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Ein schöner Mann

Der Mandant ihres Mannes sprach fast nur russisch, und seine Frau konnte noch weniger englisch oder deutsch oder irgendeine Sprache, die auch die A. kann, und so verstand sie nicht sehr viel von dem Gespräch, bei dem um die Jagd ging oder um irgendwelche anderen Beschäftigungen, die die A. ohnehin nicht so schätzt.

Der Abend zog sich. Man war noch nicht einmal beim Zwischengang angelangt, und vor lauter Langeweile trank die A. ein Glas nach dem anderen. Champagner mit weißem Pfirsich. Ein elsässischer Muscadet. Ein sehr kräftiger Grauburgunder aus Österreich, und die Weine wurden von Gang zu Gang dunkler und schwerer.

So viel trank die A., dass der Sommelier begann, ihr verschwörerisch zuzuzwinkern, wenn er nachschenkte, und von vornherein ihr Glas etwas mehr zu füllen als die Gläser der anderen: Der Russe und seine Frau tranken kaum, als sei es ihnen wichtig, das Klischee des trinkenden Russen durch persönlichen Einsatz zu widerlegen. Ihr Mann nippte mehr oder weniger nur zur Gesellschaft und nickte mit ernster Miene, während der Russe über ein Investment in Haifa sprach, das sich nicht so entwickelte, wie es beabsichtigt war.

Die A. unterdrückte ein Gähnen und sah sich um. Der Raum war betont nüchtern, nichts von Kronleuchtern und goldenen Tapisserien, hinter einer großen Glasfront wogte ein Wald von bleichem Bambus durch Regen und Nacht, und an den beiden anderen Tischen, an denen Gästen saßen, schien es auch nicht amüsanter zuzugehen als an dem Tisch, an dem sie saß: Von ihr aus gesehen rechts saßen fünf oder sechs Männer im Anzug, aßen beiläufig und viel zu schnell, was man ihnen brachte, und lachten so laut, wie man es in der Öffentlichkeit eigentlich nicht tut, wenn man nicht allein ist. Man sprach englisch mit einem fremdartigen Akzent. Schräg links, ein gutes Stück weiter, saßen drei weitere Männer. Den einen Mann konnte die A. nicht richtig sehen, der Russe saß im Weg. Der zweite war hässlich, plattnasig und grob, aber der dritte Mann war so schön wie ein griechischer Gott: Groß, schlank, mit einem feinen, gesammelten Gesicht wie gemeißelt, vollem, grau melierten Haar und dunklen Augen. Vielleicht war er 45, vielleicht ein wenig älter, schätzt die A. das Alter des Mannes, der viel lächelte und nur gelegentlich sprach. An seiner rechten Hand trug er einen Siegelring mit einem grünem Stein.

Als der schöne Mann aufsah, blickte er die A. direkt an. Die A. sah ihm für einen Moment direkt in die Augen, dann sah sie weg, und als sie ihn wieder ansah, hob der fremde Mann amüsiert sein Glas. Die A. schüttelte lächelnd den Kopf.

„Kennst du den?“, fragte ihr Mann die A., und die A. verneinte. „Ach so.“, wandte ihr Mann sich wieder von ihr ab und sprach auf die Russen ein. Inzwischen ging es um Resorts am Atlantik, in denen investiert werden sollte oder auch nicht. Ab und zu sagte der Russe in seinem schlechten Englisch etwas über das Essen, und die A. nickte. Es gab etwas mit Hirschzunge, blättrig aufgeschnitten, ein Eigelb vom Onsen-Ei und irgendwelches Gemüse.

Als die A. aufsah, sah der schöne Mann sie wieder an. Die A. lächelte, halb in ihr Glas, halb zu dem schönen Fremden. Dann sah sie wieder weg. Alle paar Minuten blinzelte sie dem Russen über die Schulter, und wenn der schöne Mann gerade hinsah, lächelte er von Minute zu Minute hinreißender. Die schon ziemlich betrunkene A. lächelte meistens zurück.

Der Mann der A. und der Russe redeten nun deutlich engagierter aufeinander ein. Die A. trank weiter. Es gab einen Cabernet Sauvignon, einen Schwarzriesling, es gab Ente und irgendetwas mit Stockfisch, und zwischendurch gab es ein salziges Sorbet. Die A. aß, trank und lächelte, und irgendwann stand die A. auf und verschwand. In den Waschräumen stand sie lange, lange vor dem großen Spiegel und sah sich selbst in die Augen wie einer Fremden. Ihr Augen waren groß und grau, verschattet von sehr, sehr langen Wimpern, und die A. mochte, was sie im Spiegel sah.

Viel später erst ging die A. zum Tisch zurück. Langsam schlenderte sie den schmalen Gang entlang, lächelte sich noch einmal in der Fensterscheibe zu, und als der schöne Mann um die Ecke bog, lächelte sie noch immer. Als der schöne Mann stehen blieb, blieb sie auch stehen. „Hey.“, sagte sie, weil der schöne Mann schwieg, und suchte in ihrem Kopf nach den richtigen Worten. „Sie sehen schön aus.“, erschien ihr falsch, und so sagte sie gar nichts.

Als der schöne Mann die Hand ausstreckte, war die A. nicht einmal überrascht. Mit geschlossenen Augen überließ sie sich seinem Griff. Er roch, sagt die A., ebenso gut, wie er aussah, und seine Lippen waren fest und weich.

Bestimmt vier oder fünf Minuten küsste die A. den schönen Mann vor den Toiletten. Dann trat sie einen Schritt zurück. Man würde die A. vermissen, fürchtete sie, wenn sie jetzt nicht kam, und so lächelte sie den schönen Mann noch einmal an, verabschiedete sich dann mit einer gemessenen Neigung des Kopfes, ging zum Tisch mit ihrem Mann und den Russen zurück und sah den schönen Mann nicht mehr an den ganzen restlichen Abend.

Ich bin die Stewardess

Bei P&C war an sich alles noch ganz schön. Gut, berauschend sah das Kostüm schon im HUGO Store nicht aus, ein blaues Kostüm halt, Rock in A-Linie, schmal geschnittene Jacke, eine Hose gab es auch dazu, obenrum ein weißes Shirt. Das Kostüm ist langweilig und unglaublich asexuell, aber ich brauche langweilige Oberbekleidung, in denen man wie ein Mann aussieht, denn das gehört zu meinem Job. Ich also in die Kabine. Hose 36, Jacke 38, und dann aus der Kabine wieder raus. Das Kostüm passt.

„Wie sehe ich aus?“, rief ich über die Kleiderständer hinweg dem J. zu. Dieser wedelte zerstreut Zustimmung, einen Herrensommermantel in der Hand. Hingeschaut haben kann er nicht, denn dann hätte er sicherlich schon bei P&C gesehen, dass das Kostüm und ich miteinander verschmolzen zu dem leise lächerlichen Gesamtbild einer dicklichen Stewardess, die in den schlecht gelüfteten Kurzstreckenflugzeugen privater Luftfahrtunternehmen den spärlichen Passagieren mit leicht verrutschtem Lächeln lauwarme Getränkedosen reicht. Der J. aber sah gerade in just diesem Moment angewidert einem Herrn Lindner beim Telephonieren zu, Generalsekretär einer vom J. aus unterschiedlichen Gründen nicht sehr geschätzten Partei, und so drehte ich mich erst nach rechts und dann nach links, und dann fragte ich eine Angestellte des Hauses.

„Geht das?“, vergewisserte ich mich bei der Verkäuferin, die die Zähne bleckte und nickte. Ich bin mir sicher, in der Rückschau, dieser Frau war klar, was sie tat, in diesem Moment aber schenkte ich ihr Glauben: Ich kaufte das Kostüm, ich nahm die Anzughose dazu, eine Frau kam, die Hosenbeine zu kürzen, und dann fuhr ich heim.

Am Montagmorgen stieg ich in das Kostüm. Ein weißes Top, Perlen, ein dezenter Lippenstift, schwarze Pumps, und aus dem Spiegel in meinem Schlafzimmer lächelte mich eine schwarzhaarige Stewardess an, riss kurz die Augen auf, kniff sie zu, schüttelte den Kopf, lächelte nicht mehr, und schaute dann traurig zu Boden. Zum Umziehen war es zu spät. Ich fuhr ins Gericht.

Den ganzen Tag starrte ich in jeden Spiegel und jede Scheibe. „Wir möchten sie mit unseren Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen.“, probierte ich unterschiedliche Ansagen leise aus. „Darf es noch etwas zu trinken sein?“, hörte sich eindeutig richtiger an als „Mein Mandant bestreitet den Vertragsschluss.“.

Auf dem Heimweg lächelte ein Passant vor dem Pappa e Ciccia mich freundlich an und murmelte irgendetwas, was ich nicht verstand. „Einen Tomatensaft mit Tabasco.“, reimte ich mir das Unverständliche zusammen und ging ein Stück schneller. Vor der Haustür dann traf ich eine Nachbarin. Sie sah mich aufmerksam an. „Hast du den Job gewechselt.“, übersetzte ich mir den Blick, flüchtete ins gnädige Halbdunkel meiner Wohnung und hängte das Kostüm ordentlich über einen Bügel.

Eine übergewichtige Stewardess in Unterwäsche schmierte sich ein Brot und ging schlafen.

Der J. hat schlechte Laune

Im Dos Palillos

„Sei still.“, zische ich den J. an. Der Laden habe einen Designpreis bekommen, und deswegen dürfe hier nicht gemeckert werden. Allerdings gebe ich zu: Auch für mich ist die Küche etwas sehr offen, und die lange Theke, an der die Gäste nebeneinander aufgereiht quasi auf der Weinmeisterstraße sitzen, ist nicht so besonders kommunikativ. Von dem R. und der C. drei Plätze weiter hören wir diesen Abend daher nahezu nichts.

„So ein Käse.“, grantelt der J. von Gang zu Gang. 16 Gänge, jeweils bestehend aus einem oder zwei Bissen, werden serviert, etwas hochtrabender als es unbedingt nötig gewesen wäre, erläutert, und dann kommt binnen Minuten die nächste Schüssel.

Von den kantonesischen Walnüssen über die Wan Tan bis zu den Sommerrollen höre ich den J. neben mir leise ächzen. Dabei schmeckt das Essen gut, nur so besonders originell scheint es mir nicht zu sein, und mich beschleichen leise Zweifel, ob dieses in Barcelona offenbar sehr erfolgreiche Konzept auch in Konkurrenz mit den sehr guten asiatischen Restaurants Berlins bestehen kann: Allein in der unmittelbaren Umgebung des Dos Palillos kann man im Chi Sing sehr, sehr gut vietnamesisch essen, im Toca Rouge modern chinesisch, im Yum Cha Heroes gibt es wirklich ordentliche Dim Sum, und bis zu den Sushi und Nudelsuppen im Kuchi ist es auch nicht weit.

Als das bei 63° C gegarte Ei mit Schnttlauch kommt und mit wichtiger Miene mit einer Dashi-Brühe übergossen wird, schnauft der J. lauter. Ob es ihm um die € 65,– für das Degustationsmenü zuzüglich Getränke leid tut, oder ob es ihm nicht schmeckt, ist nicht auszumachen. Dass angesichts eines aus lauter sehr kleinen Häppchen bestehenden Essens das Auf-Einmal-Verschlingen jedes einzelnen Gangs die richtige Strategie darstellt, bleibt indes einigermaßen fraglich. Die Miene des J. verzerrt sich ins durchaus Bedenkliche.

Der M.2 – der den Laden ausgesucht hat – weist auf den Reichtum der verschiedenen Geschmacksnuancen hin, und der J. murmelt irgendwas von „nachher noch irgendwo was Richtiges essen“. Der Algensalat mit Makrele verstärkt die miese Laune des geschätzten Gefährten. „Ich will zurück ins Paris Moskau.“ knurrt es neben mir. In der Tat: In dem kleinen Fachwerkhaus beim Hauptbahnhof haben wir vor zwei Wochen mit dem R. und der I. – preislich ungefähr vergleichbar – unglaublich gut, wenn auch deutlich zu viel gegessen.

Überhaupt ist es nie ein gutes Zeichen, während des Essens das Essen woanders zu loben. Der J. ergeht sich über einem mit wichtiger Miene servierten Wokgemüse – vermutlich gut hörbar für die Kellnerin – über ein kürzlich verzehrtes Wagyu-Steak und lobt den Saumagenburger im Rutz.

Auch das an sich ganz gute Dessert macht die Sache nicht mehr besser. Der J. ist nun in ein beleidigtes Schweigen verfallen, kippt seinen Pfälzer Riesling mit finsterer Entschlossenheit zur Betäubung, und wirft ab und zu unheilschwangere Blicke in die Küche, in der die fünf oder sechs Köche oder Küchenhelfer nun aufräumen und putzen. Die ungewöhnliche Dauer des Bezahlvorgangs kommentiert der J. dann nur noch durch ein missbilligendes Grunzen.

An der Amano Bar vorbei schiebe ich den J. einmal durch die Odessa Bar und dann nach Hause.

Auf kleiner Flucht

Dass der B. sich gar nichts habe zuschulden lassen kommen, wie er behauptet, ist sicher Ansichtssache, aber zumindest ich glaube diesem an sich ruhigen und angenehmen Herrn, Rechtsanwalt im Berliner Büro einer international operierenden Kanzlei, dass fremde Frauen bei seinen Verfehlungen keine Rolle gespielt haben. Auf den ersten Blick aber, dies müssen auch seine Freunde einräumen, sah es ganz und gar nicht danach aus.

Aufgekommen ist die ganze Sache anlässlich eines Anrufs seiner Frau. Diese wähnte ihn auf einer dienstlich veranlassten Reise nach Duisburg und wunderte sich wegen der behaupteten langwierigen Verhandlungen kaum, dass sie ihn letzten Dienstag so gegen elf Uhr morgens nicht erreichte. Sie rief ihn also einmal an, sie rief zweimal an, und als er dann immer noch nicht abhob, rief sie seine Sekretärin an. Sie habe ihren Schlüssel in der Wohnung vergessen, sei nur kurz einkaufen gegangen und stehe nun mit dem vier Monate alten gemeinsamen Kind vor der verschlossenen Tür. Die Putzfrau sei nicht erreichbar, niemand anders habe einen Schlüssel, und so müsse der B. den seinen einem Expressbotendienst übergeben, denn ansonsten komme sie nicht mehr hinein.

Die Sekretärin wunderte sich. Von Duisburg war ihr nicht nur nichts bekannt. Ihres Erachtens – und dies war zutreffend – hatte der B. sich vielmehr einen Tag Urlaub genommen, und wo er sich aufhielt, war ihr unbekannt. Nicht ohne Skrupel teilte sie diesen Sachverhalt mit. Der Frau des B., frierend im Treppenhaus ihrer Wohnstatt, stockte der Atem. Im Hintergrund des Telefonats brüllte laut und vernehmlich ihr Säugling.

Sie gehe jetzt zu einer Freundin, hinterließ die Frau des B. im Sekretariat, und dann legte sie auf. Sekretärin wie Ehefrau schickten Mail um Mail an den B., riefen vergeblich an und besprachen seine Mailbox, und schließlich meldete sich der Vermisste. Er war nicht in Duisburg. Er war in Potsdam.

Dass Ausreden in einem solchen Fall nicht weiterhelfen würden, lag auf der Hand. Entsprechend versuchte der B. gar nicht abzuleugnen, ein Hotelzimmer gemietet und dort übernachtet zu haben. Dass allerdings die Übernachtung ganz allein stattgefunden habe, glaubt die Frau des B. ihm nach wie vor nicht, und nur diejenigen, die dem B. wirklich wohlwollen, kaufen ihm ab, dass nichts als der Wunsch, sich einmal nach vier Monaten mit dem äußerst geräuschintensiven Kind so richtig auszuschlafen, der einzige Beweggrund dieser Absenz gewesen sei, und selbst von diesen Wohlwollenden haben nur wenige Verständnis für diesen Schritt.

Die Frau des B. weilt vorerst bei ihrer Mutter in Tutzing.

Die kleine Schwester der großen Liebe

Irinas Buch der leichtfertigen Liebe, Tim Krohn

Manchmal sitzt man mit Freunden an einem Tisch irgendwo und spricht über die Liebe wie über eine ernsthafte Krankheit mit mal mehr, mal weniger schwerem Verlauf. Wie ein siamesischer Zwilling hängt an solchen Tagen an der Liebe das Problem, alles erscheint unglaublich problematisch, so schwer wie ein Wackerstein und so dunkel wie Schwarzbrot. Manchmal aber, seltener, wirft die Liebe alles ab, was muffig ist, tanzt in Chiffon und mit losen Locken barfuß über grünen Rasen, und verstrickt alles, was ihr in die Quere kommt, mit leichten Girlanden aus Rosen, grünen Blättern und Duft. In diesen Momenten wird es dann richtig gefährlich.

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Brüsseler Frost

Also … sage ich und schiebe mir einen Scheibe Aubergine auf die Gabel: Es war wahnsinnig kalt. Schön war es, keine Frage, aber gefroren habe ich wie der sprichwörtliche Schneider, und zwar ein nackter Schneider, und, um den in Brüssel herrschenden Grad der Kälte mit den unvollkommenen Mitteln der Sprache anzudeuten: Wie ein nackter Schneider in Sibirien.

Kalt war es schon im Flugzeug. Die J. und ich also Freitag um 7.05 ab Berlin nach Brüssel, zweite Reihe, natürlich komplett und bodenlos unausgeschlafen, wegen mehr oder weniger aus dem Büro nach Schönefeld. Mag sein, dass auch die Müdigkeit dem Frösteln Vorschub geleistet hat, aber ich habe schon unterwegs gefroren, als hätte ich nicht ein schwarzes Wolloberteil von Kookai an, sondern maximal einen Bikini.

In Brüssel dann weitergefroren. Durch den Flughafen durch, in den Bus, weiter Richtung Innenstadt, und dann an der Place Sablon erst mal gefrühstückt. Die C. noch im Büro, die J. und ich also zu zweit gefroren und hastig, wie man das halt so macht, wenn man elend friert, zunehmend blau durch die Brüsseler Innenstadt. Ich kannte Brüssel bisher quasi nur als Verwaltungssitz, also hin, Taxi, zur KOM, dann zurück und wieder ab nach Tegel. Diesmal dagegen: Sightseeing.

Mittags die C. getroffen und mit ihrem Schlüssel zu ihrer Wohnung. Ein Eispalast, Betonung: Palast. Wunderschön, üppiger Stuck, Stuckatur vom Boden an ein halber Meter, hohe Kamine, Riesenfenster. Die aber einfachverglast, und entsprechend alles sehr, sehr kalt. Die C. scheint wenig daheim zu sein und hat dem entsprechend wenig geheizt.

Trotz der Kälte ein bißchen geschlafen. Irgendwann dann komplett blaugefroren raus, an der Place Bruckman Tee getrunken, weitergefroren, bis dann irgendwann die C. auftaucht. Ab dann also Frieren zu dritt.

Ich ab nachmittags in meinen grauen Pullover. Ich habe nur einen Pullover, der wirklich warm ist, ein grauer Zopfstrick mit Rollkragen von Hugo, den ich trage, wenn Minusgrade herrschen, und ich muss trotzdem raus. Der Pullover ist ungefähr (nicht ganz) so sexy wie eine Burkha, ich fühle mich komplett geschlechtslos in dem guten Stück, und entsprechend trage ich den Pullover auch nur, wenn es wirklich, wirklich, wirklich nicht anders geht. Ich fühle mich dann auch nie so sonderlich wohl in dem Pullover, und habe bei solchen Temperaturen dann also die Wahl: Frieren im Pullover und sich fühlen wie die dicke Frau eines Mullah oder sich fühle wie man selbst, aber ab und zu fällt einem ein blaugefrorener Zeh aus den Schuhen.

Nachts dann bis zur Nase unter einer dicken Decke. Samstags dann weitergefroren, etwas besser immerhin, und beim Spazierengehen immer so ein wohl ausgewogenes Hin und Her zwischen Geschäften (warm), Straßen (kalt) und Cafés (wieder warm). Viel zu viel gegessen, aber das war klar.

Abends dann Muscheln, relativ viel Wein, drei Bars, bis in der letzten dann der J. zwei Schachteln Pralinen gestohlen worden sind, und diesmal nachts geschlafen wie ein Stein. Heute nur ein ganz bißchen gefroren vor einem Museum, auf dem Rückweg dann von Tim Krohn Irinas Buch der leichtfertigen Liebe gelesen und sehr gemocht und schließlich mit dem Taxi vorm Pappa e Ciccia vorgefahren.

Jetzt nach Hause, sage ich und bohre meine Gabel in das letzte Stück Hirsch. Aufwärmen. Nicht mehr frieren unter zwei Decken mit der Heizung auf mindestens 3. Träumen vom Sommer, ja: Vom Sommer.

Die Kunst der Berührung

Meine Damen, meine Herren, ich ziehe den Hut. Ich verbeuge mich vor Ihnen: Ich wäre gern so wie Sie, die Sie die Kunst beherrschen, unter ganz normalen Leuten normal zu sein und sich dabei prächtig zu amüsieren.

Das sei doch ganz einfach, sehe ich sie erstaunt? Normal sei man quasi von selbst, und wer anders sei, komisch? – Lassen Sie sich gratulieren, klopfen Sie sich mächtig auf die Schulter, denn Normalität ist eine Leistung, und mir ist nie mehr gelungen als ihre mehr oder weniger gelungene Imitation: Dieses Herumgehen und Lächeln, nicht zu lange bei einer Gruppe zu bleiben, Leute mit dem genau richtigen Maß an Vertrautheit zu grüßen und Dinge zu sagen, die nicht so banal sind, dass man mich für dumm, und nicht so originell, dass man mich für überspannt halten wird. Vollends hakt es bei mir aus bei der richtigen Dosis Berührung, und die Kunst des geselligen Körperkontakts, oh verehrtester Leser, bleibt auch in meinem 35. Jahr ein Buch mit mindestens sieben mal sieben Siegeln.

Zunächst die Umarmung. Wer erwartet zu recht, herzlich umarmt zu werden? Wem dagegen schüttelt man einvernehmlich die Hand? Wer dreht einem die Wange wie zu, wie vermeidet man das eigene und fremde geräuschvolle Schmatzen beim Wangenkuss, und wie bemäntelt man wirksam, dass man albernerweise stets etwas zurückschreckt vor der Berührung mit nackter Haut? Ich habe Angst vor fremden Oberarmen, besonders im Sommer, aber diese Phobie teilt der Rest der Welt ganz offensichtlich rein gar nicht.

Überdies kann ich nur eine Sache auf einmal. Denke ich nach, wer die Leute sind, die mich umgeben, ob ich sie kenne (oh, mein Gedächtnis ist schlecht), ob ich sie zumindest kennen müsste, und ob wir uns siezen oder duzen, und woher wir uns eigentlich kennen, ist mein Gegenüber schon weiter, hat mich begrüßt, gefragt, was ich mache, mich aufmunternd getätschelt und flattert zum nächsten Passanten. Verdattert bleibe ich stehen. Komisch, die Frau Modeste, steht es meinem Gegenüber auf die Stirn gechrieben. Komische Person, wird mein Gegenüber nun allen erzählen.

Immerhin erspart bleibt mir meist das Klopfen von Schultern, denn das ist eine männliche Beschäftigung und wird an Frauen nur selten geübt. Ganz besonders die großen, mächtigen Männer aus 100 Kilo reinem, saftigen, gut durchbluteten Fleisch klopfen gern Schultern, boxen sich gegen die Brust und lachen lautstark und kehlig über das, was der andere sagt, als sei irgendetwas davon auch nur annähernd lustig. Erst kürzlich war ich auf einem Fest, 10 bis 15 Männer standen herum, brüllten über nicht erkennbare Witze, tranken Bier, als würde Bier morgen verboten, schlugen die Pranken bei jeder Gelegenheit einander freundlich auf Schultern und Arme und gaben einander stundenlang recht. Worum es ging, habe ich nicht so verfolgt; ich nehme an, um Sport, Politik und Karriere.

Natürlich boxt niemand einer Dame die Brust. Der Unterarm-Streichler dagegen befällt so gut wie ausnahmslos Frauen, sitzt gegenüber, beugt sich weit vor und legt bei besonders bedeutungsvollen Stellen seiner Ansprache die Hand auf den Unterarm der Gesprächspartnerin irgendwo auf dem oberen Ende mehr so gegen Gelenk. Ich gefriere bei solchen Gelegenheiten dann sofort auf der Stelle.

Wie lange die Hand auf dem Unterarm liegt, richtet sich nach einer Kombination von Alter und Distanzlosigkeit des jeweiligen Mannes. Es gibt auch regionale Unterschiede und Städter sind zutraulicher als Herren vom Land. Besonders freche Exemplare lassen die Hand bis zu 30 Sekunden dort liegen und streichen ein bißchen den Ärmel rauf und runter, damit man den Arm nicht wegziehen kann. Ich gehe dann, wenn es möglich ist, weg. Ich habe mich schon mal auf der Toilette eines Tagungszentrums bis zu den Ellenbogen gründlich gewaschen und die ganze Zeit die Tür beobachtet, damit mich keiner dabei sieht.

Ist der Unterarm-Streichler eine vorwiegend professionelle Erscheinung, die einem im Wirtschafts- und Verbandswesen öfter begegnet, ist der An-den-Haaren-Zieher eher privater und bisweilen familiärer Natur. Gegen ihn ist kein Kraut gewachsen. Gern verbindet der An-den-Haaren-Zieher seine frisurzerstörende Tätigkeit mit der Versicherung, er kenne einen schon soooo lange, dass man selbst sich an den Moment der Bekanntschaft gar nicht mehr erinnern könne. Erinnern kann man sich aber ganz genau, dass man ihn schon als Kind nicht so sonderlich schätzte.

Immerhin: Die zwangsküssenden barttragenden Tanten meiner Kindheit hat es dahingerafft in den letzten Jahrzehnten. Die Autofahrten zu dritt auf der Rückbank mit schenkeldrückenden pickligen Buben gehören gleichfalls der fernen Vergangenheit an, und so bleibt mir dies zumindest erspart. Die Gelegenheiten zum geselligen Körperkonakt jedoch bleiben zahlreich, und neidvoll, oh liebe Leserinnen und Leser, beobachte ich bisweilen Sie, die Experten, die fein austariert, genau bemessen am Grad der empfehlenswerten Vertrautheit mit andere Leuten, die Wellen der Welt durchpflügen und mich freundlich begrüßen mit der mitleidigen Geste des Profis gegenüber dem blutigen Laien.

Letzte Runde

Dass es nicht ging, höre ich und nicke und suche vergeblich nach Worten. Dass es sich falsch angefühlt hat, obwohl der Mann wohl das letzte Aufgebot des Lebens war, das sie eigentlich führen wollte: Zwei Kinder, ein Haus in Zehlendorf, ein Hund, ein Sandkasten im Garten und ein Halbtagsjob. Er sei genau gewesen, wonach sie gesucht habe, aber gegangen sei es nicht, und nun sei es vorbei.

Ich löffele meine Suppe mit schlechtem Gewissen. Ich habe vor zwei Jahren wie alle anderen zu dem Kompromiss geraten, der sich nun als untragbar erwiesen hat. Es kam mir vernünftig vor, damals, dass man dann, wenn man bis zu einem bestimmten Alter ein bestimmtes Leben führen möchte, ein paar Kompromisse schließen muss. Dass man dann, wenn nur ein einziger Mann dieses Leben teilen mag, keine großen Ansprüche stellen kann was Verliebtheit angeht, Magnetismus meinethalben, dieses unerklärliche, nicht mit gutem Willen herbeizufälschende Interesse an jeder Faser, jeder Regung, an allem, was den anderen ausmacht.

Dass früher und in anderen Kulturen, irgendwo sonst auf der Welt, Vernunftehen auch nicht schlecht funktionieren, hat so gut wie jeder behauptet. Dass die Verliebtheit sowieso drei, vier Jahre dauert und es dann egal sein wird, ob man sich mal toll fand, glaube ich meistens auch. Dass das Konzept der Liebesehe nicht älter ist als so circa 200 Jahre, und dass die Menschheit ja nicht ausgestorben ist, davor, und vermutlich nicht durchweg unglücklich war in all den früheren Jahren, wird auch sie sich oft genug gesagt haben, aber dann war das Glück doch zu klein und zu grau und zu sehr zum Heulen.

Das werde schon wieder, behaupte ich, um etwas Nettes zu sgen, und tunke ein Nigiri mit Lachs in die Sauce. Die Stadt sei voller Männer, die heiraten wollen, zwei Kinder, ein Haus in Zehlendorf und so, und dass sie beim nächsten Mal vielleicht alles auf einmal haben werde, und auf nichts Elementares verzichten müsse, aber sie schüttelt den Kopf, denn das Glück sei für einige da und für andere nicht, und daran zu rütteln sei müßig.

Ohrmilben, Paradontose

„Okay“, sagt der Tierarzt vor fast vier Wochen. Beide Katzen haben Milben in den Ohren. Die Katze habe deswegen eine Ohrenentzündung und brauche Antibiotika. Der Kater dagegen müsse nur Salbe in die Ohren und dann eine Ohrspülung bekommen, am nächsten Samstag nämlich, dann gehe das sich alles schon wieder aus, und Ohrentropfen müsse ich reichen, gut angewärmt morgens und abends.

In den dem Tierarztbesuch nachfolgenden Tage werde ich von den eigenen Katzen verachtet. Bis Mittwoch spricht man in Katzenkreisen eigentlich gar nicht mit mir, und dann ist man immer noch sehr kurz angebunden und äußerst unwirsch. Ich fühle mich wie ein Hausmädchen, das einer Meißner Tänzerin ein Bein abgebrochen hat, und komme mir schrecklich ungerecht behandelt vor. Tu quoque, felis, schaue ich dem Kater nach und frage mich, wer überhaupt eigentlich nett zu mir ist dieser Tage. Überdies nimmt man mir übel, dass die Futterrationen abgenommen haben, obwohl auch an diesem Umstand nicht ich schuld bin, sondern ganz allein der Tierarzt, der die 7,4 kg pro Katze als eindeutig zuviel gebrandmarkt hat. Demnächst würde ich ernährungsberaten, wird mir angekündigt.

Am nächsten Samstag bin ich nicht da, sondern laufe durch Prag. Der J. stopft an meiner statt die Katzen in eine Box, schleppt die erbärmlich maunzenden Tiere durch den Prenzlauer Berg über die spiegelglatten, buckeligen Wege bis zum Tierarzt, und dann wartet er ab. Die Katzen werden narkotisiert, die Ohren gespült, die toten Milben entfernt, und dann nimmt der J. die Katzen irgendwann wieder mit. Medikamente sollen sie nehmen, alle beide. € 420,– kostet die Ohrenspülung samt Narkose. Weil die Katzen aber nun schon narkotisiert waren, hat der Tierarzt als eine Art Draufgabe beiden Katzen zusätzlich die Zähne gereinigt. Der Kater, so wird der J. informiert, habe zu alledem auch noch Paradontose.

„Alle Tiere stinken aus dem Mund.“, sage ich, als der J. mich über den Zahnschaden informiert und weise Zahnpflegemaßnahmen von mir. So weit kommt es noch, sage ich, dass ich meinen Katzen die Zähne putze. Der J. aber zeigt sich störrisch. Man müsse etwas unternehmen, wird mir beschieden, und am nächsten Samstag kauft der J. eine grüne Flasche VET Aquadent.

Zu Hause schaue ich mir die Flasche an. Sie ist deutlich kleiner als eine Flasche Mundwasser für Menschen, kostet gleichzeitig erheblich mehr (aber darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an), und hinten ist sie beschriftet.

„VET AQUADENT ist eine erfrischende und schmackhafte Lösung mit Chlorhexidin und Xylitol, die von Tierärzten zur Bekämpfung von Mundgeruch beim Tier entwickelt wurde.“, lese ich. „Die beste Wirkung wird erzielt, wenn VET AQUADENT als Teil eines umfassenden Mundhygiene-Programms angewendet wird. Fragen Sie Ihren Tierarzt.“, heißt es weiter, und dass man das Zeug in das Wasser gießen soll, das die Katzen trinken.

Nun ist das Zeug schon einmal da und steht in der Küche. Der J. weilt in Essen. Ich allein hege und pflege die Katzen, spritze Ohrentropfen in die Katerohren, versage, unbeliebter von Tag zu Tag, den Katzen die gewohnt üppigen Portionen, und abends, ja abends, gieße ich ein wenig vom VET AQUADENT in das Katzenwasser und komme mir ein wenig dämlich vor, nicht gerade spätrömisch dekadent, das nun auch nicht, zumal jedermann weiß, dass Dekadenz nur in den Kreisen der Erwerbslosen ein ernsthaftes Problem darstellt, aber irgendwie, nun, Sie wissen schon, ein wenig lächerlich halt, und bisweilen kommt mir es vor, als lachten die Katzen mich von der Fensterbank herab hämisch aus.

Von der Taubheit

Ein bißchen müde, sage ich, aber das ist es nicht allein. Ein wenig betäubt, nicht sehr, nur, als seien die Füße eingeschlafen und lägen nun schwer und formlos unter dem Tisch.

Vielleicht ist es der Winter. Vielleicht ist es die Dunkelheit, vielleicht die Kälte, vielleicht die Ereignislosigkeit, aber vielleicht sterbe ich auch nur ab, vielleicht höre ich gerade auf mit So-Sein und werde anders, und dann wird es besser, schmerzloser, lichter vielleicht an einem anderen Ort unter Schatten.