübschen, viktorianische Häuschens in Pacific Heights inmitten lauter anderer hübscher, ebnso reich verzierter viktorianischer Häuser belegen, klein und hübsch, geschmackvoll pistaziengrün gestrichen, eingerichtet mit einer charmanten Mischung aus alten, sehr gepflegten Möbeln, ein wenig IKEA, sparsam dekoriert mit ein paar Orchideen und Blechspielzeug, und die Küche ist komplett. Das WLAN funktioniert auch. Das Bett ist nicht zu weich, der Garten nett angelegt mit Tischen und Stühlen in der Morgensonne, und wenn man die Straße abwärts läuft kommt man über die Fillmore Street und vorbei an Chinatown direkt ans Meer. Das ist perfekt. Das war zuviel. Das konnte nicht so bleiben, denn das kosmische Gleichgewicht … Sie wissen schon.

Ich sitze also in diesem perfekten Setting morgens am Tisch, esse griechischen Joghurt mit Mango, bestreiche mir ein Sourdough Brot mit Hummus, schneide mir eine Scheibe TRüffelkäse ab, und dann macht es: Knack. Also besser so: KNACK. Mit mindestens 36 pt.

Entgegen erster Annahmen ist das kein Erdbeben. Auch mein Schädel ist noch ganz. Außer mir hat auch keiner dieses entsetzliche Geräusch gehört, wie ein Blick auf den J. und den F. zeigt, die beide vergnügt und ruhig herumsitzen bzw. -liegen, als habe es das grässliche Geräusch nie gegeben. Gleichzeitig wird es warm und salzig in meinem Mund. Ich fühle vosichtig nach: Hier ist etwas gebrochen. Der Zahn ist durch. Nach mehrfacher, monatelanger Wurzelbehandlung. Der Zahn ist mitten durchgebrochen.

Zwei Stunden später immerhin sitze ich beim Arzt. Der Arzt sitzt in einem Bungalow auf dem Dach eines Einkaufszentrums. Der Arzt erweist sich letztlich als eine Ärztin, eine Russin mit rrrollendem Rrrr, die mir verkündet, der Zahn sei brrroken, er müsse extrrracted werden, denn für eine Rettung des Zahns sei nicht mehr genug Zahnsubstanz da. Ich könne das mit einer provisorischen Füllung überbrücken lassen und in Berrrrlin meinen Zahnarzt aufsuchen. Oder sie reiße mir den Zahn an Ort und Stelle raus.

Ich habe genug. Ich nicke. Ich verlasse den Bungalow auf dem Einkaufscenter eine Stunde später also wieder ohne Zahn und wanke nach Hause.

Zwie Stunden später scheint der Kosmos zufrieden zu sein. Alles ist wieder im Gleichgewicht und schaukelt fröhlich durch den Tag. Die Backe ist nicht geschwollen, es schmerzt nichts, nur das Kauen ist ein bißchen schwierig, und so bestelle ich einen langen, langen Fußmarsch die Bush Street herunter, die Fillmore Street abwärts und die dann quer durch Chinatown in einem Restaurant statt der ersehnten Ente ein auch sehr, sehr gutes Mapo Tofu und eine Eierblumensuppe, esse auch in der Bakery, in der wir später sitzen, kein Gebäck, und betaste erst abends mit der Zunge vorsichtig die Stelle, wo der Zahn saß. Ein bißchen empfindlich, aber nicht schmerzhaft. Der Kosmos war gnädig.

Der Tag war es wert.

Verschwörungstheorie

Sehen Sie, die Regierung hat halt Feinde. Ich meine da nicht die Opposition. Die Opposition besteht ja in Deutschland einerseits aus sehr staatstreuen und andererseits aus völlig unfähigen Leuten. Die Opposition steht deswegen keineswegs den Bestrebungen der Regierung im Wege, die Deutschen zum Kinderkriegen aufzufordern. Wenn ich von „Feinden“ spreche, dann meine ich andere Kräfte.

Nicht, dass ich wüsste, um wen es sich dabei handelt. Ich bin eine einfache Rechtsanwältin, woher soll denn ausgerechnet ich wissen, wo das ganze Geld herkommt, das den Pressemarkt überschwemmt? Nur dass es da irgendwelche Geldflüsse gegeben haben muss, davon bin ich überzeugt, denn es kann doch kein Zufall sein, dass seit ein paar Jahren – ungefähr solange, wie es das Elterngeld gibt – alle Zeitungen und Zeitschriften nur noch schreiben, wie grauenhaft es ist, Kinder zu haben. Der FAZ ist das auch schon aufgefallen. Wie nervig die kleinen Blagen sind und wie langweilig das Leben als Mutter, steht da dann etwa. Dass man immer unausgeschlafen sei, keine Zeit mehr habe, zu lesen oder auszugehen, und dass man statt nach New York die nächsten zwei Jahrzehnte nach Dänemark fahren wird.

In Wirklichkeit ist das alles Quatsch: Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel geschlafen, weil ich ansonsten ja arbeiten muss und zuviel ausgehe. Die Vereinbarkeit von Berufs- und Nachtleben hat bei mir nie so richtig hingehauen, und dann habe ich halt am Schlaf gespart. Das ist nun natürlich anders. Gerade ein Baby kann man außerdem überall hin mitnehmen. Wir waren mit F. beispielsweise auf einer Vernissage und gehen ständig essen. Später hat man dann Babysitter und ansonsten wechselt man sich halt ab. Man muss ja nicht zwangsläufig zusammen ins Theater. Überdies – mein Gott, so ein Baby schläft 12 Stunden am Tag, das reicht für einen Haufen Bücher und Filme. Selbst ein waches Baby liegt ja meistens einfach so auf seiner Decke und spielt fröhlich brabbelnd mit herabhängenden Rasseln oder versucht vergeblich, einen großen Plüschwürfel vollständig in den Mund zu stecken. Da kann man gut daneben sitzen und die Süddeutsche lesen, so beispielsweise. Oder man sitzt in einem Flugzeug nach San Francisco, sieht hintereinander True Grit und zwei Folgen The Big Bang Theory und sieht wohlgefällig seinem Baby zu, dass in einem Hängebabybett vor einem liegt und freudig strampelt, strahlt und meistens schläft. Die Geräusche des Flugzeugs und die Vibrationen müssen da irgendwie eine ziemlich wohltuende Wirkung ausüben: Der F. schläft zwar auch ansonsten viel, aber so viel schläft er eigentlich nicht.

Geschrien hat der Kleine auf der ganzen Reise im Übrigen überhaupt gar nicht. Zweimal habe ich gewickelt, ebenfalls zweimal wurde er gefüttert. In der Schlange für die Passkontrolle wurden der J. und ich dann etwas ungeduldig, nicht aber der F., und als wir todmüde um 19.30 Ortszeit zu Bett gehen wollten, schlummerte auch der F. in seinem Babybett selig ein.

Die ausufernde Gegenpropaganda kann ich mir daher ganz eindeutig nur mit Bestechung erklären. Die Verlage müssen für ihre Greuelpropaganda in Geld schwimmen. Nur warum irgendwer ein Interesse daran hat, dass die Deutschen aufhören, Kinder zu bekommen, kann ich mir nicht erklären. Die Deutschen sind doch so nützlich. Man denke doch nur an die Eurokrise. Wie soll denn das weitergehen, wenn es irgendwann keine Deutschen mehr gibt? Die einzige Erklärung, die mir für die Überschwemmung mit „No Kids“-Texten daher einleuchtet, ist diese: Die Regierung hat Feinde. Irgendwen. Irgendwen mit ziemlich viel Geld.

Kofferpacken

Ohne Kind ging Kofferpacken schnell. Ich brauchte meinen Pass, ein paar Kontaktlinsen und Tabletten, die ich für meine Schilddrüse nehme, und ansonsten stopfte ich Wäsche für ein paar Tage und ein zweites Paar Schuhe in einen Koffer. Ansonsten nahm ich mein Notebook und ein paar Bücher mit. Alles andere konnte man überall kaufen.

Mit Kind F. geht das nun nicht mehr. Vorbei sind die Zeiten der kleinen Koffer und knautschigen Taschen, denn Kind F. spuckt bisweilen große Mengen Milch und Brei. Deswegen braucht er viel mehr Anzuziehen als ich und ganz viele, ganz große Mulltücher, die verhindern sollen, dass er den J. und mich vollspuckt. Außerdem schläft der F. in einem Schlafsack, der also auch mit muss, ebenso wie ein kleines, zusammenklappbares Bettchen, das wie eine Tasche aussieht und mit dem man Kind F. auf auf Flüghäfen oder so ablegen kann. Wir nehmen nämlich keinen Wagen mit, sondern hängen das Baby dem J. vor den Bauch.

Leider ist das noch nicht alles. Kind F. ist überdies noch nicht stubenrein. Wir werden in San Francisco Windeln kaufen. Bis wir angekommen sind, braucht der F. aber viele, viele Windeln, Feuchttücher und Waschlappen. Das alles müssen wir mitnehmen.

Außerdem braucht der F. auch etwas zu essen. Seit zwei Wochen isst der F. nämlich auch Brei, und diesen Brei kochen wir selbst. Zu diesem Behufe habe ich eine Maschine gekauft, einen Dampfgarer nämlich, in den man lauter kleingeschnittenes Gemüse (oder was F. sonst noch so essen soll) hereintut, Wasser einfüllt, abwartet, bis die Maschine alles fertig dampfgegart hat, und dann den Behälter einfach umdreht und alles mixt. Mir kommt das irgendwie appetitlicher und frischer vor als fertige Gläschen, und Kind F. scheint es auch zu schmecken. Die Maschine muss also auch mit.

Außerdem brauchen wir Spielzeug. Wir brauchen eine Babydecke. Wir brauchen F’s Schnuller, wir brauchen zumindest eine ganz kleine Babyapotheke, wir brauchen … wir brauchen … wir brauchen.

Mit einer ganzen Karawane an Koffern sehe ich mich schon morgen nach Tegel fahren. Koffer und Taschen gestapelt in einem Kombi, ach was: In einem Lastentaxi fahren uns nach, aber vielleicht ist das auch alles Quatsch. Vielleicht braucht man auch mit einem Baby eigentlich nur ein ein bißchen Wechselwäsche, etwas zu Spielen, und alles andere kann man überall kaufen.

(Mal sehen, wie es aussieht, morgen abend.)

09.06.2012

Jahrelang eröffnete mein Vater Telephonate mit den Worten „Gibt’s dich auch noch.“, um so dezent anzudeuten, dass man vielleicht etwas öfter anrufen könnte. Inzwischen fragt er meistens direkt und umschweifelos „Was macht der Kleine?“. Gestern aber, weil unsere Haustürklingel kaputt ist und er zehn Minuten auf der Straße vor der Tür stehen musste, waren seine ersten Worte „Ihr seid ja doch zu Hause!“. Dann lud er die mitgebrachten Geschenke ab und verlangte Kaffee. Im Anschluss griffen meine Mutter und er nach Kind F. und ließen es bis zum Abend nicht mehr los.

„Ihr wollt nicht zufällig den Kleinen einfach hier lassen, wenn ihr fahrt?“, fragte mein Vate irgendwann zwischen Eis und Erdbeertorte und hob das jauchzende Kind F. hoch über seinen Kopf. Ich schüttelte den Kopf. „Schade.“, meinte mein Vater und ließ sich erklären, wo sich bei uns der Sicherungskasten befindet und wo die M 4 abfährt, denn eine der fünf Wochen unserer Abwesenheit werden meine Eltern in unserer Wohnung weilen. Die anderen vier Wochen wird die Wohnung von den Eltern des J. und anderen Verwandten bewohnt.

„Habt ihr schon gepackt?“, fragt meine Mutter etwas später, obwohl die Abreise noch mehr als eine Woche in der Zukunft liegt, und ich verneine. Wir haben gar nichts. Wir haben Pässe und diese elektronischen Visa, die man jetzt braucht, wenn man in die USA reist, und ansonsten kaufen wir alles, was wir vergessen, da. Vergessen werden wir vorhersehbarerweise eine ganze Menge, denn wir werden nicht vor Sonntag abend packen, und Montag geht es dann los.

Ich freue mich. Ich freue mich sehr.

(Abends bei der M. und dem M. ein total langweiliges Fußballspiel gesehen. Pizza gegessen. Zwei alkoholfreie Bier, recht früh daheim und im Bett die Autobiographie von Fritz J. Raddatz weiter gelesen, gleichermaßen peinigend und amüsant.)

Splendid

Großartig, sage ich meiner Mutter: Das Wochenende war sozusagen perfekt. Die leuchtende Geburtstagsfeier vom Herrn Glam, die erste Party seit der Geburt, vernünftig angezogen, geschminkt und ohne Baby. Zwei Glas Wein habe ich getrunken und mich gefühlt wie mit 14, als jedes Glas Wein noch eine ganz durchschlagende Wirkung hatte. Gelacht habe ich, hervorragend gegessen, mit vielen, vielen Gästen gesprochen und ganz besonders gern mit Herrn Lucky und Frau Kitty. Schön war’s, sage ich und lächele im Nachhinein dem Abend hinterher.

Den ganzen Samstag war ich faul. Ewig habe ich im Bett herumgelegen, ab und zu das Baby gefüttert, gedöst, mit dem schlafenden Kind gekuschelt und gelesen. Irgendwann war ich einkaufen. Bekannte getroffen. Geplaudert, langsam nach Hause geschlendert und mit Kind F. nach Neukölln gefahren. Langsam, durch den fallenden Abend die Weserstraße entlang, deren Bars sich langsam füllen. Man ist jung hier, viel jünger als ich.

Bei Frau Engl Geburtstag gefeiert. Gelacht, gedacht, wie alterslos Frau Engl doch ist und keinen Tag älter aussieht als damals, als ich sie irgendwann nach der Blogs!-Lesung in der Volksbühne getroffen habe. Da kam sie gerade aus Wuppertal, glaube ich. War das 2005? Und kenne ich Frau Wortschnittchen etwa schon genauso lang? Haben wir nicht gestern, letzten Sommer sozusagen, gemeinsam im Weinbergspark gesessen? Und wann habe ich eigentlich Sven K kennen gelernt? War das im Wohnzimmer am Helmholtzplatz und Sven K ganz frisch aus Köln nach Berlin gekommen?

Ich habe Euch gern, denke ich zu Hause im Bett und dränge mich enger an den J. Morgen wird es früh, flüstere ich, und der J. ächzt schon einmal vorsorglich auf. Viel zu früh ist dann tatsächlich am nächsten Morgen zum Frühstück im Mami Camilla, aber der M. und die M. sitzen mit Kind A. tatsächlich schon da. Die I. und der B. erzählen vom Hausbau, es geht um Familien, um Freunde und Jobs. Es geht um Kinder, um Reisen, um gemeinsame Ferienhäuser und die EM, und irgendwann später daheim scheint es mir, als seien das vielleicht schon die goldenen Zeiten, von denen ich später erzählen werde, dass es sie einmal gab, und dass ich all das hatte und zuhause war inmitten von Fülle und Glück.

Hört doch endlich auf zu jammern!

Oh Mann, denke ich und versinke in tiefes Schweigen über meinem Joghurtshake mit Lychee. Eigentlich sollte man jetzt aufstehen und gehen. Dabei sagt gerade niemand etwas, das wirklich fies wäre. Es mag an der einen oder anderen Äußerung sogar etwas Wahres dran sein. Es ist auch nicht so, dass mir jedes Verständnis für Leute anginge, die sich auch mal ein bißchen Luft machen müssen. Auch die fünf Mütter, die hinter ihren Drinks und neben ihren Kindern auf dem Helmholtzplatz sitzen, sollen mal jammern dürfen, aber so viel Gejammer auf einen Haufen macht mich aggressiv.

Die eine Mutter jammert über ihr Kind. Das Kind ist hübsch, blond und zart, aber es hat immerzu Hunger, gerade nachts. Die Frau stillt voll, und so langsam zehrt das nächtliche Stillen an ihren Nerven. Nun ist es nicht meines Amtes, voll stillenden Müttern ein abendliches Fläschchen zu empfehlen, aber wäre das denn wirklich so schlimm? Und wäre dann nicht vielleicht Ruhe? Und würde dann nicht vielleicht auch der Mann der jammernden Mutter aus dem Gästezimmer ins Schlafzimmer zurückkehren? Für die meisten Beziehungen ist ein gemeinsames Schlafzimmer, wie man wieß, ja generell ganz gut. Außerdem könnte auch der Mann ab und zu nachts Fläschchen geben. Das wäre großartig, denn dann könnte die Jammernde auch einmal schlafen. Die Frau scheint aber lieber zu jammern.

Die nächste Mutter jammert über ihre Putzi. Nie scheint es sauber zu sein, immer liegt irgendwo etwas herum, die Fenster sehen schmierig aus, außerdem könne die Frau kein deutsch, so dass sie keine Anweisungen verstehe. Ich gähne. Ich bin ein bißchen genervt. Ich will gar nicht damit anfangen, dass andere Leute ihre Wohnungen selbst sauber machen müssten. Ich wäre auch sehr schlecht gelaunt, müsste ich mich um diese Dinge selbst kümmern, aber über seine Putzi zu jammern, wirkt sowohl schrecklich unsympathisch, als auch ein bißchen dumm. Die Stadt ist voller putzender Polen. Niemand muss über die Dame jammern, die die eigenen vier Wände sauberhält. Es sei denn, er will es genau so und nicht anders.

Mir gegenüber wird ebenfalls gejammert. Hier fühlt sich die Mutter eines kleinen, hübschen Buben nicht ausreichend gratifiziert. Den ganzen Tag kümmere sie sich um den kleinen Kerl, laufe zum PEKiP und zur Babymassage, wickele, füttere und habe keine freie Minute. Ihr Freund dagegen gehe Tag für Tag ins Büro. Jeder, so mein Gegenüber schenke ihrem ziemlich viel arbeitenden Freund Anerkennung, aber über sie denke man gemeinhin nur, sie sitze den ganzen Tag herum und trinke Kaffee. Insbesondere ihr Freund denke das, behauptet die Mutter des Bübchens und kratzt mit einem Löffel den letzten Schaum aus einer Tasse Capuccino.

Um ein Haar hätte ich nachgefragt, wieso nicht die Mutter des Bübchens nach sieben Monaten wieder in ihr Büro zurückkehrt, und den kleinen Kerl dem Mann überlässt. Oder als kleine Sofortmaßnahme für ein Wochenende mit Freunden wegfährt und den Kleinen solange beim Papa lässt. Schätzungsweise ist dann Schluss mit der Annahme, ein Baby bedeute ein immerwährendes Wochenende. Auf der anderen Seite: Auch wenn es keine Mutter gern zugibt – man hat schon ziemlich viel frei und sitzt irgendwo im Café. Ich beispielsweise habe lange nicht so viel geschlafen, ewig nicht soviel gelesen, und wer nicht gerade alleinerziehend ist, kommt abends auch einmal ein bißchen vor die Tür.

Reißt euch mal ein bißchen zusammen, verkneife ich mir, und verpacke Kind F. ordentlich in seinen Wagen. Ich will nicht moralisieren, aber rund um den Tisch hat es ziemlich jeder ziemlich gut. Es kommen bestimmt die einen oder anderen härteren Tage. Bis jetzt, schiebe ich meinen Wagen durch den Prenzlberg heim, haben die aber ganz sicher noch nicht begonnen.