Das nächste große Ding (2)

„Ein Abenteuerroman ist vielleicht doch ein bißchen albern.“, verkünde ich vorm Chez Maurice und versuche den F. davon abzuhalten, die Weinbergschnecken ganz genau in Augenschein zu nehmen. „Aha.“, sagt der J. nur und widmet sich seinem Sancerre.

„Ich schreibe statt dessen einen Krimi.“, verkünde ich. Also so einen ganz klassische Whodunnit. Zehn Personen in einem abgelegenen Haus. Und dann liegt am Morgen seines 80. Geburtstags der Patriarch auf einmal tot im Bett. Nackt und die Handgelenke mit einem Hermès Tuch gefesselt.

Verdächtig wären eigentlich alle. Die vierte Frau, sehr süß, Tänzerin, 36 oder so, aus Rumänien. Die zwei Exfrauen, die zum Geburtstag erschienen sind. Die ernste Lektorin. Die lebenslustige, verblühte Journalistin, die sehr viel raucht. Alle sechs Kinder, teilweise mit Kindeskindern und Partnern.

Den Patriarchen stelle ich mir ein bißchen vor wie eine Mischung aus Mynheer Peperkorn und Günter Grass. Also einen Großschriftsteller, alle zwei Jahre einen Studienratsbestseller. So aus der Gewichtsklasse, in der der Spiegel und die tagesschau Hauptmeldungen aus neuen Romane machen. Intellektuell mehr so mittel, eitel bis dorthinaus und ganz generell so diese Art linker Lebemann, wie man sie öfters trifft unter den Männern ab 70. Hat natürlich seit den Sechzigern nahezu jeden getroffen, der in der Bundesrepublik schreibt, malt oder regiert und erinnert sich in ein paar Rückblenden amüsant, aber durchaus lückenhaft an alle möglichen Leute. Vielleicht montiere ich ihn in die Gruppe 47 oder so.

Natürlich kommt im Laufe des Romans alles Mögliche raus. Die Kinder zum Beispiel haben alle irgendwelche bizarren Pleiten zu vermelden. Die Frauen hassen einander und den alten Kerl hassen sie auch. Oder sie lieben ihn, das ist fast noch schlimmer. Natürlich müsste ich alle Leute in das ganz reale Deutschland montieren, das würde ein bißchen mühsam, man bekommt es aber hin. Ich hasse die meisten Lebenserinnerungen dieser fetten alten Männer, aber immerhin gibt es genug. Ich habe mir irgendwann mal geschworen, nie Lebenserinnerungen zu lesen, in denen sowohl Willy Brandt als auch Peter Suhrkamp auftauchen, aber was soll man machen.

Auf einen Detektiv habe ich keine Lust. Vielleicht lasse ich eins der Kinder ermitteln. Ganz privatim. Ich denke, ich habe mal Lust auf einen Mann. Ich stelle es mir sehr interessant vor, einmal eine Welt mit den Augen eines Mannes zu betrachten. 35 soll er sein, Musikredakteuer. Oder DJ. Geschieden. Ein Kind. So ein Mann, der nicht gern erwachsen wird mit Hipsterbart und Wollmütze. Die großen Geschwister nehmen ihn alle nicht ernst.

Am Ende weiß der Leser natürlich, wer es war. Aber der Polizei, die erfährt nichts. Dann, letzte Szene, fahren alle wieder in die Welt hinaus. Ein ungewollter Autokorso, und ihre Lebenslügen nehmen sie mit. Ein bißchen banal, aber vermutlich ganz lustig.

Aber vielleicht schreibe ich ja auch ganz was anderes.

Das nächste große Ding (1)

„Weißt du!“, sage ich zum J. am Freitag im femminamorta und schneide eine dicke Scheibe gefüllten Kalmar entzwei, „dass mir die Nora gerade ziemlich fehlt?“

„Schreib‘ ne Fortsetzung.“, rät mir der J. und widmet sich wieder seinen Malfatti. Auf seinem Schoß streckt der F. ebenso sehnsüchtig wie vergeblich beide Hände nach den Teigtaschen aus. Ich schüttele den Kopf. „Nein.“, sage ich. „Mit Nora geht es nicht weiter.“

Ich brauche etwas Neues. Nur was, das ist mir noch unklar.

Dabei kann man ja alles Mögliche machen. Viel Spaß hätte ich beispielsweise an einem Abenteuerroman. So etwas ganz, ganz Eskapistisches. Fernab von Literatur und mit allem, was schon 1890 eigentlich gar nicht mehr ging. Ein schöner Leutnant soll – nur so als Beispiel – seine verschwundene Schwester suchen, die mit einem Mitgiftjäger durchgegangen ist, weil deren Anwesenheit dringend erforderlich ist, damit der Pate der Schwester die ganze Familie vor dem Ruin rettet, oder etwas ähnlich Wahnsinniges. Oder ich lasse einen Mönch seinen betrunkenen Mörder verfluchen, dessen Familie dann – einer nach dem anderen – grässlichen Unglücksfällen zum Opfer fällt, bis der jüngste Sohn sich aufmacht und am Ende einer langen Reise Erlösung findet. Wie genau, überlege ich mir später. Denkbar wäre auch etwas mit Doppelgängern.

Als Schauplatz könnte ich mir einen deutschen Kleinstaat vorstellen. So ungefähr 1820. Das ist eine Welt, die ich ganz kenne. Sie ist pitoresk genug, um eine schöne Kulisse abzugeben, klein genug, um sie einigermaßen vollstädig darzustellen, und ihr Personal ist mir ähnlich genug, um mich halbwegs vernünftig in die dramatis personae hineinzuversetzen. Das würde beispielsweise beim Mittelalter schwierig. Mit dem mittelalterlichen Menschen teile ich nicht genug Grundannahmen über die Welt, damit das ohne alzu große Verrenkungen funktoniert. Hinter die Aufklärung, fürchte ich, komme ich nicht zurück, und eine statische Gesellschaft bietet zudem zuwenig Spannungsmomente.

Auf der anderen Seite sind historische Romane ja so regelmäßig Schrott, das es schwer anzunehmen ist, mir gelänge etwas, das nicht schrecklich missraten und peinlich ist. Ich weiß, e sgibt Ausnahmen. Ransmayr hat einen tollen Roman über Ovid geschrieben. Oder Kehlmann, das ist erst ein paar Jahre her. Aber wer wäre ich, mir so etwas zuzutrauen. Zudem ist der Rechercheaufwand vermutlich ziemlich hoch. Vielleicht wäre deswegen etwas anderes besser.

Zum Beispiel … (Fortsetzung folgt)

So geht es nicht weiter

Am Montag knicke ich ein. Ich habe ein halbes Jahr – genauer gesagt, seit der Geburt des F. – keine Kleidungsstücke gekauft, die mehr als € 30,– kosten, weil sich das ja nicht lohnt für Sachen, die man nur ein paar Wochen trägt. Dauert ja nicht lange. Ist ja nur für ganz kurz, bis ich wieder Größe 38 trage. Heidi Klum hat sechs Wochen nach einer Geburt Unterwäsche vorgeführt, da werde ich ja wohl … ich habe also mit drei Monaten gerechnet.

Nach drei Monaten aber sah ich immer noch aus wie eine Kreuzung aus Buddha und Kröte, zu alledem auch noch angezogen mit diesem superbilligen Zeug. Mit einer Freundin, die auch nicht abnimmt, sitze ich zu diesem Zeitpunkt also im Spreegold und schaue andere Mütter an, die alle irgendwie schlanker sind als ich, und fühle mich schlecht, wertlos und schmutzig. Abends, wenn der F. schläft, google ich ab und zu die After-Baby-Bodys der Stars. Ich fühle mich scheußlich. Ich habe versagt.

Ab und zu erinnere ich mich an eine Frau, die ich irgendwann mal im Wartezimmer meiner Gynäkologin getroffen habe. Die Frau war genauso schwanger wie ich, war aber wirklich zierlich bis auf den kugelrunden Bauch und erzählte mir was von ihrer Low Carb Diät. Damals habe ich über die Frau gelacht. Jetzt lacht vermutlich die andere.

In den USA fühle ich mich nicht besser. Es mag stimmen, dass die Amerikaner oft dicker sind als die Leute hier. Für Californien trift das aber nicht zu. Ich esse also weiterhin mit ebenso schlechtem Gewissen wie in Berlin und hoffe, dass ich einfach so drastisch abnehme. Wie die Waage , als ich wieder ankomme, ist das nicht der Fall. Ich nehme zwar ab. Aber in dem Tempo, in dem mein Körper sein Schwanmgerschaftsfett wieder rausrückt. wiege ich am ersten Geburtstag von F. immer noch mehr als beim positiven Schwangerschaftstest.

Nach wie vor wehre ich mich gegen neue Sachen. Es macht halt auch keinen Spaß, nach Größen zu suchen, von denen man sich wundert, dass es sie überhaupt gibt. Dann aber nähert sich der erste August. Am ersten August gehe ich wieder arbeiten. Da kann ich nicht in meinen schlabberigen Jerseys erscheinen. Ich resigniere also am Montag. Ich gehe ins Lafayette. Ich bin die traurigste Frau Berlins und diejenige, die das Shoppen gerade am meisten hasst. Lieblos reiße ich ein paar Sachen von den Bügeln. Im Spiegel sehe ich eine fette, quallige Person, die sich irgendwie in Armani presst. „Sowas wie dich sollte es gar nicht geben.“, beschimpfe ich mein Spiegelbild und verspreche mir lauter gute Sachen, Massagen und Parfums und teure Kosmetik, sobald ich wieder so viel wiege, wie ich öffentlich zugeben mag, und dann gehe ich mit meiner Tüte nach Hause.

Vergnügt kräht der F. in seinem Wagen die Bäume an und strahlt, weil die Sonne scheint und überhaupt sowieso. „Armes Baby!“, bedaure ich meinen Kleinen für seine fette Mutter. Spätestens in drei Jahren will er vermutlich wegen meines Übergewichts nicht mehr von mir aus der Kita abgeholt werden, verleugnet mich vor seinen Freunden und verlangt ein möglichst dünnes Kindermädchen, das er dann mit dem J. zu verkuppeln versucht.

Daheim verbiete ich mir erst Süßigkeiten, dann Kuchen und schließlich auch Nüsse und was man sonst so nebenher zu essen pflegt. Frühstücken werd eich auch nicht. Kuchenlagen im Büro lasse ich aus. Mittags soll es etwas ganz Leichtes geben, vielleicht eine Suppe oder so, und abends esse ich dann mit dem J. und nehme nie nach. Vielleicht gehe ich zu den Weight Watchers. Vielleicht mache ich wieder mehr Sport.

Aber so geht’s nicht weiter.

Nora ist jetzt ziemlich fertig

„Nützt ja nichts!“, sage ich also letzte Woche zum J. „Besser wird’s nicht.“, scrolle ich ein bißchen durch meinen Roman. 113 Seiten sind es jetzt, also nicht so besonders viel, und neben einigen Episoden, in denen Nora vergeblich einen Mann sucht, der sie mehr amüsiert als der, den sie hat, gibt es noch zwei Kapitel, in denen Nora einmal mit ihrer Familie und einmal mit einem alten Freund über so dies und das mit den Bienchen und den Blümchen konversiert.

Immnerhin, spreche ich mir Mut zu, habe ich endlich eimal einen Text nicht nur angefangen, sondern auch fertiggestellt. Ich mache also Fortschritte. Bis jetzt hat das nie hingehauen. Ich bin nämlich nicht nur ziemlich faul, sondern auch ziemlich unsicher, ob das, was ich schreibe, Hand und Fuß hat oder schlicht unter lächerlich vertane Zeit fällt. Bisher habe ich deswegen jedesmal, wenn mir jemand mitgeteilt hat, ich schriebe gerade haltlosen Blödsinn, aufgehört. Diesmal habe ich den Roman deswegen bis zum Ende niemandem gezeigt.

Erst am Samstag packe ich die Datei in eine Mail und schicke Sie Herrn Glam. Der versteht etwas von Literatur und hat ähnliche Vorstellungen von Literatur, Unterhaltung und Kunst wie ich. Dann sitze ich vor dem Rechner, lese noch ein bißchen in den Kapiteln, die mir besonders gut gefallen haben, als ich sie geschrieben habe, und hoffe und bete, dass der Text diesmal besser ist als die Romananfänge aus früheren Jahren, die mir die Freunde, denen ich sie gezeigt habe, verrissen haben. Am Dienstag kommt dann eine Mail von Glam, und es ist kein Verriss. Ich atme auf.

Am Abend lese ich noch einmal etwas unschlüssig im Text herum. Dann schreibe ich eine E-Mail. Eine Agentin soll das Manuskript erhalten, also jemand, der professionell liest und mich nicht kennt. Ich schließe für 30 Sekunden die Augen. Dann klicke ich: Senden. Ab jetzt wird gewartet.

Auszugsschmerzen

„Hoffentlich haut das hin mit dem neuen Bett.“, sage ich also ungefähr vor sechs Wochen und betrachte kritisch mein Kind. Kind F. aalt sich sehr zufrieden in dem kleinen Beistellbettchen direkt neben mir und sagt irgendetwas Undefinierbares, das klingt wie „Aaarp. Aaargh. Örrööö.“ Es hört sich irgendwie nicht nach Zustimmung an, fürchte ich. Ich wäre gern mal wieder allein mit dem J., aber der F. scheint den Wunsch nach separaten Schlafstätten nicht zu teilen.

„Hoffentlich haut das hin mit dem Durchschlafen trotz Jet Lag.“, sage ich ungefähr vorgestern, weil der F. trotz Rückkehr nach Berlin nach wie vor im Rhythmus der amerikanischen Westküste zu ziemlich blöden Zeiten munter ist. Nachts etwa schläft er zwar ordnungsgemäß ein, wacht dann aber um 3.22 Uhr auf, muss zu uns ins Bett geholt werden und schlummert erst eine halbe Stunde später wieder ein. „Das nervt.“, sage ich zum J. Der J. sieht das auch so.

„Hoffentlich klappt es heute.“, sage ich gestern zum J. und verpacke den F. sorgfältig in seinen neuen Sommerschlafsack. Dann legt der J. den F. in sein neues, separates Bett. Zwanzig Minuten später schleichen wir uns weg und gehen mit dem Babyphon bewaffnet bei der Bar gegenüber Wein trinken.

Als wir nach Hause kommen, träumt Kind F. selig und lächelt im Schlaf wie eine kleine, fette Putte. „Hoffentlich schläft er heute durch.“, sage ich zum F., und dann schlafe ich selbst. In meinen Träumen wandern lauter dicke Tiere im Gäsnemarsch singend durch eine sehr gelbe Sahara.

Um 4.00 Uhr morgens wache ich auf. Es ist irritierend still. Vorbei am selig schlummernden J. schleiche ich mich zum F. und schaue ins Bett. Mit offenen Augen, aber offenbar ruhig und zufrieden, liegt der F. auf dem Rücken und lächelt mich an. „Magst du trinken?“, frage ich ihn und verabreiche ihm etwas Milch. Drei Minuten später seufzt der F. zufrieden auf, schließt die Augen und schläft ein. Ich bleibe neben seinem Bett stehen und schaue ihn an. F. scheint selig zu schlummern. Ohne Baby im Arm schlurfe ich ins Bett zurück und lausche. Ich höre: Nichts.

Inzwischen bin ich hellwach. Leer klafft neben mir das Beistellbett. Zwischen dem J. und mir befindet sich nichts als Luft. Auf dem Rücken liegend ziehe ich die Beine an und schaukele ein bißchen hin und her. Dann stehe ich noch einmal auf und gehe zum F. Der F. schläft.

„Was ist denn?“, ächzt der J. schlaftrunken, als ich wiederkehre. „Weiß nicht. Ganz komisch ohne Baby.“, sage ich und versuche, wieder zu schlafen. Einen letzten Blick werfe ich auf die Uhr. Es ist 4.35 Uhr.

In drei Stunden, rechne ich mir aus, kann ich aufstehen und F. holen.

Nach Hause

10.000 Meilen über dem Meer döse ich ein. Ich habe etwas an der Bucht liegen gelassen, formt sich ein vager Traum, den die Stewardess mit einem Glas Wasser jäh zerreisst. Was mein Traum auch immer an den Strand von Carmel gelegt hat: Es wird doch bleiben, mondweiß und ungeformt und schimmernd vielleicht für später.

Als die Anschnallzeichen aufleuchten, wache ich ganz auf. Der F. liegt in einem kleinen Bett vor uns, das bei Turbulenzen abgehängt wird. Für 20 Minuten sitzt der F. also auf meinem Schoß und umklammert seine Füße. „Dir hat es überall gefallen.“, flüstere ich ihm lobend ins Ohr. Nur in Las Vegas war der F. verstört und hat weniger gelacht als üblich. „Jetzt geht es nach Hause.“, sage ich ihm und frage mich, ab wann man weiß, dass es ein Zuhause gibt und wo sich das befindet.

Als es wieder ruhig ist, döse ich noch einmal ein. An die Fische in Monterey denke ich, da gibt es ein großes Aquarium, und dass ich 36 Jahre lang nicht wusste, wie schön Quallen sind, wie wunderbar zart und herrlich anzusehen in bunten Farben oder ganz weiß wie allerfeinste, hauchdünne Seide. An die Spaziergänge am Meer denke ich, ans Kaffeetrinken an der Fillmore Street, an den Himmel, der nirgendwo so schön ist wie am Meer.

„Ich freue mich auf Zuhause.“, sage ich dem J., als der wieder erwacht, und male mir die nächsten Tage aus. Ich liebe den Berliner Sommer, plane ich die letzten Tage der Elternzeit, und als wir Amsterdam erreichen, kann ich Berlin kaum noch erwarten: Berlin. Amour.

Gemüsetage

Wissen Sie, ich existiere hier ja eigentlich vor mich hin wie Gemüse. Ich schlafe lange. Dann stille ich den F. und spiele ein bisschen mit ihm, bis er wieder einschläft. Meistens stehe ich dann irgendwann auf und gehe mit dem J. irgendwohin. Der F. hängt dann auf J.s Bauch und schaut sich um.

Heute beispielsweise sind wir nach dem Aufstehen – das war so circa gegen eins – mit dem 38L von der Divisadero zur Market Street gefahren, das ist Downtown zwischen den Hochhäusern der Banken. Heute ist Samstag, deswegen ist da nichts los. Wir sind die Market Street abwärts geschlendert, ich habe photographiert. Dann haben wir ungefähr zwei Stunden lang im Yank Sing gegessen, das ist so ein Dim Sum Lokal, wo ältere chinesische Kellnerinnen auf kleinen Teewagen vorwiegend Teigtaschen, aber auch andere Kleinigkeiten herumfahren. Man sagt der jeweiligen Kellnerin dann, was man haben will, und isst auf diese Weise viel zu viel. Es war aber köstlich.

Wenn wir essen gehen, sitzt der F. immer bei einem von uns auf dem Schoß. Meistens macht er das gutmütig mit. Nur dann, wenn das Essen sehr stark und sehr gut riecht, wird er wütend und versucht, mit den Händen nach dem Essen zu greifen. Zum Glück gelingt ihm das nie.

Nach dem Essen waren wir spazieren. Ich kann gar nicht sagen, wo wir eigentlich lang gelaufen sind. Wir waren im Fery Building, soweit ist die Sache klar. Wir haben Eis gegessen und auf den Pazifik geschaut und den anderen Leuten zgeschaut, wie sie Wochenende machen, und ich habe mir einen Hut gekauft, einen Herrenhut von Dobbs, und dann sind wir wieder nach Hause gefahren, es gab Salat und Sauerteigbrot mit Pastrami und Trüffelkäse. Ich habe gelesen. Ich habe mit dem F. das Klopfspiel gespielt, das darin besteht, dass er auf dem Schoß des J. sitzt, ich ihm gegenüber, und wir beide gleichzeitig mit der flachen Hand auf den Tisch klopfen. Das kann F. noch nicht lange.

Das war eigentlich alles. Wie gesagt: Wie Gemüse.

Am Wasser

Und dann an den Klippen stehen. Tief unter uns rauscht der Pazifik klar und grün, und über den roten Klippen wiegt sich eine Zypresse im Wind. Es ist ganz still hier: Man hört nur die Wellen.

Alles Leben, denke ich, kommt aus dem Meer, und wenn Gott genug von uns hat, schickt er die Fluten, uns zu beenden. Aller Dinge Anfang und Ende ist nass, und so sitzen wir niemals näher am Grund aller Dinge als hier, am Meer. Am Rande des Highway 1, irgendwo zwischen Carmel und L.A.

Nora taugt vielleicht nicht viel

„Was meinen Kritiker eigentlich mit Welthaltigkeit?“, frage ich den J. bei Wonmi in der Fillmore Street und halte den F. so, dass er nicht an mein Essen kommt. „Keine Ahnung.“, sagt der J. Wo ich das denn herhabe?

Aus der Literaturkritik, gebe ich zu und erzähle, dass ich mir gerade erst angehört habe, was die Jury zu den Klagenfurttexten gesagt habt, um zu destillieren, was eigentlich gute, also lesbare, zeitgemäße Literatur ausmacht. Ich sei, erläutere ich außerdem, nämlich eigentlich fertig mit meiner Nora, die nun acht Kapitel lang vergeblich versucht, sich einen Berliner Sommer lang zu amüsieren.

Gemessen an den Kriterien der Literaturkritik befürchte ich allerdings das Schlimmste. Nora macht nämlich keinerlei Persönlichkeitsentwicklung durch, sondern ist 33 und eigentlich soweit mit der Entwicklung fertig. Der Text weist auch nicht über das rein Private hinaus, denn was wäre privater als eine Frau, die durch die Stadt stolpert und von ein paar verunglückten Dates erzählt, und ich führe den Leser auch nicht aus der Komfortzone, wie es das mehrfach als Forderung an aktuelle Literatur gelesen habe. Auch das Große, Ganze findet bei mir schon deswegen nicht statt, weil ich keine Ahnung habe, was das ist.

Es spricht also nicht viel für die Qualität meiner Nora, gestehe ich dem J. ein wenig betrübt. Nora, fürchte ich, ist eine ziemlich triviale Gestalt, und außerdem ist Nora ziemlich kurz. Rund 100 Normseiten, das ist wirklich ziemlich wenig, und für einen echten Roman vielleicht zu kurz.

Gern wüsste ich, ob meine Nora trotz dieser Defizite etwas taugt, sage ich dem J. auf dem Heimweg, und der zuckt die Schultern. Seit er einen Romanbeginn verrissen hat und ich dann nicht weiterschreiben mochte, zeige ich ihm nämlich ziemlich ungern weitere Texte von mir. Es müsste ein Institut für sowas geben, wünsche ich mir eine Instanz herbei, der man Texte vorlegen kann, und die einem dann sagt, ob man Schrott produziert hat, oder ob sich das weiterarbeiten lohnt. „Gibt es vielleicht.“, meint der J., da sind wir schon fast an der Divisadero. Kennen wir nur nicht.

Aber vielleicht kennt sie ja einer der Leser im Blog.

Erfolg

Beruflichen Erfolg finde ich richtig gut. Dafür bin ich dann auch bereit, notfalls auch einmal zu wenig zu schlafen, zumindest zeitweilig wochenlang bis nachts um elf am Schreibtisch zu sitzen und drei Geburtstage hintereinander mit Kollegen statt mit dem J. zu verbringen. Das ist okay, wenn im Gegenzug möglichst große, wilde Tiere durch brennende Reifen springen, wenn ich das will, und außerdem kann ich mit Geld nicht um und brauche deswegen ziemlich viel.

Wie bei den meisten Menschen hat mein Wunsch nach Erfolg und Geld aber eine klare Grenze nach oben. Ein Job muss mich zunächst einmal interessieren. Aber auch ein interessanter Job, der alles, was ich bin und kann, restlos auffräße, wäre mir zuviel. Einen Job, der mir weder Zeit für Freunde, noch Zeit für den J. und den F. ließe, der mir weder den Raum für dieses Blog noch für gutes Essen, Kino, Reisen und die Oper einräumen würde, möchte ich deswegen nicht haben. Man könnte also sagen: Erfolg ist mir so circa 50 – 55 Stunden die Woche wert. Mehr nicht. Für mich gilt also: Der richtige Job ist der mächtigste, angesehenste, interessanteste, bestbezahlte Job, der mit diesem Aufwand zu stemmen ist.

Für Anne Marie Slaughter scheint sogar noch etwas mehr zeitlicher Aufwand „richtig“ gewesen zu sein. Der Job als Chefin des Planungsstabs im amerikanischen Außenministerium ging über das Budget an Zeit, die Slaughter der Erfolg wert war, aber offenbar deutlich hinaus. Als sie das anlässlich von Problemen, die einer ihrer Söhne in der Pubertät hatte, bemerkt hat, hat sie diesen Job verlassen und ist in ihren früheren Job als Professorin in Princeton zurückgekehrt. Nun scheint das Verhältnis wieder zu stimmen.

Mit der Frage, ob Slaughter eine Frau oder ein Mann ist, hat diese Geschichte aus meiner Sicht nun gar nichts zu tun. Die persönliche Obergrenze für den Aufwand, den ein Mensch für beruflichen Erfolg zu betreiben bereit ist, mag bei Männern traditionell etwas höher liegen, weil die meisten Männer noch immer weniger Zeit in Haushalt und Kindererziehung stecken als ihre Frau. Die Bereitschaft, viel zu arbeiten, ist aber auch bei Männern nicht unbegrenzt gegeben, und so wäre ebenso gut ein Mann vorstellbar, der mit dem selben Job eines Tages bemerkt, dass er zu wenig Zeit hat für Dinge, die ihm wichtig sind, und der deswegen kündigt.

Warum Slaughter ihre Kündigung trotzdem auf einen spezifischen Unterschied zwischen Männern und Frauen zurückführt, hat sich mir also nicht ganz erschlossen. Ihre Begründung, warum Frauen ihre Familie existentiell wichtiger sei als Männern (hier auf S. 3), erschöpft sich im rein Anekdotischen. Argumente, die die Allgemeingültigkeit dieser Einzelerfahrungen auf Frauen generell stützen, fehlen.

Bringt man diesen Teil des Aufsatzes also als unlogisch in Abzug, bleibt trotzdem Einiges übrig, was zu lesen sich lohnt. So ist die Forderung, Schul- und Berufsleben sollten zeitlich besser aufeinander abgestimmt werden, sicherlich richtig. Auch der Wunsch, Karrierewege mögen flexibler werden, wird sicherlich zu recht von vielen geteilt. Auch der Hinweis, dass die Epoche der Anwesenheitskultur gerade in den großen Law Firms offenbar mangels Nachfrage gerade zu Ende geht, ist interessant. Ich habe mich schon einige Male gefragt, ob das ein deutsches Phänomen darstellt oder eine weltweite Entwicklung.

Unschön an der ganzen Sache bleibt die Überschrift. Der Bezug auf Frauen, die „nicht alles haben können“, suggeriert gerade denjenigen, die finden, dass Frauen auch nicht alles haben sollten, Bestätigung, und wenn es darum geht, ob ich oder irgendeine andere Frau befördert wird, werden wir noch etwas härter kämpfen müssen, um den mächtigsten, angesehensten, interessantesten, bestbezahlten Job zu bekommen, der zu uns passt, wenn diejenigen, die das entscheiden, glauben, einer Frau sei der Job ja im Grunde gar nicht so wichtig.