Oktober, 8

Seit neulich in der Zeitung stand, dass die Berliner Schulen nicht in der Lage sind, Kindern genauso gut Lesen und Schreiben beizubringen wie woanders, bin ich dann doch ein bißchen besorgt. Nicht, dass ich es auf eine herausragende Schulkarriere des F. anlege. Tatsächlich ist mir seine Abinote komplett egal. Ich möchte aber vermeiden, dass er mit 18 weder weiß, wann die Kreuzzüge stattgefunden haben und warum, und auch nicht recht zu sagen weiß, was Klassik und Romantik unterscheidet. Vielleicht kann man es ungefähr so ausdrücken: Noten sind mir schnurz. Bildung nicht, und ich fürchte, dass das Berliner Schulssystem dieser Bedarfslage weniger entspricht, als ich es möchte.

Auf der anderen Seite will ich auch keine Privatschule, die den Leistungsgedanken mehr betont, als ich es angemessen und elegant finde. Ich denke bis heute, dass Bildung etwas Unangestrengtes haben sollte. Zudem stelle ich mir unter Bildung etwas vor, was sich nicht in Geld und Positionen niederschlagen soll, sondern vielleicht eher so in der Fähigkeit, vernünftig zu kommunizieren, ohne sein Gegenüber – beispielsweise seine Mutter – zu langweilen. Oder in der Oper sofort zu wissen, woran einen das Bühnenbild erinnert, und wieso dieser Bezug nun partout nicht passt. Solcherart, fürchte ich, ist es aber nicht, was man in Berliner Privatschulen erlernt. Die wollen doch entweder Tanztherapeuten oder Investmentbanker erziehen. Es mag sein, dass die etwas besser abgehangenen kirchlichen Institute noch derlei vermitteln, aber dazu müsste der F. erst einmal Christ werden, und für die damit verbundenen Zeremonien sind der J. und ich zu atheistisch und zudem zu faul.

Außer der Sorge um den Bildungsgrad des F. treiben mich gerade eher wenig Sorgen um. Von mir aus mag die Inflation kommen. Ich habe gerade kein Geld. Ich mag die dilletantischen Versuche des Gesetzgebers, das deutsche Gemeinwesen zu organisieren, und noch viel mehr schätze ich den europäischen Gesetzgeber für seine Querschläge, denen ich schon viele amüsante Stunden verdanke. Ich könnte etwas abnehmen, aber nach wie vor schmeckt mir das Essen zu gut, um wirklich weniger zu nehmen, und so liege ich um halb zwölf recht zufrieden im Bett, lese ein paar Seiten im neuen Krausser und bin zufrieden mit der Welt und dem laufenden Jahr: Verweile doch. Du bist so unterhaltsam.

Oktober, 7

„Wir waren doch schon zur Hochzeit zu spät.“, jammere ich und laufe so schnell ich kann. Neben mir schnauft der J. im Anzug. Nur der F. schnauft nicht, aber der wird ja auch gefahren. Hochzufrieden schaut der Kleine uns zu auf unserem eiligen Weg zur Kirche. Atemlos und leicht verschwitzt schleichen wir uns die drei Stufen hoch, schnell durch die Tür und dann in die letzte Reihe. In der ersten Reihe sitzt J.2 mit Familie. Heute wird seine Tochter getauft.

Zum Glück macht der F. keine Anstalten, den Gottesdienst zu stören. Eher werden der J. und ich etwas unruhig, weil wir in den letzten Jahren verlernt haben, noch irgendwo zu sitzen und ohne iPhone zuzuhören. Außerdem ist der Gottedienst nicht so spannend. Ungefähr eine halbe Stunde warte ich auf die eigentliche Taufe, aber dann zieht sich die ganze Angelegenheit noch Stunden um Stunden. Zumindest kommt es mir so vor.

Nach dem Gottesdienst finden wir uns mit der Festgesellschaft zusammen. Fast alle Teilnehmer des Gottesdienstes gehören dazu. Einfach so erscheint hier offenbar niemand, um am Sonntag morgen dem lieben Gott in Friedrichshain zu huldigen. Ich schüttele ziemlich viele Hände, erneuere alte und ganz alte Bekanntschaften, schließe neue, und freue mich, dass es so ungeheuerlich viele Kinder hier gibt, die alle ziemlich nett aussehen, so dass es auch gar nicht auffiele, wenn mein eigenes Kind sich schlecht benähme und etwa schreit. Tut es aber nicht, das eigene Kind.

Auch beim Mittagessen ist der Kleine ruhig. Ich rede nach links und rechts, höre mir Anekdoten über Immobilien, Reisen und Familie an, liefere mein Geschenk ab und esse zu viel, und die ganze Zeit sitzt mein Baby mit weit aufgerissenen Augen auf meinem Schoß und in seinem Wagen. Alte Tanten lassen ihn mit Schmuck spielen, kitzeln ihn, man kneift ihn in die Wange, und der F. gluckst fröhlich und isst große Mengen Brot.

Als wir das Lokal verlassen, schläft der F. auf der Stelle ein. F. ist groggy. „Wieso sind wir eigentlich immer zu spät?“, jammere ich schon wieder, hechte in meine Wohnung, reiße dem F. die Windeln ab und springe schon wieder los. Mit mir springen der J. und der F., letzterer wieder im Wagen.

In der M 4 schreibe ich eine Besänftigungsmail an die I. Aus der S 9 eine weitere, und als wir geschlagene 60 Minuten später im Grunewald am Kaffeetisch sitzen, entschuldige ich noch einmal für diese gigantische Verspätung. Irgendwie scheint sich aber keiner zu wundern. Man kennt mich. Man sagt kein Wort und gibt mir einfach Torte.

Den Rest des Tages verbringe ich bei der I. und dem S. auf dem Sofa. Ich trinke Sekt, rede so über dies und das, gratuliere zu einem neuen Job und einem neuen Haus, spiele mit dem Kind der M. und des M. und esse zu viele Chips. Mein F. kriecht unterdessen mit neuerworbener Mobilität unter ein Sofa. Ich sollte ihm ein Staubtuch unter den Bauch binden, überlege ich und ob es irgendwo im Netz einen Staubtuch-Strampler gibt, und denke darüber nach, ob auch ich meine Wohnung farblich mehr gestalten sollte. Die I. hat – ebenso wie die M. – immer ziemlich gute Einrichtungs- und Dekorationsideen. Ich habe überhaupt kein Ambiente. Nur Möbel.

Irgendwann laufen wir den Weg zurück zur S-Bahn. Schön ist es hier. Rechts und links säumen Villen den Weg. Vielleicht wohne ich hier, wenn ich alt bin, male ich mir aus, und überlege, wann das wohl sein wird, als ich schlafen gehe, irgendwann ziemlich spät.

„Wann sind wir alt?“, frage ich den J., als er ins Bett kommt, irgendwann kurz nach zwölf. „Später.“, beruhigt er mich, und dann schlafen wir alle drei.

Oktober, 6

Lange hat sich der Sommer gehalten. Wie manchmal ein schon mürber, brüchiger Ast noch an einer letzten Faser hängt, schon zu schwer eigentlich für den Baum, täglich etwas tiefer gebeugt vom Gewicht des toten Holzes, lehnte der Sommer spät und träge noch in den Ecken, saß auf den Bierbänken am Schwanenteich, aß Tag für Tag ein letztes Eis, und musste dann doch mit Sack und Pack verschwinden. Letzte Woche war das. Vielleicht am Freitag. Seine Sandkastenschaufeln nahm er mit, seine kurzen Ärmel und nackten Beine, und so ziehe ich los am Samstagmorgen und kaufe ein: Strumpfhosen. Eine Mütze. Strumpfhosen aus Wolle für den F.

Weil ich schon einmal da bin, kaufe ich noch ganz viel anderes Zeug. Ich habe noch nie so viel Geld bei dm gelassen wie in diesem Jahr. Diese ganzen Drogeriefilialen machen vermutlich 90% ihres Umsatzes mit jungen Müttern, mutmaße ich und fühle mich mit einem Blick auf die anderen Kunden bestätigt. So gut wie jeder hat ein Kind dabei. Nur der Kerl dahinten …. der ist bestimmt allein. Doch auch in dessen Korb: Schmelzflocken. Ein Breisauger. Die Sache ist klar.

Später schlafe ich zwei Stunden und lese ein bißchen und spiele ein bißchen mit dem F. Dann schlafe ich weiter. Erst so gegen sieben werde ich wieder wach und koche hastig Brei. Schnell füttern und los. „Wieso sind wie eigentlich wieder im Alt Wien verabredet?“, frage ich den J., der zufrieden und genießerisch schweigt. Wenn es nach dem J. geht, essen wir hier täglich.

Kurz nach uns erscheinen Mek und die K. Heute gibt es Schnitzel, rosé Sekt, danach ungeheuerliche Mengen Mehlspeisen, und wir erzählen und gegenseitig lauter Geschichten, die alle sehr, sehr interessant sind, aber wegen des Sekts habe ich am Ende alles wieder vergessen. Aber schön war’s, das vergesse ich nicht.

Hochzufrieden wirkt auch der F. Er muss pappsatt sein nach seinem Brei und dem halben Brotkorb und ein bißchen Kaiserschmarrn zum Schluss, quietscht aber fröhlich und hochaktiv auf dem Weg nach Hause und streckt seine Hände nach den Bäumen aus. „Den bekommen wir heute nicht so schnell ins Bett.“, vermute ich vor der Tür, und der J. seufzt ein bißchen vor sich hin. Es ist irgendwie so ungefähr elf.

Dann schläft der F. aber doch sofort ein, und ich selbst schlafe nicht allzu viel später.

Oktober, 5

Um 18:30 k0mmt die K. Die K. ist Ende 40, weder besonders hübsch noch besonders klug, wie mir scheint, aber liebevoll und erfahren mit kleinen Kindern, vielfach empfohlen im Freundeskreis, und immer, wenn ich in der Zeitung lese, dass es Leute gibt, die für Kleinkindbetreuerinnen Hochschulabschlüsse fordern, denke ich an die K., die keinen Hochschulabschluss hat, aber etwas besitzt, was man nicht studieren kann: Herzenswärme. Kinderliebe. Und einen nie versiegenden Vorrat an Spielchen, Liedern, Reimen und Geschichten.

Als ich die Tür hinter mir zuziehe, steht die K. im Flur. Auf ihrem Arm lacht der F. Den ganzen Abend wird er nicht weinen, erfahre ich, als wir wieder da sind, und der F. selig schlummernd in seinem Bettchen liegt und träumt.

Der J. und ich laufen die Straße herunter. Wir sind um die Ecke verabredet, im Alt Wien, wo es nach Ansicht des J. die besten Schnitzel der Stadt geben soll. Heute gibt es aber keine Schnitzel, zumindest nicht für den J., heute gibt es Reh für ihn und Rostbraten für mich, eine Frittatensuppe vorab, danach Marillenknödel, und mit uns essen Frau Wortschnittchen samt Gemahl und erzählen von Krakau. Und von der kleinen Stadt. Und ich erzähle vermutlich doch viel mehr vom Baby, als ich das irgendwann mal so vorhatte, bevor es da war, das Kind, und außerdem sprechen wir irgendwann über die kleinen Bühnen, die Konzerthäuser in der Provinz, die Zahnarztgattinnen in ihren Pelzen und die gedeckten Tischchen in der Pause mit Piccolo und Schnittchen.

Ein bißchen Heimweh nach besseren Zeiten weckt dieses Gespräch, bemerke ich erstaunt, obwohl ich die Zahnarztgattinen nie mochte und sie und ihre Freundinnen immer verachtet habe für ihre Borniertheit und ihren eklektischen Geschmack. Dass es trotzdem besser ist, es gibt das alles, weiß ich inzwischen, denn wenn die Zahnarztgattinnen fehlen, reicht es nicht mehr in den kleinen Städten für die Kulturvereine, die Lesungen in der Buchhandlung am Marktplatz und die Haumusik für gute Zwecke. Dann gibt es nur noch die Solarien und das Multiplexkino und die Leute, die man sehen kann, wenn man im Alexa etwas kauft.

Gar nicht so spät brechen wir auf. Ich bin müde. Zwanzig Minuten lese ich noch den Bolaño, den mir Mek zum Geburtstag geschenkt hat, und verliere mich dann in Träumen, die ich mir nur angenehm vorstellen kann.

Oktober, 4

Morgens auf dem Weg zur Arbeit fast in eine Gruppe Schüler hineingefahren, die schwatzend auf der Straße standen und mich unbewegt auf sich zurollen sahen. Ich werfe einen Blick auf das Schild an der Schule, vor der die Dreizehn- oder Vierzehnjährigen warten. Es ist eine Stadtteilschule. So heißen hier die Gesamtschulen. Fühle mich bestätigt. Vor einem altsprachlichen Gymnasium sähe das anders aus, bin ich überzeugt.

Mittagspause entfällt. Hastig esse ich am Schreibtisch, tippe nebenbei zwei SMS, und bevor ich mich umdrehe, muss ich heim. Keine Ahnung, wie Leute in Teilzeit ihre Tage strukturieren, sinniere ich auf dem Weg nach unten und bestelle mir ein Taxi. Es regnet noch immer.

Dem J. ist die Kürbissuppe missraten. Ich bin enttäuscht. Der F. spuckt unglaublich viel Milch auf meine Hose. Die Katze wetzt ihre Krallen an meinem Mantel, lässt sich widerwillig wegjagen, lugt schon wieder halb um die Ecke: Da! Da sitzt sie und macht sich, kaum schaue ich weg, schon wieder über meinen Mantel her. Immerhin lacht und brabbelt der F. Der hat’s gut, denke ich mir. Der kann bei schlechter Laune einfach motzen und wenn’s nicht schmeckt, wirft er den Brei halt in der Gegend herum.

Abends muss ich arbeiten und bin noch schlechter gelaunt. Wein ist auch nicht mehr da. Wer was will, muss sich etwas holen, sage ich mir, ziehe mir Stiefel an und laufe los. Côtes du Rhône und Rauchmandeln und noch einmal schnell zur Bank.

Schön ist es, schaue ich auf. Mild noch die Luft. Lautlos sinkt das rotgoldene Laub durch den schwarz-stumpfen Himmel.

Oktober, 3

Weil M. und M. irgendwo in Biesdorf grillen, gehen wir allein zum Frühstück. Warm ist es, nutzlos hängen die Jacken über dem Kinderwagen des F., und vor den Cafés sitzen die Nachbarn noch ganz ohne Decken über den Knien und lesen Zeitung. Schwer schon vor Spätsommer und vom Tod schon ganz benommen taumeln die Wespen über den Tischen.

Im Tous le jours frühstücken wir zwei Stunden lang. Der F. isst ein Gläschen leer, verlangt mehr und bekommt eine halbe Semmel in Stücken. „Schreib doch der I.“, schlägt der J. vor, und dann brechen wir auf.

Quer durch den Prenzlberg laufen wir durch die Sonne. Am Kollwitzplatz vorbei, wo Leute noch Buffets essen, die ich für Touristen halte, aber man weiß ja nie. Früher haben wir immer Buffet gefrühstückt, erinnere ich den J., und dann zählen wir uns die Lieblingsbuffets auf aus den letzten zehn Jahren. Anastasia, sagt der J. Nolas, sage ich. Pappa e Ciccia sagen wir beide. Früher konnten wir mehr essen als heute, stellen wir fest, und dann laufen wir die Schönhauser herab.

Bei Zeit für Brot isst der J. eine Zimtschnecke. Das geht gerade, weil der F. nämlich schläft, und dann laufen wir so quer durch Mitte, vorbei am scheußlichen Dos Palillos, dann durch die Gipsstraße, so quer durch die Augusstraße und dann bis zum Pauly Saal. Hier waren wir noch nicht, bedauern wir, also mal abgesehen von einem Drink im Winter mit dem F. in der Manduca nach einer Vernissage.

So Höhe Weinbergspark antwortet dann die I. und wird in der Rykestraße getroffen. Ihr Kind schläft im Buggy. Vor Albrecht sitzen wir schließlich, es gibt Törtchen und Rhabarbersaftschorle, auch der R. ist eingetroffen und noch ein Paar mit zwei Kindern, und überglänzt von Sonne, umhüllt vom Air der letzten schönen Tage reden wir so dies und das, vom Urlaub vielleicht, von irgendwelchen Käufen, von unseren Eltern, von Kitas, und, ja, von Weihnachten reden wir auch.

Zu Hause gibt es irgendwann Gulasch. Ich koche nie weniger als drei Kilo Rindfleisch und friere dann ein. Zuzubereiten gibt es also eigentlich nichts. Im Bett liege ich deswegen, neben mir liegt der F. und spielt mit seiner Giraffe, und ich lese Bolaño.

Draußen ist es schon dunkel.

Menschenfeindschaft auf Reisen

Menschen, die mich oberflächlich kennen, halten mich manchmal für freundlich und gesellig. Menschen, die mich etwas besser kennen, wissen: Das ist alles Fassade. In Wirklichkeit bin ich misanthrop. Das merkt man mal mehr und mal weniger. Wenn es um Urlaub geht: Eher mehr.

Dass ich keine Animation mag und keine Musik am Strand gehört da noch eher zu den unauffälligen Zügen meiner Menschenfeindlichkeit. Das geht den meisten Leuten so, die ich kenne. Wie ich im Laufe der Jahre festgestellt habe, gehöre ich aber auch unter gesitteten Menschen zu einer Minderheit, weil ich Urlaubsbekanntschaften grundsätzlich ablehne. Der J. und ich möchten auf Reisen wenig sprechen, es sei denn, miteinander. Unsere gemeinschaftliche Abneigung gegen andere Leute erstreckt sich dabei sowohl auf Einheimische als auch auf andere Touristen.

Am besten schweigt es sich eigentlich in Ferienwohnungen, aber da müsste ich selbst aufräumen. Das mache ich nicht mal zu Hause. Insofern: Hotels. Gern auch einmal landestypisch pittoresk, aber am liebsten ein altes Schloss, ein Grandhotel, so etwas mit respektvoll schweigende Lakaien. Spiegelnde Böden, polierte Möbel, Fünf-Uhr-Tee und Bodenvasen. Schwer fallender Chintz vor den Fenstern.

Nun aber gibt es ein Problem: Ich möchte nicht erleben, wie mein Sohn F. einerseits eine Meissner Porzellanfigur zerstört, andererseits aber selbst beim Robben auf den Marmorböden von einer umgekippten Amphore zerstört wird. Außerdem schreiben manche der schönen, alten Hotels schon auf ihrer Homepage, dass sie Kinder aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnen. Andere machen es sich einfach und räumen einfach keine Kinderermäßigung ein. Ich bin nicht geizig, aber ein vierstelliger Betrag dafür, dass der F. in einem mitgebrachten Bettchen neben unserem Bett schläft: Nein.

Scheiden damit schöne, alte Hotels aus, weil der F. da unerwünscht ist, und kleine, niedliche, moderne Hotels, weil man da mit den Leuten sprechen muss, so bleiben – soll es warm sein und am Meer – eigentlich nur Strandhotels. Also so große. Da gibt es natürlich auch solche und solche, wie der Volksmund so sagt. All inclusive mit dem damit verbundenen schrecklichen Publikum überlebe ich nicht. Leider fallen da ziemlich viele Hotels gleich weg. Andere sind perfekt, aber schwer erträglich. Es stand also eine längere Suche an nach Hotels, die gut aussehen, einen umfassenden Service bieten, Kinder mögen, aber ansonsten keine Konversationsbereitschaft voraussetzen, und – trotz ihrer Kinderfreundlichkeit – alles für eine ruhige, wenn möglich eher kontemplative Atmosphäre tun. Außerdem soll es Berge und Meer, eine Stadt und Ausgrabungen und nicht zuletzt fabelhaftes Essen geben.

Ich habe gesucht. Die Suche hat sich als schwierig erwiesen. Ich habe trotzdem gebucht. Ich bin gespannt, aber skeptisch.

Ich werde berichten.

Weg, aber

In die Türkei wollen wir nicht, beschließen der J. und ich und starren schockiert auf die Bilder riesengroßer Hotels mit 4 Buffets, 12 Wasserrutschen, 20 Tennisplätzen und 600 Zimmern, die man im Internet sehen kann: Es sieht scheußlich aus. Und laut. Und nach schrecklichen Leuten. Da will ich nicht hin.

„Eilat!“, schlage ich vor, aber der J. will mit dem F. in kein Land fliegen, das möglicherweise morgen dem Iran den Krieg erklärt, denn dieser ist sehr, sehr gefährlich, und vielleicht haben die ja doch schon die Bombe, von der alle sprechen, und wir sehen alt aus. Beziehungsweise tot. „Ach, was!“, beschwichtige ich den J., aber der bleibt fest. Israel scheide aus. Moslemische Länder, in denen gerade Massen von Leuten auf die Straße gehen, weil sie nicht kapieren, dass der liebe Gott sich nicht für Blasphemie interessiert, suchen wir gleichfalls nicht auf. Außerdem nerven mich Leute, die mir laut und aufdringlich Dinge verkaufen wollen, die ich nicht will.

Asien wäre gut, aber leider haben wir nur eine Woche. In dieser Woche dann zwei Tage komplett im Flugzeug zu sitzen, ist eigentlich blöd. Für vier Tage Ko Chang oder so lohnt sich das nicht. Außerdem passt der F. nicht mehr ins Flugzeugbettchen, und Lust, lange stillzusitzen hat er vermutlich auch nicht. Der F. ist sehr, sehr brav, aber alles hat seine Grenzen.

Kurzzeitig schauen wir uns Bilder von Sansibar an. Sansibar hört sich gut an und sieht auch gut aus. Vielleicht ein bißchen langweilig, aber nicht zu öde für eine Woche. Dann aber lese ich irgendwo, wie weit Sansibar weg ist, und klicke Sanisbar weg. Das also auch nicht. Also Afrika überhaupt. Entweder zu islamisch oder mit allzu langem Flug verbunden. Außerdem habe ich spießigerweise ein bißchen Angst, der F. könnte krank werden, und der lokale Medizinmann ihn nicht wirksam behandeln. Ich glaube nämlich nicht an traditionelle Medizin.

Am Ende schaue ich mir Bilder von La Gomera oder Gran Canaria an und fühle mich irgendwie langweilig und alt. „Was machen eigentlich die anderen Leute?“, frage ich den J., der gleichfalls mutlos die Schultern zuckt. Wir sind doch nicht die einzigen Leute, die Ende Oktober eine Woche wegfahren wollen, bekräftigen wir uns gegenseitig, dass es da irgendetwas geben muss, was schön sein soll, warm, am Meer, nicht einsam, aber auch nicht voller unangenehmer, hässlicher Leute, und nicht weiter als vier Stunden weg. Gutes Essen wär auch nicht zu verachten.

Mach doch mal was mit Müttern

Das mit der Ernährung, sagt die an sich total nette Mutter, sei ja so schwierig. In einem Buch stehe dies und in dem anderen das. Sie versuche seit Tagen, das Institut für Kinderernährung oder so wegen Tofu und Algen anzurufen, aber der Professor gehe einfach nicht ran.

***

Natürlich erwarte sie nichts von dem Kurs, behauptet die eigentlich auch total nette Mutter und schaut ihren zehn Monate alten Sohn liebevoll an. Sie sei aber so verunsichert, da bringe sie es einfach nicht fertig, nicht hinzugehen. Sie fürchte nämlich in diesem Fall, dass sie ihrem Sohn nicht mehr in Augen schauen könne, wenn am Ende alle anderen Kinder gleich Muttersprachlern englisch parlieren würden, und nur ihr Kind spräche ausschließlich deutsch.

***

Die X. übertreibe es allerdings ein bisschen, sind sich alle beide total netten Mütter auf der Parkbank neben mir einig. So habe jene doch tatsächlich geweint, als ihre Tochter bei dem Babykurs von dem warmen Kartoffelbrei gegessen habe, in den man sie gesetzt habe, damit sie jenen sinnlich erfahre. Die Tochter sollte nämlich bis zum 1. Geburtstag voll gestillt werden. Nun habe sie den Kartoffelbrei aber so gern gegessen, dass die Mutter sich zurückgestoßen fühle. Das sei natürlich ziemlich albern. Die Ängste einer anderen anwesenden Mutter könne man allerdings nachvollziehen. Schließlich war der Kartoffelbrei wirklich gesalzen, der Kinderarzt sei nicht da, und nun habe die Mutter halt Angst.

***

Dass eine ihr vage bekannte Mutter die Bestechungskuchen für die Kitas von ihrer Putzfrau backen lässt, hält die wirklich extrem nette Mutter einer kleinen Tochter ebenfalls ohne Kitaplatzzusage für einen Skandal. Das, so sagt sie zornig, sollte man denen eigentlich mal stecken.

***

Eigentlich bin ich total gern im Büro.

Blaubart und Eisente

Die L. selbst habe ich nie gesehen. Ich stelle sie mir wie ihre Cousine vor, meine alte Freundin, die A.. Also so rein typologisch ungefähr das, was die Hamburger (oder nur Anke Gröner?) eine Eisente nennen, eben eine sehr große, schlanke, blonde, sehr kühle und manchmal etwas grobknochige Frau mit großen Zähnen und weißen Blusen zu Caprihosen. Komplett nur mit Perlen in den Ohren.

Wie viele dieser Hamburger Damen ist auch die L. Richterin. Ich nehme an, dass der Mangel an Temperament diese Frauen zu diesem Job befähigt. Ich zum Beispiel besitze ebenfalls formell die Befähigung zum Richteramt, aber faktisch würde ich vor lauter Sym- und Antipathien nur ganz, ganz großen Käse verzapfen, alle würden verzweifeln, nicht zuletzt ich, und dann … aber ich schweife ab. Die L. ist also Richterin, und anders als ich kann sie das auch wohl ganz gut, denn kürzlich ist sie Vorsitzende geworden, und das ist nicht schlecht in ihrem Alter. Karriere, kann man also sagen, tipptopp.

Ob auch die Ehe dieser Dame in die Tipptopp-Kategorie fällt, darf man möglicherweise bezweifeln, auch wenn bei ihrer Hochzeit das Wetter schön, die Musik dreier Cousins in der Kirche stimmungsvoll, die Predigt von einem alten Freund der Familie rührend und feierlich und das Essen herrlich gewesen sein soll. Man feierte im großen Garten einer Tante. In den Bäumen hingen Lampions, alles war voller Kerzen und Blumen, und selbst Leute, die nicht gern tanzen, wirbelten selbstvergessen-freudig durch den Garten. Es habe nach Beeren gerochen, behauptet die A., nach Pfirsichen und Blüten.

Auch die L. tanzte den ganzen Abend. Sie tanzte mit ihrem Vater und allen ihren Brüdern (das sollen mehrere sein). Sie tanzte mit ihren Onkeln. Sie tanzte mit den Onkeln ihres Mannes, und am meisten tanzte sie natürlich mit ihrem Mann F.. Der ist ebenfalls riesig und blond und ein Anwalt, der irgendwas mit Schiffen und Seefahrt macht.

Zwischen den Tänzen saß die L. auf ihrem prächtig geschmückten Stuhl und sprach mit den Gästen. Die meisten kannte sie natürlich. Aber einige kannte sie auch nicht, die hatte ihr Mann eingeladen, und der war vor seiner Sesshaftigkeit in Hamburg ziemlich viel in der Welt herumgekommen, hatte überall ein paar Freunde aufgesammelt, und die meisten waren zur Hochzeit erschienen.

Irgendwann saß die L. also neben einer Frau, die ihr ganz auffällig ähnelte. Also sehr, sehr. Nun sehen diese Hamburgerinnen ja alle so ein bißchen ähnlich aus. Der Hamburger Genpool ist nämlich nicht so groß. Die Ähnlichkeit dieser Frau mit der L. ging über die normale Ähnlichkeit aller Hamburgerinnen untereinander aber deutlich hinaus. Sie hätten Schwestern sein können oder nicht so ganz perfekte Kopien.

Die fremde Frau erwies sich als sehr nett. Also aus der Perspektive einer Hanseatin. Außerdem erwies auch sie sich als Richterin. Sie war ebenfalls verheiratet. Sie hatte zwei Kinder, und im Laufe des kurzen, aber netten Gesprächs mit der L. kam die Rede auch auf das Ferienhaus der Fremden, irgendwo in Oberitalien. „Das hat mir der F. ja damals überlassen“, sagte die Fremde. Die L. machte große Augen und hielt Ausschau nach ihrem Mann.

„Der F. war ja immer gr0ßzügig.“, lobte die Fremde den Gatten der L. und zwinkerte ihr verschwörerisch zu, und die L. verstand die Welt für ein paar Sekunden ganz und gar nicht mehr. Dann ging ihr alles auf. Und sie fragte. Danach – das hat die A. selbst gesehen – suchte sie ihren Mann und hielt mit ihm dann eine lange, lange Besprechung, bei der sie sich die F. laut ihrer Cousine aber sehr gut gehalten habe, und wenn sie erschüttert gewesen sei, dann hätten selbst sehr nahestehende Personen hiervon nichts bemerkt.

Auf dem Stand des Hochzeitstages verharren die Besprechungne zu diesem Thema nun schon seit Wochen: Der F. behauptet zwar steif und fest, er habe seine Exfrau niemals verschwiegen. Wäre dem so, so argumentiert er nicht ohne innere Logik, hätte er doch niemals jene zu seiner Hochzeit eingeladen. Er habe fest angenommen, die L. sei von vornherein im Bilde gewesen. Die L. jedoch streitet dies ab.

Wie ihre Cousine angesichts dieser schwer vereinbaren Versionen einer für das gedeihliche und vertrauensvolle Zusammenleben alles andere als irrelevanten Geschichte nun mit ihrer noch jungen Ehe umzugehen gedenkt, weiß die A. nicht zu sagen. Ihre Cousine sei keine besonders emotionale Person. Wenn aber nach dieser Geschichte – etwa bei Taufen oder Geburtstagen oder auch einfach so – weitere Exfrauen auftauchen, dann werde die L., da ist die A. sich sicher, ernsthafte, ja tiefgreifende, wenn nicht gar einschneidende Konsequenzen nicht ausschließen, und wenn ihre Cousine sich einmal zu etwas entschieden habe, dann setze sie das auch ganz bestimmt um. Eiskalt, meint die A., und da sei sie sich vollkommen sicher.