Die drei Phasen der Erkältung

Phase 1 – Sibirien

Phase 1 geht unspektakulär los: Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch.

In dem Raum, in dem die Frau sitzt, ist es bullig warm. Auf dem Tisch schwitzt eine Orchidee. Ein Dutzend Akten auf und unter dem Besprechungstisch japst nach Luft. Manche Büroklammern haben Ausreiseanträge nach Grönland gestellt. Die Frau aber friert: Trotz der tropischen Temperaturen trägt sie einen wolligen Shawl. In den Händen hält sie eine dampfende Tasse Pfefferminztee. Aus den grobgestrickten Ärmeln ihrer Jacke ragt ein halber Zentimeter Gänsehaut.

Abends legt sich die Frau in die Wanne und dreht das heiße Wasser auf. Langsam hört sie auf zu zittern. Die Frau ist rot wie ein Hummer, im Badezimmer rinnen dicke Trocken Kondenswasser die Wände herab, aber der Frau ist immer noch ein bißchen kalt. Im Schlafzimmer friert sie erst recht. Das Thermometer zeigt 37,8° C. Heute schläft die Frau in einem Jogginganzug, und nachts steht sie irgendwann auf und holt sich ein Extrapaar Socken.

Phase 2 – Kunstharz

Am nächsten Morgen ist die Frau aus Sibirien wieder zurück. Allerdings machen lange Reisen müde. Die Frau ist schwach und ganz zitterig auf den Beinen. Ihre Haut ist ausgesprochen berührungsempfindlich. Ihr Kreislauf findet heute nur bis zur Höhe der Knöchel statt. „Du willst doch nicht etwa ins Büro?“, hört sie eine dünne, leise Stimme sehr weit weg. Sie dreht sich um. Direkt vor ihr steht der J. und schickt sie wieder ins Bett. Folgsam legt sie sich wieder hin und schläft sofort ein.

Als sie wieder aufwacht, sind sechs Stunden vergangen. Nach wie vor ist die Welt sonderbar geräuschlos. Sie riecht auch nach nichts. Außerdem ist der Kopf der Frau so schwer, wie an anderen Tagen ein ganzes Bein. Das alles ist sehr irritierend für die Frau, die immer noch den Jogginganzug von gestern trägt. Erst nach einem weiteren Schläfchen kommt sie auf die schlichte Wahrheit: Ihr Kopf ist über Nacht ausgegossen worden. Ausgegossen mit Kunstharz.

Phase 3 – Panta Rhei

Am Tag darauf hat es geschneit. Es sieht schön aus draußen. Die Frau will durch den wirbelnden Schnee zur Arbeit gehen, und nur die besorgten Blicke des J. halten sie davon ab. Sie bestellt sie statt dessen ein Taxi.

Im Taxi dann öffnen sich die Quellen des lebensspendenden Nils. Auf den sieben Euro bis ins Büro verbrauche ich zwei eigene Taschentücher und drei Kleenex aus einer Dose, die der Taxifahrer hilfreich reicht, weil er Angst hat, die Ausscheidungen aus der Nase der Frau könnten ihn ansonsten ertränken oder zumindest seine Ledersitze untragbar verunreinigen.

Den ganzen Tag über verbraucht die Frau mehrere Kilo Tissue. Sie trinkt vier Kannen Tee, isst dafür endlich einmal wie ein Spatz (okay: wie ein sehr großer Spatz), und schleppt sich abends müde und schniefend die 20 Minuten zu Fuß nach Hause.

Wenn keiner hinschaut, zieht sie die Nase hoch, um nicht alle zwanzig Minuten ein neues Taschentuchpäckchen aus der Kammer holen zu müssen. Heute nacht wird sie vermutlich das Kopfkissen mit einem Plastikbezug schützen. Ab und zu geht sie ins Bad und schaut in den Spiegel. Sie sieht es ganz deutlich: Rudolph the red-nosed reindeer ist keine Fama.

Heute nacht schläft die Frau vemrutlich wieder allein. Der J. verzieht sich in die hinterletzten Winkel der Wohnung. Der F. wird vermutlich im Laufe der Nacht auf dem Bauch hinter ihm her robben, um ungestört schlafen zu können. Nur die Frau, die Frau selbst liegt mit offenem Mund auf dem Rücken und japst im Shlaf nach Luft, umgeben von einer grünklich schillernden Wolke fröhlich tanzender Viren.

Nach dem Kino

Dann aber endet der Film, und wir drängen erst aus dem Saal und dann nach unten. Voll ist es auf der Schönhauser Allee, denn vor Weihnachten ist die Stadt noch voller als sonst, zum Platzen voll sozusagen, denn sobald der erste Advent naht, versammeln sich auch die Bewohner entlegender Stadtteile, Brandenburger sogar, auch viele, viele Touristen in den Geschäften der Innenstadt, auf ihren Straßen und vor allem auf ihren Weihnachtsmärkten. Da ist es dann ganz, ganz voll.

Der J. und ich trinken noch einen Glögg. Das machen wir jedes Jahr, auch wenn ich den eigentlich gar nicht so gern mag, und dann erzählen wir uns die besten Szenen des Films noch einmal. Die Kaffeeszene, sage ich. Der Nazifilm, sagt der J., und dann fragen wir uns, ob eigentlich auch Leute außerhalb von Berlin den Film mögen. „Nichtstun ist doch auch anderswo eine Lebensform.“, gebe ich zu bedenken. „In Berlin hat Nichtstun aber schon eine sehr spezielle Ausprägung gefunden.“, weiß der J., und dann laufen wir sehr vergnügt heim.

Das alles liegt hinter uns, versichern wir uns, und hören uns ein wenig ungläubig zu, wie wir das sagen. Wir waren sehr lange jung, wissen wir. Selbst als wir schon lange richtig gearbeitet haben, also so richtig mit Verantwortung und richtigem Geld und Sekretärinnen und so, waren wir noch jung oder haben zumindest so gelebt. Diese langen Nächte am Landwehrkanal mit dem Saum von Licht weit im Osten. All der Beton, der fremde Schweiß und die Bässe, die bröckelnden Mauern von Mitte. All die Sonne, das Bier und Grillen schon morgens am Falkplatz und mit uns die Ewigkeit, weil nichts drängte, damals, und nur Wunden schmerzten, die nicht verschwinden, wenn man irgendwas macht.

Das ist alles vorbei, schärfen wir uns ein, und wir lachen. Ein letztes Bier holen wir uns noch auf dem Heimweg, verabschieden die K., die auf dem Sofa schlechte Romane liest und lesen, bis die Augen zufallen, und nehmen im Schlaf nochmal einen schmerzlosen Abschied. Es war schön. Es hat mich meistens gefreut.

Andere Mütter

Andere Mütter sind längst wieder schlank. Sie haben in der Schwangerschaft nämlich vorbildlich gegessen. Viel Vollkorn. Viel Milchprodukte. Einmal die Woche rotes Fleisch, einmal Fisch und ganz, ganz wenig Fett. Und nur Olivenöl und so und keine Butter.

Ab dem Tag der Geburt haben sie Beckenbodengymnastik gemacht und dann ganz konsequent trainiert. Einmal die Woche Yoga, einmal Pilates und einmal machen sie bei diesem Mordprogramm mit, das Lauf, Mama, Lauf heißt und bei dem es um Fitness mit Kinderwagen geht. Sie wiegen jetzt wieder so viel wie vor der Schwangerschaft. Ihr Kind hatten sie auch beim Sport immer dabei. Dieses Kind wurde sechs Monate voll gestillt, wird jetzt teilgestillt und isst ansonsten gesunden Brei, den sie ausschließlich selbst kochen.

Andere Mütter fördern ihre Kinder und fahren mit ihnen zum PEKiP, zum Babyschwimmen und zu Kursen, durch die Kindern überaus musikalisch werden und später genauso gut englisch wie deutsch sprechen. Sie haben eine enge, aber nicht zu enge Beziehung zu ihren Kindern, die nachts seit dem sechsten Monat im eigenen Zimmer schlafen.

Ab und zu treffen die anderen Mütter mich auf der Straße und grinsen mich herausfordernd an.

Ich persönlich wiege heute noch acht Kilo mehr als früher. Ich habe in der Schwangerschaft nämlich fast ausschließlich (und das ist keine literarische Übertreibung) Finger Food gegessen, das bei den unzähligen Besprechungen gereicht wurde, an denen ich teilnehmen musste, weil im Büro gerade besonders viel los war. Abends habe ich immer versucht, bei dem Thai-Imbiss schräg gegenüber noch was zu essen zu kaufen, der um elf dicht macht. Leider habe ich es öfter nicht geschafft als geschafft.

Was fast noch beunruhigender ist als die acht Kilo: Es wird nicht mal tendenziell weniger. Ich esse nämlich einfach zu gern. Und ich mache ungern Sport. Ich wüsste auch nicht wann. Ich arbeite zu viel und ich trinke gern Wein, und wenn ich mal einen Abend etwas weniger esse, dann schlage ich am nächsten Tag wieder über die Stränge. Meinem Sohn geht es im Übrigen nicht anders: Zuerst wurde er teilweise gestillt und teilweise mit Fläschchen ernährt. Jetzt ist er zehn Monate alt und isst ungeheure Mengen von eigentlich allem, was er bekommt. Am liebsten isst er Pfannkuchen. Spaghetti Bolognese ist auch nicht schlecht. Im Ergebnis habe ich das schwerste Kind von allen.

Nachts schläft der Kleine immer noch bei uns. Um ehrlich zu sein, schläft er sogar bei uns im Bett in der Mitte. Der kleine Kerl ist nämlich hochmanipulativ und schläft zur Durchsetzung seines Ziels „dauerhafter Gemeinschaftsschlaf“ nur dann durch, wenn mindestens ein Elternteil in dauerhafter Tuchfühlung bleibt.

An Elternkursen habe ich auch nicht teilgenommen. Und ab Januar geht der F. den ganzen Tag in die Kita. Die anderen Mütter singen in der Zeit, in der mein Kleiner in der Kita sitzt, vermutlich mit ihren Kindern, lesen Bilderbücher vor und treiben Sport, aber ich, tja.

Da werden die anderen Mütter wohl noch etwas grinsen.

Anders

Immerhin liest man jetzt nicht mehr so viel von diesen „Parallelgesellschaften“, die im Sprachgebrauch von Rassisten mit Abitur den Umstand umschreiben, dass Leute, die nach Deutschland einwandern, meistens ein paar Jahre brauchen, bis sie Karnevalsvereinen beitreten und Bausparverträge abschließen. Ich war von diesen Artikeln immer so ein bisschen genervt, denn ich finde das eigentlich ziemlich normal und habe keine Lust, die ganze Zeit davon zu hören, wenn ich Zeitung lese. Bei denjenigen, die von den Parallelgesellschaften sprachen, wirkte die Verschiedenartigkeit von Leuten verschiedener Herkunft nämlich immer ganz und gar nicht normal, denn in der Gedankenwelt dieser Menschen ist Konformität ein ausgesprochen hochgehaltenes Gut.

Nicht so ganz verstanden habe ich zudem, warum diese Menschen Parallelgesellschaften eigentlich nur auf Gruppen von Leuten beziehen, deren Großeltern nicht in den Grenzen Deutschlands von 1937 geboren sind, aber auf der anderen Seite nicht mit der Wimper zucken, wenn sie drei S-Bahnstationen weiter auf Parallelgesellschaften stoßen, bei denen man glatt hintenüberfällt, wenn man mal drüber nachdenkt. Also beispielsweise ich heute in der Schwimmhalle an der S-Bahn Landsberger Allee. Das ist eigentlich nur 15 Minuten Fußmarsch weg, aber – die Berliner werden mir zustimmen – ganz ausgesprochen woanders. Orte, an denen mehr als 50% der Anwesenden tätowiert sind, suche ich an sich nämlich selten auf. Auch Ausrufe wie „Meiki, komm mal zu mich hin!“, stammen eindeutig aus einer Parallelgesellschaft, in der ich nicht Mitglied bin.

Oder neulich im Flugzeug. Ich hatte das Hotel nämlich im Internet gebucht, und dann festgestellt, dass es pauschal nur halb so teuer war wie direkt gebucht oder über HRS oder so. Außerdem war der Flug schon drin. Was ich nicht bedacht hatte: Anscheinend fliegt – außer uns Sparfüchsen eben – kein normaler Mensch heute noch pauschal in Urlaub, und so saßen wir in einer Maschine der Lufthansatochter Condor zwischen lauter Leuten, deren Zugehörigkeit zu einer Parellelgesellschaft auf eine fast schon lächerliche Weise auf der Hand lag. Auch über diese Parallelgellschaft ist mir wenig bekannt. Fest steht allerdings, das man in dieser 20 kg mehr wiegt als woanders und Printmuster auf T-Shirts mag. Männer, die Mitglied dieser Parallelgesellschaft sind, tragen übrigens gern Kleidung mit der Aufschrift Camp David.

Im Hotel sind wir dann auf eine weitere Parallelgesellschaft getroffen. Diesmal absichtlich. Der geschätzte Gefährte ist nämlich mit einem Paar befreundet, dessen männlicher Teil in der Türkei Niederlassungsleiter für eine Waffenfirma geworden ist und dann stilecht mit blonder Frau und Kind im schneeweißen SUV im Hotel vorfuhr. Seine Welt sieht der meinen vermutlich sogar ziemlich ähnlich, zumindest auf den ersten Blick, aber bei genauerer Betrachtung sind die Unterschiede auch nicht kleiner als die zwischen uns und den Leuten, die nach einer Landung im Flugzeug klatschen, oder denen, die so ein ganz und gar handgefilztes Waldorfleben führen: Parallelgesellschaften, wohin man schaut. Meine Mutter etwa. Die Putzfrau. Oder der Typ, der morgens immer um 8.15 vor der Bäckerei Zessin über die Straße schlurft, um um 8.17 in immer demselben Abfalleimer nach Pfandflaschen zu graben.

Ich finde das großartig. Zumindest finde ich das lustig. Bisweilen wünsche ich mir, mehr über diese Existenzen zu erfahren, zum Beispiel aus Blogs. Aber wie diese Leute, die Parallelgesellschaften beklagen, mit dieser unglaublichen Diversität klarkommen: Das wüsste ich schon recht gern. Aber sie werden es mir kaum verraten.

Dahin, mein Freund. Dahin.

Ach, denke ich und streiche mit der Hand über die stumpfe, ehemals glänzend-weiße Oberfläche. Nun ist es wohl hin. Mein kleines, weißes iBook.

So viel Privatgeschichte allein in diesem Gehäuse: 10.252 E-Mails liegen auf dem Rechner, und das sind nur die, die ich behalten habe, weil ich sie gut finde oder wenigstens wichtig. Auf dem ältesten von den vielen Photos stehe ich mit dem J. vor einer Brücke in Venedig und bin unfassbare 26.

Die Bewerbung für mein Promotionsstipendium habe ich damals auf diesem iBook getippt und die Diss auch. Mit diesem iBook habe ich in der StaBi am Potsdamer Platz gesessen und drei Jahre lang ein am Ende dann doch gar nicht so dickes Buch geschrieben, das beendet zu haben ich dann doch ein wenig stolz war, auch wenn es vielleicht nicht ganz das war … aber lassen wir das.

Auch die Bewerbung für den Job, den ich bis heute habe, habe ich auf diesen Tasten getippt. Ich war halbwegs aufgeregt, denn es ist eine spannende Sache, sich den ersten Job zu suchen, aber dann habe ich es gut getroffen und bin immer noch da. In den nächsten Jahren habe ich dann seltener am iBook gesessen, aber abends habe ich die Texte fürs Blog auf dem Sofa geschrieben, und zwei Romane, von denen einer Mist ist, und den anderen will offenbar keiner haben.

Dann aber war das iBook so rein technisch eigentlich nicht mehr ganz state of the art. Vor einem Jahr habe ich deswegen einen iMac gekauft. Der steht nun nebenan in der Bibliothek auf dem Schreibtisch, aber ganz habe ich mich dann doch nicht daran gewöhnt, auch abends noch am Tisch zu sitzen und zu tippen. Lieber liege ich auf dem Sofa, und das geht halt nur mit dem iBook und ansonsten halt nicht.

Alt, aber gut, war mein iBook bis vor zwei Wochen, aber dann, eines Tages und ankündigungslos, ging es einfach zwischendurch mal aus. Gut, geächzt hat mein iBook schon die ganze Zeit. Richtig schön war es auc h nicht mehr: Altersflecken vom Kaffee und irgendwie so kratzige Stellen hatte das iBook, und an manchen Stellen zwischen manchen Tasten ist es eher grau als weiß.

Inzwischen aber geht der Akku gar nicht mehr. Nur noch mit Netzteil läuft das iBook, wenn der Stecker gezogen wird oder auch nur kurz wackelt, geht das iBook aus, und so ist dies wohl der letzte Text mit dem iBook, und dann, wie man einen alten Teddy in eine Schublade legt, lege ich auch das iBook beiseite und wische noch einmal mit der linken Hand über den kleinen, weißen Apfel.

Oktober, 14

„Immerhin ein Kitaplatz.“, rufe ich der I.2 zu, die hinter ihrer Tochter her zur Rutsche läuft. „Super.“, antwortet mir die I.2 ein bisschen atemlos. Dass die Kita nicht nebenan, sondern zwischen so Plattenbauten keine zehn Fahrradminuten entfernt in Mitte steht, findet die I.2 nicht so schlimm.

Der J. dagegen ist ziemlich skeptisch. Der J. hat Vorurteile gegen Plattenbauten und alle, die in Plattenbauten wohnen, und sieht seinen einjährigen Sohn wohl schon umgeben von lauter rassistischen Kleinkindern mit kurzgeschorenen Haaren, deren erster Zwei-Wortsatz vermutlich „Ausländer raus“ lautet. Aussagesätze beschließen die vom J. in der Kita vermuteten Kinder alle am Ende mit „wa“, wie es unter sehr rustikalen Berlinern üblich ist. Wenn die Kinder nicht in der Kita sind, sehen sie fern.

Ich dagegen hoffe auf den Verdrängungseffekt netter, zugezogener Prenzlberger. Die Kita, behaupte ich, wird ganz bestimmt von Kindern aus unserer Nachbarschaft frequentiert. Im Plattenbau in Mitte wohnen doch vermutlich nur noch Rentner.

Im Übrigen – das sage ich auch dem J. – haben wir kaum eine Alternative. Die niedlichen Kleinkitas in der Nachbarschaft wollen ja alle, dass man Elternarbeit leistet, was bei uns nicht hinhaut, weil wir arbeiten, wenn andere mit Kleinkindern tanzen. Außerdem brauche ich eine Kita, die nicht so ewig lange im Sommer schließt. Ich frage mich immer, wie es eigentlich andere Eltern machen, aber wenn ich nachfrage, sind wir offenbar fast das einzige Paar, das aus zwei voll berufstätigen Personen besteht, die auch mal Abendtermine haben und mehr als 40 Stunden arbeiten gehen.

„Wir versuchen’s parallel noch bei den anderen Kitas.“, berichte der I.2, deren Tochter inzwischen die Wackelbrücke gegen andere Kinder verteidigt, und ziehe die Nase ein bisschen kraus. Ich habe mich ziemlich gefreut, als die Kitaleiterin letzte Woche anrief. Inzwischen hat mich der J. mit seinen Bedenken doch ein wenig angesteckt. Angestrengt überlege ich, wie man die Art und Güte der Miteltern und ihrer Kinder am Mittwoch abfragt, wenn wir mit der Kitaleiterin sprechen, und beschließe, die anderen Kinder ganz genau in Augenschein zu nehmen. Vielleicht sieht man ja was. Oder die Kinder sagen Sätze wie „Hammer, wa!“ oder tragen Runen auf dem T-Shirt.

(Abends dann mit der J. lange gut gegessen und geplaudert. Zu wenig geschlafen. Schöner Tag, schöner Abend.)

Oktober, 13

In gewisser Weise finde ich Kochblogs deprimierend. Die Sachen sehen immer so verdammt gut aus. Allein schon der Gedanke, dass die ganz normalen Leute, die diese Blogs haben, die Rezepte, die ich in Kochbüchern und -zeitschriften immer als viel zu aufwändig verwerfe, tatsächlich und wirklich kochen, macht mich irgendwie fertig. Ich fühle mich mit meinen 15 Minuten Rezepten dann immer ein bisschen so wie diese in jeder Hinsicht aus dem Leim gegangenen haltlosen Leute mit Unterhemd und ohne Job, die vom Sofa aus ab und zu in die Küche schlappen, um sich tiefgefrorene Hot Dogs in dee Mikrowelle aufzuwärmen und ihren Kindern ein frisches Glas Hipp aufzumachen.

Tatsächlich würde ich von mir sogar behaupten, Kochen zu können. Es ist auch nicht so, dass ich Fertigessen kaufe, wenn man mal von frischer Pasta absieht. Ich koche aber eigentlich immer dasselbe, also so eine Mischung aus Gerichten, die ich halt kenne, wie Gulasch oder Bouletten oder Kürbissuppe, und ein paar international anmutenden Gerichten, die schnell gehen wie rotes Curry aus Currypaste und Kokosmilch oder irgendwas Pfannengerührtes mit Sojasauce und so. Im Ergebnis schmeckt es, glaube ich, bei mir, aber ich besitze schon die Hälfte der Kochutensilien nicht, die Leute offenbar so haben, und irgendwie wüsste ich auch nicht, wann ich das Essen machen könnte, das man woanders manchmal so sieht.

Ich habe früher eigentlich angenommen, dass das den meisten Leuten so geht. Dagegen spricht aber, dass ja nicht jeder, der richtig gut kocht, auch gleich foodblogt. Möglicherweise verhält es sich andersrum: Die meisten Leute, die überhaupt kochen, also alle, abzüglich derjenigen im Unterhemd, kochen halbwegs modern und originell. Ein paar von denen dokumentieren das auch auch im Netz. Ich allein bin der letzte Saurier. In meiner Höhle gibt es Essen, das aus nicht mehr als drei Zutaten besteht und nie länger als 20 Minuten für die Zubereitung braucht.

(Nun denn: Es gab gestern abend Tofu mit Zucchini und einer Sauce aus Kochujang, Sojasauce, Zucker und dazu Gurken und Reis. Heute brate ich Merguez mit Fladenbrot, Hummus und so Auberginenzeug. Die J. kommt. Dann trinken wir einen auf die Saurier. Mögen sie noch lange leben und kochen.)

Oktober, 11

In diesem Setting sieht sogar ein Gaskamin gut aus, und die zunehmend verschmierte schwarze Tischplatte strahlt eine Art schmutzigen Glamour aus, Mitte, Style, Lässigkeit und sogar ich fühle mich in dieser Umgebung gutaussehend und interessant. Für meine Freundin T. gilt das natürlich erst recht, aber die sieht vermutlich sogar bei IKEA gut aus, und macht bestimmt auch auf einem Spielplatz in Regen und Matsch eine gute Figur. Sie sitzt mir also gegenüber und trinkt absolut makellos ein Glas Rotwein.

Um uns herum sind eigentlich alle Menschen ziemlich schön. Das ist ein wesentlicher Grund, warum es angenehmer ist, in Mitte auszugehen als woanders, also die Schönheit der Menschen in Mitte, aber hier, gerade in diesem Moment, fällt es noch mehr auf als sonst. Auf der Torstraße verkehren die schönsten Menschen Berlins und gehen essen.

Die T. und ich jedenfalls reden inmitten von so viel Schönheit ziemlich viel über Politik. Das interessiert uns beide, also das Handwerk der Politik, das Darum und Dahinter, ein bisschen Klatsch, ein paar „Ach so“-Geschichten, und außerdem regen wir uns über die Berliner Schulpolitik auf wie vermutlich alle Einwohner der Stadt, die Kinder haben, auch. Außerdem sprechen wir von de USA, vom Präsidentenwahlkampf, und sind uns einig, dass Obama zu den attraktivsten Männern der Welt gehört.

Das Essen, was wir dazu essen, ist okay. Meine Aubergine ist eine winzige Spur zu bitter, nur ganz wenig, ein Hauch, als sei jemand einen Moment zu langsam mit einem Topf Bitterkeit vorbeigegangen, und auch die Moules Frites der T. sind nicht ganz perfekt. Mein Gelbschwanztuna ist zart und schmilzt auf der Zunge, aber der Pistazienrand ist ein ganz, ganz wenig zu cremig, zu pralinig. Das Hummus ist zu wenig gesalzen. Gut gegessen haben wir trotzdem, und sitzen sehr zufrieden zwischen all den schönen Menschen und schauen uns die Kleider der Frauen und die Frisuren der Männer an. Inzwischen sind wir bei Indiskretionen über gemeinsame Bekannte angekommen und überreden uns gegenseitig zu immer noch einem Glas Wein.

Es ist fast zwölf, als ich zu Hause ankomme. Der F. schläft tief, seinen Schnuler fest im Mund. Der J. liegt auf dem Sofa. „Ich bin müde.“, sage ich und gähne und strahle mein Spiegelbild im Badezimmer an. Ich bin schöner als sonst, will es mir scheinen, nicht so schön wie die Leute in Mitte, aber schön genug für mich, schön genug für einen schönen Abend, und so gehe ich hochzufrieden zu Bett und lese, tja, ein nicht ganu so schönes Buch, aber das ist auf die Schnelle nicht zu ändern.

Oktober, 10

Das neue Buch vom Haas ist blöd. Wieder und wieder schweife ich ab, lese kurz Nachrichten auf dem iPhone, gähne und zähle die wild herumliegenden Kleidungsstücke auf dem weißen Bord. Ich komme in die Geschichte seines verliebten Halbindianers nicht richtig hinein, und die typographischen Spielereien amüsieren mich nicht.

Unkonzentriert greife ich auf dem Nachtisch nach dem neuen Krausser. Die Kritiken waren unterirdisch, auch mir haben die drei, vier Seiten nicht gefallen, die ich gelesen habe, aber vielleicht gewinnt das Buch ja auf die Dauer. Oder ich lese den neuen Juli Zeh. Das habe ich zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich kann Juli Zeh aber an sich spätestens seit Spieltrieb nicht ausstehen.

„Das macht alles keinen Spaß.“, nörgele ich ein bisschen den J. an, als der mit de Zahnbürste im Mund ins Schlafzimmer kommt. „Dann lies doch …“, sagt er.

(Sagt er natürlich nicht. Sagen Sie etwas. Was kann ich lesen?)

Oktober, 9

Als der Wagen anspringt, starre ich wie gebannt auf den großen, runden Tacho. „Wo ist denn …“, zischt der J., und dann fahren wir los. Es ist ganz einfach. Der Car Sharing-Wagen von Drive Now gleitet wie ein ganz normales Auto die Greifswalder abwärts. Hinterm Rosenthaler Platz halten wir an.

Wir haben nicht reserviert, und eine feste Vorstellung, wo es hingehen soll, haben wir auch nicht. Wir sind nur hier, weil der Babysitter Zeit hat und beim F. weilt, und so laufen wir wie Schulkinder, die hitzefrei haben, durch den Abend: Unverhoffte Freizeit.

Für einen Dienstagabend ist es überall schrecklich voll. Im Mani gibt es keinen Tisch mehr für uns. Im Toca Rouge sieht es auch nicht besser aus. Ins Themroc gehen wir nicht, weil das Tagesmenü nicht so lecker klingt, und so biegen wir schließlich ganz am Ende der Torstraße nach rechts ab und gehen schließlich ins Rutz. Also unten. In der Weinbar, nicht oben im Restaurant.

Zwei Plätze gibt es auch noch. Auf Barhockern sitzen wir direkt am Fenster und schauen den Gästen zu, die teils schon leise schwankend die Treppe herunterwanken und manchmal auch wieder hinaus. Ich esse das regionale Menü, drei Gänge mit Kaninchen als Hauptgang und einer sehr, sehr guten Desservariation, die eine Mini-Apfeltorte, zwei runde karamellisierte Apfelkugeln und eine Nocke Apfelsorbet enthält. Alles ist sehr, sehr gutaussehend und schmeckt göttlich. Leider vergesse ich den Namen des Dessertweines sofort. Es war eine Riesling-Spätlese, und ich hätte gern noch viel mehr davon gehabt.

Sehr gern hätte ich auch dem J. sein Essen weggefressen. Die Vorspeise mit der Blutwurst. Das Hauptgericht mit einem so zarten Tafelspitz, dass es nicht einmal ein Messer dazu gab, und das ungeheuerlich leckere halbflüssige Schokoladentörtchen danach. Leider gibt der J. nichts ab.

Kurz nach elf sind wir wieder daheim, geben dem Taxifahrer zuviel Trinkgeld für seine Brummigkeit und lassen uns daheim erzählen, dass unser Sohn ein wahrer Engel sei. „Schlaf weiter, Baby!“, streichele ich dem Kleinen die Stirn, als ich selbst schlafen gehe, und schmecke dem Essen nach und dem Abend und male mir aus, wie ich dem F. alles zeige, was man so essen kann, wenn er erst größer sein wird und auch etwas davon hat.