Bei Nacht

Vorsichtig öffne ich erst ein Auge und dann das andere. Das Schlafzimmer, immerhin, sieht aus wie immer. Der J. scheint schon aufgestanden zu sein, denn links neben mir liegt nur eine zerkautschte Decke, und Säugling F. schläft zu meiner Rechten friedlich und verzieht nur ab und zu ein wenig das Gesicht.

Ich reibe mir die Augen. Durch den Spalt zwischen Vorhang und Wand dringt ein bißchen sommerlich-helles Licht, im Hinterhof lachen zwei Nachbarinnen bei den Fahrrädern, und vor meinen Augen zerfällt ein massiger, dunkler Traum, der wirr und wüst gewesen sein muss, ein Traum wie von Lars von Trier inszeniert, und löst sich im Sommermorgen auf wie Zuckersirup in Wasser.

Ein großes Tier ist im Traum an mir vorbeigestrichen, fällt mir ein. Noch rieche ich Feuchtigkeit, nasses Fell und ganz frisch fließendes Blut. Meine Feinde kamen über mich, die Erde selbst hat den Hals aufgerissen, und ich fröstele bei der Erinnerung an den nackt klaffenden Rachen.

Nun aber ist es ruhig. Das Baby lächelt im Schlaf. Noch, so scheint es, durchsreichen weder Wölfe noch Feinde den Schlaf eines Säuglings, und ich frage mich, wann jene wohl die Tore zur Nacht durchschreiten, und woher die Tiere stammen, die nach mir schnappen, wenn es Nacht ist und ich bin allein.

Das Scheusal

In durchaus ermüdender Weise spricht die ganze Stadt (zumindest der mir bekannte Teil) gerade über Kita-Plätze und Immobilien. In gewisser Weise ist das nicht weiter überraschend. Schließlich haben gerade alle kleine Kinder, die kleinen Kinder wachsen und werden groß, große Kinder brauchen eigene Zimmer, und außerdem steigen die Mieten so steil an, dass manchen Leuten morgens manchmal ein bisschen schwindelig wird, wenn sie vom Gipfel ihrer monatlichen Miete tief ins Tal auf die vormals lächerlich niedrigen Berliner Mieten herabblicken.

Bisweilen wünsche ich mir, man würde auch in meinem Umfeld wieder über Romane und Bands sprechen, aber dass man mit einer Frau, mit der man gerade eine weitere Kita um die Ecke besichtigt hat, vor der Tür der Kita auch über Kitas und Mieten spricht, versteht sich fast von selbst. Dabei gehen die Meinungen sofort auseinander: Ich fand die Kita okay, ich würde Kind F. sofort da unterbringen, wenn mir jemand einen Platz garantieren würde, was leider keiner tut. Die andere Frau ist da kritischer. Irgendwas war mit dem pädagogischen Konzept nicht richtig. Außerdem lernen die Kinder hier kein Englisch.

Ich unterdrücke ein nachsichtiges Lächeln. Welchen außerordentlichen Wert andere Leute der Beherrschung von Fremdsprachen bei Kindern beimessen, hat sich mir nämlich nach wie vor nicht erschlossen. Sollen die den alle Simultandolmetscher werden? Noch mein Großvater hielt die Fremdsprachenbeherrschung (und er sprach einige) für eine Schlüsselqualifikation vor allem für Kellner und Portiers. Macht es denn andere Leute nicht stutzig, dass wir alle, die wir da sind, mit unseren lächerlichen paar Jahren Schulenglisch in Brüssel verhandeln, in London lehren oder von Aachen aus mittels englischsprachiger Aufsätze die Ingenieurswelt rocken, um nur ein paar mir befreundete Beispiele aus meiner Klasse anzuführen, die es wegen Latein und Altgriechisch meist nur auf vier Jahre Englisch von Quarta bis UII gebracht hat? Englisch, das glaube ich bis heute, lernt sich irgendwie nebenher so, zumindest soweit, dass man damit arbeiten kann, aber mit dieser Annahme stehe ich offenbar inzwischen allein.

Um lange Diskussionen zu vermeiden, nicke ich nur, als die andere Frau sich dann über pädagogische Konzepte auslässt. Ich glaube nämlich nicht nur nicht an sprachliche Frühförderung. Ich glaube auch nicht an pädagogische Konzepte. Ich habe zwar wenig Vorstellungen davon, wie aus kleinen, sabbernden Säuglingen erwachsene Leute werden, die appetitlich essen, die Punischen Kriege und die Politik der Amerikanischen Notenbank gleichermaßen sinnvoll erläutern und denen man auch dann noch gern zuhört, wenn sie keine Ahnung haben, was Roland Barthes geschrieben hat, und trotzdem darüber sprechen. Sicher bin ich eigentlich nur über eins: Die Kindergartentanten haben nichts damit zu tun.

Die fremde Frau sieht das alles offenbar anders. Unsympathischer Weise findet sie auch nicht nur die Kindergartentanten wichtig. Auch die anderen Eltern stellen in ihrer Vorstellung eine überaus relevante Größe dar, weil sich Randständigkeit bei anderen Eltern offenbar irgendwie über deren Brut auf das eigene Kind überträgt. Ich bin sprachlos. Ich kenne einige Leute, die die gesellschaftlichen Schichten für sozusagen erblich halten. Leute, die die Zugehörigkeit zu dem, was man einmal die working class nannte, offenbar für ansteckend halten, sind mir ebenfalls suspekt. Vielleicht reagiere ich dermaleinst auch nicht begeistert, wenn Kind F. aus dem Kindergarten schreckliche Wörter und kleine Freunde, die das Messer ablecken, mit nach Hause bringt, aber so viel Statusbewusstsein, wie die andere Frau hier über die Straße trägt, ist mir suspekt.

Ich will das Gespräch beenden. Ich mag die andere Frau nicht. Außerdem bin ich zum Kaffee verabredet. Die andere Frau kommt noch ein Stück mit und wendet sich dann zur Tram. Auf dem Weg kommt sie dann auf das zweite Berliner Lieblingsthema zu sprechen. Die Mieten. Sie, gesteht sie mir in einem Anfall von Vertraulichkeit, wohne ja gar nicht hier. Das – so sagt die Frau unlogischer Weise (schließlich sind die Häuser voll) – könne sich ja keiner leisten. Sie werde nur ihr Kind hier melden, denn das Umfeld sei ihr wichtig, und für einen kurzen, sehr kurzen Moment spiele ich mit dem schnell unterdrückten Gedanken, bei der Kita anzurufen und genau das zu kommunizieren.

(Bei meinem Kaffee trinken ging es dann um – ja, ja: Kita-Plätze. Und Immobilien.)

Joseph und seine Brüder

Vielleicht liegt’s an der dreimonatigen Theaterabstinenz. Aber trotz der fast durchweg abscheulichen Kritiken, die man so liest: Mir hat es gefallen.

Gut, den speziellen Charme von Thomas Manns Tetralogie strahlen die rund drei Stunden“Joseph und seine Brüder“ im DT nicht aus. Das stellt man sich auch schwierig vor: Dieses Oszillieren aller dramatis personae, in der jeder einerseits er selbst in reinster menschlicher Dimension, andererseits aber sein eigener Mythos, also Archetyp wie Individuum gleichermaßen, darstellt und dies gleichzeitig auf unsagbar delikate Weise sowohl weiß als auch nicht weiß, ist kaum zu reproduzieren, und so hat es Dramaturg John von Düffel wohl auch gar nicht versucht. Einen Hauch der – wie soll man es anders sagen – lieblichen Heiterkeit der Geschichte vom hübsch-schönen Joseph und seinen ungeschlachten, ungeliebten Brüdern jedoch vermag die Inszenierung durchaus zu vermitteln, und die vielfach eingesetzten scherenschnitthaften Sequenzen hinter großen Laken wirkten auf mich (aber die bestallte Kritik sah das anders) liebenswürdig und nicht schlichter, als die an sich ja durchaus märchenhaft orientalische Geschichte verträgt.

Natürlich fehlt Einiges, was mir lieb ist. Die Eltern des Potiphar etwa, die ganze Geschichte um dessen Eunuchentum. Ganze Sequenzen, die den Roman umranken, derer er aber für den Fortgang nicht bedarf. Der Tod der Rahel, diese rührend unkitschige Sterbeszene, die wohl schönste, die Thomas Mann schuf, schöner noch als die beiden Kindestode, die des Hanno und die des Nepomuk Schneidewein, schöner auch noch als den Tod Aschenbachs in Venedig. Auch taucht Pharao nur kurz und schemenhaft auf, wo Thomas Mann den Echnaton, diese wohl interessanteste Figur der ägyptischen Geschichte, in einen weiten Bogen stellt. Zuletzt kommt auch Gott, der große Puppenspieler, Vaterbild und -vorbild, durchaus nicht so allwaltend auf, wie es in Thomas Manns Roman durchaus auch dort der Fall ist, wo man gerade nicht von ihm spricht. Die Regiesseurin Zandwijk hat also eine Art atheistischen Joseph auf die Bühen gebracht.

Gut unterhalten habe ich mich gleichwohl gefühlt. Einsam saßen wir, der W. und ich, oben im zweiten Rang, Reihe 1, ganz in der Mitte, und sahen auf die Bühne herab. Kalt war es geworden nach einer ganzen Woche Sommer, und ziemlich zufrieden fuhr ich heim, vorbei an den Bars, vorbei an den Restaurants, durch die sonderbar leere Torstraße unter nächtlich-schwärzlichen Bäumen und wog, einmal daheim, die vier beige-braunen Bände in der offenen Hand, die wohl nicht den wichtigsten deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts darstellen, wie man so sagt, aber, befragte man mich, den schönsten, den lichtesten, den, über den sich am weitesten ein blauer, lächelnder Himmel spannt von uns bis zu denen ganz am Anfang und vor aller Zeit.

Probleme, Probleme (über die man viel zu selten spricht)

„Besonders wichtig …“, hebe ich an, und die schwangere Kollegin nickt mir aufmerksam zu, „ist die Farbe.“

Das Fabrikat ist eigentlich keine große Sache: Du kaufst den Kinderwagen, mit dem die meisten deiner Freundinnen glücklich sind. Soweit ich das überschauen kann, gibt es da derzeit eigentlich nur zwei Fraktionen. Die einen kaufen Hespa, weil die so schön nostalgisch aussehen. Die anderen bugaboo, weil die so praktisch sind. Weitere Feldforschungen sind, meine ich, gar nicht nötig, denn warum von etwas abweichen, was sich offenbar bewährt?

Die Farbwahl wird aber vielfach total unterschätzt. Vergiss nicht (an dieser Stelle sehe ich die Kollegin nachdrücklich an), dass der Wagen ja nicht irgendwo herumsteht. Du wirst mit dem Wagen durch Mitte fahren. Du sitzt neben dem Wagen und trinkst Tee. Der Wagen steht also nicht für sich. Der Wagen muss zu dir passen wie deine Tasche.

Stellen wir uns also vor, du hast einen knallroten bugaboo. Du bist aber eher so der dezente Typ. Also ein hellgraues Strickkleid, Brillantstecker, eine sehr dezente Tasche, sagen wir: Libeskind, Rauhleder. Taupe, und da sitzt du dann, trinkst einen Zitronengrastee auf Eis, und neben dir steht dein bugaboo. Knallrot. Ich sage dir: Du verblasst völlig neben deinem Kinderwagen. Nicht genug, dass deine Mutter oder auch völlig fremde ältere Frauen auf einmal nur noch dein Kind sehen, und du dich schon ganz unsichtbar fühlst. Nun knallt schon dein Wagen mehr als du. Das darf nicht sein.

Auch das schlechthin Unpassende ist zu vermeiden. Bleiben wir bei dem knallroten Wagen. Oder nein: Nehmen wir Orange. Nun frage dich: Was passiert mit dem altrosa Kleid mit den Polkadots zu deinen Mary Janes in pistazie? Geht das? Rein rhetorische Frage: Das geht natürlich nicht. Ganz hart wird es bei gemusterten Wagen. Ich habe gehört, es gibt eine Missoni-Edition von bugaboo. Dass man das nur mit einem sehr speziellen Kleiderschrank machen kann, bedarf keiner Diskussion.

Nun denkt man ja, Schwarz gehe immer. Also so ein Pendant zum schwarzen Top. Oder zum kleinen Schwarzen. Aber ein schwarzer Kinderwagen wirkt doch irgendwie … also ich weiß nicht. Ein schwarzer Kinderwagen signalisiert nicht, du seiest ungewöhnlich stilsicher, sondern sieht eher so aus, als seiest du eine leicht gealterte Gothic-Braut, und in deinem Wagen liege nicht dein abgöttisch geliebtes Kind, sondern der kleine Vampir.

Aber auch dezente Farben können zum Problem werden. Nimm mich: Ich habe einen schokoladenbraunen Wagen mit beigefarbenem Verdeck. Ich kann also eigentlich nur braune Schuhe tragen. Ich habe ohnehin kaum Schuhe, insbesondere kaum flache Schuhe, aber braune, flache Schuhe habe ich besonders wenig, und so habe ich derzeit eigentlich immer dieselben Schuhe an und brauche sehr dringend neue.

Überdies geht mit dieser Kombi jetzt nur noch das seriöse Fach. Perlen und weiße Blusen, Barbourjacken und Taschen in Camel und Braun. Ich will mich nicht beschweren, aber ein klein bißchen einschränkend ist das schon.

Auswege aus diesem Dilemma gibt es eigentlich keine. Zwei Wagen sind zu teuer, außerdem hast du dann garantiert immer das Lieblingsspielzeug in dem anderen. Zwei Verdecke wären ein Anfang, aber ich wäre zum Wechseln zu faul und würde außerdem immer vergessen, welcher Wagen nun mir gehört und regelmäßig an fremden Wagen nesteln. Alle Berliner Mütter haben panische Angst vor Kinderwagendieben, da hätte man sofort die SoKo bugaboo auf dem Hals.

Du musst dich also entscheiden. Es führt kein Weg daran vorbei. Wähle sorgfältig, meine Liebe.

Ich weiß es nicht

Letzte Woche habe ich wieder eine getroffen: Eine meiner Mitschülerinnen mit besserem Abi als ich. Das ist nicht so besonders schwierig, das mit dem besseren Abi, denn ich war eine berüchtigte Katastrophenschülerin, eine Schwänzerkönigin und Langschläferin, und deswegen hat nahezu jeder ein Abi, das besser ist als meins.

Gebracht hat es den anderen Mädchen aber irgendwie nichts.

Ein Teil ist erst einmal eher so seiner inneren Berufung gefolgt. Die haben dann also Romanistik studiert, Psychologie oder evangelische Theologie. Da wurden unglaubliche Mengen an Herzblut in Magisterarbeiten gesteckt und nie über die Frage nachgedacht, was man eigentlich später mal so macht. Ich möchte schwören, Überlegungen wie die, keinen Chef zu haben und wirklich große Räder zu drehen, soviel zu verdienen, dass man eine Villa im Grunewald kaufen kann, oder einen Haufen Leute springen zu lassen, wenn man einmal laut hustet, spielten da keine Rolle, und heute haben die Mädchen von früher meistens ein paar Kinder und einen Halbtagsjob. Natürlich fachfremd. Der ist meistens schlecht bezahlt und in der Hackordnung der Firma, um die es geht, nicht so sonderlich angesehen, was bedeutet, dass man sehr selten machen kann, was man selbst will, und ziemlich oft machen muss, was andere Leute wollen.

Das Orchideenfach allein scheint an dieser Entwicklung allerdings unschuldig zu sein. Mein Gott, der Historiker J.2 reist als Unternehmensberater durch die Lande, der Historiker F. hat sich habilitiert. Der Theologe G. ist nach zwei Jahren als Vorstandsassistent in einem ziemlich großen Laden nun Herr einer ganzen Abteilung von Ingenieuren. Warum die Mädchen sich da einfach nie beworben haben? Ich weiß es nicht.

Ich weiß auch nicht, was mit den Juristinnen und Medizinerinnen los ist. Die hatten doch alle gute Examen. Ein Teil hat dann noch ganz ordentlich promoviert. Ein paar Jahre lang lief auch alles ganz gut. Aber dann traf man sich ein paar Jahre später, und der S. war Junior Partner einer Kanzlei, und die K. war immer noch Fußvolk. Der B. wurde Leiter einer Forschungsgruppe, und die F. forschte immer noch befristet für einen egomanen, alten Prof. Was in der Zwischenzeit schief gelaufen ist? Ich weiß es auch nicht. Ich kann es mir nicht einmal richtig vorstellen. Ich weiß nur das: Ich bin mit diesen Leuten jahrelang zur Schule gegangen. Ich wei0, sie sind ungefähr gleich intelligent und gleich belastbar. Wieso die Männer Karrieren machen und die Frauen nicht? Ich weiß es nicht.

Die meisten der Mädchen aus meiner Klasse haben Kinder. Meistens arbeiten sie vor dem ersten Kind ebenso viel wie die Väter dieser Kinder, und meistens ebenso qualifiziert. Oft verdienen sie etwas weniger, das liegt zum einen an dem üblichen Altersunterschied von drei, vier Jahren, der sich wegen der unterschiedlich langen Berufserfahrung dann oft in unterschiedlich hohen Gehältern niederschlägt. Zum anderen liegt es an der schlechten Bezahlung in vielen Jobs, die Frauen gern machen. Eine Museumspädagogin verdient halt weniger als ein Anwalt.

So arm, dass sie sich eine Aufteilung der Elternzeit partout nicht leisten können, sind die meisten Familien aber nicht. Trotzdem wird die Elternzeit nicht hälftig geteilt. Angeblich gibt es in jedem einzelnen von sehr, sehr vielen Fällen gute Gründe, warum er gerade jetzt nur die beiden Vätermonate nehmen kann. Manchmal gibt es angeblich die Unternehmenskultur nicht her. Oder er ist gerade befördert worden oder will befördert werden und wird, wenn er mehr nimmt, nie wieder befördert. Dann nimmt sie also zwölf Monate (bei jedem Kind), dann wird sie eben nie wieder befördert, und wenn sie befristet gearbeitet hat, läuft ihr Vertrag irgendwann aus. Das war es dann. Der nächste Job ist selten besser. Diese Entwicklung ist absehbar. Warum die Frauen trotzdem nicht auf einer Halbteilung beharen? Ich weiß es nicht.

Ich weiß, dass es viele Ansätze gibt, das Verhalten der Frauen zu erklären. Vielleicht hat es etwas mit gesellschaftlichen Leitbildern zu tun, die man ändern sollte. Oder es beruht auf individuellen Schwerpunktsetzungen, gegen die man wenig sagen kann, weil schließlich jeder selbst wissen muss, was er mit seinem Leben anstellt. Letztlich weiß ich nicht, wieso Frauen entscheiden, wie sie es tun. Was ich aber weiß: Fast alle dieser Entscheidungen von Frauen gegen Macht, Geld und gute Jobs führen zu schlechteren Arbeitsbedingungen, als man sie haben könnte, zu wirtschaftlicher Abhängigkeit von einem Partner und zu weniger Freiheit, eigene Ideen umzusetzen und zu tun, was und wie es einem beliebt. Für mich wäre das nichts. Ob für die anderen? Ich weiß es nicht.

18.04.2012

Es ist mittags. Kind F. liegt auf einer Decke auf dem Boden, ich liege auf dem Sofa. Kind F. erzählt dem Kronleuchter eine lange Geschichte, die irgendetwas mit Milch zu tun hat. Ich lese Aloys Winterlings Biographie Caligulas und versuche mich zu erinnern, was ich vor fast 15 Jahren als Studentin einmal über die Augusteische Verfassung gehört habe. Viel ist nicht mehr da.

Auf ihrem pflaumenfarbenen Kissen sitzt – nein: thront – die Katze und atmet ruhig und gleichmäßig. Träge wie das sommerliche Meer schwappt die Zeit durch mein Wohnzimmer. Ab und zu stehe ich auf und hole mir eine Tasse Tee.

Heute abend soll es Spaghetti aglio e olio geben, überlege ich mir und schaue nach, ob es noch frischen Knoblauch gibt. Meine Mutter, das fällt mir noch ein, könnte ich anrufen. Ich lade Freunde ein und überlege mir, was es zu essen geben soll, und lege mich wieder aufs Sofa. Es ist 14.00 Uhr. Der Tag ist noch lang.

14.04.2012

Ich mag die Party. Ich sitze auf dem Sofa, Kind F. auf meinem Bauch, und esse hintereinander drei Schälchen der besten Gulaschsuppe der Welt und sehr, sehr viele Chips und Erdnußflips und fliegende Untertassen mit Brausepulver drin.

Ich bin ein bisschen erschöpft, weil der J. und ich acht Kilometer durch die Stadt gelaufen sind, zum Teil zum Spaß und zum Teil wegen des Plans, nun endlich abzunehmen. Für diese Woche wird daraus allerdings nichts: Ich habe schon mindestens 2.000 Kalorien verdrückt, seit ich hier angekommen bin.

Mir geht es gut, denke ich und strecke mich ein bisschen aus. Heute abend ganz besonders, aber auch sonst so, ganz generell, und ich lächele den Mond über Friedrichshain an, der breit und gütig zuräcklacht, drei Stunden später auf dem Heimweg.

13.04.2012

Ich stehe vor dem Spiegel und fühle mich schrecklich. Im Spiegel: Eine Skulptur aus Schmalz. „Dicke Frau“ heißt das Ausstellungsstück. Entstehungsjahr: 2012.

Ganz geknickt ziehe ich meine Interimsjeans an und werfe mir ein weites T-Shirt über. Ich verstehe das nicht: Ich müsste abnehmen. Ich esse doch viel weniger als in meiner gnadelos verfressenen Schwangerschaft. Ich stille, da verbraucht man doch auch Kalorien. Ich nehme aber nicht ab.

Bis zu drei Kilo pro Monat würde man mehr oder weniger von selbst abnehmen, habe ich irgendwo läuten hören. Bei mir allerdings scheint das nicht hinzuhauen. Knallhart und unerbittlich klammert sich mein Körper an sein Fett. So, soviel steht fest, kann ich eigentlich nirgendwo hingehen, es sei denn, es wäre mir egal, was andere Leute dann denken.

Irgendein Bekannter hat mir vor Jahren einmal gestanden, dass ihm in Gegenwart dicker Frauen vor lauter Ekel das Essen nicht schmeckt, fällt mir ein, und obwohl mir das Unangemessene dieser Reaktion deutlich vor Augen steht, fühle ich mich augenblicklich schuldig.

Nun, so beschließe ich, werden andere Saiten aufgezogen. Ab jetzt gehe ich jede Woche 50 km spazieren. Ich trinke nur noch Wasser und ungesüßten Tee. Und wenn ich in den nächsten vier Wochen nicht ernsthaft abnehme, dann, ja dann, dann esse ich wochenlan nur noch Gemüse. Gemüse. Und vielleicht ein ganz bißchen Quark.

12.04.2012

Auf dem Rückweg nach Berlin döse ich ein. Unter mir rattern die Schienen, und die Landschaft hinter dem Fenster ist flach und grün und wird selbst durch den Frühling kaum verzaubert. Hier hausen keine Heckenelfen. Hier ist kein Waldgeist zu Hause. Hier werden nur Rüben angebaut, Weizen oder Mais.

Auf meinem Bauch liegt das Kind und schläft, in meiner Cicero steht irgendwie nichts drin, und die Balken im Display meines Telephons sind so klein und schwach, dass sie kein Gespräch tragen würden. Es reicht nicht mal für facebook oder ein paar Mails an Freunde.

Dass Deutschland zum allergrößten Teil aus solchen leeren Räumen besteht, fällt mir ein, halb schon schlafend auf der Fahrt vorbei an ein paar einzelnen Häusern mit Silos und Scheunen und Traktoren auf dem Hof. Dass ich nie verstanden habe, was die Leute hier eigentlich den ganzen Tag machen, wenn es gar nichts gibt, nicht einmal ein lausiges Kino oder ein einziges nettes Café. Dass ich es ganz und gar verstehe, wenn hier weder ein Arzt wohnen will noch ein Lehrer, und dass ich heilfroh bin, dass ich hier nur Passant bin, vorbeigetragen im ICE, auf der Fahrt von einer Stadt zu einer anderen, und ich freue mich auf den Abend mit dem M.2, der mir von seiner Reise durch Indien erzählen wird in einem Restaurant in Mitte.